VIII
Jedesmal, wenn Marja Nikolajewna Lande sah, erfaßte sie eine frische, zärtliche Regung, die ihre Seele wie stilles, klares Morgenlicht erwärmte. Sie mochte erregt sein, sich langweilen, sich nach irgend etwas unklar und gierig sehnen, — im Augenblick, wo sie Lande mit seinen vertrauensvollen, guten Kinderaugen begegnete, wurde sie ruhig.
Dieses Gefühl klarer, heiterer Ruhe bemächtigte sich ihrer besonders stark an einem hellen und warmen Abend, fast einen Monat nach Landes Ankunft, als sie beide zur Stadt hinaus spazieren gingen.
Gleich an die letzten fast zur Erde geneigten Häuser des Außenviertels schlossen sich breite Flächen weißen Streusandes an. Die Sonne ging weit hinten unter; ihre langen Schatten liefen voran, hoben unnatürlich hoch die Füße, alsob sie ihnen, wie unendliche schwarze Pfeile, den Weg weisen müßten. In weiter Ferne, mitten im leeren Feld, saß auf den Hügeln ein Mensch, der sich, hell von der niedrigen Sonne beleuchtet, deutlich von dem blauen Himmel abhob.
„Da sitzt Molotschajew!“ sagte Marja Nikolajewna.
Man konnte sehen, daß sich der Maler über eine kleine Staffelei, die komisch auf den dünnen spitzigen Beinchen stand, beugte.
„Gefällt Ihnen Molotschajew?“ fragte Marja Nikolajewna, und das Gefühl in ihr erwartete gerade jene ruhige, gute Antwort, die, wie ihr schien, nur Lande allein zu geben vermochte.
Lande lächelte.
„Mir gefallen alle ...“ sagte er. „Alle Menschen sind im Grunde genommen gleich, und wer den Menschen im allgemeinen liebt, der liebt auch alle und jeden ...“
„Aber es gibt doch bessere und schlechtere Menschen?“
„Nein, das glaube ich nicht ... Das meint man nur so, wenn man die Menschen nicht nach den guten Gefühlen bewertet, die in jedem enthalten sind, wie er auch sonst sein mag, sondern in seinem Verhältnis zu einzelnen Tatsachen, die man gerade von seinem persönlichen Standpunkt aus für gut hält ... Das ist doch ungerecht ...Man muß von seiner Unfehlbarkeit sehr überzeugt sein, um so zu urteilen! Ja ... jeder Mensch besitzt Liebe, Herzensgüte, Feinfühligkeit, Ehrlichkeit, Selbstaufopferung — alles, woran nur die Menschenseele reich sein kann. Nur die Lebensverhältnisse der Menschen sind ungleich, und daher können sich diese Gefühle nicht in einer Richtung entwickeln ... Niemandem kann es aber ein Vergnügen machen, so einfach, um des Gefühls willen, böse, neidisch, grausam, gierig zu sein ...“
„Mir aber macht es manchmal Vergnügen, grausam zu sein ...“ erwiderte Marja Nikolajewna nachdenklich.
Mit liebevoller Zärtlichkeit sah Lande von der Seite auf ihre schlanke, abgerundete Gestalt und das zarte, durchsichtige Profil, das stets traurig aussah, wie auch in Wirklichkeit der Gesichtsausdruck sein mochte.
„Das wäre doch wirklich ein quälendes Vergnügen ...“ sagte er. „Eine richtige, ruhige Freude an Grausamkeit kann auch der verstockteste Bösewicht nicht haben, wenn er nicht gerade geisteskrank — also — eigentlich kein Mensch mehr ist. Jeder Mensch muß stets etwas lieben, bemitleiden, sich für etwas aufopfern; stets wird er sich einen Gott schaffen, weil Gott in seiner Seele lebt. Und nicht er ist daran schuld, wenndas Leben sein Gefühl nicht auf den richtigen Weg führt ... Das hängt nur von den äußeren Umständen, von der Richtung ab, in der das Leben zufällig fließt. Auch hier ... Molotschajew! — Er liebt leidenschaftlich seine Kunst, die Schönheit; ich weiß, er würde zu jedem Opfer für sie bereit sein. Folglich liegt in ihm die Fähigkeit zu lieben — und eine große Fähigkeit — verborgen. Ein Zufall, ein anderer Antrieb — und seine ungeheure Liebe fließt in eine neue Form, und aus diesem ... von unserem Standpunkt aus scheinbar beschränkten hohen Künstler wird ein Mann der großen Tat, ein Menschenfreund ... alles!“
„Sie glauben an die Menschen!“ sagte leise Marja Nikolajewna.
„Ja, ich glaube!“ antwortete Lande fest.
„Was gibt Ihnen diesen Glauben?“ aus irgend einem Grunde schämte sie sich sofort ihrer Frage.
„Der Glaube an Gott!“ antwortete Lande im gleichen Ton, als ob er nur fortzufahren hätte. „Ich glaube, ich empfinde es, daß der Geist Gottes, den Gott in das Chaos warf, um sich ähnliches zu schaffen, durch den Menschen hindurchgeht, damit er Gottes Wunsch erfülle, hindurchgeht, damit die große Einsamkeit Gottes erleichtert sei ... Ich kann es nicht ausdrücken,aber ich glaube an den Menschen, als den Anfang des Zukünftigen ... Ich glaube!“
Lande verstummte in starker Erregung und lächelte nervös, seine feuchten, glänzenden Augen leuchteten, er knackte die mageren, schwachen Finger durch.
Seine Aufregung teilte sich eigentümlicherweise dem Mädchen mit.
„Aber der Tod?“ fragte sie mit unklarer Beängstigung, schon dadurch ihre eigenen Gedanken beantwortend.
„Fürchten Sie den Tod?“ fragte Lande statt einer Antwort.
„Ich fürchte!“ aber als Marja Nikolajewna ihre gedehnte Stimme vernahm, mußte sie selbst lachen.
Sie hatten sich langsam den dunklen Streifen einer dicken Fichtenschonung genähert; jetzt hallte Marja Nikolajewnas Lachen klingend von dort wieder.
„Nein, Sie fürchten ihn nicht!“ auch Lande lachte freudig. „Und es ist auch nicht möglich, den Tod an sich zu fürchten ... Nichts in der Welt hat Angst vor dem Tode, als der Mensch allein, und auch er fürchtete nicht den Tod, sondern die Ungewißheit. Die Furcht vor dem Tode — das ist die Müdigkeit des schwachen Geistes, der in der ohnmächtigen Anstrengung erschöpftwurde, vorzeitig in das Geheimnis einzudringen. Ich glaube überhaupt nicht, daß es einen Tod gibt!“
Sie kamen in die harzduftende Dämmerung der ersten, grünen Fichtenstämmchen. Zwischen ihnen war es ganz dunkel, als ob es schon Abend wäre. Nadelzweige wiegten sich leise über dem grünen Gras am Wege. Irgend ein Vogel flatterte lautlos von Wurzel zu Wurzel; ein Zweig brach, der Wind strich durch.
„Sie glauben also an ein Leben nach dem Tode?“ fragte Marja Nikolajewna mit kindischer, inkonsequenter Neugierde.
„Ich fühle nur, daß ich nicht spurlos vernichtet werden kann ...“ antwortete Lande, gar nicht erstaunt über ihre Frage. „Was es aber sein wird, das weiß ich nicht. Überlegen und vorstellen kann sich der Mensch nur etwas, das in den Grenzen seines gegenwärtigen Daseins, seiner irdischen Vernunft und Empfindung vorhanden ist. Man kann sich nicht ewiges Leben vorstellen, weil es außerhalb unseres körperlichen Lebens liegt. Unser Körper erfaßt es nicht, er zwingt es zu sich, reduziert es bis auf seine Größe ... Man kann es nur ahnen.“
„Das verstehe ich nicht ...“ erwiderte dasMädchen zaghaft. „Wenn es existierte, so wäre es sonderbar ...“
„Nein, nicht sonderbar. Was sollte daran sonderbar sein, daß Sie nicht imstande sind, sich eine große Ahnung zu erklären, da wir doch selbst Gefühle, die in unserem Körper spielen, noch nicht erklären können ... Was ist denn Liebe? ... Und sie kommt Ihnen gewiß nicht sonderbar vor? ...“
„Liebe? Ja, die Liebe! ...“ Sie wiederholte das Wort leise für sich.
„Ewigkeit und Unendlichkeit, das sind die größten Eigenschaften des Geistes Gottes ...“ sprach Lande verträumt. „Noch so weit ist der Mensch von der Aufnahme dieser letzten Geheimnisse entfernt ... Und wenn einmal ...“
„Wer ist das?“ rief Marja Nikolajewna erschrocken, und blieb stehen.
Zwei Menschen traten hinter den Büschen hervor und kamen ihnen entgegen. Ihre abgehobenen, bunten Gestalten glitten lautlos in der grünen, feuchten Dämmerung des Waldes über die Erde. Sie näherten sich ohne Eile, fast langsam, mit herabbaumelnden Händen, aber etwas Besonderes, Beunruhigendes, wie eine versteckte Drohung, ging von ihnen aus.
Lande erhob ruhig den Kopf und blickte sie an. „Tkatschow!“ rief er verwundert.
Einige Schritte vor ihnen blieben die Beiden stehen und sahen sich finster nach allen Seiten um. Dieses unruhige Umsehen in der heiteren, stillen Dämmerung wirkte unnatürlich und furchterregend.
„Wir müssen fortlaufen!“ flüsterte Marja Nikolajewna entsetzt dicht in Landes Ohr.
Er erkannte ihre angehaltene, vertrocknete Stimme nicht wieder und sah sich verwundert nach ihr um.
Tkatschow — schwarz und farblos, in einer zerrissenen Jacke über dem Hemd, blieb auf dem Fleck stehen; der andere trat mit nackten Füßen gewandt auf sie zu. Für ihr ganzes Leben blieben Marja Nikolajewna seine bloßen, weit gespreizten Zehen, zwischen die sich Nadeln und die Spitzen des zartgrünen Grases schoben, im Gedächtnis eingeprägt.
„Langt wohl für ein Gläschen, was?“ sagte der Mann frech und streckte ihnen eine grobe Hand entgegen.
Marja Nikolajewna klammerte sich krampfhaft an Landes Ellbogen und schmiegte sich direkt an ihn. Tkatschow bewegte sich nicht.
„Na, wird’s bald?“ wiederholte der Barfüßler drohend.
Lande zog mit der freien Hand linkisch dieBörse heraus. „Hier ...“ sagte er, dem Landstreicher ernst in die Augen blickend.
Tkatschow lächelte ihm von weitem höhnisch zu.
„Warum so wenig?“ fragte hastig der Barfüßler, während er die Börse rasch verschwinden ließ. „Gib das Jackett her ... Aber rasch ... Sie sollten lieber beiseite gehen, Fräulein ... Das schickt sich vielleicht nicht!“ fügte er höhnend hinzu.
Mit weit aufgerissenen Augen, und am ganzen Körper zitternd, stand Marja Nikolajewna halb abgewendet am Weg. Lande lächelte wieder traurig, zog das Jackett aus, und in dem alten Hemd, mit schlecht gebügelten Fältchen auf der Brust, wurde er noch magerer und schwächlicher.
„Die Hose ist viel zu gut,“ sagte der Barfüßler, wobei er sich unruhig umsah und das Jackett dicht vor der Nase Landes schüttelte. „Immer runter mit ihr.“
„Sie haben sie notwendig?“ erwiderte Lande ruhig, setzte sich aber gleich aufs Gras. „Gehen Sie, Marja Nikolajewna ... Gott mit Ihnen ...“
Plötzlich packte Marja Nikolajewna ein Anfall nervösen, wahnsinnigen Lachens. Als ob ihr jemand zum Scherz, aber stark die Kehle zudrückte,war ihr angstvoll und doch gleichzeitig lächerlich zumute. Der halbentkleidete Lande saß mit ernstem, weichem Gesicht auf dem Boden, und der Landstreicher zog an seinem Hosenbein. Tkatschow bewegte sich und stieß einen eigentümlich heiseren Laut aus, aber niemand wandte sich um; er zuckte mit einer Schulter, als ob ihm kalt würde, und stand wieder starr auf seinem Fleck, den Blick unverwandt auf Lande gerichtet.
„Gehen Sie, Marja Nikolajewna!“ wiederholte Lande.
„Na, Fräulein ... warten Sie mal!“ rief der Barfüßler hastig. „Was haben Sie denn da?“ Er griff mit der Hand nach ihrer Brust, wo eine lange Uhrkette schaukelte.
Etwas Entsetzliches, Widerwärtig-Grobes lag für das Mädchen in dieser Bewegung. Wie eine Schlange sich windend, glitt es zur Seite; dann mit einem Mal stürzte es, das Kleid hoch und wundervoll unordentlich gerafft, die Straße hinunter, als ob der Wind eine große Blume erfaßt hätte und dahintrüge.
„Wohin?“ rief kurz der Landstreicher und, Lande das Jackett gerade über den Kopf schleudernd, sprang er, gewandt und leicht, wie ein Raubtier an ihm vorbei, hinter dem Mädchen her. Im selben Augenblick durchzuckte ein wilderSchrei, scharf und fein wie eine Nadel, den Wald und bohrte sich hoch in den dunkel gewordenen Himmel ein.
Diesen Schrei hörte Molotschajew, der hinter einer Wegesbiegung daherkam. Mit der blitzschnellen, instinktiven Entschlossenheit, die ihm eigen war, warf er Kasten und Staffelei beiseite und rannte vorwärts. Der Barfüßler erblickte ihn früher als die anderen. Im Sprunge blieb er stehen, glitt ins Gras und duckte sich zur Erde, blickte eine Sekunde lang Molotschajew mit glühenden Pupillen an und schnellte plötzlich in die Büsche, ein paar Zweige krachend zu Boden schlagend. Marja Nikolajewna lief gegen einen Baumstamm und blieb, am ganzen Körper zerschlagen, mit aufgelöstem Haare und blöden Augen, stehen, ohne in dem Augenblick zu wissen, was sich mit ihr zutrug. Schwer atmend rannte Molotschajew in großen Sätzen an ihr vorbei, achtete nicht auf Lande, der ganz weiß, dünn und schwächlich auf dem Gras am Rande des Weges stand, sondern stürzte sich sofort auf Tkatschow. Tkatschow hatte ihn schon von weitem bemerkt; einen Augenblick schien es, daß er ebenfalls weglaufen würde; er blieb aber stehen, zog sich ganz in sich zusammen und wartete schwarz und trotzig auf den heranstürmenden Molotschajew. Schweigendlief der auf ihn zu, und ehe Tkatschow eine Bewegung machen konnte, schwang er breit die Faust in die Höhe und schlug ihm mit furchtbarer Kraft mitten ins Gesicht. Tkatschow ächzte leise, erschrocken, warf die Hände hoch; seine Mütze rutschte über seinen Rücken herunter, er fiel, schwer und fest, auf die Kniee. Ein zweiter Schlag traf ihn von oben auf den Kopf; zur Seite geneigt, den Kopf gegen die Erde gestoßen, eigentümlich und ungelenkig brach er auf dem Weg zusammen.
„Molotschajew, Molotschajew!“ rief Lande gellend und wie er da stand, nur in seinem Hemde, stürzte er auf ihn zu und ergriff ihn an der Hand. „Lassen Sie ihn!“
Molotschajew senkte die Arme; er atmete schwer, war rot und aufgeregt. Lande ließ sich eilig in die Kniee nieder und bemühte sich, Tkatschow aufzurichten. Der Geschlagene regte sich nicht; auf dem dünnen und langen Hals schwankte sein Kopf dicht über dem Boden hilflos hin und her.
„Sie haben ihn totgeschlagen!“ stammelte Lande mit Entsetzen.
„Wenn schon. Hat’s nicht viel besser verdient!“ erwiderte Molotschajew grob.
Doch Tkatschow stützte sich plötzlich mit den Händen auf den Boden und stand auf. Übersein Gesicht floß dickes Blut, an der Schläfe blieb Erde kleben; die ganze linke Gesichtsseite und die Nase hatten eine entsetzliche, schmutzig rote Farbe.
„Na, wieder zu sich gekommen ... Wird es sich wohl für ein anderes Mal merken!“ Molotschajews Fäuste zitterten und ballten sich zusammen, als hätte er den dringenden Wunsch, wieder zuzuschlagen.
Lande hörte nicht auf ihn; er nahm aus der Tasche seiner Hose, die auf dem Grase lag, das Taschentuch heraus und steckte es Tkatschow zu.
„Wischen Sie ... das Blut ... Ach, mein Gott, was ist das!“ stammelte er zusammenhanglos, mit unendlichem Entsetzen und Schmerz.
Tkatschow regte sich nicht, nahm auch das Taschentuch nicht. Das eine Auge war schon angeschwollen; und vom Kinn und den zerschlagenen Lippen troff Blut auf den fettverschlissenen Jackettaufschlag herab.
„Noch viel Geschichten mit ihm machen!“ meinte Molotschajew gleichgültig. „Ich werde ihn lieber dahin bringen, wo er hingehört, das wird besser sein ... He, da! Komm mit, aber schleunigst,“ er packte Tkatschow grob am Kragen und gab ihm einen Stoß, daß er ohnmächtig zwei Schritt vorwärts machte und ausglitt.
„Aber lassen Sie ihn doch!“ rief Lande zornig und stürzte sich mit seinem ganzen schwachen Körper auf Molotschajews Hand.
Molotschajew sah ihn verwundert und wütend an. „Weshalb spielen Sie hier den Narren, zum Teufel!“ fuhr er auf, aber plötzlich ließ er seine Hand sinken, sah schweigend den entkleideten Lande an, stieß die Luft durch die Nase und brach dann in donnerndes Gelächter aus. Marja Nikolajewna, die selbst nicht bemerkt hatte, daß sie auf sie zugekommen waren, warf erst einen erstaunten Blick auf Molotschajew, dann auf Lande, besann sich aber und, bis an die Ohren errötend, wandte sie sich schnell ab und ging den Weg entlang.
„Ach, Sie Hansnarr, Sie komischer!“ rief Molotschajew lachend.
Plötzlich verzerrte sich die schwarze, blutige Fratze Tkatschows und er lachte selbst heiser und böse, während er gleichzeitig Blut spie. Dieses Lachen des Geschlagenen war widerwärtig und schrecklich. Lande sah auf; er lächelte ruhig und traurig, wie immer.
„Aber so ziehen Sie sich doch an, zum Teufel!“ schrie Molotschajew, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging auf das Mädchen zu.
Lande schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, als ob er gar nicht existiere.
Tkatschow hörte mit dem Lachen auf, warf einen halben Blick auf Lande, dann auf den fortgehenden Molotschajew, wandte sich um und ging langsam davon.
„Tkatschow!“ rief Lande.
Tkatschow blieb stehen, wandte sich aber kaum um. Lande kam auf ihn zu.
„Tkatschow,“ sagte er mit flehendem Ton, seinen Arm berührend, „Sie haben das absichtlich gemacht, ich sah es an Ihren Augen! ... Warum das, Tkatschow, warum?“
Tkatschow blickte ihn schwer und düster an, als ob er nichts verstanden hätte und an ganz etwas anderes dachte.
„Hast du einen echten Menschen gesehen?“ fragte er heiser. „Da, kannst ihn sehen!“ er riß den langen, dünnen Hals nach der Richtung Molotschajews herum. „Das ist ein Kerl ... eine Kraft! ... Und du ... du bist so, ein Stück Dreck bloß! Zu nichts taugst du!“
„Mag sein,“ gab Lande zu, — „aber trotzdem, warum hassen Sie mich so? Wirklich nur, weil ich minderwertiger bin, als er?“
Tkatschow erwiderte: „Deswegen, weil ich so viele Jahre an dich geglaubt hatte! Bin selber, siehst du, dazu gekommen ...“ er schlug sich bitter gegen die zerschlagene Backe, — „und sehe jetzt, daß ich ein Schafkopf war, glaubteden süßen Schwindel. Aber mein Leben — wo ist es, he? Ist vorbei ... Ich sollte jetzt vielleicht ein Mensch sein, und bin ... Jetzt verstehst du es vielleicht? Du! ... Ihm aber ... dem bezahle ich’s noch! ...“ fügte er plötzlich hinzu und schwenkte mit ohnmächtigem Haß die schwarze Faust. — „Und wenn ich selber zum Teufel gehe, er soll an mich denken! ... Wart’ nur!“
Tkatschow drehte sich schnell um und ging fort. Lande kam es vor, als ob er noch weiter heiser vor sich hinbrummte; aber Tkatschow wandte sich nicht mehr um und verlor sich bald im grünen Walddunkel. Lande sah ihm lange nach, rang mit tiefer, ratloser Verzweiflung seine Hände, seufzte, zog sich langsam an, und schritt dann aus, um Marja Nikolajewna und Molotschajew einzuholen.
„Jetzt ist er verzweifelt; aber wenn er sich beruhigt, finde ich ihn noch ...“ schwirrte es trübe durch seinen Kopf.
„Hier habe ich Ihren Schrei gehört!“ erzählte lebhaft der Maler, indem er Kasten und Staffelei am Wege aufhob. „Ich habe Sie schon vorher bemerkt und wollte Sie einholen, hatte aber den Spachtel verloren und mußte erst lange suchen ... Nun, Gott sei Dank, ich bin doch noch zur rechten Zeit gekommen!“
Marja Nikolajewna sah sich kaum um, als sie Lande hinter sich fühlte. Er lächelte ihr vertrauensvoll und zärtlich zu, sie wandte sich aber schnell ab und mußte sich anstrengen, einen neuen Anfall ihres nervösen Lachens zu unterdrücken. In diesem Augenblick kam ihr Lande nur armselig und lächerlich vor.
Molotschajew sah ihn ebenfalls von oben bis unten an und sagte mit schadenfroher Verachtung:
„Ach, Sie! ... Held!“
„Ich bin kein Held!“ Lande machte eine wegwerfende Handbewegung mit einer bei ihm seltenen Aufwallung.
„Das merkt man!“ Molotschajew kleckste höhnisch.
Den ganzen Weg über machte er sich in grober und brutaler Weise über Lande lustig und erzählte mit prahlerischem Vergnügen von seiner ungeheuren körperlichen Kraft. Lande lächelte traurig, Marja Nikolajewna aber blickte mit einem eigentümlichen Gefühl physischer Neugierde von der Seite auf Molotschajew, und ihre feinen Nüstern, die, wie bei einem Rassepferd durchsichtig waren, blähten sich ein wenig. Er war ihr interessant und doch auch etwas widerlich.