XII
Im Garten war es finster, es roch stark nach warmer Feuchtigkeit. Die Bäume und Büsche waren nicht mehr im einzelnen zu erkennen, sie waren alle in eine tief dunkle Masse zusammengeschweißt, in der nur geheimnisvoll, unbeweglich Johanniswürmchen, wie winzige, weiße Fünkchen in dem dunklen Strom der Nacht, aufleuchteten.
Molotschajew und Marja Nikolajewna gingen durch die Finsternis; sie mußten sich auf dem unsichtbaren, festen Weg mit den Füßen vorwärtstasten.
„Setzen wir uns,“ sagte Marja Nikolajewna; ihre Stimme hob sich scharf von der gespannten Stille des Gartens ab.
Sie fanden, ebenso tastend, die Bank und setzten sich nebeneinander.
Nach wie vor glänzten hier und dort weiße Funken in der Tiefe der Finsternis auf. Molotschajew beugte sich nieder und griff in dem nassen, warmen Gras nach einem Leuchtwürmchen. Bläulich phosphoreszierendes Licht, das einem saphirgrünen Punkt entströmte, erhellteseine breite, kräftige Hand. Marja Nikolajewna neigte sich, und ihre Köpfe fielen in dem schwachen Lichtschein fest zusammen.
„Es ist nicht erloschen ...“ sagte Marja Nikolajewna leise, als ob sie fürchtete, das regungslose, still leuchtende Würmchen zu erschrecken.
Der stille Hauch ihrer Worte berührte weich und zart Molotschajews Wange. Er hob die Augen und sah im durchsichtigen Schein ihr feines, zartes Profil und den oberen Teil der vorgestreckten Brust.
Irgendwo neben ihnen fiel etwas weich ins Gras und man hörte, wie ein Zweig sacht ins Wiegen kam. Sie seufzten beide und sahen sich um. Molotschajew schüttelte das Leuchtwürmchen vorsichtig von der Hand ab; es wurde wieder finster und roch noch intensiver nach warmem, feuchtem Gras.
In Molotschajews Brust drängte bebend ein lockendes Gefühl; er meinte, die gespannten, rufenden Schläge ihres Herzens zu vernehmen. Vor seinen Augen, in trübem Grau, flimmerte eine schlanke, etwas geneigte, weibliche Gestalt; sie war in der Finsternis wie weit von ihm entfernt; nur der feine, erregende Duft ihres Körpers und ihres trockenen Haares strich dicht an seinem Gesicht vorbei. Die Dunkelheit wurdeimmer angespannter, die Finsternis verdichtete sich mehr und mehr, alles trat zurück, umgab sie mit toter Leere, in der es nur sie allein, nur eine Sehnsucht ihres kräftigen, überreizten Körpers gab. Immer enger zog sich zwischen ihnen die Entfernung zusammen; und allmählich traten sie, von einem eigenen, sinnbetäubenden Licht, still wie die Nacht, wie ihr Verlangen erhitzt und bebend wie ein Geheimnis, übergossen, aus dem Dunkel hervor. Molotschajew streckte leise die Hand aus, glitt auf den erzitternden, weichen Körper zu und umarmte ihn.
Langsam legte sie den Kopf in den Nacken, so daß ihre unsichtbaren, weichen Haare auf Schulter und Arm Molotschajews fielen; eine unüberwindliche Macht hatte sie in eins verschmolzen; es war nichts zwischen ihnen, als einzig das schmerzlich süße kreisende Verlangen.
Doch plötzlich zersprang die Finsternis in tausenden Feuern, erklang in dröhnenden Lauten, verschwand zwischen den vortretenden Bäumen, Büschen und den spöttischen nächtlichen Fünkchen: Marja Nikolajewna war Molotschajews Händen, biegsam wie eine gleißende Schlange entschlüpft, und lachte silberhell und spöttisch, während sie zur Seite sprang. Die wirbelnden und klingenden Töne ihres Lachens überstürzten sich; sie waren weit in den Garten,ihn mit einem Schlag aufweckend, eingedrungen.
Molotschajew erhob sich verwirrt, kopflos und reckte schwerfällig seinen großen, schweren Körper, der noch immer in jeder Fiber bebte.
„Marja Nikolajewna ...“ seine Stimme klang dumpf, zitternd. „Was sollen die Scherze?“
„Was?“ Marja Nikolajewna fragte mit geheuchelter Neugierde; ihm schien ihr Ton boshaft und höhnend.
„Was für Scherze? Was ist denn los?“
Wieder wirbelte ihr silberhelles Lachen in der Finsternis und klang zurück; heiße Furcht und gierige Wünsche tönten heraus. Von unten drückte sich in Molotschajews Kopf eine schwere, rachsüchtige Reizung durch. Die Haare klebten an seiner weißen Stirn, Nebel schwamm vor seinen Augen, im Kopf schwindelte es dumpf und still.
„Ah!“ schrie er heiser, beugte trotzig den Kopf, wie ein Stier, nach vorn, und schob sich langsam auf sie zu. Er vergaß an alles, entfernte sich von allem, sah nur noch, wie sie ihn biegsam und neckisch anlockte. Mit seinem ganzen Wesen empfand er, daß sie ihn ebenso heiß begehrte, daß sie nur fürchtete, ihn neckte und ihm trotzte. Das instinktive Verlangen vermischte sich plötzlich mit wollüstigem Haß, mitdem Durst nach brutaler Vergewaltigung und schamlosen Schmerzen.
„Na—na—na! ...“ schrie das Mädchen erschrocken auf und schlug ihn mit irgend einem nassen stechenden Zweig, der ihm das Gesicht mit kalten Tropfen bespritzte, über die Hand.
„Gehen wir lieber nach Hause ... Sie sind heute zu — — gefährlich!“ sagte sie, noch zitternd und doch schon ihren Sieg auskostend. Mit dem brennenden Genuß, mit dem der Mensch in einen tiefen Abgrund schaut, nahm ihn das Mädchen höhnend unter den Arm.
Und sie gingen. Sie blickte ihm von unten ins Gesicht; spottete über seine Ohnmacht, sprühte Tau und Funken ihres nervösen, erregenden Lachens auf ihn nieder und er, der Ungeschickte, Brünstige, Wilde, er ging demütig, feige neben ihr und bezwang das wütende Verlangen, sie zusammenzuknicken, aufs Gras zu drücken, zu unterwerfen, durch seine Kraft und Leidenschaft zu vernichten.