XI

XI

Abends brannte in Firsows Häuschen Licht. Bei der toten, starrgelben Flamme saß er kerzengerade, unbequem am Tisch und setzte eine Anzeige gegen Lande an den Bischof auf. Die Feder schabte am Papier wie eine nagende Maus; es war heiß, schwül, von der dumpfen Luft und dem schweren Haß, der die beleidigte Seele Firsows füllte.

Hinter dem Fenster leuchtete der weiße Mond, atmete leicht die kühle, blaue Nacht. Auf dem Boulevard hätte man beim Mondenlicht lesenkönnen; alles war durchsichtig-blau und rein, wie mit grünlich-blauer Emaille überzogen. Spaziergänger gingen ihn entlang; ihre schwarzen Schatten legten sich leicht und scharf auf die glatte Erde.

Lande und Ssemjonow, der eine in seiner alten Litewka, der andere im Studentenmantel, den er vollständig zugeknöpft hatte, ließen die Menge hinter sich und setzten sich auf die Bank über dem Abhang.

„Und ich sage dir,“ Ssemjonow schwenkte entschieden den Stock, „daß die Menschen sich in der Suche nach einem sogenannten Glück zur Genüge gequält haben. Es ist längst an der Zeit, darauf zu spucken und auseinanderzugehen ...“

„Nein,“ erwiderte Lande traurig aber fest, „das ist Verzweiflung, und Verzweiflung ist eine Sünde; sie bedeutet, daß man den Mut sinken läßt. Wir kennen den Willen Gottes nicht und können uns daher nicht selbständig von ihm trennen. So oder anders, wir werden doch den Willen desjenigen, der uns geschickt hat, erfüllen. Und ich meine, daß wir nicht verbittert, nicht verzweifelt sein sollen. Wir müssen trachten, wie es am besten zu erfüllen ist, was wir nicht unerfüllt lassen können; — das ist das Leben! Es ist das Beste für den Menschen.“

Ssemjonow schwenkte verächtlich den Stock,und sein schwarzer Schatten wiederholte diese Bewegung.

„Und wer will uns lehren, wie es am besten zu erfüllen ist?“

„Unser Herz,“ antwortete Lande überzeugt. „Unser Gewissen.“

„Na, Bruder, das Gewissen ist bei den Menschen verschieden ...“

„Darüber braucht man nicht nachzudenken, Wassja ... Niemand beruft uns dazu, die verschiedenen Gewissen abzuschätzen und zu vergleichen: jeder Mensch hat nur an sein eigenes zu denken ... Es ist Überhebung, Wassja ... alles unbedingt gleich abzuschätzen und klarzumachen; auch sein Urteil über alles zu fällen. Es ist nur nötig, daß sich jeder Mensch aufrichtig mit allen seinen Handlungen im Recht glaubt.“

„Das ist alles sehr schön ...“ Ssemjonow schmunzelte. „Hat aber wenig Zweck ... so, mein Lieber!“

Ihnen näherten sich, auf dem dunklen Hintergrund der Häuser und Bäume vom Mondenlicht klar umrissen, Schischmarjow, Molotschajew, Marja Nikolajewna und Ssonja, die sich mit der Hingabe und Verliebtheit, die Backfische stets erwachsenen, schönen Mädchen gegenüber empfinden, an Marja Nikolajewna schmiegte.

Marja Nikolajewna drückte Lande unschlüssigund linkisch die Hand und lächelte unwillkürlich, weil ihr seine Gestalt am Abend des Überfalls in Erinnerung kam. Sie wandte sich ab und legte ihren weichen, vollen Arm um Ssonja; Molotschajew stand schön und groß am Abhang, wie von kaltem Silber des Mondlichts angeschmiedet, der kleine Schischmarjow sprach eiligst auf Lande ein.

„Höre, Wanja, das ist doch wirklich zum Teufel!“ sagte er mit scharfer Stimme, während er nervös die Hände bewegte und rieb. „Bist du denn wirklich ganz außerstande, Menschen zu unterscheiden? Dieser Firsow ist doch ein allgemein bekanntes Dreckstück, ein Mucker, Angeber, ein Mitglied des echtrussischen Verbandes, und du gibst dich mit ihm ab ... Mir hat Ssonja erzählt, daß du ihn beinahe um Verzeihung angefleht hast.“

„Er ist kein so schlimmer Mensch ...“ erwiderte Lande leise.

„Aber auf Schritt und Tritt begeht er Schuftereien.“

„Er begreift nicht, was er tut und wie sehr er sich dadurch selber schadet. Hätte er das verstanden, würde er es nicht getan haben ... Man muß es ihm klarmachen, ihn mehr bemitleiden, dann wird er es begreifen ...“

„Pfui Teufel!“ Ssemjonow spie entrüstet aus.

Schischmarjow starrte Lande fragend an.

„Sei mir nicht böse, mein Lieber! ...“ sagte Lande sanftmütig zu Ssemjonow. „Ich rege dich in einem fort auf, aber ich bin wirklich ...“

„Wenn du es wissen willst,“ fiel ihm scharf und hitzig Schischmarjow ins Wort, „eine solche Liebe ist einfach sinnlos. Lieben muß man Menschen, die der Liebe oder wenigstens des Mitleids wert sind; aber wer nur Verachtung verdient, der muß verachtet und vernichtet werden, wie man krankheitserregende Keime vernichtet, um die Luft, die von allen eingeatmet wird, zu säubern und gesund zu machen. Diese berühmte Nächstenliebe, diese unterschiedslose, widersinnige Liebe, hat nur dazu geführt, daß man eine ganze Menge von dem Schädlichen, das unbedingt vernichtet werden müßte, kultiviert und erhält!“

„Es gibt sehr viele Menschen, denen wir, ich und du schädlich vorkommen. Ich glaube nicht, daß es unter den Menschen Schädlinge geben kann ...“

„Du kannst unmöglich nicht daran glauben!“ erwiderte Schischmarjow hitzig und zupfte die Ärmel seiner kurzen Litewka zurecht.

Die schlanke Ssonja atmete gespannt auf; hielt aber gleich wieder den Atem ein, ohne ein Auge von Lande zu lassen.

„Nein, ich glaube es nicht!“ Lande schüttelteden Kopf. „Wenn es auch böse Menschen gibt, so sind es doch nicht schädliche Menschen. Hätte es nicht ihr Böses gegeben, so könnten auch nicht die besten Eigenschaften des menschlichen Geistes: Selbstvergessen, Vergebung, Selbstaufopferung, reine Liebe sich zeigen und entwickeln ... aber sie müssen in Erscheinung treten, ohne sie wäre das Leben nur sinnloses Vegetieren.“

„Ich danke dafür!“ erwiderte Schischmarjow aufgeregt. „Demnach wäre auch der Gestank nützlich, weil er die frische Luft zu schätzen lehrt?“

„Vielleicht,“ Lande lächelte. „Nur ist es etwas ganz anderes ... und zu einfach: ein Mensch ist Vieles zusammengenommen. Er ist doch zu schön und kraftvoll, als daß man an ihn das gleiche Maß anlegen könnte, mit dem man Mist mißt!“

„O Gott! Und der Mensch macht noch Kalauer!“ lachte Ssemjonow mit komischem Entsetzen.

„Ich? ... das war kein Witz, — das kam mir so in den Mund.“ Lande wurde verlegen.

„Der liebe Wanja! ...“ flüsterte Ssonja leise Marja Nikolajewna zu; sie blühte in einem hellen Lächeln auf, das ihrem stets exaltierten Gesicht gar nicht eigen war.

Marja Nikolajewna seufzte leicht. Das Lächerliche und Jämmerliche, das sie in der letztenZeit an Lande gesehen und das ihr unbewußt leid getan hatte, — war an diesem Abend allmählich weiter und weiter von ihrem Herzen fortgezogen, bis es plötzlich irgend wohin ganz verschwunden war. Und ein stilles, frohes Gefühl trat an seine Stelle. Sie wendete Lande ihren Kopf zu, blickte auf sein mageres Gesicht, das unter dem Mondlicht und dem angespannten Denken blaß geworden war, und sagte sich:

„... Es ist alles richtig, was er sagt! Eine Wahrheit, die vor ihm allein offen liegt! ... Man kann es nicht mit Worten ausdrücken, aber wahr ist es ... Der liebe, der gute! ...“

Sie errötete, wandte sich ab und drückte Ssonja fest an sich.

„Wann werden Sie endlich genugsam gestritten haben, meine Herren?“ warf Molotschajew mit selbstsicherer Nachlässigkeit ein. „So werden Sie Ihr ganzes Leben lang verstreiten ... Gehen wir lieber rudern ... Mag doch jeder so leben, wie es ihm gefällt!“

„Sie verkünden eine heilige Wahrheit,“ erwiderte Ssemjonow und schwenkte die Hand. „Nur werde ich gerade ihrer richtigen Bemerkung gemäß nicht rudern, sondern schlafen gehen.“

„Auch ich kann nicht mitkommen,“ sagte Schischmarjow; „ich habe noch einiges zu lesen.“

Lande lächelte.

„So werden Sie wohl allein mitfahren, Marja Nikolajewna, weil ich auch fortgehe ... Ich fühle mich nicht ganz wohl.“

Sie gingen auseinander. Als das Boot in die Mitte des Flusses hinauskam, wurde es um sie ganz besonders hell und geräumig; es war leicht zu atmen. Ssonja kauerte unbeweglich auf dem Boden des Bootes und starrte von ihrem Sitz unverwandt in den Mond.

Das Wasser neben dem Boot war schwarz, schwer und bodenlos; in der dunklen Tiefe barg sich kaltes Grauen. Marja Nikolajewna beugte sich über Bord, und ein gieriger Hauch schlug aus der Tiefe in ihr Gesicht. Trübe spiegelte er sich in ihm wieder; es sah blaß und tot aus.

„Ah, es ist ängstlich!“ sagte sie und lehnte sich zurück.

Molotschajew warf den Kopf hoch, lachte und begann zu singen. Seine Stimme schlug wie herausfordernd an die glatte, düstere Oberfläche und hallte irgendwo im freien Raum wieder.

„Der Dampfer ...“ sagte Ssonja leise.

Sie sahen sich um und erblickten etwas Riesiges, Schwarzes, dicht neben sich aus der Finsternis herauswachsen. Schwarzer Dunst quoll, wie eine ungeheure, niederwuchtende Säule emporund beschmutzte Himmel und Sterne. Ein rotes Feuer blickte sie scharf und gierig an.

Man hörte schon, wie das Wasser düster aufwirbelte. Ein scharfes, messinghartes Pfeifen durchbohrte die Luft, erfüllte den Himmel, das Wasser, im selben Augenblick bedeckte der riesige Schatten den Mond vor ihnen, füllte alles mit Finsternis an, peitschte eine schwere kalte Welle auf und hüllte sie in einen erstickenden Rauch ein, der sich mit den Spritzern und der Gischt aus der aufgerührten Tiefe vermischte. Das Boot ging in die Höhe, prallte gegen etwas an, stürzte einen furchtbaren nassen Abgrund hinab; für eine Minute schien es, daß sie untergehen. Aber im selben Augenblick floh der Schatten vorüber, der Mond sprang empor und blieb wieder, hell und unbeweglich, über dem Wasser stehen, das jetzt in wilder Freude quirlte und glitzerte.

„Wunderbar!“ Molotschajew war ganz hingerissen.

„Wunderbar!“ rief gleichzeitig Marja Nikolajewna mit klingender Stimme, und preßte die Hände an die Brust. Und glänzend vor Jugend und frischer Kraft fügte sie hinzu: „Das Herz riß mir geradezu ab. Ich meinte, wir ertrinken ... Der Tod!“

„Aber ich war gar nicht erschrocken!“ warfunerwartet und ruhig Ssonja hin: „Ist es denn nicht gleich, wann wir sterben! ... Ich hatte keine Angst!“

Molotschajew riß mit komischer Verwunderung die Augen auf. „O Gott! ... Ein kleiner Lande! Es wäre doch schon an einem genug!“

Marja Nikolajewna blickte ihn an, er schien ihr kräftig und schön; sie seufzte tief auf und lachte dann im Einklang mit ihm.

„Sie können Lande nicht verstehen!“ erwiderte Ssonja feindselig.

Molotschajew hob verachtungsvoll den Kopf. „Mag sein ... Warum auch! Dafür verstehe ich das Leben, die Liebe, die Schönheit ... mit meinem ganzen Wesen! ... Das Leben, die Kraft, die Jugend, die Schönheit — sie mögen leben! Marja Nikolajewna, nicht wahr?“

Marja Nikolajewna seufzte angestrengt und reckte sich still und stark mit der glücklichen Sehnsucht der verlangenden und wartenden Jugend.

„Ja, richtig ...“ antwortete sie leise.

„Ach!“ rief Molotschajew wild, leidenschaftlich und sinnlos glücklich, und sein rufender, rätselhafter Schrei flog unendlich weit über das Wasser. Langsam und gleichmäßig stiegen und senkten sich die Wellen um das Boot, und dieLichtsäule des Mondes glitzerte und wiegte sich, mit ihnen.


Back to IndexNext