XVIII

XVIII

In der Nacht bekam Lande Fieber. In dem zerschlagenen Kopf nagte und schwindelte es. Schischmarjow meinte, daß man ein nervöses Fieber erwarten könne, und Marja Nikolajewna mit Ssonja beschlossen, die ganze Nacht bei ihm zu bleiben. Lande sah sie zärtlich an und schwieg, weil seine Seele voll war von einem ungeheuer weiten, nur ihm verständlichen Gefühl. Die beiden Mädchen saßen lange an den Seiten des Tisches, jede hielt ein offenes Buch vor sich, ohne daß sie lasen und schauten trübselig in die Flamme der Lampe. Erst spät in der Nacht ging Ssonja fort, und Marja Nikolajewna blieb allein.

Ssonja blieb in dem dunklen Flur stehen. Niemand hatte sie gehen heißen, aber sie dürstete nach Qual und Rührung; sie preßte die Hände an die Brust und flüsterte leise, nur mit den Lippen: „Mag sie, mag sie ... ich werde fortgehen!“ und eine triumphierende, wenn auch bedrückende Regung drängte in ihr Herz.

Im Zimmer war es halbdunkel. Die Lampe erleuchtete trübe einen gleichmäßigen Kreis, der Marja Nikolajewna wie magisch schien. Sie saß, die Hände auf den Knieen gefaltet und den Kopf gesenkt. Saß unbeweglich, aber in dieser Bewegungslosigkeit ballte sich ein ganzer Orkan schwerer, chaotischer Gedanken. Sie dachte darüber nach, daß jetzt alles zu Ende sei: morgen wird die ganze Stadt wissen, daß sie hier die Nacht verbracht hat; dann wird etwas entsetzlich Schmutziges entstehen. Zuerst beängstigten und beschämten sie diese Gedanken lange Zeit, dann nahm ein einzelner Gedanke immer reiner und feierlicher eine bestimmte Form an und erwärmte ihre Seele: Von nun an ist sie endlich für immer mit Lande verbunden, mit dem lieben Lande, dem besten von allen Menschen, die sie kannte. Allen wird sie ebenso fremd sein, wie er, ihm aber wird sie mit ihrem ganzen Körper und mit voller Seele angehören; ein neues Leben, herrlich, voll Leid und Freude, wird sie wie eine lichte Wolke umfangen.Dieser Gedanke war so tief und führte sie so einfach und zwingend aus dem düsteren Chaos, daß ihr Herz vor Liebe und Glück erschauerte.

Marja Nikolajewna wendete sich zu Lande und schaute lange mit warmen Tränen auf ihn.

Lande lag auf dem Bett so, wie es ihm verordnet war, blaß, mager, die langen, weißen Arme auf der Decke ausgestreckt. Der Schein der Lampe reichte nicht zu ihm hin, so daß um das Bett durchsichtige Dämmerung war, in der sich Landes Gesicht hell und schön abhob. Seine zerschlagene, verunstaltete Backe blieb im Schatten.

Und plötzlich ließ sich Marja Nikolajewna, indem sie einfach dem unwiderstehlichen Trieb, der Seele und Leib in heißer Sehnsucht verzehrt, folgte, langsam vor dem Bett in die Kniee nieder, beugte sich über Lande, legte ihm still ihren schönen schwarzen Kopf auf die Brust und schloß die in dunklem Feuer glänzenden Augen.

Hier ist es! — dachte sie, und sie empfand, daß jetzt die eine Hälfte ihres Lebens, leer und sinnlos, von ihr abfiel, wie ein dürres Blatt. Alles schwamm an ihr in einer lichten Wolke vorbei; die Tränen rieselten in Strömen über ihre zarte, weiche Wange. Landes Herz schlug irgendwo in der Nähe, schwach und dumpf. Siezog den unbekannten, eigentümlichen Geruch seines Körpers ein und fühlte die knochige, harte Brust.

Lande öffnete die Augen und schien nicht erstaunt zu sein. Er faßte sie still und behutsam an das kleine, abgerundete, weiche Kinn und hob ihren Kopf zu sich hoch. Sie weinte nicht mehr, die Tränen waren sofort auf den glänzenden Augen getrocknet; sie blickte glücklich und verlegen auf ihn, während sie darauf wartete, was er mit ihr tun werde. Sie reckte sich noch ein wenig höher, und ihre weichen, heißen Lippen drückten sich auf die Lippen Landes. Lande küßte sie zärtlich und still, wie man ein Kind küßt.

Das Mädchen fühlte, wie in ihr der feurige grenzenlose Überschwang ihrer Kräfte aufloderte. Dieses neue Gefühl, das ihr aber jetzt längst bekannt erschien, füllte mit einem Mal ihren ganzen Körper, der schon so lange gewartet hatte und jetzt wild erglühte. Sie schloß die Augen und begann, erst schüchtern, als ob sie es erst kennen lernen müßte, dann immer fester und anhaltender, ganz Genuß und Hingabe, zu küssen. Ihr weicher, elastischer Körper erzitterte und drückte sich unterwürfig und verlangend an ihn. Plötzlich öffnete sie schnell die dunkelgewordenen, fragenden Augen, und blickte fest in die Landes. Sie sah ein kaltes, erschrecktes, vernichtendesGesicht, in diesem Augenblick schien es ihr unerträglich widerwärtig.

„Nicht so ... nicht doch auf diese Weise!“ sagte er mit verlegenem hilflosem Lächeln.

Das Bewußtsein, einen schweren, abscheulichen Fehler getan zu haben, zuckte wie grelles Licht durch das Gehirn des Mädchens. Gegen eine Sekunde lang sah sie Lande mit festen, in Scham und Verzweiflung glühenden Blicken an; eine helle, scharfe Röte setzte rasch ein, und überflutete ihr Gesicht. Ihre Wangen, Stirn, Hals flammten auf, und es schien, daß es für dieses rote Feuer der Scham und Verletzung kein Ende geben könne. Sie ächzte dumpf, warf sich zurück und erhob sich hastig, das Gesicht mit den Händen bedeckt.

Lande setzte sich verwirrt auf. „Marja Nikolajewna, ist das denn ... durchaus nötig? Ich liebe Sie ... nur nicht so! Wozu das?“ stammelte er gequält und streckte ihr seine zitternden Hände hin.

Das Mädchen wich zum Tisch zurück und fiel schwer in den Stuhl, ohne ihre Hände herunterzunehmen. Dann fing sie an, sich wie ein angeschossener Vogel hin- und herzubewegen, bald wollte sie aufstehen und fortgehen, dann setzte sie sich wieder, sinnlos lächelnd; ihre Blicke glitten bald mit Verzweiflung und Scham, mit innererVerwirrung, bald mit einem Gefühl der Schuld und des Hasses über Lande hin.

„Nichts ... Das war so ... Ein Irrtum ... ich habe gescherzt ... ich weiß nicht ...“ sie strengte sich an weiter zu sprechen und fühlte doch, wie sie sich von ihm immer mehr entfernte.

Ssonja kam auf den Lärm leise herein und blieb auf der Schwelle stehn, mit großen und herben Augen. „Marja, was hast du?“ fragte sie streng; als ob sie sie warnen müßte.

„Nichts, nichts, Ssonjetschka!“ sagte das Mädchen abgerissen. „Ich geh fort ... es ist Zeit ...“ Sich in den Rock verwickelnd und ungeschickt mit der Schulter gegen die Tür stoßend, ging sie aus dem Zimmer und lief wie ein Gespenst über die leeren, kalten Straßen, durch Wind und Finsternis. Ssonja schloß hinter ihr vorsichtig die Tür und trat an Landes Bett.

„Ssonja, liebe ... wie schuldig bin ich! Was soll ich jetzt tun? Wie konnte ich das nicht voraussehen!“ sprach Lande und ergriff ihre Hände.

Ssonja preßte stark die Zähne zusammen, so daß die dünnen Backenknochen auf ihrem gespensterhaften Gesichtchen stark vortraten, und ein Gefühl unschöner Freude leuchtete in ihren Äuglein auf. „Sie sind nicht schuldig!“ sagte sie fest und entschlossen, und fügte mit bösemTriumph hinzu: „Alle sind sie Tiere, Bestien ... sie ist auch ein solches Geschöpf!“

Lande schlug verzweifelt die Hände zusammen. „Ssonja, was reden Sie!“ rief er.

„Ich hasse sie alle!“ sagte Ssonja, rachsüchtig die Augen kneifend. „Wie abgeschmackt sie alle sind, wie schmutzig ... wie die Hunde!“

Lande sah sie mitweitgeöffnetem Mund und Augen, mit unverholener Furcht an, ihm schien, daß dies nicht die kleine Ssonja, sondern irgend ein kleiner, böser Kobold wäre.


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