XXIV
Der Regen goß in Strömen, anhaltender Lärm hing über dem Wald. Manchmal schien irgend jemand in der Nähe, hinter einem Busch zu schluchzen, mit dünner, silberklirrender Stimme zu weinen; später hörte man deutlich, daß es nur Regentropfen waren, die klangen.
Lande lag in der Hütte. Es war naß, dumpf und undurchdringlich finster. Manchmal war ihm, als ob er über bodenloser Leere liege, dannhob er mit Mühe die heiße, zitternde Hand, stieß neben seinem Gesicht an unsichtbare, schwere, durchnäßte Zweige, und dicke, kalte Tropfen schlugen auf sein Gesicht. Der Kopf brannte ihm, Fieberfrösteln riß ihm den Körper in Stücke, und er wand sich in dem vergeblichen Bemühen, unter der nassen Sutane warm zu werden, ohnmächtig auf der Erde hin und her. Vor seinen offenen Augen sprühten in der Finsternis Feuerfunken, wirbelten goldene Kreise.
Ich sterbe, — dachte Lande. — Ja ... Herr, dein Wille geschehe!
Vor Kälte, vor Schmerz weinte er. Einsame, niemandem sichtbare Tränen fielen heiß auf die nasse Erde, rieselten ihm in den Mund und auf die krampfhaft klappernden Zähne.
Herr, Herr! — rief er still, und dieser einsame Laut war so sonderbar in Wald und Finsternis, daß es ihm selbst vorkam, als verfiele unter ihm alles für einen Augenblick in Schweigen, würde es still und lauschte. Und dann rauschte, fern und nahe, noch stärker der Regen, das Wasser gluckste.
Lande verlor die Besinnung, regungslos auf der Erde zusammengekauert, die Kniee in einer kalten Pfütze. Er fieberte.
Aus der Finsternis lugte ein großer Hasenkopf. Die langen Ohren waren zurückgeworfen,die roten Augen starrten Lande unverwandt an. Etwas Schreckliches, Höhnendes lag in diesem schweigenden Kopf. Leise, langsam, kaum merklich nickte er Lande zu. Plötzlich leuchtete alles in gelbem Licht auf, als wäre irgendwo in der Nähe, hinter seinem Rücken, eine unsichtbare Flamme entzündet; in ihrem Licht erblickte Lande, wie von der Seite, seinen Körper, widerwärtig und armselig in einer Pfütze zusammengekauert, von der nassen, schwarzen Sutane beklebt, schmutzig, unglücklich, wie ein Wurm. Entsetzliche Angst drängte sich an sein Herz. Mit einem wilden, sinnlosen Schrei setzte er sich auf; dabei stieß er mit dem Kopf an die Zweige. Ganze Bäche kalten Wassers rieselten auf ihn herab, aber er kam nicht zu sich. Eine Menge bekannter Gesichter zogen lebend, augenglänzend, in einer endlosen Reihe, die sich in der Ferne verlor, an ihm vorüber. Sie näherten sich, neigten sich zu ihm, sahen ihn an und gingen weiter, hinter ihnen kamen neue heran. Die Flamme leuchtete nicht mehr hinter Landes Rücken; dafür schien von ihm selbst ein mattes, aber klares Licht auszugehen. Es legte sich auf die Gesichter, die sich verneigten, drang immer weiter und weiter, nach allen Seiten hin. Ihm wurde still und wohl. Dann brannte wieder die Flamme, und wieder wand sich ein schwarzer Körper wie ein zertretenerWurm auf dem Boden; wieder nickte kaum merklich ein Hasenkopf.
Es war kein Gedanke und keine Wahnvorstellung, kein Gefühl, nur das grelle Licht einer wunderbaren Erkenntnis, die Landes erhitztes Gehirn durchdrang. Im selben Augenblick wurde sein ganzes Leben in zwei Teile gespalten: Als hätte ihn das Gewaltige, das in seiner Unbegreiflichkeit Helle und Wundervolle, das, was er sein ganzes Leben lang getan hatte, jetzt verlassen und wäre langsam zerronnen, um alles ringsumher zu erfüllen, er selbst aber war von einem scharfen Leiden, einem einsamen, unbesiegbaren, letzten Schmerz gepackt worden, der ihm seine scharfen Krallen einbohrte und ihn mit schrecklicher Wucht zu Boden drückte.
„A—a—a!“ schrie Lande mit schwacher, dünner Stimme in die Finsternis hinein.