Verwundert blickte ich mich um.In einer Ecke hockten vier Soldaten, qualmten aus kurzen Pfeifen und spielten fluchend Karten. Hinter einem breiten Tisch aber saß ein Kolonel, der bei meinem hastigen Eintritt behaglich schmunzelte und mir die Hand hinstreckte. In meiner Verwirrung legte ichmeineHand hinein, die er fest drückte.Dann griff er in die Tischschublade, nahm ein paar Silberstücke heraus und hielt sie mir hin.Ist heute die ganze Welt betrunken? dachte ich verdutzt, denn ich wußte nicht, was dies bedeuten sollte.»Was soll ich mit dem Gelde, Herr?«»Behalten sollst du's, mein Junge!« sagte der Kolonel. »Steck's nur ein!«Mißtrauisch tat ich, wie er mich geheißen hatte. Ich sah von einem zum andern — sie grinsten vergnügt.Mir kam der Laden unheimlich vor, und da ich mir sagte, daß meine Verfolger wohl inzwischen meine Spur verloren haben mochten, wandte ich mich zum Gehen.Da aber faßte mich der Kolonel jäh an der Schulter, ließ eine Reitpeitsche, die gleichfalls in der Tischschublade gelegen hatte, dicht vor meiner Nase vorbeipfeifen und schrie in gänzlich verändertem Ton: »Dageblieben! Nicht von der Stelle!«Ich sah mich abermals verwundert um — die andern grinsten noch vergnüglicher als zuvor.»Laßt mich gehen!« bat ich. »Was wollt ihr von mir?«»Du bist witzig, mein Söhnchen!« höhnte der Kolonel. Und zu den Soldaten gewendet, sprach er weiter: »Ihr habt es gesehen!«Mich packte Furcht und Entsetzen. Wollten sie mich einer Freveltat beschuldigen? Wußten sie schon von meinem Einbruch?»Washabt ihr gesehen?« stieß ich hervor.Da richtete sich der Kolonel feierlich auf, nahm den Khakihelm ab und sagte langsam: »Wie du dich soeben durch Handschlag und Annahme des Werbegeldes freiwillig der Armee unseres mächtigen Königs verpflichtet hast!«»Das ist eine Lüge!« tobte ich. »Das ist —«Ehe ich den Satz aussprechen konnte, brannte mir schon ein Schlag der Reitpeitsche im Gesicht. Die Soldaten packten meine Arme — ich konnte mich nicht rühren.Der Whiskydämon hatte meinen Kopf verlassen, ich war plötzlich pudelnüchtern.Dicht vor meinem Antlitz funkelten die falschen Augen des Kolonels, und ich hörte seine Stimme zischen: »Wirst schon mürbe werden, mein Jungchen!«Die Soldaten banden mir die Hände und setzten mich auf einen Stuhl.»Aber ich schwöre euch, daß ich nicht Soldat werden wollte ...,« wimmerte ich.»Das hättest du dir früher überlegen sollen!«»Ich versichere euch, daß —«»Maul halten!! Der Soldat hat nur zu sprechen, wenn ihn seine Vorgesetzten fragen! — Wie heißt du?«Der kreischende Ton schüchterte mich ein, tonlos erwiderte ich: »Ich heiße Maharabatigolamatana — mein Vater rief mich "Galgenstrick"!«Die fünf wieherten vor Lachen.»Ruhe!!« brüllte der Kolonel, worauf die anderen mäuschenstill wurden. »Also Galgenstrick! — Schöner Name! Bist nicht der einzige Galgenstrick in unserer Armee!«Er ging, die Hände in den Taschen, rauchend im Zimmer auf und ab. »Den hätten wir!« sagte er.Ich machte einen letzten, verzweifelten Versuch. »Aber so laßt euch doch erklären, Herr —«»Noch ein Wort, und ich lasse dich prügeln, daß kein Fetzen Haut an dir heil bleibt!«Ich senkte den Kopf. Alles Gefühl hatte meinen Körper verlassen, ich spürte mich selbst nicht mehr. Eine stumpfe Gleichgültigkeit war über mich gekommen, — mochten sie mit mir machen, was sie wollten.Nur unklar dachte ich an Malatri, die Brillenschlange, die in meine Lehmhütte zurückkehren würde, wie sie es gewöhnt war, und mich nicht mehr finden würde ... heute nicht ... morgen nicht ... nie wieder ...Und wenn ich nicht meinen schändlichen Überlistern einen solchen Triumph mißgönnt hätte, so hätte ich jämmerlich geweint.»Führt ihn ab!« befahl der Kolonel und deutete lässig mit der Reitpeitsche auf mich.Und während sie mich derb vorwärts stießen, öffnete sich die Ladentüre und herein taumelte — Jim Boughsleigh.Ein Freudenschrei entfuhr mir. Schiwa hat mir den Retter gesandt.»Jim!« jauchzte ich, und neue Hoffnung wärmte mein Herz, »Jim, edler Freund, sage du es ihnen, daß ich nie und nimmer Soldat werden wollte!«Und nun geschah das Unfaßbare, nun sollte ich erfahren, daß ich die Schlechtigkeit der Weißen noch weit unterschätzt hatte, und daß der Biß der giftigsten Schlange Balsam ist, verglichen mit dem falschen Kuß eines Weißen.Denn Jim erhob seinen Fuß, trat nach mir Wehrlosem, spuckte aus und grölte:»Was sagt das braune Schwein? — Glaubt mir, Kolonel: aufmeineVeranlassung hat er sich anwerben lassen —meinVerdienst ist es!«Da sah ich, daß das Schicksal beschlossen hatte, mich von der Heimat zu trennen. Ich gab jede Hoffnung auf. Meine Glieder zitterten — ich verlor die Kraft, mich aufrechtzuhalten — ich gab mir die größte Mühe, Herr meiner selbst zu werden — umsonst, ich fiel zu Boden, schlug mit den zusammengeschnürten Händen um mich. Schaum trat vor meinen Mund.Wie durch einen Nebel schaute ich, wie sich Jim Boughsleigh die Silberstücke auszahlen ließ, die als Belohnung für die Anwerbung eines Farbigen ausgesetzt sind — dann schüttelten mich Krämpfe, mein Kopf stieß wider eine harte Spitze, und — und —»Schwester! Schwester!« schrie ich erschrocken und klingelte wie besessen.Der Kranke war mitten im Satz bewußtlos in die Kissen zurückgesunken. Das Klingelzeichen aber erweckte ihn, er versuchte unter wildem, mir unverständlichem Kreischen aus dem Bett zu springen.Unter Aufbietung aller meiner Kräfte gelang es mir, den Rasenden, der geifernd nach meinen Händen biß, ins Bett zurückzupressen, bis die Schwester mit einem Wärter kam.Die Schwester warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts, sondern wandte sich sogleich dem Kranken zu, dessen Geschrei langsam in ein erschöpftes Wimmern überging.Ich stopfte meine Notizen in die Rocktaschen und eilte, den Arzt vom Tagesdienst zu holen.»Soso,« meinte dieser, »der Inder auf Nummer achtundneunzig! Ein böser Fall! Der wird wohl das Ende des Krieges kaum erleben! — Scheußliche Sache, der Krieg!«Während der Arzt sich erhob, um nach dem Kranken zu sehen, telephonierte ich ein Auto herbei.Merkwürdige Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich diesmal die Reinschrift ausführte. Und öfter als einmal blieb, wenn ich aufsah, mein Blick auf dem Plakat haften, das meine Frau kürzlich einem Hausierer abgekauft und über meinen Schreibtisch genagelt hat, und das in dicken Buchstaben verkündet: »Gott strafe England!«Und ich dachte mir: das unverständliche Gekreisch, das Mister Galgenstrick in seinem Fieberanfall ausgestoßen hatte, wird wohl nichts anderes gewesen sein als eine etwas ausführlichere indische Umschreibung dieses zum geflügelten Worte gewordenen Satzes.Bis tief in den Morgen hinein arbeitete ich. Ich brauchte wenig an »Galgenstricks« Worten zu ändern, denn er erzählte mit einer überzeugenden, naiven Anschaulichkeit.Nur in zwei Punkten bekenne ich mich schuldig, Korrekturen vorgenommen zu haben: ich habe manche sprachliche Bilder, die nur einem Inder verständlich sein können, durch annähernd entsprechende Bilder aus der deutschen Gefühlswelt ersetzt, und — ich habe einige allzu drastische Äußerungen »Galgenstricks« über uns Weiße schonend gemildert.Denn ich halte es nicht für denausschließlichenDaseinszweck des Lesers, sich zu ärgern.Ehe ich am nächsten Tage den Kranken aufsuchte, ging ich zuDr.Heßberg, um mich nach des Patienten Befinden zu erkundigen.Dr.Heßberg war sehr böse und überschüttete mich mit Vorwürfen. »Wenn man nur euch verflixten Laien nicht mehr in Lazarette hineinließe!! Da schwänzeln gewisse Herrschaften in den Krankensälen herum, die nicht das geringste dort zu suchen haben, regen uns mit ihren Gaben und ihrem Geschwätz nur unnütz die Patienten auf — zum Donnerwetter, ein Kranker ist ein Kranker und keine Sehenswürdigkeit!«Zerknirscht ließ ich die Strafpredigt über mich ergehen.»Und worin besteht mein Verbrechen?« frug ich, alsDr.Heßberg beim Amen angekommen war. »Ich habe überhaupt kein Wort mit ihm geredet, habe mir ruhig erzählen lassen, ohne ihn zu unterbrechen!«»Das fehlte auch gerade noch, daß du einen Kranken durch Widerspruch reizen würdest! Es war schon eine Mordsdummheit, jawohl, eineMordsdummheit, daß du ihm die indischen Bilder brachtest! Man kann sich dem Bett nicht mehr nähern, ohne daß der Kerl aus Angst um seine Bilder rabiat wird! Das nennt ihr Laien nachher, dem Kranken "eine Wohltat erweisen"! Ich werde noch den Antrag stellen müssen, jedem Lazarettbesucher beim Eintritt die Taschen mit Röntgenstrahlen zu durchleuchten!«ObwohlDr.Heßbergs Reden durchaus nicht schmeichelhaft für mich waren, freute ich mich über sie. Sah ich doch daraus, wie besorgt er um das Wohl eines jeden einzelnen Patienten war, und ich sagte mir: O möchten doch die Ärzte im Lager unserer Feinde den in Gefangenschaft geratenen, verwundeten Feldgrauen ebensoviel sorgende Liebe widmen wie ein deutscher Arzt einem kranken Wilden.»Also ich verspreche dir, dem Kranken nicht mehr die geringste Kleinigkeit mitzubringen!«»Dazu würdest du auch gar keine Gelegenheit haben! Denn es kann selbstverständlich keine Rede davon sein, daß du ihn wieder besuchst!«»Aber erlaube, das ist denn doch —«»Bitte, ich bin der Arzt — da gibt es keine Widerrede!«Wir trennten uns verbittert.Das war ja eine nette Eröffnung, die mirDr.Heßberg gemacht hatte. Also ich sollte die Fortsetzung von Mister Galgenstricks Erlebnissen nicht mehr erfahren. Das schmerzte mich tief. Nicht etwa weil bei mir plumpe Neugier nach Stillung gierte, sondern ich hatte ein warmes, rein menschliches Interesse an dem armen Teufel gewonnen, und mir war nun zumute, als sollte ich einen freudig gewonnenen Schützling für immer aus den Augen verlieren.Ich schloß die Blätter, auf denen ich seine Erlebnisse aufgezeichnet hatte, in das unterste Fach meines Schreibtisches — in das Fach, in dem meine unvollendeten, endgültig aufgegebenen Arbeiten ruhen, die ich scherzhaft meinen »Nachlaß zehnter Band« zu nennen pflege.Acht Tage später — ich hatte mich halbwegs beruhigt — klingelte michDr.Heßberg telephonisch an.»Hallo??«»Jawohl! Schrei nicht so! Hier Heßberg.«»Wie geht's Mister Galgenstrick?«»Besser! Du — er will dich sprechen!«»Aha! Siehst du, ich bindochnicht so schlecht, wie du mich hingestellt hast!«»Eingebildet, wie alle Schriftsteller! Wenn du mir ihn aber wieder aufregst —«»Weiß schon!«»Spaß beiseite, ich bitte dich in allem Ernst —«»Sehr richtig!«»Ich lege den allergrößten Wert darauf, daß —«»Und wie geht's deiner Frau?«»Scheusal! Also sei vernünftig, und —«»Auf Wiedersehen!«»Adieu, — verzeihe, das Wort darf man ja nicht mehr gebrauchen: Leb wohl!«Dieses Telephongespräch fand um drei Uhr mittags statt, — um halb vier war ich bei Mister Galgenstrick.Ich fand ihn ruhiger, als ich gehofft hatte. Er begrüßte mich lächelnd und schien sich zu freuen. Er »schien«, — denn bei diesem Menschen, der sein Mienenspiel eisern in der Gewalt hielt, mußte man sich aufsErratenseiner stummen Empfindungen beschränken.»Wie fühlst du dich, Galgenstrick?«»Der Doktor ist gut,« antwortete er ausweichend. »Aber heiliger Kuhmist wäre besser!«»Du hast nach mir verlangt?«»Ja, ich will dir weiter erzählen.«»Strengt es dich auch nicht zu sehr an?«»Darauf kommt's nicht mehr an. Das Schicksal tut, was es will.«Er ließ sich von mir das Kopfkissen tiefer in den Rücken schieben, so daß er halb aufgerichtet lag, und erzählte:Ich hatte unklar gesehen, wie Jim Boughsleigh sein Sündengeld einschob. Möge er an dem Whisky, den er sich dafür kaufte, erstickt sein! Mögen ihn die wilden Hunde gefressen haben!Dein Gesicht, Herr, sagt mir, daß dir meine Verwünschungen mißfallen. Ich weiß, ihr Weißen sagt, man soll seinen Feinden verzeihen, und ich will gerne glauben, daß ihr eure Kanonen nur zu diesem Zwecke baut. Auch wir Hindus verzeihen unseren Feinden, nur schlagen wir sie gerne vorher tot.Ich könnte dir nun mit Leichtigkeit vorlügen, daß es mir die erste Zeit in der Kaserne sehr schlimm ergangen sei. Aber ich will niemanden schlechter machen, als er ist. Bei den Engländern habe ich das auch gar nicht nötig.Nein, es erging mir besser, als ich es erwartet hatte. Man brachte mich mit vielen anderen Hindus in einem großen Hause unter, das einen weiten kahlen Hof einschloß. Des Nachts stand uns ein Zimmer zur Verfügung, in dem ehemals zehn weiße Soldaten gewohnt hatten, und da wir nur zu achtzig darin zu schlafen brauchten, fühlten wir uns ganz wohl, und wenn wir unsere Beine bis an die Schultern hochzogen und den Kopf dazwischen steckten, hatten wir bequem Platz.Es gefiel mir auch, daß man in diesem Hause nicht, wie es sonst Sitte bei den Weißen ist, die schuldlosen Tiere tötete, sondern die Wanzen und Ratten durften sich nach Herzenslust vermehren.Anfangs hatte man uns Strohsäcke zum Schlafen gegeben, aber der Hindu schläft nur, in eine Decke gewickelt, auf dem Fußboden. Es ist dies auch praktischer, denn die Strohsäcke muß man von Zeit zu Zeit reinigen, den Fußboden aber nie.Meine Befürchtung, daß ich mit Mohammedanern oder Weißen in einem Raum weilen müsse, erwies sich als unbegründet. Schmerzlich allerdings war es mir, einem Angehörigen der Kriegerkaste, mit HindusniedrigerKasten gemeinsam hausen zu müssen, und es dauerte eine Weile, bis ich imstande war, diese Schmach als eine Fügung des Schicksals geduldig zu ertragen.Das Essen war reichlich und wir durften uns die Tiere von den Brahmanen, die unter uns waren, schlachten lassen, wie überhaupt die Engländer sich so wenig umunsereReligion kümmerten wie umihre eigene.Nun, ich will es dahingestellt sein lassen: gaben sie uns so viel zu essen, um unsere Freundschaft zu gewinnen, oder gaben sie es uns in derselben Absicht, in der sie ihre Gänse mästen? Sonst war das Leben nicht ganz so schön, wie es mir Jim Boughsleigh in Aussicht gestellt hatte. Am frühen Morgen trieb man uns in den Hof, stellte uns in Reihen, und dann mußten wir alles machen, was uns der Offizier befahl. Sonst gab es Prügel.Der Offizier sagte oft, daß er es gut mit uns meine, und hatte dabei die Hand am Revolvergriff.Manchmal drohte ich vor Erschöpfung umzusinken, dann bekam ich einige Peitschenhiebe und war wieder munter. Ich fügte mich in mein Los, und wenn der Offizier mich anschrie, so dachte ich mir »Rutsche mir den Buckel entlang, o Herr,« und auf diese Weise kamen wir ganz gut miteinander aus.Also lernte ich die Kriegskunst. Manches freilich verstanden wir Hindus weit besser als unsere Lehrmeister, zum Beispiel, wie man lautlos auf dem Boden schleicht. Ich lachte innerlich, wenn ich unseren Vorgesetzten dies vormachen sah, und sagte mir: »Die englischen Soldaten gäben schlechte Einbrecher. Nun vielleicht ist in England die Kaste der Diebe für die höheren Diplomaten reserviert.«Aber ich lernte vielerlei Neues. Um nur eines zu erwähnen: ich wußte noch nicht, daß man den Patronen, ehe man sie in die Gewehrläufe schiebt, die Spitze abbrechen muß. Ich wunderte mich darüber und fragte den Offizier, warum dies geschähe, und er klärte mich auf: »Das steht so im Völkerrecht!«Überhaupt klärte uns der Offizier gründlich auf — mit Vorliebe darüber, was die Deutschen für böse Dämonen sind und daß sie ohne jeden Grund den Krieg angefangen haben und daß sie schon seit vielen Jahren daran arbeiten, das harmlose England einzukreisen.Und daß deshalb alle Kulturvölker auf Englands Seite getreten seien, zum Beispiel die Serben und die Zuaven, und auch alle freiheitsliebenden Herrscher, zum Beispiel der Zar.Und indem er sich an die mohammedanischen Regimenter wandte, fuhr der Offizier fort: »Deshalb hat auch der Sultan den Heiligen Krieg gegen die Deutschen erklärt!«Von dem vielen Geld, das man mir als Lohn versprochen hatte, bekam ich nichts zu sehen und ich hätte mir kaum das zum Leben notwendige Opium für meine Pfeife kaufen können, wenn ich mir nicht manchmal kommandiert hätte: »Hände in fremde Taschen — marsch, marsch!«Auch der Hindu braucht in seinen freien Stunden eine Zerstreuung, sonst sinkt er auf die Stufe eines Weißen herab. Die Araber haben, wie man mir erzählt hat, ihreMärchenerzähler, die Engländer haben ihreZeitungen. Sie zwangen auch uns, sie zu lesen, und wir erfuhren daraus, wie die Deutschen überall besiegt werden, und wie besonders dieRussenzwei furchtbare Waffen haben: die Masurischen Seen und den strategischen Rückzug.Und daß in Deutschland furchtbare Hungersnot herrscht. Dies konnte ich nicht begreifen. Denn da sich die Deutschen doch nachts in Frösche verwandeln, brauchen sie bloß Fliegen zu fressen, um sich zu sättigen.Ich befragte den Offizier über diesen Punkt, und bereitwillig klärte er mich wieder auf: die deutschen Fliegen ziehen im Herbst nach Afrika und kehren erst im Frühjahr zurück.Nun war mir die Sache klar.Ich erinnere mich auch, daß der Offizier eines Mittags eine Ansprache hielt, die folgendermaßen lautete: »Es ist mir zu Ohren gekommen, daß einige von euch die Spitzen ihrer Messer und Dolche vergiften. Ich mache euch darauf aufmerksam, daß dies bei strengster Strafe verboten ist. Auch taugt euer Gift nichts. Wirksames Gift bekommt ihr in dem Zimmer neunzehn der Kaserne. Es kostet euch nichts und es gibt, so viel ihr wollt. Also merkt euch das Verbot!«Wir merkten es uns und gingen nach dem Zimmer neunzehn. —Die Sorge aber, die mich am schwersten in dieser Zeit bedrückte und mit dem Gewicht einer Kanone auf mir lastete, war diese: Der Hindu, der über das Meer fährt und aus seiner Heimat auswandert, verliert seine Kaste. Und dieser Verlust ist schlimmer als der Verlust des Lebens.Denn wenn du stirbst, so verläßt du nur den Leib, der nicht viel wert ist und nur dazu dient, dir Schmerzen zu bereiten und dich in Versuchung zu führen. Deine Seele aber zieht in einen neuen Leib ein, und nach dessen Verfall abermals in einen neuen.Es ist mit der Seele wie mit euch Weißen, wenn ihr eine Wohnung kündigt. Nur lassen wir unseren alten Leib gerne in einer besseren Verfassung zurück als ihr eure alten Wohnungen. Unsere Seele »zieht um« — und auch so einSeelenumzugist mit mancherlei Unannehmlichkeiten verknüpft, zum Beispiel dem Todeskampf.Die Seele kann nicht verloren gehen, wohl aber die Kaste. Und wenn du sie nach der Rückkehr in die Heimat wiedergewinnen willst, so mußt du dich schweren Gebräuchen unterziehen, den Göttern große Opfer darbringen — und noch größere den Priestern. Aber das versteht ihr Weißen nicht.Doch auch diese Sorge nahm uns unser Offizier vom Rücken, der uns beinahe so viel vom Rückennahm, wie er uns daraufgab.Denn er versicherte uns: »Ihr braucht ja gar nicht über das Meer zu fahren! Die Deutschen sind schon so gut wie vernichtet, und ihr werdet deshalb nur zum Schutze des inneren Indiens verwendet.«Diese Auskunft erfreute uns doppelt, weil ein seltsames Gerücht in Bombay die Runde machte. Einer erzählte es dem andern, und als die englische Regierung es gar dementierte, wußte jeder, daß es wahr sei.Es hieß nämlich, draußen auf dem Meere huschten Schiffe der deutschen Dämonen, kleine Kreuzer, und sie führten spitze, eiserne Fische mit sich an Bord, die sie unter Blitz und Donner gegen die feindlichen Schiffe anschwimmen ließen. Die Fische aber fräßen sich mit der Schnelligkeit eines Wetterleuchtens durch die dicksten Schiffswände hindurch und platzten von diesem Fraße. Und rissen bei diesem Platzen alles mit sich in die Luft.Die Ahnung eines solchen Schicksals aber muß einen jeden frommen Hindu mit Grauen erfüllen, denn wie kannst du einen Leichnam verbrennen, der auf dem Meeresgrund liegt?Wir dankten deshalb den Göttern, als wir erfuhren, daß wir nicht über das Meer zu fahren brauchten.Während der ersten Wochen unserer Übungen in der europäischen Kriegskunst durften wir die Kaserne nicht verlassen. Vielleicht fürchteten die Engländer, daß wir ebenso freiwillig, wie wir in ihr Heer eingetreten waren, auf unseren Spaziergängen wieder aus dem Heer austreten würden. Als sie aber glauben mochten, unseres Gehorsams sicher zu sein, ließen sie uns für die Dauer etlicher Abendstunden in die Stadt hinab.Zuvor aber ließen sie uns auf die Treue gegen ihren König vereidigen. Wir mußten uns auf dem Hofe aufstellen, ein Brahmane sprach in unseren Dialekten die Eidesformel vor, die wir unter unseren Zeremonien bekräftigten. Und ich glaube, wenn die Engländer die Eidesformel verstanden hätten, die uns der Brahmane vorsagte, hätten sie ihn am höchsten Galgen aufgeknüpft.Wir aber befolgten die goldene Regel, feierlich ernst zu bleiben, wenn uns das Lachen kitzelt, und so ging die Vereidigung ohne Zwischenfall vorüber.Die Engländer waren sogar sehr zufrieden mit unserer Eidesleistung. Wenigstens hörte ich beim Wegtreten, wie ein Kolonel zum andern sagte: »Der Eid war das reinste russische Ehrenwort!«Nach uns wurden die mohammedanischen Truppen vereidigt, aber ich ersparte mir den Anblick, denn in meinen Augen gelten die Bekenner Mohammeds als ebenso unreine Rasse wie die Weißen.Zunächst verschmähte ich es, von der Erlaubnis des Ausgangs Gebrauch zu machen. Ich war des Abends müde, auch fühlte ich keine Sehnsucht, Menschen vom Schlage Jim Boughsleighs zu begegnen. Ich brachte meine freie Zeit mit Beten und Nachdenken zu.Ihr Europäer mögt uns in mancher Fertigkeit überlegen sein — in der Kunst, einsam zu sein, seid ihr nur Stümper, wir die Meister. Ein Mensch, der nicht spricht, ist euch unheimlich, und wo ihr nur könnt, sucht ihr die Gesellschaft von Menschen auf, die schwatzen und lärmen. Dies kommt daher, weil ihr euch nicht nur vor eurenMitmenschenfürchtet, sondern noch weit zitternder vor euch selbst! Und ihr habt alle Ursache dazu. Denn wie es giftige Tiere gibt, die am Tage sich in ihre Nester und Höhlen verkriechen und nur des Nachts zu ihrem listigen Treiben erwachen, so schlafen auch eure bösen Triebe in dem Tageslicht des Beobachtetwerdens, — in der Einsamkeit aber erwachen sie und fallen euch selbst an.Ihr bestaunt den Fakir, der, um seine Seele zu vervollkommnen, auf einem Bett von aufrechtstehenden spitzen Nägeln ruht, — ihr selbst aber zerfleischt euch tagein, tagaus mit Reden, die spitziger und rostiger sind als die Nägel des Fakirbettes. Und glaubt ihr, daß sich eure Seele dabei vervollkommne? — Euer Mund ist ruhelos, weil es euer Herz ist! Und darum habt ihr es immer eilig. Ich aber, ein Hindu der Kriegerkaste, habe immer Zeit, weil ich weiß, daß ich eine endlose Kette von Leben zu leben habe, und was ich heut nicht kann besorgen, besorge ich vielleicht in fünfhundert Jahren. Wenn es das Schicksal will.Aber weshalb erkläre ich das alles? Du bist nur ein Weißer und kannst niemals ein Hindu werden. Ich sage es dir auch nur, damit du besser meine Handlungen verstehst, — soweit ein Nichthindu überhaupt einen Hindu verstehen kann.Ich erzählte dir, Herr, daß ich es anfangs verschmähte, abends auszugehen. Aber mich kam die Sehnsucht an, wieder einmal meine Glieder in einen der heiligen Teiche zu tauchen, wieder einmal in einem Tempel zu beten und das Glück zu genießen, daß eine heilige Kuh aus meinen Händen fresse.Also verließ ich eines Abends die Kaserne. Als ich durch die Straßen schritt, sah ich, daß die Engländer nicht zu sorgen brauchten, ein Hindu könne freiwillig aus dem Heer austreten, denn an allen Ecken standen Wachen, und zumal zum Hafen konnte kein Lebender gelangen.Ist es dir schon einmal begegnet, daß dir eine Stadt, die du liebtest und zu kennen glaubtest, plötzlich über Nacht fremd geworden war? Als ich durch die Straßen wandelte, rieb ich mir immer und immer wieder die Augen: war das noch Bombay? Wohl standen die Häuser, die Hütten, die Bäume noch an ihren Plätzen und ich hätte jeden im Traum zu finden vermocht —, aber mir war, als sei eine unerklärliche Veränderung mit ihnen vorgegangen. Eine unsichtbare Mauer hatte sich zwischen mir und meiner Vaterstadt getürmt, und ich empfand ein Frösteln, als sei ein Freund, dem ich mich ganz zu eigen gab, unerwartet einer Frage meiner Seele die Antwort schuldig geblieben, so daß ich den breiten Strom sah, der alle Menschen trennt und über den es keine Brücke gibt.Am Ufer des heiligen Teiches, an dem Jim Boughsleigh seine Angel nach mir ausgeworfen hatte, machte ich halt. Ich wusch mich nach der heiligen Sitte, und ich sah mit Betrübnis, daß die andern Hindus ihre Augen von mir abwandten. Auf den Bäumen saßen wohl die Affen, aber sie würdigten mich nicht, mit Früchten nach mir zu werfen — als ob auch sie dächten: »Verräter!«Ich schlich in einen Tempel, warf mich nieder und klagte den Göttern mein Leid. Die Bilder der Götter hörten mich ernst an: schon so viel Elend und Schmerz ist an ihr Ohr geklungen, daß du keine Wunde ihnen enthüllen kannst, die sie nicht schon tausendfach brennender gesehen hätten. Aber sie sind nicht wie die Menschen, deren Herz sich an die Klagen gewöhnt und sich verhärtet, nein, diegutenGötter haben für jeden neuen Aufschrei neues Mitleid bereit, wie die Dämonen für jedes neue Unglück neuen Hohn.So verließ ich gestärkt den Tempel, und freundlich blickten die Götterbilder mir nach, freundlicher als die Augen der Brahmanen und Tempeltänzerinnen, denn ich war mit leeren Händen gekommen.»Pst! Freund!« klang es zu mir, als ich die Stufen hinabeilte. Ein Mohammedaner, den ich ungern so nahe dem Heiligtum sah, hatte mich angerufen. Er schien mich erwartet zu haben, aber ich kannte ihn nicht. Was kümmern mich die verblendeten Bekenner Allahs? Ich verachte sie, und deshalb überhörte ich des Fremden Ruf und wollte meines Wegs gehen.Allein der Fremde ließ mich nicht so leichten Kaufs los, er sperrte mir den Weg und, ob ich wollte oder nicht, ich mußte ihm ins Antlitz blicken, und ich sah, daß in seinen Augen Klugheit und Güte wohnten. Er war ein sehniger, schlank gewachsener Mann, und wenn er ein Hindu gewesen wäre, hätte ich ihn nach seinem Begehr gefragt. Da er aber nur ein Mohammedaner war, suchte ich ihm auszuweichen.»Wischnu und Schiwa mögen dir gnädig sein!« grüßte mich der Mohammedaner.Einen so frommen Gruß durfte ich nicht unerwidert lassen. »Und dir deine Götter!« entgegnete ich.Er lächelte und mir fiel ein, daß die Bekenner Allahs ja nur aneinenGott glauben. Und da man sich immer ärgert, wenn man eine Dummheit gemacht hat, und ich niemand anderen zur Verfügung hatte, meinen Ärger an ihm auszulassen, so fuhr ich ihn an: »Erlöse mich von deinem Anblick, damit ich mich nicht verunreinige!«Ich hatte erwartet, daß er nun seinen Dolch ziehen werde, denn diese Menschen fühlen sich sehr leicht beleidigt, und ich hatte schon mein linkes Bein vorgeschoben, um ihn darüber stolpern zu lassen und ihn dann von hinten zu besiegen. Der Fremde jedoch sprach ruhig: »Du bist ein mutiger Mann und deshalb zu meinem Vorhaben geeignet. Und da du so leuchtenden Auges aus dem Tempel tratst, bist du auch eingläubigerMann und wirst die Beteiligung an einem frommen Werke nicht abschlagen.«Mich kniff die Neugier. Ich dachte nur: »Juckt er dich mit seinen rätselhaften Andeutungen, soll er dich auch mit einer deutlichen Aufklärung kratzen!«Auch war es mir so ungewöhnlich, daß ein Mohammedaner mich ansprach (denn sie lassen außer sich selbst nur noch die Christen und die Juden gelten), daß ich mich zu der Frage hinreißen ließ: »Ein frommes Werk? Sprich, was es sein soll!«Da schaute sich der seltsame Fremde vorsichtig nach allen Seiten um und flüsterte: »Nicht so laut! Wir wollen nicht stehenbleiben! Schreite neben mir einher, als ob wir Gleichgültiges sprächen!«Wir setzten uns in Bewegung. Ich konnte mir des Mohammedaners Benehmen und Absicht immer weniger deuten.»Bist du durstig?« frug er und zog eine Whiskyflasche aus dem Gewand.Da erinnerte ich mich daran, wie Jim Boughsleigh mich mittels dieses flüssigen Dämons zu umgarnen versucht hatte, und Empörung peitschte mich: »Wie? Du, dem seine Lehre den Wein verbietet, reichst mir solches Getränk? Lasse mich allein, denn wie könnte das Werk ein frommes sein, das du mit Hilfe eines Dämons beginnen willst?«Er lächelte wieder. »Hättest du getrunken, so wäre kein Wort mehr über meine Lippen gekommen, denn ich brauche einen nüchternen Mann!«Ich bewunderte die Schlauheit des Mohammedaners. Vielleicht handelt es sich um einen Einbruch? dachte ich. In diesem Falle hätte ich allerdings schweren Herzens absagen müssen. Denn nur noch eine Stunde durfte ich der Kaserne fernbleiben.»Sprich!« heischte ich kurz.Da trat der Fremde in den Schatten eines Baumes, und seine Lippen sprudelten: »Merke dieses Zeichen!« Er legte die drei mittleren Finger der rechten Hand über die Mittelfinger der linken und hob sie bis zur Stirn. »Hast du es gesehen?«»Ja!« Und ich konnte mich nicht enthalten zu fragen: »Wie oft hast du heute schon aus deiner Flasche getrunken?«Er lachte. »Ich trinke nicht, aber es ist mitunter nötig, sich betrunken zu stellen, ... solange die Engländer die Herren dieses Landes sind!« Bei den letzten Worten sprühten seine Augen so leidenschaftlichen Haß, daß ich mich ihm gesinnungsverwandt fühlte. Von diesem Augenblick an vertraute ich ihm, als hätte ich schon zwanzig Diebstähle mit ihm gemeinsam ausgeführt.»Wirst du das Zeichen nachahmen können?«Ich tat es.Wir traten wieder aus dem Schatten des Baumes und wanderten weiter.»So höre mich: Versuche, wenn mohammedanische Soldaten in deiner Nähe sind, unauffällig dieses Zeichen zu machen! Aber lasse es nie die Engländer sehen! Erwidert keiner meiner Brüder das Zeichen, so tue, als habest du nur eine unwillkürliche, spielerische Handbewegung gemacht. — Wenn dich aber einer mit demselben Zeichen wiedergrüßt, so gib ihm dieses!«Blitzschnell hatte er aus seinem Kleid ein versiegeltes Schreiben gezogen und es mir in eine Falte des Gewandes geschoben. Ich trat einen Schritt zurück, denn noch konnte ich mich nicht an die körperliche Berührung eines Nichthindus gewöhnen.»Lasse es nicht in die Hände der Engländer fallen!« zischelte er.Ich sperrte Nase und Mund auf. War das alles? Ein versiegeltes Schreiben? Und deshalb so viel Geheimtuerei?»Was bedeutet das Ganze?«»Ein frommes Werk! Die Götter werden es dir lohnen! Und die Engländer dich dafür verwünschen!«Ich wußte nicht, welche von beiden Belohnungen mir die begehrenswerteste dünkte.»Und ich soll es irgendeinem Mohammedaner geben?«»Irgendeinem, der das Zeichen kennt!«»Und wann soll ich zum ersten Male das Zeichen erproben?«»Sobald ihr auf hoher See seid!«Ich zuckte zusammen, — aber schon im gleichen Augenblick kam mir mein Schreck töricht vor.Diesmal war ich es, der lächelte, und ich sprach: »Auf hoher See? Wir kommen nicht übers Meer, wir werden nur in der Heimat verwendet!«Da schaute mich der Mohammedaner so tieftraurig an, daß mein Lächeln erstarb und Unruhe mir ins Herz zog.»Armer Freund!« klagte er und wischte sich mit der Hand eine voreilige Träne von der Wimper. »Armer Freund!«Als ich ihn so bewegt sah, geriet ich in solche Aufregung, daß ich hastig einen Zipfel seines Kleides ergriff und ihn bestürmte:»Was willst du damit sagen? Weshalb weinst du? Bei allem, was du verehrst, sprich, sprich!«Aber er wiederholte nur: »Armer Freund!«Und riß sich los und enteilte.Ich stand da, mit blitzenden Augen und wogender Brust. In der geballten Faust hielt ich die drei Rupien, die mir aus alter Gewohnheit in der Hand geblieben waren, als ich das Kleid des Fremden berührt hatte.War ich das Opfer einer Zauberei? War der Fremde ein böser Dämon gewesen?Doch nein, er hatte geweint.Aber vielleicht hatte auch ihn ein kluger Vater gelehrt, zu weinen, wenn sein Herz vor Freude sprang, und zu lachen, wenn der Schmerz ihn würgte.Sicher wußte er mehr, als er gesagt hatte.Mein Kopf wirbelte, — nein, ich wollte mit diesem Schreiben, das vielleicht eine Zauberformel barg, nichts zu tun haben, ich mußte es ihm zurückgeben. »Mein Freund,« rief ich und eilte in die Straße, in der er verschwunden war, »mein Freund ...«Aber ich fand ihn nicht mehr. Er mußte sich in irgendeinem der Häuser verborgen haben.Der Atem ging mir aus, und ich verlangsamte meinen Schritt.»Armer Freund« hatte er mich genannt. Sah er eine dunkle Zukunft voraus? Ahnte er Leiden, die mich treffen sollten und die er nicht von mir abwenden konnte? Verband uns beide ein verwandtes Geschick?Ich fühlte den Brief in meinem Kleide, und mein Verstand sagte mir: »Wirf ihn von dir! Zerreiße ihn, verbrenne ihn!« Zu gleicher Zeit aber klang es in mir: »Bewahre ihn gut! Es ist ein frommes Werk, zu dem du berufen bist!«Die Ruhe, die ich aus dem Gebet geschöpft hatte, war in peinvolle Beklemmung gewandelt, ich war in einen Irrgarten widersprechender Gefühle geraten, und wohin ich mich auch wandte, einen Ausgang zu finden, stieß ich auf dicke Mauern.Ich achtete nicht mehr auf die Richtung, die ich einschlug, und mein Instinkt führte mich den Weg zu meiner Lehmhütte, vor der ich plötzlich stand, ohne zu wissen, wie ich dorthin geraten war.Es war dunkel geworden, die Häuser standen wie ausgestorben, denn die Engländer hatten bei Kriegsbeginn einen Erlaß verkündet, der es den Eingeborenen verbot, des Abends Licht zu brennen. Auf diese Weise hofften sie, alle geheimen Zusammenkünfte verhindern zu können.An der Pforte meines kargen Heims strauchelte ich über einen plumpen Gegenstand. Ich bückte mich — und fuhr zurück: da lag Malatri, die Brillenschlange, und sie war tot. Erschlagen von rohen Händen.Ich warf mich nieder, preßte den armen Kadaver an mich, streichelte den zerschmetterten Kopf, so daß mir das geronnene Blut an den Fingern kleben blieb. Ich rief: »Malatri, Liebling meiner Seele, Genosse meiner Beutezüge, hörst du mich nicht? Erwache und richte dich auf! Ich will dir vom besten Reis bringen, ich will dir die süßeste Milch stehlen, ich will dir ein weiches Lager bereiten! Du sollst an meinem Hals schlafen, ich will dich bedienen wie einen Fürsten, — so vernimm doch den Ruf deines Freundes und gib ihm ein Zeichen!« ...Dies waren die Worte, die der Schmerz mir eingab.Aber die Seele, die in Malatris geschmeidigem Körper gewohnt hatte, ließ sich nicht mehr zurückrufen. Schon hatte sie in einem anderen Leibe ihre Stätte gefunden, vielleicht lebte sie in einer der Ratten, die über die Schwelle huschten und meine Klagen mit leisem Pfeifen begleiteten.Nun hatte ich nichts mehr, was mich an die Heimat fesselte. Mit der letzten Wurzelfaser war ich losgerissen aus dem Boden — gleichgültig, wohin man mich verpflanzen werde.Das Spielzeug des Schicksals ...Ich hob Malatri von der Erde, trug sie zu einem nahen, fließenden Gewässer und überließ sie den trägen Wellen.Verspätet traf ich in der Kaserne ein. Zu meiner Verwunderung blieb die erwartete Strafe aus, der Posten ließ mich passieren, ohne mich zur Rede zu stellen. Er lachte mir nur breit ins Gesicht, als wisse er ein spaßhaftes Geheimnis.Kaum aber hatte der Gott des Schlafes meine Lider angehaucht, da riß ein gellendes Trompetensignal uns alle empor. Und als wir aufblickten, stand in der Türe unser Offizier mit fünf Soldaten, und sie hielten ihre Revolver bereit.Wir waren den Anblick von Revolvermündungen zu sehr gewohnt, um unruhig zu werden, und dachten, es sei wieder einmal eine Nachtübung anberaumt. Als wir jedoch unsere Gewehre ergreifen wollten, sahen wir mit Erstaunen, daß sie heimlich weggeräumt worden waren.Ich mußte doch länger geschlafen haben, als ich geglaubt hatte.»Antreten im Hofe ohne Waffen!« befahl der Offizier und schnitt ein Flüstern, das sich erheben wollte, durch das Kommando ab: »Ruhe! Kein Wort!!«Wir alle mußten vor ihm den Raum verlassen, er folgte nebst seinen fünf Soldaten, ohne den Finger vom Revolverhahn zu nehmen, und es war nicht anders, als treibe er eine Herde vor sich her.Im Hofe aber sah es seltsam aus. Da standen zwei Regimenter englischer Soldaten mit geladenen Gewehren, und sie ließen uns nicht aus den Augen.Dem einen Regiment gegenüber standen die mohammedanischen Truppen, die im andern Flügel der Kaserne untergebracht gewesen waren. Ihnen fehlten, gleich uns, die Waffen.Dem zweiten Regiment gegenüber mußten wir uns aufstellen.Auf großen, mit Pferden bespannten Karren lagen unsere Gewehre.Kein lautes Wort fiel, selbst die Befehle wurden halbleise erteilt, als gälte es, sie vor unberufenen Lauschern geheimzuhalten.Waren wirklich alle so bleich, oder sog der Schein des heiligen Mondes die Farbe aus ihren Wangen?Die englischen Soldaten marschierten auf uns zu, nahmen unseren Zug in die Mitte, und nun ging es hinaus in die Nacht, — rechts und links von schußbereiten Wächtern behütet.Im Zickzack führten sie uns durch die Stadt, deren Straßen von Menschen gesäubert worden waren. Nur die Schritte hallten, und auch sie waren gedämpft wie bei euren Leichenzügen.Ja, es war ein Leichenbegängnis. Die Versprechungen, die sie uns und den Mohammedanern gegeben hatten, trugen sie zu Grabe, und uns alle stießen sie mit hinab in die Gruft.Wir sahen den Hafen vor uns, der angefüllt war von englischen Soldaten, und ein großes Schiff stand bereit, uns aufzunehmen.Zuerst wurden unsere Gewehre verladen. Alles so lautlos, wie in einem Schattenspiel.Und ich selbst kam mir vor wie leblos — ich sah, was geschah, aber ich hatte die Empfindung dafür verloren. Ich sah, wie die Mohammedaner über die Bretter schritten, die den Steinboden mit dem Schiff verbanden, ich sah, wie ihr Zug in einer Treppenluke verschwand — ich fühlte keinen Schmerz. Ich setzte mich in Bewegung, als die Reihe an uns gekommen war, willenlos wie ein Tier.Als ich über die Bretter marschierte, versagten meine Knie den Dienst, ich fiel. Aber ein Stoß mit dem Gewehrkolben in den Nacken brachte mich wieder auf die Beine.Im Aufspringen sah ich den Mond über mir stehen. Und mir war, sein Antlitz ähnele dem fremden Mohammedaner, dessen Schreiben ich im Gewande trug, und er weinte.Und eine weiße Wolke schob sich vor ihn, um die Träne an seiner Wimper zu trocknen.Gerade wollte ich eine Pause des Atemholens dazu benutzen, »Galgenstrick« mit der sanften Frage zu unterbrechen, ob ihn das Erzählen nicht anstrenge, als er selbst hüstelnd sprach: »Wenn es dir recht ist, o Herr, lasse mich schließen für heute!«Natürlich war es mir recht.Um aber Mister Galgenstrick nicht in gar so trüber Stimmung zu verlassen, plauderte ich noch ein wenig von gleichgültigen Dingen.Er hörte mir die ersten paar Sätze geduldig zu, dann sagte er: »Ihr Weißen redet, ohne zu denken!« drehte sich im Bett herum, und soweit die Bettdecke erkennen ließ, nahm er eine Körperstellung ein, die selbst der optimistischste Optimist nicht als Ehrenbezeigung deuten konnte.Ich mußte ob dieser Pantomime so herzlich lachen, daß Mister Galgenstrick sich wieder zurückdrehte und, angesteckt von meiner Heiterkeit, mir grinsend die Zähne zeigte.Und so hatte ich doch meine Absicht erreicht, ihn vor meinem Abschied in heitere Laune zu versetzen.Als ich am nächsten Mittag in das Lazarett kam, sagte mir auf dem Flur die Krankenschwester: »Mister Galgenstrick ist, seitdem Sie ihn besuchen, braver — aber heute nacht war er wieder sehr ungezogen!«»Was hat er denn angestellt?«»Er hat sich selbst das Fenster geöffnet und die ganze Nacht hindurch die kalte Luft, die Gift für seine kranke Lunge ist, eingeatmet. Ich habeDr.Heßberg gar nichts davon gesagt, sonst hätte er den Patienten furchtbar zusammengeschimpft!«»Daran haben Sie recht getan, Schwester!«Übrigens hatte die kalte Luft meinem farbigen Freunde nicht viel geschadet — soweit mein Laienauge es beurteilen konnte.Er war recht vergnügt, legte bei meinem Eintritt die indischen Bilder, die er stundenlang zu betrachten pflegte, beiseite und begann nach einigen kurzen Begrüßungsworten lebhaft zu erzählen.Das Meer ist ein heiliges Gewässer, und es übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Besonders auf die Speisen, die man im Magen hat.Laß mich schweigen, Herr, von den ersten Tagen der Seefahrt. Wir glichen weniger einer Truppe, die in den Kampf gegen die Deutschen zieht, als einer Truppe, die aus dem Kampf mit den Deutschen kommt. Und wenn meine Seele jemals in den Leib eines Herings ziehen sollte, so weiß sie nun wenigstens im voraus, wie einem beim Eingepökeltsein zumute ist.Wir Hindus waren auch zumeiststummwie die Heringe. Wir sind keine Weißen, die stets das Bedürfnis haben, ihr »Herz« auszuschütten — wobei ich immer lebhaft an das Ausschütten einer Kehrichttonne erinnert werde. Und ich glaube, die meisten Europäer besitzen dieses Mitteilungsbedürfnis, nicht weil ihr Herz übervoll, sondern weil ihr Kopf überleer ist.Du fragst dich, warum ich dir meine Lebensgeschichte erzähle, da ich das Stummsein so lobpreise?Siehe, das ist eben der Unterschied: ihr werdet wortkarg, wenn ihr krank seid, ich werde auf dem Krankenlager gesprächig. Ihr haltet das Mundhalten für eine Krankheitserscheinung, ich das Schwatzen.— Die Fahrt schien endlos. Wohl hatte ich schon gehört, daß ferne unserer Heimat die Länder liegen, aus denen die Fremden zu uns kommen und uns ihre Waren schicken, aber nie hätte ich geglaubt, daß diese Länder so weit abseits lägen, daß das Meer so breit sei. Ich zermarterte mir das Gehirn mit der Frage, wozu ist das viele Wasser da, und ich kam zu der Lösung: die Götter haben es in ihrer Weisheit ausgeschüttet, damit ihr Weißen nicht so leicht und gefahrlos zu uns herüberkommen könnt. Das Meer ist der Stacheldraht des farbigen Mannes.Wenn ein Offizier zu uns Eingepökelten hinabstieg, fragten wir ihn nach dem Reiseziel. Der eine Offizier nannte »Ägypten«, der zweite »Frankreich«, der dritte »Belgien«, der vierte »Deutschland«.Ich sage: »wenn er zu uns hinabstieg«, denn wir Hindus durften nicht an Deck. Wir wurden verschickt wie eine Ware, und ich weiß nicht: berechneten uns die Engländer nach der Kopfzahl oder nach dem Pfund Lebendgewicht?Wir lagen im untersten Schiffsraum und ein Stockwerk über uns hausten die Mohammedaner. Eine Treppe verband uns. Manchmal kamen Mohammedaner zu uns herab und erzählten uns Neuigkeiten. Die Engländer sahen dies nicht gerne.»Woher weißt du diese Neuigkeiten?« stellte ich einmal einen Bekenner Allahs zur Rede, der mir mitgeteilt hatte, die Russen hätten die siebzehn Töchter des Deutschen Kaisers gefangengenommen. »Woher weißt du es, da wir mitten auf dem Meere sind? Haben es dir die Möwen zugetragen? Liest du es aus den Zickzackbewegungen der Fische?«Er hielt mir darauf eine große Rede über ein Ding, das er »drahtlose Telegraphie« nannte und das ein Engländer namens Marconi erfunden habe. Ich ließ den dummen Schwätzer stehen.Ich weiß, daß ihr Weißen viele Geheimnisse erforscht habt: Ihr habt ein Glasinstrument, das ihr »Thermometer« nennt und mit dem ihr das Wetter macht; ihr habt ein Blechrohr, in das ihr eure Musik eingesperrt habt und aus dem ihr sie herauslaßt, wenn andere Menschen schlafen wollen; und obwohl dieses Blechrohr, das ihr »Grammophon« nennt, keine Nase hat, singt es doch durch die Nase; ihr seid pfiffig und stehlt der Natur gewandter ihre Geheimnisse als ich euch die Taschenuhren, — aber solchen Unsinn wie »drahtlose Telegraphie« dürft ihr einem Hindu nicht vorschwatzen!Nein, ich glaube nicht an solche Taschenspielerkünste und ich bin überzeugt, die sogenannten drahtlosen Kriegsberichte der Engländer entstehen auf eine ganz andere Weise, nämlich indem sie einfach fern vom Schlachtfeld erfunden werden.Und das haben mir später meine Erfahrungen auch bestätigt.Am dritten Tage der Seefahrt gab es einen großen Tumult auf dem Schiff.Es war um die Mittagszeit, das Meer lag leise atmend wie ein schlafendes Mädchen und schien sich selbst im Schlummer unbewußt zu schämen, daß wir es durch die Fensterluken beobachteten.Ein sanfter Wind fächelte von ihrer Stirne die Möwen, die ich die Mücken des Meeres nennen möchte.Da hörten wir plötzlich, wie die Engländer auf dem Verdeck des Schiffes durcheinander schrieen, wie sie aufgeregt hin und her liefen, bis schneidende Kommandostimmen Ordnung in den Wirrwarr brachten.Ein Mohammedaner stürzte auf uns zu und tobte: »Ein deutscher Kreuzer ist in Sicht! Wir sind alle verloren!«»Hat er explodierende Metallfische bei sich?« erkundigte ich mich, aber er ließ sich keine Zeit, mir zu antworten. Er raste wieder die Treppe hinauf zu seinen Stammesgenossen.Ich hörte, wie die Falltüre geschlossen wurde, die uns von dem Verdeck absperrte: wir waren wie in einem Käfig gefangen.Ein Murren erhob sich, wilde Gedanken jagten sich in unseren Köpfen.Doch ein Brahmane stimmte ein Gebet an, wir ließen unsere Stimmen mitklingen und unsere Wünsche drangen zu den Himmeln empor, hindurch durch die Falltüre und die Planken des Schiffes.Wir Hindus flehten zu Schiwa, die Engländer flehten zu ihrem Gott, die Mohammedaner flehten zu Allah. Zu vielerlei Göttern, in vielerlei Sprachen schrie Menschennot nach Errettung, aber ich glaube, im Grunde war es ein und dasselbe Gebet.Als ich mein Gebet verrichtet hatte, trat ich an eine der Fensterluken, stieß die anderen, die mir den Platz streitig machen wollten, mit den Ellenbogen kräftig zurück und schaute auf den Ozean hinaus.Ein Rauchwölkchen stieg am Horizont auf, wuchs, kam näher, und es sah aus, als ob ein Schiff langsam aus den Wogen emporstiege: zuerst der Schornstein, dann das Deck, der Rumpf — und nun war das ganze Schiff sichtbar und lief auf uns zu mit der Schnelligkeit einer Ratte.Man konnte es im hellen Tageslicht deutlich beobachten.Da begannen die Maschinen unseres Schiffes laut aufzustöhnen, wir wurden von einem Ruck durcheinandergeworfen, und ein Wettrennen auf Leben und Tod begann zwischen den beiden Dampfern.Und ich sprach zu mir: »Wie es das Schicksal will, wird es geschehen. Will es das Schicksal, so bleibe ich am Leben, will es das Schicksal, so ertrinke ich. Mir ist beides recht. Wohl ist es betrüblich, daß ich nicht, wie meine Vorfahren, am Galgen sterben soll, daß ich die Tradition unterbreche. Und ich wollte, ich hätte erst das hilflose Ermatten überstanden, bei dem mir das Wasser in den Mund und Nase dringen wird, bis sich die Wellen gurgelnd über mir schließen! Möge das Schicksal meinen Todeskampf abkürzen!«Und wie ich, dachten wohl alle, alle, die an Bord waren. Ausgenommen vielleicht die Engländer, die die Rettungsboote in ihrer Nähe hatten.Ich ließ mein Leben an mir vorübergleiten und fragte: »Was hast du mir bisher geschenkt? Viele Prügel und manche hungrige Nacht, aber auch manchen wohlgelungenen Beutezug. Du hast mir manches böse Wesen in den Weg geführt, wie Jim Boughsleigh, aber auch manches gute Wesen, wie Malatri, die Brillenschlange. Ich bin so gut und so schlecht gewesen, wie es mir meine Vermögensverhältnisse erlaubten. Wenn ich einen ungekannten Feind hinterlasse, so tut es mir leid, daß ich sterbe, ohne ihn umgebracht zu haben; wenn ich einen ungekannten Freund hinterlasse, so tut es mir leid, daß ich seine Bekanntschaft nicht gemacht habe. Möge meine Seele in einem besseren Leibe, als es mein gegenwärtiger ist, zu neuem Leben erwachen, — und wenn es nicht in meiner Heimat sein darf, so möge es in einem Lande sein, wo die fremden Brieftaschen gefüllter sind und die Wächter sich eines gesunden Schlafes erfreuen!«Unser Schiff rannte durch die Wellen mit einer Schnelligkeit, die ich ihm niemals zugetraut hätte. Vor der Fensterluke spritzte der Gischt dicht empor, so daß ich nichts mehr sehen konnte. Und wenn ich nicht gewußt hätte, daß wir an Bord eines tapferen, unbesiegbaren englischen Schiffes wären, würde ich sagen: wir flüchteten.Jeden Augenblick erwartete ich, jenes explodierende Metallfischlein käme geschwommen und streckte seinen spitzen Eisenkopf durch die Schiffswand. Jeder Atemzug war mir eine Gnadenfrist.Wann kommst du, Tod?»Ich glaube, wir fahren langsamer,« sprach ein Hindu neben mir.Ich merkte auf und nun kam es auch mir so vor. Der Gischt vor dem Lukenfenster spritzte niedriger, das Stampfen der Maschine wurde leiser.Nun war auch der Blick über das weite Meer wieder freier — ich spähte, ich reckte mich hochauf: der deutsche Kreuzer war verschwunden.Vielleicht hatte ihn Schiwas Faust in das Meer gedrückt, wie man den Kopf eines störrischen Stieres niederdrückt.»Wir sind gerettet!« jauchzten die Mohammedaner über uns. Und umarmten sich.Wir Hindus aber blieben ernst, ein unhörbares Aufatmen befreite unsere Brust, unsere Glieder lösten sich aus dem Starrkrampf der Todesbeklemmung.Und wieder drangen die Gebete empor.Die Engländer dankten:Gotthat uns gerettet.Die Mohammedaner dankten:Allahhat geholfen.Die Hindus dankten:Schiwahat uns beigestanden.Die Engländer feierten die Erlösung aus Todesgefahr mit Sekt und Whisky.Die Mohammedaner feierten sie mit heiligen Gelübden.Wir Hindus feierten sie mit einem gesunden Schlaf.Und die Heizer an der Maschine bekamen einen Korb Wein vom Kapitän gespendet.Übrigens begegneten wir am nächsten Morgen abermals dem deutschen Kreuzer und es stellte sich heraus, daß es ein englisches Handelsschiff war, das bei unserem Anblick schleunigst davongedampft war, weil es uns für einen deutschen Kreuzer gehalten hatte ...So hatten wir uns gegenseitig bewiesen, daß Britannien das Meer beherrscht ...Schmerzlicher als unter dieser Stunde der Aufregung litt ich unter der langen Abgeschlossenheit in dem stickigen Schiffsraum. Uns Hindus, die wir so eng mit der Natur verwachsen sind, daß wir mit ihr eine große Familie bilden, von Sonne, Mond abzusperren — es war unerträglich. Ich fühlte mich lebendig begraben.Ich habe manchmal die Wahl gehabt zwischen einer Gefängnisstrafe und zwanzig Peitschenhieben auf mein Rückenende, und ich habe stets die Peitschenhiebe vorgezogen.Das haben die Weißen nie begriffen. In ihren Augen gibt es nichts Entehrenderes, als öffentlich geprügelt zu werden. Ich aber frage: Was hat mein Ehrgefühl mit meinem Popo zu tun? Was ist das für ein Ehrgefühl, das eine Peitsche mir rauben kann?Ihr könnt mich lahm geißeln, deshalb bleibe ich doch ein Hindu der Kriegerkaste. Aber wenn ihr auch alle Hindus ausrotten würdet, deshalb bliebet ihr doch nur Weiße. Da kann euch kein Mensch und kein Gott helfen.Ihr macht ein großes Wesen von eurem Ehrgefühl, zu dessen Verherrlichung ihr mannigfache Löcher in die Luft schießt, aber was wahrer Stolz ist, könntet ihr von dem ärmsten Hindu lernen. Ich will dir ein Beispiel geben: Wohl ist der Hindu euer Knecht, aber in seiner kärglichen Lehmhütte ist er der Herr, und sein Weib würde es nie wagen, sich in seiner Gegenwart zu setzen. Bei euch hingegen gebärden sich just diejenigen Männer als die Herren der Welt, die zu Hause den Mund nicht öffnen dürfen.Unseren Stolz beugt kein Richtschwert — euer Stolz zittert vor einem Pantoffel.Gerne hätte ich mir jeden Tag zehn Peitschenhiebe aufzählen lassen, wenn man mich dafür nur eine halbe Stunde auf Deck gelassen hätte! Ach, ich sah die Gestirne nur durch ein schmales Fenster, ich hörte nicht den Gesang des Windes, und wenn ich den Blick hob, sah ich über mir harte Schiffsplanken.Ich habe einmal einen weißen Knaben in Bombay gesehen, der sammelte Raupen. Er nahm sie von den blühenden Bäumen und sperrte sie in einen dunklen Pappkasten, in den er ein paar erbärmliche Luftlöcher gestoßen hatte. Mit diesen Raupen verglich ich uns.Und eines Nachts hielt ich es nicht mehr aus, ich mußte den Mond wieder einmal freien Auges sehen und mich überzeugen, ob er noch weinte?Meine Brüder schliefen den festen Schlummer des Sklaven, als ich mich erhob, unhörbar die Treppe hinaufzuschleichen. Unhörbarer noch, als ich damals im Hause der Lady die Stufen emporgekrochen war.Schon war ich an dem Stockwerk der Mohammedaner vorbei und schaute über mir die offene Falltüre. Ich sah den Vollmond mir zu Häupten und hob wie anbetend die Arme. Ich stieg höher und fühlte den Wind nach mir haschen. Und nun konnte ich auch einige Geräte auf dem Verdeck unterscheiden und erblickte den einen Schornstein des Schiffes.Die Luft war voller Dämonen, die sich winselnd balgten, und der Rauch, der dem Schornstein entqualmte, schnitt tückische Fratzen.Noch ein paar Schritte und ich mußte droben sein. Aber als ich vorsichtig den Kopf aus der Luke hob, spürte ich einen krachenden Schlag auf dem Schädel und hörte eine böse Stimme: »Willst du wohl drunten bleiben, Kanaille?«Da zog ich meinen Kopf schleunigst zurück.O, die Engländer hielten gute Wacht.Ich stieg bekümmert die Treppe hinab und setzte mich in stummer Klage auf eine Stufe.Der Schein einer elektrischen Taschenlampe traf mich von oben, ich schaute aufwärts und sah in der Luke der Falltreppe ein weißes Gesicht, das herabspähte und fluchend herunterspuckte.Dann ward es wieder dunkel.Mit verächtlichem Achselzucken erhob ich mich und setzte mich einige Stufen tiefer.Das war wieder eine echt englische Heldentat gewesen, einen Wehrlosen anzuspucken. Schule Jim Boughsleigh. Aber vielleicht verdienen es die Völker, die für Englands Habgier ihr Blut opfern, nicht besser.Wie lange ich auf der Treppe saß, kann ich nicht angeben. Meine Sinne flüchteten aus der harten Gegenwart in die freundlichen Gärten der Selbsttäuschung und ergötzten sich an dem Spielen mit eitlen Hoffnungen.Als sie zurückkehrten und ich mir wieder meiner Lage bewußt ward, war die Last meiner Sorgen doppelt schwer geworden. Ich stützte den Kopf in die Hände und wünschte: o möge doch das Schiff mit uns allen auf den Meeresboden sinken.Plötzlich fühlte ich mich beobachtet. Ich sah um mich und gewahrte einen Mohammedaner, der am Fuße der Treppe stand und wohl schon längere Zeit meinem Mienenspiel gefolgt war.Er starrte mich schweigend an. Soweit ich es im Dunkeln erspähen konnte, malte ich mir sein Bild: ein kleines Männlein, mit gebeugtem Rücken. Tiefe, ruhige Augen.Wir musterten einander eine Weile, ohne zu sprechen. Diesem wortlosen gegenseitigen Suchen zweier Unglücklichen haftete eine merkwürdige Feierlichkeit an.Wir prüften unsere Seelen mit den Blicken — zwei Freunde, die sich in tiefer Not begegnen und sich stumm verstehen.Ich legte die drei mittleren Finger der rechten Hand über die Mittelfinger der linken und hob sie zur Stirn.Gespannt harrte ich, ob der Mohammedaner das Zeichen erwidere?Er stieg gemessen die Stufen der Treppe empor, bis er dicht vor mir stand. Kein Zucken in seinem Gesicht, keine Bewegung verriet, was in ihm vorging.Mir war zumute wie in einem Tempel.Und ohne den Blick von mir zu lösen, vollführte er das geheimnisvolle Zeichen.Langsam ließ er die Hände sinken. Dann beugte er sich zu mir nieder und flüsterte das eine Wort: »Leise!«Er ahmte das Pfeifen und Rascheln einer Ratte nach — blickte nach oben — die Wache rührte sich nicht.Da setzte er sich neben mich auf die Treppe, — und nun war er nicht mehr der feierliche Mohammedaner mit den gemessenen Gesten, sondern ein gesprächiges altes Männlein, das hastig lispelnd mit mir plauderte, wie ein altvertrauter Bekannter.Ich merkte freilich wohl, daß er bei dem scheinbar sorglosen Plaudern mich eindringlich beobachtete, und ich glaube, er hätte bei der kleinsten verdächtigen Schwankung meines Tonfalls sich sogleich wieder in den unnahbaren Stummen zurückverwandelt.»Woher kennst du das Zeichen, Freund?« forschte er.»Einer deines Stammes hat es mich gelehrt.«»Wo?«»In Bombay.«»Wann?«»Am Tage, ehe man uns auf dieses Schiff brachte.«»Erzähle es mir genau!«Ich erfüllte sein Begehren. Er hörte mir ruhig zu, manchmal mit dem Kopf beifällig nickend, manchmal leise kichernd.Von Zeit zu Zeit gab er mir mit der Hand ein Zeichen, eine Pause zu machen, ahmte wieder die Ratte nach, blickte nach oben, und da keine Gefahr drohte, ließ er mich weiter sprechen.Als ich geendet hatte, sagte er:»Das war Abu-Kalib! Allah segne ihn! Und stärke ihn im Sterben, wenn ihn die Engländer erwischen!«»Wenn er dich kennt, weshalb gab er dann den Brief mir, dem Fremden, und keinem von euch?«»Schlauköpfchen! Weil kein mohammedanischer Soldat in Bombay auch nur für die Zeitspanne eines Augenblinzelns unbeobachtet blieb! — Wo hast du den Brief?«»Hier!«Ich zog ihn aus meinem Gewand, fühlte, ob das Siegel noch unverletzt sei, und reichte ihm das Schreiben.Er küßte es.»Ist bei euch unten eine Wache?« lispelte er.»Nein. Wozu auch?«»Pst! Leise, mein Freund!«Er faßte meine Hand und zog mich die Treppe hinab. Dabei quiekte er ein Rattenkonzert von erstaunlicher Naturtreue — die Wache oben rührte sich nicht. Vielleicht war sie eingeschlummert.Als ich am Eingang zu unserem Raume stand, zögerte ich einen Augenblick. War es nicht sündhaft, einen unreinen Mohammedaner in unser Lager zu führen? — Aber seufzend gestand ich mir, daß ich in den letzten Wochen unter dem Zwange des Krieges so oft hatte gegen unsere Sittengebote verstoßen müssen, daß mir die Götter wohl auch dieses Vergehen noch verzeihen würden.So traten wir denn auf den Zehenspitzen ein, stiegen über die Schlafenden hinweg, nach einer Fensterluke, durch die der Mond seine neugierigen Strahlen warf.In dieser Beleuchtung sah ich zum ersten Male den Mohammedaner deutlicher: die vielen Runzeln in seinem Gesichte zeugten von vollbewußt erlittenen, herben Lebensschicksalen. Und nun begriff ich auch, warum er beim Sprechen lispelte und das Pfeifen der Ratte täuschender als ein Hindu nachahmen konnte: er pfiff durch eine breite Zahnlücke.Ehe er das Schreiben öffnete, sah er mir scharf in die Augen.Ich verstand sein Mißtrauen, las in seinem Blick die Frage: »Bist du auch nicht von den Engländern bestochen?« und deutete als klarste Antwort auf das Zeichen Schiwas an meiner Stirn.Er nickte befriedigt und brach das Siegel auf.Und während er las, weiteten sich seine Augen, Entsetzen verzerrte sein Antlitz, er taumelte, ließ das Blatt sinken, als überstiege es das Fassungsvermögen seines Hirnes, weiter zu lesen.Ich erschrak und bereute es beinahe, ihm das Schreiben anvertraut zu haben.Am Ende war es doch kein heiliges Werk, wie mir Abu-Kalib beteuert hatte?Am Ende hatte ich mich zum Mitwisser, zum Mitschuldigen eines blutigen Frevels gemacht?Aber ehe ich diese Befürchtungen weiter denken konnte, fesselte mich wieder des Mohammedaners seltsames Benehmen.Er hatte das Schreiben dicht vor die Augen gehoben, so daß ich im Mondschein durch das Pergament hindurch die Umrisse seines Kopfes wie den gespenstischen Schatten eines Raubtierschädels sah. Nun senkte er das Blatt wieder und mir starrten die Züge eines Irrsinnigen entgegen. Er ergriff meine Hand mit seiner fiebernden Rechten, während er sich die Linke in den Mund preßte, um nicht aufschreien zu müssen.Ich stand erschüttert. Bis ich fühlte, wie sich der Druck seiner Hand löste und er aus seinem Krampfe erwachte.Und nun hing er an meinem Hals und weinte an meiner Brust — der alte Mann wie ein Kind.Ich wußte mir sein Weh nicht zu erklären, aber ich wagte nicht zu fragen. Ich legte meinen Arm um seinen gekrümmten Rücken, er zuckte zusammen unter dieser zärtlichen Bewegung, und nun hatte er sich wieder auf sich selbst besonnen.»Allah wird dich lohnen und dir die Wonnen des Paradieses schenken!« lispelte er. Und indem er auf die Reste des Siegels aus dem Fußboden wies, warnte er: »Entferne dies, lasse es die Engländer nicht finden! Es kann dich den Kopf kosten!«Ich bückte mich, las die Reste zusammen — und als ich mich wieder aufrichtete, war der Mohammedaner entwischt. Ich hörte von der Treppe her das Piepen einer Ratte — vermischt mit schluchzendem Kichern.Heute weiß ich, was in dem Schreiben stand: es war des Sultans Aufruf zum heiligen Krieg.Aber nicht zum heiligen Krieg gegen die deutschen Dämonen, wie die Offiziere gelogen hatten, sondern zum heiligen Krieg gegen die Engländer.Ich hatte die Reste des Siegels vom Boden aufgesammelt und, um sie sicher zu verbergen, verschluckt. Die Folge bewies mir, daß Siegellack ein schlechtes Nahrungsmittel ist. Heftiges Bauchgrimmen lohnte mir das fromme Werk und bestätigte die alte Erfahrung, daß uns unsere guten Taten in der Regel diebitterstenSchmerzen eintragen.Bald genug sollten mich unerwartete Ereignisse belehren, daß der alte Mohammedaner den Inhalt des Schreibens nicht geheimhielt.Wirrer und aufgeregter dünkte mich am nächsten Morgen der Widerhall der Schritte uns zu Häupten. Vielleicht aber kam es mir auch nur so vor, da ich bisher nie so aufmerksam auf dieses Geräusch geachtet hatte.In der Nacht aber erhob sich über uns ein drohendes Gemurmel, schwoll zu gärenden Rufen, Schreie kreischten und bald war es, als ob ein Rudel wilder Hunde losgelassen sei.Wir wachgewordenen Hindus sahen einander verwundert an und ein Brahmane sagte:»Ein Narr, wer sich gegen das Schicksal auflehnt!«Ich unterschied in dem Lärm, wie Holz zerbrochen wurde, wie Glas klirrte, und mein Eindruck war: die da oben demolieren ihr Gefängnis.Und nun trampelten Schritte auf der Treppe — die Mohammedaner drängten unter wildem Heulen nach dem Verdeck — Schüsse fielen.Ein Handgemenge schien zu toben.Einen Augenblick dachte ich daran, meine Brüder zu entflammen, den Mohammedanern zu Hilfe zu kommen. Aber ich besann mich rechtzeitig, daß die Bekenner Allahs mir ebenso fremd und unrein gelten wie die Weißen. Mögen die Götter sie beide vernichten!Was hätten auch wir Unbewaffneten gegen die wohlgerüsteten Engländer ausrichten können? Und überdies: Verdient, wer erfolgreich lügt, härtere Strafe als der Tor, dersich belügen läßt?Ich, als Hindu, habe tiefere Achtung vor dem Lügner als vor dem Belogenen — und ich glaube, auch ihr Weißen fühlt insgeheim gleich mir, denn weshalb löget ihr sonst so oft?Da der Lärm über uns und auf der Treppe kein Ende nehmen wollte, so beschloß ich, mich persönlich von dem Stand der Dinge zu überzeugen. Vielleicht siegten die Mohammedaner und wir konnten aus der fremden Tapferkeit Nutzen ziehen?Du siehst, ich fühlte schon ganz englisch.Ich öffnete also die Türe — prallte aber sogleich zurück. Zwei englische Soldaten hielten mit gezücktem Revolver Wache vor der Tür. Dieser Posten stand fortan bei Tag und bei Nacht vor unserem Raum und hinderte jeden Verkehr zwischen uns und den Mohammedanern.Seit der Meuterei der Mohammedaner glich das Schiff einem schwimmenden Zuchthaus.Nur ein einziges Mal durften wir Hindus an Deck und das war am Tage nach jener Revolte. Unsere Offiziere ließen uns in Reihen von zwei und zwei antreten und trieben uns die Treppe hinauf.Oben standen wieder die bewaffneten Engländer uns Unbewaffneten gegenüber — ganz wie damals auf dem Kasernenhof, als man uns zur »Nachtübung« auf das Schiff gebracht hatte.Wie lange hatte ich den Himmel nicht mehr gesehen! Und wie hatte er sich verändert! Es war nicht mehr der liebe blaue Himmel Indiens, der luftige Wohnsitz der Götter, nicht mehr der süße Himmel, der wie der durchsichtige, zarte Schleier vor einem klugen Frauenantlitz ist — nein, es war ein schmutziges Tuch, das sich ein altes Weib vor das verrunzelte Gesicht gebunden hatte, ein trüber, dunstiger, mißgelaunter Himmel.Ein Himmel, der nicht hören und nicht sehen wollte, was nun geschah.Denn nun trat ein Offizier vor und hielt eine jener Reden, in denen die Engländer Meister sind. Kein Volk der Erde versteht es so vortrefflich, gleichzeitig zu sündigen und sich moralisch zu entrüsten. Es gleicht einer Hure, die über den Kuß eines reinen Mädchens Zeter schreit. Einem bestochenen Richter, der einen hungrigen Brotdieb zum Pranger verurteilt. Und wenn die Engländer jemals der Göttin der Wahrheit einen Tempel bauen, so müßten sie ihr Standbild auf den Kopf stellen und ihr eine Schnapsflasche in die Hand geben.
Verwundert blickte ich mich um.
In einer Ecke hockten vier Soldaten, qualmten aus kurzen Pfeifen und spielten fluchend Karten. Hinter einem breiten Tisch aber saß ein Kolonel, der bei meinem hastigen Eintritt behaglich schmunzelte und mir die Hand hinstreckte. In meiner Verwirrung legte ichmeineHand hinein, die er fest drückte.
Dann griff er in die Tischschublade, nahm ein paar Silberstücke heraus und hielt sie mir hin.
Ist heute die ganze Welt betrunken? dachte ich verdutzt, denn ich wußte nicht, was dies bedeuten sollte.
»Was soll ich mit dem Gelde, Herr?«
»Behalten sollst du's, mein Junge!« sagte der Kolonel. »Steck's nur ein!«
Mißtrauisch tat ich, wie er mich geheißen hatte. Ich sah von einem zum andern — sie grinsten vergnügt.
Mir kam der Laden unheimlich vor, und da ich mir sagte, daß meine Verfolger wohl inzwischen meine Spur verloren haben mochten, wandte ich mich zum Gehen.
Da aber faßte mich der Kolonel jäh an der Schulter, ließ eine Reitpeitsche, die gleichfalls in der Tischschublade gelegen hatte, dicht vor meiner Nase vorbeipfeifen und schrie in gänzlich verändertem Ton: »Dageblieben! Nicht von der Stelle!«
Ich sah mich abermals verwundert um — die andern grinsten noch vergnüglicher als zuvor.
»Laßt mich gehen!« bat ich. »Was wollt ihr von mir?«
»Du bist witzig, mein Söhnchen!« höhnte der Kolonel. Und zu den Soldaten gewendet, sprach er weiter: »Ihr habt es gesehen!«
Mich packte Furcht und Entsetzen. Wollten sie mich einer Freveltat beschuldigen? Wußten sie schon von meinem Einbruch?
»Washabt ihr gesehen?« stieß ich hervor.
Da richtete sich der Kolonel feierlich auf, nahm den Khakihelm ab und sagte langsam: »Wie du dich soeben durch Handschlag und Annahme des Werbegeldes freiwillig der Armee unseres mächtigen Königs verpflichtet hast!«
»Das ist eine Lüge!« tobte ich. »Das ist —«
Ehe ich den Satz aussprechen konnte, brannte mir schon ein Schlag der Reitpeitsche im Gesicht. Die Soldaten packten meine Arme — ich konnte mich nicht rühren.
Der Whiskydämon hatte meinen Kopf verlassen, ich war plötzlich pudelnüchtern.
Dicht vor meinem Antlitz funkelten die falschen Augen des Kolonels, und ich hörte seine Stimme zischen: »Wirst schon mürbe werden, mein Jungchen!«
Die Soldaten banden mir die Hände und setzten mich auf einen Stuhl.
»Aber ich schwöre euch, daß ich nicht Soldat werden wollte ...,« wimmerte ich.
»Das hättest du dir früher überlegen sollen!«
»Ich versichere euch, daß —«
»Maul halten!! Der Soldat hat nur zu sprechen, wenn ihn seine Vorgesetzten fragen! — Wie heißt du?«
Der kreischende Ton schüchterte mich ein, tonlos erwiderte ich: »Ich heiße Maharabatigolamatana — mein Vater rief mich "Galgenstrick"!«
Die fünf wieherten vor Lachen.
»Ruhe!!« brüllte der Kolonel, worauf die anderen mäuschenstill wurden. »Also Galgenstrick! — Schöner Name! Bist nicht der einzige Galgenstrick in unserer Armee!«
Er ging, die Hände in den Taschen, rauchend im Zimmer auf und ab. »Den hätten wir!« sagte er.
Ich machte einen letzten, verzweifelten Versuch. »Aber so laßt euch doch erklären, Herr —«
»Noch ein Wort, und ich lasse dich prügeln, daß kein Fetzen Haut an dir heil bleibt!«
Ich senkte den Kopf. Alles Gefühl hatte meinen Körper verlassen, ich spürte mich selbst nicht mehr. Eine stumpfe Gleichgültigkeit war über mich gekommen, — mochten sie mit mir machen, was sie wollten.
Nur unklar dachte ich an Malatri, die Brillenschlange, die in meine Lehmhütte zurückkehren würde, wie sie es gewöhnt war, und mich nicht mehr finden würde ... heute nicht ... morgen nicht ... nie wieder ...
Und wenn ich nicht meinen schändlichen Überlistern einen solchen Triumph mißgönnt hätte, so hätte ich jämmerlich geweint.
»Führt ihn ab!« befahl der Kolonel und deutete lässig mit der Reitpeitsche auf mich.
Und während sie mich derb vorwärts stießen, öffnete sich die Ladentüre und herein taumelte — Jim Boughsleigh.
Ein Freudenschrei entfuhr mir. Schiwa hat mir den Retter gesandt.
»Jim!« jauchzte ich, und neue Hoffnung wärmte mein Herz, »Jim, edler Freund, sage du es ihnen, daß ich nie und nimmer Soldat werden wollte!«
Und nun geschah das Unfaßbare, nun sollte ich erfahren, daß ich die Schlechtigkeit der Weißen noch weit unterschätzt hatte, und daß der Biß der giftigsten Schlange Balsam ist, verglichen mit dem falschen Kuß eines Weißen.
Denn Jim erhob seinen Fuß, trat nach mir Wehrlosem, spuckte aus und grölte:
»Was sagt das braune Schwein? — Glaubt mir, Kolonel: aufmeineVeranlassung hat er sich anwerben lassen —meinVerdienst ist es!«
Da sah ich, daß das Schicksal beschlossen hatte, mich von der Heimat zu trennen. Ich gab jede Hoffnung auf. Meine Glieder zitterten — ich verlor die Kraft, mich aufrechtzuhalten — ich gab mir die größte Mühe, Herr meiner selbst zu werden — umsonst, ich fiel zu Boden, schlug mit den zusammengeschnürten Händen um mich. Schaum trat vor meinen Mund.
Wie durch einen Nebel schaute ich, wie sich Jim Boughsleigh die Silberstücke auszahlen ließ, die als Belohnung für die Anwerbung eines Farbigen ausgesetzt sind — dann schüttelten mich Krämpfe, mein Kopf stieß wider eine harte Spitze, und — und —
»Schwester! Schwester!« schrie ich erschrocken und klingelte wie besessen.
Der Kranke war mitten im Satz bewußtlos in die Kissen zurückgesunken. Das Klingelzeichen aber erweckte ihn, er versuchte unter wildem, mir unverständlichem Kreischen aus dem Bett zu springen.
Unter Aufbietung aller meiner Kräfte gelang es mir, den Rasenden, der geifernd nach meinen Händen biß, ins Bett zurückzupressen, bis die Schwester mit einem Wärter kam.
Die Schwester warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts, sondern wandte sich sogleich dem Kranken zu, dessen Geschrei langsam in ein erschöpftes Wimmern überging.
Ich stopfte meine Notizen in die Rocktaschen und eilte, den Arzt vom Tagesdienst zu holen.
»Soso,« meinte dieser, »der Inder auf Nummer achtundneunzig! Ein böser Fall! Der wird wohl das Ende des Krieges kaum erleben! — Scheußliche Sache, der Krieg!«
Während der Arzt sich erhob, um nach dem Kranken zu sehen, telephonierte ich ein Auto herbei.
Merkwürdige Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich diesmal die Reinschrift ausführte. Und öfter als einmal blieb, wenn ich aufsah, mein Blick auf dem Plakat haften, das meine Frau kürzlich einem Hausierer abgekauft und über meinen Schreibtisch genagelt hat, und das in dicken Buchstaben verkündet: »Gott strafe England!«
Und ich dachte mir: das unverständliche Gekreisch, das Mister Galgenstrick in seinem Fieberanfall ausgestoßen hatte, wird wohl nichts anderes gewesen sein als eine etwas ausführlichere indische Umschreibung dieses zum geflügelten Worte gewordenen Satzes.
Bis tief in den Morgen hinein arbeitete ich. Ich brauchte wenig an »Galgenstricks« Worten zu ändern, denn er erzählte mit einer überzeugenden, naiven Anschaulichkeit.
Nur in zwei Punkten bekenne ich mich schuldig, Korrekturen vorgenommen zu haben: ich habe manche sprachliche Bilder, die nur einem Inder verständlich sein können, durch annähernd entsprechende Bilder aus der deutschen Gefühlswelt ersetzt, und — ich habe einige allzu drastische Äußerungen »Galgenstricks« über uns Weiße schonend gemildert.
Denn ich halte es nicht für denausschließlichenDaseinszweck des Lesers, sich zu ärgern.
Ehe ich am nächsten Tage den Kranken aufsuchte, ging ich zuDr.Heßberg, um mich nach des Patienten Befinden zu erkundigen.
Dr.Heßberg war sehr böse und überschüttete mich mit Vorwürfen. »Wenn man nur euch verflixten Laien nicht mehr in Lazarette hineinließe!! Da schwänzeln gewisse Herrschaften in den Krankensälen herum, die nicht das geringste dort zu suchen haben, regen uns mit ihren Gaben und ihrem Geschwätz nur unnütz die Patienten auf — zum Donnerwetter, ein Kranker ist ein Kranker und keine Sehenswürdigkeit!«
Zerknirscht ließ ich die Strafpredigt über mich ergehen.
»Und worin besteht mein Verbrechen?« frug ich, alsDr.Heßberg beim Amen angekommen war. »Ich habe überhaupt kein Wort mit ihm geredet, habe mir ruhig erzählen lassen, ohne ihn zu unterbrechen!«
»Das fehlte auch gerade noch, daß du einen Kranken durch Widerspruch reizen würdest! Es war schon eine Mordsdummheit, jawohl, eineMordsdummheit, daß du ihm die indischen Bilder brachtest! Man kann sich dem Bett nicht mehr nähern, ohne daß der Kerl aus Angst um seine Bilder rabiat wird! Das nennt ihr Laien nachher, dem Kranken "eine Wohltat erweisen"! Ich werde noch den Antrag stellen müssen, jedem Lazarettbesucher beim Eintritt die Taschen mit Röntgenstrahlen zu durchleuchten!«
ObwohlDr.Heßbergs Reden durchaus nicht schmeichelhaft für mich waren, freute ich mich über sie. Sah ich doch daraus, wie besorgt er um das Wohl eines jeden einzelnen Patienten war, und ich sagte mir: O möchten doch die Ärzte im Lager unserer Feinde den in Gefangenschaft geratenen, verwundeten Feldgrauen ebensoviel sorgende Liebe widmen wie ein deutscher Arzt einem kranken Wilden.
»Also ich verspreche dir, dem Kranken nicht mehr die geringste Kleinigkeit mitzubringen!«
»Dazu würdest du auch gar keine Gelegenheit haben! Denn es kann selbstverständlich keine Rede davon sein, daß du ihn wieder besuchst!«
»Aber erlaube, das ist denn doch —«
»Bitte, ich bin der Arzt — da gibt es keine Widerrede!«
Wir trennten uns verbittert.
Das war ja eine nette Eröffnung, die mirDr.Heßberg gemacht hatte. Also ich sollte die Fortsetzung von Mister Galgenstricks Erlebnissen nicht mehr erfahren. Das schmerzte mich tief. Nicht etwa weil bei mir plumpe Neugier nach Stillung gierte, sondern ich hatte ein warmes, rein menschliches Interesse an dem armen Teufel gewonnen, und mir war nun zumute, als sollte ich einen freudig gewonnenen Schützling für immer aus den Augen verlieren.
Ich schloß die Blätter, auf denen ich seine Erlebnisse aufgezeichnet hatte, in das unterste Fach meines Schreibtisches — in das Fach, in dem meine unvollendeten, endgültig aufgegebenen Arbeiten ruhen, die ich scherzhaft meinen »Nachlaß zehnter Band« zu nennen pflege.
Acht Tage später — ich hatte mich halbwegs beruhigt — klingelte michDr.Heßberg telephonisch an.
»Hallo??«
»Jawohl! Schrei nicht so! Hier Heßberg.«
»Wie geht's Mister Galgenstrick?«
»Besser! Du — er will dich sprechen!«
»Aha! Siehst du, ich bindochnicht so schlecht, wie du mich hingestellt hast!«
»Eingebildet, wie alle Schriftsteller! Wenn du mir ihn aber wieder aufregst —«
»Weiß schon!«
»Spaß beiseite, ich bitte dich in allem Ernst —«
»Sehr richtig!«
»Ich lege den allergrößten Wert darauf, daß —«
»Und wie geht's deiner Frau?«
»Scheusal! Also sei vernünftig, und —«
»Auf Wiedersehen!«
»Adieu, — verzeihe, das Wort darf man ja nicht mehr gebrauchen: Leb wohl!«
Dieses Telephongespräch fand um drei Uhr mittags statt, — um halb vier war ich bei Mister Galgenstrick.
Ich fand ihn ruhiger, als ich gehofft hatte. Er begrüßte mich lächelnd und schien sich zu freuen. Er »schien«, — denn bei diesem Menschen, der sein Mienenspiel eisern in der Gewalt hielt, mußte man sich aufsErratenseiner stummen Empfindungen beschränken.
»Wie fühlst du dich, Galgenstrick?«
»Der Doktor ist gut,« antwortete er ausweichend. »Aber heiliger Kuhmist wäre besser!«
»Du hast nach mir verlangt?«
»Ja, ich will dir weiter erzählen.«
»Strengt es dich auch nicht zu sehr an?«
»Darauf kommt's nicht mehr an. Das Schicksal tut, was es will.«
Er ließ sich von mir das Kopfkissen tiefer in den Rücken schieben, so daß er halb aufgerichtet lag, und erzählte:
Ich hatte unklar gesehen, wie Jim Boughsleigh sein Sündengeld einschob. Möge er an dem Whisky, den er sich dafür kaufte, erstickt sein! Mögen ihn die wilden Hunde gefressen haben!
Dein Gesicht, Herr, sagt mir, daß dir meine Verwünschungen mißfallen. Ich weiß, ihr Weißen sagt, man soll seinen Feinden verzeihen, und ich will gerne glauben, daß ihr eure Kanonen nur zu diesem Zwecke baut. Auch wir Hindus verzeihen unseren Feinden, nur schlagen wir sie gerne vorher tot.
Ich könnte dir nun mit Leichtigkeit vorlügen, daß es mir die erste Zeit in der Kaserne sehr schlimm ergangen sei. Aber ich will niemanden schlechter machen, als er ist. Bei den Engländern habe ich das auch gar nicht nötig.
Nein, es erging mir besser, als ich es erwartet hatte. Man brachte mich mit vielen anderen Hindus in einem großen Hause unter, das einen weiten kahlen Hof einschloß. Des Nachts stand uns ein Zimmer zur Verfügung, in dem ehemals zehn weiße Soldaten gewohnt hatten, und da wir nur zu achtzig darin zu schlafen brauchten, fühlten wir uns ganz wohl, und wenn wir unsere Beine bis an die Schultern hochzogen und den Kopf dazwischen steckten, hatten wir bequem Platz.
Es gefiel mir auch, daß man in diesem Hause nicht, wie es sonst Sitte bei den Weißen ist, die schuldlosen Tiere tötete, sondern die Wanzen und Ratten durften sich nach Herzenslust vermehren.
Anfangs hatte man uns Strohsäcke zum Schlafen gegeben, aber der Hindu schläft nur, in eine Decke gewickelt, auf dem Fußboden. Es ist dies auch praktischer, denn die Strohsäcke muß man von Zeit zu Zeit reinigen, den Fußboden aber nie.
Meine Befürchtung, daß ich mit Mohammedanern oder Weißen in einem Raum weilen müsse, erwies sich als unbegründet. Schmerzlich allerdings war es mir, einem Angehörigen der Kriegerkaste, mit HindusniedrigerKasten gemeinsam hausen zu müssen, und es dauerte eine Weile, bis ich imstande war, diese Schmach als eine Fügung des Schicksals geduldig zu ertragen.
Das Essen war reichlich und wir durften uns die Tiere von den Brahmanen, die unter uns waren, schlachten lassen, wie überhaupt die Engländer sich so wenig umunsereReligion kümmerten wie umihre eigene.
Nun, ich will es dahingestellt sein lassen: gaben sie uns so viel zu essen, um unsere Freundschaft zu gewinnen, oder gaben sie es uns in derselben Absicht, in der sie ihre Gänse mästen? Sonst war das Leben nicht ganz so schön, wie es mir Jim Boughsleigh in Aussicht gestellt hatte. Am frühen Morgen trieb man uns in den Hof, stellte uns in Reihen, und dann mußten wir alles machen, was uns der Offizier befahl. Sonst gab es Prügel.
Der Offizier sagte oft, daß er es gut mit uns meine, und hatte dabei die Hand am Revolvergriff.
Manchmal drohte ich vor Erschöpfung umzusinken, dann bekam ich einige Peitschenhiebe und war wieder munter. Ich fügte mich in mein Los, und wenn der Offizier mich anschrie, so dachte ich mir »Rutsche mir den Buckel entlang, o Herr,« und auf diese Weise kamen wir ganz gut miteinander aus.
Also lernte ich die Kriegskunst. Manches freilich verstanden wir Hindus weit besser als unsere Lehrmeister, zum Beispiel, wie man lautlos auf dem Boden schleicht. Ich lachte innerlich, wenn ich unseren Vorgesetzten dies vormachen sah, und sagte mir: »Die englischen Soldaten gäben schlechte Einbrecher. Nun vielleicht ist in England die Kaste der Diebe für die höheren Diplomaten reserviert.«
Aber ich lernte vielerlei Neues. Um nur eines zu erwähnen: ich wußte noch nicht, daß man den Patronen, ehe man sie in die Gewehrläufe schiebt, die Spitze abbrechen muß. Ich wunderte mich darüber und fragte den Offizier, warum dies geschähe, und er klärte mich auf: »Das steht so im Völkerrecht!«
Überhaupt klärte uns der Offizier gründlich auf — mit Vorliebe darüber, was die Deutschen für böse Dämonen sind und daß sie ohne jeden Grund den Krieg angefangen haben und daß sie schon seit vielen Jahren daran arbeiten, das harmlose England einzukreisen.
Und daß deshalb alle Kulturvölker auf Englands Seite getreten seien, zum Beispiel die Serben und die Zuaven, und auch alle freiheitsliebenden Herrscher, zum Beispiel der Zar.
Und indem er sich an die mohammedanischen Regimenter wandte, fuhr der Offizier fort: »Deshalb hat auch der Sultan den Heiligen Krieg gegen die Deutschen erklärt!«
Von dem vielen Geld, das man mir als Lohn versprochen hatte, bekam ich nichts zu sehen und ich hätte mir kaum das zum Leben notwendige Opium für meine Pfeife kaufen können, wenn ich mir nicht manchmal kommandiert hätte: »Hände in fremde Taschen — marsch, marsch!«
Auch der Hindu braucht in seinen freien Stunden eine Zerstreuung, sonst sinkt er auf die Stufe eines Weißen herab. Die Araber haben, wie man mir erzählt hat, ihreMärchenerzähler, die Engländer haben ihreZeitungen. Sie zwangen auch uns, sie zu lesen, und wir erfuhren daraus, wie die Deutschen überall besiegt werden, und wie besonders dieRussenzwei furchtbare Waffen haben: die Masurischen Seen und den strategischen Rückzug.
Und daß in Deutschland furchtbare Hungersnot herrscht. Dies konnte ich nicht begreifen. Denn da sich die Deutschen doch nachts in Frösche verwandeln, brauchen sie bloß Fliegen zu fressen, um sich zu sättigen.
Ich befragte den Offizier über diesen Punkt, und bereitwillig klärte er mich wieder auf: die deutschen Fliegen ziehen im Herbst nach Afrika und kehren erst im Frühjahr zurück.
Nun war mir die Sache klar.
Ich erinnere mich auch, daß der Offizier eines Mittags eine Ansprache hielt, die folgendermaßen lautete: »Es ist mir zu Ohren gekommen, daß einige von euch die Spitzen ihrer Messer und Dolche vergiften. Ich mache euch darauf aufmerksam, daß dies bei strengster Strafe verboten ist. Auch taugt euer Gift nichts. Wirksames Gift bekommt ihr in dem Zimmer neunzehn der Kaserne. Es kostet euch nichts und es gibt, so viel ihr wollt. Also merkt euch das Verbot!«
Wir merkten es uns und gingen nach dem Zimmer neunzehn. —
Die Sorge aber, die mich am schwersten in dieser Zeit bedrückte und mit dem Gewicht einer Kanone auf mir lastete, war diese: Der Hindu, der über das Meer fährt und aus seiner Heimat auswandert, verliert seine Kaste. Und dieser Verlust ist schlimmer als der Verlust des Lebens.
Denn wenn du stirbst, so verläßt du nur den Leib, der nicht viel wert ist und nur dazu dient, dir Schmerzen zu bereiten und dich in Versuchung zu führen. Deine Seele aber zieht in einen neuen Leib ein, und nach dessen Verfall abermals in einen neuen.
Es ist mit der Seele wie mit euch Weißen, wenn ihr eine Wohnung kündigt. Nur lassen wir unseren alten Leib gerne in einer besseren Verfassung zurück als ihr eure alten Wohnungen. Unsere Seele »zieht um« — und auch so einSeelenumzugist mit mancherlei Unannehmlichkeiten verknüpft, zum Beispiel dem Todeskampf.
Die Seele kann nicht verloren gehen, wohl aber die Kaste. Und wenn du sie nach der Rückkehr in die Heimat wiedergewinnen willst, so mußt du dich schweren Gebräuchen unterziehen, den Göttern große Opfer darbringen — und noch größere den Priestern. Aber das versteht ihr Weißen nicht.
Doch auch diese Sorge nahm uns unser Offizier vom Rücken, der uns beinahe so viel vom Rückennahm, wie er uns daraufgab.
Denn er versicherte uns: »Ihr braucht ja gar nicht über das Meer zu fahren! Die Deutschen sind schon so gut wie vernichtet, und ihr werdet deshalb nur zum Schutze des inneren Indiens verwendet.«
Diese Auskunft erfreute uns doppelt, weil ein seltsames Gerücht in Bombay die Runde machte. Einer erzählte es dem andern, und als die englische Regierung es gar dementierte, wußte jeder, daß es wahr sei.
Es hieß nämlich, draußen auf dem Meere huschten Schiffe der deutschen Dämonen, kleine Kreuzer, und sie führten spitze, eiserne Fische mit sich an Bord, die sie unter Blitz und Donner gegen die feindlichen Schiffe anschwimmen ließen. Die Fische aber fräßen sich mit der Schnelligkeit eines Wetterleuchtens durch die dicksten Schiffswände hindurch und platzten von diesem Fraße. Und rissen bei diesem Platzen alles mit sich in die Luft.
Die Ahnung eines solchen Schicksals aber muß einen jeden frommen Hindu mit Grauen erfüllen, denn wie kannst du einen Leichnam verbrennen, der auf dem Meeresgrund liegt?
Wir dankten deshalb den Göttern, als wir erfuhren, daß wir nicht über das Meer zu fahren brauchten.
Während der ersten Wochen unserer Übungen in der europäischen Kriegskunst durften wir die Kaserne nicht verlassen. Vielleicht fürchteten die Engländer, daß wir ebenso freiwillig, wie wir in ihr Heer eingetreten waren, auf unseren Spaziergängen wieder aus dem Heer austreten würden. Als sie aber glauben mochten, unseres Gehorsams sicher zu sein, ließen sie uns für die Dauer etlicher Abendstunden in die Stadt hinab.
Zuvor aber ließen sie uns auf die Treue gegen ihren König vereidigen. Wir mußten uns auf dem Hofe aufstellen, ein Brahmane sprach in unseren Dialekten die Eidesformel vor, die wir unter unseren Zeremonien bekräftigten. Und ich glaube, wenn die Engländer die Eidesformel verstanden hätten, die uns der Brahmane vorsagte, hätten sie ihn am höchsten Galgen aufgeknüpft.
Wir aber befolgten die goldene Regel, feierlich ernst zu bleiben, wenn uns das Lachen kitzelt, und so ging die Vereidigung ohne Zwischenfall vorüber.
Die Engländer waren sogar sehr zufrieden mit unserer Eidesleistung. Wenigstens hörte ich beim Wegtreten, wie ein Kolonel zum andern sagte: »Der Eid war das reinste russische Ehrenwort!«
Nach uns wurden die mohammedanischen Truppen vereidigt, aber ich ersparte mir den Anblick, denn in meinen Augen gelten die Bekenner Mohammeds als ebenso unreine Rasse wie die Weißen.
Zunächst verschmähte ich es, von der Erlaubnis des Ausgangs Gebrauch zu machen. Ich war des Abends müde, auch fühlte ich keine Sehnsucht, Menschen vom Schlage Jim Boughsleighs zu begegnen. Ich brachte meine freie Zeit mit Beten und Nachdenken zu.
Ihr Europäer mögt uns in mancher Fertigkeit überlegen sein — in der Kunst, einsam zu sein, seid ihr nur Stümper, wir die Meister. Ein Mensch, der nicht spricht, ist euch unheimlich, und wo ihr nur könnt, sucht ihr die Gesellschaft von Menschen auf, die schwatzen und lärmen. Dies kommt daher, weil ihr euch nicht nur vor eurenMitmenschenfürchtet, sondern noch weit zitternder vor euch selbst! Und ihr habt alle Ursache dazu. Denn wie es giftige Tiere gibt, die am Tage sich in ihre Nester und Höhlen verkriechen und nur des Nachts zu ihrem listigen Treiben erwachen, so schlafen auch eure bösen Triebe in dem Tageslicht des Beobachtetwerdens, — in der Einsamkeit aber erwachen sie und fallen euch selbst an.
Ihr bestaunt den Fakir, der, um seine Seele zu vervollkommnen, auf einem Bett von aufrechtstehenden spitzen Nägeln ruht, — ihr selbst aber zerfleischt euch tagein, tagaus mit Reden, die spitziger und rostiger sind als die Nägel des Fakirbettes. Und glaubt ihr, daß sich eure Seele dabei vervollkommne? — Euer Mund ist ruhelos, weil es euer Herz ist! Und darum habt ihr es immer eilig. Ich aber, ein Hindu der Kriegerkaste, habe immer Zeit, weil ich weiß, daß ich eine endlose Kette von Leben zu leben habe, und was ich heut nicht kann besorgen, besorge ich vielleicht in fünfhundert Jahren. Wenn es das Schicksal will.
Aber weshalb erkläre ich das alles? Du bist nur ein Weißer und kannst niemals ein Hindu werden. Ich sage es dir auch nur, damit du besser meine Handlungen verstehst, — soweit ein Nichthindu überhaupt einen Hindu verstehen kann.
Ich erzählte dir, Herr, daß ich es anfangs verschmähte, abends auszugehen. Aber mich kam die Sehnsucht an, wieder einmal meine Glieder in einen der heiligen Teiche zu tauchen, wieder einmal in einem Tempel zu beten und das Glück zu genießen, daß eine heilige Kuh aus meinen Händen fresse.
Also verließ ich eines Abends die Kaserne. Als ich durch die Straßen schritt, sah ich, daß die Engländer nicht zu sorgen brauchten, ein Hindu könne freiwillig aus dem Heer austreten, denn an allen Ecken standen Wachen, und zumal zum Hafen konnte kein Lebender gelangen.
Ist es dir schon einmal begegnet, daß dir eine Stadt, die du liebtest und zu kennen glaubtest, plötzlich über Nacht fremd geworden war? Als ich durch die Straßen wandelte, rieb ich mir immer und immer wieder die Augen: war das noch Bombay? Wohl standen die Häuser, die Hütten, die Bäume noch an ihren Plätzen und ich hätte jeden im Traum zu finden vermocht —, aber mir war, als sei eine unerklärliche Veränderung mit ihnen vorgegangen. Eine unsichtbare Mauer hatte sich zwischen mir und meiner Vaterstadt getürmt, und ich empfand ein Frösteln, als sei ein Freund, dem ich mich ganz zu eigen gab, unerwartet einer Frage meiner Seele die Antwort schuldig geblieben, so daß ich den breiten Strom sah, der alle Menschen trennt und über den es keine Brücke gibt.
Am Ufer des heiligen Teiches, an dem Jim Boughsleigh seine Angel nach mir ausgeworfen hatte, machte ich halt. Ich wusch mich nach der heiligen Sitte, und ich sah mit Betrübnis, daß die andern Hindus ihre Augen von mir abwandten. Auf den Bäumen saßen wohl die Affen, aber sie würdigten mich nicht, mit Früchten nach mir zu werfen — als ob auch sie dächten: »Verräter!«
Ich schlich in einen Tempel, warf mich nieder und klagte den Göttern mein Leid. Die Bilder der Götter hörten mich ernst an: schon so viel Elend und Schmerz ist an ihr Ohr geklungen, daß du keine Wunde ihnen enthüllen kannst, die sie nicht schon tausendfach brennender gesehen hätten. Aber sie sind nicht wie die Menschen, deren Herz sich an die Klagen gewöhnt und sich verhärtet, nein, diegutenGötter haben für jeden neuen Aufschrei neues Mitleid bereit, wie die Dämonen für jedes neue Unglück neuen Hohn.
So verließ ich gestärkt den Tempel, und freundlich blickten die Götterbilder mir nach, freundlicher als die Augen der Brahmanen und Tempeltänzerinnen, denn ich war mit leeren Händen gekommen.
»Pst! Freund!« klang es zu mir, als ich die Stufen hinabeilte. Ein Mohammedaner, den ich ungern so nahe dem Heiligtum sah, hatte mich angerufen. Er schien mich erwartet zu haben, aber ich kannte ihn nicht. Was kümmern mich die verblendeten Bekenner Allahs? Ich verachte sie, und deshalb überhörte ich des Fremden Ruf und wollte meines Wegs gehen.
Allein der Fremde ließ mich nicht so leichten Kaufs los, er sperrte mir den Weg und, ob ich wollte oder nicht, ich mußte ihm ins Antlitz blicken, und ich sah, daß in seinen Augen Klugheit und Güte wohnten. Er war ein sehniger, schlank gewachsener Mann, und wenn er ein Hindu gewesen wäre, hätte ich ihn nach seinem Begehr gefragt. Da er aber nur ein Mohammedaner war, suchte ich ihm auszuweichen.
»Wischnu und Schiwa mögen dir gnädig sein!« grüßte mich der Mohammedaner.
Einen so frommen Gruß durfte ich nicht unerwidert lassen. »Und dir deine Götter!« entgegnete ich.
Er lächelte und mir fiel ein, daß die Bekenner Allahs ja nur aneinenGott glauben. Und da man sich immer ärgert, wenn man eine Dummheit gemacht hat, und ich niemand anderen zur Verfügung hatte, meinen Ärger an ihm auszulassen, so fuhr ich ihn an: »Erlöse mich von deinem Anblick, damit ich mich nicht verunreinige!«
Ich hatte erwartet, daß er nun seinen Dolch ziehen werde, denn diese Menschen fühlen sich sehr leicht beleidigt, und ich hatte schon mein linkes Bein vorgeschoben, um ihn darüber stolpern zu lassen und ihn dann von hinten zu besiegen. Der Fremde jedoch sprach ruhig: »Du bist ein mutiger Mann und deshalb zu meinem Vorhaben geeignet. Und da du so leuchtenden Auges aus dem Tempel tratst, bist du auch eingläubigerMann und wirst die Beteiligung an einem frommen Werke nicht abschlagen.«
Mich kniff die Neugier. Ich dachte nur: »Juckt er dich mit seinen rätselhaften Andeutungen, soll er dich auch mit einer deutlichen Aufklärung kratzen!«
Auch war es mir so ungewöhnlich, daß ein Mohammedaner mich ansprach (denn sie lassen außer sich selbst nur noch die Christen und die Juden gelten), daß ich mich zu der Frage hinreißen ließ: »Ein frommes Werk? Sprich, was es sein soll!«
Da schaute sich der seltsame Fremde vorsichtig nach allen Seiten um und flüsterte: »Nicht so laut! Wir wollen nicht stehenbleiben! Schreite neben mir einher, als ob wir Gleichgültiges sprächen!«
Wir setzten uns in Bewegung. Ich konnte mir des Mohammedaners Benehmen und Absicht immer weniger deuten.
»Bist du durstig?« frug er und zog eine Whiskyflasche aus dem Gewand.
Da erinnerte ich mich daran, wie Jim Boughsleigh mich mittels dieses flüssigen Dämons zu umgarnen versucht hatte, und Empörung peitschte mich: »Wie? Du, dem seine Lehre den Wein verbietet, reichst mir solches Getränk? Lasse mich allein, denn wie könnte das Werk ein frommes sein, das du mit Hilfe eines Dämons beginnen willst?«
Er lächelte wieder. »Hättest du getrunken, so wäre kein Wort mehr über meine Lippen gekommen, denn ich brauche einen nüchternen Mann!«
Ich bewunderte die Schlauheit des Mohammedaners. Vielleicht handelt es sich um einen Einbruch? dachte ich. In diesem Falle hätte ich allerdings schweren Herzens absagen müssen. Denn nur noch eine Stunde durfte ich der Kaserne fernbleiben.
»Sprich!« heischte ich kurz.
Da trat der Fremde in den Schatten eines Baumes, und seine Lippen sprudelten: »Merke dieses Zeichen!« Er legte die drei mittleren Finger der rechten Hand über die Mittelfinger der linken und hob sie bis zur Stirn. »Hast du es gesehen?«
»Ja!« Und ich konnte mich nicht enthalten zu fragen: »Wie oft hast du heute schon aus deiner Flasche getrunken?«
Er lachte. »Ich trinke nicht, aber es ist mitunter nötig, sich betrunken zu stellen, ... solange die Engländer die Herren dieses Landes sind!« Bei den letzten Worten sprühten seine Augen so leidenschaftlichen Haß, daß ich mich ihm gesinnungsverwandt fühlte. Von diesem Augenblick an vertraute ich ihm, als hätte ich schon zwanzig Diebstähle mit ihm gemeinsam ausgeführt.
»Wirst du das Zeichen nachahmen können?«
Ich tat es.
Wir traten wieder aus dem Schatten des Baumes und wanderten weiter.
»So höre mich: Versuche, wenn mohammedanische Soldaten in deiner Nähe sind, unauffällig dieses Zeichen zu machen! Aber lasse es nie die Engländer sehen! Erwidert keiner meiner Brüder das Zeichen, so tue, als habest du nur eine unwillkürliche, spielerische Handbewegung gemacht. — Wenn dich aber einer mit demselben Zeichen wiedergrüßt, so gib ihm dieses!«
Blitzschnell hatte er aus seinem Kleid ein versiegeltes Schreiben gezogen und es mir in eine Falte des Gewandes geschoben. Ich trat einen Schritt zurück, denn noch konnte ich mich nicht an die körperliche Berührung eines Nichthindus gewöhnen.
»Lasse es nicht in die Hände der Engländer fallen!« zischelte er.
Ich sperrte Nase und Mund auf. War das alles? Ein versiegeltes Schreiben? Und deshalb so viel Geheimtuerei?
»Was bedeutet das Ganze?«
»Ein frommes Werk! Die Götter werden es dir lohnen! Und die Engländer dich dafür verwünschen!«
Ich wußte nicht, welche von beiden Belohnungen mir die begehrenswerteste dünkte.
»Und ich soll es irgendeinem Mohammedaner geben?«
»Irgendeinem, der das Zeichen kennt!«
»Und wann soll ich zum ersten Male das Zeichen erproben?«
»Sobald ihr auf hoher See seid!«
Ich zuckte zusammen, — aber schon im gleichen Augenblick kam mir mein Schreck töricht vor.
Diesmal war ich es, der lächelte, und ich sprach: »Auf hoher See? Wir kommen nicht übers Meer, wir werden nur in der Heimat verwendet!«
Da schaute mich der Mohammedaner so tieftraurig an, daß mein Lächeln erstarb und Unruhe mir ins Herz zog.
»Armer Freund!« klagte er und wischte sich mit der Hand eine voreilige Träne von der Wimper. »Armer Freund!«
Als ich ihn so bewegt sah, geriet ich in solche Aufregung, daß ich hastig einen Zipfel seines Kleides ergriff und ihn bestürmte:
»Was willst du damit sagen? Weshalb weinst du? Bei allem, was du verehrst, sprich, sprich!«
Aber er wiederholte nur: »Armer Freund!«
Und riß sich los und enteilte.
Ich stand da, mit blitzenden Augen und wogender Brust. In der geballten Faust hielt ich die drei Rupien, die mir aus alter Gewohnheit in der Hand geblieben waren, als ich das Kleid des Fremden berührt hatte.
War ich das Opfer einer Zauberei? War der Fremde ein böser Dämon gewesen?
Doch nein, er hatte geweint.
Aber vielleicht hatte auch ihn ein kluger Vater gelehrt, zu weinen, wenn sein Herz vor Freude sprang, und zu lachen, wenn der Schmerz ihn würgte.
Sicher wußte er mehr, als er gesagt hatte.
Mein Kopf wirbelte, — nein, ich wollte mit diesem Schreiben, das vielleicht eine Zauberformel barg, nichts zu tun haben, ich mußte es ihm zurückgeben. »Mein Freund,« rief ich und eilte in die Straße, in der er verschwunden war, »mein Freund ...«
Aber ich fand ihn nicht mehr. Er mußte sich in irgendeinem der Häuser verborgen haben.
Der Atem ging mir aus, und ich verlangsamte meinen Schritt.
»Armer Freund« hatte er mich genannt. Sah er eine dunkle Zukunft voraus? Ahnte er Leiden, die mich treffen sollten und die er nicht von mir abwenden konnte? Verband uns beide ein verwandtes Geschick?
Ich fühlte den Brief in meinem Kleide, und mein Verstand sagte mir: »Wirf ihn von dir! Zerreiße ihn, verbrenne ihn!« Zu gleicher Zeit aber klang es in mir: »Bewahre ihn gut! Es ist ein frommes Werk, zu dem du berufen bist!«
Die Ruhe, die ich aus dem Gebet geschöpft hatte, war in peinvolle Beklemmung gewandelt, ich war in einen Irrgarten widersprechender Gefühle geraten, und wohin ich mich auch wandte, einen Ausgang zu finden, stieß ich auf dicke Mauern.
Ich achtete nicht mehr auf die Richtung, die ich einschlug, und mein Instinkt führte mich den Weg zu meiner Lehmhütte, vor der ich plötzlich stand, ohne zu wissen, wie ich dorthin geraten war.
Es war dunkel geworden, die Häuser standen wie ausgestorben, denn die Engländer hatten bei Kriegsbeginn einen Erlaß verkündet, der es den Eingeborenen verbot, des Abends Licht zu brennen. Auf diese Weise hofften sie, alle geheimen Zusammenkünfte verhindern zu können.
An der Pforte meines kargen Heims strauchelte ich über einen plumpen Gegenstand. Ich bückte mich — und fuhr zurück: da lag Malatri, die Brillenschlange, und sie war tot. Erschlagen von rohen Händen.
Ich warf mich nieder, preßte den armen Kadaver an mich, streichelte den zerschmetterten Kopf, so daß mir das geronnene Blut an den Fingern kleben blieb. Ich rief: »Malatri, Liebling meiner Seele, Genosse meiner Beutezüge, hörst du mich nicht? Erwache und richte dich auf! Ich will dir vom besten Reis bringen, ich will dir die süßeste Milch stehlen, ich will dir ein weiches Lager bereiten! Du sollst an meinem Hals schlafen, ich will dich bedienen wie einen Fürsten, — so vernimm doch den Ruf deines Freundes und gib ihm ein Zeichen!« ...
Dies waren die Worte, die der Schmerz mir eingab.
Aber die Seele, die in Malatris geschmeidigem Körper gewohnt hatte, ließ sich nicht mehr zurückrufen. Schon hatte sie in einem anderen Leibe ihre Stätte gefunden, vielleicht lebte sie in einer der Ratten, die über die Schwelle huschten und meine Klagen mit leisem Pfeifen begleiteten.
Nun hatte ich nichts mehr, was mich an die Heimat fesselte. Mit der letzten Wurzelfaser war ich losgerissen aus dem Boden — gleichgültig, wohin man mich verpflanzen werde.
Das Spielzeug des Schicksals ...
Ich hob Malatri von der Erde, trug sie zu einem nahen, fließenden Gewässer und überließ sie den trägen Wellen.
Verspätet traf ich in der Kaserne ein. Zu meiner Verwunderung blieb die erwartete Strafe aus, der Posten ließ mich passieren, ohne mich zur Rede zu stellen. Er lachte mir nur breit ins Gesicht, als wisse er ein spaßhaftes Geheimnis.
Kaum aber hatte der Gott des Schlafes meine Lider angehaucht, da riß ein gellendes Trompetensignal uns alle empor. Und als wir aufblickten, stand in der Türe unser Offizier mit fünf Soldaten, und sie hielten ihre Revolver bereit.
Wir waren den Anblick von Revolvermündungen zu sehr gewohnt, um unruhig zu werden, und dachten, es sei wieder einmal eine Nachtübung anberaumt. Als wir jedoch unsere Gewehre ergreifen wollten, sahen wir mit Erstaunen, daß sie heimlich weggeräumt worden waren.
Ich mußte doch länger geschlafen haben, als ich geglaubt hatte.
»Antreten im Hofe ohne Waffen!« befahl der Offizier und schnitt ein Flüstern, das sich erheben wollte, durch das Kommando ab: »Ruhe! Kein Wort!!«
Wir alle mußten vor ihm den Raum verlassen, er folgte nebst seinen fünf Soldaten, ohne den Finger vom Revolverhahn zu nehmen, und es war nicht anders, als treibe er eine Herde vor sich her.
Im Hofe aber sah es seltsam aus. Da standen zwei Regimenter englischer Soldaten mit geladenen Gewehren, und sie ließen uns nicht aus den Augen.
Dem einen Regiment gegenüber standen die mohammedanischen Truppen, die im andern Flügel der Kaserne untergebracht gewesen waren. Ihnen fehlten, gleich uns, die Waffen.
Dem zweiten Regiment gegenüber mußten wir uns aufstellen.
Auf großen, mit Pferden bespannten Karren lagen unsere Gewehre.
Kein lautes Wort fiel, selbst die Befehle wurden halbleise erteilt, als gälte es, sie vor unberufenen Lauschern geheimzuhalten.
Waren wirklich alle so bleich, oder sog der Schein des heiligen Mondes die Farbe aus ihren Wangen?
Die englischen Soldaten marschierten auf uns zu, nahmen unseren Zug in die Mitte, und nun ging es hinaus in die Nacht, — rechts und links von schußbereiten Wächtern behütet.
Im Zickzack führten sie uns durch die Stadt, deren Straßen von Menschen gesäubert worden waren. Nur die Schritte hallten, und auch sie waren gedämpft wie bei euren Leichenzügen.
Ja, es war ein Leichenbegängnis. Die Versprechungen, die sie uns und den Mohammedanern gegeben hatten, trugen sie zu Grabe, und uns alle stießen sie mit hinab in die Gruft.
Wir sahen den Hafen vor uns, der angefüllt war von englischen Soldaten, und ein großes Schiff stand bereit, uns aufzunehmen.
Zuerst wurden unsere Gewehre verladen. Alles so lautlos, wie in einem Schattenspiel.
Und ich selbst kam mir vor wie leblos — ich sah, was geschah, aber ich hatte die Empfindung dafür verloren. Ich sah, wie die Mohammedaner über die Bretter schritten, die den Steinboden mit dem Schiff verbanden, ich sah, wie ihr Zug in einer Treppenluke verschwand — ich fühlte keinen Schmerz. Ich setzte mich in Bewegung, als die Reihe an uns gekommen war, willenlos wie ein Tier.
Als ich über die Bretter marschierte, versagten meine Knie den Dienst, ich fiel. Aber ein Stoß mit dem Gewehrkolben in den Nacken brachte mich wieder auf die Beine.
Im Aufspringen sah ich den Mond über mir stehen. Und mir war, sein Antlitz ähnele dem fremden Mohammedaner, dessen Schreiben ich im Gewande trug, und er weinte.
Und eine weiße Wolke schob sich vor ihn, um die Träne an seiner Wimper zu trocknen.
Gerade wollte ich eine Pause des Atemholens dazu benutzen, »Galgenstrick« mit der sanften Frage zu unterbrechen, ob ihn das Erzählen nicht anstrenge, als er selbst hüstelnd sprach: »Wenn es dir recht ist, o Herr, lasse mich schließen für heute!«
Natürlich war es mir recht.
Um aber Mister Galgenstrick nicht in gar so trüber Stimmung zu verlassen, plauderte ich noch ein wenig von gleichgültigen Dingen.
Er hörte mir die ersten paar Sätze geduldig zu, dann sagte er: »Ihr Weißen redet, ohne zu denken!« drehte sich im Bett herum, und soweit die Bettdecke erkennen ließ, nahm er eine Körperstellung ein, die selbst der optimistischste Optimist nicht als Ehrenbezeigung deuten konnte.
Ich mußte ob dieser Pantomime so herzlich lachen, daß Mister Galgenstrick sich wieder zurückdrehte und, angesteckt von meiner Heiterkeit, mir grinsend die Zähne zeigte.
Und so hatte ich doch meine Absicht erreicht, ihn vor meinem Abschied in heitere Laune zu versetzen.
Als ich am nächsten Mittag in das Lazarett kam, sagte mir auf dem Flur die Krankenschwester: »Mister Galgenstrick ist, seitdem Sie ihn besuchen, braver — aber heute nacht war er wieder sehr ungezogen!«
»Was hat er denn angestellt?«
»Er hat sich selbst das Fenster geöffnet und die ganze Nacht hindurch die kalte Luft, die Gift für seine kranke Lunge ist, eingeatmet. Ich habeDr.Heßberg gar nichts davon gesagt, sonst hätte er den Patienten furchtbar zusammengeschimpft!«
»Daran haben Sie recht getan, Schwester!«
Übrigens hatte die kalte Luft meinem farbigen Freunde nicht viel geschadet — soweit mein Laienauge es beurteilen konnte.
Er war recht vergnügt, legte bei meinem Eintritt die indischen Bilder, die er stundenlang zu betrachten pflegte, beiseite und begann nach einigen kurzen Begrüßungsworten lebhaft zu erzählen.
Das Meer ist ein heiliges Gewässer, und es übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Besonders auf die Speisen, die man im Magen hat.
Laß mich schweigen, Herr, von den ersten Tagen der Seefahrt. Wir glichen weniger einer Truppe, die in den Kampf gegen die Deutschen zieht, als einer Truppe, die aus dem Kampf mit den Deutschen kommt. Und wenn meine Seele jemals in den Leib eines Herings ziehen sollte, so weiß sie nun wenigstens im voraus, wie einem beim Eingepökeltsein zumute ist.
Wir Hindus waren auch zumeiststummwie die Heringe. Wir sind keine Weißen, die stets das Bedürfnis haben, ihr »Herz« auszuschütten — wobei ich immer lebhaft an das Ausschütten einer Kehrichttonne erinnert werde. Und ich glaube, die meisten Europäer besitzen dieses Mitteilungsbedürfnis, nicht weil ihr Herz übervoll, sondern weil ihr Kopf überleer ist.
Du fragst dich, warum ich dir meine Lebensgeschichte erzähle, da ich das Stummsein so lobpreise?
Siehe, das ist eben der Unterschied: ihr werdet wortkarg, wenn ihr krank seid, ich werde auf dem Krankenlager gesprächig. Ihr haltet das Mundhalten für eine Krankheitserscheinung, ich das Schwatzen.
— Die Fahrt schien endlos. Wohl hatte ich schon gehört, daß ferne unserer Heimat die Länder liegen, aus denen die Fremden zu uns kommen und uns ihre Waren schicken, aber nie hätte ich geglaubt, daß diese Länder so weit abseits lägen, daß das Meer so breit sei. Ich zermarterte mir das Gehirn mit der Frage, wozu ist das viele Wasser da, und ich kam zu der Lösung: die Götter haben es in ihrer Weisheit ausgeschüttet, damit ihr Weißen nicht so leicht und gefahrlos zu uns herüberkommen könnt. Das Meer ist der Stacheldraht des farbigen Mannes.
Wenn ein Offizier zu uns Eingepökelten hinabstieg, fragten wir ihn nach dem Reiseziel. Der eine Offizier nannte »Ägypten«, der zweite »Frankreich«, der dritte »Belgien«, der vierte »Deutschland«.
Ich sage: »wenn er zu uns hinabstieg«, denn wir Hindus durften nicht an Deck. Wir wurden verschickt wie eine Ware, und ich weiß nicht: berechneten uns die Engländer nach der Kopfzahl oder nach dem Pfund Lebendgewicht?
Wir lagen im untersten Schiffsraum und ein Stockwerk über uns hausten die Mohammedaner. Eine Treppe verband uns. Manchmal kamen Mohammedaner zu uns herab und erzählten uns Neuigkeiten. Die Engländer sahen dies nicht gerne.
»Woher weißt du diese Neuigkeiten?« stellte ich einmal einen Bekenner Allahs zur Rede, der mir mitgeteilt hatte, die Russen hätten die siebzehn Töchter des Deutschen Kaisers gefangengenommen. »Woher weißt du es, da wir mitten auf dem Meere sind? Haben es dir die Möwen zugetragen? Liest du es aus den Zickzackbewegungen der Fische?«
Er hielt mir darauf eine große Rede über ein Ding, das er »drahtlose Telegraphie« nannte und das ein Engländer namens Marconi erfunden habe. Ich ließ den dummen Schwätzer stehen.
Ich weiß, daß ihr Weißen viele Geheimnisse erforscht habt: Ihr habt ein Glasinstrument, das ihr »Thermometer« nennt und mit dem ihr das Wetter macht; ihr habt ein Blechrohr, in das ihr eure Musik eingesperrt habt und aus dem ihr sie herauslaßt, wenn andere Menschen schlafen wollen; und obwohl dieses Blechrohr, das ihr »Grammophon« nennt, keine Nase hat, singt es doch durch die Nase; ihr seid pfiffig und stehlt der Natur gewandter ihre Geheimnisse als ich euch die Taschenuhren, — aber solchen Unsinn wie »drahtlose Telegraphie« dürft ihr einem Hindu nicht vorschwatzen!
Nein, ich glaube nicht an solche Taschenspielerkünste und ich bin überzeugt, die sogenannten drahtlosen Kriegsberichte der Engländer entstehen auf eine ganz andere Weise, nämlich indem sie einfach fern vom Schlachtfeld erfunden werden.
Und das haben mir später meine Erfahrungen auch bestätigt.
Am dritten Tage der Seefahrt gab es einen großen Tumult auf dem Schiff.
Es war um die Mittagszeit, das Meer lag leise atmend wie ein schlafendes Mädchen und schien sich selbst im Schlummer unbewußt zu schämen, daß wir es durch die Fensterluken beobachteten.
Ein sanfter Wind fächelte von ihrer Stirne die Möwen, die ich die Mücken des Meeres nennen möchte.
Da hörten wir plötzlich, wie die Engländer auf dem Verdeck des Schiffes durcheinander schrieen, wie sie aufgeregt hin und her liefen, bis schneidende Kommandostimmen Ordnung in den Wirrwarr brachten.
Ein Mohammedaner stürzte auf uns zu und tobte: »Ein deutscher Kreuzer ist in Sicht! Wir sind alle verloren!«
»Hat er explodierende Metallfische bei sich?« erkundigte ich mich, aber er ließ sich keine Zeit, mir zu antworten. Er raste wieder die Treppe hinauf zu seinen Stammesgenossen.
Ich hörte, wie die Falltüre geschlossen wurde, die uns von dem Verdeck absperrte: wir waren wie in einem Käfig gefangen.
Ein Murren erhob sich, wilde Gedanken jagten sich in unseren Köpfen.
Doch ein Brahmane stimmte ein Gebet an, wir ließen unsere Stimmen mitklingen und unsere Wünsche drangen zu den Himmeln empor, hindurch durch die Falltüre und die Planken des Schiffes.
Wir Hindus flehten zu Schiwa, die Engländer flehten zu ihrem Gott, die Mohammedaner flehten zu Allah. Zu vielerlei Göttern, in vielerlei Sprachen schrie Menschennot nach Errettung, aber ich glaube, im Grunde war es ein und dasselbe Gebet.
Als ich mein Gebet verrichtet hatte, trat ich an eine der Fensterluken, stieß die anderen, die mir den Platz streitig machen wollten, mit den Ellenbogen kräftig zurück und schaute auf den Ozean hinaus.
Ein Rauchwölkchen stieg am Horizont auf, wuchs, kam näher, und es sah aus, als ob ein Schiff langsam aus den Wogen emporstiege: zuerst der Schornstein, dann das Deck, der Rumpf — und nun war das ganze Schiff sichtbar und lief auf uns zu mit der Schnelligkeit einer Ratte.
Man konnte es im hellen Tageslicht deutlich beobachten.
Da begannen die Maschinen unseres Schiffes laut aufzustöhnen, wir wurden von einem Ruck durcheinandergeworfen, und ein Wettrennen auf Leben und Tod begann zwischen den beiden Dampfern.
Und ich sprach zu mir: »Wie es das Schicksal will, wird es geschehen. Will es das Schicksal, so bleibe ich am Leben, will es das Schicksal, so ertrinke ich. Mir ist beides recht. Wohl ist es betrüblich, daß ich nicht, wie meine Vorfahren, am Galgen sterben soll, daß ich die Tradition unterbreche. Und ich wollte, ich hätte erst das hilflose Ermatten überstanden, bei dem mir das Wasser in den Mund und Nase dringen wird, bis sich die Wellen gurgelnd über mir schließen! Möge das Schicksal meinen Todeskampf abkürzen!«
Und wie ich, dachten wohl alle, alle, die an Bord waren. Ausgenommen vielleicht die Engländer, die die Rettungsboote in ihrer Nähe hatten.
Ich ließ mein Leben an mir vorübergleiten und fragte: »Was hast du mir bisher geschenkt? Viele Prügel und manche hungrige Nacht, aber auch manchen wohlgelungenen Beutezug. Du hast mir manches böse Wesen in den Weg geführt, wie Jim Boughsleigh, aber auch manches gute Wesen, wie Malatri, die Brillenschlange. Ich bin so gut und so schlecht gewesen, wie es mir meine Vermögensverhältnisse erlaubten. Wenn ich einen ungekannten Feind hinterlasse, so tut es mir leid, daß ich sterbe, ohne ihn umgebracht zu haben; wenn ich einen ungekannten Freund hinterlasse, so tut es mir leid, daß ich seine Bekanntschaft nicht gemacht habe. Möge meine Seele in einem besseren Leibe, als es mein gegenwärtiger ist, zu neuem Leben erwachen, — und wenn es nicht in meiner Heimat sein darf, so möge es in einem Lande sein, wo die fremden Brieftaschen gefüllter sind und die Wächter sich eines gesunden Schlafes erfreuen!«
Unser Schiff rannte durch die Wellen mit einer Schnelligkeit, die ich ihm niemals zugetraut hätte. Vor der Fensterluke spritzte der Gischt dicht empor, so daß ich nichts mehr sehen konnte. Und wenn ich nicht gewußt hätte, daß wir an Bord eines tapferen, unbesiegbaren englischen Schiffes wären, würde ich sagen: wir flüchteten.
Jeden Augenblick erwartete ich, jenes explodierende Metallfischlein käme geschwommen und streckte seinen spitzen Eisenkopf durch die Schiffswand. Jeder Atemzug war mir eine Gnadenfrist.
Wann kommst du, Tod?
»Ich glaube, wir fahren langsamer,« sprach ein Hindu neben mir.
Ich merkte auf und nun kam es auch mir so vor. Der Gischt vor dem Lukenfenster spritzte niedriger, das Stampfen der Maschine wurde leiser.
Nun war auch der Blick über das weite Meer wieder freier — ich spähte, ich reckte mich hochauf: der deutsche Kreuzer war verschwunden.
Vielleicht hatte ihn Schiwas Faust in das Meer gedrückt, wie man den Kopf eines störrischen Stieres niederdrückt.
»Wir sind gerettet!« jauchzten die Mohammedaner über uns. Und umarmten sich.
Wir Hindus aber blieben ernst, ein unhörbares Aufatmen befreite unsere Brust, unsere Glieder lösten sich aus dem Starrkrampf der Todesbeklemmung.
Und wieder drangen die Gebete empor.
Die Engländer dankten:Gotthat uns gerettet.
Die Mohammedaner dankten:Allahhat geholfen.
Die Hindus dankten:Schiwahat uns beigestanden.
Die Engländer feierten die Erlösung aus Todesgefahr mit Sekt und Whisky.
Die Mohammedaner feierten sie mit heiligen Gelübden.
Wir Hindus feierten sie mit einem gesunden Schlaf.
Und die Heizer an der Maschine bekamen einen Korb Wein vom Kapitän gespendet.
Übrigens begegneten wir am nächsten Morgen abermals dem deutschen Kreuzer und es stellte sich heraus, daß es ein englisches Handelsschiff war, das bei unserem Anblick schleunigst davongedampft war, weil es uns für einen deutschen Kreuzer gehalten hatte ...
So hatten wir uns gegenseitig bewiesen, daß Britannien das Meer beherrscht ...
Schmerzlicher als unter dieser Stunde der Aufregung litt ich unter der langen Abgeschlossenheit in dem stickigen Schiffsraum. Uns Hindus, die wir so eng mit der Natur verwachsen sind, daß wir mit ihr eine große Familie bilden, von Sonne, Mond abzusperren — es war unerträglich. Ich fühlte mich lebendig begraben.
Ich habe manchmal die Wahl gehabt zwischen einer Gefängnisstrafe und zwanzig Peitschenhieben auf mein Rückenende, und ich habe stets die Peitschenhiebe vorgezogen.
Das haben die Weißen nie begriffen. In ihren Augen gibt es nichts Entehrenderes, als öffentlich geprügelt zu werden. Ich aber frage: Was hat mein Ehrgefühl mit meinem Popo zu tun? Was ist das für ein Ehrgefühl, das eine Peitsche mir rauben kann?
Ihr könnt mich lahm geißeln, deshalb bleibe ich doch ein Hindu der Kriegerkaste. Aber wenn ihr auch alle Hindus ausrotten würdet, deshalb bliebet ihr doch nur Weiße. Da kann euch kein Mensch und kein Gott helfen.
Ihr macht ein großes Wesen von eurem Ehrgefühl, zu dessen Verherrlichung ihr mannigfache Löcher in die Luft schießt, aber was wahrer Stolz ist, könntet ihr von dem ärmsten Hindu lernen. Ich will dir ein Beispiel geben: Wohl ist der Hindu euer Knecht, aber in seiner kärglichen Lehmhütte ist er der Herr, und sein Weib würde es nie wagen, sich in seiner Gegenwart zu setzen. Bei euch hingegen gebärden sich just diejenigen Männer als die Herren der Welt, die zu Hause den Mund nicht öffnen dürfen.
Unseren Stolz beugt kein Richtschwert — euer Stolz zittert vor einem Pantoffel.
Gerne hätte ich mir jeden Tag zehn Peitschenhiebe aufzählen lassen, wenn man mich dafür nur eine halbe Stunde auf Deck gelassen hätte! Ach, ich sah die Gestirne nur durch ein schmales Fenster, ich hörte nicht den Gesang des Windes, und wenn ich den Blick hob, sah ich über mir harte Schiffsplanken.
Ich habe einmal einen weißen Knaben in Bombay gesehen, der sammelte Raupen. Er nahm sie von den blühenden Bäumen und sperrte sie in einen dunklen Pappkasten, in den er ein paar erbärmliche Luftlöcher gestoßen hatte. Mit diesen Raupen verglich ich uns.
Und eines Nachts hielt ich es nicht mehr aus, ich mußte den Mond wieder einmal freien Auges sehen und mich überzeugen, ob er noch weinte?
Meine Brüder schliefen den festen Schlummer des Sklaven, als ich mich erhob, unhörbar die Treppe hinaufzuschleichen. Unhörbarer noch, als ich damals im Hause der Lady die Stufen emporgekrochen war.
Schon war ich an dem Stockwerk der Mohammedaner vorbei und schaute über mir die offene Falltüre. Ich sah den Vollmond mir zu Häupten und hob wie anbetend die Arme. Ich stieg höher und fühlte den Wind nach mir haschen. Und nun konnte ich auch einige Geräte auf dem Verdeck unterscheiden und erblickte den einen Schornstein des Schiffes.
Die Luft war voller Dämonen, die sich winselnd balgten, und der Rauch, der dem Schornstein entqualmte, schnitt tückische Fratzen.
Noch ein paar Schritte und ich mußte droben sein. Aber als ich vorsichtig den Kopf aus der Luke hob, spürte ich einen krachenden Schlag auf dem Schädel und hörte eine böse Stimme: »Willst du wohl drunten bleiben, Kanaille?«
Da zog ich meinen Kopf schleunigst zurück.
O, die Engländer hielten gute Wacht.
Ich stieg bekümmert die Treppe hinab und setzte mich in stummer Klage auf eine Stufe.
Der Schein einer elektrischen Taschenlampe traf mich von oben, ich schaute aufwärts und sah in der Luke der Falltreppe ein weißes Gesicht, das herabspähte und fluchend herunterspuckte.
Dann ward es wieder dunkel.
Mit verächtlichem Achselzucken erhob ich mich und setzte mich einige Stufen tiefer.
Das war wieder eine echt englische Heldentat gewesen, einen Wehrlosen anzuspucken. Schule Jim Boughsleigh. Aber vielleicht verdienen es die Völker, die für Englands Habgier ihr Blut opfern, nicht besser.
Wie lange ich auf der Treppe saß, kann ich nicht angeben. Meine Sinne flüchteten aus der harten Gegenwart in die freundlichen Gärten der Selbsttäuschung und ergötzten sich an dem Spielen mit eitlen Hoffnungen.
Als sie zurückkehrten und ich mir wieder meiner Lage bewußt ward, war die Last meiner Sorgen doppelt schwer geworden. Ich stützte den Kopf in die Hände und wünschte: o möge doch das Schiff mit uns allen auf den Meeresboden sinken.
Plötzlich fühlte ich mich beobachtet. Ich sah um mich und gewahrte einen Mohammedaner, der am Fuße der Treppe stand und wohl schon längere Zeit meinem Mienenspiel gefolgt war.
Er starrte mich schweigend an. Soweit ich es im Dunkeln erspähen konnte, malte ich mir sein Bild: ein kleines Männlein, mit gebeugtem Rücken. Tiefe, ruhige Augen.
Wir musterten einander eine Weile, ohne zu sprechen. Diesem wortlosen gegenseitigen Suchen zweier Unglücklichen haftete eine merkwürdige Feierlichkeit an.
Wir prüften unsere Seelen mit den Blicken — zwei Freunde, die sich in tiefer Not begegnen und sich stumm verstehen.
Ich legte die drei mittleren Finger der rechten Hand über die Mittelfinger der linken und hob sie zur Stirn.
Gespannt harrte ich, ob der Mohammedaner das Zeichen erwidere?
Er stieg gemessen die Stufen der Treppe empor, bis er dicht vor mir stand. Kein Zucken in seinem Gesicht, keine Bewegung verriet, was in ihm vorging.
Mir war zumute wie in einem Tempel.
Und ohne den Blick von mir zu lösen, vollführte er das geheimnisvolle Zeichen.
Langsam ließ er die Hände sinken. Dann beugte er sich zu mir nieder und flüsterte das eine Wort: »Leise!«
Er ahmte das Pfeifen und Rascheln einer Ratte nach — blickte nach oben — die Wache rührte sich nicht.
Da setzte er sich neben mich auf die Treppe, — und nun war er nicht mehr der feierliche Mohammedaner mit den gemessenen Gesten, sondern ein gesprächiges altes Männlein, das hastig lispelnd mit mir plauderte, wie ein altvertrauter Bekannter.
Ich merkte freilich wohl, daß er bei dem scheinbar sorglosen Plaudern mich eindringlich beobachtete, und ich glaube, er hätte bei der kleinsten verdächtigen Schwankung meines Tonfalls sich sogleich wieder in den unnahbaren Stummen zurückverwandelt.
»Woher kennst du das Zeichen, Freund?« forschte er.
»Einer deines Stammes hat es mich gelehrt.«
»Wo?«
»In Bombay.«
»Wann?«
»Am Tage, ehe man uns auf dieses Schiff brachte.«
»Erzähle es mir genau!«
Ich erfüllte sein Begehren. Er hörte mir ruhig zu, manchmal mit dem Kopf beifällig nickend, manchmal leise kichernd.
Von Zeit zu Zeit gab er mir mit der Hand ein Zeichen, eine Pause zu machen, ahmte wieder die Ratte nach, blickte nach oben, und da keine Gefahr drohte, ließ er mich weiter sprechen.
Als ich geendet hatte, sagte er:
»Das war Abu-Kalib! Allah segne ihn! Und stärke ihn im Sterben, wenn ihn die Engländer erwischen!«
»Wenn er dich kennt, weshalb gab er dann den Brief mir, dem Fremden, und keinem von euch?«
»Schlauköpfchen! Weil kein mohammedanischer Soldat in Bombay auch nur für die Zeitspanne eines Augenblinzelns unbeobachtet blieb! — Wo hast du den Brief?«
»Hier!«
Ich zog ihn aus meinem Gewand, fühlte, ob das Siegel noch unverletzt sei, und reichte ihm das Schreiben.
Er küßte es.
»Ist bei euch unten eine Wache?« lispelte er.
»Nein. Wozu auch?«
»Pst! Leise, mein Freund!«
Er faßte meine Hand und zog mich die Treppe hinab. Dabei quiekte er ein Rattenkonzert von erstaunlicher Naturtreue — die Wache oben rührte sich nicht. Vielleicht war sie eingeschlummert.
Als ich am Eingang zu unserem Raume stand, zögerte ich einen Augenblick. War es nicht sündhaft, einen unreinen Mohammedaner in unser Lager zu führen? — Aber seufzend gestand ich mir, daß ich in den letzten Wochen unter dem Zwange des Krieges so oft hatte gegen unsere Sittengebote verstoßen müssen, daß mir die Götter wohl auch dieses Vergehen noch verzeihen würden.
So traten wir denn auf den Zehenspitzen ein, stiegen über die Schlafenden hinweg, nach einer Fensterluke, durch die der Mond seine neugierigen Strahlen warf.
In dieser Beleuchtung sah ich zum ersten Male den Mohammedaner deutlicher: die vielen Runzeln in seinem Gesichte zeugten von vollbewußt erlittenen, herben Lebensschicksalen. Und nun begriff ich auch, warum er beim Sprechen lispelte und das Pfeifen der Ratte täuschender als ein Hindu nachahmen konnte: er pfiff durch eine breite Zahnlücke.
Ehe er das Schreiben öffnete, sah er mir scharf in die Augen.
Ich verstand sein Mißtrauen, las in seinem Blick die Frage: »Bist du auch nicht von den Engländern bestochen?« und deutete als klarste Antwort auf das Zeichen Schiwas an meiner Stirn.
Er nickte befriedigt und brach das Siegel auf.
Und während er las, weiteten sich seine Augen, Entsetzen verzerrte sein Antlitz, er taumelte, ließ das Blatt sinken, als überstiege es das Fassungsvermögen seines Hirnes, weiter zu lesen.
Ich erschrak und bereute es beinahe, ihm das Schreiben anvertraut zu haben.
Am Ende war es doch kein heiliges Werk, wie mir Abu-Kalib beteuert hatte?
Am Ende hatte ich mich zum Mitwisser, zum Mitschuldigen eines blutigen Frevels gemacht?
Aber ehe ich diese Befürchtungen weiter denken konnte, fesselte mich wieder des Mohammedaners seltsames Benehmen.
Er hatte das Schreiben dicht vor die Augen gehoben, so daß ich im Mondschein durch das Pergament hindurch die Umrisse seines Kopfes wie den gespenstischen Schatten eines Raubtierschädels sah. Nun senkte er das Blatt wieder und mir starrten die Züge eines Irrsinnigen entgegen. Er ergriff meine Hand mit seiner fiebernden Rechten, während er sich die Linke in den Mund preßte, um nicht aufschreien zu müssen.
Ich stand erschüttert. Bis ich fühlte, wie sich der Druck seiner Hand löste und er aus seinem Krampfe erwachte.
Und nun hing er an meinem Hals und weinte an meiner Brust — der alte Mann wie ein Kind.
Ich wußte mir sein Weh nicht zu erklären, aber ich wagte nicht zu fragen. Ich legte meinen Arm um seinen gekrümmten Rücken, er zuckte zusammen unter dieser zärtlichen Bewegung, und nun hatte er sich wieder auf sich selbst besonnen.
»Allah wird dich lohnen und dir die Wonnen des Paradieses schenken!« lispelte er. Und indem er auf die Reste des Siegels aus dem Fußboden wies, warnte er: »Entferne dies, lasse es die Engländer nicht finden! Es kann dich den Kopf kosten!«
Ich bückte mich, las die Reste zusammen — und als ich mich wieder aufrichtete, war der Mohammedaner entwischt. Ich hörte von der Treppe her das Piepen einer Ratte — vermischt mit schluchzendem Kichern.
Heute weiß ich, was in dem Schreiben stand: es war des Sultans Aufruf zum heiligen Krieg.
Aber nicht zum heiligen Krieg gegen die deutschen Dämonen, wie die Offiziere gelogen hatten, sondern zum heiligen Krieg gegen die Engländer.
Ich hatte die Reste des Siegels vom Boden aufgesammelt und, um sie sicher zu verbergen, verschluckt. Die Folge bewies mir, daß Siegellack ein schlechtes Nahrungsmittel ist. Heftiges Bauchgrimmen lohnte mir das fromme Werk und bestätigte die alte Erfahrung, daß uns unsere guten Taten in der Regel diebitterstenSchmerzen eintragen.
Bald genug sollten mich unerwartete Ereignisse belehren, daß der alte Mohammedaner den Inhalt des Schreibens nicht geheimhielt.
Wirrer und aufgeregter dünkte mich am nächsten Morgen der Widerhall der Schritte uns zu Häupten. Vielleicht aber kam es mir auch nur so vor, da ich bisher nie so aufmerksam auf dieses Geräusch geachtet hatte.
In der Nacht aber erhob sich über uns ein drohendes Gemurmel, schwoll zu gärenden Rufen, Schreie kreischten und bald war es, als ob ein Rudel wilder Hunde losgelassen sei.
Wir wachgewordenen Hindus sahen einander verwundert an und ein Brahmane sagte:
»Ein Narr, wer sich gegen das Schicksal auflehnt!«
Ich unterschied in dem Lärm, wie Holz zerbrochen wurde, wie Glas klirrte, und mein Eindruck war: die da oben demolieren ihr Gefängnis.
Und nun trampelten Schritte auf der Treppe — die Mohammedaner drängten unter wildem Heulen nach dem Verdeck — Schüsse fielen.
Ein Handgemenge schien zu toben.
Einen Augenblick dachte ich daran, meine Brüder zu entflammen, den Mohammedanern zu Hilfe zu kommen. Aber ich besann mich rechtzeitig, daß die Bekenner Allahs mir ebenso fremd und unrein gelten wie die Weißen. Mögen die Götter sie beide vernichten!
Was hätten auch wir Unbewaffneten gegen die wohlgerüsteten Engländer ausrichten können? Und überdies: Verdient, wer erfolgreich lügt, härtere Strafe als der Tor, dersich belügen läßt?
Ich, als Hindu, habe tiefere Achtung vor dem Lügner als vor dem Belogenen — und ich glaube, auch ihr Weißen fühlt insgeheim gleich mir, denn weshalb löget ihr sonst so oft?
Da der Lärm über uns und auf der Treppe kein Ende nehmen wollte, so beschloß ich, mich persönlich von dem Stand der Dinge zu überzeugen. Vielleicht siegten die Mohammedaner und wir konnten aus der fremden Tapferkeit Nutzen ziehen?
Du siehst, ich fühlte schon ganz englisch.
Ich öffnete also die Türe — prallte aber sogleich zurück. Zwei englische Soldaten hielten mit gezücktem Revolver Wache vor der Tür. Dieser Posten stand fortan bei Tag und bei Nacht vor unserem Raum und hinderte jeden Verkehr zwischen uns und den Mohammedanern.
Seit der Meuterei der Mohammedaner glich das Schiff einem schwimmenden Zuchthaus.
Nur ein einziges Mal durften wir Hindus an Deck und das war am Tage nach jener Revolte. Unsere Offiziere ließen uns in Reihen von zwei und zwei antreten und trieben uns die Treppe hinauf.
Oben standen wieder die bewaffneten Engländer uns Unbewaffneten gegenüber — ganz wie damals auf dem Kasernenhof, als man uns zur »Nachtübung« auf das Schiff gebracht hatte.
Wie lange hatte ich den Himmel nicht mehr gesehen! Und wie hatte er sich verändert! Es war nicht mehr der liebe blaue Himmel Indiens, der luftige Wohnsitz der Götter, nicht mehr der süße Himmel, der wie der durchsichtige, zarte Schleier vor einem klugen Frauenantlitz ist — nein, es war ein schmutziges Tuch, das sich ein altes Weib vor das verrunzelte Gesicht gebunden hatte, ein trüber, dunstiger, mißgelaunter Himmel.
Ein Himmel, der nicht hören und nicht sehen wollte, was nun geschah.
Denn nun trat ein Offizier vor und hielt eine jener Reden, in denen die Engländer Meister sind. Kein Volk der Erde versteht es so vortrefflich, gleichzeitig zu sündigen und sich moralisch zu entrüsten. Es gleicht einer Hure, die über den Kuß eines reinen Mädchens Zeter schreit. Einem bestochenen Richter, der einen hungrigen Brotdieb zum Pranger verurteilt. Und wenn die Engländer jemals der Göttin der Wahrheit einen Tempel bauen, so müßten sie ihr Standbild auf den Kopf stellen und ihr eine Schnapsflasche in die Hand geben.