Chapter 4

Der Offizier sprach davon, daß die Mohammedaner den heiligen Eid, den sie dem König geleistet hätten, schmählich gebrochen hätten. Davon, daß ihnen dieser Eid unter lügnerischen Vorspiegelungen erpreßt worden war, sprach er nicht.Er sprach davon, daß die Engländer die väterlichen Freunde der Mohammedaner seien, und wie schändlich es sei, solche väterliche Liebe durch Meuterei zu lohnen. Davon, daß die Engländer gleichzeitig dem Sultan sein Land nehmen und es mit ihren Spießgesellen teilen wollten, sprach er nicht.Er sprach davon, daß die Engländer blutenden Herzens die Mohammedaner für den gebrochenen Soldateneid strafen müßten, denn England sei der berufene Schützer des Rechts auf dieser Welt. Davon, daß sie, wie ich später hörte, verbündet sind mit den Meuchelmördern von Serbien und dem ehrenwortbrüchigen Zaren von Rußland, sprach er nicht.Es war eine lange Rede und sie enthielt fast mehr Lügen als Worte. Wir hörten sie an, wie man eben eine Rede anhört, wenn einem geladene Gewehre nach der Brust schielen, und beneideten die Möwen, die davonfliegen konnten.Dann begann das Strafgericht. Die Engländer zählten aus den Reihen der Mohammedaner jeden zehnten Mann aus, zwangen ihn vor die Front zu treten und banden ihm die Hände auf den Rücken.Auch den Alten, dem ich das Schreiben Abu-Kalibs ausgehändigt hatte, traf das Los. Wir suchten uns mit den Blicken, und wenn er die Augensprache verstand, las er von meinem Antlitz Worte, die — hätten die Engländer sie vernommen — unsere Familientradition wieder zu Ehren gebracht und mich am Galgen baumeln gemacht hätten.Der Alte hob, als die Reihe an ihn kam, feierlich seine Hände den Stricken entgegen, und es sah beinahe aus, als segne er die Ketten, ehe sie ihn fesselten. Sie banden ihn so fest, daß sein Rücken noch gekrümmter war als sonst.Und obgleich ich nicht gerne einen Menschen lobe, außer mich selbst, muß ich sagen: dieses greisenhafte Männchen ging dem Tode mit einem Gleichmut entgegen, der jedem Hindu zur Ehre gereicht hätte.Möge seine Seele sich auf ihren weiteren Wanderungen so weit vervollkommnen, daß die Götter sie in einigen Jahrtausenden würdig finden, in dem Leib eines Hindus, und sei es auch nur der untersten Kaste, zu wohnen.Die Gefesselten wurden weggeführt, und uns trieb man wieder in unseren Stall zurück.Kaum waren wir unten, da erschienen die Engländer bei uns, um unsere Habseligkeiten zu durchstöbern. Ja, wir mußten uns sogar nackt vor ihnen ausziehen, damit sie erführen, ob wir nichts Verdächtiges unter unseren Kleidern verborgen trügen.Wie klug war der Rat des Alten gewesen, die Spuren des Siegels zu tilgen!Die Engländer fanden nichts bei mir, außer zwei fremden Geldtäschchen. Und auch bei den anderen fanden sie nichts.Wir lauschten, ob wir die Schüsse vernähmen, die die Seelen der gefesselten Mohammedaner wie Peitschenhiebe aus ihren Körpern treiben sollten — aber kein Schuß gellte.Wahrscheinlich haben sie siegehenkt, dachten wir.Doch auch diese Vermutung war irrig. Die Todesstrafe wurde erst vollzogen, als wir an Land waren, als wir an einer Küste ausgeladen wurden, die sie Ägypten nannten.»Wem gehört dieses Land?« frugen wir.»Es gehört uns Engländern.«»Wieso?«»Wir haben es uns genommen.«»Mit welchem Recht?«Da lachten sie und sagten, wir hätten keine Kultur.Ich habe das Wort »Kultur« noch gar oft gehört und gelesen, aber ich bin mir trotz angestrengten Grübelns nicht klar geworden, was Kultur eigentlich ist? Kultur ist, wenn man Schulen baut, und Kultur ist, wenn man Kanonen baut. Kultur ist, wenn man den Frieden preist, und Kultur ist, wenn man den Krieg besingt. Kultur ist, wenn man die Armen speist, und Kultur ist, wenn man den noch Ärmeren ganze Länder raubt. Kultur ist, wenn man seine Religion ehrt, und Kultur ist, wenn man andere ihrer Religion abtrünnig macht.Ich weiß nicht, was Kultur ist, aber ich bin stolz, wenn man mir sagt, ich hätte keine. Obwohl ich andererseits sage: wenn die Engländer Kultur haben, dann haben auch wir Hindus welche!Ich glaube, Kultur ist im Grunde nur eine der Ausreden, um welche die Weißen nie verlegen sind, wenn es gilt, für häßliche Dinge einen schönen Namen zu finden.Jim Boughsleigh hatte mir versichert, Ägypten sei ein wunderschönes Land, aber ich merkte nichts davon. Ich fand, es sei eine sandige Wüste, in der es nachts so kalt war, daß ich bitterlich fror.Und auch das erste Erlebnis, das wir dort hatten, war alles andere eher als wunderschön.Wir wurden nämlich aus den Zelten, in denen man uns untergebracht hatte, herausgeholt, um der Hinrichtung der gefesselten Mohammedaner beizuwohnen. Man stellte sie auf einen Sandhügel und die Engländer schossen auf sie, bis keiner mehr lebte.Der Alte war einer der ersten, die umfielen. Er krümmte sich zusammen, wie eine ersaufende Ratte, dann streckte er sich in einem kurzen Krampf und blieb so liegen.Die Mohammedaner murmelten Gebete, während man ihre Brüder erschoß. Vielleicht war es auch etwas anderes, was sie murmelten.»Bleiben wir in Ägypten?« frug ich den Offizier, der uns in unsere Zelte zurückführte.»Vielleicht!«»Gibt es in Ägypten deutsche Dämonen?«»Nein! Aber es nahen türkische Feinde!«»Sind die Türken auch Dämonen?«»Ja!«»Verwandeln sie sich des Nachts auch in Frösche?«Der Offizier sah mich groß an und gab mir keine Antwort mehr.Vier Tage blieben wir in diesem Land. Und auf alle Fragen, die wir stellten, bekamen wir die Antwort »vielleicht«.Eine bange Unruhe bemächtigte sich wieder unserer. Was hatten die Engländer mit uns vor? Würden sie auch unter uns ein Blutbad anrichten?Ich konnte die Zukunft nicht erraten, aber jedenfalls war ich froh, daß ich in unserer Kompagnie derneunteMann war, und nicht derzehnte.Um die Mittagsstunde des vierten Tages befahl mich der Kolonel zu sich.Ich grüßte ihn ehrerbietig und dachte mir das Gegenteil.»Höre, Galgenstrick,« begann er, »du bist ein intelligenter Bursche! Du hast dich bisher als tapferer Soldat gezeigt!«Das war mir neu. Aber ich dachte mir: vielleicht hat es den Engländern imponiert, daß man bei mir zwei fremde Geldtäschchen gefunden hatte. Ich schwieg, denn man darf einem Vorgesetzten nicht ungefragt antworten, und wenn er noch so greulichen Unsinn redet.»Du bist tapfer, mein Junge,« wiederholte der Kolonel, »und du sollst sehen, daß wir Engländer die Tapferkeit belohnen!«Mich durchzuckte die Hoffnung: vielleicht läßt er dich zur Belohnung nach Indien zurückkehren?Aber der Kolonel sagte: »Du bist hiermit zum Sergeanten befördert!«Ich muß wohl, obwohl ich mich zu beherrschen weiß, ein etwas langes Gesicht gemacht haben, denn er fuhr fort: »Freust du dich nicht? Weißt du nicht, welche Vorteile es hat, Sergeant zu sein?«Ich sagte: »Ich will nicht Sergeant sein!«»Warum nicht?« staunte er.»Weil ich dann den anderen Befehle geben muß. Unter uns Hindus aber befinden sich einige Brahmanen, und es wäre eine unlöschliche Sünde, wollte ich mir anmaßen, einem Brahmanen Befehle zu erteilen!«»Dummes Zeug! In unserer Armee gibt es keine Kastenunterschiede, sondern nur Soldaten! — Wegtreten!«Ich wandte mich zum Gehen; da er aber bemerkte, daß ich noch etwas auf dem Herzen hatte, rief er mich nochmals zurück und forschte: »Nun? Was ist dir noch rätselhaft?«Ich nahm meinen Mut zusammen und sprach: »Ich habe beobachtet, daß Vorbereitungen zur Weiterfahrt getroffen werden. Wohin wird man uns bringen?«»Das weiß ich noch nicht. — Hast du sonst noch etwas zu fragen?«»Ja, Herr! wir haben bisher nur weiße Vorgesetzte gehabt — weshalb werden nun auch ausunserenReihen Vorgesetzte gewählt?«»Weil in dem Lande, in das wir kommen, Offiziersmangel herrscht!«Ich lauschte auf. Eben hatte er noch gesagt, er wisse nicht, wohin wir kämen, und jetzt sprach er von einem ganz bestimmten Land. Er log für einen Engländer recht schlecht.»Wieso herrscht Mangel an Offizieren, Herr?« frug ich listig. »Haben die Feinde so viele von ihnen getötet?«Da wurde der Kolonel sehr böse und schrie: »Rede keine Albernheiten!«Er lief ein paarmal hin und her und lachte in ironischer Wut: »Na, das Fragen wird dir in Frankreich schon vergehen!« Und blieb so dicht vor mir stehen, als ob er mir die Nase zum Abbeißen anbieten wollte, und knurrte: »Ich sehe, du taugst doch nicht zum Sergeanten! — Scher' dich zum Teufel!«So blieb ich wenigstens vor der Sünde bewahrt, mich über einen Brahmanen zu erheben.Als ich wieder in unserem Zelte war, warf ich mich nieder und dankte Schiwa. Ich betete: »Beschütze mich in Frankreich und hilf mir, die deutschen Dämonen vernichten! Und wenn du mir gnädig sein willst, so lasse für jeden Deutschen, den ich töte, noch zwei Engländer umkommen! Lasse mich heil in meine Heimat zurückkehren! Wenn du aber meinen Tod beschlossen hast, so lasse mich auf dem Schlachtfeld sterben, lasse mich nicht in die Hände der deutschen Dämonen fallen, welche uns Hindus schlachten und verzehren! Wenn du aber auch dieses beschlossen hast, so mache, daß mein Fleisch giftig sei, damit der deutsche Dämon, der mich zum Frühstück frißt, qualvoll verenden muß! Lässest du mich aber leben, so will ich nach Benares zum heiligen Strom wallfahren, und alles, was ich inzwischen mit Hilfe der Götter stehlen werde, will ich dir opfern! Oder wenigstens einen Teil davon! Und bewahre mich vor Kultur und allen anderen Übeln!«Damit war mein Gebet noch lange nicht zu Ende, aber mitten im Gebet kam plötzlich das Signal zum Aufbruch und wir wurden auf das Schiff gejagt.Nicht alle Hindus waren so fromm gewesen wie ich, einige hatten sich zum Sergeanten befördern lassen, und mir quoll die Galle, als ich einem tief unter mir stehenden Wasserträger gehorchen mußte.Zu unserem Erstaunen wurden wir in dem Raum des Schiffes untergebracht, in dem bisher die Mohammedaner gehaust hatten. Die Mohammedaner aber blieben mit einigen englischen Offizieren zurück in Ägypten. Es hieß, sie seien nicht würdig, gegen die deutschen Dämonen zu kämpfen, aber ich denke mir, die Engländer fürchteten eine neue Revolte. Wohin sie die Mohammedaner gebracht haben, weiß ich nicht. Aber sicherlich haben die wenigsten ihre Heimat wiedergesehen.Der Schiffsbauch unter uns blieb leer. Aber nicht lange. Denn nach mehrtägiger Fahrt legten wir für ein paar Stunden an der Küste an und luden Menschen ein, wie ich noch nie häßlichere gesehen habe: tiefschwarze Neger.Wir wollten zuerst gar nicht glauben, daß es Menschen seien, sondern hielten sie für Tiere. Aber man sagte uns, auch sie seien Verbündete der Engländer und Franzosen.Seitdem hat sich meine Ehrfurcht vor den heiligen Affen stark vermindert, denn wer weiß, ob nicht auch die Affen heimliche Verbündete der Engländer sind.Und weiter ging die Meerfahrt, immer weiter. Und immer kälter wurde es. Meine Brust schmerzte mich, ich spuckte Blut.Wenn mir das in meiner Heimat passiert war, so hatte ich heiligen Kuhmist auf meine Brust gelegt. Hier aber, auf dem Meere, gab es dieses köstlichste aller Heilmittel nicht, und so wurde ich kränker und kränker.Es kam auch einmal der Schiffsarzt zu uns herunter und sah mich an, und er wußte einen fremdländischen Namen für meine Krankheit, nämlich »Simulant«.Wir alle froren jämmerlich, doch trösteten uns die Engländer: »Je weiter wir nach Norden kommen, desto wärmer wird es! Das ist ein Naturgesetz!«Aber bei den Weißen scheinen nicht einmal die Naturgesetze etwas zu taugen.Mister Galgenstrick hustete heftig.»Bist du müde, mein Freund?« frug ich. Er sah mich gereizt an. »Ich bin weder müde, noch bin ich dein Freund!«Doch schien ihn diese Grobheit zu reuen, denn er meinte gleich darauf: »Aber ich hasse dich auch nicht. Du hast mir schöne Bilder gebracht.«Ich wollte das elektrische Licht andrehen, denn es war düster geworden. Galgenstrick bat mich: »Tue es nicht! Öffne lieber das Fenster!«»Das darf ich nicht, es ist kalt draußen. Die Kälte würde deine Krankheit verschlimmern!«»Eben deshalb habe ich darum gebeten. Meine Seele lechzt danach, in einen anderen Leib überzugehen.«Darauf konnte ich nichts erwidern.Ich wartete, bis Mister Galgenstricks Mienen sich wieder glätteten und er zu erzählen fortfuhr:Die Stadt, in deren Hafen wir nun anlegten, liegt in Frankreich und heißt Marzel. Geschrieben wird sie M-a-r-s-e-i-l-l-e.Sie hat einen sehr schönen Hafen, in dem viele Schiffe lagen und auf das Ende des Krieges warteten. Es kommen immer mehr dazu, und als ich einmal einen englischen Kameraden frug, warum diese Schiffe untätig im Hafen ruhen, lachte er:»Zur Hebung des französischen Außenhandels.«Mir fiel überhaupt bald auf, daß in den Augen der Engländer ein leises Lächeln zuckt, wenn sie über Frankreich reden, und ich vermute, sie betrachten die Franzosen als eine Art weiße Hindus und lassen sie eine ähnliche Rolle in diesem Krieg spielen wie uns.Die Franzosen sind kleinere Menschen als wir, aber sie sind viel lebhafter, sie gestikulieren heftig, und auch wenn man, wie ich, ihre singende Sprache nicht versteht, kann man meistens erraten, was sie meinen. Sie reden sehr viel und sehr schnell. Man sollte es kaum für möglich halten, daß die Frauen dort noch mehr sprechen als die Männer, aber es istdochso.Ich habe von ihrer Sprache nur drei Wörter behalten können, die ich oft hörte: »Oui«, »pardon« und »cochon«.Bei unserer Einfahrt in den Hafen begrüßten uns die Schiffe mit lautem Jubel. Alle Schiffe hatten sich mit bunten Fahnen behängt, und ich glaubte zuerst, der Kaiser von Frankreich habe Geburtstag.Später habe ich erfahren, daß es in Frankreich keinen Kaiser gibt, sondern nur einen Präsidenten, der aber auch nichts zu sagen habe, daß vielmehr jedes halbe Jahr ein neues »Ministerium« (ich weiß nicht, was das ist) gebildet wird, um das Gegenteil von dem früheren »Ministerium« zu tun, und daß man dies »Republik« nennt.Geflaggt aber hatten die Schiffe und die ganze Stadt Marzel, weil eine große, günstige Entscheidungsschlacht stattgefunden hatte: die Russen hatten die Deutschen bei den Masurischen Seen vernichtend geschlagen.Im Hafen wurden uns unsere Waffen zurückgegeben und wir wurden durch die Stadt in die Kaserne geführt.Dieser Einzug ist meine schönste Erinnerung an den Krieg. Die Menschen drängten sich auf den Straßen, Freude leuchtete von ihren Gesichtern, sie riefen uns jauchzende Begrüßungen zu, schwenkten Tücher.Es war das einzige Mal, daß uns Hindus von den Weißen die Ehrfurcht bewiesen wurde, die uns gebührt.Besonders begeistert begrüßten uns die Frauen. Sie warfen uns Kußhände zu und Blicke, für die jeder Hindu sein Weib totprügeln würde.Während des Einmarsches geschah ein Wunder: es fielen vom Himmel weiße Papierfetzen, die aber zu Wasser zerschmolzen. Die Europäer nennen sie »Schnee«. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und fürchtete mich gewaltig. Allein man beruhigte mich: dieser Schnee fiele jeden Winter, er sei ganz ungefährlich. Man sagte mir auch, man mache daraus Männer — aber das glaube ich nicht. Denn wenn die Weißen aus Schnee Menschen machen könnten, weshalb hätten sie dann uns Hindus und die abscheulichen Neger zu Hilfe holen müssen?Aus allen Fenstern guckten Männer und Frauen, und aus einem Hause — du kannst dir meine Freude denken — schauten Hindus herab. Es war ein großes Gebäude, und von seinem Dache wehte eine große Fahne mit einem roten Kreuz. Genau, wie sie an dem Hause flattert, in dem ich jetzt liege.Ich habe am nächsten Tage den Versuch unternommen, mit meinen Brüdern in diesem Hause zu sprechen, ihnen meine Schicksale zu erzählen und sie nach ihren eigenen Erlebnissen zu fragen. Ich fand auch nach vielem Suchen das Haus, aber man ließ mich nicht hinein. Ja, es wurde uns sogar ausdrücklich verboten, mit Verwundeten zu reden.Heute kann ich mir dieses Verbot nur allzu gut erklären.Sonst aber hatten wir in Marzel ziemlich viel Freiheit. Wir durften frei auf den Straßen gehen, durften uns alles betrachten. Die Leute von Marzel waren sehr freundlich zu uns, sie stopften uns die Taschen voll Zigaretten, schenkten uns wollene Decken und lachten herzlich, wenn wir uns in unserer, ihnen unverständlichen Sprache bedankten. Daß wir ihre Speisen nicht genossen, wußten sie bereits.Einmal begegnete mir auf der Straße ein Zug von Menschen, denen eine Fahne vorausgetragen wurde, auf der ein weißes Weib in Waffen abgemalt war. Ich fragte einen Mann auf englisch, wer diese Lady sei? Er antwortete mir in derselben Sprache, aber er sprach lange kein so reines Englisch wie ich.Und ich erfuhr, diese Lady sei eine Jungfrau aus O-r-l-e-a-n-s (was wieder ganz verrückt ausgesprochen wird) und die Engländer hätten sie verbrannt.Ich stimme sonst selten mit den Engländern überein, aber da mußte ich ihnen vollkommen recht geben. Ein Weib, das die Vermessenheit hat, einem Manne gleichen zu wollen, gehört getötet. Jeder Hindu wird diese Ansicht teilen. Nur weiß ich nicht, weshalb die Engländer uns die Witwenverbrennungen verbieten, wenn sie selbst früher Weiber verbrannten?Überhaupt scheinen die früheren Engländer viel vernünftigere Menschen gewesen zu sein als die heutigen.Ein andermal kam ich an einem Laden vorbei, da waren Tiere ausgestellt. Auch eine große Schlange war dabei, die zusammengekrümmt in einem Glaskasten lag und schlief. Vielleicht träumte sie von ihrer Heimat?Ich mußte an Malatri, die Brillenschlange, denken und ein Schluchzen zog mir den Hals zu.O Malatri, hätte ich dich hier gehabt, wie hätte ich dich streicheln und küssen wollen, meine glatte Freundin! Ich hätte dir meine Sehnsucht geklagt nach dem warmen Indien, und du hättest meine Sprache verstanden und mit mir getrauert!O Malatri, warum bist du allein aus diesem Leben geflohen und hast mich nicht mitgenommen, der ich dein bester Freund war?Ich wischte mir die Tränen von der Nase — da fiel mein verschleierter Blick auf ein kleines Glaskästchen, in dem auf einem Leiterchen ein grüner Frosch saß.»Aha, ein gefangener Deutscher!« sagte ich mir und ward wieder heiter.Die ersten Tage gefiel mir Marzel über die Maßen, doch als meine Neugier gestillt war, nistete sich die Langeweile in meiner Seele ein und begann ihre Eier auszubrüten.Daher rieten mir meine Kameraden, die Mittage in einem jener Häuser zu verbringen, welche die Weißen »Kaffeehaus« nennen. Aber dort war es noch langweiliger.Ich weiß nicht, weshalb die Weißen diese Stätten aufsuchen, in denen sie ein Getränk trinken, das sie zu Hause sicherlich billiger, besser und in reinerer Luft bekommen; in denen sie Spiele spielen, bei denen sie ihr Geld verlieren und Streit miteinander bekommen; in denen zehn Menschen gleichzeitig Musik machen, und wenn man durch Händeklatschen seinem Mißfallen Ausdruck gibt, erst recht nicht aufhören.Vielleicht tun es die Weißen, um sich zu kasteien.Am heftigsten empörte es mich, daß in diesen Stätten so vieleFrauenherumsaßen, statt, von ihren Gebietern eingesperrt, zu Hause zu arbeiten und in harter Fron die Schmach, ein Weib zu sein, abzubüßen.Aber ich habe ja schon gesagt, daß die Weißen nicht wissen, wie man eine Frau vernünftig behandelt.Noch deutlicher sollte ich das erfahren, als ich an einem der nächsten Abende, an dem ich länger Urlaub hatte, in ein anderes Lokal ging, dessen Besuch mir die Kameraden empfohlen hatten.Wir Soldaten genossen dort freien Eintritt, während alle anderen Menschen Geld bezahlen mußten, um in das Gebäude zu gelangen, das außen mit vielen farbigen Lichtern geschmückt war.Zuerst kam man in einen großen Vorraum und dort gaben die Menschen ihre Hüte und die Mäntel ab. Ich dachte, sie würden sich vielleicht noch weiter ausziehen, aber das taten sie nicht.Die Frauen, welche die Hüte und die Mäntel in Empfang nahmen, hatten zuletzt eine Unmenge von diesen Bekleidungsstücken, und ich begreife nicht, weshalb sie nicht im Laufe des Abends damit durchbrannten. Aber die Weiber haben ja keinen Verstand.Aus dem Vorraum führte eine Treppe in einen weiten, hellerleuchteten Saal, in dem viele Tische standen.Ein Mann, der ein merkwürdiges Kleid mit vielen Goldknöpfen anhatte, führte mich an einen Tisch und machte mir ein Zeichen, ich sollte mich hinsetzen.Das tat ich, wenn auch widerstrebend. Denn ich hatte Angst, die Weißen würden wieder Musik machen — eine Befürchtung, die sich leider bald erfüllte.Als ich mich umsah, stand der Mann mit den Goldknöpfen noch immer hinter mir und reichte mir ein bedrucktes Heft. Aus Gefälligkeit nahm ich es ihm ab — da wollte der freche Mensch Geld dafür haben, und ich gab ihm das Heft wieder zurück.Ich betrachtete mir den Saal, in dem schon viele Leute und auch einige Hindus saßen, und mich interessierte besonders ein großes Tuch, das an der Wand vorne hing. Darauf war allerlei Geflügel gemalt, aber mit menschlichen Körpern.Gerade wollte ich einen in der Nähe sitzenden Bruder fragen, in welchem Lande es solche geflügelte Menschen gibt und ob sie auch Eier legen, als plötzlich die Musik einsetzte. Und wenn bei den Weißen Musik gespielt wird, sind sie ruhig und reden nichts, und das ist der einzige Vorteil, den die weiße Musik hat.Drei Stücke spielte die Musik, und es war sehr vorsichtig von den Musikern, daß sie versteckt saßen und man sie nicht sehen konnte.Das mittelste Stück war die englische Nationalhymne, die von allen Leuten mitgesungen wurde und von mir auch, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß ich dann Zigaretten geschenkt bekomme.In Bombay hatten sie eine ganz andere englische Nationalhymne gehabt als diese, welche lautet:It's a long way to TipperaryIt's a long way to go.It's a long way to Tipperary,To the sweetest girl I know.Good-by, Picadilly!Farewell, Leicester Square!It's a long, long way to Tipperary,But my heart's right there!Ich weiß nicht, wo Tipperary liegt und wer der Herr Picadilly ist, zu dem man in dieser Nationalhymne »Adieu« sagt, noch weiß ich, wer die Frau Leicester Square ist, zu der man »Lebewohl« sagt, ich weiß nur, daß mir dieses Lied vorkommt wie ein großer Blödsinn. Und ich verstehe nicht, daß die Engländer so eine dumme Nationalhymne singen, wenn sie in die Schlacht ziehen, um andere für sich kämpfen zu lassen.Nach dem dritten Musikstück wurde es finster und das große Bild mit den Geflügelmenschen rollte sich bis zur Decke in die Höhe.Und da sah ich, daß hinter dem Bild noch ein großer erleuchteter Raum war, in dem ein Wald gemalt war. Ich freute mich und dachte, vielleicht kommen jetzt Affen in den Wald.Aber es kamen sechs französische Ladies und die Leute machten »Ah«, weil sie so alt waren.Die Ladies hatten englische Uniformen an, nur an denBeinenhatten sie keine Uniform.Und sie sangen auf englisch ein Lied: Daß sie die tapferen Highländer wären und alle deutschen Barbaren töten würden, und sie stocherten dabei mit den Beinen in der Luft herum, und ich glaube wirklich, daß kein Deutscher diesen Anblick hätte ertragen können.Die Leute gerieten denn auch in eine schreckliche Begeisterung und schwenkten die Taschentücher und schrien minutenlang. Leider aber wurden sie wieder ruhig, so daß die Ladies weiter singen konnten.Und sie sangen eine zweite Strophe, die hatte denselben Inhalt wie die erste.Und dann eine dritte, die hatte denselben Inhalt wie die zweite.Und immer warfen sie dabei ihre Beine in die Luft und ich muß zugeben: das war eine Leistung in ihrem Alter.Dann kamen die Geflügelmenschen wieder herunter und gingen noch ein paarmal in die Höhe, damit die Ladies Kußhände werfen konnten, und es wurde wieder hell.Ich war sehr ärgerlich über diese Ladies. Noch zorniger aber war ich über eine französische Miß, die am Nebentisch saß und ununterbrochen zu mir herüberlächelte und ihre Augen verdrehte. Wenn ich Malatri, die Brillenschlange, bei mir gehabt hätte, hätte ich sie auf dieses Weib losgelassen.Sie muß irgendeiner Kaste angehört haben, denn auch sie hatte sich mit roter Farbe bestrichen — allerdings nicht auf der Stirn, wie wir Bekenner Schiwas, sondern auf den Backen.Als die Miß sah, daß ich auf ihre Blicke aufmerksam wurde, lächelte sie noch freundlicher und fragte etwas in ihrer unverständlichen Sprache. Ich wollte freundlich sein, und antwortete das eine der drei französischen Wörter, die ich weiß, nämlich »oui!«.Da stand sie auf und setzte sich an meinen Tisch und begann, Süßigkeiten zu knabbern.Nun steigerte sich meine Wut noch erheblich: wie kann eine Frau sich unterstehen, in Gegenwart eines Mannes zu essen, und auch noch an demselben Tisch! Eine Hindufrau hätte nie den Mut dazu.Zum Glück klingelte es in diesem Augenblick und die Geflügelmenschen flogen wieder an die Decke.Diesmal waren drei Männer in dem Wald, die machten auf Leitern Turnkunststücke. Es war nichts Besonderes, jeder indische Gaukler kann es besser, aber ich war ihnen dankbar, daß sie wenigstens dabei nicht sangen.Auch die französische Miß neben mir fing an zu turnen, indem sie immer näher an mich heranrückte. Sie hatte ein Taschentuch in der Hand, das roch nach verwelkten Blumen. Und weil sie nicht aufhörte zu schwatzen und die Augen zu verdrehen, sagte ich das zweite französische Wort, das ich weiß, nämlich »pardon!«.Darüber lachte sie herzlich, zeigte mir ihre Zähne, von denen die meisten aus Gold waren, und streichelte meine Hand.Nun wollte ich nicht unhöflich sein und sagte das dritte französische Wort, das ich weiß, nämlich »cochon!«.Da wurde sie noch röter, als sie angestrichen war, und ließ meine Hand los, stand wütend auf und ging fort.Ich sah ihr verdutzt nach, denn gerade hatte sie angefangen, mir besser zu gefallen.Aber ich machte mir weiter kein Kopfzerbrechen über den Fall. Ich sah noch eine Weile zu, was die Männer in dem Wald anstellten, und dann ging ich fort.Auf dem Wege zur Kaserne erblickte ich an einer Straßenecke einen Menschenauflauf, der sich um einen weißen Zettel drängte, welcher an einer Tafel hing.»Was bedeutet dies, Herr?« frug ich einen englischen Soldaten aus der Menge.Er drehte sich um und ich bemerkte, daß er sich in dem heiligen Zustand befand, den ich so oft an Jim Boughsleigh beobachtet hatte.»Stütze mich, Junge!« sagte er und hängte sich in meinen Arm. Und im Weitergehen, wobei er mich bald nach rechts, bald nach links zog und manchmal nach beiden Seiten zugleich ziehen wollte, erklärte er mir: »Ein Telegramm! In der Hauptstadt der deutschen Barbaren macht das Volk aus Hunger Revolution!«Er freute sich kindisch über diese Neuigkeit, und wenn ich ihn nicht festgehalten hätte, hätte auch er mit den Beinen in die Luft gestochert.Mich aber beschlich bittere Traurigkeit ob der Nachricht. Hungersnot! Also hatten die Deutschen schon alle Hindus in ihrem Lande aufgefressen!Und ich, statt meine Brüder zu rächen, war noch immer in Marzel.O, wie ich diese deutschen Dämonen haßte! O, wie sehnte ich mich nach dem Augenblick, wo ich den ersten von ihnen unter meinem Messer hätte!Nach allem, was ich gehört hatte, waren die Deutschen nichts anderes als wilde Tiere, blutgierige Dämonen, die auszurotten eine Pflicht, eine Wohltat für die Menschen sein mußte!»Mögen alle Deutschen unter den gräßlichsten Folterqualen zugrunde gehen!« knirschte ich.»Brav, Junge,« lallte der Tommy an meinem Arm torkelnd. »Hol' sie der Teufel und seine Großmutter!«Er hob die rechte Hand, beschrieb damit einige Kreise in der Luft, was ihm aber nur halb gelang, weil seine Hand anders wollte als sein Kopf, und schrie heiser: »Zerschmettern werde ich sie — alle schlag' ich sie kaputt — so!!« Und wenn ich ihn nicht gehalten hätte, wäre er vor lauter Begeisterung der Länge nach hingeschlagen.Plötzlich aber ging — wie das im heiligen Zustand öfters vorzukommen pflegt — sein Heldenmut in Rührung über, er fing an zu schluchzen, hing sich an meinen Hals und heulte:»Braunes Vieh, du bist der einzige wahre Freund! Gib mir einen Kuß! Stinktier! — O, wär ich doch zu Hause geblieben! Was liegt mir an dem ganzen, verfluchten Krieg! ... Küsse mich, Rabenaas!«Und dabei streckte er mir seine gespitzten Lippen entgegen. Weil ich aber den Kopf zurückzog, verlor er das Gleichgewicht, stolperte und fiel zu Boden.»Ich bin erschossen!« schrie er. »Eine Kanone hat mich durchbohrt!«Nur mit großer Mühe gelang es mir, ihn aufzuheben. Ich lehnte ihn an die Wand eines Hauses. Er blieb eine Minute mit geschlossenen Augen stehen, dann überkam ihn wieder die Tapferkeit.»Wo ist ein Deutscher?« grölte er, und diesmal überschlug sich nur seine Stimme, nicht mehr er selbst.»Es ist keiner da!« beruhigte ich ihn.»Das ist sein Glück! — Komm, gehen wir weiter! Führe mich, braune Kanaille!«Ich zog ihn fort.Ich hätte ihn am liebsten allein gelassen, aber er klammerte sich so fest in meinen Arm, daß ich ihm nicht entkommen konnte.»Ich muß dir ein Bild zeigen,« erklärte er plötzlich. »Ein Bild, was sie für Halunken sind, die Deutschen! Lehne mich an die Laterne, mein Junge!«Als seinem Wunsche willfahrt war, kramte er in den Taschen herum und suchte das Bild. Er warf zuerst den Inhalt seiner rechten Hosentasche auf das Straßenpflaster, dann den Inhalt der linken Hosentasche. Mit einem Mal schien ihm eine Erleuchtung zu kommen, er nahm seine Mütze ab und holte aus dem Futter eine Ansichtskarte.»Da!«Ich nahm die Karte und betrachtete sie: sie zeigte eine Photographie, unter der in Englisch und zwei anderen Sprachen stand: »Deutsche Soldaten verteilen Brot an hungrige Belgierkinder.«Fragend sah ich den Tommy an.Er riß mir die Karte aus der Hand, wobei er um ein Haar wieder mit dem Erdboden Bekanntschaft gemacht hatte, glotzte sie groß an und grinste: »Das ist die falsche! Das ist eine ... von den Karten ..., die die deutschen Flieger ... heruntergeschmissen haben ...!«Das Sprechen fiel ihm schwerer und schwerer. Er sprach, als ob er zwei Zungen im Munde hätte.»Wie?« entsetzte ich mich. »Die Deutschen könnenfliegen?«Und es lief mir eiskalt über den Rücken.Ach, nun konnte ich mir das Bild auf dem Vorhang deuten: die Geflügelmenschen waren Deutsche gewesen!Der Tommy hatte meine Frage überhört; er hatte eine neue Karte aus dem Mützenfutter gekramt, und diesmal war es die richtige: »Deutsche Soldaten erschießen einen fünfjährigen Knaben, nachdem sie ihm die Ohren abgeschnitten haben!«Ich brüllte vor Wut laut auf, als ich dieses Bild sah. O, diese deutschen Dämonen — wie lechzte ich nach ihrem Blut!Weshalb stellte man uns ihnen noch nicht gegenüber? Wie lange sollten wir unseren Haß noch bezähmen?»It's a long way to Tipperary,« begann mein Begleiter zu singen, »it is a long—,« bums, da krachte es.Der Tommy war den Laternenpfahl abwärts geglitten und saß nun auf dem Pflaster.»Steh auf,« rüttelte ich ihn. »Du mußt in die Kaserne!«Mit Anstrengung öffnete er seine Augen zu einem unsicheren Blinzeln. »Good bye, Picadilly« ... grunzte er, ließ den Kopf sinken und schnarchte.»Steh auf!« wiederholte ich dringlicher. »Du wirst bestraft, wenn du zu spät in die Kaserne kommst! Bedenke, daß du ein Soldat des Königs von England bist, Herr!«»Der König von England soll mir den Buckel herunterrutschen!« brummte er im Halbschlaf und streckte sich der Länge nach auf dem Pflaster aus.Da überließ ich ihn seinem heiligen Zustand und eilte allein der Kaserne zu.Er hatte mich lebhaft an Jim Boughsleigh erinnert. Sein Charakter hinterließ mir einen Nachgeschmack von faulen Eiern, und seine Taschenuhr ging so sehr nach, daß ich sie am nächsten Abend wegwarf.Vor der Kaserne und im Hof herrschte, obwohl es schon eine Stunde vor Mitternacht war, noch lebhafte Bewegung. Geschütze wurden hin und her gefahren, nachgeprüft, Pferde wurden untersucht, — ich wußte, was dies zu bedeuten hatte, und Freude erwärmte mein Herz: endlich, endlich setzten wir zum Sprung an auf die Kehlen der deutschen Dämonen.Kleine, rollbare Instrumente fesselten meine Aufmerksamkeit.»Was ist das?« bat ich um Belehrung.»Maschinengewehre.«»Was wird mit diesen Maschinen hergestellt?«Und ich erfuhr, daß man mit dieser Waffe mehrere Hundert Menschen in der Minute töten kann.»Haben auch die Deutschen solche Maschinengewehre?«»Nein! Überhaupt sind sie kläglich bewaffnet und es fehlt ihnen schon lange an Munition!«Der weiße Soldat, der mir diese Auskunft gab, hatte sicherlich geglaubt, mir damit Mut und Angriffslust zu schärfen. Darin täuschte er sich. Ich will lieber mit einem Gegner kämpfen, der ebenso stark bewaffnet ist wie ich, als mit einem Schwächling. Ich wünsche mir männliche Feinde, die mich zwingen, alle meine Kräfte anzuspannen, auf der Hut zu sein und das Höchste zu leisten, dessen ich fähig bin. Ein Kampf mit Unfähigen entehrt den Sieger ebenso, wie eine Disputation mit geistig Unterlegenen verdummt.Übrigens scheinen die Franzosen ihre Maschinengewehre als heilige Gegenstände zu verehren, — sonst würden sie sie doch nicht mit Vorliebe aufKirchtürmenaufstellen.Bald genug bewahrheitete sich meine Vermutung, daß unser Aufbruch nahe bevorstünde. Aber wie so anders als unser Einzug in Marzel spielte sich die Abfahrt ab.Beim Einzug Jubel, Jauchzen, Tücherschwenken — bei der Abfahrt weinende Frauen, jammernde Kinder, Gesang, der wie Schluchzen klang.Wir Hindus verstanden diese Traurigkeit nicht. Hatten die Weißen keine klugen Väter, die sie lehrten, wie mich der meine: »Lerne lachen, wenn es dir weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen möchtest!«Oder glauben diese törichten Weißen, durch Tränen das Schicksal in seinen Entschlüssen wankend machen zu können? Das Schicksal hat lange vor deiner Geburt dein Leben in allen Einzelheiten vorausbestimmt, und es hat dir einen kostbaren Talisman gegeben gegen alle trüben Erlebnisse: die Gleichgültigkeit. Die Weißen halten sich für zu wichtige Wesen.Ich hatte gedacht, wir würden wieder in das Schiff verladen werden, aber diesmal wurden wir in Eisenbahnwagen verpackt. Man sollte es gar nicht glauben, wieviel Menschen in so einen Eisenbahnwagen hineingehen. Hatten wir uns in dem Schiffsbauch gefühlt wie die Heringe in einer Tonne, so glichen wir jetzt eher dem Sekt in einer Flasche, und wenn jemand unvermutet die Wagentüre geöffnet hätte, wären wir mit einem lauten Knall herausgequollen, wie der Sekt aus der entkorkten Flasche.Viele Wagen zählte der Zug, und es fuhren außer uns Hindus noch mit: Franzosen, Engländer und die häßlichen Neger.»Wohin fahren wir, Herr?« frug ich einen Sergeanten.»Ich weiß es nicht!«»Werden wir viele Tage unterwegs sein?«»Ich weiß es nicht!«Da wandte ich ihm den Rücken und sagte zu meinen Beinen »Gute Nacht«, denn sie fingen an einzuschlafen.Eine Militärkapelle, die längs der Wagen des Zuges aufgestellt war, setzte mit einem Marschlied ein. Mitten durch den Lärm der Musik gellte ein Pfiff der Lokomotive, wir wurden wild durcheinandergeworfen — der Zug fuhr.»Oui, pardon, cochon!« flüsterte ich vor mich hin. »Lebewohl, Marzel, du warst eine schöne Stadt! Und wenn man die Weißen aus dir hinauswerfen und dafür Hindus ansiedeln könnte, würdest du noch gewinnen! Wie hat mich dein Schmutz angeheimelt! Lebewohl, auch du, Schlange in dem Glaskasten, adieu Marzel!«Betrachte auch du, Herr, den Lokomotivpfiff als ein Zeichen zum Aufbruch und lasse mich nun allein! Ich bin müde.Lächelnd über diesen eleganten Hinauswurf erhob ich mich.Öfter als einmal hatte ich an diesem Mittag in den Augen Mister Galgenstricks jenes durchtriebene Leuchten drollig-naiver Spitzbüberei beobachtet, das mir bei meinem ersten Besuche aufgefallen war. Kein Zweifel: Galgenstrick hatte in Marseille auch einige Abenteuerchen erlebt, die er mirverschwieg. Ganz so eisern, wie er sich dessen rühmte, hatte er sein Mienenspiel doch nicht in der Gewalt.Ich setzte mich zu Hause an meinen Schreibtisch, legte mir die Notizen und Manuskriptpapier zurecht und griff in meine Rocktasche, um mir die gewohnte Arbeitszigarette anzuzünden, da — ja, zum Kuckuck, wo war denn mein Zigarettenetui?!»Anna!«»Gnä' Herr?«»Sehn Sie doch mal nach, ob im Mantel meine Zigaretten stecken!«Nach einer Pause, in der ein Stabsarzt ein halbes Regiment eingehend auf seine Felddiensttauglichkeit hätte untersuchen können, brachte mir Fräulein Anna den Bescheid:»Im Mantel is fei' nix!«»'s is gut!«Teufel, wo war mein Etui hingeraten? Es wird doch nicht am Ende ..., aber nein, pfui, so etwas von Galgenstrick zu denken! Wir Weißen sind wirklich schlechte Kerle!Vormittags telephonierteDr.Heßberg an.»Jawohl?« begrüßte ich ihn.»Jawohl und da hört sich einfach alles auf! Wie kannst du dich unterstehen, einem schwer lungenkranken Patienten Zigaretten zu schenken!! Bist du denn ganz von Gott verlassen?«Also doch! Hatte mir der ... der ... na, wählen wir mal einen milden Ausdruck: derBazimein Etui geklaut! Aber ich konnte es doch nicht übers Herz bringen, diese MissetatDr.Heßberg zu verraten.»Er hatte mich so flehend um ein paar Zigaretten gebeten,« log ich, »ich konnt's ihm nicht abschlagen!«»Und die Folge ist, daß er heute nacht einen schweren Anfall hatte! Zum letzten Male sage ich dir's: Wenn du noch ein einziges Mal —«»Und wie geht's deiner Frau?«»Schluß!«Dr.Heßberg klingelte ab. Wieder einmal war ich für fremde Sünden gescholten worden. »Das Schicksal will es so,« dachte ich amüsiert, frei nach Galgenstrick. »Und wenn das Schicksal etwas will, kann man nichts dagegen machen!«Aber ich nahm mir doch vor, dem Mister Galgenstrick klarzumachen, daß er meine Rocktaschen außerhalb des Bereiches seiner Weltanschauung zu lassen habe. Ich überlegte mir auf dem Weg ins Lazarett eine Rede, und, wie es mit meinen meisten Reden geht, ich kam nicht dazu, sie zu halten.Denn ich fand Galgenstrick in einem so erbärmlichen Zustand, daß ich ihm kein böses Wort sagen konnte.Seine kecken Augen hatten einen fiebrigen, hysterischen Glanz, seine Hände, seine »geschickten« Hände zitterten auf der Bettdecke.Auf dem Nachttischchen stand eine Medizinflasche, die ich noch nie bemerkt hatte, und neben der Flasche lag friedlich — mein Zigarettenetui.Ich öffnete es: Zigaretten waren keine mehr darin, wohl aber ein kleiner Zettel, auf dem in ungelenker Bleistiftschrift stand: »Excuse, Sire.«Diese echt Galgenstrickische Art der Bitte um Verzeihung versöhnte mich auf der Stelle. Die Angelegenheit war erledigt.Ich steckte das Etui in die rückwärtige Hosentasche und frug: »Hast du schlecht geschlafen, Galgenstrick? Dein Aussehen gefällt mir nicht.«Er nickte eifrig. »Ich habe während der Nacht kein Auge geschlossen; so oft sich der Gott des Schlafes niederbeugte, meine Wimpern anzuhauchen, scheuchten ihn meine rastlosen Gedanken zurück. Sie kläfften ihn an, bis er sich nicht mehr zu nähern wagte und mich wehmütigen Blickes meinen wachen Träumen überließ.«»Und worüber hast du denn so erregt nachgedacht, Galgenstrick?«Er zuckte fröstelnd zusammen, strich sich die Bettdecke dichter an den Leib und sprach ernst: »Ich habe versucht, mir Sätze zurechtzulegen, in denen ich dir meine weiteren Erlebnisse berichten könnte. Aber es wollte mir nicht gelingen, die Geschehnisse zu ordnen, ratlos stehe ich ihnen gegenüber: wie die Perlen einer zerrissenen Kette liegen die Ereignisse wirr zerstreut vor meiner Erinnerung, und ich weiß nicht, ob es mir gelingt, sie wieder aneinanderzureihen. Ich habe zerstückelte Menschen gesehen und friedlich schlummernde Leichen; ich habe verzweifelte Schreie gehört und Gebete, die über jeden Schmerz triumphierten; ich habe brennende Dörfer gesehen und Stätten des Trostes — aber all diese Töne und Bilder verschmelzen in meinem Gedächtnis zu Formlosigkeit. Der Eindrücke, der neuen Gesichte waren zu viele ...«Er hatte mehr zu sich selbst gesprochen als zu mir. Nun schwieg er, und seine erhitzten Augen starrten ins Uferlose.Plötzlich hob er seine Hände, ballte sie gegen einen unsichtbaren Feind und ließ sie langsam wieder sinken. Dann legte er die Mittelfinger der rechten Hand auf die mittleren Finger der linken Hand und beschrieb mit geschlossenen Augen jenes Zeichen, das ihn der Mohammedaner gelehrt hatte.Ich hatte den Eindruck, als handle er in Bewußtlosigkeit, als führe er Reflexbewegungen aus.Doch dem war nicht so. Denn, als sei nichts geschehen, öffnete er nun die Augen, wandte sich mir zu und sagte:»Ich will dir erzählen, so gut ich es vermag.«Ich konnte mich eines leisen Schauers nicht erwehren, eines Schauers, wie ich ihn einmal bei den Produktionen eines Willenskünstlers empfunden habe, der es fertiggebracht hatte, sich selbst in hypnotischen Schlaf zu versenken und selbst wieder zu erwecken.Kannst du, Herr, es nachempfinden, wie einem Vater zumute sein muß, der sich innig bemühte, seinen Sohn in seinem Geiste und auf Grund seiner Erfahrungen zu einem guten Menschen zu erziehen, und der nun ansehen muß, wie der Sohn in schlechte Gesellschaft gerät, deren leichtsinnigen Ratschlägen er williger folgt als den gereiften Mahnungen des Vaters?Armer Vater, vergeblich rufest du dein Kind zur Umkehr: schon ist es zu weit entfernt, deine Stimme zu hören. Vergebens hoffst du, es werde den Kopf zurückwenden, deine verzweifelte Gebärde sehen und in einer Wallung der Liebe an deine Brust zurückeilen!Wie einem solchen Vater erging es mir, Sahib, als ich zu erleben verurteilt war, wie die Hindus im Verkehr mit den Weißen abtrünnig wurden den Gebräuchen der Heimat, der Rasse. Ich habe dir schon erzählt, daß einige von uns sich hatten zu Sergeanten befördern lassen, und ich will hinzufügen, daß noch mehrere den Versuchungen anheimfielen, die in Marzel lockten: sie gaben sich mit weißen Frauen ab, ja, was noch schlimmer ist, sie aßen sogar Speisen, die nicht nach unseren Gebräuchen zubereitet waren.Ach, Herr, und auch ich war so schwach, mich unterjochen zu lassen von einer Begierde, die mir fremd gewesen war: von der Sucht nach jenem brennenden Dämon, der mir zum ersten Male aus Jim Boughsleighs Whiskyflasche entgegengegrinst hatte.Ich verlangte nach diesem betäubenden Gift, als ich frierend, hustend und blutspeiend in dem stickigen Eisenbahnwagen eingepfercht saß, durch dessen Fugen und Türspalten der eisige Wind kroch. Auf manchen Stationen machte der Zug halt, fremde Menschen betrachteten uns neugierig, riefen uns Aufmunterungen zu — die wir aber bald genug nicht mehr beantworteten. Einige Male hielten wir auch stundenlang auf offenem Felde, inmitten von Schneegestöber. Keiner wußte, warum. Es war uns auch gleichgültig.Ich verlangte nach dem Flaschendämon, als man uns in einem fremden Orte auslud, durch ein verlassenes Dorf trieb, eine endlose Landstraße entlang, auf der uns Soldaten, Kanonen, aber auch abgehärmte Frauen, halberfrorene Kinder begegneten.Ich verlangte nach dem Dämon, als wir endlich, todmüde, unsere erstarrten Glieder in einer Kirche auf den Boden strecken durften, um wenige Stunden zu schlafen. Und meine Brüder hätten mich fast geprügelt, weil ich durch mein Husten den Gott des Schlafes verjagte.Da ich in meiner Brust tausend spitze Dolche spürte, erhob ich mich, um im Dorfe nach heiligem Kuhmist zu suchen, daß meiner Krankheit Linderung werde.Aber vor der Türe stand ein Posten, der mich mit grimmigen Scheltworten zurücktrieb. Und im gleichen Augenblick begann ein wildes Schießen nach dem nächtlichen Himmel.»Wollt ihr die Sterne herunterschießen?« frug ich verwundert den Posten.»Ruhe! Mach', daß du in deinen Stall kommst!« fauchte er mich an.Ich aber ließ mir Zeit, die Ursache des seltsamen Schießens zu erkunden, in das sich nun deutlich auch Kanonendonner mischte.Da sah ich hoch am Himmel einen Lichtschimmer sich bewegen, ein kleines Licht mit einem grauen Riesenleib, der surrend knurrte.Nie noch habe ich ein so furchtbares Lufttier gesehen, nie einen so schreckenerregenden Dämon. O, ich verstand, daß sich die Franzosen und Engländer vor diesem Ungetüm fürchteten, das sie »Zeppelin« nannten. Es soll furchtbare Kugeln ausspeien, die Brand und Verwüstung zeugen.Als ich in die Kirche zurücktrat, umringten mich meine Brüder, und ich erzählte ihnen, was ich gesehen hatte.Wir warfen uns zu Boden, beteten zu Schiwa und Wischnu, daß sie diesen Luftdämon vernichten mögen, und mit ihm die deutschen Dämonen! ...Am Morgen wurden wir weitergetrieben, immer weiter nach Norden. Etliche von uns fielen um, erschöpft vor Kälte und Hunger, und wir durften ihnen nicht helfen. Mögen die guten Götter sich ihrer Seelen erbarmt haben!Und mit unserer Mühsal wuchs unser Haß gegen die Deutschen. Immer neue Schandtaten dieser Dämonen erfuhren wir durch unsere Vorgesetzten.Einmal begegneten uns Wagen, die waren mit roten Kreuzen bemalt. Sie waren dicht verhängt, so daß wir den Inhalt nicht sehen konnten, aber wir hörten aus ihrem Innern Stöhnen, Schreien und Wimmern.Und unser Kolonel sagte: »Das haben die deutschen Barbaren verschuldet, die den Krieg mitten im Frieden angefangen haben! Und deshalb müssen sie vernichtet werden!«»So sind esdeutscheDörfer, die ringsum brennen?«»Ja, wir sind mitten in Deutschland! In der Provinz Brandenburg!«Ich wollte ihn fragen, warum in Deutschland die Bauern alle Französisch sprechen — aber ehe ich den Mund öffnen konnte, geschah etwas Entsetzliches: unter heulenden Fistelstimmen ging ein Regen von dicken Eisenstücken auf uns nieder, die sich beim Anprall auf die Erde in glühende, feuerspeiende Teufel verwandelten.Der Kolonel griff sich nach dem Kopf, taumelte nach vorne und blieb, mit dem Gesicht in den Schnee fallend, bewegungslos liegen. Wildes Geschrei erhob sich, wir stoben auseinander, und wenig hätte gefehlt, daß wir uns in der sinnlosen Verwirrung gegenseitig mit unseren Messern angefallen hätten. Über die am Boden sich krümmenden Körper hinweg rannten wir instinktiv zurück — heraus aus der Hölle, deren Dämonen uns heulende Eisenbälle nachschleuderten.Hinter einem Hügel sammelten wir uns wieder.Wir Hindus sprachen kein Wort. Ich dankte dem Schicksal, das mich behütet und aufbewahrt hatte, meine Brüder zu rächen.Die Weißen flüsterten aufgeregt miteinander. Manche von ihnen schrieben Briefe und Karten an ihre Frauen und gaben sie sich gegenseitig.An wen hätteichschreiben sollen? ...In der Nacht führte man uns in einem großen Bogen gen Westen. Lautlos stapften wir über den gefrorenen Schnee; die Sterne, die in Indien so gütig blicken können, starrten mit feindseliger Kälte auf unseren Zug herab, der sich in Windungen vorwärtsschob — einer riesigen Malatri vergleichbar.Und diese aus zitternden Menschen gebildete Schlange kroch über Hügel, durch Schluchten, wälzte sich über zugefrorene Bäche und Flüsse. Wir Hindus wurden ungeduldig: »Weshalb treibt man uns in der Irre umher, statt uns den Feinden gegenüberzustellen?«Die Engländer gaben uns zur Antwort: »Nur noch ein Weilchen! Dann wird euer Wunsch erfüllt. Wir meinen es gut mit euch, deshalb kommt ihr in die vorderste Reihe, wo es am ungefährlichsten ist; wir aber bleiben waghalsig weiter rückwärts.«Und so geschah es auch.In die vorderste jener Erdfurchen, die sie »Schützengräben« nennen, legten sie uns Inder. In einer Frostnacht, die uns die Glieder schier zu steifen Stäben fror, lösten wir die Franzosen ab, die bisher in dieser Furche gehaust hatten. Lautlos, als gälte es einen Einbruch, wechselten wir die Plätze.Und da lagen wir drei Tage, durften kein wärmendes Feuer entzünden und warteten vergeblich, daß uns die Engländer den versprochenen Reis nach vorne brächten.Eisenkugeln flogen über unsere Köpfe hinweg — wir beachteten sie nicht mehr.Ich war so matt, daß ich im Stehen stundenlang schlief. Einmal weckte mich der rauhe Gesang jenes Liedes, das ich einst in Bombay hatte aus dem Gefängnis singen hören, jenes seltsamen Liedes, das ich für ein religiöses halte und das mit den Worten beginnt: »Deutschland, Deutschland über alles.«»Sind die Deutschen so nahe?« frug ich einen Sergeanten.»Sie liegen fünfzig Meter von uns im Schützengraben.«Ich weiß nicht, wie weit fünfzig Meter sind, aber es muß eine geringe Strecke sein.Konnten wir doch auch den Dunst gekochten Fleisches bis zu uns herüber riechen.»Haben denn die Deutschen etwas zu essen? Ich dachte, sie litten Hungersnot?«»Das tun sie auch! Sie essen Ratten und Mäuse und zwingen die gefangenen Hindus, gleichfalls diese Tiere zu essen!«Ich stierte ihn entsetzt an. »Ehe ich solch unreines Fleisch esse, sollen sie mir alle Glieder einzeln vom Leibe reißen!«»Das werden sie sowieso tun, wenn du in ihre Hände fällst! Sie martern alle Gefangenen zu Tode!«»Und fressen sie dann, ich weiß es!« schloß ich das Gespräch.Ich war überzeugt, daß es nicht der Dunst von gebratenen Ratten war, der zu uns herüberdrang, sondern der Geruch gerösteter Hindus. Der gutmütige Sergeant hatte mir nicht die ganze schreckliche Wahrheit sagen wollen ...Wieder hatte mich die Erschöpfung überwältigt. Der Kopf war mir auf die Brust gesunken. Ich träumte:Durch die Straßen Bombays wandelte ich an der Seite meines Vaters. Um seinen Hals baumelte ein Hanfstrick, aber er achtete dessen nicht, sondern sprach liebevoll mit mir und ich hörte wieder seine Worte: »Der Menschen Schicksal ist den Göttern nur ein Würfelspiel.« Wir kamen an dem Regierungspalast vorbei und von seinem Türmchen herab wehte eine blutrote Fahne. Auf der Fahnenstange aber kauerte Abu-Kalib, der Mohammedaner, und weinte und klagte: »Armer Freund!« Und er machte das geheime Zeichen, und ihm gegenüber, auf einer Palme, hockte ein heiliger Affe und ahmte das Zeichen nach. Ich lachte hellauf und drohte dem klugen Tier — aber da war es kein Affe mehr, sondern eine große Whiskyflasche, in der Jim Boughsleigh gefangen saß. Und er jammerte: »O, mich is schlecht, very hundsmiserabel schlecht is mich!« Da hob ich einen Stein auf, um ihn nach Jim Boughsleigh zu werfen. Aber nicht der Stein flog, sondern ich selbst, denn ich war einer der Geflügelmenschen geworden, die ich in Marzel auf dem bemalten Tuch gesehen hatte. Und ich flog über die Stadt hinweg und landete in Ägypten. Da stand das Tierspital, das bisher in Bombay gewesen war, und jene Dame aus Marzel saß an der Pforte und rief: »Malatri hat nach dir verlangt, sie will dich sprechen!« Und da kam auch schon Malatri durch ein Loch in der Türe gekrochen und hatte vier große Beine bekommen und —Ich fuhr empor. Dicht über mir, am Rande des Schützengrabens, stand ein riesenhafter Mensch und schlug mit dem Gewehrkolben nach mir. Ich schleuderte meinen vergifteten Dolch gegen seine Kehle, sprang aus dem Graben und rannte durch ineinander verbissene Menschenknäuel laut schreiend geradeaus.Frage mich nicht, was ich sah, noch was ich hörte. Ich kannte mich nicht aus, achtete nicht, wer Feind, wer Freund war, ich schoß um mich, lief, warf mich hin, sprang wieder auf, riß das Bajonett von meinem Gewehr, um es als Messer zu gebrauchen, und — spürte plötzlich einen Schlag gegen meine Achsel, der mich umwarf.Ein Mensch stolperte über mich, faßte meinen Hals, würgte mich — ich verlor die Besinnung.Ich weiß nicht, wie lange meine Seele sich von mir getrennt hatte. Waren es Stunden, waren es Tage — nur Schiwa vermag es zu sagen.Sie kehrte wieder in demselben Augenblick, als zwei Hände mich bei den Beinen packten. Ich wollte mich aufrichten, aber ein stechender Schmerz in der Achsel drückte mich zu Boden. Und die tausend Dolche in meiner Brust waren glühend geworden und verbrannten mich von innen heraus.»Wer bist du?« fragte ich den Weißen, der meine Beine gepackt hatte, auf englisch. Er war ein jugendlicher Mann, ich erkannte es trotz seines Vollbartes. Um den Arm trug er eine Binde mit einem roten Kreuz.»Wir sind deine Freunde!« antwortete eine englische Stimme mir zu Häupten. Erschrocken wandte ich unter Schmerzen meinen Kopf und gewahrte hinter mir einen zweiten Mann, der dasselbe Abzeichen trug und sich eben anschickte, mich unter den Schultern zu fassen, um mich mit Hilfe seines Begleiters auf eine Tragbahre zu legen.Ich griff nach einer Waffe — aber keine war im Bereich meiner Hände zu finden.»Laßt mich liegen,« ächzte ich. »Was wollt ihr von mir?«»Wir sind deine Freunde!« antwortete jener wieder und rief seinem Kameraden einige unverständliche Worte zu.Ein heißer Schreck durchflutete mich. Welche Sprache redeten die beiden? — War es Deutsch?Ich riß meine Beine, die der eine von neuem gepackt hatte, strampelnd los.»Seid ihr Deutsche?« entrang es sich mir stöhnend.»Ja, das sind wir. Nun aber schweige, sei vernünftig und lasse dich von uns wegtragen!«»Nein!« schrie ich auf und wälzte mich in dem blutigen Schnee. »Nein! Ihr wollt mich fressen! Ich will nicht geschlachtet werden! Lieber will ich hier verenden wie ein wundes Tier! Berührt mich nicht!«Die beiden sahen sich kopfschüttelnd an. Sie sprachen wieder in ihrer fremden Sprache, und ich suchte, angstgepeinigt, in ihren Mienen ihre Absichten zu lesen. Hätte ich einen Revolver gehabt, ich hätte sie erschossen.Schließlich zuckte der eine die Achseln, sie beugten sich nieder, hoben mich mit eisernen Griffen auf die Bahre und trugen mich hinweg.Ich brüllte: »Ihr Dämonen, Hunde, ihr wollt mich zerstückeln! Aber ich esse euer unreines Fleisch nicht! Seid verflucht! Laßt mich los!«Und ich spuckte meinen blutigen Auswurf nach ihnen. Aber sie ließen sich nicht irre machen.Ach, ich war zu schwach, mich ernstlich zur Wehr zu setzen. Meine Gedanken verwirrten sich wieder, und meine Seele nahm von neuem Abschied von meinem gefolterten Leibe. — — —Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich in einem großen halbdunklen Zelt, auf einer Bahre liegend. Um mich herum standen ähnliche Bahren und auf jeder lag ein Mensch. Die Luft war von ungekannten, bitteren Düften erfüllt.Ich hob den Oberkörper, um besser sehen zu können, fiel aber sogleich unter wildem Schmerz in mich zusammen. Was war mit meiner Brust geschehen? Ein dicker Verband lief von der Achsel um Arme und Brust. Wer hatte mich in diese Tücher eingeschnürt?Langsam kam mir die Erinnerung und mit ihr das atemlose Entsetzen: Du bist bei den Deutschen, sie wollen dich schlachten ... man hebt dich hier mit anderen Hindus für das Opferfest auf ... eine Speisekammer lebender Menschen.Ich versuchte mich mit meinem Nachbarn zur Rechten zu verständigen, indem ich ihn leise anrief.Er wandte langsam den Kopf nach mir — ich sah in ein weißes Gesicht.Furchtbar: so fraßen also die Deutschen auchweißeMenschen!Als ich die glanzlosen Augen auf mich gerichtet sah, vergaß ich schier meine eigenen Schmerzen.»Leidest du sehr, Herr?« lallte ich.Der Weiße, der mein Englisch nicht verstand, wandte den Kopf wieder weg von mir und wimmerte kaum hörbar.Ich hörte Schritte und entdeckte nun im Halbdunkel zwei Männer in weißen Kitteln, die mit einer ähnlich gekleideten Frau von Bahre zu Bahre gingen. An jeder Bahre blieben sie eine Weile stehen, aber ich konnte nicht unterscheiden, was sie machten.Als sie sich mit meinem Nachbarn zur Rechten beschäftigten, sprachen sie mit ihm in deutscher Sprache. Das nahm mich wunder — woher kannte der kranke Engländer die Sprache der Barbaren?Nun standen sie bei mir.Die Frau — es war eine Krankenschwester — schob ihren Arm unter meinen Rücken, um sanft meinen Oberkörper aufzurichten.Wütend biß ich nach ihr.»Artig sein!« sagte der eine Arzt mahnend zu mir. »Wir tun dir nicht weh!«»Bist du ein Engländer?« forschte ich.»Nein, ein Deutscher. Aber hier gibt es keine Völkerunterschiede mehr, sondern nur noch Kranke, denen wir helfen wollen. Du siehst hier auf den Bahren Freund und Feind, Weiße und Farbige —«»Du lügst!« schrie ich — aber ich dämpfte sogleich meine Stimme, denn die Anstrengung des Schreiens zerriß mir die Brust. »Du lügst!« wiederholte ich jämmerlich, »ihr wollt mich töten! Feige Bestien!«Der Arzt sprach mit seinem Berufsgenossen einige Sätze in deutscher Sprache. Wahrscheinlich überlegten sie, ob sie Gewalt anwenden sollten.Schließlich gingen sie mit der Schwester zum nächsten Kranken, ohne mich angerührt zu haben.Ich lag, dumpf vor mich hinstarrend, und wenn sie nicht meine Arme fest in den Verband mit eingewickelt gehabt hätten, hätte ich mir die Tücher abgerissen. Lieber verbluten, als mich zu Tode foltern zu lassen.Eine Weile später kehrte die Schwester an meine Bahre zurück, einen dampfenden Teller in den Händen tragend.»Jetzt wollen sie dich zwingen, verbotenes Fleisch zu essen!!« durchzuckte es mich, und ich biß die Zähne zusammen.Mochten sie mir sie mit Eisenzangen auseinanderreißen, wenn sie konnten!Aber — o wundersame Überraschung — der Teller war angefüllt mit gekochtem Reis. Und die Schwester beugte sich zu mir nieder und gab mir mit dem Löffel zu essen, wie eine Mutter ihr Kindchen füttert. Und jeden Löffel des heißen Reises blies sie zuvor.Ich verschlang heißhungrig die willkommene Nahrung.Die Schwester lächelte und frug auf englisch: »Siehst du, daß wir es gut mit dir meinen?«Ich musterte sie mißtrauisch und gab ihr keine Antwort.»Willst du nicht deinen Verband erneuern lassen? Es wird deine Schmerzen lindern!« frug sie weiter. Ihre ruhige Stimme tat mir wohl. Aber wer weiß, vielleicht wollte sie mich nur in Sicherheit lullen.»Nein!« erwiderte ich rauh. »Ich will keine Wohltaten von euch deutschen Barbaren!«Bei dem Worte »deutsche Barbaren« trat eine Träne in ihre Augen. Doch sie erhob keinen Vorwurf, geduldig wischte sie mit einem Tuch die Speisereste von meinem Mund und wandte sich anderen Kranken zu.In meiner fiebernden Brust stritten sich die Gefühle. Ich sagte mir: Du darfst den Deutschen nicht trauen, sie sind deine Feinde, und du hast so viel Schändliches von ihren Sitten gehört, daß du sie verabscheuen müßtest, auch wenn nur die Hälfte davon wahr wäre. Gleichzeitig empfand ich, daß sich diese Krankenschwester nicht verstellt hatte und daß die Güte, die aus ihrer Stimme leuchtete, ein Abglanz ihrerHerzensgütewar.Weshalb hatten mir die Deutschen Reis als Labe gereicht, da es doch hieß, sie spotten unserer Speisegesetze?War es Absicht, war es Zufall?Ich beschloß, auf der Hut zu sein und doppelt streng zu beobachten.Als die Nacht herannahte, machten die Ärzte abermals die Runde. Und wieder forderte mich der eine in englischer Sprache auf, meinen Verband erneuern zu lassen. Aber ich ließ mich nicht von ihnen anfassen.Die Krankenschwester frug mich, ob ich schlafen könne?Obwohl ich fühlte, daß der Gott des Schlafes mich vergessen werde, bejahte ich doch diese Frage. Denn ich wußte: nun mußte bald die Stunde gekommen sein, in der sich die Deutsche in Frösche verwandelten.Als sich die Schwester mit einem guten Wunsche entfernt hatte, faßte ich den kranken Deutschen, der mir zur Rechten lag, scharf ins Auge.O, ich wollte gut aufpassen! Es sollte mir nicht entgehen, wie er zum Frosch zusammenschrumpfte!Immer dunkler ward es, immer kälter, es mußte schon um die elfte Nachtstunde sein — und der Deutsche hatte noch immer Menschengestalt.Ich war nicht der einzige Wachende im Lazarett.Ich hörte, wie sich Kranke fiebernd hin und her warfen, hörte Husten und Röcheln, hörte raschelnde Schritte von Wärtern, und einige Male, wie Wasser in Gläser gegossen wurde.Vor allem aber hörte ich, wie der frostige Nachtwind an den Zeltwänden riß und sie pfeifend peitschte.Es mußte Mitternacht sein — und noch immer hatte sich der Deutsche nicht in einen Frosch verwandelt.Er schlief unruhig, heiser atmend, murmelte im Traum aufgeregte Worte, und ich unterschied mehrmals ein Wort, dessen Bedeutung ich damals noch nicht kannte, das Wort: »Mutter«.Ist es nicht wundersam, daß das erste deutsche Wort, das ich in mich aufnahm, das Wort »Mutter« war?Zuletzt überwältigte mich die Ermattung und ich entschlummerte.Und ich erwachte mit der Gewißheit: die verruchten Engländer haben dich schmählich belogen! Die Deutschen sind keine bösen Dämonen ...Nein, Herr, ihr seid keine Dämonen; ich erfuhr es aus euren Reden und mehr noch aus euren Taten!Ich erfuhr es, als wenige Tage später das Lazarett zu unserem Entsetzen beschossen wurde und ihr nicht an eure eigne Sicherheit dachtet, sondern zuerst an die Rettung der Kranken.Ich erfuhr es, als ihr mich mit euren derben, guten Händen in den Eisenbahnwagen trugt, der mich in diese Stadt brachte.Und wenn ihr auch nur Weiße seid, voll von törichten Vorurteilen wie alle Nicht-Hindus, und mich mit euren Arzneien heilen wollt, statt mit heiligem Kuhmist — ich hasse euch nicht und bete zu Schiwa um euren Sieg!Mister Galgenstrick machte eine lange Pause.Ich betrachtete ihn ergriffen. Denn so gleichgültig uns auch das Lob eines Hindus sein kann, mich erwärmte doch die naive Bewunderung dieses Naturkindes, das durch alle seine verschrobenen Vorstellungen hindurch die Reinheit deutschen Wesens ahnte.Plötzlich nahm Galgenstrick meinen Arm, zog mich zu sich nieder und flüsterte mir ein Geheimnis ins Ohr: »Ich glaube nicht, daß die Götter mir das Leben lassen. Wenn sie es mir aber gnädig vergönnen, in diesem Leibe weiter zu wohnen, so will ich von neuem kämpfen! Aber nicht mit euren Feinden gegen euch — sondern mit euch gegen die Engländer! Versprich mir, daß du mir dazu verhelfen wirst!«Ich hätte ihm sagen können, daß wir Deutschen keine wilden Völkerstämme in unsere Reihen aufnehmen, daß wir diese »Kulturerrungenschaft« neidlos unseren Gegnern überlassen — aber ich wollte den Kranken nicht durch Widerspruch erregen.So machte ich eine Geste, die er sich nach Belieben als Bejahung oder Verneinung auslegen mochte.Er lächelte befriedigt und ich schied von ihm mit dem Bewußtsein, ihm eine belebende Hoffnung hinterlassen zu haben, die seine Genesung beschleunigen würde.Zwei Tage blieb ich dem Lazarett ferne, beschäftigt mit der Überarbeitung von Galgenstricks Erzählungen.Am dritten Tage besuchte michDr.Heßberg.»Ei, welch eine seltene Ehre! Hab' ich schon wieder einen Verstoß gegen deine Verordnungen begangen und, deiner gestrengen Ansicht nach, mich gegen Mister Galgenstricks Heilung versündigt?«Dr.Heßberg tat einen kräftigen Zug aus seiner Zigarre, blies langsam den Rauch in die Luft und sprach einfach: »Mister Galgenstrick ist tot.«Ich trat erschrocken einen Schritt zurück: »Was sagst du da? Mister Galgenstrick ist —?«»Tot!«Wir setzten uns.Dr.Heßberg dampfte wie ein Fabrikschornstein, ein Zeichen, daß er tief erregt war.Ich schloß die Augen und sah im Geiste Mister Galgenstrick vor mir, fühlte seinen spitzbübisch-naiven Blick.»Schade,« murmelte ich, »schade um den armen Teufel.«

Der Offizier sprach davon, daß die Mohammedaner den heiligen Eid, den sie dem König geleistet hätten, schmählich gebrochen hätten. Davon, daß ihnen dieser Eid unter lügnerischen Vorspiegelungen erpreßt worden war, sprach er nicht.

Er sprach davon, daß die Engländer die väterlichen Freunde der Mohammedaner seien, und wie schändlich es sei, solche väterliche Liebe durch Meuterei zu lohnen. Davon, daß die Engländer gleichzeitig dem Sultan sein Land nehmen und es mit ihren Spießgesellen teilen wollten, sprach er nicht.

Er sprach davon, daß die Engländer blutenden Herzens die Mohammedaner für den gebrochenen Soldateneid strafen müßten, denn England sei der berufene Schützer des Rechts auf dieser Welt. Davon, daß sie, wie ich später hörte, verbündet sind mit den Meuchelmördern von Serbien und dem ehrenwortbrüchigen Zaren von Rußland, sprach er nicht.

Es war eine lange Rede und sie enthielt fast mehr Lügen als Worte. Wir hörten sie an, wie man eben eine Rede anhört, wenn einem geladene Gewehre nach der Brust schielen, und beneideten die Möwen, die davonfliegen konnten.

Dann begann das Strafgericht. Die Engländer zählten aus den Reihen der Mohammedaner jeden zehnten Mann aus, zwangen ihn vor die Front zu treten und banden ihm die Hände auf den Rücken.

Auch den Alten, dem ich das Schreiben Abu-Kalibs ausgehändigt hatte, traf das Los. Wir suchten uns mit den Blicken, und wenn er die Augensprache verstand, las er von meinem Antlitz Worte, die — hätten die Engländer sie vernommen — unsere Familientradition wieder zu Ehren gebracht und mich am Galgen baumeln gemacht hätten.

Der Alte hob, als die Reihe an ihn kam, feierlich seine Hände den Stricken entgegen, und es sah beinahe aus, als segne er die Ketten, ehe sie ihn fesselten. Sie banden ihn so fest, daß sein Rücken noch gekrümmter war als sonst.

Und obgleich ich nicht gerne einen Menschen lobe, außer mich selbst, muß ich sagen: dieses greisenhafte Männchen ging dem Tode mit einem Gleichmut entgegen, der jedem Hindu zur Ehre gereicht hätte.

Möge seine Seele sich auf ihren weiteren Wanderungen so weit vervollkommnen, daß die Götter sie in einigen Jahrtausenden würdig finden, in dem Leib eines Hindus, und sei es auch nur der untersten Kaste, zu wohnen.

Die Gefesselten wurden weggeführt, und uns trieb man wieder in unseren Stall zurück.

Kaum waren wir unten, da erschienen die Engländer bei uns, um unsere Habseligkeiten zu durchstöbern. Ja, wir mußten uns sogar nackt vor ihnen ausziehen, damit sie erführen, ob wir nichts Verdächtiges unter unseren Kleidern verborgen trügen.

Wie klug war der Rat des Alten gewesen, die Spuren des Siegels zu tilgen!

Die Engländer fanden nichts bei mir, außer zwei fremden Geldtäschchen. Und auch bei den anderen fanden sie nichts.

Wir lauschten, ob wir die Schüsse vernähmen, die die Seelen der gefesselten Mohammedaner wie Peitschenhiebe aus ihren Körpern treiben sollten — aber kein Schuß gellte.

Wahrscheinlich haben sie siegehenkt, dachten wir.

Doch auch diese Vermutung war irrig. Die Todesstrafe wurde erst vollzogen, als wir an Land waren, als wir an einer Küste ausgeladen wurden, die sie Ägypten nannten.

»Wem gehört dieses Land?« frugen wir.

»Es gehört uns Engländern.«

»Wieso?«

»Wir haben es uns genommen.«

»Mit welchem Recht?«

Da lachten sie und sagten, wir hätten keine Kultur.

Ich habe das Wort »Kultur« noch gar oft gehört und gelesen, aber ich bin mir trotz angestrengten Grübelns nicht klar geworden, was Kultur eigentlich ist? Kultur ist, wenn man Schulen baut, und Kultur ist, wenn man Kanonen baut. Kultur ist, wenn man den Frieden preist, und Kultur ist, wenn man den Krieg besingt. Kultur ist, wenn man die Armen speist, und Kultur ist, wenn man den noch Ärmeren ganze Länder raubt. Kultur ist, wenn man seine Religion ehrt, und Kultur ist, wenn man andere ihrer Religion abtrünnig macht.

Ich weiß nicht, was Kultur ist, aber ich bin stolz, wenn man mir sagt, ich hätte keine. Obwohl ich andererseits sage: wenn die Engländer Kultur haben, dann haben auch wir Hindus welche!

Ich glaube, Kultur ist im Grunde nur eine der Ausreden, um welche die Weißen nie verlegen sind, wenn es gilt, für häßliche Dinge einen schönen Namen zu finden.

Jim Boughsleigh hatte mir versichert, Ägypten sei ein wunderschönes Land, aber ich merkte nichts davon. Ich fand, es sei eine sandige Wüste, in der es nachts so kalt war, daß ich bitterlich fror.

Und auch das erste Erlebnis, das wir dort hatten, war alles andere eher als wunderschön.

Wir wurden nämlich aus den Zelten, in denen man uns untergebracht hatte, herausgeholt, um der Hinrichtung der gefesselten Mohammedaner beizuwohnen. Man stellte sie auf einen Sandhügel und die Engländer schossen auf sie, bis keiner mehr lebte.

Der Alte war einer der ersten, die umfielen. Er krümmte sich zusammen, wie eine ersaufende Ratte, dann streckte er sich in einem kurzen Krampf und blieb so liegen.

Die Mohammedaner murmelten Gebete, während man ihre Brüder erschoß. Vielleicht war es auch etwas anderes, was sie murmelten.

»Bleiben wir in Ägypten?« frug ich den Offizier, der uns in unsere Zelte zurückführte.

»Vielleicht!«

»Gibt es in Ägypten deutsche Dämonen?«

»Nein! Aber es nahen türkische Feinde!«

»Sind die Türken auch Dämonen?«

»Ja!«

»Verwandeln sie sich des Nachts auch in Frösche?«

Der Offizier sah mich groß an und gab mir keine Antwort mehr.

Vier Tage blieben wir in diesem Land. Und auf alle Fragen, die wir stellten, bekamen wir die Antwort »vielleicht«.

Eine bange Unruhe bemächtigte sich wieder unserer. Was hatten die Engländer mit uns vor? Würden sie auch unter uns ein Blutbad anrichten?

Ich konnte die Zukunft nicht erraten, aber jedenfalls war ich froh, daß ich in unserer Kompagnie derneunteMann war, und nicht derzehnte.

Um die Mittagsstunde des vierten Tages befahl mich der Kolonel zu sich.

Ich grüßte ihn ehrerbietig und dachte mir das Gegenteil.

»Höre, Galgenstrick,« begann er, »du bist ein intelligenter Bursche! Du hast dich bisher als tapferer Soldat gezeigt!«

Das war mir neu. Aber ich dachte mir: vielleicht hat es den Engländern imponiert, daß man bei mir zwei fremde Geldtäschchen gefunden hatte. Ich schwieg, denn man darf einem Vorgesetzten nicht ungefragt antworten, und wenn er noch so greulichen Unsinn redet.

»Du bist tapfer, mein Junge,« wiederholte der Kolonel, »und du sollst sehen, daß wir Engländer die Tapferkeit belohnen!«

Mich durchzuckte die Hoffnung: vielleicht läßt er dich zur Belohnung nach Indien zurückkehren?

Aber der Kolonel sagte: »Du bist hiermit zum Sergeanten befördert!«

Ich muß wohl, obwohl ich mich zu beherrschen weiß, ein etwas langes Gesicht gemacht haben, denn er fuhr fort: »Freust du dich nicht? Weißt du nicht, welche Vorteile es hat, Sergeant zu sein?«

Ich sagte: »Ich will nicht Sergeant sein!«

»Warum nicht?« staunte er.

»Weil ich dann den anderen Befehle geben muß. Unter uns Hindus aber befinden sich einige Brahmanen, und es wäre eine unlöschliche Sünde, wollte ich mir anmaßen, einem Brahmanen Befehle zu erteilen!«

»Dummes Zeug! In unserer Armee gibt es keine Kastenunterschiede, sondern nur Soldaten! — Wegtreten!«

Ich wandte mich zum Gehen; da er aber bemerkte, daß ich noch etwas auf dem Herzen hatte, rief er mich nochmals zurück und forschte: »Nun? Was ist dir noch rätselhaft?«

Ich nahm meinen Mut zusammen und sprach: »Ich habe beobachtet, daß Vorbereitungen zur Weiterfahrt getroffen werden. Wohin wird man uns bringen?«

»Das weiß ich noch nicht. — Hast du sonst noch etwas zu fragen?«

»Ja, Herr! wir haben bisher nur weiße Vorgesetzte gehabt — weshalb werden nun auch ausunserenReihen Vorgesetzte gewählt?«

»Weil in dem Lande, in das wir kommen, Offiziersmangel herrscht!«

Ich lauschte auf. Eben hatte er noch gesagt, er wisse nicht, wohin wir kämen, und jetzt sprach er von einem ganz bestimmten Land. Er log für einen Engländer recht schlecht.

»Wieso herrscht Mangel an Offizieren, Herr?« frug ich listig. »Haben die Feinde so viele von ihnen getötet?«

Da wurde der Kolonel sehr böse und schrie: »Rede keine Albernheiten!«

Er lief ein paarmal hin und her und lachte in ironischer Wut: »Na, das Fragen wird dir in Frankreich schon vergehen!« Und blieb so dicht vor mir stehen, als ob er mir die Nase zum Abbeißen anbieten wollte, und knurrte: »Ich sehe, du taugst doch nicht zum Sergeanten! — Scher' dich zum Teufel!«

So blieb ich wenigstens vor der Sünde bewahrt, mich über einen Brahmanen zu erheben.

Als ich wieder in unserem Zelte war, warf ich mich nieder und dankte Schiwa. Ich betete: »Beschütze mich in Frankreich und hilf mir, die deutschen Dämonen vernichten! Und wenn du mir gnädig sein willst, so lasse für jeden Deutschen, den ich töte, noch zwei Engländer umkommen! Lasse mich heil in meine Heimat zurückkehren! Wenn du aber meinen Tod beschlossen hast, so lasse mich auf dem Schlachtfeld sterben, lasse mich nicht in die Hände der deutschen Dämonen fallen, welche uns Hindus schlachten und verzehren! Wenn du aber auch dieses beschlossen hast, so mache, daß mein Fleisch giftig sei, damit der deutsche Dämon, der mich zum Frühstück frißt, qualvoll verenden muß! Lässest du mich aber leben, so will ich nach Benares zum heiligen Strom wallfahren, und alles, was ich inzwischen mit Hilfe der Götter stehlen werde, will ich dir opfern! Oder wenigstens einen Teil davon! Und bewahre mich vor Kultur und allen anderen Übeln!«

Damit war mein Gebet noch lange nicht zu Ende, aber mitten im Gebet kam plötzlich das Signal zum Aufbruch und wir wurden auf das Schiff gejagt.

Nicht alle Hindus waren so fromm gewesen wie ich, einige hatten sich zum Sergeanten befördern lassen, und mir quoll die Galle, als ich einem tief unter mir stehenden Wasserträger gehorchen mußte.

Zu unserem Erstaunen wurden wir in dem Raum des Schiffes untergebracht, in dem bisher die Mohammedaner gehaust hatten. Die Mohammedaner aber blieben mit einigen englischen Offizieren zurück in Ägypten. Es hieß, sie seien nicht würdig, gegen die deutschen Dämonen zu kämpfen, aber ich denke mir, die Engländer fürchteten eine neue Revolte. Wohin sie die Mohammedaner gebracht haben, weiß ich nicht. Aber sicherlich haben die wenigsten ihre Heimat wiedergesehen.

Der Schiffsbauch unter uns blieb leer. Aber nicht lange. Denn nach mehrtägiger Fahrt legten wir für ein paar Stunden an der Küste an und luden Menschen ein, wie ich noch nie häßlichere gesehen habe: tiefschwarze Neger.

Wir wollten zuerst gar nicht glauben, daß es Menschen seien, sondern hielten sie für Tiere. Aber man sagte uns, auch sie seien Verbündete der Engländer und Franzosen.

Seitdem hat sich meine Ehrfurcht vor den heiligen Affen stark vermindert, denn wer weiß, ob nicht auch die Affen heimliche Verbündete der Engländer sind.

Und weiter ging die Meerfahrt, immer weiter. Und immer kälter wurde es. Meine Brust schmerzte mich, ich spuckte Blut.

Wenn mir das in meiner Heimat passiert war, so hatte ich heiligen Kuhmist auf meine Brust gelegt. Hier aber, auf dem Meere, gab es dieses köstlichste aller Heilmittel nicht, und so wurde ich kränker und kränker.

Es kam auch einmal der Schiffsarzt zu uns herunter und sah mich an, und er wußte einen fremdländischen Namen für meine Krankheit, nämlich »Simulant«.

Wir alle froren jämmerlich, doch trösteten uns die Engländer: »Je weiter wir nach Norden kommen, desto wärmer wird es! Das ist ein Naturgesetz!«

Aber bei den Weißen scheinen nicht einmal die Naturgesetze etwas zu taugen.

Mister Galgenstrick hustete heftig.

»Bist du müde, mein Freund?« frug ich. Er sah mich gereizt an. »Ich bin weder müde, noch bin ich dein Freund!«

Doch schien ihn diese Grobheit zu reuen, denn er meinte gleich darauf: »Aber ich hasse dich auch nicht. Du hast mir schöne Bilder gebracht.«

Ich wollte das elektrische Licht andrehen, denn es war düster geworden. Galgenstrick bat mich: »Tue es nicht! Öffne lieber das Fenster!«

»Das darf ich nicht, es ist kalt draußen. Die Kälte würde deine Krankheit verschlimmern!«

»Eben deshalb habe ich darum gebeten. Meine Seele lechzt danach, in einen anderen Leib überzugehen.«

Darauf konnte ich nichts erwidern.

Ich wartete, bis Mister Galgenstricks Mienen sich wieder glätteten und er zu erzählen fortfuhr:

Die Stadt, in deren Hafen wir nun anlegten, liegt in Frankreich und heißt Marzel. Geschrieben wird sie M-a-r-s-e-i-l-l-e.

Sie hat einen sehr schönen Hafen, in dem viele Schiffe lagen und auf das Ende des Krieges warteten. Es kommen immer mehr dazu, und als ich einmal einen englischen Kameraden frug, warum diese Schiffe untätig im Hafen ruhen, lachte er:

»Zur Hebung des französischen Außenhandels.«

Mir fiel überhaupt bald auf, daß in den Augen der Engländer ein leises Lächeln zuckt, wenn sie über Frankreich reden, und ich vermute, sie betrachten die Franzosen als eine Art weiße Hindus und lassen sie eine ähnliche Rolle in diesem Krieg spielen wie uns.

Die Franzosen sind kleinere Menschen als wir, aber sie sind viel lebhafter, sie gestikulieren heftig, und auch wenn man, wie ich, ihre singende Sprache nicht versteht, kann man meistens erraten, was sie meinen. Sie reden sehr viel und sehr schnell. Man sollte es kaum für möglich halten, daß die Frauen dort noch mehr sprechen als die Männer, aber es istdochso.

Ich habe von ihrer Sprache nur drei Wörter behalten können, die ich oft hörte: »Oui«, »pardon« und »cochon«.

Bei unserer Einfahrt in den Hafen begrüßten uns die Schiffe mit lautem Jubel. Alle Schiffe hatten sich mit bunten Fahnen behängt, und ich glaubte zuerst, der Kaiser von Frankreich habe Geburtstag.

Später habe ich erfahren, daß es in Frankreich keinen Kaiser gibt, sondern nur einen Präsidenten, der aber auch nichts zu sagen habe, daß vielmehr jedes halbe Jahr ein neues »Ministerium« (ich weiß nicht, was das ist) gebildet wird, um das Gegenteil von dem früheren »Ministerium« zu tun, und daß man dies »Republik« nennt.

Geflaggt aber hatten die Schiffe und die ganze Stadt Marzel, weil eine große, günstige Entscheidungsschlacht stattgefunden hatte: die Russen hatten die Deutschen bei den Masurischen Seen vernichtend geschlagen.

Im Hafen wurden uns unsere Waffen zurückgegeben und wir wurden durch die Stadt in die Kaserne geführt.

Dieser Einzug ist meine schönste Erinnerung an den Krieg. Die Menschen drängten sich auf den Straßen, Freude leuchtete von ihren Gesichtern, sie riefen uns jauchzende Begrüßungen zu, schwenkten Tücher.

Es war das einzige Mal, daß uns Hindus von den Weißen die Ehrfurcht bewiesen wurde, die uns gebührt.

Besonders begeistert begrüßten uns die Frauen. Sie warfen uns Kußhände zu und Blicke, für die jeder Hindu sein Weib totprügeln würde.

Während des Einmarsches geschah ein Wunder: es fielen vom Himmel weiße Papierfetzen, die aber zu Wasser zerschmolzen. Die Europäer nennen sie »Schnee«. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und fürchtete mich gewaltig. Allein man beruhigte mich: dieser Schnee fiele jeden Winter, er sei ganz ungefährlich. Man sagte mir auch, man mache daraus Männer — aber das glaube ich nicht. Denn wenn die Weißen aus Schnee Menschen machen könnten, weshalb hätten sie dann uns Hindus und die abscheulichen Neger zu Hilfe holen müssen?

Aus allen Fenstern guckten Männer und Frauen, und aus einem Hause — du kannst dir meine Freude denken — schauten Hindus herab. Es war ein großes Gebäude, und von seinem Dache wehte eine große Fahne mit einem roten Kreuz. Genau, wie sie an dem Hause flattert, in dem ich jetzt liege.

Ich habe am nächsten Tage den Versuch unternommen, mit meinen Brüdern in diesem Hause zu sprechen, ihnen meine Schicksale zu erzählen und sie nach ihren eigenen Erlebnissen zu fragen. Ich fand auch nach vielem Suchen das Haus, aber man ließ mich nicht hinein. Ja, es wurde uns sogar ausdrücklich verboten, mit Verwundeten zu reden.

Heute kann ich mir dieses Verbot nur allzu gut erklären.

Sonst aber hatten wir in Marzel ziemlich viel Freiheit. Wir durften frei auf den Straßen gehen, durften uns alles betrachten. Die Leute von Marzel waren sehr freundlich zu uns, sie stopften uns die Taschen voll Zigaretten, schenkten uns wollene Decken und lachten herzlich, wenn wir uns in unserer, ihnen unverständlichen Sprache bedankten. Daß wir ihre Speisen nicht genossen, wußten sie bereits.

Einmal begegnete mir auf der Straße ein Zug von Menschen, denen eine Fahne vorausgetragen wurde, auf der ein weißes Weib in Waffen abgemalt war. Ich fragte einen Mann auf englisch, wer diese Lady sei? Er antwortete mir in derselben Sprache, aber er sprach lange kein so reines Englisch wie ich.

Und ich erfuhr, diese Lady sei eine Jungfrau aus O-r-l-e-a-n-s (was wieder ganz verrückt ausgesprochen wird) und die Engländer hätten sie verbrannt.

Ich stimme sonst selten mit den Engländern überein, aber da mußte ich ihnen vollkommen recht geben. Ein Weib, das die Vermessenheit hat, einem Manne gleichen zu wollen, gehört getötet. Jeder Hindu wird diese Ansicht teilen. Nur weiß ich nicht, weshalb die Engländer uns die Witwenverbrennungen verbieten, wenn sie selbst früher Weiber verbrannten?

Überhaupt scheinen die früheren Engländer viel vernünftigere Menschen gewesen zu sein als die heutigen.

Ein andermal kam ich an einem Laden vorbei, da waren Tiere ausgestellt. Auch eine große Schlange war dabei, die zusammengekrümmt in einem Glaskasten lag und schlief. Vielleicht träumte sie von ihrer Heimat?

Ich mußte an Malatri, die Brillenschlange, denken und ein Schluchzen zog mir den Hals zu.

O Malatri, hätte ich dich hier gehabt, wie hätte ich dich streicheln und küssen wollen, meine glatte Freundin! Ich hätte dir meine Sehnsucht geklagt nach dem warmen Indien, und du hättest meine Sprache verstanden und mit mir getrauert!

O Malatri, warum bist du allein aus diesem Leben geflohen und hast mich nicht mitgenommen, der ich dein bester Freund war?

Ich wischte mir die Tränen von der Nase — da fiel mein verschleierter Blick auf ein kleines Glaskästchen, in dem auf einem Leiterchen ein grüner Frosch saß.

»Aha, ein gefangener Deutscher!« sagte ich mir und ward wieder heiter.

Die ersten Tage gefiel mir Marzel über die Maßen, doch als meine Neugier gestillt war, nistete sich die Langeweile in meiner Seele ein und begann ihre Eier auszubrüten.

Daher rieten mir meine Kameraden, die Mittage in einem jener Häuser zu verbringen, welche die Weißen »Kaffeehaus« nennen. Aber dort war es noch langweiliger.

Ich weiß nicht, weshalb die Weißen diese Stätten aufsuchen, in denen sie ein Getränk trinken, das sie zu Hause sicherlich billiger, besser und in reinerer Luft bekommen; in denen sie Spiele spielen, bei denen sie ihr Geld verlieren und Streit miteinander bekommen; in denen zehn Menschen gleichzeitig Musik machen, und wenn man durch Händeklatschen seinem Mißfallen Ausdruck gibt, erst recht nicht aufhören.

Vielleicht tun es die Weißen, um sich zu kasteien.

Am heftigsten empörte es mich, daß in diesen Stätten so vieleFrauenherumsaßen, statt, von ihren Gebietern eingesperrt, zu Hause zu arbeiten und in harter Fron die Schmach, ein Weib zu sein, abzubüßen.

Aber ich habe ja schon gesagt, daß die Weißen nicht wissen, wie man eine Frau vernünftig behandelt.

Noch deutlicher sollte ich das erfahren, als ich an einem der nächsten Abende, an dem ich länger Urlaub hatte, in ein anderes Lokal ging, dessen Besuch mir die Kameraden empfohlen hatten.

Wir Soldaten genossen dort freien Eintritt, während alle anderen Menschen Geld bezahlen mußten, um in das Gebäude zu gelangen, das außen mit vielen farbigen Lichtern geschmückt war.

Zuerst kam man in einen großen Vorraum und dort gaben die Menschen ihre Hüte und die Mäntel ab. Ich dachte, sie würden sich vielleicht noch weiter ausziehen, aber das taten sie nicht.

Die Frauen, welche die Hüte und die Mäntel in Empfang nahmen, hatten zuletzt eine Unmenge von diesen Bekleidungsstücken, und ich begreife nicht, weshalb sie nicht im Laufe des Abends damit durchbrannten. Aber die Weiber haben ja keinen Verstand.

Aus dem Vorraum führte eine Treppe in einen weiten, hellerleuchteten Saal, in dem viele Tische standen.

Ein Mann, der ein merkwürdiges Kleid mit vielen Goldknöpfen anhatte, führte mich an einen Tisch und machte mir ein Zeichen, ich sollte mich hinsetzen.

Das tat ich, wenn auch widerstrebend. Denn ich hatte Angst, die Weißen würden wieder Musik machen — eine Befürchtung, die sich leider bald erfüllte.

Als ich mich umsah, stand der Mann mit den Goldknöpfen noch immer hinter mir und reichte mir ein bedrucktes Heft. Aus Gefälligkeit nahm ich es ihm ab — da wollte der freche Mensch Geld dafür haben, und ich gab ihm das Heft wieder zurück.

Ich betrachtete mir den Saal, in dem schon viele Leute und auch einige Hindus saßen, und mich interessierte besonders ein großes Tuch, das an der Wand vorne hing. Darauf war allerlei Geflügel gemalt, aber mit menschlichen Körpern.

Gerade wollte ich einen in der Nähe sitzenden Bruder fragen, in welchem Lande es solche geflügelte Menschen gibt und ob sie auch Eier legen, als plötzlich die Musik einsetzte. Und wenn bei den Weißen Musik gespielt wird, sind sie ruhig und reden nichts, und das ist der einzige Vorteil, den die weiße Musik hat.

Drei Stücke spielte die Musik, und es war sehr vorsichtig von den Musikern, daß sie versteckt saßen und man sie nicht sehen konnte.

Das mittelste Stück war die englische Nationalhymne, die von allen Leuten mitgesungen wurde und von mir auch, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß ich dann Zigaretten geschenkt bekomme.

In Bombay hatten sie eine ganz andere englische Nationalhymne gehabt als diese, welche lautet:

It's a long way to TipperaryIt's a long way to go.It's a long way to Tipperary,To the sweetest girl I know.Good-by, Picadilly!Farewell, Leicester Square!It's a long, long way to Tipperary,But my heart's right there!

Ich weiß nicht, wo Tipperary liegt und wer der Herr Picadilly ist, zu dem man in dieser Nationalhymne »Adieu« sagt, noch weiß ich, wer die Frau Leicester Square ist, zu der man »Lebewohl« sagt, ich weiß nur, daß mir dieses Lied vorkommt wie ein großer Blödsinn. Und ich verstehe nicht, daß die Engländer so eine dumme Nationalhymne singen, wenn sie in die Schlacht ziehen, um andere für sich kämpfen zu lassen.

Nach dem dritten Musikstück wurde es finster und das große Bild mit den Geflügelmenschen rollte sich bis zur Decke in die Höhe.

Und da sah ich, daß hinter dem Bild noch ein großer erleuchteter Raum war, in dem ein Wald gemalt war. Ich freute mich und dachte, vielleicht kommen jetzt Affen in den Wald.

Aber es kamen sechs französische Ladies und die Leute machten »Ah«, weil sie so alt waren.

Die Ladies hatten englische Uniformen an, nur an denBeinenhatten sie keine Uniform.

Und sie sangen auf englisch ein Lied: Daß sie die tapferen Highländer wären und alle deutschen Barbaren töten würden, und sie stocherten dabei mit den Beinen in der Luft herum, und ich glaube wirklich, daß kein Deutscher diesen Anblick hätte ertragen können.

Die Leute gerieten denn auch in eine schreckliche Begeisterung und schwenkten die Taschentücher und schrien minutenlang. Leider aber wurden sie wieder ruhig, so daß die Ladies weiter singen konnten.

Und sie sangen eine zweite Strophe, die hatte denselben Inhalt wie die erste.

Und dann eine dritte, die hatte denselben Inhalt wie die zweite.

Und immer warfen sie dabei ihre Beine in die Luft und ich muß zugeben: das war eine Leistung in ihrem Alter.

Dann kamen die Geflügelmenschen wieder herunter und gingen noch ein paarmal in die Höhe, damit die Ladies Kußhände werfen konnten, und es wurde wieder hell.

Ich war sehr ärgerlich über diese Ladies. Noch zorniger aber war ich über eine französische Miß, die am Nebentisch saß und ununterbrochen zu mir herüberlächelte und ihre Augen verdrehte. Wenn ich Malatri, die Brillenschlange, bei mir gehabt hätte, hätte ich sie auf dieses Weib losgelassen.

Sie muß irgendeiner Kaste angehört haben, denn auch sie hatte sich mit roter Farbe bestrichen — allerdings nicht auf der Stirn, wie wir Bekenner Schiwas, sondern auf den Backen.

Als die Miß sah, daß ich auf ihre Blicke aufmerksam wurde, lächelte sie noch freundlicher und fragte etwas in ihrer unverständlichen Sprache. Ich wollte freundlich sein, und antwortete das eine der drei französischen Wörter, die ich weiß, nämlich »oui!«.

Da stand sie auf und setzte sich an meinen Tisch und begann, Süßigkeiten zu knabbern.

Nun steigerte sich meine Wut noch erheblich: wie kann eine Frau sich unterstehen, in Gegenwart eines Mannes zu essen, und auch noch an demselben Tisch! Eine Hindufrau hätte nie den Mut dazu.

Zum Glück klingelte es in diesem Augenblick und die Geflügelmenschen flogen wieder an die Decke.

Diesmal waren drei Männer in dem Wald, die machten auf Leitern Turnkunststücke. Es war nichts Besonderes, jeder indische Gaukler kann es besser, aber ich war ihnen dankbar, daß sie wenigstens dabei nicht sangen.

Auch die französische Miß neben mir fing an zu turnen, indem sie immer näher an mich heranrückte. Sie hatte ein Taschentuch in der Hand, das roch nach verwelkten Blumen. Und weil sie nicht aufhörte zu schwatzen und die Augen zu verdrehen, sagte ich das zweite französische Wort, das ich weiß, nämlich »pardon!«.

Darüber lachte sie herzlich, zeigte mir ihre Zähne, von denen die meisten aus Gold waren, und streichelte meine Hand.

Nun wollte ich nicht unhöflich sein und sagte das dritte französische Wort, das ich weiß, nämlich »cochon!«.

Da wurde sie noch röter, als sie angestrichen war, und ließ meine Hand los, stand wütend auf und ging fort.

Ich sah ihr verdutzt nach, denn gerade hatte sie angefangen, mir besser zu gefallen.

Aber ich machte mir weiter kein Kopfzerbrechen über den Fall. Ich sah noch eine Weile zu, was die Männer in dem Wald anstellten, und dann ging ich fort.

Auf dem Wege zur Kaserne erblickte ich an einer Straßenecke einen Menschenauflauf, der sich um einen weißen Zettel drängte, welcher an einer Tafel hing.

»Was bedeutet dies, Herr?« frug ich einen englischen Soldaten aus der Menge.

Er drehte sich um und ich bemerkte, daß er sich in dem heiligen Zustand befand, den ich so oft an Jim Boughsleigh beobachtet hatte.

»Stütze mich, Junge!« sagte er und hängte sich in meinen Arm. Und im Weitergehen, wobei er mich bald nach rechts, bald nach links zog und manchmal nach beiden Seiten zugleich ziehen wollte, erklärte er mir: »Ein Telegramm! In der Hauptstadt der deutschen Barbaren macht das Volk aus Hunger Revolution!«

Er freute sich kindisch über diese Neuigkeit, und wenn ich ihn nicht festgehalten hätte, hätte auch er mit den Beinen in die Luft gestochert.

Mich aber beschlich bittere Traurigkeit ob der Nachricht. Hungersnot! Also hatten die Deutschen schon alle Hindus in ihrem Lande aufgefressen!

Und ich, statt meine Brüder zu rächen, war noch immer in Marzel.

O, wie ich diese deutschen Dämonen haßte! O, wie sehnte ich mich nach dem Augenblick, wo ich den ersten von ihnen unter meinem Messer hätte!

Nach allem, was ich gehört hatte, waren die Deutschen nichts anderes als wilde Tiere, blutgierige Dämonen, die auszurotten eine Pflicht, eine Wohltat für die Menschen sein mußte!

»Mögen alle Deutschen unter den gräßlichsten Folterqualen zugrunde gehen!« knirschte ich.

»Brav, Junge,« lallte der Tommy an meinem Arm torkelnd. »Hol' sie der Teufel und seine Großmutter!«

Er hob die rechte Hand, beschrieb damit einige Kreise in der Luft, was ihm aber nur halb gelang, weil seine Hand anders wollte als sein Kopf, und schrie heiser: »Zerschmettern werde ich sie — alle schlag' ich sie kaputt — so!!« Und wenn ich ihn nicht gehalten hätte, wäre er vor lauter Begeisterung der Länge nach hingeschlagen.

Plötzlich aber ging — wie das im heiligen Zustand öfters vorzukommen pflegt — sein Heldenmut in Rührung über, er fing an zu schluchzen, hing sich an meinen Hals und heulte:

»Braunes Vieh, du bist der einzige wahre Freund! Gib mir einen Kuß! Stinktier! — O, wär ich doch zu Hause geblieben! Was liegt mir an dem ganzen, verfluchten Krieg! ... Küsse mich, Rabenaas!«

Und dabei streckte er mir seine gespitzten Lippen entgegen. Weil ich aber den Kopf zurückzog, verlor er das Gleichgewicht, stolperte und fiel zu Boden.

»Ich bin erschossen!« schrie er. »Eine Kanone hat mich durchbohrt!«

Nur mit großer Mühe gelang es mir, ihn aufzuheben. Ich lehnte ihn an die Wand eines Hauses. Er blieb eine Minute mit geschlossenen Augen stehen, dann überkam ihn wieder die Tapferkeit.

»Wo ist ein Deutscher?« grölte er, und diesmal überschlug sich nur seine Stimme, nicht mehr er selbst.

»Es ist keiner da!« beruhigte ich ihn.

»Das ist sein Glück! — Komm, gehen wir weiter! Führe mich, braune Kanaille!«

Ich zog ihn fort.

Ich hätte ihn am liebsten allein gelassen, aber er klammerte sich so fest in meinen Arm, daß ich ihm nicht entkommen konnte.

»Ich muß dir ein Bild zeigen,« erklärte er plötzlich. »Ein Bild, was sie für Halunken sind, die Deutschen! Lehne mich an die Laterne, mein Junge!«

Als seinem Wunsche willfahrt war, kramte er in den Taschen herum und suchte das Bild. Er warf zuerst den Inhalt seiner rechten Hosentasche auf das Straßenpflaster, dann den Inhalt der linken Hosentasche. Mit einem Mal schien ihm eine Erleuchtung zu kommen, er nahm seine Mütze ab und holte aus dem Futter eine Ansichtskarte.

»Da!«

Ich nahm die Karte und betrachtete sie: sie zeigte eine Photographie, unter der in Englisch und zwei anderen Sprachen stand: »Deutsche Soldaten verteilen Brot an hungrige Belgierkinder.«

Fragend sah ich den Tommy an.

Er riß mir die Karte aus der Hand, wobei er um ein Haar wieder mit dem Erdboden Bekanntschaft gemacht hatte, glotzte sie groß an und grinste: »Das ist die falsche! Das ist eine ... von den Karten ..., die die deutschen Flieger ... heruntergeschmissen haben ...!«

Das Sprechen fiel ihm schwerer und schwerer. Er sprach, als ob er zwei Zungen im Munde hätte.

»Wie?« entsetzte ich mich. »Die Deutschen könnenfliegen?«

Und es lief mir eiskalt über den Rücken.

Ach, nun konnte ich mir das Bild auf dem Vorhang deuten: die Geflügelmenschen waren Deutsche gewesen!

Der Tommy hatte meine Frage überhört; er hatte eine neue Karte aus dem Mützenfutter gekramt, und diesmal war es die richtige: »Deutsche Soldaten erschießen einen fünfjährigen Knaben, nachdem sie ihm die Ohren abgeschnitten haben!«

Ich brüllte vor Wut laut auf, als ich dieses Bild sah. O, diese deutschen Dämonen — wie lechzte ich nach ihrem Blut!

Weshalb stellte man uns ihnen noch nicht gegenüber? Wie lange sollten wir unseren Haß noch bezähmen?

»It's a long way to Tipperary,« begann mein Begleiter zu singen, »it is a long—,« bums, da krachte es.

Der Tommy war den Laternenpfahl abwärts geglitten und saß nun auf dem Pflaster.

»Steh auf,« rüttelte ich ihn. »Du mußt in die Kaserne!«

Mit Anstrengung öffnete er seine Augen zu einem unsicheren Blinzeln. »Good bye, Picadilly« ... grunzte er, ließ den Kopf sinken und schnarchte.

»Steh auf!« wiederholte ich dringlicher. »Du wirst bestraft, wenn du zu spät in die Kaserne kommst! Bedenke, daß du ein Soldat des Königs von England bist, Herr!«

»Der König von England soll mir den Buckel herunterrutschen!« brummte er im Halbschlaf und streckte sich der Länge nach auf dem Pflaster aus.

Da überließ ich ihn seinem heiligen Zustand und eilte allein der Kaserne zu.

Er hatte mich lebhaft an Jim Boughsleigh erinnert. Sein Charakter hinterließ mir einen Nachgeschmack von faulen Eiern, und seine Taschenuhr ging so sehr nach, daß ich sie am nächsten Abend wegwarf.

Vor der Kaserne und im Hof herrschte, obwohl es schon eine Stunde vor Mitternacht war, noch lebhafte Bewegung. Geschütze wurden hin und her gefahren, nachgeprüft, Pferde wurden untersucht, — ich wußte, was dies zu bedeuten hatte, und Freude erwärmte mein Herz: endlich, endlich setzten wir zum Sprung an auf die Kehlen der deutschen Dämonen.

Kleine, rollbare Instrumente fesselten meine Aufmerksamkeit.

»Was ist das?« bat ich um Belehrung.

»Maschinengewehre.«

»Was wird mit diesen Maschinen hergestellt?«

Und ich erfuhr, daß man mit dieser Waffe mehrere Hundert Menschen in der Minute töten kann.

»Haben auch die Deutschen solche Maschinengewehre?«

»Nein! Überhaupt sind sie kläglich bewaffnet und es fehlt ihnen schon lange an Munition!«

Der weiße Soldat, der mir diese Auskunft gab, hatte sicherlich geglaubt, mir damit Mut und Angriffslust zu schärfen. Darin täuschte er sich. Ich will lieber mit einem Gegner kämpfen, der ebenso stark bewaffnet ist wie ich, als mit einem Schwächling. Ich wünsche mir männliche Feinde, die mich zwingen, alle meine Kräfte anzuspannen, auf der Hut zu sein und das Höchste zu leisten, dessen ich fähig bin. Ein Kampf mit Unfähigen entehrt den Sieger ebenso, wie eine Disputation mit geistig Unterlegenen verdummt.

Übrigens scheinen die Franzosen ihre Maschinengewehre als heilige Gegenstände zu verehren, — sonst würden sie sie doch nicht mit Vorliebe aufKirchtürmenaufstellen.

Bald genug bewahrheitete sich meine Vermutung, daß unser Aufbruch nahe bevorstünde. Aber wie so anders als unser Einzug in Marzel spielte sich die Abfahrt ab.

Beim Einzug Jubel, Jauchzen, Tücherschwenken — bei der Abfahrt weinende Frauen, jammernde Kinder, Gesang, der wie Schluchzen klang.

Wir Hindus verstanden diese Traurigkeit nicht. Hatten die Weißen keine klugen Väter, die sie lehrten, wie mich der meine: »Lerne lachen, wenn es dir weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen möchtest!«

Oder glauben diese törichten Weißen, durch Tränen das Schicksal in seinen Entschlüssen wankend machen zu können? Das Schicksal hat lange vor deiner Geburt dein Leben in allen Einzelheiten vorausbestimmt, und es hat dir einen kostbaren Talisman gegeben gegen alle trüben Erlebnisse: die Gleichgültigkeit. Die Weißen halten sich für zu wichtige Wesen.

Ich hatte gedacht, wir würden wieder in das Schiff verladen werden, aber diesmal wurden wir in Eisenbahnwagen verpackt. Man sollte es gar nicht glauben, wieviel Menschen in so einen Eisenbahnwagen hineingehen. Hatten wir uns in dem Schiffsbauch gefühlt wie die Heringe in einer Tonne, so glichen wir jetzt eher dem Sekt in einer Flasche, und wenn jemand unvermutet die Wagentüre geöffnet hätte, wären wir mit einem lauten Knall herausgequollen, wie der Sekt aus der entkorkten Flasche.

Viele Wagen zählte der Zug, und es fuhren außer uns Hindus noch mit: Franzosen, Engländer und die häßlichen Neger.

»Wohin fahren wir, Herr?« frug ich einen Sergeanten.

»Ich weiß es nicht!«

»Werden wir viele Tage unterwegs sein?«

»Ich weiß es nicht!«

Da wandte ich ihm den Rücken und sagte zu meinen Beinen »Gute Nacht«, denn sie fingen an einzuschlafen.

Eine Militärkapelle, die längs der Wagen des Zuges aufgestellt war, setzte mit einem Marschlied ein. Mitten durch den Lärm der Musik gellte ein Pfiff der Lokomotive, wir wurden wild durcheinandergeworfen — der Zug fuhr.

»Oui, pardon, cochon!« flüsterte ich vor mich hin. »Lebewohl, Marzel, du warst eine schöne Stadt! Und wenn man die Weißen aus dir hinauswerfen und dafür Hindus ansiedeln könnte, würdest du noch gewinnen! Wie hat mich dein Schmutz angeheimelt! Lebewohl, auch du, Schlange in dem Glaskasten, adieu Marzel!«

Betrachte auch du, Herr, den Lokomotivpfiff als ein Zeichen zum Aufbruch und lasse mich nun allein! Ich bin müde.

Lächelnd über diesen eleganten Hinauswurf erhob ich mich.

Öfter als einmal hatte ich an diesem Mittag in den Augen Mister Galgenstricks jenes durchtriebene Leuchten drollig-naiver Spitzbüberei beobachtet, das mir bei meinem ersten Besuche aufgefallen war. Kein Zweifel: Galgenstrick hatte in Marseille auch einige Abenteuerchen erlebt, die er mirverschwieg. Ganz so eisern, wie er sich dessen rühmte, hatte er sein Mienenspiel doch nicht in der Gewalt.

Ich setzte mich zu Hause an meinen Schreibtisch, legte mir die Notizen und Manuskriptpapier zurecht und griff in meine Rocktasche, um mir die gewohnte Arbeitszigarette anzuzünden, da — ja, zum Kuckuck, wo war denn mein Zigarettenetui?!

»Anna!«

»Gnä' Herr?«

»Sehn Sie doch mal nach, ob im Mantel meine Zigaretten stecken!«

Nach einer Pause, in der ein Stabsarzt ein halbes Regiment eingehend auf seine Felddiensttauglichkeit hätte untersuchen können, brachte mir Fräulein Anna den Bescheid:

»Im Mantel is fei' nix!«

»'s is gut!«

Teufel, wo war mein Etui hingeraten? Es wird doch nicht am Ende ..., aber nein, pfui, so etwas von Galgenstrick zu denken! Wir Weißen sind wirklich schlechte Kerle!

Vormittags telephonierteDr.Heßberg an.

»Jawohl?« begrüßte ich ihn.

»Jawohl und da hört sich einfach alles auf! Wie kannst du dich unterstehen, einem schwer lungenkranken Patienten Zigaretten zu schenken!! Bist du denn ganz von Gott verlassen?«

Also doch! Hatte mir der ... der ... na, wählen wir mal einen milden Ausdruck: derBazimein Etui geklaut! Aber ich konnte es doch nicht übers Herz bringen, diese MissetatDr.Heßberg zu verraten.

»Er hatte mich so flehend um ein paar Zigaretten gebeten,« log ich, »ich konnt's ihm nicht abschlagen!«

»Und die Folge ist, daß er heute nacht einen schweren Anfall hatte! Zum letzten Male sage ich dir's: Wenn du noch ein einziges Mal —«

»Und wie geht's deiner Frau?«

»Schluß!«

Dr.Heßberg klingelte ab. Wieder einmal war ich für fremde Sünden gescholten worden. »Das Schicksal will es so,« dachte ich amüsiert, frei nach Galgenstrick. »Und wenn das Schicksal etwas will, kann man nichts dagegen machen!«

Aber ich nahm mir doch vor, dem Mister Galgenstrick klarzumachen, daß er meine Rocktaschen außerhalb des Bereiches seiner Weltanschauung zu lassen habe. Ich überlegte mir auf dem Weg ins Lazarett eine Rede, und, wie es mit meinen meisten Reden geht, ich kam nicht dazu, sie zu halten.

Denn ich fand Galgenstrick in einem so erbärmlichen Zustand, daß ich ihm kein böses Wort sagen konnte.

Seine kecken Augen hatten einen fiebrigen, hysterischen Glanz, seine Hände, seine »geschickten« Hände zitterten auf der Bettdecke.

Auf dem Nachttischchen stand eine Medizinflasche, die ich noch nie bemerkt hatte, und neben der Flasche lag friedlich — mein Zigarettenetui.

Ich öffnete es: Zigaretten waren keine mehr darin, wohl aber ein kleiner Zettel, auf dem in ungelenker Bleistiftschrift stand: »Excuse, Sire.«

Diese echt Galgenstrickische Art der Bitte um Verzeihung versöhnte mich auf der Stelle. Die Angelegenheit war erledigt.

Ich steckte das Etui in die rückwärtige Hosentasche und frug: »Hast du schlecht geschlafen, Galgenstrick? Dein Aussehen gefällt mir nicht.«

Er nickte eifrig. »Ich habe während der Nacht kein Auge geschlossen; so oft sich der Gott des Schlafes niederbeugte, meine Wimpern anzuhauchen, scheuchten ihn meine rastlosen Gedanken zurück. Sie kläfften ihn an, bis er sich nicht mehr zu nähern wagte und mich wehmütigen Blickes meinen wachen Träumen überließ.«

»Und worüber hast du denn so erregt nachgedacht, Galgenstrick?«

Er zuckte fröstelnd zusammen, strich sich die Bettdecke dichter an den Leib und sprach ernst: »Ich habe versucht, mir Sätze zurechtzulegen, in denen ich dir meine weiteren Erlebnisse berichten könnte. Aber es wollte mir nicht gelingen, die Geschehnisse zu ordnen, ratlos stehe ich ihnen gegenüber: wie die Perlen einer zerrissenen Kette liegen die Ereignisse wirr zerstreut vor meiner Erinnerung, und ich weiß nicht, ob es mir gelingt, sie wieder aneinanderzureihen. Ich habe zerstückelte Menschen gesehen und friedlich schlummernde Leichen; ich habe verzweifelte Schreie gehört und Gebete, die über jeden Schmerz triumphierten; ich habe brennende Dörfer gesehen und Stätten des Trostes — aber all diese Töne und Bilder verschmelzen in meinem Gedächtnis zu Formlosigkeit. Der Eindrücke, der neuen Gesichte waren zu viele ...«

Er hatte mehr zu sich selbst gesprochen als zu mir. Nun schwieg er, und seine erhitzten Augen starrten ins Uferlose.

Plötzlich hob er seine Hände, ballte sie gegen einen unsichtbaren Feind und ließ sie langsam wieder sinken. Dann legte er die Mittelfinger der rechten Hand auf die mittleren Finger der linken Hand und beschrieb mit geschlossenen Augen jenes Zeichen, das ihn der Mohammedaner gelehrt hatte.

Ich hatte den Eindruck, als handle er in Bewußtlosigkeit, als führe er Reflexbewegungen aus.

Doch dem war nicht so. Denn, als sei nichts geschehen, öffnete er nun die Augen, wandte sich mir zu und sagte:

»Ich will dir erzählen, so gut ich es vermag.«

Ich konnte mich eines leisen Schauers nicht erwehren, eines Schauers, wie ich ihn einmal bei den Produktionen eines Willenskünstlers empfunden habe, der es fertiggebracht hatte, sich selbst in hypnotischen Schlaf zu versenken und selbst wieder zu erwecken.

Kannst du, Herr, es nachempfinden, wie einem Vater zumute sein muß, der sich innig bemühte, seinen Sohn in seinem Geiste und auf Grund seiner Erfahrungen zu einem guten Menschen zu erziehen, und der nun ansehen muß, wie der Sohn in schlechte Gesellschaft gerät, deren leichtsinnigen Ratschlägen er williger folgt als den gereiften Mahnungen des Vaters?

Armer Vater, vergeblich rufest du dein Kind zur Umkehr: schon ist es zu weit entfernt, deine Stimme zu hören. Vergebens hoffst du, es werde den Kopf zurückwenden, deine verzweifelte Gebärde sehen und in einer Wallung der Liebe an deine Brust zurückeilen!

Wie einem solchen Vater erging es mir, Sahib, als ich zu erleben verurteilt war, wie die Hindus im Verkehr mit den Weißen abtrünnig wurden den Gebräuchen der Heimat, der Rasse. Ich habe dir schon erzählt, daß einige von uns sich hatten zu Sergeanten befördern lassen, und ich will hinzufügen, daß noch mehrere den Versuchungen anheimfielen, die in Marzel lockten: sie gaben sich mit weißen Frauen ab, ja, was noch schlimmer ist, sie aßen sogar Speisen, die nicht nach unseren Gebräuchen zubereitet waren.

Ach, Herr, und auch ich war so schwach, mich unterjochen zu lassen von einer Begierde, die mir fremd gewesen war: von der Sucht nach jenem brennenden Dämon, der mir zum ersten Male aus Jim Boughsleighs Whiskyflasche entgegengegrinst hatte.

Ich verlangte nach diesem betäubenden Gift, als ich frierend, hustend und blutspeiend in dem stickigen Eisenbahnwagen eingepfercht saß, durch dessen Fugen und Türspalten der eisige Wind kroch. Auf manchen Stationen machte der Zug halt, fremde Menschen betrachteten uns neugierig, riefen uns Aufmunterungen zu — die wir aber bald genug nicht mehr beantworteten. Einige Male hielten wir auch stundenlang auf offenem Felde, inmitten von Schneegestöber. Keiner wußte, warum. Es war uns auch gleichgültig.

Ich verlangte nach dem Flaschendämon, als man uns in einem fremden Orte auslud, durch ein verlassenes Dorf trieb, eine endlose Landstraße entlang, auf der uns Soldaten, Kanonen, aber auch abgehärmte Frauen, halberfrorene Kinder begegneten.

Ich verlangte nach dem Dämon, als wir endlich, todmüde, unsere erstarrten Glieder in einer Kirche auf den Boden strecken durften, um wenige Stunden zu schlafen. Und meine Brüder hätten mich fast geprügelt, weil ich durch mein Husten den Gott des Schlafes verjagte.

Da ich in meiner Brust tausend spitze Dolche spürte, erhob ich mich, um im Dorfe nach heiligem Kuhmist zu suchen, daß meiner Krankheit Linderung werde.

Aber vor der Türe stand ein Posten, der mich mit grimmigen Scheltworten zurücktrieb. Und im gleichen Augenblick begann ein wildes Schießen nach dem nächtlichen Himmel.

»Wollt ihr die Sterne herunterschießen?« frug ich verwundert den Posten.

»Ruhe! Mach', daß du in deinen Stall kommst!« fauchte er mich an.

Ich aber ließ mir Zeit, die Ursache des seltsamen Schießens zu erkunden, in das sich nun deutlich auch Kanonendonner mischte.

Da sah ich hoch am Himmel einen Lichtschimmer sich bewegen, ein kleines Licht mit einem grauen Riesenleib, der surrend knurrte.

Nie noch habe ich ein so furchtbares Lufttier gesehen, nie einen so schreckenerregenden Dämon. O, ich verstand, daß sich die Franzosen und Engländer vor diesem Ungetüm fürchteten, das sie »Zeppelin« nannten. Es soll furchtbare Kugeln ausspeien, die Brand und Verwüstung zeugen.

Als ich in die Kirche zurücktrat, umringten mich meine Brüder, und ich erzählte ihnen, was ich gesehen hatte.

Wir warfen uns zu Boden, beteten zu Schiwa und Wischnu, daß sie diesen Luftdämon vernichten mögen, und mit ihm die deutschen Dämonen! ...

Am Morgen wurden wir weitergetrieben, immer weiter nach Norden. Etliche von uns fielen um, erschöpft vor Kälte und Hunger, und wir durften ihnen nicht helfen. Mögen die guten Götter sich ihrer Seelen erbarmt haben!

Und mit unserer Mühsal wuchs unser Haß gegen die Deutschen. Immer neue Schandtaten dieser Dämonen erfuhren wir durch unsere Vorgesetzten.

Einmal begegneten uns Wagen, die waren mit roten Kreuzen bemalt. Sie waren dicht verhängt, so daß wir den Inhalt nicht sehen konnten, aber wir hörten aus ihrem Innern Stöhnen, Schreien und Wimmern.

Und unser Kolonel sagte: »Das haben die deutschen Barbaren verschuldet, die den Krieg mitten im Frieden angefangen haben! Und deshalb müssen sie vernichtet werden!«

»So sind esdeutscheDörfer, die ringsum brennen?«

»Ja, wir sind mitten in Deutschland! In der Provinz Brandenburg!«

Ich wollte ihn fragen, warum in Deutschland die Bauern alle Französisch sprechen — aber ehe ich den Mund öffnen konnte, geschah etwas Entsetzliches: unter heulenden Fistelstimmen ging ein Regen von dicken Eisenstücken auf uns nieder, die sich beim Anprall auf die Erde in glühende, feuerspeiende Teufel verwandelten.

Der Kolonel griff sich nach dem Kopf, taumelte nach vorne und blieb, mit dem Gesicht in den Schnee fallend, bewegungslos liegen. Wildes Geschrei erhob sich, wir stoben auseinander, und wenig hätte gefehlt, daß wir uns in der sinnlosen Verwirrung gegenseitig mit unseren Messern angefallen hätten. Über die am Boden sich krümmenden Körper hinweg rannten wir instinktiv zurück — heraus aus der Hölle, deren Dämonen uns heulende Eisenbälle nachschleuderten.

Hinter einem Hügel sammelten wir uns wieder.

Wir Hindus sprachen kein Wort. Ich dankte dem Schicksal, das mich behütet und aufbewahrt hatte, meine Brüder zu rächen.

Die Weißen flüsterten aufgeregt miteinander. Manche von ihnen schrieben Briefe und Karten an ihre Frauen und gaben sie sich gegenseitig.

An wen hätteichschreiben sollen? ...

In der Nacht führte man uns in einem großen Bogen gen Westen. Lautlos stapften wir über den gefrorenen Schnee; die Sterne, die in Indien so gütig blicken können, starrten mit feindseliger Kälte auf unseren Zug herab, der sich in Windungen vorwärtsschob — einer riesigen Malatri vergleichbar.

Und diese aus zitternden Menschen gebildete Schlange kroch über Hügel, durch Schluchten, wälzte sich über zugefrorene Bäche und Flüsse. Wir Hindus wurden ungeduldig: »Weshalb treibt man uns in der Irre umher, statt uns den Feinden gegenüberzustellen?«

Die Engländer gaben uns zur Antwort: »Nur noch ein Weilchen! Dann wird euer Wunsch erfüllt. Wir meinen es gut mit euch, deshalb kommt ihr in die vorderste Reihe, wo es am ungefährlichsten ist; wir aber bleiben waghalsig weiter rückwärts.«

Und so geschah es auch.

In die vorderste jener Erdfurchen, die sie »Schützengräben« nennen, legten sie uns Inder. In einer Frostnacht, die uns die Glieder schier zu steifen Stäben fror, lösten wir die Franzosen ab, die bisher in dieser Furche gehaust hatten. Lautlos, als gälte es einen Einbruch, wechselten wir die Plätze.

Und da lagen wir drei Tage, durften kein wärmendes Feuer entzünden und warteten vergeblich, daß uns die Engländer den versprochenen Reis nach vorne brächten.

Eisenkugeln flogen über unsere Köpfe hinweg — wir beachteten sie nicht mehr.

Ich war so matt, daß ich im Stehen stundenlang schlief. Einmal weckte mich der rauhe Gesang jenes Liedes, das ich einst in Bombay hatte aus dem Gefängnis singen hören, jenes seltsamen Liedes, das ich für ein religiöses halte und das mit den Worten beginnt: »Deutschland, Deutschland über alles.«

»Sind die Deutschen so nahe?« frug ich einen Sergeanten.

»Sie liegen fünfzig Meter von uns im Schützengraben.«

Ich weiß nicht, wie weit fünfzig Meter sind, aber es muß eine geringe Strecke sein.

Konnten wir doch auch den Dunst gekochten Fleisches bis zu uns herüber riechen.

»Haben denn die Deutschen etwas zu essen? Ich dachte, sie litten Hungersnot?«

»Das tun sie auch! Sie essen Ratten und Mäuse und zwingen die gefangenen Hindus, gleichfalls diese Tiere zu essen!«

Ich stierte ihn entsetzt an. »Ehe ich solch unreines Fleisch esse, sollen sie mir alle Glieder einzeln vom Leibe reißen!«

»Das werden sie sowieso tun, wenn du in ihre Hände fällst! Sie martern alle Gefangenen zu Tode!«

»Und fressen sie dann, ich weiß es!« schloß ich das Gespräch.

Ich war überzeugt, daß es nicht der Dunst von gebratenen Ratten war, der zu uns herüberdrang, sondern der Geruch gerösteter Hindus. Der gutmütige Sergeant hatte mir nicht die ganze schreckliche Wahrheit sagen wollen ...

Wieder hatte mich die Erschöpfung überwältigt. Der Kopf war mir auf die Brust gesunken. Ich träumte:

Durch die Straßen Bombays wandelte ich an der Seite meines Vaters. Um seinen Hals baumelte ein Hanfstrick, aber er achtete dessen nicht, sondern sprach liebevoll mit mir und ich hörte wieder seine Worte: »Der Menschen Schicksal ist den Göttern nur ein Würfelspiel.« Wir kamen an dem Regierungspalast vorbei und von seinem Türmchen herab wehte eine blutrote Fahne. Auf der Fahnenstange aber kauerte Abu-Kalib, der Mohammedaner, und weinte und klagte: »Armer Freund!« Und er machte das geheime Zeichen, und ihm gegenüber, auf einer Palme, hockte ein heiliger Affe und ahmte das Zeichen nach. Ich lachte hellauf und drohte dem klugen Tier — aber da war es kein Affe mehr, sondern eine große Whiskyflasche, in der Jim Boughsleigh gefangen saß. Und er jammerte: »O, mich is schlecht, very hundsmiserabel schlecht is mich!« Da hob ich einen Stein auf, um ihn nach Jim Boughsleigh zu werfen. Aber nicht der Stein flog, sondern ich selbst, denn ich war einer der Geflügelmenschen geworden, die ich in Marzel auf dem bemalten Tuch gesehen hatte. Und ich flog über die Stadt hinweg und landete in Ägypten. Da stand das Tierspital, das bisher in Bombay gewesen war, und jene Dame aus Marzel saß an der Pforte und rief: »Malatri hat nach dir verlangt, sie will dich sprechen!« Und da kam auch schon Malatri durch ein Loch in der Türe gekrochen und hatte vier große Beine bekommen und —

Ich fuhr empor. Dicht über mir, am Rande des Schützengrabens, stand ein riesenhafter Mensch und schlug mit dem Gewehrkolben nach mir. Ich schleuderte meinen vergifteten Dolch gegen seine Kehle, sprang aus dem Graben und rannte durch ineinander verbissene Menschenknäuel laut schreiend geradeaus.

Frage mich nicht, was ich sah, noch was ich hörte. Ich kannte mich nicht aus, achtete nicht, wer Feind, wer Freund war, ich schoß um mich, lief, warf mich hin, sprang wieder auf, riß das Bajonett von meinem Gewehr, um es als Messer zu gebrauchen, und — spürte plötzlich einen Schlag gegen meine Achsel, der mich umwarf.

Ein Mensch stolperte über mich, faßte meinen Hals, würgte mich — ich verlor die Besinnung.

Ich weiß nicht, wie lange meine Seele sich von mir getrennt hatte. Waren es Stunden, waren es Tage — nur Schiwa vermag es zu sagen.

Sie kehrte wieder in demselben Augenblick, als zwei Hände mich bei den Beinen packten. Ich wollte mich aufrichten, aber ein stechender Schmerz in der Achsel drückte mich zu Boden. Und die tausend Dolche in meiner Brust waren glühend geworden und verbrannten mich von innen heraus.

»Wer bist du?« fragte ich den Weißen, der meine Beine gepackt hatte, auf englisch. Er war ein jugendlicher Mann, ich erkannte es trotz seines Vollbartes. Um den Arm trug er eine Binde mit einem roten Kreuz.

»Wir sind deine Freunde!« antwortete eine englische Stimme mir zu Häupten. Erschrocken wandte ich unter Schmerzen meinen Kopf und gewahrte hinter mir einen zweiten Mann, der dasselbe Abzeichen trug und sich eben anschickte, mich unter den Schultern zu fassen, um mich mit Hilfe seines Begleiters auf eine Tragbahre zu legen.

Ich griff nach einer Waffe — aber keine war im Bereich meiner Hände zu finden.

»Laßt mich liegen,« ächzte ich. »Was wollt ihr von mir?«

»Wir sind deine Freunde!« antwortete jener wieder und rief seinem Kameraden einige unverständliche Worte zu.

Ein heißer Schreck durchflutete mich. Welche Sprache redeten die beiden? — War es Deutsch?

Ich riß meine Beine, die der eine von neuem gepackt hatte, strampelnd los.

»Seid ihr Deutsche?« entrang es sich mir stöhnend.

»Ja, das sind wir. Nun aber schweige, sei vernünftig und lasse dich von uns wegtragen!«

»Nein!« schrie ich auf und wälzte mich in dem blutigen Schnee. »Nein! Ihr wollt mich fressen! Ich will nicht geschlachtet werden! Lieber will ich hier verenden wie ein wundes Tier! Berührt mich nicht!«

Die beiden sahen sich kopfschüttelnd an. Sie sprachen wieder in ihrer fremden Sprache, und ich suchte, angstgepeinigt, in ihren Mienen ihre Absichten zu lesen. Hätte ich einen Revolver gehabt, ich hätte sie erschossen.

Schließlich zuckte der eine die Achseln, sie beugten sich nieder, hoben mich mit eisernen Griffen auf die Bahre und trugen mich hinweg.

Ich brüllte: »Ihr Dämonen, Hunde, ihr wollt mich zerstückeln! Aber ich esse euer unreines Fleisch nicht! Seid verflucht! Laßt mich los!«

Und ich spuckte meinen blutigen Auswurf nach ihnen. Aber sie ließen sich nicht irre machen.

Ach, ich war zu schwach, mich ernstlich zur Wehr zu setzen. Meine Gedanken verwirrten sich wieder, und meine Seele nahm von neuem Abschied von meinem gefolterten Leibe. — — —

Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich in einem großen halbdunklen Zelt, auf einer Bahre liegend. Um mich herum standen ähnliche Bahren und auf jeder lag ein Mensch. Die Luft war von ungekannten, bitteren Düften erfüllt.

Ich hob den Oberkörper, um besser sehen zu können, fiel aber sogleich unter wildem Schmerz in mich zusammen. Was war mit meiner Brust geschehen? Ein dicker Verband lief von der Achsel um Arme und Brust. Wer hatte mich in diese Tücher eingeschnürt?

Langsam kam mir die Erinnerung und mit ihr das atemlose Entsetzen: Du bist bei den Deutschen, sie wollen dich schlachten ... man hebt dich hier mit anderen Hindus für das Opferfest auf ... eine Speisekammer lebender Menschen.

Ich versuchte mich mit meinem Nachbarn zur Rechten zu verständigen, indem ich ihn leise anrief.

Er wandte langsam den Kopf nach mir — ich sah in ein weißes Gesicht.

Furchtbar: so fraßen also die Deutschen auchweißeMenschen!

Als ich die glanzlosen Augen auf mich gerichtet sah, vergaß ich schier meine eigenen Schmerzen.

»Leidest du sehr, Herr?« lallte ich.

Der Weiße, der mein Englisch nicht verstand, wandte den Kopf wieder weg von mir und wimmerte kaum hörbar.

Ich hörte Schritte und entdeckte nun im Halbdunkel zwei Männer in weißen Kitteln, die mit einer ähnlich gekleideten Frau von Bahre zu Bahre gingen. An jeder Bahre blieben sie eine Weile stehen, aber ich konnte nicht unterscheiden, was sie machten.

Als sie sich mit meinem Nachbarn zur Rechten beschäftigten, sprachen sie mit ihm in deutscher Sprache. Das nahm mich wunder — woher kannte der kranke Engländer die Sprache der Barbaren?

Nun standen sie bei mir.

Die Frau — es war eine Krankenschwester — schob ihren Arm unter meinen Rücken, um sanft meinen Oberkörper aufzurichten.

Wütend biß ich nach ihr.

»Artig sein!« sagte der eine Arzt mahnend zu mir. »Wir tun dir nicht weh!«

»Bist du ein Engländer?« forschte ich.

»Nein, ein Deutscher. Aber hier gibt es keine Völkerunterschiede mehr, sondern nur noch Kranke, denen wir helfen wollen. Du siehst hier auf den Bahren Freund und Feind, Weiße und Farbige —«

»Du lügst!« schrie ich — aber ich dämpfte sogleich meine Stimme, denn die Anstrengung des Schreiens zerriß mir die Brust. »Du lügst!« wiederholte ich jämmerlich, »ihr wollt mich töten! Feige Bestien!«

Der Arzt sprach mit seinem Berufsgenossen einige Sätze in deutscher Sprache. Wahrscheinlich überlegten sie, ob sie Gewalt anwenden sollten.

Schließlich gingen sie mit der Schwester zum nächsten Kranken, ohne mich angerührt zu haben.

Ich lag, dumpf vor mich hinstarrend, und wenn sie nicht meine Arme fest in den Verband mit eingewickelt gehabt hätten, hätte ich mir die Tücher abgerissen. Lieber verbluten, als mich zu Tode foltern zu lassen.

Eine Weile später kehrte die Schwester an meine Bahre zurück, einen dampfenden Teller in den Händen tragend.

»Jetzt wollen sie dich zwingen, verbotenes Fleisch zu essen!!« durchzuckte es mich, und ich biß die Zähne zusammen.

Mochten sie mir sie mit Eisenzangen auseinanderreißen, wenn sie konnten!

Aber — o wundersame Überraschung — der Teller war angefüllt mit gekochtem Reis. Und die Schwester beugte sich zu mir nieder und gab mir mit dem Löffel zu essen, wie eine Mutter ihr Kindchen füttert. Und jeden Löffel des heißen Reises blies sie zuvor.

Ich verschlang heißhungrig die willkommene Nahrung.

Die Schwester lächelte und frug auf englisch: »Siehst du, daß wir es gut mit dir meinen?«

Ich musterte sie mißtrauisch und gab ihr keine Antwort.

»Willst du nicht deinen Verband erneuern lassen? Es wird deine Schmerzen lindern!« frug sie weiter. Ihre ruhige Stimme tat mir wohl. Aber wer weiß, vielleicht wollte sie mich nur in Sicherheit lullen.

»Nein!« erwiderte ich rauh. »Ich will keine Wohltaten von euch deutschen Barbaren!«

Bei dem Worte »deutsche Barbaren« trat eine Träne in ihre Augen. Doch sie erhob keinen Vorwurf, geduldig wischte sie mit einem Tuch die Speisereste von meinem Mund und wandte sich anderen Kranken zu.

In meiner fiebernden Brust stritten sich die Gefühle. Ich sagte mir: Du darfst den Deutschen nicht trauen, sie sind deine Feinde, und du hast so viel Schändliches von ihren Sitten gehört, daß du sie verabscheuen müßtest, auch wenn nur die Hälfte davon wahr wäre. Gleichzeitig empfand ich, daß sich diese Krankenschwester nicht verstellt hatte und daß die Güte, die aus ihrer Stimme leuchtete, ein Abglanz ihrerHerzensgütewar.

Weshalb hatten mir die Deutschen Reis als Labe gereicht, da es doch hieß, sie spotten unserer Speisegesetze?

War es Absicht, war es Zufall?

Ich beschloß, auf der Hut zu sein und doppelt streng zu beobachten.

Als die Nacht herannahte, machten die Ärzte abermals die Runde. Und wieder forderte mich der eine in englischer Sprache auf, meinen Verband erneuern zu lassen. Aber ich ließ mich nicht von ihnen anfassen.

Die Krankenschwester frug mich, ob ich schlafen könne?

Obwohl ich fühlte, daß der Gott des Schlafes mich vergessen werde, bejahte ich doch diese Frage. Denn ich wußte: nun mußte bald die Stunde gekommen sein, in der sich die Deutsche in Frösche verwandelten.

Als sich die Schwester mit einem guten Wunsche entfernt hatte, faßte ich den kranken Deutschen, der mir zur Rechten lag, scharf ins Auge.

O, ich wollte gut aufpassen! Es sollte mir nicht entgehen, wie er zum Frosch zusammenschrumpfte!

Immer dunkler ward es, immer kälter, es mußte schon um die elfte Nachtstunde sein — und der Deutsche hatte noch immer Menschengestalt.

Ich war nicht der einzige Wachende im Lazarett.

Ich hörte, wie sich Kranke fiebernd hin und her warfen, hörte Husten und Röcheln, hörte raschelnde Schritte von Wärtern, und einige Male, wie Wasser in Gläser gegossen wurde.

Vor allem aber hörte ich, wie der frostige Nachtwind an den Zeltwänden riß und sie pfeifend peitschte.

Es mußte Mitternacht sein — und noch immer hatte sich der Deutsche nicht in einen Frosch verwandelt.

Er schlief unruhig, heiser atmend, murmelte im Traum aufgeregte Worte, und ich unterschied mehrmals ein Wort, dessen Bedeutung ich damals noch nicht kannte, das Wort: »Mutter«.

Ist es nicht wundersam, daß das erste deutsche Wort, das ich in mich aufnahm, das Wort »Mutter« war?

Zuletzt überwältigte mich die Ermattung und ich entschlummerte.

Und ich erwachte mit der Gewißheit: die verruchten Engländer haben dich schmählich belogen! Die Deutschen sind keine bösen Dämonen ...

Nein, Herr, ihr seid keine Dämonen; ich erfuhr es aus euren Reden und mehr noch aus euren Taten!

Ich erfuhr es, als wenige Tage später das Lazarett zu unserem Entsetzen beschossen wurde und ihr nicht an eure eigne Sicherheit dachtet, sondern zuerst an die Rettung der Kranken.

Ich erfuhr es, als ihr mich mit euren derben, guten Händen in den Eisenbahnwagen trugt, der mich in diese Stadt brachte.

Und wenn ihr auch nur Weiße seid, voll von törichten Vorurteilen wie alle Nicht-Hindus, und mich mit euren Arzneien heilen wollt, statt mit heiligem Kuhmist — ich hasse euch nicht und bete zu Schiwa um euren Sieg!

Mister Galgenstrick machte eine lange Pause.

Ich betrachtete ihn ergriffen. Denn so gleichgültig uns auch das Lob eines Hindus sein kann, mich erwärmte doch die naive Bewunderung dieses Naturkindes, das durch alle seine verschrobenen Vorstellungen hindurch die Reinheit deutschen Wesens ahnte.

Plötzlich nahm Galgenstrick meinen Arm, zog mich zu sich nieder und flüsterte mir ein Geheimnis ins Ohr: »Ich glaube nicht, daß die Götter mir das Leben lassen. Wenn sie es mir aber gnädig vergönnen, in diesem Leibe weiter zu wohnen, so will ich von neuem kämpfen! Aber nicht mit euren Feinden gegen euch — sondern mit euch gegen die Engländer! Versprich mir, daß du mir dazu verhelfen wirst!«

Ich hätte ihm sagen können, daß wir Deutschen keine wilden Völkerstämme in unsere Reihen aufnehmen, daß wir diese »Kulturerrungenschaft« neidlos unseren Gegnern überlassen — aber ich wollte den Kranken nicht durch Widerspruch erregen.

So machte ich eine Geste, die er sich nach Belieben als Bejahung oder Verneinung auslegen mochte.

Er lächelte befriedigt und ich schied von ihm mit dem Bewußtsein, ihm eine belebende Hoffnung hinterlassen zu haben, die seine Genesung beschleunigen würde.

Zwei Tage blieb ich dem Lazarett ferne, beschäftigt mit der Überarbeitung von Galgenstricks Erzählungen.

Am dritten Tage besuchte michDr.Heßberg.

»Ei, welch eine seltene Ehre! Hab' ich schon wieder einen Verstoß gegen deine Verordnungen begangen und, deiner gestrengen Ansicht nach, mich gegen Mister Galgenstricks Heilung versündigt?«

Dr.Heßberg tat einen kräftigen Zug aus seiner Zigarre, blies langsam den Rauch in die Luft und sprach einfach: »Mister Galgenstrick ist tot.«

Ich trat erschrocken einen Schritt zurück: »Was sagst du da? Mister Galgenstrick ist —?«

»Tot!«

Wir setzten uns.

Dr.Heßberg dampfte wie ein Fabrikschornstein, ein Zeichen, daß er tief erregt war.

Ich schloß die Augen und sah im Geiste Mister Galgenstrick vor mir, fühlte seinen spitzbübisch-naiven Blick.

»Schade,« murmelte ich, »schade um den armen Teufel.«


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