2. Das Rauchen.

2. Das Rauchen.

Die meisten jungen Leute kommen durch die Macht des Beispiels zum Rauchen: sie scheuen sich, als Nichtraucher unter einer Mehrheit von rauchenden Genossen unmännlich zu erscheinen, oder als absonderliche Ausnahme dazustehen. Gegen einen solchen sklavischen Nachahmungstrieb darf man bei den selbstständigeren Naturen an das eigene Urtheil und den Stolz der Selbstbestimmung appelliren; die unselbstständigeren Jünglingewird man am besten dadurch vor den Folgen solcher Nachahmungssucht bewahren, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass im letzten Menschenalter das Rauchen in den besten gesellschaftlichen Kreisen mehr und mehr aus der Mode gekommen sei, dass der Procentsatz der Nichtraucher in denselben beständig im Steigen sei, und dass es schon jetzt für distinguirter gelten könne, nicht zu rauchen als zu rauchen.

Der Mensch ist ohnehin so sehr der Sklave seiner angeborenen und anerzogenen Bedürfnisse, dass er wahrlich nicht nöthig hat, diese Gebundenheit noch durch ein weiteres angewöhntes Bedürfniss zu vermehren; wenn man sieht, wie schmerzlich der Gewohnheitsraucher unter einer, wenn auch nur zeitweiligen Entbehrung (sei es aus gesellschaftlichen oder gesundheitlichen oder ökonomischen Rücksichten, sei es unter dem Zwange von Ausnahmeverhältnissen, wie im Kriege) leidet, so sollte sich der Freiheitsstolz jedes Jünglings dagegen aufbäumen, freiwillig ein solches Joch auf sich zu nehmen. Ein eingewurzeltes Laster aufzugeben, kostet eine fast übermenschliche Ueberwindung; aber sich gegen die zwecklose Angewöhnung zu sträuben, kostet weiter gar keine Ueberwindung, als die eines unmännlichen Nachahmungstriebes.

Jeder Jüngling, der den höheren Ständen angehören will, sollte über ein solches Mass von Selbstbeherrschung verfügen, und der socialen Ehrenpflicht seines Standes eingedenk bleiben, den niederen Ständen mit gutem Beispiel voranzugehen und die allmähliche Entwöhnung der Nation von diesem Laster anzubahnen. Denn ein Laster muss diese Angewohnheit in der That genannt werden, durch welche jährlich Milliarden buchstäblich in die Luft geblasen werden, die andernfalls ausreichen würden, die brennendsten socialen Fragen (Alters-, Wittwen- und Waisenversorgung) zu lösen, unter deren Last unsere Zeit seufzt.

Völker ohne sonstige Pflanzenalkaloïde mögen in dem Nikotin ein werthvolles Reizmittel der Nervennährung schätzen; Völker mit Thee, Kaffee, Cacaou. s. w.besitzen in diesen Reizmittel genug, als dass nicht das Nikotin zu viel des Reizes hinzubringen sollte. Die Einwirkung des Tabakrauches bei Affektionen der Augen, der Athmungswege, des Magens und Darmkanals und der Galle ist entschieden nachtheilig; meistens aber entschliessen die erkrankten Raucher sich viel zu spät, ihre Gewohnheit auszusetzen.

Wie jedes Reizmittel, so stumpft auch dieses sich durch Gewohnheit ab und verlangt verstärkte Zufuhr, birgt also die Gefahr einer Uebertreibung in sich, welche zur chronischen Nikotinvergiftung führen kann, besonders bei der Verbindung mit reichlichem Alkoholgenuss; die complicirten Erscheinungen der chronischen Nikotinvergiftung (Spinalirritation, Amblyopieu. s. w.) sind aber zum Theil noch so wenig ergründet und bekannt, dass sie vorkommenden Falles häufig genug von den Patienten und Aerzten nicht erkannt oder falsch gedeutet werden.

Hoffentlich bleibt die burschikose Sitte des Rauchens im weiblichen Geschlecht für immer auf Studentinnen und dergleichen Emancipirte beschränkt; so lange dies aber geschieht, haben die Raucher nur die Wahl, sich von dem anderen Geschlecht abzusondern oder gegen dasselbe (natürlich unter scheinbarer Beobachtung der feinsten Höflichkeitsformen) rücksichtslos zu sein. Gerade in den niederen Volksschichten, wo das Weib ohnehin der geplagtere und schlechter gestellte Theil ist, geht ein unverhältnissmässig grosser Theil des Gesammthaushaltes für das Rauchbedürfniss des Mannes darauf.

Ist der sociale Schaden des Rauchens nicht mit dem des Branntweintrinkens zu vergleichen, so auchnicht der physiologische Nutzen desselben, da der Branntwein doch wenigstens eine Ersparniss an anderen Nahrungsstoffen im Gefolge hat, der Tabak nicht.

Die nationalökonomischen Vortheile der Beseitigung des Tabakrauchens wären ungeheuer. Nicht nur könnte der Arbeiter dadurch eine Lebensversicherung erwerben, welche ausreichte, um sein Alter, seine Wittwe und Waisen gegen die dringendste Noth zu schützen, sondern zugleich würde auch die nationale Handelsbilanz verbessert, wenn einerseits die Einfuhr ausländischen Tabaks und andererseits die Einfuhr derjenigen ausländischen Bodenprodukte wegfiele, welche auf dem jetzt mit Tabak bepflanzten einheimischen Boden erzeugt werden könnten.

Die jetzt mit dem Bau und der Verarbeitung des einheimischen Tabaks beschäftigten Personen würden alsdann mit dem Bau und der Verbreitung der an seine Stelle tretenden Bodenprodukte beschäftigt sein und die jetzt für ausländischen Tabak bezahlten Summen würden, in Gestalt von Wittwen- und Waisen-Pensionen in den Verkehr zurückgeströmt, dazu dienen, das Haushaltsniveau der Arbeiterbevölkerung zu erhöhen, also ihre Kaufkraft für anderweitige Genussmittel zu steigern. Dadurch würde die nationale Produktion weit mehr gewinnen, als sie durch das Aufhören des Tabaksexports und der Verarbeitung des ausländischen Tabaks verlöre.

Da eine solche Umwandlung aber von innen heraus keinesfalls allzuschnell erfolgen dürfte, so ist es Aufgabe des Staates, dieselbe durch eine möglichst hohe Steigerung der Tabakssteuer zu unterstützen, denn auf nichts ist eine hohe Steuer so wohl angebracht als auf dies Laster. Wäre nicht die bei weitem grösste Zahl der Abgeordneten und Wähler rauchende Männer, wäre statt dessen eine Volksabstimmung nach Köpfen möglich, so würde nächst der Branntweinsteuer keineSteuer bereitwilliger erhöht werden, als die auf den Tabak.

Eine wesentliche Verminderung des Rauchens liesse sich freilich auch von der stärksten Erhöhung der Tabakssteuer nicht augenblicklich erwarten, da die gewohnheitsmässigen Raucher doch weiter rauchen würden, nur etwas geringere Sorten; aber in der nächstfolgenden Generation würde der Einfluss doch sehr bedeutend werden, da die erhöhte Kostspieligkeit des Rauchens ein verstärktes Gegenmotiv gegen die Angewöhnung desselben liefern und für viele Jünglinge entscheidend werden könnte.

Die Einführung des Monopols würde die nicht zu unterschätzende Gefahr in sich schliessen, dass der Staat das Rauchen auf alle Weise, insbesondere bei den höheren Gesellschaftsklassen begünstigte, um erhöhte Einnahmen zu erzielen, und dadurch dem aus der Mode-Kommen desselben entgegenwirkte. Dieses nationalökonomische Bedenken trifft das Tabaksmonopol jedenfalls in höherem Grade als das Branntweinmonopol, weil jede anständige Regierung sich schämen würde, ihre Unterthanen zum Trinken zu verleiten, nicht aber zum Rauchen.


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