VII.Moderne Unsitten.
Der Strauss, den ich gepflücket,Grüsse Dich viel tausend Mal!Ich habe mich oft gebücketAch, wohl ein tausend Mal,Und ihn an’s Herz gedrücketViel hundert tausend Mal.Goethe.
Der Strauss, den ich gepflücket,Grüsse Dich viel tausend Mal!Ich habe mich oft gebücketAch, wohl ein tausend Mal,Und ihn an’s Herz gedrücketViel hundert tausend Mal.Goethe.
Der Strauss, den ich gepflücket,Grüsse Dich viel tausend Mal!Ich habe mich oft gebücketAch, wohl ein tausend Mal,Und ihn an’s Herz gedrücketViel hundert tausend Mal.
Der Strauss, den ich gepflücket,
Grüsse Dich viel tausend Mal!
Ich habe mich oft gebücket
Ach, wohl ein tausend Mal,
Und ihn an’s Herz gedrücket
Viel hundert tausend Mal.
Goethe.
Goethe.
Das Ausschmücken einer Person mit Blumen und das Schenken von Blumen, sei es zum Schmuck der Person oder ihrer Umgebung, ist wesentlich eine symbolische Handlung. Wer sich selbst mit Blumen schmückt, bekundet damit seine gehobene, festliche, lebensfrohe Stimmung, seinen Wunsch, sich im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen und anderen zu gefallen; wer einem andern Blumen schenkt, drückt damit symbolisch den Wunsch aus, selber so der beschenkten Person zu huldigen und zur Verschönerung ihres Lebensweges dienen zu wollen, wie die ihr zugeeigneten Kinder der Flur es thun. Am deutlichsten ist diese Symbolik in dem „Blumen auf den Weg streuen“, wo sie besagt, dass, soviel an dem Geber liegt, die beschenkte Person einen Blumenpfad wandeln und mit ihren Füssen nur auf Blumen (nicht auf Dornen, Staub und Steine) treten solle; aber auch das Verzieren der Pforten der Stadt oder des Hauses, oder das Ausschmücken der Wohnräume mit Blumen hat wesentlich denselben Sinn. Schmückt man eine theure Person mit Blumen, so bezeugt man damit zugleich, dass man dieselbe im besten Lichte und in gefälligster Darstellung zu sehen wünscht; hat man die Blumen selbst in Wald und Feld gesucht und gepflückt, so zeigt dies zugleich, dass man keine Mühe scheut, die Theure zu zieren.
Im Ganzen ist jede Symbolik um so ausdrucksvoller, je einfacher sie ist; die Vervielfachung des Symbols rückt den Eindruck seiner realen Beschaffenheit in den Vordergrund und drängt damit eben so sehr seinen tieferen Sinn zurück. Deshalb sagt gewöhnlich eine Blume mehr als ein ganzer Strauss, ein kleiner Strauss mehr als ein grosser, ein einzelner Strauss mehr als ein Dutzend oder ein ganzer Wagen voll Blumen. Nur wo die Mühe des Suchens und Pflückens und der etwa in die Zusammenstellung hineingelegte geheime Sinn als Huldigung in den Vordergrund tritt, nur da kann ein Strauss mehr gelten als eine Blume, aber selbst in diesem Falle hat die Wirksamkeit der Multiplikation ihre engen Grenzen. Jede kunstmässige Behandlung des Arrangements lenkt die Aufmerksamkeit von der Symbolik der Gabe auf ihren ästhetischen Werth ab und verringert damit deren innere Bedeutung; schon die im Garten gezogenen Blumen, mit Ausnahme einiger Arten, bei denen man die Entstehung durch künstliche Zuchtwahl fast schon vergessen hat, sprechen weniger zum Herzen als die ursprünglichen Kinder der Natur, welche gleichsam die spontane Huldigung von Hain und Flur darstellen. Sie sind schon darum einzig in ihrer Art, weil sie ein Geschenk ohne jeden Geldwerth darstellen, was man an den Blumen des Gartens, gleichviel ob sie aus dem eigenen Garten gepflückt oder dem eines Kunstgärtners entnommen sind, schon nicht mehr sagen kann. Eine Huldigung ist aber um so zarter, der symbolische Werth des Geschenks um so reiner, je weniger demselben irgend ein in Geld ausdrückbarer materieller Werth zukommt. Es ist nicht bloss die Sitte, welche die Annahme von materiell werthvollen Geschenken verbietet, sondern auch das Zartgefühl, weil jede Leistung eine entsprechende Gegenleistung bedingt. In der materiell werthlosen Blumengabeist der Begriff des Geschenkes vollkommen vergeistigt und bloss das pretium affectionis übrig geblieben, welches der Stärke des Huldigungswunsches und der aufgewandten Mühe proportional ist.
Wenn man in einer Stadt lebt, wo es unmöglich ist, Blumen anders als im Wege des Kaufs zu erlangen, so ist der poetische Duft des Blumenschenkens und der auf dem Selberpflücken und der materiellen Werthlosigkeit beruhende Affektionswerth unwiederbringlich verloren. Aber es wäre Pedanterie, darum das Schenken gekaufter Blumen ganz verbieten zu wollen, da die Symbolik der Huldigung noch bestehen bleibt. Immerhin muss man dessen eingedenk bleiben, dass gekaufte Blumen doch nur ein klägliches Surrogat selbstgepflückter sind, und dass man mit dem Schenken gekaufter Blumen weit vorsichtiger und sparsamer sein muss als mit demjenigen selbstgepflückter. Auch hier nimmt der symbolische Werth der Gabe in dem Maasse ab, als der selbstständige materielle oder der ästhetische Werth derselben zunimmt; auch hier ist die Gabe um so ausdrucksvoller, je anspruchsloser, kunstloser, natürlicher und schlichter sie erscheint, je mehr sie dem selbstgepflückten Strausse wilder Blumen ähnelt. Die Multiplikation verringert hier den Werth nicht nur an sich, sondern auch durch Steigerung des Geldwerthes, während die Entschuldigung der vermehrten Mühe fehlt. Das gekaufte Blumengeschenk erfüllt nur dann seinen Zweck, wenn der dafür gezahlte Preis so gering ist, dass er für die Verhältnisse sowohl des Gebers als auch des Beschenkten gar nicht in Betracht kommt, also füglich der materiellen Werthlosigkeit der selbstgepflückten Blumen gleichgeachtet werden kann. Ein selbstständiger, ästhetischer, kunstgewerblicher Werth eines Blumenarrangements zerstört den symbolischen Werth nicht nur durch Steigerung des materiellen Werthes, sondern auch abgesehen von dieser schon dadurch, dass er das Geschenk aus der Sphäre der Natur in diejenige der Kunst entrückt, also mit Kunstwerken und Kunstindustriewerken auf eine Stufe stellt. So wenig man gegen das Beschenken mit Vasen, Nippsachenu. dgl.etwas einwenden kann, wenn die Personen in einem Verhältniss zu einander stehen, in welchem die Sitte das Schenken gestattet, ebensowenig gegen das Beschenken mit kunstvoll arrangierten Blumenkörben, Füllhörnernu. s. w.; aber es müssen dann eben auch Personen sein, die sich ebensogut Vasenu. dgl.schenken dürften, und die Immunität des relativ werthlosen Blumenschenkens muss für solche Objekte auch dann ausgeschlossen bleiben, wenn der Geldwerth für den Reichthum der Geber und der Beschenkten nicht in’s Gewicht fällt.
Diese Grenze ist leider in neuerer Zeit nicht mehr inne gehalten; man hat die Freiheit des Blumenschenkens gemissbraucht, um sie auf Geschenke von selbstständigem kunstindustriellen Werthe auszudehnen, und das von den wohlhabendsten Gesellschaftsschichten gegebene üble Beispiel hat auch die mittleren Kreise zu einem Blumenluxus verführt, der ausser aller Proportion zu ihren Verhältnissen steht. Wenn ein Fürst oder die Herrin eines gastfreien Hauses zu ihrem Geburtstage mehrere Zimmer mit kostbaren Blumengeschenken gefüllt bekommt, wenn eine Primadonna einen Möbelwagen braucht, um die mit Blumen überschüttete Bühne abzuräumen, oder wenn die Saisonlöwin in einem Modebade bei der Abreise mit ihren Kindern im ersten Wagen fährt und die erhaltenen Blumen von ihrem Dienstpersonal in den nachfolgenden Wagen transportiren lässt, so sind das Ausschreitungen des Blumenluxus, die sich selber richten. Es kommt aber darauf an, sich darüber klar zu werden, dass die Sitten, ausdenen diese Ausschreitungen hervorgehen, selbst schon im Princip Unsitten sind, an welche es nachgerade Zeit wird, die bessernde Hand anzulegen.
Niemand soll einem andern in einem Augenblicke Blumen schenken, wo er sicher ist, denselben mit dem Geschenke zu belästigen, und ihn vor die Wahl stellt, entweder sich des Geschenks baldmöglichst zu entledigen, oder mit dessen Bewahrung zu plagen. Wer seinen Badebekannten Blumen schenken will, mag es während ihres Aufenthaltes thun, aber nicht bei der Abreise; wer einer Primadonna seine Huldigung erweisen will, mag ihr Blumen in’s Haus senden, aber nicht vor die Füsse oder gar in’s Gesicht schleudern. Wer ein Gefühl für die Werthsverringerung durch Multiplikation hat, wird sich instinktiv scheuen, seine Gabe zu einem Zeitpunkt darzubringen, wo sie durch das Zusammentreffen mit vielen anderen jeden Werth verliert, und einen passenderen Zeitpunkt wählen. Wer aber keine Wahl im Zeitpunkte frei hat, wird dann seinen Takt wenigstens dadurch beweisen, dass er sich auf eine einzelne oder ganz wenige Blumen beschränkt, da die Multiplikation ohnehin schon durch die Vielheit der Geber entsteht. Vor allen Dingen aber ist dem Grundsatz wieder Geltung zu verschaffen, dass werthvolle oder gar kostbare Blumengeschenke unstatthaft sind unter Personen, denen die Sitte die Annahme anderer Geschenke von einander verbietet. Die Poesie der Blumengabe wird durch nichts mehr entwürdigt, als wenn das gegenseitige Ueberbieten der Geber in der Kostbarkeit der Geschenke zum Tummelplatz für Motive der Eitelkeit und der spekulativen Gewinnsucht gemacht wird.
So lange der selbstgepflückte Strauss von Feldblumen nur Ausdrucksmittel ist für die beredte Sprache des Herzens, müssen jene feineren Bedenken schweigen,welche sofort in ihr Recht treten, wo die Kunstindustrie sich der Blumengaben bemächtigt. Nichts predigt so laut die Vergänglichkeit des Schönen als die von ihrem Stamm und ihrer Wurzel getrennte Blume. Sie ist ein zum Tode verwundeter Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, — ein noch lebendes und lächelndes Haupt, das von seinem Rumpfe getrennt ist. Der heute so prächtig prangende Strauss ist morgen ein verwelkter, verwesender Leichenhaufen, und unter dem Schein des Lebens, an dem das Auge sich freuen soll, fühlt das Herz den Todeskampf der Zellen und Organe hindurch. Wenn ich am Morgen die über Nacht erblühte Rose am Stock im Garten betrachte, und mir sagen muss, dass vielleicht schon am selben Abend ihr Blumenleben seinen Gipfel überschritten hat und seinem Verfall zuneigt, dann ist es ein natürlicher Process des Werdens und Vergehens, der in diesem Einzelfall mir anschaulich vor die Seele tritt; wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht eines „Bouquets“ geflochten sehe, so kann ich mich des widerwärtigen Gedankens nicht erwehren, dass der Mensch ein Blumenleben gemordet hat, damit es im Sterben ein Auge erfreue, das herzlos genug ist, den unnatürlichen Tod unter dem Scheine des Lebens nicht herauszufühlen. Dass es nicht der Tod an sich ist, dessen Anblick uns stört, beweisen die getrockneten Blumen, die ebensowenig missfallen wie ausgestopfte Thiere oder aufgespannte Schmetterlinge. Es ist vielmehr das den Tod im Herzen tragende Leben, der zur Ergötzung hervorgerufene und vor Augen gestellte Todeskampf der widerstandslos duldenden Blumenseele, was das Herz verletzt.
Für ein feineres Empfinden gehört die Blume so wenig in das Bouquet wie der Vogel in das Bauer, sondern die Blume in den Garten, in Wiese, Feld undWald, wie der Vogel auf den Baum. Wer keinen Garten hat, oder nicht im Stande ist, denselben zu betreten, der mag zum Ersatz sich Blumen in sein Zimmer oder vor sein Bett bringen lassen. Wer aber im Stande ist, die Naturschönheit da zu geniessen, wo sie am schönsten ist,d. h.in ihrer naturgemässen Umgebung und unter ihren naturgemässen Lebensbedingungen, der wird selbst die Topfblumen im Zimmer gern missen, und viel lieber das Freie aufsuchen, um sie zu bewundern. Sehe ich aber gar ein Meisterwerk der Blumengärtnerei, einen grossen Korb mit einer Masse der kostbarsten auf Draht gezogenen Blüthen, so ist mir zu Muth, als würde mir ein Ragout aus Tausenden von Nachtigallzungen vorgesetzt, oder als sollte ich einen Damenkopfputz aus lauter aufgespiessten, auf’s Rad geflochtenen, noch zappelnden Schmetterlingen und Käfern bewundern. Ich bin überzeugt, dass eine spätere Zeit die heutigen Moden im Blumenluxus noch härter verurtheilen wird, als wir die in Figuren geschnittenen Bäume des vorigen Jahrhunderts, und dass die Kunstgärtnerei bei einer Reinigung und Verfeinerung des Geschmacks ihre Triumphe wieder ausschliesslich da feiern wird, wo sie berechtigt sind: im Sommer- und Wintergarten.