Ich hatte nicht lange das Glück, unter den Augen meiner Eltern erzogen zu werden. Mein Vater ging nach vier Jahren als Gesandter nach Frankreich und nahm meine Mutter mit. Mich ließen sie zurück.
Acht Tage vor ihrer Abreise kündigten sie mir an, wozu sie mich bestimmt hätten. »Du sollst ein paar Jahre Page bleiben,« sagte mein Vater, »und sodann Soldat werden. Jenes ist deiner Gemüthsart nicht ganz angemessen, das weiß ich, aber ich wünschte, deinen Hitzkopf eben dadurch zu bändigen. Nur bitte ich dich, lieber Sohn (bey diesen Worten umarmte er mich zärtlich) vertausche dein Feuer nicht mit Sklavensinn. Du wirst bald sehen, was ich damit sagen will, und dein eignes Gefühl,hoffe ich, soll dich davor bewahren. Mache mir die große Freude, dich als Mann wieder zu finden, wenn ich zurück komme!«
Was hätte ich nicht alles versprochen, an dem klopfenden Herzen eines Vaters und unter den zärtlichen Liebkosungen einer Mutter! Sie reiseten ab und ich sah der Kutsche mit herzlicher Wehmuth nach. Man gab mir Pagen-Uniform, und ich zog sie an, aber mit dem festen Entschluß,mein Feuer nicht mit Sklavensinn zu vertauschen. Ich hatte jetzt freylich noch keine deutliche Vorstellung von dem Verstande dieses Wortes; aber mein Vater hatte mir ja versichert, mein eigenes Gefühl würde es mir sagen, und diesen Zeitpunkt erwartete ich mit Verlangen.
Ich kam unter eine Gesellschaft von jungen Leuten, funfzehn an der Zahl. Wennder Instruktor nicht zugegen war, sprangen sie auf Tische und Bänke. Jeder hatte, so lange die Lektion dauerte, seinen kleinen Plan zu irgend einem Schelmstück ausgebrütet, und so bald sie den Nacken frey hatten, ging es Kopf oben Kopf unten. Aus allen ihren Mienen und Gebährden sprach Verachtung unserer Aufseher, und doch zitterten sie, wenn einer von ihnen erschien, und Die vorher die meiste Geringschätzigkeit geäußert hatten, waren dann die geschmeidigsten und höflichsten.
Dies Betragen gefiel mir nicht. Ich machte manchen kleinen Schwärmer mit, fühlte aber nicht, daß ich meine Vorgesetzten, aus Furcht entdeckt und bestraft zu werden, verachtete. Dies hatte aber für mich die Folge, daß ich fast immer der letzte war, der sich zurückzog, wenn wir einen unbesonnenen Streich gemacht hatten, und daß man sich in solchen Fällen jedesmal an mich hielt und mich für das Volk büßen ließ.
»Auf meine Ehre!« sagten dann immer die Knaben, wenn ich die Strafe hätte leiden müssen: »Auf meine Ehre, ich erschösse den Kerl, wenn er es mir so machte!«
Für diesen Vorschlag hatte ich gar keinen Sinn, und ich begriff nicht, wie ich gegen einen Mann Tücke nähren könnte, der mich mit Fug und Recht bestraft hatte.
Es war natürlich, daß ich bey dieser Gesinnung der ganzen Gesellschaft junger, heimlicher Teufel, furchtbar werden mußte. Wenn mich einer beleidigte, so brannte im Nu die Strafe auf seinem Backen, statt daß die übrigen die Beleidigung in sich verschlossen und auf heimliche Rache dachten. Denn wenn sie sich auf der Stelle rächten, so mußten sie befürchten, daß der Geschlagene unsern Aufsehern seine Klagen vorbrächte; und dann hätten sie das große Unglück gehabt, Vorwürfe oder Strafe leiden müssen, oder wohl gar als unruhige Köpfe öffentlich entdeckt zu werden, da sie es doch heimlich seyn wollten. Lieber unterdrückten sie ihrenVerdruß und bezahlten dem Beleidiger bey einer andern Gelegenheit durch die dritte Hand mit zehnfachem Wucher, und hätten Wochen und Monate darüber hingehen sollen.
Von dem allen that ich gerade das Gegentheil, aber dies hatte für mich den Schaden, daß ich bey unsern Vorgesetzten in den Ruf des unbändigsten, starrsinnigsten und streitsüchtigsten aller Pagen kam.
Diese Leute waren wenig besser, als ihre Untergebenen. Sie schienen gar nicht zu wissen, daß es Charaktere giebt, oder geben müsse, die offen und geradezu handeln; mithin hielten sie das an mir für störrische Bosheit, was helle, unversteckte Gutherzigkeit war.
Hatte einer von meinen Mitpagen einen boshaften Streich gemacht, der die schärfste Züchtigung verdiente, so hingen die übrigen an einander wie Kletten, wenn es zur Untersuchung kam. Fragte man mich aber, und ich wußte es, so gestand ich die Wahrheit, wurde aber auch der Martyrer derselben. Denn der,der von mir angegeben wurde, war unschuldig, wie die Sonne; aberichwar der Thäter,ichhatte ihn aus Bosheit angegeben, um die verdiente Strafe von mir auf ihn zu wälzen.
An meinen Lehrern lag es also nicht, wenn ich in kurzer Zeit nicht eben so verdorben ward, als die übrigen. Sie bothen mir, wie man sieht, hülfreiche Hände zu dieser Metamorphose.
Mein Vater hatte gesagt, ich würde fühlen, was er unter dem WorteSklavensinnverstanden hätte. Jetzt glaubte ich ihm auf der Fährte zu seyn, und dies hielt mich ab, die Gesinnung meiner Mitpagen anzunehmen.
Die tiefen Verbeugungen, die sie zu machen pflegten, gefielen mir eben so wenig. Der Tanzmeister hatte seine Noth mit mir. Er predigte und predigte, und reckte und dehnte mich, aber meine Verbeugungen hielten das Mittel, und er war in Verzweiflung, daß er keinen Anstand hineinbringen konnte. Einmal äusserte er die Vermuthung, mein Rücken müsse wohl von Eisen seyn. Sogleich setzte ich einenStuhl mitten in den Saal, legte mich rücklings über denselben hin, und nahm in dieser Stellung ein Stück Geld mit dem Munde von der Erde auf. Als dies geschehen war, setzte ich den Stuhl stillschweigend weg und sah den bestürzten Tanzmeister an. Er zuckte die Achseln und sagte zu einem unsrer Aufseher: er hat unerhörte Geschmeidigkeit, aber will mir nicht den Gefallen thun, und sie zum Guten anwenden. Dies zog mir von neuem Vorwürfe und Drohungen zu; aber ich achtete sie nicht, weil ich meinem Vater die Freude machen wollte, mich als Mann wieder zu finden. Ich glaubte ihn nun völlig verstanden zu haben.
Als ich ungefähr ein halbes Jahr Page war, wurde eine neue Hofdame vorgestellt. Ich sah sie im Vorzimmer und sie würdigte mich einigerBlicke, die eine mir ganz fremde Wirkung auf mich thaten, und deren Wesen ich mir nicht erklären konnte. Sie starrte einigemal auf mich her, daß meine Blicke unwillkührlich zu Boden sanken. Ich fühlte eine Art von beklemmendem Zittern, und zugleich stieg es mir warm vom Herzen bis zur Scheitel herauf, und meine Haare krisselten auf derselben gerade so, als wenn man zu Winterszeiten den bloßen Kopf der Luft aussetzt.
Diese Empfindung war mir unerträglich. Ich wandte der Frau den Rücken zu und fühlte Verachtung gegen sie, ohne mir einen Grund davon angeben zu können.
So oft ich mich umsah, begegneten mir ihre Blicke und ich hatte jedesmal dieselbe Empfindung. Zwey andre Damen bemerkten die Aufmerksamkeit, womit sie mich ansah, und sagten ihr lachend etwas ins Ohr. »O,« erwiederte sie ganz laut: »mir fällt nur seineblutrothe, bäurische Farbe auf und seine ausgestopfte Figur! Wie lange ist er Page?«
Hu! wie mir das ans Herz schoß! Es konnte niemand gelten, als mir, denn ich war gerade der einzige Page im Vorzimmer. Aber hier konnte meine Wuth nicht ausbrechen. Nie erinnere ich mich, in so einem fürchterlichen und so völlig unerträglichen Zustande gewesen zu seyn.
Verachtung war mir von jeher die tödtlichste Beleidigung gewesen, und jetzt ward ich von einer Frau verachtet, die ich verachtete, die ich nie beleidigt hatte. Dabey sah ich keinen Weg vor mir, mich an ihr zu rächen, und mußte den Trost entbehren, der den andern Pagen bey einer solchen Gelegenheit nicht entgangen wäre. Diese hätten sich in Geduld gefaßt und ihren Verdruß mit süßen Aussichten auf eine schleichende, stille Rache niedergedrückt. Es fehlte wenig, so hätte ich ihnen diese Gemüthsart beneidet.
Man wollte die Dame gern ehren, und gab ihr einen Pagen zum Dienst. Wie froh war ich, daß es mich nicht traf!
Aber man denke sich meinen Unmuth, als mir der Hausmarschall den folgenden Tag ankündigte: ich sey zum Dienste der neuen Hofdame bestimmt, und müsse sogleich den Pagen Neuberg ablösen. Ich wäre lieber durch Feuer gelaufen, aber hier galt keine Widerrede. »Seyn Sie hübsch gelehrig!« sagte der Marschall zu mir, als er sich entfernte.
Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte und ging murrend auf meinen Posten. Der Page Neuberg kam mir entgegen und schien etwas gegen mich auf dem Herzen zu haben.
»Sie dreymal glücklicher Mensch!« hub er endlich mit sichtbarer Bosheit an: »Gräfin Waller hatSieausdrücklich verlangt!«
Ich sah ihn ernsthaft an und sogleich sprang er auf einen andern Ton über.
»Ich habe den Korb, lieber Lemberg!« fuhr er fort: »Sie haben mich ausgestochen. Sie sagte zum Marschall: schicken Sie mir doch den Pagen mit denrunden– ja, ich glaube, sie sagte mit den –rundenBacken und dabey beschrieb sie ihm Ihre Person sehr genau – ha, hum! – der Marschall hatte Einwendungen und meynte – – Aber ich konnte nicht recht hören, was er sagte. »O,« erwiederte sie, »das hab' ich bemerkt. Er ist noch sehr – hier entfiel mir wieder das Wort, daß sie brauchte – aber eben darum will ich mir ein eigenes Verdienst daraus machen – ihn – ab – ja, ja! ihn abzuhobeln! Seine Mutter ist meine Freundin.«
Als er das Wortabhobelnaussprach, that er einen Satz, der ihn drey Schritte vonmir entfernte. Es war der boshafteste, aber furchtsamste Gauch unter allen Pagen. Nun verstand ich, was der Marschall hatte sagen wollen, fühlte aber nicht, daß sich Empfindungen der Dankbarkeit gegen meine großmüthige Lehrerin in meinem Herzen regten.
»Ist der Page da?« rief die Gräfin zur Thür heraus, und ich trat mit einem kurzen:Was befehlen Sie?ins Zimmer.
»Ach, der kleine Runde!«
Das Wort rund war mir unbeschreiblich verhaßt geworden, von dem Augenblicke an, wo es Neuberg mit einem bedeutenden Accent von meinen Backen brauchte.
»Sind Sie nicht ein Lemberg?«
Zu Befehl, gnädige Gräfin!
»Lange keine Briefe aus Frankreich?«
Vorgestern!
»O, Ihre Mama ist meine Herzensfreundin! Wie gefällt es ihr, wie lebt sie in Paris?«
Davon hat mein Vater nichts geschrieben!
In dem Moment sprang sie auf mich zu, nahm mich bey der Hand, zog mich rasch und ängstlich ans Fenster und rief: Lemberg, Sie sind ein Schläger, das werde ich Ihrer Mama schreiben!
Ich sah sie mit großen Augen an.
»Hier! (sie fuhr mit zwey Fingern sanft über meinen linken Backen) hier ist eine große Narbe! Mit wem haben Sie sich geschlagen?«
Narbe? Geschlagen?
»Ja, ja! Nur näher, junger Herr!«
Sie zog mich näher ans Fenster, blinzelte, strich mir noch einmal mit den zwey Fingern über den Backen, brach in ein erzwungenes Lachen aus und sagte am Ende: sie hätte einen Schatten auf meinem Backen für eine Narbe angesehen, und mich für einen Schläger – beydes sey nicht wahr.
Wenn man sich erinnern will, was ihre Anmerkung im Vorzimmer von meinenblutrothen,bäurischen Backendamals für eine Wirkung auf mich that, und wie sehr mein Verdruß durch Neubergs Aeusserung vonrundenBacken vermehrt worden war; so wird man schließen können, mit was für einer Mine ich diese neue Bemerkung über meine Backen aufnahm. Ich hielt das alles für klaren, bittern Spott und mehr als einmal fühlte ich ein Zucken in den Muskeln des rechten Armes, das meine Hand unwillkührlich zu ballen pflegte, wenn ich meinen Beleidiger ansah. Sobald meine Mitpagen dieses Zucken bemerkten, hüteten sie sich wohl, mir zu nahe zu kommen, denn es folgte gewöhnlich ein kräftiger Faustschlag darauf.
Die Gräfin wußte dies nicht, und ein Glück für sie, daß in eben dem Augenblicke, wo ich die Fassung verlor, der Hausmarschall ins Zimmer trat.
Ich entfernte mich und kaum war die Thür hinter mir zu, so hörte ich ein starkes Gelächter. Dies konnte vielleicht gar keinen Bezug auf mich haben, aber ich glaubte mit Händen zu greifen, daß es mir gölte. Es fuhr mir kalt durch alle Adern, das Athmen ward mir unendlich schwer, und meine Brust war wie mit starken Ketten zusammengeschnürt.
Nach einer halben Stunde entfernte sich der Marschall, und die Gräfin ließ mich rufen. Ich trat herein und fand sie nachläßig auf eine Ottomanne hingegossen. Ihre damalige Figur und Stellung werde ich nie vergessen, und ich glaube, daß mir der Anblick des Todesengels in den letzten Sekunden meines Lebens nicht widriger seyn wird.
Man denke sich eine Frau von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, von Thee, Punsch,Wein, Schocolate, von Liebe und Neid und langer Weile zusammen gedörrt; mit einer kurzen Taille und einem schmalen Körper, der in einen Reifrock eingerammelt schien; mit dünnen Armen und knöchernen Händen, die sich wie ausgesprützte Skelette ausnahmen; über Gesicht und Arme eine dünne, gelbliche Haut gezogen, unter welcher sich hier und da, matte, schlaffe Adern hervor drängten; und dazu endlich ein Gesicht, so spitzig, so eingefallen, daß man den leibhaften Tod vor sich zu sehen glaubte. Das einzige, was noch einige Funken Leben verrieth, war ihr Auge. Ein Feuer brannte darin, das ihre ganze Lebenskraft aufzusaugen und in ein paar kleine graue Sterne zusammen zu drängen schien.
Diese Figur lag auf der Ottomanne, als ich herein trat. Ich erschrack und stand wie verstürzt, als sie einen von jenen Blicken, die mir damals im Vorzimmer ein Grausen durch alle Glieder gejagt hatten, starr auf mich heftete.
Befehlen die gnädige Gräfin etwas? stotterte ich und sah auf den Boden.
»Muß man denn immer befehlen? Kommen Sie näher, Lemberg, erzählen Sie mir etwas von Ihrer Mutter.«
Ich weiß nichts!
»Nun, so erzählen Sie 'was anders. Setzen Sie sich hieher! Ihr jungen Herren habt doch sonst immer den Kopf voller Schwänke. Wie viel Mädchen haben Sie in Ihrer Schreibtafel? (sie nahm mich beym Rockschooße) Ich will sie sehen!«
Ich führe keine Schreibtafel!
»Ihre kurzen Antworten sind unausstehlich, Lemberg, ich will längere!«
Befehlen Sie sonst etwas, gnädige –
»Nichts, nichts befehle ich! Sie sollen mir 'was erzählen. Ich habe Langeweile!«
So will ich ihr Kammermädchen rufen –
Mit diesen Worten drehete ich mich schnell um und sprang zum Zimmer hinaus. Sie rief, aber ich hörte nicht, sondern sandte ihr dasKammermädchen. Es ward mir unendlich wohl ums Herz, als ich sie im Rücken hatte, aber was half die unbedeutende Frist? Wenn es ihr einfiel, mußte ich doch wiederkommen.
Es war natürlich, daß mir mein Verdruß über diese unerträgliche Lage hundert Plane vorlegte, wie ich mich aus derselben ziehen sollte. Wäre ich dem ersten Ausbruche meines wilden Zorns gefolgt, so hätte ich die Gräfin erschossen und mich mit; oder ich hätte meinem rechten Arm den Willen gelassen, der armen Frau den Kopf eingeschlagen und mich auf flüchtigen Fuß gesetzt; oder ich hätte öffentlich erklärt, daß ich nicht länger Page bleiben wollte, wenn man mir nicht einen andern Posten gäbe.
Aber alle diese Wege hatten ihre Unbequemlichkeiten, und ich sah keinen andern vor mir,als mich eine Weile krank zu stellen, um dadurch zu bewirken, daß man der Gräfin einen andern Pagen gäbe. Aber das Betteliegen war mir lästig. Lange Weile und besonders Schaam vor mir selbst, machten mich nach drey Tagen wieder gesund. Die Gräfin hatte zwar einen andern Pagen bekommen, aber so bald es hieß, ich sey wieder hergestellt, forderte sie mich zurück. Ich ging im bittersten Unmuth zu ihr und fühlte, daß mein Abscheu die letzten drey Tage nicht abgenommen hatte.
Es war des Morgens gegen eilf Uhr, als sie mich rufen ließ. Sie lag fast in eben der Stellung auf der Ottomanne, als vor drey Tagen, und dies that eben die widrige Wirkung auf mich wie damals. Ihr platter Busen zeigte sich in seinem ganzen Lichte, und auf ihren Backenbeinen lag ein heller Karmin, der gegen ihre natürliche Farbe einen häßlichen Absatz machte.
»Sie können nicht sehr krank gewesen seyn,« hub sie an: »oder Sie haben einen guten Arzt gehabt.«
Beydes!
»Was wars denn eigentlich? Hatten Sie Kopfschmerz, Beklemmung, Unverdaulichkeit?«
Nichts von allem!
»Oder Herzbeklemmung?«
Nein!
»Hatten Sie sich nicht in Acht genommen? Viel Wein oder Punsch getrunken?«
Meines Wissens nicht!
Meine kurzen Antworten schienen sie aus aller Fassung zu bringen. Um sich dafür zu rächen, schob sie mit einer ganz gleichgültigen Bewegung und wie von ungefähr den Busenflor noch um zwey Finger breit zurück. Das machte mir wirklich Todesangst.
»Sie scheinen mir immer so mürrisch, Lemberg. Oder ist es Melancholie, Unzufriedenheit mit Ihrer Lage?«
Das letztre!
»O, sagen Sie mir, entdecken Sie sich mir! Was ich thun kann – Ich bin es Ihrer Mutter schuldig, daß ich mich Ihrer annehme.Stehen Sie nicht so mißtrauisch von der Seite, kommen Sie her, setzen Sie sich, entdecken Sie sich mir, ich verspreche Ihnen meinen ganzen Einfluß.« –
Ich nahm ihr Anerbieten nicht an, und blieb verstockt stehen. Wenn ich minder wider sie eingenommen gewesen wäre, so hätte ich wohl sehen können, daß ihr Betragen nicht Spott war; aber sie hatte es sich selbst zuzuschreiben, daß mir ihre geringschätzige Aeusserung im Vorzimmer so gegenwärtig blieb. Genug, ihr ganzes Benehmen däuchte mir boshafter Spott, und in meinem Herzen kochte eine Wuth, die ich nicht länger zurückhalten konnte. Ich zitterte an allen Gliedern, und in meinem Gesichte brannte ein Feuer, das mir die Adern zu sprengen drohte.
Sie erklärte dieses Phänomen zu ihrem Vortheil, und jetzt sehe ich wohl, daß sie sich schwerlich so viel an ihrem Busen zu schaffen gemacht haben würde, wenn sie mir hätte ins Herz sehen können.
Plötzlich sprang sie mit einem Angstgeschrey auf und rief: eine Spinne, eine Spinne, Lemberg, ums Himmelswillen, hier! hier! Ich beschwöre Sie –
Ein schöner Anblick!
Ich will ihr Kammermädchen rufen! sagte ich mit Verdruß und Kälte, und wollte aus dem Zimmer, aber sie hielt mich.
»Nicht doch, Lemberg! Es war wohl nur Einbildung! Bleiben Sie! Sehn Sie nichts?«
Ein halber Blick auf die schreckliche Aussicht setzte mich in unbeschreibliche Verwirrung. Ich sah nicht hin, versicherte aber doch, es kröche keine Spinne an ihrem Halse.
»Aber hier – hier kribbelts doch!«
Ich sehe nichts!
»Das ist kein Wunder, Sie sehen auf die Dielen. Gefühlloser Mensch, wie können Sie beym Schreck einer Dame so gleichgültig seyn? Kommen Sie her und bitten mirs ab, oder ich kneipe Sie in Ihre kleinen, runden Backen.«
Kaum hatte sieBackenausgesagt, so stürzte meine ganze kochende, so lange zurückgehaltene Wuth, in meinen rechten Arm, und der that seine Pflicht. Ich gab ihr eine Maulschelle, daß sie mit offenem Munde vor mir stand, und stumm und starr wie ein Pagode nickte. Aber sie hatte Geistesgegenwart – sie gab mir zwey Schellen so rasch und hitzig zurück, daß ich die erste noch nicht fühlte, als mir die zweyte schon auf dem Backen brannte.
Da standen wir und stutzten uns an, wie zwey Hähne, die einander gewachsen sind.
So standen wir gegen einander über fünf Minuten. Alle ihre Glieder zitterten vor Bosheit und ihr Mund lachte.
»Wir sind quitt,« sagte sie endlich: »und ich bin noch mit Einer Schelle im Vortheil.Aber dafür bin ich auch nur ein armes schwaches Weib und Sie – ein Halbgott!«
Auf einmal war nun mein Erstaunen so groß, als vorhin meine Wuth. Ich hatte vermuthet, daß sie Himmel und Hölle bewegen, die Beleidigung anzeigen und nicht eher ruhen würde, bis sie mir ewiges Gefängniß ausgewirkt hätte. Ueberraschend und unerklärbar war mir also ihr Benehmen.
»Wenn Sie zu dem ersten Schritte Mann genug waren« fuhr sie fort: »so sind Sie's auch zum zweyten – Kein Mensch darf erfahren, was unter uns vorgefallen ist! Versprechen Sie mir das?«
Ich stand von der Seite und hatte kurzen Athem. Sie nahm mit Ungeduld meine Rechte und drückte sie mit beyden Händen.
»Versprechen Sie mir das?«
Ich machte immer noch dieselbe Pantomime. Sie schüttelte mich.
»Ob Sie mir das versprechen, Lemberg?«
Ich sah an die Decke. Meine Hitze war merklich verflogen.
Sie schlug beyde Hände vor die Brust, als wenn sie außer Athem wäre, und sank wie ohnmächtig auf den nächsten Stuhl. Ich machte Miene, aus dem Zimmer zu gehen – plötzlich waren alle ihre Kräfte wieder da, und sie hielt mich mit einer Stärke, die ich einer Frau von ihrer Schwächlichkeit nicht zugetrauet hätte.
»Lemberg,« rief sie mit schwacher Stimme, die ihr aber große Anstrengung kostete: »Lemberg, seyn Sie nur halb sogroßmüthigals ich!«
Dies Wort hielt mich und schlug mich beynahe zu Boden. Nurhalbso großmüthig, als dies –Weib?
»Was wollen Sie von mir, gnädige Frau?«
Diese Frage heiterte alle ihre Mienen und Blicke auf, und sie schien alles Verdrusses, aller Unruhe zu vergessen.
Freylich muß mein Blick, nach den Bewegungen zu schließen, die ich bey den Worten, »nur halb so großmüthig« empfand, von jenem ganz verschieden gewesen seyn, mit welchem ich die rechte Hand wider sie aufhob. So weit ich mich kenne, mußte sie tiefe Beschämung und Demüthigung in demselben bemerkt haben.
Sie konnte auch von nun an mit mir machen, was sie wollte. Sie zog mich zu sich auf die Ottomane und ich blieb gelassen sitzen; sie drückte mir die Hand und ich ließ es geschehen, ohne sie wegzuziehen. Als sie mich so weit hatte, glaubte sie mich auch nach der Ursache meines wüthenden Betragens fragen zu können. Ich gestand, daß sie mich zuerst im Vorzimmer beleidigt habe; erzählte, was ich von dem Pagen Neuberg hatte hören müssen und beschrieb ihr Zug vor Zug alle die Grade, die mein innerer Verdruß durchstiegen war, um endlich zum Ausbruche zu stürzen – und das alles mit einer feurigen Beredtsamkeit.
Sie schien wie aus einem Traume zu erwachen, und im Nu sprang sie auf, führte mich zur Thür, stieß mich ziemlich unsanft hinaus und sagte: »Merken Sie sichs, Lemberg, ich habe nur Eine Maulschelle –Sie–Zwey!« – Knall flog die Thür hinter mir zu.
Ich verstand, was sie damit sagen wollte, und mein Blut ward von neuem rührig. Aber die Thür war hinter mir abgeschlossen.
Gewiß ist es, daß sie mich nun durch und durch kannte. Bey minderem Scharfsinn hätte sie mich höflichst zur Thüre geführt, und mich vielleicht mit Thränen gebeten, niemand zu sagen, was unter uns vorgefallen sey; aber sie stieß mich zur Thür hinaus und erreichte eben diesen Zweck.
Man hätte mich mit Pferden zerreißen können, und das Geheimniß wäre nicht über meine Zunge gekommen.
Ich konnte in der Nacht, die auf diesen Tag folgte, nicht schlafen. Zwey Bilder beschäftigten meine Phantasie, die man sich nicht ungleichartiger denken kann –MalchenundGräfin Waller!
Es war mir unerklärbar, wie mir in der jetzigen Stimmung meines Geistes und Herzens Malchen so auf einmal vor Augen treten konnte. Ich hatte sie in drey Jahren nicht gesehen; das Andenken an sie, machte mir, außer einigen schnell vorübergehenden frohen Empfindungen, nicht die mindeste Unruhe, und ihr Bild schien von Zeit zu Zeit völlig aus meinem Gedächtnisse verschwunden zu seyn. Aber diese Nacht kam es zurück, mit hellen, kräftigen Farben ausgemalt, in einem Glanze, der mein geistiges Auge blendete. Ich umarmte dies süße Kind meiner Phantasie, drückte es, in Entzücken verlohren, an mein klopfendesHerz, und wenn ich dann recht zusahe, so hielt ich – die Gräfin Waller in meine Arme geschlossen.
Meine eigne, und meiner Leser Delikatesse, erlaubt es mir nicht, einer Erscheinung deutlicher zu erwähnen, die mich diese Nacht überraschte. Alles, was ich davon sagen kann, ist, daß sie viel Aehnliches mit der Scene im Gebüsche hatte, wo uns Malchens Mama überraschte, und daß sie, wie ich jetzt wohl einsehe, der Schlüssel zu den Phantasieen ist, die mich diese Nacht beschäftigten.
Einem Beobachter, der mit festem Tritt und unverrücktem Blicke der Natur folgt, der den zarten Verkettungen, dem fast unsichtbaren Gewebe, den allerfeinsten Fäden, die nur eine allmächtige Hand zwischen Geist und Fleisch ziehen konnte, nachzuspüren Beruf und Geduld hat, dem wird diese Erscheinung, und ihre Ursach kein Räthsel seyn, und der wird mich verstanden haben.
Ich überließ mich dem Entzücken, Malchen in so verklärter Gestalt wieder zu sehen, obgleich sie mir noch lieber gewesen wäre, wenn die verhaßte Waller nicht neben ihr gestanden hätte. Ich wußte nicht, daß der Wunsch, das Bild dieser Frau vor meinen Blicken zu entfernen, nicht erfüllt werden konnte, ohne daß ich zugleich sie aus dem Gesichte verlöre. So fest hatte die Zauberin Natur diese Antipoden zusammengekettet!
Als ich erwachte, war mein erster Gedanke – Malchen. Wenn ich ein Buch aufschlug, war der Anfangsbuchstabe jedes Wortes einM. Jedes Mädchen, das mir begegnete, hatte Aehnlichkeit mit ihr. Einigemal glaubte ich sie von ferne zu sehen, flog ihr entgegen, war getäuscht. Wenn ich hätte nachdenken wollen, so würde mir eingefallen seyn, daß sie sich schwerlich in einem Anzuge würde sehen lassen, den sie vor vier Jahren trug, als ich sie nach meiner Wanderung bey meinen Eltern wiedersah. Wirklich lief ich jeder Mädchengestaltnach, die so gekleidet war, als Malchen damals, und konnte mich dann wundern, daß es nicht Malchen war, da sie doch dieselbe Farbe trug.
Mein Dienst bey der Gräfin däuchte mir nicht mehr so lästig, als vorher. Ich muß gestehen, daß ich sogar mit einer Art von Ungeduld den Augenblick erwartete, wo sie mich würde rufen lassen. Ich fühlte ein unwiderstehliches Sehnen, und immer war es mir, als wenn ich durch sie Nachrichten von Malchen erhalten würde. Sonderbar! – Sie rief mich endlich.
Verdruß und Unwillen lagen sichtbar auf ihrer Stirne. Ich machte ihr eine Verbeugung die ich schwerlich noch vor jemand so tief gemacht hatte. Sie gab mir mit weggewandtemGesicht und in einem herrischen Ton einige Aufträge, und setzte kein Wort mehr hinzu, als sie sagen mußte, um mir ihren Willen zu erklären. Die Reihe war nun an ihr, böse zu seyn, bis jetzt hatte ich dies Vorrecht gehabt.
Dieses Betragen hatte genau die Wirkung, die sie dadurch erreichen wollte. Ich entledigte mich ihrer Aufträge mit großem Eifer, und war dabey so dienstfertig, so gefällig, daß ich ihr heute ein ganz andrer Mensch scheinen mußte. Sie sah mich einigemal mit forschendem Blick an und schien meine Veränderung mit innerlicher Selbstzufriedenheit zu bemerken. Aus einigen ihrer Mienen zu schließen, mußte sie es als eine unausbleibliche Folge ihrer Maßregeln ansehen.
Als ich zurückkam, um ihr zu melden, daß ich ihre Aufträge genau besorgt habe, sagte sie: Ihre Dienstfertigkeit verdient meinen Dank, und ich weiß, daß ich Ihnen keinen größern geben kann, als wenn ich Ihnen hiermit erkläre, daß ich den Marschall um einen andern Pagen gebeten habe.
Ich sah sie an und ging stillschweigend zur Thür hinaus. Wie lächerlich! Ich hätte es nun lieber gesehen, wenn ich ihr Page hätte bleiben können.
Der jetzige Zustand meines Herzens schien keiner feindseligen Empfindung Raum zu lassen. In gewissen Augenblicken schämte ich mich sogar recht herzlich, die Gräfin so bäurisch behandelt zu haben, und einigemal war ich wirklich im Begrif zu ihr zu gehen, und sie um Verzeihung zu bitten. Je öfter ich mir Malchens Bild vor mein geistiges Auge zurückholte, desto gefälliger war das Licht, in welchem ich die Gräfin erblickte. Immer noch konnte ich an keine von beyden denken, ohne zugleich die andre vor mir zu sehen. Es schien, als ob die himmlische Glorie, in welcher ich Malchen die vorige Nacht erblickte, auch der Gräfin einen Glanz mitgetheilt hätte, der mir Auge und Herz für sie aufschloß.
Endlich verschwand auch jeder Schatten von der Beleidigung, die ich so kräftig erwiederthatte; ich fing an, ihre Großmuth zu bewundern, und zu bedauren, daß mir keine Gelegenheit blieb, das Geschehene wieder gut zu machen.
»Wenn ich sie nur sehen könnte, nur sehen, nur sehen!« Dies war mein erster und eifrigster Wunsch, wenn ich an Malchen dachte. Alles, was mir auf der Welt das liebste war, hätte ich um die Erfüllung desselben gegeben!
Anfangs blieb es nur beym Wünschen und ich behielt die Hände im Schooße; denn ich hatte die Grille, sie müßte nicht weit seyn, sie müßte mir nächstens einmal begegnen. Acht Tage hielt ich mich mit dieser Einbildung hin; endlich ward ich thätig, beschloß an Papa Ernst zu schreiben und Nachricht von ihr einzuholen. Ich that es und zwar – im Postskript des Briefes, den ich ausdrücklichihrentwegenschrieb.Ich hängte diese Worte an:Auch möchte ich wohl wissen, wie sich Herr und Frau von Lehmnitz befinden.
Das nenne ich doch eine Erkundigung! Aber es war mir nicht möglich, das WortMalchenunter vier Augen zu nennen, vielweniger ihren Namen mit allen seinen Buchstaben schwarz auf weiß zu schreiben. Wie glücklich mußte Papa im Rathen seyn, wenn er mir auf meine Frage eine befriedigende Antwort hätte ertheilen sollen! Und doch hoffte ich mit so großer Unruhe auf seinen Brief, als ob er durchaus keinen andern Inhalt, als Nachricht von Malchen haben könnte.
Was für ein Unterschied! Meine ältern Mitpagen sagten öffentlich: ich bin in dieses oder jenes Mädchen zum sterben verliebt; sie heißt so und so; wohnt da und da; heute hab' ich eine Zusammenkunft; aber ich, ich wagt' es nicht, mich nur entfernt nach einem Mädchen zu erkundigen, das mir Ruhe und Verstand geraubt hatte; ich frage nachihren Elternunderwarte fest, daß die Antwort auf diese Frage sie betreffen soll und muß.
Deßhalb erstaunte ich auch gar nicht, als Papa's Brief ankam und von Anfang bis zu Ende von – Malchen handelte. Ich erfuhr, daß sie nach L** in Pension gethan sey, und zwar erst vor einigen Tagen; dabey beschrieb mir Papa alles, selbst die Straße, wo die Französin wohnte, die sie in Kost genommen hätte.
Ein Glück für mich, daß in diesen Tagen keine andre merkwürdige Begebenheit in Papa's Gegend vorgefallen war; er würde mir sonst eben so gut diese beschrieben haben, und ich wäre in Verzweiflung gewesen, wenn ich nichts von Malchen in seiner Antwort gefunden hätte.
Uebrigens war Papa immer noch der alte. Er schrieb mir alle Debatten, die vorher zwischen Herrn und Frau von Lehmnitz vorgefallen waren, ehe sie sich entschlossen hätten, Malchen nach L** zu schicken; gab mir einen Auszug des ganzen Briefwechsels zwischen ihnenund der Französin zu L**; wußte, wieviel jährlich für Malchen bezahlt wurde; was sie für Wäsche mitgenommen hatte; in welcher Stunde und in welcher Kutsche sie abgefahren war; wie die Französin hieß und in welcher Straße sie wohnte. Der Geist der Kleinigkeit und Geschäftslosigkeit lebte und webte in diesem Briefe.
Aber wie angenehm war mir diese Umständlichkeit! Ich las den Brief zehn, zwanzigmal mit pochendem Herzen, aber nicht ohne ein Gefühl von Besorgniß, Papa möchte aus dem Postskript geschlossen haben, ich sey in Malchen verliebt. Der scharfsinnige, feine Papa! Wie könnte er sonst einen ganzen Brief mit lauter Nachrichten von Malchen füllen?
Ich verschloß den Brief sorgfältig in meinen Koffer, und kaufte mir ausdrücklich ein Vorlegeschloß, damit mir ihn niemand nehmen und daraus sehen könnte, daß ein gewisses Malchen nach L** in Pension gethan sey.
Nun hatte ich also Nachricht von Malchen, aber gab mir das meine Ruhe wieder? »Sehen, sehen muß ich sie!« rief es nun ungestümer in meinem Herzen, und je größer die Unmöglichkeit vor meinen Augen heranwuchs, desto brennender ward mein Verlangen, sie zu übersteigen. Die Vernunft erlag endlich der Schwärmerey.
L** war freylich volle dreyzehn Meilen entfernt; es fehlte mir freylich an einem Vorwande, der mir auf einige Tage Urlaub verschaffen konnte; auch wußte ich weder Weg noch Steg, noch fühlte ich Muth genug, mich bey der Französin aufzuführen; aber das waren kleine Berge, die meine Einbildungskraft nur den kleinsten Sprung kosteten. Genug, ich wollte sie sehen, das war fest beschlossen, und mit eins! waren alle Hindernisse aus dem Wege.
Ich rannte zu einem Pferdeverleiher, borgte mir ein Pferd, setzte mich auf, und nun ohne Urlaub zum Thor hinaus. Es war Abends gegen fünf Uhr, als mich diese Rasereyergriff, und um Mitternacht hatte ich schon die Hälfte des Weges zurückgelegt. In M** miethete ich mir einen Kerl, der des Weges kundig war, und auch die Straße in L** wußte, in welcher die Französin wohnte. Dreymal stürzte ich, dreymal fiel mein Gaul kraftlos unter mir zu Boden. Ich hatte fünf Beulen vor der Stirn, und mein Gesicht war von Hecken und Gesträuchen zerfleischt. Mein Begleiter bat mich flehentlich, Tagesanbruch zu erwarten, aber ich machte ihm Muth, bald mit Geld, bald mit der Hetzpeitsche. Diese fand ich nicht so wirksam als jenes.
Morgens um sechs Uhr, hatte ich nur noch eine Stunde von L**. Jetzt kam mein Verstand etwas zurück, denn ich hatte doch so viel Ueberlegung, daß Malchen noch nicht aufgestanden seyn würde, wenn ich unter ihrem Fenster hingaloppirte. Ich ließ den Pferden Futter geben, und zählte mit heißer Ungeduld jede Minute, bis es sieben schlug. Kaum ausgebrummt, auf und davon! Mein Begleiterversicherte zwar, die Pferde hätten noch nicht halb abgefressen; aber was kümmerte mich das!
Wir kamen nach L**. »Nur den nächsten Weg nach der H** Straße!« sagte ich zu meinem Gefährten; aber ohne so lange zu warten, bis er mir denselben zeigte. In wenig Minuten sah ich mich an dem entgegengesetzten Thore. Mein Begleiter versicherte, wir müßten umkehren, sonst ritten wir zu dem einen Thore hinein und zu dem andern wieder heraus. Ich fuhr ihn für diese Nachricht an, aber er entschuldigte sich mit dem Kompliment: er habe geglaubt, ich könne nicht wohl hören. Er habe immer gerufen, aber ich sey meines Weges fortgeritten.
Ich mußte also umkehren; aber nun achtete ich besser auf seine Anweisung. »Hier ist die H** Straße!« rief er endlich, und mein Herz pochte hoch auf. Ich gab meinem Pferde die Spornen, und ließ es springen, um die Leute ans Fenster zu locken. Als ich beynah am Ende der Straße war, sah ich ein Frauenzimmerin einem Erker. »Sie ists! Sie ists!« sagte mir mein Herz. Ich war freylich noch volle funfzig Schritte von ihr, aber sie war es leibhaftig! Meine Blicke waren aus der Ferne starr auf sie geheftet, sobald ich ihr aber auf zwanzig Schritte näher war, schlug ich die Augen nieder, gab meinem Pferde die Spornen und sprengte davon.
Nun war also mein heißester Wunsch erfüllt! Nun hatte ich Malchen gesehen!
Ich kann mich des Lächelns nicht erwehren, wenn ich an mein damaliges Benehmen denke. Beynahe den Hals gebrochen, beynah ein Pferd todt gejagt, um Malchen zu sehen, ich glaube sie von weitem im Erker zu erblicken, und als ich näher komme, sehe ich nicht hin! Lächerlich, sehr lächerlich!
Und doch, wer war glücklicher als ich? Was mein körperliches Auge nicht gesehen hatte, ersetzte mein geistiges. Nicht der kleinste Zug war mir an Malchen entgangen. Ich hatte sogar bemerkt, daß sie mir zulächelte,daß sie mir winkte, daß sie über die Sprünge meines Pferdes ängstlich schien – was hatte ich nicht alles – o Wunder, Wunder! – mit zur Erde gesenkten Augen gesehen!
Wenn ich hätte nachdenken können oder wollen, so würde dieser optische Betrug bald in sein Nichts zerflossen seyn. Denn das Bild von Malchen, welches mir meine Phantasie vorführte, war immer noch gerade so gekleidet, als damals, wo ich sie nach meiner Wanderung wiedersah.
Aber ich hatte Malchen gesehen, darauf wäre ich gestorben, und das machte mich zum glücklichsten Sterblichen.
Als ich nach D** zurückkam, fand ich alles in Aufruhr. Man hatte geglaubt, ich sey durchgegangen, hatte schon Koncepte zu Briefenan meine Eltern ausgearbeitet und dem Pferdeverleiher sein Pferd bezahlt – auf einmal erschien ich. Mein erster Gang war in den Pagenhof, mein zweyter in Arrest. Man sagte mir, Gräfin Waller habe sich am angelegentlichsten nach mir erkundigt.
Ich hatte das alles vorhergesehen und war darauf gefaßt. Man hätte mir keinen größern Gefallen thun können, als wenn man mich zu einem ewigen Gefängniß verurtheilt hätte; denn an Malchen hatte ich eine sehr angenehme Gesellschaft.
Die drey Tage, die ich im Arrest zubrachte, verflogen wie drey Stunden, und ich wäre lieber nicht herausgegangen. Ich ward verhört, und wußte nicht, was ich sagen sollte. Man hielt dies für einen neuen Beweis, daß ich der allerverstockteste, hartsinnigste Page sey, ließ mich gehen und drohete.
Aber ich hatte noch ein zweytes Verhör auszustehen, das mir schwerer ward. Gräfin Wallerließ mich zu sich kommen; aber sie wußte schon mehr, als ich ihr sagen konnte.
Man hatte, sobald man mich vermißte, meinen Koffer erbrochen, um zu sehen, ob man nicht einen Beleg zu meiner Entweichung finden könnte. Man fand aber nichts als Wäsche und den Brief von Papa Ernsten. Dieser ward zwar gelesen, aber man blieb so klug, als vorher.
Die Gräfin sprach mit dem Pagen Neuberg von mir, und dieser erzählte, daß man meinen Koffer erbrochen, aber nichts gefunden habe, als Wäsche und einen gleichgültigen Brief. Er habe zwar bemerkt, daß ich einige Tage her öfters vor meinem Koffer gewesen wäre, auch einen Brief gelesen, und ihn jedesmal sorgfältig verschlossen habe; aber das könne unmöglich der gedachte Brief gewesen seyn.
Die Gräfin war aber doch neugierig, diesen Brief zu sehen; der Marschall gab ihr denselben; sie las ihn und schöpfte Verdacht. Aber das konntesienur, die einzige unter Millionen,die mit ganz andern Augen sah, als gewöhnliche kalte Zuschauer. Sie erkundigte sich näher, erfuhr, daß ich, so lange die Vermählung meiner Eltern geheim geblieben wäre, auf dem Guthe des alten Ernst sey erzogen worden, und daß ein Herr von Lehmnitz in der Gegend wohne, von dessen Tochter eben die Rede im Briefe sey. Auf einmal schien ihr ein helles Licht aufzugehen; sie grübelte glücklich weiter, gerieth aber doch in so fern auf einen Abweg, daß sie glaubte, Papa Ernst sey der Vertraute meiner Liebe, sonst würde er nicht soviel von Malchen geschrieben haben. Sie setzte voraus, er sey ein alter, erfahrner Weltkenner, und wisse, wie angenehm auch die unbedeutendsten Umstände dem Liebhaber sind, wenn sie die Dame seines Herzens betreffen.
»Wie gefällts Ihnen in L**?« war ihre erste Frage, als ich zu ihr ins Zimmer trat.
Ich stutzte und erstaunte und sagte endlich befremdet: In L**?
»Ja, ja, in L**! Sind Sie denn anderswo gewesen?«
Ich war in der peinlichsten Verwirrung. Mein hervorstechendstes Gefühl war eine Art von verschämter Besorgniß.
Ich bin nicht in L** gewesen!
»Armer Mensch! Ihre eignen Augen strafen Sie Lügen! Genug, Sie sind in L** gewesen, das weiß ich, und wenn Sie's auch niemand gestanden haben. – Soll ich rathen, bey wem?«
Bey diesen Worten war mir, als wenn man mir einen Eimer siedendes Wasser über den Leib stürzte.
»Was machtMalchen Lehmnitz? Freute sie sich nicht über ihren Ritter? Hier (sie zeigte auf meine Stirn) die Stöße und Risse müssen ihr unendlich angenehm gewesen seyn – nicht, Lemberg?«
Ich glaubte in den Boden zu sinken.
»Wie scheu, wie schüchtern der Mensch ist! Warum reden Sie nicht? Sie sehen ja, daß ich alles weiß. Oder soll ich Ihnen ein förmliches Geständniß ersparen? Nun gut! HörenSie also, was Sie selbst nicht zu wissen scheinen wollen: Sie sind in die Lehmnitz verliebt, und sind nach L** geritten, um sie zu sehen. Getroffen?«
Ich machte eine Bewegung, als wenn ich den Kopf schütteln wollte und doch nicht könnte.
»Nun, ich sehe wohl, Lemberg, Sie sind noch nicht völlig mit mir ausgesöhnt, sonst würden Sie mir doch eine Sylbe gönnen. Ich muß also meinen hohen Begriff von Ihnen ein wenig herunterstimmen. Indessen ist es mir nicht leid, daß ich mich als Freundin Ihrer Mutter für Sie verwandt habe. Daß Sie der Kassation entgangen sind, danken Sie mir. Hier ist Ihr Brief. Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen, als daß ich es weiß, daß Sie in L** gewesen sind, und sonst niemand!«
Ohne eine Sylbe, selbst ohne einen Laut von mir zu geben, entfernte ich mich aus dem Zimmer.
Ich wußte nicht eigentlich, wie ich mich bey dem Betragen der Gräfin nehmen sollte. Weil ich es aber schon gewohnt war, sie nicht mehr für so boshaft zu halten, als sonst, so fing ich nach und nach an, alles, was sie sagte und that, so gut ich konnte, von der besten Seite anzusehen. Jene Nacht, wo sie mir mit Malchen Hand in Hand erschien, und das Gefühl, mich für ihre Verachtung hinlänglich gerächt zu haben, hatten ganz unmerklich in meinem Herzen zu ihrem Vortheile gearbeitet. Daß ich eine Maulschelle mehr bekommen hatte, als sie, fiel mir nicht ein; und wenn ich ja einmal daran dachte, so erweckten die Umstände und die Art, womit sie mir das Kapital verzinset zurückgab, ich weiß selbst nicht, was für eine sonderbare Empfindung in mir, die mir mehr lächerlich als kränkend war. Aber mehr alsalles andre zog mich das Geheimniß von Malchen an sie, theils, weil ich fürchtete, sie möchte es verrathen, theils, weil ich mich der seltsamen Grille nicht erwehren konnte,sie sey eine Freundin von Malchen, und habe von ihr Nachricht erhalten, daß sie mich in L** gesehen.
Ich weiß nicht, wo man in gewissen Stunden Wahrscheinlichkeiten hernimmt, die einem unmögliche Dinge, als möglich, so klar und deutlich vorstellen können, daß man auf Hirngespinnste Schlösser bauet. Ein solcher unbegreiflicher Spuk war wohl die vorhin erwähnte Grille, die ich nach und nach so künstlich ausspann und erweiterte, daß ich mich endlich fest überzeugte:Die Gräfin könne es wohl bey Malchen so weit bringen, daß–
Ja, nun stand ich wieder! Was sollte sie mir denn bey Malchen auswirken? Das wußte ich nicht, hatte auch keine deutliche Idee davon. Nichts als Wünsche, ewige Wünsche, und wenn ich mich dann fragte: was wünschestdu dir denn? so stutzte ich wohl eine Weile, aber die wohlthätige Einbildungskraft nahm sich meiner an, und versetzte Berge.
Wenn ich mir einen Begriff von dem Zustand eines Menschen machen will, der seinen ganzen Verstand verloren hat, so denke ich mir einen Liebhaber, wie ich damals war. So ganz Kind, so ganz aller edlern Kräfte beraubt, so ganz unthätig in mich selbst verschlossen, ohne Plan, ohne Kraft und Muth, mir einen vorzuzeichnen, so aller Gewalt über mich selbst beraubt, so lebendigtodt – mag ich nie wieder seyn. Wenn ich die Liebe auf dem Fuß betrieben hätte, wie meine größern Mitpagen, so wäre ich vor diesen Zufällen sehr sicher gewesen.
Uebrigens war es gar keine Frage, ob mich Malchen liebte? Wie war es möglich, daß mir einfallen konnte,sie hat mich vergessen? Freylich hatte sie mich in vier Jahren nicht gesehen, aber was hinderte das? Sie war in andre Verbindungen und Verhältnisse gekommen;sie hatte gewiß andre Mannspersonen kennen gelernt, die ihr in der Nähe waren, und die sie leicht einem Menschen vorziehen konnte, mit dem sie zwar als Kind gespielt, von dem sie aber seit langer Zeit keine Nachricht hatte – So natürlich mir diese Betrachtungen hätten seyn sollen, beunruhigten sie mich doch keinen Augenblick, oder, genauer gesagt, ich hatte nicht einmal die entfernteste Ahndung davon. Und wie konnte ich auch, da sie mich in L** gesehen, und mir zugewinkt und zugelächelt hatte?
Es fehlte mir ohnehin sehr an Kenntniß des Weltlaufes (das mußte die Gräfin auf den ersten Blick gesehn haben, sonst hätte sich eine Frau von ihrer Feinheit wohl schwerlich solch eine platte Liebeserklärung zu Schulden kommen lassen) aber jetzt war auch das wenige, was ich mir abstrahirt hatte, völlig aus meinem Gedächtnisse verschwunden. Ich schob phantasierte Aussichten und Bilder denwirklichenunter, lebte und webte in einer Welt, die ichmir selbst erschaffen hatte, und verlor diejenige aus den Augen, auf welcher ich mit meinen leiblichen Füßen ging und stund.
Alles, was ich in diesem Zeitpunkte der Vergessenheit meiner selbst sagte und that, war handgreiflicher Unsinn, womit ich mich und meine Leser verschonen muß. Ich war mürrisch, in mich selbst verloren, that und sagte alles verkehrt, war nachläßig und verdrossen in meinen Geschäften, und wünschte ihrer ganz entledigt zu seyn, doch ohne zu wissen, was ich für einen andern Stand ergreifen sollte. Meine Vorgesetzten bemerkten dies, und da sie mich schon lange aus einem falschen Gesichtspunkt ansahen, so war es natürlich, daß ich immer tiefer und tiefer in ihrer Gunst und Achtung fallen mußte. Es kam endlich so weit,daß sie höhern Orts erklärten, ich wäre zum Pagen völlig untauglich. Man würde mich auf der Stelle fortgeschickt haben, wenn man mich nicht aus Achtung für meinen Vater geduldet hätte. Indessen ward in der Stille daran gearbeitet, mir eine andre Stelle anzuweisen.
Nach einigen Tagen ließ mich die Gräfin rufen, und ich flog zu ihr, weil mir träumte, sie würde mir eine angenehme Nachricht von Malchen mitzutheilen haben.
»Wie leben Sie, Lemberg? Immer noch so mißmuthig? Wenn Sie sich nur entdeckten, vielleicht gäbe es Mittel dagegen!«
Ich zuckte die Achseln und hatte viel auf dem Herzen.
»Ist es Mißvergnügen über Ihre Lage, oder verliebte Besorgniß?«
Das erstre, gnädige Gräfin!
»Ist Ihnen das Pagenleben zuwider? Wünschen Sie sich einen andern Stand? Entdecken Sie sich, ich weiß Mittel, Sie zu beruhigen!«
Diese letzten Worte brachten mein Blut in Bewegung. Ich glaubte, aus denselben sicher schließen zu dürfen, daß sie Nachrichten von Malchen hätte, die sie im Begriff stände, mir mitzutheilen. So schief diese Vorstellung war, so schief fiel auch meine Antwort aus.
»Ihr Betragen ist unausstehlich, Lemberg! Sie scheinen selbst nicht zu wissen, was Sie wollen, und es ist nöthig, daß Andre für Sie denken und handeln!«
Bey diesen Worten fuhr sie ganz von ungefähr in die Tasche, und ich hörte Papier rauschen. Was konnte dies anders seyn, als ein Brief von Malchen? Ich erwartete unter Zittern und Ungeduld den Augenblick, wo sie die Hand herausziehen würde. Es geschah, aber da kam kein Brief von Malchen! Wie bitter war ich getäuscht! Meine ganze Fassung war dahin.
»Wollen Sie Soldat werden?«
Sehr gern!
»Kavallerist, oder Infanterist?«
Jetzt blieb ich stumm, und kann man rathen, weshalb? Auf einmal schoß mir der Gedanke durch die Seele, daß ein Infanterieregiment in den Vorstädten von L** stände. Was auf diesen für ein andrer folgte, wird man auf den ersten Blick sehen. Stumm war ich und blieb ich. Die Gräfin sah mich mit spähenden Blicken an.
»Infanterist? Nicht, Lemberg?«
Wenn die gnädige Gräfin befehlen!
Sie lachte hell auf.
»Also Infanterist! Ich dächte aber, Sie schickten sich besser zum Kavalleristen. Was meynen Sie?«
Nein – ich – würde –
»Sie haben sich aber schon als ein wahrer Ritter gezeigt! Wissen Sie wohl noch, durch Ihre Reise nach L**!«
Ich war wie verstürzt, und die scharfen Blicke der Gräfin machten mir Höllenpein.
»Doch, wie Sie wollen! Unter welches Regiment möchten Sie wohl?«
Gleichviel, unter welches! stotterte ich.
Ich mußte bey dieser Antwort eine erschreckliche Blöße geben, denn sie ward mit großem Gelächter aufgenommen.
»Unter das zu L** meynen Sie doch? Nicht, Lemberg?«
Nein – gnä – gnädige Gräfin –
»Also nicht nach L**. Ich glaube selbst, daß Ihnen der Ort zuwider seyn muß, weil er Sie in Arrest gebracht hat.«
Sie sagte dies mit einer studierten Ernsthaftigkeit, die mir durch Mark und Bein ging.
»Aber Sie wären doch der erstaunlichen Ritte überhoben, wenn Sie unter das Regiment nach L** gingen?«
Jedes Wort war mir ein zweyschneidiges Schwerdt. Ich siedete und kochte, fühlte aber nicht das mindeste Zucken in den Muskeln des rechten Armes. Wie theuer mußte ich die Schelle bezahlen!
»Ich habe schon gesagt, Lemberg, daß Sie selbst nicht wissen, was Sie wollen, ich mußmich schon Ihrer annehmen. Kommen Sie morgen wieder, und holen Sie sich Bescheid!«
Ich drehete mich stillschweigend um und ging. Sie rief mich zurück.
»Noch eins muß ich Ihnen sagen! Sie gelten bey Hofe für einen Anverwandten von mir, merken Sie sich das! Es hat gute Gründe, die Ihnen in die Augen fallen werden. Nun gehen Sie!«
Das Betragen der Gräfin blieb mir von Anfang bis zu Ende unbegreiflich, und das war kein Wunder, da ich sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkt ansah, den Umstand ungerechnet, daß mein Kopf und Herz in einer Lage waren, die mir durchaus nicht erlaubte, das zu erforschen, was um mich vorging. Ich wußte ja nicht einmal, wie mir eigentlich war.
Den folgenden Tag bekam ich das Patent zu einer Fähndrichsstelle unter dem Regimente zu L** und ich war wie vom Himmel gefallen.
Sogleich rannte ich zu der Gräfin, um ihr zu danken, denn es war gewiß, daß sie das alles bewirkt hatte. Aber weshalb interessierte sie sich so für mich?Um ihrer Freundin Malchen einen Gefallen damit zu erweisen.
Diese seltsame Grille verließ mich nicht. Wie würde die Gräfin gelacht haben, wenn sie derselben auf die Spur gekommen wäre.
»Ich konnte es nicht anders machen,« hub sie mit verbißnem Lachen an: »Sie mußten nach L**. Es fehlte gerade ein Fähndrich. Wenn es Ihnen aber da nicht gefällt, so schreiben Sie es mir, ich will sorgen, daß Sie mit der Zeit an ein anderes Regiment vertauscht werden!«
Es schien, als ob ich dazu verurtheilt gewesen wäre, unter ihren Augen den Stummen zu spielen. Ich hatte mir vorgesetzt, ihrsovielzu sagen, aber konnt' ich es? Drey Worte und ein Blick von ihr machten mich zum Kinde.
Beym Abschiede sagte sie zu mir: es bleibt dabey, Sie sind mein Vetter. Oder mögen Sie nicht aus meiner Verwandtschaft seyn?
»Welch ein Glück für mich,wennichs wäre!« sagte ich, und man bewundere meinen erstaunlichen Muth.
Endlich einmal ein Wort, das sich hören läßt! erwiederte sie: Schade, daß es so sehr spät kömmt! Augenblicklich machte sie die Thür hinter mir zu.
Den folgenden Tag ging ich zum Regiment ab. Habe ich wohl nöthig, die Bewegungen zu schildern, die mich ergriffen, als ich die Thürme von L** erblickte?
Man wird es mir auf mein Wort glauben, daß ich die H** Straße sehr gut zu finden wußte. Drey bis viermal stahl ich mich täglichunter dem Erker weg, in welchem ich Malchen damals gesehen haben wollte; aber es dauerte gegen drey Wochen, eh ich das Glück hatte, sie abermals zu sehen. Und als ich sie endlich sah – man denke sich mein Staunen – da war es in dem Fenster eines Hauses, das ich bis jetzt keines Blickes gewürdigt hatte; es stand an dem andern Ende und auf der andern Seite der Straße. Diese seltsame Erscheinung erklärte ich mir am natürlichsten dadurch, daß die Französin eine andre Wohnung bezogen haben müßte. Denn es war unumstößlich gewiß, daß ich Malchen damals an dem andern Ende und auf der entgegengesetzten Seite der Straße, im Erker gesehen hatte. –
So viel ich auch auf dreyßig Schritte unterscheiden konnte, war Malchen, seitdem ich sie nicht gesehen hatte, ein volles, frisches, ausgewachsenes Mädchen geworden. Das war sonderbar! Als ich sie damals im Erker erblickte, war sie noch genau so groß, als sie immer gewesenwar, da ich noch mit ihr spielte. Aber in den vier Wochen war sie erstaunlich gewachsen.
Auch diesmal betrug ich mich sehr albern. So lange ich weit genug von ihr entfernt war, sah ich starren Blicks nach ihr hin, als ich mich aber nahe unter ihrem Fenster befand, sah ich vor mich auf die Erde und beschleunigte meine Schritte. Ein Anderer hätte ihr wenigstens ein Kompliment gemacht.
Ich weiß nicht, wie lange ich dies Spiel getrieben haben würde, wenn nicht mein Muth durch einen Zufall gewachsen wäre. Einmal kam ich die Straße herunter und sah Malchen wieder im Fenster. Sie hatte ihr Gesicht nach der andern Seite gewandt und sah mich nicht. Ich hatte also das süße Vergnügen, ihren Haarputz von hinten zu sehen. Meine Blicke waren fest auf sie geheftet, und ließen nicht eher ab, als bis ich dicht unter ihrem Fenster war – plötzlich drehete sie den Kopf, sah mich an, fuhr zurück und machte das Fenster zu.
Ihr Blick fuhr wie ein elektrischer Schlag durch mein ganzes Wesen. Alles tanzte vor meinen Augen, meine Füße waren mir zu leicht, und mit jedem Schritte glaubt' ich in eine Grube zu treten.
Es dauerte eine gute halbe Stunde, eh ich zu mir selbst kam, und nun war mein erster Gedanke, durch die H** Straße zurück zu gehen. Am Eingange derselben ward ich auf einmal unschlüssig und ich hätte gewiß einen andern Weg genommen, wenn sich nicht gerade einer meiner Kameraden zu mir gefunden hätte.
»Aha, Lemberg,« sagte er, »haben Sie das Terrain von L** so studirt?«
Wie so?
»Sie gehen doch durch die H** Straße um die Krone von L** zu sehen?«
Mir fing unwillkürlich das Herz an zu pochen, und ich muß roth geworden seyn.
»Habe ichs getroffen? Armer Lemberg! Sie sind nicht der einzige, dem's unterm Küraßschlägt, wenn er das Haus da (er zeigte mit dem Stocke auf das Haus, wo ich Malchen gesehen hatte) ansieht. Es war eine Zeit, wo ich selbst solch ein Narr war. Kommen Sie!Sehenkönnen Sie den Engel, aber das ist auch alles!«
Ich fühlte eine höchst unangenehme innerliche Bewegung, jener ähnlich, die der große Blumist in Holland hatte, als ihm ein Fremder versicherte, er habe eben die Blume, die er nur auf dem ganzen Erdbodenalleinzu besitzen glaubte, schon bey einem deutschen Gärtner gesehen.
Mein Begleiter zog mich halb wider meinen Willen fort, und ein Glück für mich, daß Malchen nicht gerade aus dem Fenster sah, ich wäre sonst unter ihren Augen umgekehrt, und hätte dem Offizier die lächerlichste Blöße gegeben. Wir kamen näher, ich wagte einen Blick, sie stand am Fenster, begegnete mir mit ihren Augen, und, sollte man es denken! ich war bäurisch genug, einige Schritte vorbeyzugehen,ehe es mir einfiel, den Hut zu ziehen. Ich that es endlich, aber ohne hinter mich zu sehen, und sie war so nachsichtsvoll, das Fenster aufzureißen und mir zu danken. Mein Begleiter versicherte mich, sie habe gerufen: wie kommen Sie hieher, Herr von Lemberg? Ich hatte nichts gehört, glaubte es ihm auch nicht.
Mein Kamerad erkundigte sich, woher unsere Bekanntschaft rührte, und ich erzählte ihm, in einer Art von Verzückung, daß ich sie schon lange kennte und mit ihr erzogen wäre.
»Sie sind zu beneiden, Lemberg!« sagte er: »Aber warum besuchen Sie das schöne Mädchen nicht? Oder ist es schon geschehen?«
Ich versetzte ganz gleichgültig, daß ich ihr bey Gelegenheit meine Aufwartung machen würde.
»Bey Gelegenheit? Auf der Stelle sollten Sie es thun! Sie hat, auf meine Ehre, gerufen!«
Mit diesen Worten verließ er mich.
Von diesem Tage an besuchte ich die H** Straße mit leichterm Herzen, und hatte sogar den Muth, Malchen von der Seite anzusehen, wenn ich sie grüßte. Aber hinauf zu gehen und mit ihr zu sprechen? Es hätte eines Riesenarmes bedurft, um mich in das Haus zu schieben.
Dies Unwesen trieb ich gegen vier Wochen, ohne mich nur einen Schritt näher an sie zu wagen, und doch war ich unbeschreiblich glücklich.
»Wissen Sie wohl, Lemberg« – sagte der vorhin erwähnte Officier auf der Wachparade zu mir: »aber, was sollten Sie's nicht wissen! Fräulein von Lehmniz ist Braut!«
Ein Donnerschlag! Ich versicherte ihm mit zitternder Stimme: das wüßte ich nicht.
»Freylich muß ihr ein reicher Graf lieber seyn, als ein Fähndrich,« fuhr er fort: »aber lassen Sie sich kein graues Haar darüber wachsen. Sie sind nicht der erste, dem es so geht!«
Ich stieß mit meinem Rohre große Löcher in den Sand.
»Kennen Sie den Bräutigam?«
Ich schüttelte mit aufeinander gebissenen Zähnen den Kopf.
»Graf Waller!«
Wild und wüthend fuhr ich auf.
»Sehen Sie, da steht er, der dumme, ausgetrocknete, süße Narr! Nur ein paar Schritte näher, so können Sie ihn riechen!«
Ich warf den Kopf herum, mit einer Bewegung, die meinem Gesellschafter sehr lächerlich seyn mußte.
»So sehen Sie ihn doch nur wenigstens an. Sie müssen sich doch an seinen Anblick gewöhnen. Er bleibt mit seiner Braut in L**.«
Ich war wie auf der Folter, faßte aber doch endlich Muth und sah den Grafen an. Er stand mit einem Offizier Hand in Hand.
»Wie kann man sich aber mit solch einem elenden Menschen abgeben?« sagte ich, mit der ganzen Wuth, die sich mir aufs Herz geworfen hatte: »Ein Soldat, und solch ein Windbeutel! Dem Lieutenant Rahm kann ich nie wieder gut werden, weil er ein vertrauter Freund von ihm ist!«
Bravo, bravo! rief mein Gesellschafter lachend: Sie werden beredt! Immer geben Sie von sich, was Sie auf dem Herzen haben, das wird Ihnen gute Dienste thun. – Wissen Sie, wie man hier die beyden Leute nennt?Damon und Pythias. Solch eine Freundschaft ist unerhört! Sie wohnen aufEiner Stube, schlafen in Einem Bette, halten sich Ein Mädchen, kurz, einer ist des andern Schatten. Das ist bekannt, und Sie haben sie gewiß selbst mehr als hundertmal gesehn!
»Kann seyn, aber es ist mir nicht aufgefallen!«
Und nun fällts Ihnen so stark auf, daß Sie kochen? Ich sehe, wo es Ihnen fehlt, lieber Lemberg, aber ich sage Ihnen, die Lehmniz straft sich selbst. Vielleicht ist sie auch von ihren Eltern – dazu – gezwungen worden. – Aber, mein Gott, das müssen Sie ja alles wissen?
»Ich weiß nichts!«
Nun, so begreife ich Sie nicht. Sie müssen mir sagen, wie Sie mit ihr stehen. Gleich auf der Stelle, ich lasse nicht nach.
Ich war also gezwungen zu beichten. Ich erzählte ihm, daß ich zwar mit ihr erzogen wäre; daß ich sie aber in vier Jahren nichtgesehen habe: kurz, gestand ihm alles, was man weiß.
Nun denn, nahm er das Wort, denn haben Sie auch keine Ansprüche auf sie, und es ist Ihre eigne Schuld, wenn sie einem Andern die Hand giebt. Sonderbarer Mensch! Wie können Sie vermuthen, daß es einem Mädchen genug seyn wird, wenn Sie sich täglich zwey- oder dreymal unter ihrem Fenster wegstehlen, und sie höchstens grüßen? Wie kann sie glauben daß Sie etwas für sie empfinden, wenn Sie nicht zu ihr kommen, da Ihnen der Zutritt unverwehrt ist? Lieber, lieber Lemberg, sich selbst haben Sie es zuzuschreiben, wenn Sie unglücklich sind. Nun ist es zu spät. In acht Tagen ist Hochzeit! Muth gefaßt und vergessen – weiter ist kein Weg übrig!
Es wäre vergeblich, den damaligen Zustand meines Herzens zu schildern. Ich erinnere mich, acht Tage hindurch keinen einzigen hellen und dauernden Gedanken gehabt zu haben. Eine Menge von Bildern schwebte meiner Phantasie vorüber, alle mit Blut und Mord gezeichnet; aber meine Raserey kam nicht zum Ausbruch, so gewaltsam auch der Stoß war, den sie die letzten Tage vor Malchens Hochzeit erhielt. Gräfin Waller kam aus D** und ließ mich freundlichst zur Hochzeit bitten. Herr und Frau von Lehmniz kamen und verkündigten mir die Vermählung ihrer Tochter unter Jubel und Freude. Fräulein Louise wollte mich zu ihrem Tänzer in Beschlag nehmen. Graf von Waller erschien mit seinem Busenfreunde Rahm und freuete sich, meine Bekanntschaft zu machen – Unerträglich, unerträglich!Ich wußte nicht, wo ich war! Ich kannte mich selbst nicht!
Die ganze Stadt war voll von dieser Vermählung. »Ja,« hieß es, »er ist freylich Graf, soll auch sehr reich seyn – aber« – den Nachsatz sagte sich der Bürger ins Ohr, und der Soldat lachte und sagte öffentlich: Armer Graf, wie wirds in der Brautnacht aussehen?
Indessen ging die Hochzeit vor sich. Ich blieb im Bette und mußte das Fieber haben. Je dichter ich mich in meine Küssen verhüllte, desto lebhafter wurden mir die Bilder von Malchen und dem Grafen Waller. Ich nahm mir fest vor, in vier Wochen nicht aus dem Bette aufzustehen, aber wie sehr fiel mir schon ein halber Tag zur Last! Gegen Abend vermehrte sich meine Unruhe. Ich wollte dies thun, wollte das thun, und that nichts. Endlich beschloß ich, mich zu verkleiden, und mich unter die Zuschauer zu mischen, um – ja, wenn ich auch gewußt hätte, was ich da thun wollte. Ich nahm die Uniform meines Kerls, zog siean und hin. Alles war um und um erleuchtet, alles zeigte Glanz und Freude. Das Souper war in einem Gartenhause, ausserhalb der Stadt, welches der Graf seiner neuen Gemahlin gemiethet hatte, und der Garten, der dazu gehörte, war aufs prächtigste erleuchtet. Aber eben der Glanz und die Fröhlichkeit sagten mir nicht zu. Ich ging zurück, wie ich gekommen war, und beschloß, mich tief in mein Bette zu vergraben. Ich zog mich aus – plötzlich ward ich wieder anderes Sinnes. So kämpfte ich zwischen Wollen und Nichtwollen bis gegen zwey Uhr in der Nacht. Endlich widerstand ich nicht länger. Ich warf einen großen Mantel, wie sie damals allgemein getragen wurden, über den Schlafrock, und ging nach dem Gartenhause zurück.
Alles war still; die Gesellschaft schien auseinander gegangen zu seyn und die Lampen im Garten waren meist erloschen. Die schauerliche Dunkelheit hielt mich. Ich ging dreymal um das Haus, die Augen in düsterer Verzweifelungauf ein Zimmer geheftet, wo ein dürftiges Licht zu brennen schien. Auf einmal erlosch auch dieses, und die Ideen, die mir dieser Umstand erweckte, raubten mir Verstand und Bewußtseyn.
Und indem ich zum viertenmal so dicht im Mantel verhüllt, um das Haus schlich, öfnete sich die Thür. Es kam eine Mannsperson hinter mir her gesprungen und hielt mich. »Nun ists Zeit, Rahm, flüsterte sie, mach' alles, wie wirs verabredet haben!«
Ich stutzte und erstarrte. Der Mann führte mich mit zitternder Hand zum Hause, und ich folgte, ohne einen Laut von mir geben zu können. »Wo – wo, will das hinaus?« dachte ich und fühlte einen erschütternden Frost in allen Gliedern.
Wir stiegen mit äußerster Behutsamkeit die Hälfte einer Treppe hinan. Hier nahm mir der Graf den Mantel ab und sagte: die erste Thüre rechts, du kannst nicht fehlen! Er schien eben so sehr aus aller Fassung zu seyn als ich,und schob mich die Treppe hinauf. Ich verhielt mich ganz leidend; auch nicht der kleinste Laut kam über meine Lippen.
Aber wie ward mir, als ich die Treppe vollends hinantappte, da plötzlich eine Thür aufging, ein sanfter, warmer Hauch mich anwehete, eine weiche glühende Hand meine Rechte ergriff und mich nach sich zog! Ich wäre mitgegangen und wenn sich die Hölle mit allen ihren Schrecknissen vor mir aufgethan hätte!