Sobald ich drey oder vierhundert Schritt vom Schlosse entfernt war und glauben konnte, daß mich von daher niemand mehr beobachtete, setzte ich mich in Galopp. Dörfer und Menschen vermied ich mit vieler Behutsamkeit, weil ich in jedem Dorfe einen Spion vermuthete, der mir auflauren, und in jedem Menschen einen Nachsetzer sah, der mich einholen und zu meinem Papa zurückbringen würde. Selbst wenn ein Hund kam, um meinen Phylax anzuschnautzen, oder um ihm, wenn er von höflichern Manieren war, nach Hundesart sein Kompliment zu machen, hatte ich Angst, denn ich hielt ihn für einen Spürer; und wenn er dann zu seinem Herrn zurücklief, so war dies ein Bewegungsgrund für mich,noch ärger zu laufen als er, weil ich keinen Augenblick zweifelte, daß er nur darum zurückliefe, um seinem Herrn, auf seine Art zu verstehen zu geben, er habe den Flüchtling aufgespürt.
In dieser Angst und Eile vergaß ich, daß es Nacht werden, und eine Zeit kommen würde, wo mir Kraft, Athem und Muth ausgehen müßten. Nicht eher dachte ich an diese fürchterlichen Hindernisse meiner Flucht, als bis sie hereinbrachen. Auf einmal stutzt' ich, und kaum konnte ich vor Herzensbeklemmung und Mattigkeit den Fuß vorwärts setzen. Es schien, als wenn mich alle Schrecknisse, die mir bis jetzt nur immer noch im Rücken gewesen waren, nun auf einmal eingeholt hätten.
Leiden der Seele und des Körpers bemächtigten sich meiner, und ich weiß nicht, welche von beyden mich am grausamsten quälten. Ich setzte mich am Eingange eines Gebüsches nieder, und Phylax legte sich stöhnend an meine Seite, indem er seinen Kopf auf meinem Schenkel ruhen ließ.
»Was wird Malchen sagen, wenn sie hört, daß man nicht weiß, wo ich bin!« Dieser traurige Gedanke ergriff mich jetzt: »Und ach, ihre Mama war so böse, als sie uns überraschte! Sie wird es ihrem Papa sagen, und der nimmt die Hetzpeitsche und prügelt« –
Ein kalter Schauer lief mir bey diesem Gedanken durch alle Glieder. Ich wollte aufspringen und fiel wie ohnmächtig zurück.
»O, meine Füße, meine Füße!« winselte ich dann wieder: »Ach, was soll ich anfangen? Ich muß liegen bleiben! Ich kann nicht gehen, nicht stehen! Ach, wenn Papa und Martha wüßten, wie elend und krank ich hier liege, sie würden« –
Wieder ein unerträglicher Gedanke! Ich wollte von neuem aufspringen und fiel von neuem zurück.
»Wenn sie es wüßten, sie holten mich gewiß zurück – und ich ginge auch gern« –
In dem Augenblick hörte ich das Gerassel eines Wagens. Ich sprang auf und wäredarauf gestorben, daß es Papa's Kutsche sey. Ob ich gleich keinen Blick zurück gewagt hatte, glaubte ich doch Marthen, den Papa und den Magister leibhaftig in derselben erblickt zu haben.
Jetzt fühlte ich keine Mattigkeit mehr. Ich brach über Hals über Kopf in das Gebüsche, fand einen Fußsteig, lief ihn eine gute halbe Stunde endlang und es dauerte keine kleine Zeit, ehe die Vernunft meiner Furcht bewies, daß eine Kutsche den schmalen Fußsteig, der von beyden Seiten mit Gebüsch überwachsen war, unmöglich befahren könne.
Ich ging noch eine Weile auf dem Wege fort, und er ward nach und nach immer lichter und geräumiger. Auf einmal hörte ich Trompeten und Pauken. Es war ein lustiger Klang, der meine Bekümmerniß zum Theil vertrieb. Unschlüßig, ob ich dem Schalle nachgehen, oder die Nacht im Gebüsche zubringen sollte, setzte ich mich nieder. Beyde Wege schienen mir gefährlich. Suchte ich den Ort auf,wo die Musik war, so konnte sich zum Unglück ein Bekannter daselbst finden und mich anhalten; und blieb ich im Gebüsche – wer gab mir Brot, wenn mich hungerte? Wasser, wenn mich dürstete? Wer ein Obdach, wenn es regnete? – Mein Magen meldete sich ungestüm und meine Zunge lechzte nach einem Trunke.
Ich saß unter einem Eichbaum, und ein Wiesenplan, hundert Schritt lang und breit, mit Bäumen und Gebüsch umkränzt, breitete sich vor mir aus. Mein Auge schwamm in Thränen. Es war alles still; nur ein kleiner leiser Abendwind, bewegte die äußersten Spitzen der Bäume und rauschte in den Blättern der Gebüsche. Der Mond lächelte rein und heiter herab und spiegelte sein sanftes Antlitz in Millionen Regentropfen, die von einem Spatregenan den Grashalmen zurückgeblieben waren und an den Spitzen derselben flimmernd zitterten. Die ganze Wiese war ein sanftwallender, bebender Silberstrom, auf welchem (so schien es meinem nassen, zitternden Blicke) ungeheure Gestalten, bald Riesen, bald Felsen, bald mächtige Thiere umherwandelten, so wie der Wind die umstehenden großen Eichen bewegte und ihren Schatten hin und her trieb.
Mir ward unbeschreiblich bange, und mein ganzes Wesen schmolz in eine beklemmende Wehmuth zusammen, die sich in großen Thränen über meine Backen ergoß. Endlich legte ich mich nieder und drückte die Augen fest zu. Mein rechter Arm diente mir zum Kopfküssen und der linke ruhete auf meinem Phylax, der sich dicht neben mir niedergelegt hatte.
Ich verlor mich bald. Alles, was mir heute begegnet war, schwamm ununterscheidbar und wie in Dämmerung meiner Seele vorüber. Nur dann und wann fuhr ein fürchterlicher Gedanke, schnell wie ein Blitzstrahl, durchmein Inneres, und es war mir dann immer, als wenn ich einen lebhaften Stich durch die linke Seite fühlte. Ich fuhr mit der Hand nach dem Orte, wo ich zu leiden wähnte, und darüber wiegte mich von neuem eine Art von betäubendem Schlummer in ruhige Vergessenheit ein.
Wau! Wau! schallte es auf einmal, und ich fuhr bebend aus meinen Träumereyen auf. Was mir zuerst in die Augen fiel, war die Gestalt eines Frauenzimmers, die einige Schritte von mir stand, und über das Bellen meines Hundes erschrocken schien. Ich wußte nicht, was ich zu dieser Erscheinung sagen, ob ich laufen oder bleiben sollte – denn sie hatte Marthens Größe.
Als sie sah, daß ich nicht minder erschrocken war, als sie, und da mein Phylax näher kam, und mit dem Schwanze wedelte, (gegen Frauenzimmer, Kinder und kleine Hunde war er sehr höflich) faßte sie Herz und trat zu mir.
Ich hatte nicht den Muth, sie anzusehen, und doch hätt' es nur eines halben Blickes bedurft, um mich zu überzeugen, daß es nicht Martha war, die mich bey der Hand nahm.
»Wer bist du, Kleiner,« sagte sie, »wie kömmst Du in der späten Nacht hieher?«
Wenn es Martha wäre – so schloß ich nun erst – würde sie wohl nicht diese Frage an mich thun. Und nun drehete ich mich um und sah ihr ziemlich herzhaft ins Gesicht. Ihre sanfte Mine schloß mein ganzes Herz für sie auf, und schon schwebte ein pünktliches Bekenntniß auf meinen Lippen, als sie fortfuhr und mich fragte, ob ich mich verirrt hätte? Ja! sagte ich, und nun war an kein Geständniß mehr zu denken, da sie mir selbst den Mittelweg zwischen Wahrheit und Lügen eröfnet hatte. Ich betrachtete sie aufmerksam von der Seite – und mit eins! glaubte ich Malchens Mama vor mir zu sehen, denn ihr Haar war mit einem Rosenbande umwunden, gerade so, wie ihn jene trug als sie uns im Gebüsche überraschte.
Mir ward wieder bange, und meine Blicke wurden schüchterner, als vorher.
Sie nahm mich von neuem bey der Hand, und zog mich halb wider meinen Willen mit fort. Ich faßte Muth und sah sie noch einigemal herzhaft von der Seite an, bis ich mich endlich fest überzeugte, es sey nicht Malchens Mama, sondern ein Frauenzimmer, die ich nicht kannte, so wenig, als sie mich.
Wir kamen der Musik, die ich vorhin gehört hatte, immer näher, und ich ward immer unschlüßiger, ob ich mich losreißen, und ins Gebüsche zurückkriechen, oder mit meiner Begleiterin nach Hause gehen sollte. Diese hatte an mir zu ziehen und zuzureden, daß ich mich nicht scheuen, sondern dreist mitgehen sollte: Essen, Trinken, Nachtlager, einen Bothen, der mich nach Hause brächte, alles sollt' ich haben. Die erstern Punkte gefielen mir ausserordentlich, aber nicht im mindesten der letztere.
Nach einigen Minuten standen wir vor einem Hause, dessen erster Stock um und um erleuchtet war. Es gab da Musik, Tanz und ein großes Getümmel von Zuschauern. Schon hatten wir den Fuß auf die Treppe gesetzt, als eine starke Stimme, wie im Zorn und Unmuth, herunter rief:Kar'line! Kar'line! Wo hat dich denn–
Hier, hier bin ich schon! rief meine Begleiterin ängstlich, und sprang hurtig die Treppe hinauf. Kaum nahm sie sich Zeit, mir in aller Hast zu sagen: ich sollte nur nachkommen und mich so lange an die Thür des Saales stellen, bis sie mich abholte.
»Nachtgespenst!« rief die rauhe Stimme droben: »Bist du schon wieder auf dem Hofe oder im Busche umhergespukt?«
Liebster Papa, sagte Karoline, ich wollte nur ein wenig frische Luft schöpfen.
So viel konnte ich nur von ihrer sanften Stimme hören. Ich hatte das gute Mädchen jetzt tausendmal mehr liebgewonnen, da sie so hart angefahren wurde.
»Landjägers Sohn,« fuhr ihr Vater fort: »hat schon vor einer Stunde mit dir tanzen wollen, und du – aber, ich will dir noch das Buschkriechen abgewöhnen, oder nicht dein Vater heißen.«
Diese Unfreundlichkeit flößte mir wenig Vertrauen zu dem Vater, aber desto mehr zu der Tochter, ein. Ich stieg zitternd die übrigen Stufen hinan und stellte mich in die Thür des Saales.
Jetzt erst fühlte ich, was ich vorher so deutlich nicht bemerkt hatte: daß mich gewaltig hungerte. Auf einem Seitentische standen Braten, Butterschnitte, Wein und Gebackenes. Gegen Einen Blick, den ich auf meine sanfte Begleiterin warf, die am äußersten Ende desSaals tanzte, warf ich Zehn auf die Lebensmittel, die mir so nahe standen; und ich war mehr als einmal willens, den ersten den besten um ein paar Bissen anzusprechen. Aber Furchtsamkeit oder Stolz, oder beydes zusammen, drückte von Zeit zu Zeit meinen aufsteigenden Appetit nieder.
Mein Phylax war nicht so bettelstolz. Kaum witterte er Braten, so ging er der Spur nach. Er hatte nicht einmal nöthig, sich auf die Hinterfüße zu stellen, um eine ganze Schöpsenkeule mit einem Ruck vom Tische zu holen. Der Tisch krachte, die Gläser klirrten und die Weinflaschen stürzten eine über die andre und kollerten Schlag auf Schlag vom Tisch herunter, während eine Fluth von Wein den ganzen Saal überströmte.
Ich hatte einen tödtlichen Schreck, aber Phylax legte sich gelassen unter dem nächsten Tische nieder und schmauste still und dummdreist von seiner Keule.
Alles, was im Saale war, stürzte herzu.
»Hagel! Wer hat das gekonnt?« rief die Stimme, die ich schon dreymal mit Entsetzen gehört hatte. Ein kleines Mädchen, das bey mir stand, zeigte mit dem Finger auf meinen Phylax. Er nahm ein Licht, beleuchtete den Hund und rief mit schallendem Gelächter: »Ey! prosit die Mahlzeit!« – Nerr–r–r – machte Phylax, indem er ihn ansah und ihm die Zähne wies. – »Nu, nu!« fuhr der Mann fort, »nur nicht so böse! Ich will dir deine Keule nicht nehmen. – Karline, Gottlob, Friedrich! Andern Braten, andern Wein her!«
Mir fiel ein schwerer Stein vom Herzen, aber bald drückte mich die Frage: wem in aller Welt gehört denn das Vieh? zehnmal schwerer.
Karoline war über dem Lärm auch herzugekommen und stand bey mir. Ihr Vater trat näher. »Der Hund gehört mir!« rief ich etwas zu vorlaut und zitterte am ganzen Leibe dabey. »So?« sagte der Vater und nahm mich dabey schärfer aufs Korn: »Ich kennedich und deinen Hund nicht. Wer bist du? Wo kömmst du her?«
Karoline nahm für mich das Wort, und erzählte, wo und wie sie mich gefunden hätte. »Ich will wissen,« fuhr er sie an, »wie er heißt!« und mit den Worten nahm er mich beym Fittig und zog mich ans Licht – »Ich heißeErnst, Ernst!« rief ich ängstlich. – »Ist das dein Vorname, oder heißt dein Vater so?« – Mein Vater heißt so! – »Bist du ein Sohn von dem dickenErnst?« – Ja! sagt' ich. – »Da, Pursche!« rief er und schleuderte mich unfreundlich zur Thür hinaus: »Geh, wo du hergekommen bist!«
Karoline that einen lauten Schrey, aber ihr Vater – brüllte, denn Phylax hatte ihn bey der Wade. Dieser hatte trotz seinem Appetit den Braten verlassen, um mir zu Hülfe zu kommen. Er schützte mich vor einer gewaltsamern Behandlung und ließ den groben Mann nicht eher los, bis ich die Treppe hinunter war.
Als dieser sahe, daß mich Phylax so kräftig in Schutz nahm, wagt' er es nicht, mich zu verfolgen, sondern blieb oben an der Treppe stehen, schimpfte auf meinen Papa und erzählte, was ihm dieser Alles zu Leide gethan hätte.
»Und der Bastart,« so schloß er: »Es weiß ja doch kein Mensch, wo der alte dicke Esel den Jungen her hat, er hat sich ja immer mit M** beholfen – Das H**kind, kann hieher kommen, um mich in meiner Freude zu stöhren; kann seinen Hund über meinen Braten schicken, daß er alles um und um reißt, und mich selber am Ende bey der Wade packt – Wart', Junge, nun will ichdichhetzen!«
Auf einmal kam er die Treppe herunter gestürmt, pfiff auf dem Finger und schrie:Spitz,Sultan,Diane, faß, faß! Plötzlich stürzten drey Hunde herzu; aber Phylax warf einen hierhin, den andern dorthin, und deckte mir den Rücken. So kam ich unversehrt vom Hofe.
Ich wußte nicht, ob ich weinen, oder mich erboßen sollte. Bald trocknete ich mir die Thränen ab, bald bückte ich mich, mit festaufeinandergebissenen Zähnen, und suchte Steine, um dem Barbaren die Fenster einzuwerfen. Aber allmählig legten sich Wehmuth und Ungestüm, und der Gedanke: was ich nun beginnen, wohin ich mich wenden, und wo ich Nachtlager und Brot hernehmen sollte? drückte eins wie das andre, völlig nieder.
Als ich einige Schritte in tiefen Gedanken fortgegangen war, begegnete mir ein Mann. Ich faßte Muth und bat ihn, mich mit nach Hause zu nehmen, ich wüßte nicht, wo ich über Nacht bleiben sollte; aber er entschuldigte sich damit, daß er selbst nur ein Knecht sey, nichts Eignes besitze, und selbst im Pferdestalle schlafen müsse. »Ich will ja auch gern im Pferdestallschlafen,« rief ich, und hängte mich ängstlich an seinen Arm, um seinen raschen Schritt aufzuhalten: »Nehm' Er mich nur mit!« – Junge! erwiederte er halb unwillig: Ich kann Dich nicht mitnehmen! Wer weiß denn, was an Dir ist? Da (indem er auf ein dabeystehendes Haus zeigte) da ist die Schenke. Geh!
Ich ließ ihn langsam los und ging unter bittern Thränen auf das Haus zu. Ein Mann stand in der Thür und sah mich freundlich an; aber ich konnte vor Schluchzen mein Anliegen nicht herausbringen.
»Was weinst Du, Kind?« sagte der Mann, indem er sich zu mir herunter bückte und mir die Hand von den Augen nahm: »Wo kömmst Du her? Wem gehörst Du an?«
Ich konnte noch nicht reden. Er nahm mich bey der Hand und führte mich in die Stube.
»Nu, was bringt er da 'mal wieder geschleppt?« fing eine Weibsperson an, die in einer Ecke am Tische saß und bey einer düsternLampe Strümpfe ausbesserte: »Und das große L** von Hund? Willst du 'naus!«
Frau, sagte der gütige Mann, der Hund gehört dem kleinen Jungen hier!
»Ey was! Ich will von dem Jungen und seinem Hunde nichts wissen! Fort aus dem Hause, alle beyde!«
Sag' mir nur, wo das arme Kind über Nacht bleiben soll? Denk' doch christlich!
»Christlich? Christlich? (Sie trat, beyde Arme in die Seite gestämmt, vor ihn, sprang darauf fort und suchte nach Knittel und Peitsche.) Ist das christlich, wenn ich mir selbst im Lichte steh, und solch Gesindel beherberge, wie der lumpigte Bediente vorhin, und füttre sie, und noch obendrein Hunde? Warte, großes L**, wenn ich nur erst die Peitsche habe, ich will dich und deinen« –
Sie fand einen Dornknittel und ging auf Phylaxen los. Als dieser sah, daß es ihr Ernst war, sprang er auf (er hatte sichs, so wie er herein kam, bequem gemacht, und mittenin der Stube alle Viere von sich gestreckt) und wies ihr mit schrecklichem Knurren die Zähne. Sie prallte erschrocken, und vor Zorn ausser Athem, zurück.
»Du E – du E–sel, hab' ich dich darum aus dem Stall gezogen, gekleidet und geschuhet, daß du große Hunde auf mich hetzest, und liederliche Bengel herbringst, die ihren Eltern entlaufen sind.«
Frau, sagte der Mann gelassen und setzte sie sanft auf einen Schemmel: du bist ausser dir! Erhole dich! Laß uns nur erst hören, wie das Kind hieher kömmt und wem es angehört. Er ist nicht von schlechten Eltern. Sieh 'mal die weiße Haut –
»Ich mag nichts sehen!« rief sie und drehete das Gesicht rasch nach dem Ofen.
Während dieses Wortwechsels stand ich stumm und zitternd da und fing endlich an zu beichten. Daß ich dem Papa entlaufen sey, sagte ich nicht, daß mich aber der Mann, dessen Tochter Karoline hieße (so beschrieb ich ihm jenenunfreundlichen Mann) zur Thür hinausgeworfen, und mit Hunden vom Hofe gehetzt habe, das gestand ich, um sie zum Mitleid zu bewegen.
Aber kaum hörte das Weib diesen letzten Umstand, so sprang sie wüthender als vorher auf, warf alles um und um, und wollte ihrem Manne zu Leibe.
Wie ich hörte, so hatte sie die Schenke von Karolinens Vater in Pacht, und fürchtete, er möchte sie verjagen, wenn er erführe, daß sie mich beherbergt hätte. Sie rechnete ihrem Manne alles vor, was Jener für sie gethan hätte, und drang hiermit und mit wiederholten Drohungen, sich morgen des Tages von ihm scheiden zu lassen, so lange und nachdrücklich in ihn, bis er mich bey der Hand nahm und zum Hause hinaus führte.
»Sey nur still, Kleiner!« sagte er, als ich laut zu weinen anfing: »Du sollst doch über Nacht hier schlafen. Halt dich nur so lange in der Nähe auf, bis sie zu Bette ist, da will ich dich holen!«
Ich ging um das Haus herum und setzte mich unter bittern Thränen hinter einem Zaune nieder. Nach einer halben Stunde ungefähr kam er zurück, nahm mich bey der Hand und führte mich durch eine Hinterthür über den Hof auf seinen Heuboden. Hier verließ er mich, und brachte mir nicht lange nachher ein Butterbrot und ein Kopfküssen, doch mit dem Bescheid, daß ich mich morgen in aller Frühe, wenn seine Frau noch schliefe, auf den Weg machen müßte.
Unter Seufzen und Stöhnen fing ich an mein Butterbrot zu bearbeiten. Phylax bekam nichts davon, weil er Braten gegessen hatte. Je länger ich aß, desto weiter flohen von mir Besorgniß und Furcht, und als ich es rein aufgezehrt hatte (es war nicht klein) wickelte ich mich in mein Küssen, um einzuschlafen.
Auf einmal hörte ich nicht weit von mir ein starkes, zischendes Athemholen. Ich fuhr erschrocken zusammen, erholte mich aber bald wieder, weil ich wußte, daß die Eulen zur Nachtzeit auf Heuböden und in Scheunen auf Raub ausgehen, und öfters darüber einzuschlafen pflegen. Eben wollte ich mich fester in mein Küssen vergraben, und auf nichts mehr horchen und hören, als ich eine Stimme vernahm, halb laut, halb leise, halb ängstlich. Ich horchte, obgleich ich nicht horchen wollte.
Halsabschneiden– flüsterte diese schreckliche Stimme –Halsumdrehen!–Pack ihn! Pack ihn!fügte sie etwas stärker hinzu.Messer her! Mein Messer her!rief sie laut und vernehmlich.
Ich fuhr auf, durch und durch in Todesschweiß gebadet. Angstvoll und bebend sah ich mich nach der Thür um, und als ich vor mir ein lichteres Fleckchen bemerkte, sprang ich auf und wollte dahin.
Indem ich forttappte, raschelte es vor mir im Heu, und Phylax stand neben mir und schnupperte. Ich wußte nicht, ob ich vorwärts gehen, oder umkehren sollte. Endlich faßte ich Muth und wollte zur Thür. Ich streckte meinen Fuß aus, trat behutsam zu und fühlte, daß ich nicht auf Heu träte. Die Angst ließ mich nicht untersuchen, was es war, und als ich fester auftrat, um den linken Fuß nachzuholen –Jesus! was ist das?schrye eine menschliche Stimme, und in dem Augenblick stolperte und fiel ich. Dabey stämmten sich zwey Hände gegen meine Brust und stießen mich gewaltsam von sich.
Halsabschneiden,pack' ihnundMesser her! Diese drey fürchterlichen Ideen raubten mir Sinne und Bewußtseyn. Aber in eben dem Augenblicke rief die Stimme:Gnade! Gnade!und ich kam wieder soweit zu mir selbst, daß ich bemerkte, wie sich Phylax mit dem vermeynten Mörder herumbalgte. Nun stellte sich ein nothgedrungener Muth beymir ein, ich drückte die Augen fest zu und rief herzhaft:Wer da?– »Gnade, Barmherzigkeit!« rief die Stimme von neuem: »Der Hund zerreißt mich!« Ich lockte meinen Phylax, und er kam aufs Wort zu mir. Nun beschloß ich, den Mörder förmlich zu vernehmen, um zu sehen, ob gütlich mit ihm auszukommen sey, wo nicht, so war Phylax immer noch da!
Es kam etwas auf allen Vieren näher gekrochen und bat nur immer, den großen Hund nicht loszulassen. Nach und nach richtete es sich auf. Des Mörders demüthige Stimme machte mir Muth, und auch er erholte sich, als er hörte, daß ich Phylaxen von Zeit zu Zeit das Murren verboth.
Allmählig öfneten wir uns wechselsweise das Verständniß. Es war ein herrenloser Bedienter, der kurz vor mir auf den Heuboden gekrochen war, und sich niedergelegt hatte. Was er vonHalsabschneidenundMesserngesprochen hatte, war nicht sein Ernst, sondern einfürchterlicher Traum gewesen. Ich faßte ein großes Vertrauen zu ihm (welches er wohl hauptsächlich meiner Freude zuzuschreiben hatte, daß er kein Mörder war) und erzählte ihm meine Geschichte der Länge nach. Anfangs rieth er mir, zu meinem Papa umzukehren; als er aber meinen Widerwillen sah, schlug er mir vor, mit ihm zu gehen, ich sollte Brot und Unterkommen finden. Ich versprach es ihm, und darauf legten wir uns nieder und schliefen ein.
Kaum war ich recht eingeschlafen, als ich die Stimme des gutherzigen Wirths hörte. Er rüttelte mich, und als ich die Hände auseinander schlug, um mich noch einmal von ganzem Herzen zu dehnen, steckte er mir in die rechte Hand ein dickes Butterbrot, und in die linke einen Kupferdreyer. »Nun komm, mein Sohn,«sagte er dabey: »ehe meine Frau aufsteht. Sag mir aber erst, wo du zu Hause bist, mein Junge soll dich hinbringen.« – Ich gehe den Weg, unterbrach ihn der Bediente und ersparte mir dadurch ein Geständniß, das mir auf der Zunge schwebte: er hat mir gesagt, wo seine Eltern wohnen. Ich denke ein kleines Trinkgeld von ihnen zu erhalten.
Ich konnte es dem Wirth ansehen, daß er gerne gewußt hätte, wer meine Eltern wären; aber in dem Augenblick hörte er die Stimme seiner Frau, die mit Toben und Schelten die Mägde weckte. Er sagte uns nur noch in Eil, wir sollten durch den Garten gehn, und uns nicht sehen lassen, sonst hätte er in vierzehn Tagen keine ruhige Stunde.
Er stieg vom Boden hinunter, wir folgten ihm bald nachher und kamen unbemerkt ins freye Feld.
Darauf theilte ich mein Butterbrot in drey ziemlich gleiche Theile. Wir bissen alle drey mit gleichem Appetit hinein, und dies gab meinemReisegefährten Anlaß, mich zu fragen: wovon ich denn so lange leben wollte, bis ich irgendwo Unterkommen fände? Ich sah ihn mit großen Augen an und verrieth dadurch, daß ich daran noch nicht gedacht hatte. »Von der Luft können wir nicht leben,« fuhr er fort, »und wenn du kein Geld hast, mußt du umkehren!«
Das fiel mir wie ein Stein aufs Herz. Ich stand still und hätte lieber geweint. Aber ich erinnerte mich an meinen Kupferdreyer! Ich hatte ihn in der flachen Hand liegen und je öfter und länger ich ihn ansah, desto lebhafter fühlte ich meinen Muth heranwachsen. Mein Gefährte beobachtete mein Mienenspiel und fieng an herzlich zu lachen.
»Ich merke schon,« sagte er, »du verläßest dich auf deinen Kupferdreyer; aber du mußt wissen, daß wir nur noch eine halbe Meile haben, so sind wir im Sächsischen, wo ihn die Leute nicht umsonst nehmen. (er faßte mich bey der rechten Schulter und schüttelte mich) Was meynst du dazu, Kundmann?«
Mir ward es trocken im Munde und beklommen ums Herz. Ich reichte ihm den Dreyer hin, und wollte ihm zu verstehen geben, er sollte etwas dafür einkaufen, damit wir im Sächsischen zu zehren hätten. Er nahm ihn, lief auf ein Haus zu, das am Eingange eines Dorfes stand, und stellte sich, während ich herzu kam, in die Thür, mit einem Gläschen in der Hand. »Willst du?« sagte er. Ich schauderte zusammen, als ich sah, daß es Brantwein war. – »Kannst du keinen trinken?« – Ich schüttelte betrübt den Kopf, und mit Einem Stoße warf er meinen Kupferdreyer mit allen den Hoffnungen, die ich auf ihn gebauet hatte, die Kehle hinunter.
Da stand ich!
Er gab dem Wirthe das Glas zurück, nahm mich bey der Hand und zog mich mit fort.
Die feurige Lobrede, die er hierauf dem Brantwein hielt, gefiel mir nicht im mindesten, denn mein Dreyer schwebte mir noch viel zulebhaft im Gemüthe. Doch gab ich mich endlich zufrieden, weil ich nun Anspruch auf seinen Beutel zu haben glaubte, da ich ihm mein Letztes zum Besten gegeben hatte.
Es ward hoher Mittag und ich fühlte großen Hunger. Es konnte nicht fehlen, daß ich jetzt lebhaft an Papa's Tafel zurück dachte, und daß mit dieser Vorstellung eine lange Reihe andrer in mir rege wurden. Aber so unangenehm sie auch waren, brachten sie mir doch den Nutzen, daß ich, so lange sie lebhaft blieben, Hunger und Durst vergaß.
»Hier mußt du betteln!« sagte mein Gefährte am Eingang eines Dorfes zu mir, und riß mich dadurch aus meinen Betrachtungen. Ich sah ihn mit großen Augen an, aber er versicherte, es sey sein völliger Ernst.
»Dich wird so gut hungern als mich,« fuhr er fort: »und dir geben die Leute eher einen Zehrpfennig als mir. Faß' nur Muth, mein Söhnchen, und thu' mir den Gefallen,es soll dein Schade nicht seyn. Du darfst nur sagen: Dein Vater sey ein alter lahmer Soldat. Er liege vor dem Dorfe und habe nichts zu essen!«
Ein gutes Wort konnte mir den Rock vom Leibe ziehen.
Ich ging in das Dorf. Die kleinern Häuser ließ ich und sah mich nach den größern um. Ich trat in eins der letztern und bat einen Mann, der mir entgegen kam, um einen Zehrpfennig. Dabey erzählte ich den Roman von meinem Vater, dem lahmen Soldaten. Er sah mich an, schüttelte den Kopf, ging in die Stube und brachte eine Weibsperson mit heraus.
»Freylich ist ers,« sagte diese halblaut, »es trift alles ein, wie ihn der Mann beschrieb. Wir wollen ihn bey uns behalten.«
Mir lief es kalt durch alle Glieder, denn ich hatte genug gehört, um mich zu überzeugen, daß ein Nachsetzer in der Nähe sey. Ich dachte auch wohl ans Davonlaufen, aber dieLeute standen mir zu nahe und ließen nicht ab, mich auszuforschen.
Unterdessen trat mein Phylax, der sich herabgelassen hatte, mit andern Hunden vor dem Hause zu spielen, in die Thüre.
»Siehst du,« sagte die Frau und stieß den Mann an: »da ist der Hund auch! Er ist es ganz gewiß. – Willst du nicht ein bischen in die Stube kommen, Kleiner?« fuhr sie zu mir fort: »Du sollst 'was zu Essen haben. Wenn der Bothe zurückkömmt,« sagte sie leise zu ihrem Manne, »kann er ihn mitnehmen!«
Ich war in der tödtlichsten Unruhe und zitterte am ganzen Leibe. Als mich die Frau bey der Hand nahm, um mich in die Stube zu führen, riß ich mich los, und machte linksum, aber der Mann faßte mich beym Rockzipfel und hielt mich. Ich that einen lauten Schrey und – war auf einmal erlöst, denn Phylax hatte den Wirth bey der Wade.
Und nun aus allen Kräften zum Dorfe hinaus! Phylax in kurzem Galopp hinterdrein.
Mein Gefährte stand vor dem Dorfe, und lief mir, als er mich so dahersprengen sah, eilig entgegen. Kaum hatte ich Athem genug, ihm gebrochen zu sagen, man hätte mich aufhalten und zu Hause bringen wollen. Er meynte, ich hätte nicht nöthig, so erschrecklich zu laufen, aber ich meynte, ich hätte eshöchstnöthig. Wollt' er also wohl oder übel, so mußte er mir, trotz seinem Hunger, nachrennen, so lange es meiner Angst beliebte.
Wir liefen auf lauter Abwegen. Mein Gefährte ward es am ersten überdrüßig. Er versicherte mich, indem er außer Athem nebenmir her trabte, ich hätte nichts mehr zu fürchten: wir wären im Sächsischen, wo uns niemand etwas zu befehlen hätte, und wenn der Vater selbst käme, um seinen Sohn zu holen, und dieser wollte nicht, so könnte und würde ihn niemand zwingen. Als er mir diese Versicherung noch einigemal wiederholt hatte, legte sich meine Angst und ich ging langsamer.
Ich kann bis diese Stunde keinen befriedigenden Grund angeben, warum dieser Mensch so viel Geduld mit mir hatte. Er konnte mich ja nur laufen lassen und sich nicht weiter um mich bekümmern. Oder glaubte er, desto leichter einen Dienst zu bekommen, wenn er mich mitnahm, die Aufmerksamkeit eines Herrn auf mich zog, und mich nur mit dem Beding ihm überließ, wenn er selbst in Dienste genommen würde? Wenigstens sagte er immer unterweges: wenn wir in eine große Stadt kämen, und es fände sich eine Herrschaft für mich, so sollte ich nicht in ihre Dienste gehen, wenn sie nicht auch ihn haben wollte. Er steifte sich, wie es scheint, auf die Mode der Jokay's.
Sey es, wie es wolle, genug er ging in das erste Dorf, worauf wir stießen, bettelte Brot und andere Lebensmittel und muthete mir auch in der Folge nicht wieder zu, daß ich betteln sollte. Wie es schien, so fürchtete er eben so sehr, mich zu verlieren, als mir vor der Rückkehr zu meinem Papa bange war.
So waren wir vier Tage fortgewandert, als wir uns auf einem Berge befanden, von welchem wir eine Stadt, die ungefähr eine halbe Meile von uns lag, in ihrer ganzen Größe sehen konnten. Als ich meinen Begleiter fragte, wie sie hieße, war es D**. Ich erschrack und bat ihn, nicht hineinzugehen, und erzählte ihm, daß sich eben der Legationsrath daselbst befände, der meinen Papa immer besuchte, und daß er mich zurückschicken würde, wenn er mich zu sehen bekäme. Aber er benahm mir fast alle Furcht durch die Versicherung, D** sey so groß, daß sich die Leute, die auf Einer Straße, ja sogar, die in Einem Hause wohnten, öfters nicht kennten.
Darauf verließ er mich, um in einem Dorfe, das an der einen Seite des Berges lag, zu betteln. Meinen Phylax, der sich während unsrer Reise an ihn, als den Proviantmeister gewöhnt hatte, nahm er mit und sagte: wenn er seinen Umgang gehalten hätte, wollte er mich abholen.
Ich setzte mich nicht weit von dem Dorfe nieder und erwartete seine Zurückkunft. Er blieb länger aus, als gewöhnlich, und ich gerieth in Unruhe. Schon war ich eine Strecke auf das Dorf zugelaufen, als er mir entgegen kam und alle Taschen voll Lebensmittel hatte. Aber meinen Phylax sah ich nicht.
Wo ist mein Hund? rief ich ihm von weitem zu. Er schüttelte den Kopf. Wo ist mein Hund? fragte ich noch einmal ängstlicher.
Er stellte sich zornig und trostlos. Ich drang in ihn und erfuhr: mein armer Phylax sey von einem Jäger erschossen worden, weil er keinen Knittel am Halse getragen hätte. Diese Hiobspost machte mich stumm und sprachlos.Anfangs brach mein Schmerz in Thränen, aber bald darauf in Wuth aus. Ich steckte mir alle Taschen voll Steine, lief wie rasend in das Dorf, und es war ein Glück, daß mir kein grüngekleideter Mann in den Wurf kam, ich hätte ihm sonst alle meine Kiesel an den Kopf geschleudert.
Ich durchlief das ganze Dorf und fragte jeden, der mir begegnete, ob er nicht einen Jäger gesehen hätte? aber niemand konnte mir Nachricht geben. Langsam und mit hellen Thränentropfen auf den Backen, kehrte ich um. Auf einmal hörte ich ein Winseln, das mir bekannt vorkam. Ich ging dem Schalle nach, trat in einen Bauerhof und siehe da! meinen Phylax an der Kette. Ich sah und hörte nicht vor Freude, und Phylax sprang, so weit es ihm die Kette erlaubte, rund herum. Ich entschloß mich kurz, und wollte nichts Geringeres, als die Kette entzwey reißen. Schon dreymal hatte ich alle meine Kräfte vergebens angestrengt, als ich erst zu bemerken anfing, daß es geradehinunmöglich sey. Aber noch sank mein Muth nicht. Ich nahm einen von den Kieseln, die ich zu Mord und Todschlag zu mir gesteckt hatte, und pochte unter Thränen der Bosheit und Ungeduld an der Kette – aber sie war von Eisen!
Junge, was machst du? hörte ich auf einmal eine Stimme hinter mir: Ich habe den Hund gekauft!
Wie David ehedem vor Goliath mag gestanden haben, so stand ich jetzt vor dem Bauer, in jeder Hand einen Stein, ohne einen Laut hervorbringen zu können. – »Hitzige Blitzkröte!« rief der Bauer und schleuderte mich auf einen Düngerhaufen, der hinter mir lag.
Mir sank aller Muth. Ich hatte nicht Tollkühnheit genug, mich einem großen, breitschultrigen Manne zu widersetzen, der mich zu Brey gedrückt hätte, mithin war für mich kein andrer Weg als Güte. Ich weinte und bat ihn, mir meinen Hund wieder zu geben. Der Schlingel hat ihn mir gestohlen! Der Hund gehörtmir! rief ich eines Rufens. – »Wenn du mir mein Geld wiedergiebst,« sagte der Bauer lächelnd, »sonst nicht!« – Lieber Gott! wo soll ichs denn hernehmen? erwiederte ich schluchzend, und bat von neuem, er möchte mir ihn so wiedergeben. Er ließ sich noch ein paarmal bitten, und machte sodann meinen Phylax los. Wie der sprang! Wie ich sprang! Ohne dem Bauer zu danken, sprengte ich vom Hofe hinunter und zum Dorfe hinaus, im bittersten Zorn auf meinen Gefährten. Dieser saß noch auf dem Flecke, wo ich ihn gelassen hatte und erwartete mich ganz ruhig. Als ich nicht weit mehr von ihm war, fing ich an zu schimpfen und ihn mit meinen Steinen zu ängstigen. Sie fielen so hageldicht, daß er seine ganze Gelenkigkeit zusammen nehmen mußte, um ihnen auszuweichen. Als ich mich verschossen hatte, lief er auf mich zu, und umklammerte mich so fest, daß ich mich nicht regen konnte.
Närrischer Junge! rief er und ließ mich plötzlich los, denn Phylax fuhr ihm schnarchendnach dem Rockschooße: Du hast ja den Hund wieder und wir haben obendrein noch auf drey Tage zu leben. Dabey zeigte er mir, was er für das Geld alles eingekauft hatte. Mein Hunger trug viel zu meiner gänzlichen Besänftigung bey. Wir versöhnten uns und gingen auf D** zu.
Wir gingen um die Stadt herum und traten eine halbe Stunde von derselben in einen Gasthof. Für etwas Großes schien uns der Wirth nicht zu halten, denn er fragte uns mit solcher Zudringlichkeit aus, daß er in wenig Minuten soviel von mir wußte, als mein Gefährte. Hierauf erkundigte er sich nach unsern Pässen und gab durch den Ton, womit er dies that, deutlich genug zu verstehen, daß er uns nicht aufnehmen würde, wenn wir nicht Schwarzauf Weiß darthun könnten, daß wir weder Diebe noch Landstreicher wären.
Mein Gefährte suchte in allen Taschen, und als er nichts fand, fing er an, auf seine Unachtsamkeit zu fluchen. Das Ende davon war, daß er keinen Paß hatte. »So geht, wo ihr hergekommen seyd,« sagte der Wirth zu ihm, »ich will mir eurentwegen keine Strafe zuziehen!« – Mein Gefährte bat ihn nur um eine einzige Nacht, erhielt aber nichts, als Nachricht, wo er einen Logiszettel bekommen könnte, wenn er seine Umstände, Vorhaben und Handthierung anzeigte.
Unterdessen erwartete ich mit Furcht und Zittern meinen Bescheid. »Du kannst hier bleiben,« sagte er zu mir, »du bist weder Dieb noch Spitzbube, wenigstens siehst du nicht so aus.«
Mein Gefährte ging, und wenn er mir nicht den boshaften Streich mit meinem Phylax gespielt hätte, so wäre ich mit ihm gegangen. Wenigstens ließ er es an Bitten undVorstellungen nicht fehlen, und trieb es so lange, bis ihm der Wirth (der sich meiner annehmen zu wollen schien) ernstlich die Thüre wies.
Als er fort war, nahm mich der Wirth noch einmal in die Presse. Ich hatte mich schon bey dem ersten Verhöre verlauten lassen, daß ich mit aus Furcht vor dem Legationsrath, meinem Papa entlaufen sey; jetzt erkundigte er sich noch einmal und genauer nach diesem Manne. Ich gab ihm so viel Umstände von ihm an, als ich konnte, und nicht lange darauf zog er sich an und ging fort.
Weil ich von der Reise ermüdet war, legte ich mich auf eine Bank nieder, die am Ofen stand. Ich war noch im Einschlummern, als der Wirth mit einem Menschen in die Stube trat, der eine Livree trug, die mir mehr als zu bekannt war. Der Bediente trat näher und sagte leise:Ist er das?– »Ja!« –Nun, fuhr er fort,mein Herr wird gleich nachkommen, und ihn abholen.
Meine Angst, als ich damals auf dem Heuboden meinen Gefährten von Halsabschneiden schwatzen hörte, kann nicht größer gewesen seyn, als die ich jetzt empfand. Bey jedem kleinen Geräusche fuhr ich zusammen und glaubte die Stimme des Legationsraths zu hören. Ich sah und fand keinen Ausweg, der mich diesmal aus der Klemme führen konnte. Entlaufen? war nicht möglich. Nicht mitgehen, wenn er käme, um mich abzuholen? eben so wenig. Ich war um ein Haar in dem Zustand eines zum Rade Verurtheilten, der im Troge daliegt, und dem Stoße, der ihm die Brust zerschmettern soll, nicht ausweichen kann, weil er an Hals und Fuß gebunden ist. Ich drückte die Augen fest zu, und konnte nichts thun, als den Ausgang erwarten.
Der Wirth und Bediente sprachen noch einige Worte heimlich und gingen zur Stube hinaus. Ich sprang auf und bemerkte durch ein Fenster, das auf den Hof ging, beyde auf demselben. Mein Entschluß war bald gefaßt.Ich sprang zur Thür hinaus, durch das Haus auf die Straße, ging erst einige Schritte langsam und lief darauf im Sprunge davon! Vor mir sah ich Weinberge und ein Dickigt von kurzen Sandweiden, an welchen die Elbe hinströmte. Hier glaubte ich mich eine Zeitlang verkriechen zu können. Aber die Weinberge waren mit Mauern eingeschlossen, und der Boden des Sandhegers, worauf die Weiden standen, war schwammig und naß. In einen dicken Tannenwald, der mir zur Linken auf einer Anhöhe lag, wagte ich mich nicht, weil ich gehört hatte, daß es in Sachsen wilde Schweine gebe. Es blieb mir also nichts übrig, als ein schmaler Weg zwischen der Elbe und den Weinbergen. Ich verfolgte ihn, kam an ein Dorf, lief hindurch, fand eine Fähre an der Elbe, die eben im Begriff war, nach dem andern Ufer abzufahren, sprang hinein, fuhr mit hinüber, sprang wieder heraus, ohne mich um das Fährgeld zu bekümmern; von neuem ein Dorf, von neuem hindurch, und endlichsank ich hinter demselben unter einzelnen Tannen ohnmächtig nieder.
Ich hatte kaum fünf Minuten unter den Bäumen gesessen, als ich ein Geräusch neben mir hörte. Ich blickte auf, und vor mir stand ein Mann, der mich mit stieren Blicken unverwandt ansahe. Sein Kopf hing weit über den Rumpf heraus, und überhaupt beschrieb seine ganze Figur einS. Ein kleines, dreyspitziges Hütchen deckte die halbe Scheitel und die ganze Stirn, und ruhete auf einer Nase, die über den Mund herüberhing. Sein Kinn saß sehr hoch und berührte die äusserste Spitze der Nase. Ein rundes Stutzperückchen stand eine gute Hand breit vom Nacken ab und rundherum sah ein dünnes greises Haar hervor. Ein gelbblasses eingefallenes Gesicht,auf welchem eine tiefe Falte an der andern lag, bewies, daß Alter und Krankheit seine Gesundheit untergraben hatten. Er trug einen kahlen schwarzen Rock, der ihm bis in die Kniekehlen reichte und von oben bis unten fest zugeknöpft war. Seine Kniescheiben schienen durch Gicht oder Abzehrung unbeweglich geworden zu seyn, denn Schenkel und Füße beschrieben so ziemlich einen Triangel.
»Wes Landes?« hub er an.
Ich wußte nicht, was ich antworten sollte.
»Aus Judäa, oder aus Samaria?« fuhr er fort.
Ich sah ihn mit großen Augen an und sein starrer Blick machte mir allmählig Angst. Auf einmal schien es, als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte. Seine Miene heiterte sich etwas auf; er nahm mich bey der Hand und fragte mich mit einer sanften Stimme: »Kind, du fürchtest dich vor mir? Ich bin ein armer elender Mann, ich thue dir nichts. Ach! ichkann dir nichts thun! Sieh hier diese dürre verwelkte Hand; sie kann kaum dies leichte Stöckchen heben. Befürchte nichts, Kind! Nein, du hast nichts zu befürchten!«
Mit diesen Worten setzte er sich zu mir und nahm mich von neuem sanft bey der Hand.
»Ich bin sehr lange krank gewesen, liebes Kind,« fuhr er fort, »heute bin ich zum erstenmal wieder ausgegangen. Ich habe an der Hypochondrie laborirt. Ein schreckliches Malum, mein Kind, ein sehr schreckliches Malum! Kennst du es?«
Ich sah ihn befremdet an, und schüttelte den Kopf.
»Du kennst es nicht? (fuhr er wie in Hitze fort) Wenn du still und trübsinnig, mit krummen Rücken und mit zur Erde geschlagenem Blick, über Stock und Stein, durch Sümpfe, Moore und Bäche, durch Sandpfützen und Wälder hinschleichst; mit jedem altem Weibe, das dir begegnet, zusammen läufst; wenn sie zur rechten ausweicht, rechts springst;wenn sie zur linken ausweicht, links springst; und wieder rechts und wieder links und dich abarbeitest, um ihr nicht vor den Kopf zu rennen; wenn mitten unter diesem Bestreben, von ihr loszukommen, dem alten Weibe plötzlich ein spitziger Schnabel ans Maul wächst, womit sie dir in die Brust pickt, die Haut abschält und endlich zwischen die obern Rippen hindurchfährt und dir am Herzen zu nagen anfängt; wenn dirs dann grün und gelb und feuerfarb und himmelblau und rabenschwarz vor Augen wird; wenn sich alle diese Farben zusammen mischen und in Kugeln, oder Schlangengewinden, oder Meereswogen vor deinem Auge umherrollen; wenn es dicke Nacht in allen deinen Sinnen wird; Gewitterwolken sich über dein Haupt zusammen ziehen und Sturm tobt, und tausend Donner brüllen, und Blitz auf Blitz dir zischend durch das Gehirn fährt; wenn mitten in diesem schrecklichen Gewirr eine eherne, glühende Pfanne aus dem Boden heraufsteigt, Teufelslarven, Schlangen, Löwen undRiesen um sie her tanzen, Feuer anlegen und es anschüren, daß die Lohe himmelan sprüht; wenn dich dann eine der schrecklichsten Gestalten beym linken Fuß packt, und dich in die glühende Pfanne schleudert, daß das siedende Oel rauschend, zischend und raschelnd über dich zusammen schlägt und aufschäumt; wenn du in dem Augenblicke, da du glaubst, daß sich Feuerströme in deine innersten Fibern hineinfressen werden, urplötzlich auf eine blühende Wiese entrückt wirst, wo Nachtigallen dein Ohr letzen; wo Wohlgerüche und kühlende Balsamdüfte eine herzerhebende Linderung durch dein ganzes Wesen gießen; wo Mädchen in Engelsgestalt, in weissem luftigen Gewande vor deinem trunknen Blick einher schweben; wenn du rasch aufspringst, voll Sehnsucht, eine dieser Huldgöttinnen zu umarmen; wenn sie flieht, du sie einholst, sie fest umschlossen hältst, deinen Mund fest auf den ihrigen drückst; wenn dein Herz an ihrem Busen pocht; wenn du mit matten, in Liebe schwimmendem Auge aufblickst,um das Mädchen zu sehen, das Himmel und Erde vor deinem Blicke schwinden machte – und plötzlich eine ungeheure von Gift geschwollene schuppigte Schlange, statt ihrer, fest in die Arme schließest, die ihren schrecklichen Rachen aufreißt und Pesthauch auf dich her bläst – wenn du solche Erscheinungen hast, dann bist du hypochondrisch!«
Er schwieg und holte Athem.
Es war eine schreckliche Schilderung, die das Feuer und der bald bebende, bald rauschende, bald ängstliche und weinerliche Ton und das lebhafte Gebährdenspiel, womit er sie hersagte, mir im äußersten Grade fürchterlich machte.
Jetzt bin ich von diesem Uebel befreyt, setzte er hinzu, und, wie ich hoffe, auf immer. Ich muß mir nur fleißig Bewegung machen, und oft in Gesellschaft gehen. Das ist das beste Mittel darwider!
Ich erholte mich nach und nach von meiner Aengstlichkeit und sprach einige Worte mitihm. Er ließ auch am Ende sein Lieblingsthema, seine Krankheitsgeschichte fahren, fragte nach meinen Eltern, wie ich hiehergekommen etc. etc. und da ich Zurückhaltung bey ihm nicht nöthig zu haben glaubte, oder weil einem Offenherzigkeit in der Jugend so natürlich ist, so entdeckte ich ihm alles, und schloß mit dem Wunsche: wenn ich nur wüßte, wo ich diese Nacht bleiben sollte!
Du gehst mit mir! sagte er, und wollte aufstehen, fiel aber kraftlos zurück. Ich sprang auf und half ihm auf die Füße. Wir setzten uns in Bewegung, aber mir war immer, als ob ich etwas vergessen hätte. Ich sah mich um, und wie ward mir! mein Phylax war nicht da. Ohne meinem Begleiter ein Wort zu sagen, ohne selbst eine lebhafte Idee zu haben von dem, was ich thun oder lassen sollte, um meinen Hund zu finden, flog ich davon. Alle funfzig Schritte stand ich still und rief Phylax! und wenn er dann nicht erschien, so lief ich unter Geschrey der Ungeduld weiter. Endlich fiel mir ein,daß er im Gasthofe zurückgeblieben seyn müsse. Nun stutzte ich und ging bald vor- bald rückwärts, bis ich mich endlich, aber mit unsäglicher Mühe und Beklemmung entschloß, Phylaxen zu lassen, wo er wäre, und mich nicht der Gefahr einer Auslieferung auszusetzen. Ueberdies hatte ich das festeste Vertrauen auf seine Spürkunst, und überzeugte mich endlich, weil ich mußte und es wünschte, daß er mich ganz gewiß wiederfinden würde.
Der Alte erwartete mich und fragte nach der Ursach meines plötzlichen Entlaufens. Der besorgliche Mann hatte geglaubt, seine Gesichtsbildung sey mir auf einmal so fürchterlich geworden, und ob ich ihm gleich meinen Verlust sehr deutlich erklärte, fragte er mich in der Folge doch noch einigemal: ob er denn etwas fürchterliches im Gesichte habe?
Wir kamen an das Ufer der Elbe, und als wir ein paar hundert Schritt an demselben hingegangen waren, ward mein Begleiter auf einmal unruhig.
»Nicht wahr, Kind,« hub er an, und sah starr in den Strom: »man hat Beyspiele, daß reißende Ströme plötzlich angeschwollen sind, und Land und Leute verschlungen haben?«
Ich hatte nichts davon gehört.
»Ja, Kind,« fuhr er mit zunehmender Bangigkeit fort: »es ist dir sehr oft geschehen! Es kömmt von Wolkenbrüchen, mein Sohn, von starken Wolkenbrüchen! (er sah starr gen Himmel) Sieh einmal die Wolke, Kind! Eine dicke, schwarze Wolke, so schwer, so langsam zieht sie da herauf! Wenn nur nicht – (er beschleunigte seine Schritte) Kind, siehst du nicht die schwarze, dicke Wolke da? – Sie enthält lauter Wasser, lauter Wasser!«
Es war ein kleines, unbedeutendes Wölkchen, weder schwarz, noch schwer, noch dicke.
»Hörst du es nicht rauschen?« fuhr er fort, und sah sich angstvoll nach der Elbe um: »Sie tritt über – sie bricht aus – lauf, lauf, lauf!«
Und mit den Worten fing er an zu laufen, als ob ihm der Strom schon auf den Fersenwäre. Rette dich! rette dich! rief er eines Rufens, und lief dabey, nach seiner Art, vogelschnell feldein. Ich nahm mir mehr Zeit, denn die Elbe blieb, wo sie war. Ob er sich gleich nicht umsah, versicherte er mir doch immerfort, der Strom wäre uns sehr nahe. Ich sprach aus allen Kräften dagegen, aber er lief immer schneller, und als ich sah, daß mit Vorstellungen nichts auszurichten war, lief ich zur Gesellschaft mit.
Ich weiß nicht, wo der schwächliche Mann die Kräfte dazu hernahm. Er ließ nicht eher nach, als bis wir an die P** Vorstadt kamen. Hier setzte er sich ohnmächtig auf einen Eckstein nieder und sagte: wenn wir nicht so ausserordentlich gelaufen wären, hätte uns der reißende Strom verschlungen. Ich konnte nicht umhin, über den sonderbaren alten Mann zu lächeln.
Er ging mit mir durch lauter entlegene Straßen, die fast immer an der Stadtmauer fortführten, und schien den Anblick der Menschen eben so sehr zu fliehen, als ich: und das war mir recht, denn ich war in großer Besorgniß, der Legationsrath möchte mir begegnen. Wir kamen endlich an ein gewölbtes finstres Thor, das auf eine Brücke führte. Ueber diese gingen wir und geriethen in eine schmale, dunkle Gasse; am Ende derselben stand ein altes, baufälliges Haus, in welches er mich führte. Es fuhr mir eine Art von Schauder durch alle Glieder, doch beruhigte mich der Gedanke etwas, daß hieher wohl schwerlich Nachsetzer kommen würden. Wir stiegen im Hofe eine verfallene Treppe hinan und krochen durch eine niedrige Thür, in eine enge räuchrige Stube, die an Möbeln nichts, als ein Pult, einen uraltenLehnstuhl und zwey kleinere Rohrstühle, die durchgesessen und wackligt waren, aufzuweisen hatte. Er setzte sich nieder und fing noch einmal von dem Wolkenbruche und dem dadurch verursachten Austreten der Elbe an. Mich ließ er wenig zu Worte kommen, als ich ihm noch einmal versichern wollte, sein Schrecken sey ungegründet gewesen.
Es fing an, mich sehr zu hungern, und doch sah ich nicht, daß er Anstalt machte, mir etwas anzubieten. Endlich sagt' ich ihm dreist heraus, woran ich litte. Sogleich griff er in seine Tasche und holte unter einer Menge Brodkrümchen zwey Dreyer heraus. »An dem Thore, wo wir hereingekommen sind,« sagte er, »wohnt ein Bäcker, geh und hole für dies Geld!«
Ich sprang fort, fand das Thor glücklich wieder und den Bäcker an demselben. Ich nahm Semmel für mein Geld, und war schon wieder auf dem Wege zu meinem alten Wirth, alsmich jemand von hinten bey der Schulter faßte. Ich sah mich unter Schrecken und Zagen um, und erblickte – meinen Reisegefährten. Er wunderte sich nicht weniger als ich, daß wir uns in diesem entlegenen Theile der Stadt wiederfanden. Ich erzählte ihm, daß mich der Legationsrath verfolgen ließe, daß ich aber ein sicheres Versteck bey einem alten wunderbaren Manne gefunden habe. Er war begierig, den Mann und seine Wohnung zu sehen, und ich nahm ihn mit. Unterwegs erzählte er mir, daß er bey dem Amtmann der F** Stadt gewesen, und sich einen Logiszettel geholt habe, damit wolle er zu dem Wirthshause zurückgehen, aus welchem ich entlaufen sey. Er kam nicht weiter, als an das Haus, wo mein Alter wohnte, und nahm plötzlich Abschied. »Es sey genug,« sagte er, »daß er wisse, wo ich mich befände, er würde eher wieder da seyn, als ichs vermuthete!« – Ich band ihm noch meinen Phylax aufs Gewissen und bat ihn, mir denselben den folgenden Morgen zu bringen. Erversprach es, und ging mit einer bedenklichen Mine fort, die mir mehr hätte auffallen sollen.
Als ich zu meinem Alten in die Stube trat, reichte er mir die Bibel. »Lies mir dies Evangelium,« sagte er, »zu meiner Beruhigung und Trost!« Ich sah ihn befremdet an und biß in meine Semmel, um anzudeuten, daß mich hungere. Aber er verstand mich nicht, er nahm mir aus der einen Hand die Semmel und legte sie neben mir hin, und in die andre steckte er mir die Bibel. Ich las, indem ich von Zeit zu Zeit, wenn er weg sah, in die Semmel biß und sie behutsam wieder hinlegte:Lasset die Kindlein zu mir kommenetc. etc. etc.
Alle Züge des alten Mannes wurden lebendig und heiter. Siehst du, Kind, rief er schluchzend, in dem Evangelio steckt ein Trost, auf welchen sichs besser schläft, als auf gewonnene Schlachten. Daß ich dich mitgenommen habe, daß ich dir Essen und Nachtlager gebe, diese uneigennützige Bereitwilligkeit, dir zu dienen, verschafft mir den süssen Trost, der in demEvangelio allen denen versprochen wird, die Kinder lieb haben. Und nun schlaf wohl! Ich mag nicht essen, nicht trinken. Ich will die himmlischen Empfindungen, die mich jetzt beseelen, nicht unterbrechen. Schlaf wohl!
Bey diesen Worten öffnete er eine Seitenthür, die in eine finstre Kammer führte, warf sich in vollem Zeuge aufs Bette und schnarchte bald darauf von ganzem Herzen.
Nun war ich allein und meinen Betrachtungen überlassen. Diese peinigten mich nicht sehr, denn meine Semmel beschäftigte mich ziemlich lange; und sobald diese gegessen war, fand sich die Schläfrigkeit ein, welche die Verdauung ankündigt, und hielt alle traurige oder fürchterliche Vorstellungen so gut von mir ab, daß ich nach einigen Minuten auf dem Lehnstuhle meines Wirthes ruhig einschlief.
Plötzlich schreckte mich ein starkes Poltern auf, und in meiner Schlaftrunkenheit kam es mir vor, als ob das ganze Haus über mich zusammen stürzte. Die Finsterniß vermehrte mein Schrecken. Eben war ich im Begriffe, meinen alten Wirth zu rufen, als meine Angst in Todesfurcht überging: denn es traten drey Männer, in große blaue Mäntel verhüllt, deren einer eine Laterne trug, stillschweigend in die Stube und schritten auf mich zu; der eine nahm mich bey den Schultern, der andre bey den Füßen, und so schleppten sie mich die Treppe hinunter, alles, ohne einen Laut von sich zu geben. Ich wollte schreyen und konnte nicht. Erst unten auf dem Hofe bekam ich Kräfte, aus voller Kehle einen Schrey zu thun. Sogleich hörte ich des Alten Stimme. Ich bat ihn, mir zu helfen, mich zu retten, man wolltemich umbringen! Aber die drey furchtbaren Männer ließen sich durch mein Geschrey nicht irre machen. Sie trugen mich durch das Haus, und als Wirth und Wirthin erschienen, um zu sehen, was es gäbe, sagte ihnen der Mann mit der Laterne einige Worte, worauf sie sich beruhigten und in ihre Stube zurückgingen.
Man legte mich in eine Kutsche, die um und um zugemacht war. Die beyden großen Männer setzten sich, dicht in ihre Mäntel gehüllt, zu mir, und sagten zu dem mit der Laterne, wenn der Alte käme, sollt' er ihn zurückhalten. Und nun ging es fort!
Ich saß in stummer Betäubung zwischen ihnen, und wenn ich unter Zittern und Beben fragte: was ich begangen hätte? und, wohin sie mich denn brächten? riefen sie:Halt's Maul!oder:wie die Arbeit, so der Lohn!
Alle Schrecken, die ich von dem Augenblick an, wo mir Malchens Mama die Schelle gab, bis zu den fürchterlichen Begebenheiten auf dem Heuboden und im Wirthshause, empfundenhatte, waren nichts gegen diesen. Ich erbebte durch alle Glieder und schnappte schluchsend nach Luft.
Endlich hielt der Wagen still und man trug mich heraus, wie man mich hinein getragen hatte. Eine alte Frau öfnete eine Seitenthür. Man legte mich auf ein Bette und einer der Blaumäntel sagte mit einer fürchterlichen Baßstimme zu mir:Morgen siehst du mich wieder!Darauf verschlossen sie die Thür und ließen mich allein.
Bald wollte ich schreyen, daß die halbe Stadt mich hörte, bald aufspringen und mit Händen und Füßen an die Thüre donnern; aber zu beydem fehlte mir Kraft und Muth. Besorgniß und Angst nahmen ihre alte Stelle wieder ein und brachen sich in einen Thränenguß, der rund umher, wo mein Kopf lag, das Bette benetzte. Doch erlagen sie bald nachher einem Schlafe, der zwar von fürchterlichen Träumen unterbrochen ward, aber doch bis gegen Morgen dauerte.
Bald nach meinem Erwachen erschien der Blaumantel, setzte Thee und Semmel hin, ging wieder, ohne ein Wort zu reden, und schloß die Thür hinter sich zu. Ich hoffte jeden Augenblick, daß man die Fensterladen öffnen sollte; aber vergebens. Ich trank meinen Thee, und ließ große Thränen in die Schaale tröpfeln. Endlich ging meine Furcht in starre Hartherzigkeit über, die alles, sey es auch das Aergste, was man über mich verhängen würde, ausdauren wollte.
Nach ein paar Stunden erschien der Blaumantel wieder, und brachte noch einen Mann mit. Dieser sollte mir das Maas zu Rock, Weste und Beinkleider nehmen, meynte aber: bey der Finsterniß könne er nicht sehen. »Seht, wie Ihrs macht,« sagte der Blaumantel zu ihm, »so ein Bösewicht muß weder Tages- noch Talglicht sehen!« Sie lachten über dieses witzige Wortspiel von ganzem Herzen, aber mir war es nicht möglich. Doch weiß ich nicht, wie es kam, meine Bangigkeit nahm dadurch um einen großen Theil ab.
Der Schneider versicherte noch einmal, daß er im Finstern nicht sehen könne, und nun lief der Blaumantel und holte Licht. Jetzt riß sich wiederum ein großes Stück Furcht von meinem Herzen los, denn ich sah mich in einem Zimmer, das mit Tapeten ausgeschlagen, und mit großen Spiegeln und mit prächtig eingefaßten Gemälden geziert war. Nun that das gar keine Wirkung, was sie von der neuesten Mode im Zuchthause zu W** sprachen, und von dem harten Willkommen, der daselbst den Züchtlingen gegeben würde; denn ich konnte an den Fingern abzählen, daß man einen Züchtling nicht in ein so prächtiges Zimmer sperren und mit Thee und köstlicher Mundsemmel bewirthen würde.
Als der Schneider fertig war, ging er mit dem Kerkermeister fort und versprach in wenig Tagen des Züchtlings Kleider zu liefern, die eine Seite grau, die andere gelb, wie sie im Zuchthause zu W** Mode wären. Wenn mir diese letzte Aeusserung hätte Furcht machenkönnen, so wäre sie fünf Minuten darauf völlig erstickt worden; denn der Blaumantel brachte mir ein Mittagsessen von solcher Schmackhaftigkeit, daß ich glaubte, es sey aus Marthens Küche gestohlen. Es war eines meiner Lieblingsgerichte.
Den Abend geschah ein Gleiches. Ich schlief viel ruhiger, als die vorige Nacht, und der Thee schmeckte mir den folgenden Morgen auch weit besser, als Tages vorher. Eben so das Mittag- und Abend-Essen. Ich vergaß, daß ich ein Gefangener war und in der Finsterniß leben mußte, und bemengte mich endlich auch nicht mehr mit überschrecklichen Vermuthungen über das, was mir bevorstand.
Am dritten Abend öfnete sich die Thür –
Und es trat herein der Schneider, im Gefolge des Blaumantels, der ein Licht trug. Jener warf sein Bündel auf den Tisch, nahm mich herzu, und zog mich bis aufs Hemde aus. Ich zitterte in banger Erwartung. Er probirte mir Rock, Weste und Beinkleider an, fand sie nach seinem Geschmacke, zierlich geschnitten und fein gearbeitet, wünschte mir Glück dazu und ging ab.
Ihm folgte ein Bedienter, der mich wieder auszog, mir einen Pudermantel überhing, frisirte und puderte, ein weißes Hemde, seidene Strümpfe, neue Schuhe (die ein wenig zu weit waren) mir anzog, einen Federhut aufsetzte, und das neue Kleid wieder anziehen half.
Ich staunte und stutzte mich an, aber er ließ mir nicht Zeit, meiner Verwunderung nachzuhängen,sondern nahm mich bey der Hand, führte mich eine Treppe hinan, hustete – plötzlich flog eine Doppelthür auf, und ich stand in einem großen, prächtig erleuchtetem Saale, in dessen Hintergrunde ich ein Gewimmel von Herren und Damen sahe, die alle ihre Blicke auf mich richteten.
Ich stand wie versteinert. Es war mir als sähe ich in einen Guckkasten. Ich wußte nicht, ob ich stehen bleiben, oder vorrücken, ob ich lachen oder weinen sollte.
»Tritt näher, gottloser Schelm!« rief eine Stimme, und wer konnt' es anders seyn als Papa? Ich trat näher, und er kam mir entgegen. – Bester Papa, rief ich schluchsend und nahm seine Hand – »Ich bin dein Papagewesen!« unterbrach er mich und führte mich zu einem Herrn, der mit einer Dame auf der Seite stand und mir den Rücken zukehrte. Er drehete sich um – und es war der Legationsrath. – »Mein Sohn!« rief er – »Meinbester Sohn! komm an meine Brust!« – Er schloß mich zärtlich in seine Arme. Ich weinte laut. – »Moriz,« rief eine weibliche Stimme von der andern Seite: »Mein guter Sohn!« – Die Dame umschloß mich, hob mich auf und drückte mich an ihre Brust. Papa Ernst gab sich alle Mühe, zu lachen, aber er konnte vor Thränen nicht dazu kommen. »Ich bin dein Papa gewesen,« sagte er: »hier (auf den Legationsrath zeigend) das ist dein Papa, und hier (er winkte auf die Dame) das ist deine Mama!« – »Und ihr hast du es zu danken,« sagte mein Vater, »daß du drey Tage früher aus deinem Gefängniß bist erlös't worden!« – Ich wollte ihr die Hand küssen, aber sie zog mich sanft zu sich und drückte mich an ihr Herz. »Moriz,« sagte Papa Ernst, und hob die rechte Hand auf, »einem solchen Vater und einer solchen Mutter hast du entlaufen wollen!«
Ich war ausser mir vor Angst und Freude. Die Umstehenden lächelten gerührt.
Erhole dich, Kind, sagte meine Mutter, und führte mich zu einer Seitenthür: wir wollen ein wenig abtreten, du sollst mir erzählen, wie es dir auf deiner Reise ergangen ist.
Sie öfnete die Thür.
»Da ist er, da ist er!« rief ein Mädchen und hüpfte mir entgegen. Ich sah sie an, und siehe da, Fräulein Louise! »Du reisender Handwerkspursche!« rief sie und riß mich in die Mitte des Zimmers. Ihre Eltern kamen herzu und umarmten mich. Der Oberste besonders drückte mich an seine Brust mit einer Kraft, daß mir der Rest von Athem hätte ausbleiben mögen, den ich bey allen den frohen und unerwarteten Erscheinungen noch übrig behalten hatte. Malchen stand von ferne am Fenster und malte auf den Scheiben. »Nun, Malchen,« rief ihr Vater, »willst du nicht näher?« – Sie kam ganz langsam herbey, und als ich sie bey der Hand nahm, sah sie nach Osten und ich nach Westen. »Freut ihr euchnicht?« sagte der alte Lehmniz. Ich weinte mit Malchen in die Wette.
»Ach, habt euch nicht so närrisch, Kinder!« sagte der Oberste: »Pfui, Springinsfeld, wer wollte weinen! Das schickt sich nicht für einen Kerl, wie du bist!« Mit den Worten schob er uns in den großen Saal zurück. Mein Vater kam mir entgegen und sagte: du hast nun alle alte Bekannte gesehen, nun muß ich dir noch zwey vorstellen. Er führte mich in die Küche, und Martha trat mir entgegen. Sie konnte vor Schluchsen kaum reden, umarmte und küßte mich und stotterte die Versicherung dabey, dies sey der erste und letzte Kuß, den sie nach Absterben ihres ewiggeliebten letzten Bräutigams einer Mannsperson gegeben habe.
Unterdessen öfnete mein Vater eine Seitenthür und heraussprang – Phylax. Ich riß mich von Marthen los und ihm entgegen. Er that ganz spröde, ging um mich herum, beschnupperte mich, und schien mich in meinemneuen Anzuge nicht zu kennen. Als ich ihn aber anredete, tanzte und hüpfte er, was er konnte, und trieb seine Höflichkeit so weit, daß er nach meinem Haarbeutel sprang und ihn um ein Haar zwischen seine großen Zähne genommen hätte.
Mein Vater verließ uns, vermuthlich, damit ich mich ein wenig erholen sollte, und weil es sich für Marthen am besten schickte, mir über das, was vorging, Auskunft zu geben. In weniger als fünf Minuten erfuhr ich nun: daß mein Vater und Mutter heute öffentlich Hochzeit machten, nachdem mein Großvater, der sich bis daher ihrer Verbindung widersetzt, gestorben sey, und meine Mutter als Meisterin ihres Willens zurückgelassen habe. Papa Ernst sey nur mein Pflegepapa gewesen, und sie (wie sie mir deutlich zu verstehen gab) meine Pflegemama. Der gnädige Herr (Malchens Papa) sey mit der ganzen Familie (Fink und den jungen Herrn ausgenommen, die den Tag vor der Abreise plötzlich krank geworden) und mit Papaund ihr in zwey Reisewagen abgeholt worden. Man sey mir schon am zweyten Tage meiner Flucht auf der Spur gewesen, habe mich aber nicht finden können, bis endlich der Gastwirth vor der Stadt meinem Vater die Nachricht gebracht hätte, daß ich mich in seinem Hause befände. Weil ich ihm und dem Bedienten aber unter den Händen entwischt sey, wäre man meinetwegen von neuem in Sorge gewesen, bis endlich mein Reisegefährte selbst gekommen wäre und meinen Aufenthalt angezeigt habe. Zur Strafe für meinen Leichtsinn, habe man mich so erschreckt, und so lange eingesperrt, u. s. w. Mein alter Wirth sey ein verrückter Kandidat der Theologie, der unter dem Namen Magister Stapps in D** bekannt sey. Mein Vater habe ihn neu gekleidet und ihm Geld gegeben, mit der Sicherung einer jährlichen Pension von funfzig Thalern. Den Bedienten, meinen Reisegefährten, habe er in seine Dienste genommen, und Phylax sey diesem aus dem Gasthofe hieher gefolgt.
Jetzt kam mein Vater und führte mich in den großen Saal zurück. Wie glücklich ich mich fühlte! Aber es dauerte lange, ehe ich mich völlig überzeugen konnte, daß diese ganze Begebenheit kein Traum sey.