»Viele Morphinisten gehen zu Grunde.«
»Das weiß ich.«
»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar wirklich gemüthskrank.«
»Das weiß ich auch.«
»Und Sie bleiben dennoch dabei?«
»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch nicht.«
»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um zu wissen was Sie thun. Weil ich Medicin studirt habe, halte ich mich nicht für den Vormund anderer Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn ich zufällig Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit abkürzen wollen, so sehen Sie zu, wie Sie sich mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.«
»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden, wie –, das geht niemanden etwas an.«
»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten genug, um das Leben des Individuums zu verlängern. Wir können als Mediciner die Infectionskrankheiten bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den Mitteln der Wissenschaft helfen, seine Tage zu vermehren. Wer sollte wohl darauf kommen, uns für das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige Unglück verantwortlich zu machen, daß eine beschränkte Anzahl von Menschen mit klarem Willenund vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die ihnen an sich zugemessen ist!«
»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich wegen dieses Unglückes,« sagte sie bitter. »Wenn man da die äußerste Consequenz ziehen wollte, müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen Local sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein vergiften.«
»Ah – das souveräne Volk – dem muß man die Freiheit schon lassen.«
»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen, der den verfeinerten Genuß sucht, unseren Genuß, nicht wahr, Frau Bremer?«
»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung vorhanden zu sein,« sagte sie traurig.
»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt, eine Erniedrigung, einen Schmerz, der mich fast verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der Hoffnung Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.«
Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun von ihren Beziehungen zu Friedrich Rast und von der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers.
»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten Jungen hängt das Wohl und Wehe einer sensitiven vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie, muß die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis aufsuchen, um eine Gesetzesvorschrift zu umgehen, die in ihrem Widersinn schon viel entsetzlichere Folgen gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie heute gelitten haben.«
»Noch schlimmere Folgen?«
»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem Arzte, dem Psychologen verzeihen, wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht schließlich verkaufen, wenn Sie keine, keine andere Möglichkeit sähen, sich Morphium zu verschaffen?«
Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben, aber ich würde nicht fallen.«
»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium, in dem man fällt. Andere sind aber in dieses Stadium gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche Frauenehre gekostet.«
Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer furchtbaren Gefahr. Der Mann, mit dem sie allein war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber auch ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht versagt, er verstand sie und sie fühlte, daß sie ihn liebte.
Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung, das willenlose liebliche Weib an sich zu reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah – wie sie wohl zu lieben verstand!
Er sah sie an und ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesichte, die leichte Erregung der Sinne war schon wieder vorüber. »Bitte, meine gnädige Frau, verstehen Sie mich nicht falsch,« sagte er kühl.
Dann trat er an seinen Schreibtisch und nahm eine kleine Schachtel heraus, die er ihr gab.
»Hier sind zehn Gramm Morphium, Ihre Mischung wissen Sie sich ja zurechtzumachen. Beruhigen Siesich jetzt, solche furchtbaren Aufregungen sind Gift für die überempfindlichen Nerven des Morphinisten.«
»O, Gott, wie edel Sie sind – ich danke Ihnen.«
»Nein, danken Sie mir nicht, ich werde Ihnen ein anderes Mal ein Recept geben, Ihre Lösung können Sie dann überall bekommen. Jetzt will ich Ihnen noch einmal das geben, was Sie gestern bekommen haben, damit Sie sich ganz beruhigen.«
Mit einem Seufzer der Erleichterung und Wonne empfand sie die Wohlthat, die er ihr zu theil werden ließ.
Sie fand keine Worte, um ihm zu danken. Schweigend ließ sie sich von ihm die Treppe herunterführen, schweigend stieg sie in den Wagen, der sie erwartete, dann ein Händedruck, und ein Blick, der dem erfahrenen Manne zeigte, was ihr Herz in diesem Augenblicke empfand.
Sie kehrte zurück zu Mann und Kindern, zurück in das Haus, dessen Herrin sie war. Wie gleichgültig war ihr das alles, wie wenig dachte sie daran, daß sie nahe daran gewesen war, als eine Unwürdige über diese Schwelle zu schreiten. Eine Fremde war sie in diesen kurzen Stunden ihrem Heim dennoch geworden.
Sie hatte nun Morphium, was ihr weder ihr Mann noch sonst jemand von ihren Angehörigen gönnte. Sie brauchte nicht mehr um den Erwerb des köstlichen Mittels zu zittern. Die tiefe Befriedigung und die wohlthätige Ruhe, die sie im Gegensatze zu dem bisherigen Leben der Aufregung und Angstjetzt empfand, dankte sie ihm, dem selbstlosen Freunde. Langsam nahm die Erinnerung an ihn, die Dankbarkeit, die Freundschaft und Hingabe, die sie ihm widmete, ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch. Sie war nun zufrieden, sie war ruhig und still, er hatte sie glücklich gemacht. –
Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten, eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes.
Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter.Da gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der Decke.
Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab. Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge, das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. – Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende eines Einzelnen den fluthenden Strom des großstädtischen Lebens ins Stocken gebracht.
»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll,« sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.
Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten recognosciren, die Sache wird stimmen.«
Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde festgestellt,daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden dorthin zu bringen.
Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. –
An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Kranken-Transport. Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.
Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte, dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.
Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen.
Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's Zimmer. Er lag auf einem niedrigen, weichen Sopha und erhob kaum den Kopf, um sich nach der Eintretenden umzusehen.
Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihremweltlichen Leben her eine solche Formlosigkeit unangenehm war, berichtete mit den knappsten, nothwendigsten Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, die der Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie darauf den Arzt.
Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, sein Gesicht bedeckte eine fahle Blässe, die Augen waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten. Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt durch eine tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck verwischte. Schlaff lagen die Muskeln unter der welken Haut.
Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen vermochten seinen abgestumpften Nerven Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem versagte die Wirkung zuweilen schon nach ganz kurzer Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit streifende Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand an Schlaf, bald aber pflegte der Unglückliche zu erwachen. Seine Pulse jagten, er hörte das Blut im Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die Geräusche des Blutes steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, grauenhaften Tönen, er glaubte, Worte daraus hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich steigerte sich dieser Zustand zu einer nervösen Aufregung, die hart an die Grenze des Wahnsinns streifte und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflortenBlicken und stockendem Herzschlag wieder und wieder zur Morphiumspritze zu greifen.
So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, sie mußten angeregt, sie mußten künstlich gereizt werden, weil der Zustand der Ernüchterung einfach nicht mehr zu ertragen war.
Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses Stadium des Morphinismus hinter sich hat.
Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven ihr Linderungsmittel, Tag und Nacht dauert die krankhafte Erregung. Kommt aber dann einmal die Stunde, wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein Mittel mehr hilft, so kommt auch der Tod.
Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu lindern vermag, geht der vergiftete Körper zu Grunde. Den Geist umnachtet dann in der Regel der Wahnsinn.
Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr sehr fern war. Mit großer Energie versuchte er bisweilen einzelne Stunden der Ernüchterung auszuhalten. Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, um so genußreicher war dann nachher die Wirkung der von neuem angewendeten Mittel.
In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn die Botschaft seines Chefs.
Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, hatte die Schwester seinen Zustand übersehen lassen. Er hatte von dem, was sie gesagt hatte, nichts verstanden. Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die Erfüllung ärztlicher Pflichten von ihm gefordert wurde.
Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent so drückend als Fessel empfunden. Seine Mittel erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines Buches, um der Studien willen, die er hier machte, hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt ertragen. Nun fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. Wenn er jetzt auch beschloß, sich krank zu melden und Ersatz für seine Thätigkeit zu stellen, so konnte ihm das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die Stationsschwester hatte ihn gerufen – er mußte kommen.
Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im Stande war. Seine Mittel lagen bereit, aber ihre Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er mehrere combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen angewendet hatte, war er soweit, daß er wieder zusammenhängend zu denken vermochte.
Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, der ihm schon berichtet war, noch einmal erzählen, ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. Dem hochmüthigen und blasirten Turnau kam ohne eine Bitte von seiner Seite niemand auf die Station. Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen deshalb ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal hielt er sich von jeder Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen Verkehr fern. Jetzt war er geistig vollkommen klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, er brauchte niemanden.
Der Anblick, den der Verwundete darbot, war grauenhaft. Beide Beine waren an den Oberschenkeln abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen, die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte. Das Andere hing noch lose durch Fleisch und Muskeln verbunden am Körper, der zersplitterte Knochen lag frei.
Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste vorläufig Einhalt zu thun.
Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden Ueberreste eines menschlichen Leibes, er erkannte sofort, daß der Verwundete bei vollem Bewußtsein war.
»Chloroform,« stöhnte der Mensch.
»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung zu früh nehmen, ich will Ihnen erst etwas anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete Turnau.
»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will ich kein Morphium mehr. Jetzt lasse ich mich ja heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich halte ja still, ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich über die blaugrauen Lippen.
Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind Sie ein Selbstmörder?« fragte er dabei.
»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch – ein Unglück. Man wollte mich heilen, gegen meinen Willen – ich will nicht geheilt sein –«
»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einemanderen Berufe zwingen, weil Sie als Apotheker doch wieder dem Morphium verfallen wären, das wollten Sie nicht.«
»Ich will nicht – ich will nicht. – – –«
Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die nothwendige Amputation aus, Schwester Clarissa arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich war der Körper, als die Beine unter ihm weggerissen wurden, mit furchtbarer Wucht hintenüber auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn es wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.
Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte die Schwester, ob Turnau den Stumpf des anderen Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen wolle.
»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des Professors,« antwortete der junge Mann, sich eifrig die Hände waschend.
»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon wieder zu sich kam, da er als Morphinist sehr unempfänglich für die Einwirkung narkotischer Mittel war.
Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf Ihnen jetzt höchstens Morphium geben,« erklärte er. »Die Operation ist vorüber, eine andauernde Narkose könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen, vielleicht sehr rasch zu enden.«
»Was liegt daran« – murmelte der Unglückliche. Turnau wendete sich an die dienende Schwester. »GebenSie ihm immerhin Chloroform,« sagte er leise, »der arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch in seiner Lage nicht sein.«
»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der Kranke verloren ist?«
»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.«
»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit ruhiger Würde.
Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.
Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.
»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.
»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist. Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«
»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau.
»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde Sold.«
Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken Mannes; er sah, daß mit der frommenSchwester nichts anzufangen war; so ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das Operationsbett heran.
Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die Hand und sah unwillkürlich um sich.
Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch der Maske, des Jodoforms und des Karbols erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, das einmal übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.
Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich kurz vor seinem Abgange noch möglicher Weise mit dem Professor zu überwerfen um dieses fremden, gleichgültigen Menschen willen!
Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist – gegen seinen Willen wollte man ihn heilen – das Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.
Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod ist der Sünde Sold.« Vor langer Zeit hatte Wilhelm Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt. Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?
Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen, sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher Vorurtheile. Soweit hatten ihn seine lieben Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.
Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so allein stehenden Sonderlings hier allein stand halten?
Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. Der Puls setzte aus.
Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte sich der Arzt.
Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.
»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner Betäubung noch einmal.
»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem Innern hinzu. Dann riß er dem Kranken die Maske herunter. »Schwester Clarissa!«
»Herr Doktor wünschen?«
»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der Professor kommt, so fragen Sie, ob Sie Morphium geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle rufen Sie mich.«
»Ja, Herr Doctor.«
Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und gelassen an dem Kranken, wie an alle ihren anderen Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne Persönlichkeit wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und Elenden nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, in dessen Person sie dem Herrn diente. Turnau dagegen war krankhaft erregt und nervös angegriffen durch den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den Geruch des Blutes und die ganze ungewohnte chirurgische Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.
Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade überreizt, kam er in seinem Zimmer wieder an. Er begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er daraufzubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche Nächte würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. Die Ueberzeugung, daß Arbeit, Aufregung und gewaltsame Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten, erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. Wenn seine körperlichen Leiden jetzt rascher, als er geglaubt hatte, seine Auflösung herbeiführten, so hatte er das der Rücksichtslosigkeit seines Vorgesetzten zu danken.
Der ganze Egoismus seines Characters empörte sich bei dieser Erkenntniß. Er gerieth in eine fieberhafte Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht nach dem Tode zu empfinden. Nun hatte er dem Tode ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der Ewigkeit, und es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.
»Der Tod ist der Sünde Sold.«
Immer wieder mußte er an die Nonne denken, die so ruhig und fest auf dieses kalte Wort hingewiesen hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. Nach langem Grübeln fiel es ihm ein. –
Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen stets entgegengekommen waren, hätte sich ohne Zweifel in denselben Todesqualen zu den Füßen der Schwester Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich jetzt in ihrer Pflege befand – sie würde nichts bei seinen Leiden empfinden, sie würde nichts thun, um ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig sein, gleichgültig wie jeder Andere.
Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den Verstümmelten wohl kaum wünschenswerth sei, hatte sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte er nicht mehr vergessen.
Die ganze Verachtung des irdischen Leides und des menschlichen Willens, gegenüber einem höhern Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei war sie schön – statuenhaft schön – schade um solch ein Weib!
Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das er gestern bei Bremers bewundert hatte, im Stande wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu fühlen? Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen ganz neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses frischen Mädchens zu gewinnen. Er war ja jetzt ein stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er sich dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen Seele ab und zu widmen.
Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung der Nerven löste sich, die körperliche Erschöpfung bewältigte die furchtbare Aufregung. Als der Morgen dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen an die Stelle der nervösen Ueberreiztheit.
Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt nach, den er gethan hatte, als er der Frau des von ihm hochgeachteten Geheimrathes heimlich Morphium gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder mit der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es konnten ihm Unannehmlichkeiten daraus entstehen, er bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.
Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib unter der sanften selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen treuen Gefährtin ihrer eigenen Kinder! Und diese Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. Er wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze auszustrecken brauchte; deshalb erschien sie ihm verächtlich und erbärmlich. Sie war schön, aber niemals würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, daß er überhaupt niemanden lieben könne.
Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu besitzen, erregte ihm einen Ueberdruß, der an Ekel streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß – Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten kannte sie nicht. Sie hatte Mann und Kinder, aber als sie von ihm Morphium empfing, als ihre Blicke ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie das vergessen.
Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit für eine gute Sache kämpfte, er hatte sich dazu hergegeben, diesem begehrlichen glühenden Weibe Genuß zu gewähren!
Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise die Consequenzen seiner Gesinnung gezogen. Wenn ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs, wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung zwischen sich und ihm darin sah! Ihn graute davor. – Und dann, dann mußte er lächeln. Wie sonderbar, daß er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei ihm gleichgültigen Frauen grübelte!
Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nachihrer Pflichttreue, nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an!
Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an sie zu denken, sie zu sehen – –
Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen, welches er hörte, Wirklichkeit war – Professor Schrödter hatte die Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um fünf Uhr wecken zu lassen!
Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden.
Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen.
»Störe ich Sie noch? – Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben bereits ausgeschlafen,« beganner mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh aufstand.
Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber. »Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«
»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.«
Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.
»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?«
»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen. Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.«
»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«
»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob. »Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so viel wie möglich geschehen konnte.«
»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftragein dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen zur Seite gestellt werden.«
»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für hoffnungslos?«
»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe verlor.
»So – Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?« fragte er wüthend.
»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«
»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja eine sehr eigenthümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hülfsmittel der Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und zu erhalten?«
»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische,wenn Sie wollen eine religiöse, aber keine medicinische Frage.« – – –
»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr College, nicht wahr?« höhnte der aufs äußerste gereizte Mann. »In unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin, die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man könnte kein guter Psychiatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die verhängnißvollsten Fehlgriffe zu begehen.«
Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank, neben dem er stand und schwieg.
Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen.
»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthigein. »Es liegt mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. – Wir wollen nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«
Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten.
»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann der Professor noch einmal.
Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich. Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr unangenehm.
»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er sich durchaus nicht beleidigt fühle.
Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei der Obduction können Sieden Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen, wie um auf etwas anderes zu kommen.
»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte um die Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner Vertretung engagiren zu dürfen.«
Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen bleiben Sie von der Section weg. Wegen der Vertretung suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«
»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«
»Auf Wiedersehen denn.«
»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«
Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die der Professor ziemlich ungeschickt erwiederte. Er war es gewöhnt, seine Assistenten durch einen Händedruck oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei Turnau ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, hätte Offizier oder Diplomat werden sollen, blos nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm schloß. Na, vielleicht wird er mal Modearzt bei nervösen Damen – Specialität Migräne; – er war im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.
Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten Angriff auf seine künstlich überreizten Nerven ernstlich und körperlich krank.
In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem weichen Schlafsopha aus, um körperlich wenigstens auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu seiner Ablösungvon dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen vermochte, beschloß er zu einer späteren Tagesstunde zu thun.
Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder Betäubung; er wußte nicht wie lange er gelegen hatte, aber die Sonne schien ziemlich heiß durch die schweren herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches Geräusch ihn aufschreckte.
Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen und mit maßlosem Staunen sah er Lydia Bremer unangemeldet eintreten. –
Turnau verlangte von einer Dame in allererster Linie elegante sorgfältige Toilette, nachlässig gekleidete Frauen waren ihm gradezu abstoßend. Bisher war ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm gewesen, weil sie in ihrer Erscheinung und in ihrem Benehmen eine elegante vornehme Frau war; mit Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen Eintritt, wie unvortheilhaft und verändert sie aussah. Das sonst sorgfältig frisirte Haar war nicht gebrannt, man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose Aufregung verzerrt, von Thränenspuren entstellt, die nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette waren versäumt. Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens in Sophakissen oder gar auf dem Bette aufwiesen.
Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. Seine kühle Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugungschien die erregte, vielleicht verzweifelte Frau nicht zu sehen.
»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann hat Verdacht geschöpft, Professor Schrödter war eben bei uns. Mein Morphium, mein ganzer Vorrath« – –
Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr.
»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und confiscirt?« fragte er.
»Ja, ja – es ist entsetzlich, ich kann nicht leben ohne Morphium. Erbarmen Sie sich, helfen Sie mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen verfolgen mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in den Tod. O Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos da – erbarmen Sie sich.«
»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen heute wieder Morphium gebe, wird es morgen wieder gefunden.«
»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich verspreche Ihnen, man wird den Rest Ihrer Gabe nur bei meiner Leiche finden.«
»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen Wunsch, in einem Augenblicke der höchsten nervösen Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«
»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«
»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine Pflicht die Ausführung dieser Absicht zu verhindern.«
»So – sind Sie etwa mein Vormund?«
»Nein – ich bin Irrenarzt.«
Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartigeszorniges Weinen, folgte auf diese Ablehnung. Ruhig stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und angeekelt von dieser Scene.
Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie keinen Grund, erst hierherzukommen und ihm ein Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus nicht verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht ernstlich daran dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt war, ihr Geheimniß entdecken zu lassen, so fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen. Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit beruhigte, um auf gute Manier dahin gebracht zu werden, ihn zu verlassen.
Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein Mann und der Professor beschlossen haben?«
»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine Anstalt, um eine Entziehungscur durchzumachen.«
»Ja« – sie lächelte. »Ich werde auch ganz fügsam sein und gehen.«
»Das freut mich.«
»Sie verstehen, was ich meine?«
»Nein.«
»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was ich brauche. Sie wissen es ja.«
»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die Controlle zu streng, man würde jeden Stich an Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren, daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«
»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«
»Ich kann Ihnen nicht helfen.«
»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, ich werde mich irgendwo verstecken, wo mich kein Mensch findet.«
»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen Flucht gehören würde, versehen?«
»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende kann ich mir Geld und alles, was ich sonst noch brauche, erschaffen.«
»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im Verein mit den Aerzten die nöthigen Schritte gethan haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«
»So bin ich verloren.«
»Ich weiß es nicht.«
Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans Fenster.
Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie griff mit beiden Händen in die Fenstervorhänge, um sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre Augen waren glasig und starr, plötzlich bildete er sich ein, ihre Vorderzähne wären falsch. Das war eine abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert hätte, aber das hatte er ja doch eigentlich niemals gethan.
»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« flüsterte sie, nahe, ganz nahe an seinem Ohr.
Er antwortete nicht.
»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«
»Als was – als Ihr Arzt?«
Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seineKniee. »Nehmen Sie meine Liebe, aber geben Sie mir Morphium.«
Sie bot sich ihm an – sie war dahin gekommen, sich zu verkaufen.
Er machte sich los. »Das würde ehrlos von mir sein. Ich kaufe keine Liebe, gnädige Frau.«
»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, seit Sie mir Erbarmen gezeigt haben, liebe ich Sie.«
»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, Frau Bremer, aber dann bitte, bitte, verlassen Sie mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie thun wollen. Wenn man Sie hier fände, wären Sie und ich compromittirt.«
Das war seine Antwort auf das Geständniß ihrer Liebe. Die Scham überwältigte sie; sie fühlte, daß sie etwas darbot, was er gar nicht zu besitzen wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, vor aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte sich nicht. Wie gebannt blieb sie stehen und wartete – wartete auf das Almosen, das er ihr geben wollte, um sich von ihr zu befreien. – Sie fühlte die furchtbare Erniedrigung ihrer Lage – aber für Morphium hatte sie sich vor Friedrich Rast erniedrigt, sie konnte nicht anders, sie mußte warten. –
Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine verschließbare Thür vom Salon trennt. Die Thür vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.
Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese Frau, die ihm ihre Liebe aufdrängen wollte, folgte ihm also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht mehrnach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das nicht begriff? Jede körperliche Lebensthätigkeit war ja längst bei ihm erloschen; er hatte geglaubt, das Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt kein Mann gegenüberstand – ein Gespenst, ein dem Grabe entgegeneilender Schatten. – –
Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, sich in ihrer Verzweiflung an ihm halten. Wie gleichgültig sie ihm war! Er hätte über sie gelacht, wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.
Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, sich bis zu sittlicher Entrüstung aufzuschwingen, er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine Gemeinheit sein würde, ihre Liebe zu kaufen.
Vor sich selbst kam er nicht so weit – nicht bis zum sittlichen Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer unsagbaren Stumpfheit.
In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und Geistes suchte er jede Erregung zu vermeiden, jeder Störung auszuweichen. Die Störungen aber verfolgten ihn gradezu.
Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit hätte, deren Ansprüche er sich durch sein Entgegenkommen selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. Ruhe verlangten seine Nerven, nichts als Ruhe sein kranker Körper.
Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm daraus einen Kasten, in dem sich verschiedene kleineFlaschen befanden. Diese Flaschen enthielten alles, was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, noch eine scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. Öfter und immer öfter aber war jetzt die Wirkung, auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die zerrütteten Nerven waren tot – es war nicht mehr möglich sie anzuregen. Er konnte nicht mehr genießen.
Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, von welchem er nur durch eine Portière getrennt war, hörte er ein Geräusch. – Richtig – man wartet da auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein Weib nach seiner Liebe. –
Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit Wochen nicht mehr genießen, – nicht mehr schlafen.
So müde, so todtmüde und doch keine Ruhe. –
Nicht mehr genießen und nicht mehr leben!
Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen sogar vor ihr – und nun?
Ja, nun war das Ende da, – nicht mehr genießen! Es war unmöglich; weder die Morphiumspritze, noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im Leben bot ihm noch irgend einen Genuß.
Die kleine Freundin war da, so scharf, so spitz, so vertraut. Vielleicht konnte sie ihm doch noch eine – noch eine letzte Freude gewähren!
Da war ein kleines Glas – das hatte er sich reservirt für das Ende; das Ende – ja das war doch nun da.
Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunstschlug ihm entgegen. Man kann Morphium höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auflösen, stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein Schmerz, als ob man ein Glied in glühende Kohlen legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut spritzt. Aber jetzt – du lieber Gott, war es denn nicht das Ende?
Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde dunkelroth, es war wie ein Brand. Aber es wirkte. Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes auseinanderfallen wollten, ließ nach. Er vermochte beinah wieder zu denken.
Noch einmal also! Er zog die Spritze zurück, sie rollte zur Erde.
Ja richtig, um sie wieder zu erlangen, muß man sich bücken.
Mit blöden Blicken stierte er darauf hin – wozu, wozu – wenn es doch nun einmal das Ende sein mußte?
Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig gehalten hätte! Herrgott, die Sache konnte doch nun nicht mehr lange dauern!
Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach seines Schrankes. Er hielt nun einen Revolver in der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an. »Der Tod ist der Sünde Sold« – es ging aber noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie doch?, wie doch?
Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. –Aber das Notizbuch? Aufstehen und es holen, oder sich bücken und die Spritze aufheben? Wozu? Wozu?
Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein Hirn, wie mit eisernen Schrauben fühlte er seine Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine tötliche. Aber für ihn doch wohl nicht. – – Das Ende, das Ende! –
Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr, seine Blicke verdunkelten sich. Langsam hob er den kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe, setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab. Dumpf krachte der Schuß in dem kleinen von Teppichen und schweren Stoffen verhängten Raum. –
Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt, dann stürzte sie vorwärts.
Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht lebte der Mann noch, der ihr den Schimpf angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen – es war ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie ihm. Sie sah das Kästchen mit seinem Inhalte von kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie darauf zu und mit einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen Gläser in ihrer Tasche verschwinden.
Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines Tisches, aber sie fand nichts mehr. Kaum eine Minute blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.
Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten fest. Er nahm an, daß Turnau in einem Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.
Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das der Todte bei sich trug, während er geglaubt hatte, es läge im Nebenzimmer. Der Professor hoffte eine Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen That darin zu finden.
Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der vergangenen Nacht trug. »Der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß er wünsche diesen Spruch auf seinen Grabstein setzen zu lassen.
Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. Sie las den Spruch und schlug wie verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht.
»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten Sie den Zusammenhang nicht ahnen, wissen Sie nichts – gar nichts?«
Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß Alles für sie auf dem Spiele stand – – ihre Ehre – – von allen Seiten ruhten neugierige Blicke auf ihr.
»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer sich. –
»Ah – also weiter brauchen wir nach Ihrer Morphiumquelle nun nicht mehr zu suchen, Turnau war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst ging zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«
Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein höhnisches Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihrins Gesicht, sie empfand eine leidenschaftliche Wuth, die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.
»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir denken, wenn Sie mich so fragen!«
Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen wie sonst – es war ihr nicht möglich. Der Professor empfand, daß er sich in irgend einer Weise nicht ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu gekommen sei, Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen Arzt zu sich zu bitten.
»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen Morphium weggenommen, den ich besaß,« erklärte sie rasch »nur durch ein heimliches Zusammentreffen mit Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu erlangen.«
»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm gewesen,« polterte Schrödter nun doch wieder los, »Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte darauf Rücksichten nehmen.«
Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem Schmerze ihre Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen Behandlung des Nervenarztes.
»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, mein Besuch war vergeblich,« sagte sie kurz.
»Ein Sterbender – das will ich glauben, – ich habe heute zum ersten Male bemerkt, wie krank er war – werfen wir keinen Stein auf den Todten.«
»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«
In athemloser Spannung hingen die Augen allerAnwesenden an den Lippen des Arztes. Schrödter sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen der Geheimräthin fern zu halten – er dachte an den Gatten der jungen Frau. Was für ein Heiligthum war diese Frauenehre für diesen Mann!
Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das Personal seiner Anstalt, das ihn jetzt fast vollzählig umstand.
»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend gewesen, heute früh fand ich ihn unzurechnungsfähig, er wird in der Aufregung, die seiner That voranging, kaum erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er Sie überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«
Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber er ließ mich im Salon warten, während er die entsetzliche That im Schlafzimmer vorbereitete; erst nach dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«
Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete nicht mehr so auf sie. Die Leute beschäftigten sich mit der Leiche, die Aerzte zogen sich zurück.
Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer Tasche die kleinen Gläser. Auf Jahre hinaus würden diese concentrirten Lösungen genügen, um daraus das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen, dessen sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz hüten, wie sorglich und vorsichtig wollte sie alles verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten Mal überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen Dingen Alles in Sicherheit bringen.
Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche Demüthigung vergessen, die sie erlitten hatte. Sie empfand auch keinen Schmerz über das jähe Ende des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt außer dem Genusse, und genießen konnte sie jetzt – maßlos, unbeschränkt, heimlich.
Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen und eilte die Treppe hinab. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf – fort, nur fort.
»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir gestatten, Sie zu begleiten,« Professor Schrödter stand plötzlich neben ihr, kalt und mißtrauisch sah er sie an.
O, wie sie ihn haßte – sie hätte ihn ins Gesicht schlagen, ihn von sich stoßen mögen, sie war fassungslos.
»Lassen Sie mich – der Schreck, die Aufregung – ich möchte allein sein.«
»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu begleiten, auch wenn Ihnen das direct unangenehm sein sollte.«
»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit wäre, wenn Sie darauf bestünden.«
Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch lassen. Aber er wich nicht von ihrer Seite. »Ich werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl zu rechtfertigen wissen.«
Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg zu ihr ein und fuhr an ihrer Seite ihrer Wohnung zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich lächelte über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immerbleicher, und in ihren Augen brannten verhaltene Thränen.
Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag trat und ihr verzerrtes, entstelltes Gesicht ihm entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen Anzuge.
»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner Frau geschehen? Lydia, wie siehst Du aus! Herr Professor erklären Sie doch – – –«
»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter mit überlegener Ruhe. »Unsere Kranke hat sich wieder Morphium zu verschaffen gewußt, es wird Ihre Aufgabe sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin sorgfältig durchsuchen und prüfen zu lassen, damit nichts eingeschmuggelt werden kann, was wir nicht wissen.«
»Lydia!«
Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes nicht mehr, denn sie war ohnmächtig zusammengebrochen bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.
Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den Wagen. Das junge Mädchen nahm rasch entschlossen die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und trug sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch zu nehmen, ins Haus.
Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. Behutsam wurde die Ohnmächtige niedergelegt, Fräulein Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.
Lydia kam dabei zur Besinnung.
Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten, das Fräulein aber wußte, um was es sich handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie sich nicht abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von den Schultern zu ziehen.
Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen, mit beiden Händen stieß sie das junge Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die Brust und sprang auf.
»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich nicht an, gegen Gewalt wehre ich mich mit Gewalt.« Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne schlugen wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit aufgerissen, man sah das Weiße um die Pupille herum.
Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie glaubte einer Wahnsinnigen gegenüberzustehen. Bleich und eingeschüchtert lehnte sie sich an die Wand.
»Gehen Sie,« herrschte die Geheimräthin das Dienstmädchen an. »Rufen Sie den Herrn,« rief das Fräulein ihr nach.
Einen Augenblick schien es, als wollte sich die Kranke in wildem Zorn auf das Fräulein losstürzen, aber es war nur eine rasche Bewegung. Geräuschlos bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die Thür und stürzte in ein anderes Zimmer, das sie sofort hinter sich abschloß.
Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn gemeldet, wie weit seine Frau sich gegen FräuleinWagner vergessen hatte. Professor Schrödter rieth nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das im Hause versteckte Morphium ohne Wissen der Erregten später zu suchen.
Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne noch einige Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging. Bremer war wie gebrochen über das Unglück, das über ihn hereinbrach.
Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und einem Laster zu fröhnen war in seinen Augen eine Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit Turnau. Vom sittlichen Standpunkte aus sah er darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie Lydia als Weib zu Turnau gestanden hatte, wußte er nicht, er glaubte darin den Versicherungen des Professors nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter ihn schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht niemals gewesen.
Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser junge Mann eine Dame in seiner Wohnung empfing, nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel in die Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib und Seele.
Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten Mann furchtbar. Er beschloß, unter allen Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jedenPreis; wie er sich nachher mit den Thatsachen abfinden würde, war ihm jetzt noch nicht klar.
Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche Sturm der Verzweiflung vorbei war.
Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner hielt ihr auch die Kinder fern. Gegen Abend machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche Visite bei der Geheimräthin; er gab ihr für die Nacht so viel Morphium, wie sie gewohnt zu sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er kein Wort.
Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem eigenen Hause von Spionen umgeben sei, sie warf einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen auf Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost, Turnaus Gläser gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt noch nicht wagen konnte, deren Inhalt zu prüfen und kennen zu lernen.
Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der Tag gebracht hatte, schlief sie in der Nacht wie todt und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als an dem Unglückstage vorher.
Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen Besuch machte, und versprach sogar, sich einigen seiner Anordnungen fügen zu wollen.
Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich, sich mit seiner Frau auszusprechen. Er konnte es nicht länger aushalten.
Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderteRechenschaft über die Ehre seines Hauses, die er in ihre Hände gelegt hatte, als er ihr seinen Namen gab.
Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere Frau befand sich in einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit. Bremer aber besaß zu wenig Verständniß für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge, um damit zu rechnen.
»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, vor Wochen und vor Jahren nicht auch schon gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst Morphinist, er verstand meinen Kummer über die Unmöglichkeit, mir das zu verschaffen, was ich brauchte, um froh und um glücklich zu sein. Hättest Du mir nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich verabscheue und von dem ich mich niemals behandeln lassen werde, aufgedrängt, so wäre heute noch Alles wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir wäre Aufregung und Aerger erspart geblieben.«
»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein Laster erniedrigt, daß Dich in der Achtung Deines Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner Dienstboten tief herabsetzt.«
»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein Wagner meinst, so will ich Dir doch nebenbei bemerken, daß ich diese arrogante Person zu entlassen gedenke.«
»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern unentbehrlich, so lange diese keine Mutter haben.«
»Du stellst diese Person über Deine Frau!«
Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er sah es, aber er begriff nicht, daß diese AnzeichenSchonung und Ruhe für ihre kranken Nerven forderten; er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten Zorn gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in seinem Hause unter seinem Schutze stand.
»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches Mädchen steht sittlich viel höher, als eine pflichtvergessene Mutter, die sich ihren Kindern entzieht, um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich kein Weib mehr, meine Kinder haben keine Mutter, und die Ehre meines Namens lag bis heute in den Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in seiner Erbärmlichkeit nicht anders enden konnte, wie er geendet hat, als Selbstmörder.«
Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches in ihren Augen, etwas wie verborgener Wahnsinn. »Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.
»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem Almosen, das er mir hinwarf. Ein willkürliches Gesetz gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, weiter nichts. O Gott, Arnold – muß ich Dir denn schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist, daß mich Turnau körperlich niemals berührt hat?«
»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an dir; du hättest dich vor die Hunde geworfen, um deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist nicht das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen Käufer finden.«
Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigungausgesprochen hatte. Die Verachtung hatte ihn überwältigt, maßlos wie seine Verzweiflung war der Vorwurf, den er erhob.
»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun auch äußerlich scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit Du heute früh Deine »Dienstboten« aufgehetzt hast, mir den einzigen Genuß zu stehlen, den das Leben an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«
Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen konnte. Wie aus weiter Ferne hörte sie ihre eigene Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch ohne Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers vom Nervensystem aus hinüber nach der Seele. Die Grenze, die das körperliche und das Gemüthsleiden trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der Zorn und die Qual der Verzweiflung wurden zur Krankheit. Sie konnte nicht mehr kämpfen, nur noch leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.
»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit auf. »Glaubst Du, daß ich an meinen Kindern das Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, ist mir heilig. Ich bin und ich bleibe Dein Gatte, nur der Tod kann uns scheiden.«
»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings für uns Beide nur einen Ausweg – tödte mich – es wird mit meinem Einverständniß geschehen.«
»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie Du. Dank dem krankhaften Zustande Turnausbist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn Du es auch innerlich bist durch den Willen zur Sünde. Kehre um, bereue, bessere Dich und beginne ein neues Leben.«
»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende Forderung an mich zu stellen? Ich war nicht Turnaus Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«
»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein Unglück, wie eine Krankheit will ich es bekämpfen.«
»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich zur Verzweiflung treiben, die mich sogar zur körperlichen Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, um eine Krankheit zu heilen?«
»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche Ueberraschung. Deine Tugend, Deine Vornehmheit, Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein Heiligthum und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund aufgethan hätte, der das Alles in seine Tiefe gerissen hat; mir ist, als ob ich selbst vor einem Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten muß.«
»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« rief sie außer sich. »Laß morgen durch die Gnade der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt kommen, die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, ehrenhaft, glücklich und frei da, wie zuvor. Nur der Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzeswürde ich und Tausende mit mir wieder ehrlich und froh sein.«
Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und griff in maßloser Wuth mit beiden Händen in sein graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie Schluchzen.
»Lydia – wenn morgen die Strafe für Mörder aufgehoben würde, würde dann der Mörder aufhören ein Verbrecher zu sein?«
Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet Anderen an Leib und Leben; der Morphinist schadet niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das ein neidischer Zwang ihm verwehrt.«
»Und schadet niemand?«
»Nein.« Sie sah ihn fragend an.
Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du glaubst, daß es nichts schadet, wenn ein Mensch plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu erfüllen, die ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet wohl nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann glücklich zu machen und ihre Kinder zu pflegen, in zwecklosem Genießen nur noch körperlich fortvegetirt, ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht nicht geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen?«
»Nicht essen? – Lieber Arnold, muß ich Dich daran erinnern, daß ich kein armes Mädchen war, das geheirathet hat, um versorgt zu sein? Unsere Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denndas Recht, mir vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung dafür mir erlaube – – zu essen?«
»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit Worten,« rief er außer sich, »es ist ein frivoles Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu durchkämpfen, wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen Kreis von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen sind. Nicht Jeder braucht um das tägliche Brod zu arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich für die Seelen ihrer Kinder, die sie dem ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen Lebenszweck haben, begreifst Du das nicht?«
Einen Lebenszweck – – wie eine Vision stand der Kirchhof vor ihrem inneren Auge; sie saß am Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen schimmerten auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. Neben ihr saß ein Mann, ein Freund, er verstand sie, und sie – sie liebte ihn. Er war jetzt hinübergegangen zu den Todten, und von ferne, aus einer anderen Welt, jenseits des Grabes, aus der Welt der Erinnerung drangen Worte an ihr inneres Ohr – Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist auch ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht – – – – – – – – –«
Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was jemand vorsagt, sprach sie sie aus, diese Worte des Freundes.
Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort doch nicht erwartet. Wie ein Schleier sank es ihm plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren, abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht für die Worte verantwortlich machen, die so abgerissen und ausdruckslos von den bleichen, zuckenden Lippen fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. – Mit furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, sie könne wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, in die sein rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt hatte.