The Project Gutenberg eBook ofMorphium: NovellenThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Morphium: NovellenAuthor: Adine GembergRelease date: February 1, 2021 [eBook #64442]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM: NOVELLEN ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Morphium: NovellenAuthor: Adine GembergRelease date: February 1, 2021 [eBook #64442]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)
Title: Morphium: Novellen
Author: Adine Gemberg
Author: Adine Gemberg
Release date: February 1, 2021 [eBook #64442]Most recently updated: October 18, 2024
Language: German
Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM: NOVELLEN ***
NovellenvonAdine Gemberg.
Berlin.S. Fischer, Verlag.1895.
Adine Gemberg.
In einer Ecke des städtischen Kirchhofes war großer Kehraus. Zusammengethürmt lagen dort welke Kränze und Palmen, alle gleichmäßig graubraun, als wären sie nie bunt und farbenprächtig gewesen. Hie und da sah das schmutzige Ende einer Atlasschleife oder eine schwarz gewordene Goldfranze aus dem Gewirr hervor. Alte Weiber mit braunen, welken Armen und häßlichen, gleichgültigen Gesichtern stachen mit Mistgabeln hinein in den Haufen ehemaliger Gaben der Pietät, oder vielleicht auch nur der Convenienz. Gedankenlos schleuderten sie die Kränze auf einen Karren, und ein altes, blindes Pferd humpelte mühsam damit fort, um die Abfälle des Friedhofes dahin zu bringen, wo aller Müll und Schutt aus der Stadt abgeladen wurde.
Mariä Himmelfahrt stand vor der Thür; deshalb war es nothwendig, den Kirchhof frei und sauber zu machen für die Aufnahme neuer Liebesgaben, neuer Kränze, neuer Palmen.
»Gelobt sei'st du Maria,« sagte eines der alten Weiber und riß die braune Guirlande von dem Steinbilde der heiligen Jungfrau los, um sie zu den übrigen Kränzen zu werfen.
»Und gebenedeiet in Ewigkeit, Amen,« fügte die andere Alte hinzu.
Dann grüßten sie beide ehrerbietig und traten zur Seite, um zwei Nonnen Platz zu machen, die mit Blumen und Kerzen erschienen, das Bild der Himmelskönigin zum Feste zu schmücken.
Die Schwestern beugten die Kniee vor der roh gearbeiteten Statue und begannen darauf, sie so freundlich und farbig wie möglich heraus zu putzen.
Eine schlanke, bleiche Dame in eleganter Sommertoilette betrat den Kirchhof. Sie grüßte das Marienbild und dann die Schwestern. »Zünden Sie auch für mich eine Kerze an,« sagte sie näher tretend und drückte ein Geldstück in die Hand einer der Nonnen. Darauf nickte sie den Schwestern zu und ging langsam nach der Reihe der Erbbegräbnisse.
Neugierig näherten sich die beiden alten Arbeiterinnen dem Gnadenbilde. »Was mag denn die Frau Geheimräthin für Kummer haben, daß sie eine Kerze opfert,« begann die Eine.
»Wer weiß denn, ob es wegen einer Fürbitte ist; so reiche Leute haben der Allerheiligsten nur zu danken und können nicht genug danken, wenn sie auch alle Tage zehn Kerzen opfern wollten,« meinte die Andere.
»Es ist wohl nur eine Festgabe zu morgen, die Geheimräthin Bremer ist eine liebe, gläubige Seele,« sagte die ältere der beiden Schwestern.
»Nicht einmal Kränze hat sie mitgebracht für die Gräber ihrer Eltern,« bemerkte wieder die Alte, derdie freundliche Äußerung der frommen Schwester durchaus nicht zu gefallen schien.
»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,« stimmte die andere Alte ihr bei, »fromm nennt man sie doch, wenn sie auch viel weniger thun als Andere, denen es sauer genug wird.«
»Die Fürsprache der Heiligen ist mehr werth als Gaben und Opfer,« verwies die jüngere der beiden Nonnen in strengem Tone. Darauf verließ sie mit ihrer Gefährtin den Kirchhof.
Die alten Weiber rafften mit ihren Mistgabeln eine zweite Karre voller Kränze zusammen; die Geheimräthin Bremer ging an ihnen vorbei und ließ sich müde und langsam auf einer kleinen Bank nieder, die zur Seite von zwei, mit schwarzen Granitplatten gedeckten Gräbern aufgestellt war.
»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« – Mit Goldbuchstaben war dieser Spruch in die glänzend schwarze Steinplatte eingemeißelt. Als unbesoldeter Stadtrath hatte der Mann, dessen Leib hier ruht, gewirkt. In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter eines großen industriellen Unternehmens seine Arbeitskraft in die Dienste seiner Mitbürger gestellt, nachdem er die eigenen Geschäfte in die Hände seines Sohnes gelegt hatte. Als er dann heimging, um an der Seite seiner vorangegangenen Gattin von den Werken des Lebens auszuruhen, erfuhr man, daß er in seinem Testamente fast alle wohlthätigen Anstalten seiner Vaterstadt mit Legaten bedacht hatte. Nun hatten ihm die dankbaren Mitbürger den Denksteingesetzt, auf dessen flimmernder Schrift die Blicke der einzigen Tochter sinnend ruhten. Die untergehende Sonne warf einen röthlichen Schein über ihr durchsichtig blasses Gesicht. Langsam hob sie die breiten dunklen Lider, die Augen entschleierten sich nur zum Theil, halb blieben die Lider über den unnatürlich weiten Pupillen liegen, was dem ganzen Gesichte etwas unbeschreiblich müdes, krankes gab. Sie richtete dann ihre Blicke gerade auf den untergehenden glutrothen Sonnenball, aber trotz des scharf einfallenden Lichtes zogen sich die Iris nicht zusammen, sondern blieben weit und dunkel geöffnet, wie bei manchen Blinden.
Langsam stellte sie die Füße auf den Rand von ihres Vaters Grab, lehnte sich zurück in der bequem geschweiften Bank und athmete mit Genuß die von Blüthenduft durchtränkte Luft des Sommerabends.
Eine himmlische Ruhe war um sie her. Duft, Wärme, Licht und Frieden. Wohin das Auge sah, waren herrlich gepflegte Blumen, freundlich schimmernde Steine mit Goldschrift und Kränzen bedeckt. Die Vögel zwitscherten in den Kronen der alten Bäume, es war so schön und so still an der Stätte des Todes, wie es selten da ist, wo das Leben mit all seinen Rechten noch herrscht.
Wie ein Gebet ging der Hauch des Windes durch Blumen und Blätter. Die scheidende Sonne verklärte den Garten des Herrn. Alle Inschriften flammten und leuchteten auf, auch die auf dem Grabe des altenStadtrathes: »Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.«
Mit nervöser Hast sah die junge Frau um sich her. Sie war allein, ganz allein mit den Toten. Ein befriedigtes Lächeln zeigte sich einen Augenblick auf ihrem Gesicht. Das gab ihren traurigen müden Zügen eine eigenartige Schönheit.
Sie hatte aus der Tasche ihres Kleides ein kleines schwarzes Etui und ein fest verkorktes Fläschchen genommen. Mit stiller, tief innerlicher Befriedigung sah sie auf den Inhalt des Fläschchens, der wasserhell und ganz unschuldig aussah. Nur einige kleine weiße Crystalle, die nicht ganz aufgelöst darin schwammen, zeigten, daß es eine starke Morphiumlösung war. Dieser kleine, so schwer zu erlangende Vorrath bildete einen überaus kostbaren Besitz für die junge Frau, an dessen Anblick sie sich erfreute und berauschte, ehe sie sich entschloß, das Fläschchen zu öffnen.
Langsam füllte sie die kleine Spritze – fünf Strich, – sechs Strich – nein, es war nicht möglich zu widerstehen, sie zog, bis die Glasröhre voll war. Dann verkorkte sie erst sehr sorgfältig das Fläschchen und überzeugte sich, daß der Verschluß wasserdicht war. Ein verlorner Tropfen war ja unersetzlich.
Vorsichtig schob sie das Kleinod in die Tasche des Kleides zurück. Erst als es da in Sicherheit war, steckte sie mit energischem Druck die Nadel auf das kleine Instrument. Ihre Hände zitterten dabei, theils in der Vorfreude des zu erwartenden Genusses,theils in der Schwäche, in der das Bedürfniß nach diesem Genusse beruht.
Sie schob den Aermel ihres Kleides vom Handgelenk zurück. Ein Leinwandstreifen wurde sichtbar. Sie riß ihn rasch los. Der kleine Verband bedeckte eine breite, wenn auch nicht tiefe Wunde, die durch den Morphiumgebrauch entstanden war. Seit Jahren bedurften die kranken Nerven des anregenden Mittels, und um die Schönheit ihrer Arme nicht zu opfern, hatte sie diese eine Stelle ganz preisgegeben. Der mißhandelte Körpertheil wehrte sich zwar durch Schmerzen und anhaltende Eiterung gegen das ihm aufgezwungene Gift, aber schließlich wurde die Stelle doch ziemlich unempfindlich.
Sie senkte auch jetzt, wie immer die Nadel hier ein. Ein leichter Schmerz zog für einen Augenblick ihre Brauen zusammen, aber das dauerte nicht lange. Der Inhalt der Morphiumspritze verschwand unter der Wunde, der Leinwandstreifen bedeckte rasch wieder die Stelle. Sorgfältig reinigte sie mit einem kleinen Stück Draht das gebrauchte Instrument, dann klappte sie das Etui zu, steckte es ein und lehnte sich gegen den Rücken der Bank, um die Wirkung zu erwarten.
Mit wonnigem Behagen fühlte sie, wie ein berauschendes Empfinden ihr Gehirn, ihre Glieder erfüllte und zugleich lähmte. Alle Wünsche, alle Bedürfnisse des Körpers und Geistes lösten sich in Befriedigung und süße Mattigkeit. Der kranke stumpfeAusdruck der Augen schwand und machte einem lebhaften, sprühenden Blicke Platz. Die Nerven wußten nichts mehr von Abspannung und Schwäche.
Sie hätte jetzt auf jedem Feste glänzen, jede Arbeitsleistung übernehmen können. Dabei waren ihre Glieder aber doch schwer, so daß sie es entschieden als Annehmlichkeit empfand, zu keiner Bewegung genöthigt zu sein. Nur der Kopf war leicht und frei – so frei, so klar, als ob ein vorher auf dem Gehirn lastender Druck plötzlich entfernt wäre. Sie hatte Durst empfunden, das war jetzt vorbei, sie fühlte sich wohl, namenlos wohl und zufrieden. Ihr vorher gelblich blasses Gesicht nahm etwas Farbe und Wärme an, sie drückte die kühlen, weißen Finger gegen ihre Wangen. Dann zog sie langsam, gedankenlos lächelnd die Handschuhe wieder an, die auf der Bank lagen.
Sie hatte den Augenblick für ihren Genuß gut gewählt, denn mit der, vorher herrschenden Ruhe war es nun vorbei. Ein Leichenwagen fuhr durch das große Portal, hielt vor der Kapelle, und ein Sarg wurde zu einer offenstehenden Gruft getragen. Viele Menschen folgten; der Geistliche begann eine Rede, und wenn die einsame Frau auch davon nichts hören konnte, so war sie in ihrem Alleinsein dennoch gestört.
Außerdem näherte sich ihr jetzt auch ein Herr, der geradeswegs auf sie zukam.
»Was für ein entzückendes kleines refuge Sie hier besitzen, Sie sind zu beneiden, gnädige Frau,« begann er, sie begrüßend.
Sie sah lächelnd zu dem großen blonden Manne empor. »Es sind die Gräber meiner Eltern, Herr Doctor Turnau,« antwortete sie mit einer einladenden Bewegung auf die freie Hälfte der Bank deutend.
Er nahm sofort augenscheinlich erfreut Platz. »Ist das Stück Rasen, auf dem diese Bank steht für Sie reserviert, gnädige Frau?«
»Nein, die Eltern kauften es für meine unverheirathete Schwester. Elise wird voraussichtlich einsam bleiben, bis sie den Rollstuhl mit dem Sarge vertauscht. Für meinen Mann und mich ist noch Platz im Bremerschen Erbbegräbnisse.«
»Ich finde, es hat einen ganz eigenen Reiz, genau die Stätte zu kennen, die uns einmal bestimmt ist,« bemerkte er, indem er den leichten Sommerhut abnahm und das blonde Haar aus der hübschen weißen Stirn strich. Sie lachte: »Das ist wieder eine von Ihren paradoxen Ansichten, mit denen Sie sich manchen Menschen vielleicht interessant machen, andrerseits aber sich nicht nur Widerspruch zuziehen, sondern auch viele ungünstige Urtheile über sich hervorrufen.«
»Ah – ein offenes Wort, ich danke Ihnen dafür, gnädige Frau. Die ungünstigen Urtheile muß ich zu tragen wissen, aber ich strebe weder darnach Widerspruch zu erregen, noch mich interessant zu machen. Nur aus einer nervösen Beunruhigung heraus empfinde ich zuweilen das Bedürfniß, irgend einen Gedanken, selbst einen sonderbaren Gedanken auszusprechen, wenn er mir grade durch den Kopf geht.«
»Dieses Bedürfniß ist natürlich,« antwortete sie,»viel natürlicher für einen gut situirten Mann Ihres Alters, als der Wunsch, die Stätte zu kennen, an der Ihr, jetzt so jugendkräftiger Körper einst zu Staub werden wird.«
Ein trübes Lächeln glitt über die Züge des jungen Mannes. »Dieser jugendkräftige Körper ist der Auflösung und Verwesung näher, als es den Anschein hat. Wenn wir morgen übers Jahr Mariä Himmelfahrt feiern, brennen vielleicht auch für mich schon die Kerzen auf dem Altar.« –
Sie sah ihn ruhig und forschend an. »Warum spielen Sie mit dem Gedanken an das Ende des Lebens?« fragte sie ernst. »Glauben Sie nicht, daß auch für Sie noch Stunden der Befriedigung und des Genusses möglich sind, die mit dem Tode aufhören müssen?«
Wie sie ihn so ansah, leuchtete der rothe Strahl der Sonne in ihre erweiterten Pupillen hinein, er sah aufmerksam darauf hin, dann lächelte er: »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mich mit einer moralischen Bemerkung verschont haben. Ich war eigentlich schon darauf gefaßt gewesen. Sie haben übrigens recht, ja – auch ich glaube noch an Stunden des Genusses, an Momente höchster, auf Erden möglicher Befriedigung. – Was ich damit meine, verstehen Sie sicherlich, denn ich sehe, Sie gebrauchen Atropin. Bitte, versuchen Sie nicht, den Mediciner darüber zu täuschen, Sie gebrauchen Atropin, um die Einbuße an Schönheit, die das Auge des Morphinisten erleidet, damit auszugleichen.«
Sie senkte betroffen den Blick. »Ja, ich gebrauche Atropin,« entgegnete sie zögernd, »aber nicht aus Eitelkeit, wie Sie vielleicht annehmen. Wenn Sie selbst Morphinist sind, so wissen Sie auch, daß die Koketterie des Weibes ebenso wie der Ehrgeiz des Mannes in der Seele des Morphinisten erlischt.«
Er nickte verständnißvoll. »Gewiß gnädige Frau,« entgegnete er, »ich billige den an sich gefährlichen Atropingebrauch, weil er Ihnen den Dienst leistet, Ihre Umgebung über Ihren Morphinismus zu täuschen. In Ihrem Falle ist gewiß keine Koketterie im Spiele. Sie riskiren Ihr Augenlicht, aber Sie müssen es ja. Wer gönnte Ihnen den Genuß, der Ihnen unentbehrlich ist, und wer verdiente wohl in Ihr Geheimniß eingeweiht zu werden? Sie sind, wie alle Morphinisten gezwungen, eine Umgebung zu täuschen, die getäuscht sein will.«
Erleichtert athmete Lydia auf. Es that ihr unsagbar wohl, verstanden zu werden. Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft, im günstigsten Falle Mitleid mit einem krankhaften Zustande hatte sie überall angetroffen, wo sie es je gewagt hatte, leise Andeutungen über die Erbitterung zu machen, die sie oft empfand, wenn es ihr fast unmöglich erschien, sich Morphium zu verschaffen. Die Aufregung dieser Erbitterung brachte sie dann zuweilen zum Sprechen.
»Sie finden also meine Schwäche nicht unbedingt unmoralisch, Herr Doctor?« fragte die junge Frau.
»Im Gegentheil,« antwortete er lebhaft. »Alle Religionsstifter der Welt empfehlen den Menschen, ihreLeidenschaften zu bekämpfen. Die natürliche Beschaffenheit unserer Nerven setzt diesen Bestrebungen unüberwindliche Hindernisse entgegen. Das Morphium allein besiegt die Leidenschaften in jeder Brust. Wenn ein neuer Prophet seinen Anhängern zur Bekämpfung ihrer natürlichen, menschlichen Triebe Morphium zur freien Verfügung stellte, so würde er bald eine Gemeinde um sich sehen, der jedes Laster fremd wäre.«
»Ich habe augenblicklich nicht genug Morphium genossen, um dem kühnen Fluge einer prophetischen Phantasie bis zu dieser Höhe folgen zu können,« bemerkte Lydia lächelnd, erstaunt den leidenschaftlich erregten Mann ansehend.
»Soll ich Ihnen geben, was etwa noch fehlt?« fragte er eifrig.
Sie nickte glückselig und sah erwartungsvoll zu ihm auf.
»Wie viel Procent gebrauchen Sie, gnädige Frau?«
»Sechs,« gestand sie mit ängstlichem Zögern.
»Da steht Ihnen also noch manche herrliche Steigerung bevor,« sagte er seufzend und zog aus seiner Brusttasche ein kleines Glas. Wie wenig er ihr gab, das war ja fast nichts – ah diese Enttäuschung –! War das ein Scherz oder – – –
Da ging es wie ein Ruck durch all ihre Nerven – wie ein Schlag traf die ungekannt starke Lösung ihr Gehirn. Sie griff nach der Stirn und dann nach der Brust. Es rieselte ihr unter der Haut wie Sand, ein angstvolles Unbehagen erfaßte sie.
Er sah, wie kalte Schweißtropfen auf ihre Stirn traten und wie ihr Gesicht sich entfärbte. »Habe ich Ihnen zu viel gegeben, gnädige Frau?« fragte er.
»Nein,« stammelte sie halb bewußtlos, »bitte beobachten Sie mich nicht, es wird mir schon wieder wohl – sehr wohl. –«
Ihre Hände zitterten, wie sie das sagte, wie aus weiter, weiter Ferne hörte sie ihre eigene Stimme – die Steigerung des Genusses! –
»Ich schreibe ein Buch über den Mißbrauch der verschiedenen Narkotica und mache zu dem Zwecke meine Beobachtungen, bitte entschuldigen Sie daher den indiscreten ärztlichen Blick,« sagte er höflich.
»Ein Buch?« – Sie nahm alle Willenskraft zusammen, um zu sprechen, als sei nichts geschehen. Er sollte nicht denken, die Dosis sei zu stark für sie gewesen; sie wußte nicht, daß sie den Ehrgeiz, recht viel vertragen zu können, mit all ihren Leidensgenossen theilte.
»Ein Buch,« – wiederholte sie noch einmal langsam und mit schwerer Zunge. Es war ihr, als hätte sie Sand im Munde, sie konnte kaum sprechen, aber sie sprach nun doch. »Wollten Sie Ihrer ärztlichen Thätigkeit nicht entsagen, sagten Sie das nicht kürzlich?«
»Nein,« entgegnete er, »vorläufig muß ich noch als Assistenzarzt in der Nervenheilanstalt thätig sein. Ich habe keine Privatpraxis, und der Chef läßt mir so viel freie Zeit wie möglich. Er interessirt sich selbst für meine Arbeit, zu der mir meine Erfahrungenin seiner Anstalt den Stoff bieten. Nach Fertigstellung meiner Broschüre werde ich allerdings meine jetzige Stellung verlassen.«
»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?« O wie mühsam brachte sie die Worte über die Lippen!
»Ich will gar nichts werden,« antwortete er dumpf. »Mein Buch,« – er lachte in sich hinein, es war ein so eigenes Lachen, daß Lydia selbst in dem Taumel ihrer Sinne davon erschreckt den Kopf hob.
»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«
»Ach, Verzeihung, es kann ja niemand wissen, wie komisch ich mir das denke, wenn einmal, natürlich nach meinem Tode, der kluge Professor, der den Morphinismus mit allen Waffen der Wissenschaft bekämpft, das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen wird.«
»Aber weshalb schreiben Sie denn das Buch, wenn Sie den Standpunkt der anderen Nervenärzte nicht zu theilen vermögen?« fragte Lydia, sichtlich unangenehm berührt von dem sonderbaren Benehmen ihres Gefährten.
»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest gegen das Verbot des freien Verkaufes der narkotischen Mittel,« sagte er nun beinahe feierlich. »Persönlich leide ich nicht unter diesem Verbote, denn ich bin Arzt, aber ich kenne die Verzweiflung und den Jammer des Morphinisten, der sich der Unmöglichkeit gegenüber sieht, sich Morphium zu verschaffen.Anständige, hochachtbare Leute greifen in ihrer Verzweiflung zu den ehrlosesten Mitteln, und von diesem Jammer will ich sie zu erlösen versuchen. Ich habe ein Material gesammelt, welches entsetzliche Schlaglichter auf diese Zustände wirft. Gegen das Versprechen ihnen zu helfen, für ein einziges Rezept haben zahlreiche Unglückliche mir gebeichtet. Ach – ich weiß, wie tief sich einige, sonst reine, unnahbare Naturen gedemüthigt haben, um durch Bestechung, durch Betrug, einerlei wie, zu dem zu gelangen, was sie bedürfen, wie der Hungrige Brod bedarf, um sich zu erhalten.«
Sie erhob sich halb und sah mit gefalteten Händen zu ihm herab. »Sie wollen helfen, Sie könnten helfen – o Gott Herr Doctor, nein, nein, Sie können auch den Wall von Härte und Verständnißlosigkeit nicht niederreißen, an dem Tausende rütteln und an dem Alle, Alle ohnmächtig abprallen.«
»Ob ich es kann, weiß ich allerdings nicht, aber ich will es wenigstens versuchen,« sagte er, etwas zur Seite rückend, so daß sie wieder Platz nehmen konnte.
»Ich will wenigstens vor der Welt die dunklen Wege erhellen, auf die man mit erbarmungsloser Härte eine Menge kranker Menschen gedrängt hat. Ich will es zeigen, wohin ein Gesetz führt, das nur dazu da ist, umgangen zu werden, weil es nicht befolgt werden kann. Die ganze Kraft meiner geistigen Fähigkeiten stelle ich in den Dienst dieser Aufgabe, dieses Strebens, das mir edel und würdig erscheint, weil es dem willkürlich Unterdrückten, der nichtsverbrach, zu Hülfe kommen will. Die Menschheit soll darüber aufgeklärt werden, wie weit die Bevormundung der Polizei geht, und auch Nicht-Morphinisten hoffe ich für die Frage zu interessiren, die ihnen jetzt gleichgültig ist.«
»Und dann?«
»Und dann?« Träumerisch wiederholte er die bange Frage, die sie leise aussprach. »Ja dann, gnädige Frau – zu Ende führen werde ich den Kampf nicht. Ich kann nur noch so lange leben, wie ich zu genießen vermag. Nennen Sie es Egoismus, Krankheit, Schwäche, wie Sie wollen, aber wenn einmal die Stunde kommt, in der meine Nerven aufhören zu reagiren, die Stunde, in der auch die letzte Steigerung und Komplication nicht mehr zum Genusse führt, dann lege ich die Feder aus der Hand. Mit dem Leben hört auch die Verpflichtung auf, weiter zu kämpfen.«
»Mit dem Leben?«
»Natürlich, liegt denn nicht das Ende des Lebens ebenso in unserer Hand, wie der Genuß, dem wir uns ergeben?«
Sie schauderte doch bei dieser letzten Consequenz, zu der er so leicht und ruhig gelangte. Sie befand sich ja auf demselben Wege wie er. »Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen«. – Wie Feuer tanzten die Buchstaben der Inschrift vor ihren Augen. Genuß, Genuß des Lebens, und dann das Ende. Das Leben fortwerfen, das nichts mehr bietet, tönte es neben ihr. Sie glaubte, alles drehe sich im Kreiseum sie her, nur der schwarze Grabstein vor ihr stand fest in dem Wirbel, aber er glühte und flammte von der untergehenden Sonne beleuchtet, es that ihr weh, darauf niederzusehen.
Vorher hatte sie sich so leicht, so frei gefühlt, und nun dieser Schwindel und dieser Druck um die Stirn, wie von einem eisernen Bande. Das war also die Steigerung ihrer Genüsse.
»Ist das ein Lebenszweck, Genuß, nur Genuß, der sich steigert, bis er aufhört, weil der Körper versagt?« fragte sie leise.
»Gewiß, Frau Bremer, der Genuß ist ebenso gut ein Lebenszweck, wie die Arbeit,« sagte er, »es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen Grundsätze damit in Einklang zu bringen versteht. Indirect dient so mancher ausschließlich dem Genusse des Lebens. Der Künstler schafft seinen Nebenmenschen und sich selbst geistige Genüsse, Andere wieder begnügen sich damit, sich in den Dienst des materiellen Behagens zu stellen. Es giebt aber noch ein Drittes im Menschen, das außer den groben Organen des Körpers, außer dem Geiste, fähig ist zu genießen, das sind die Nerven. Warum soll ich nicht meinen Lebenszweck darin suchen, Anderen zugänglich zu machen, was mir eine so große Befriedigung der Nerven bringt? Es haben schon Leute sich mit geringeren Aufgaben für ihr Dasein begnügt, und ich habe nicht umsonst gelebt, wenn ich auch nur einen Stoß führe, der das Gesetz in's Schwanken bringt, das ich bekämpfe.«
»Ich wollte, ich könnte an Ihren praktischen Erfolg glauben, Sie kämpfen ja gegen eine empörende Ungerechtigkeit.«
»Der Droguist, der Arzt, selbst Krankenwärterinnen vermögen sich stets Morphium zu verschaffen. So lange es unter einigen dieser Leute Armuth und Bestechlichkeit giebt, wird das süße Gift auch käuflich bleiben, indirect käuflich, – allerdings nur um sehr hohen Preis.«
»Ich glaube auch, daß es dem Unbemittelten sehr häufig positiv unmöglich gemacht wird, die Hindernisse zu besiegen, die das Geld überwindet. Ist das nicht auch eine soziale Seite unserer Frage?« meinte Turnau.
»Der Arme hat den Alkohol,« wandte sie ein.
»Den Alkohol? Ja,« er wurde bitter, fast leidenschaftlich in seinem Ton. »Die Genußsucht des Volkes ist eben eine brutale Macht, der man nicht mit einem einfachen Verbot des Verkaufs begegnen kann. Feinere Nerven brauchen raffinirtere Genüsse. Der Alkohol verhält sich zum Morphium wie ein bluttriefender Schauerroman zu einer geistvollen psychologischen Studie. Das Leben ist so öde und traurig; die Mittel, die es erträglich machen können, sollte man nicht beschränken.«
Sie sah müde zu ihm auf. »Oede und traurig,« wiederholte sie sinnend. »Nein, ich kann das eigentlich von meinem Leben nicht behaupten; mein Mann ist sehr rücksichtsvoll und die Kinder – aber Sie, wieso finden Sie Ihr Dasein nicht nach Ihren Wünschen?«
Er antwortete nicht, und sie empfand es unbehaglich, daß sie den jungen Mann beinah zu einem persönlichen Vertrauen aufgefordert hatte, das er ihr nicht in der freundschaftlichen Weise entgegenbrachte, in welcher er sich bisher gegen sie ausgesprochen hatte.
»Befinden Sie sich jetzt wohler, gnädige Frau?« fragte er nach einigen Minuten des Schweigens.
»O vollkommen wohl,« versicherte sie rasch aufstehend.
Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn unbefangen an. Er bemerkte in diesem Augenblicke, daß sie elegant gekleidet war. Ihre Anmuth und Grazie berührten ihn sympathisch, aber es lag ihm fern, sich in das schöne Weib eines Anderen zu verlieben. Nicht sein sittliches Bewußtsein schützte ihn davor; es hatte Zeiten gegeben, wo er den Vortheil seiner Lage erkannt und benutzt haben würde, aber diese Zeiten waren vorüber. Wie eine Lähmung lag der gewaltige Einfluß des Morphiums und des Aethers auf seinen Nerven und Sinnen.
Auch Lydia, die Gattin eines älteren, pedantischen, trockenen Mannes, dachte nicht daran, daß in ihrem vertraulichen Verkehr mit dem jungen Arzte irgend etwas Unerlaubtes sein könne. Aber auch sie handelte nicht in vollem Bewußtsein tugendhafter Ehrbarkeit, sondern ebenfalls unter dem Einflusse einer krankhaften Abstumpfung ihrer natürlichen Gefühle und Triebe.
»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen,« sagte sie leise mit einem Abschiedsblicke nach ihres Vaters Grab.
»Wenn ich mein Vermögen der Stadt hinterlasse, bekomme ich am Ende auch einmal eine so schöne Grabschrift,« scherzte Turnau. Es war wieder das, was Lydia kokettiren mit Weltschmerz und Todesahnungen nannte. Andere urtheilten noch härter über diesen eigenthümlichen Characterzug des jungen, wohlhabenden Mannes. Man hielt ihn im allgemeinen auch nicht für so krank wie er war, und sah in dem aus seinem Wesen sprechenden Lebensüberdrusse nur die Folgen einer übermäßigen Blasirtheit, der nichts mehr genügte, was sich an Genüssen des täglichen Lebens ihm bot.
»Soll ich dafür sorgen, daß man auch Sie nach Ihrem Tode zu den Gerechten erhebt?« fragte Lydia, lächelnd auf seinen Ton eingehend.
»Es wäre unbescheiden, gnädige Frau; für einen armen Morphinisten wird sich schon noch ein demüthigeres Verslein finden.« »Wohl der Menschheit, wenn jeder seine Grabschrift verdient hätte,« antwortete sie, mit einem Blick über alle die Kreuze und Steine hinschweifend, die in steinernen Lettern so viel von Liebe und Tugend zu erzählen wußten, wie man im Leben wohl selten beisammen finden wird.
Dann trat sie auf das Weihwasserbecken zu, bekreuzte sich mit dem Wasser, verließ an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm zusammen in ihrem Wagen, der auf sie gewartet hatte, nach Hause.
Vor der Bremerschen Villa dehnte sich ein von Rosenbeeten unterbrochener Rasen aus, dessen Mitte ein zierlicher Springbrunnen bildete. Eine Allee vonKastanienbäumen führte zu dem etwas von der Straße zurückliegenden Gebäude und an demselben vorbei nach dem dahinter liegenden Garten.
Auf dem Kieswege unter den schattigen Bäumen spielten zwei hübsche Kinder unter der Aufsicht einer Bonne. Als sie ihre Mutter aus dem Wagen steigen sahen, wollte das junge Mädchen sie zu der Ankommenden führen, um diese zu begrüßen. Die Kinder aber hingen sich an ihre Pflegerin und steckten die Köpfe in die Falten des einfachen schwarzen Wollkleides, welches das Fräulein trug.
Die Bonne versuchte, sich von ihnen los zu machen und zeigte bei diesen lebhaften Bewegungen, in dem eng anschließenden, schlichten Kostüm eine vollendete Grazie. Sie war tadellos gewachsen, jede Bewegung war schön, so daß Turnau, der sonst wenig Sinn für weibliche Reize hatte, davon ganz betroffen war.
»Wer ist die junge Dame?« fragte er leise.
»Fräulein Wagner, eine Fröbel'sche Kindergärtnerin, erst seit kurzer Zeit bei mir,« sagte die Geheimräthin; dann begrüßte sie die Kinder, die endlich widerstrebend, mit scheuen Blicken auf den Begleiter ihrer Mutter, herbeikamen.
Auch das Fräulein begrüßte jetzt ihre Herrin. Das Gesicht des jungen Mädchens war breit und gewöhnlich. Die Züge waren grob, selbst die freundlich blickenden grauen Augen zu klein und zu tief liegend, um dem Gesichte irgend welchen Reiz geben zu können. Trotz der schönen Gestalt war das Mädchen nicht hübsch, nur die Lippen waren blühend undroth, die Zähne glänzend weiß, und ein Ausdruck von Jugendlust, Frohsinn und Güte verklärte die ganze Erscheinung.
»Mein Gott, Fräulein, wie albern sich die Kinder noch immer benehmen, wenn Gäste da sind, gewöhnen Sie ihnen das doch ab,« tadelte die junge Frau.
Die Bonne schwieg, sie wußte nur zu wohl, daß die Kinder sich jedesmal weigerten, wenn sie ihre Spiele verlassen sollten, um auf einen Augenblick der Mutter zugeführt zu werden.
Mit nervöser Hast streichelte Lydia die rosigen Gesichter und die feuchten Blondhaare der Kleinen. »Wie sie erhitzt sind, ist es hier denn so heiß?« wandte sie sich wieder an Fräulein Wagner.
»Wir haben Federball gespielt, gnädige Frau, wir waren so sehr vergnügt dabei und haben uns so oft gebückt, davon sind wir so roth.«
Dabei strahlten die Augen des jungen Mädchens und der Mund schien ein schelmisches Lächeln kaum unterdrücken zu können.
»Es ist gut Fräulein, beschäftigen Sie die Kinder aber jetzt ruhiger,« entschied die todtenblasse Frau. Dann wandte sie sich mit ihrem Begleiter von der heiteren Gruppe der an das Mädchen geschmiegten Kinder ab.
»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?« fragte sie dann den Doktor, der Hausthür zugehend.
»Es ist mir unmöglich, gnädige Frau, ich bin nicht wohl genug dazu.«
»So danke ich Ihnen um so herzlicher für Ihre Begleitung.«
»O bitte, das ist kein Umweg für mich, außerdem will ich Ihnen auch im Vertrauen gestehen, gnädige Frau, daß der kurze Aufenthalt in Ihrem Garten für mich ein Genuß war.«
»Ein Genuß? Ah – da wäre ich doch begierig.«
»Ja, auf die Gefahr hin, daß Sie mich auslachen. Es war ein Genuß für mich, Ihr neues Kinderfräulein zu sehen.«
Ein sehr erstaunter Blick der Geheimräthin suchte das junge Mädchen. »Fräulein Wagner ist vorzüglich gewachsen, sonst aber doch beinahe häßlich zu nennen,« meinte sie dann.
Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden, schwermüthigen Blicke der blühenden Mädchengestalt. »Sehen Sie einmal das glatte, glänzende, natürliche Haar an, gnädige Frau.«
Lydia lachte auf. »Aber bester Doctor, dieses schlichte, glatt zusammengedrehte braune Haar ist doch etwas außerordentlich Gewöhnliches, was finden Sie denn daran so schön?«
»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs bedingt,« antwortete er nachdrücklich. »Ich behaupte durchaus nicht, daß diese junge Person schön sei; ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch und durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische und Kraft umgiebt sie und macht sie reizend.«
»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte noch immer an dem Ernst seiner Worte.
»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,« antwortete er. »Alles, was mich umgiebt, ist krank und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind zum größten Theil überarbeitet und nervös, die meisten Collegen sind noch nicht in den gewissermaßen behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eingetreten, sie arbeiten mit Feuereifer, keiner schont sich. Die entsetzliche Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele von uns bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger, geistiger Anstrengung künstlicher Anregungsmittel. Es vergehen oft Tage, an denen ich factisch keinen einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, – ist es da nicht erklärlich, daß ein solches Bild blühender jungfräulicher Frische und Kraft für mich etwas sehr Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die rothen ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht an Blutarmuth – ah, die ist schön!«
»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von Herzen, lieber Freund. Möchten Sie sich dadurch veranlaßt fühlen, die Villa Bremer nicht mehr so zu vernachlässigen, wie es bisher geschah.«
»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß demnächst Gebrauch machen, gnädige Frau.«
Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick die wachsbleiche Hand der Morphinistin, verbeugte sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ darauf den Garten.
»Bitte, liebes Fräulein, besorgen Sie mir etwas Himbeerwasser,« sagte Lydia zur Bonne, dann setztesie sich auf einem bequemen Gartenstuhl und nahm ihr zweijähriges Töchterchen auf den Schooß.
»Der dumme Onkel« sagte der kleine Knabe, sich jetzt auch der Mutter nähernd mit einem zornigen Blick nach der Thür, hinter der soeben Doctor Turnau verschwand.
»So etwas sagen artige Kinder nicht,« tadelte die junge Frau.
Jetzt erschien die Bonne wieder mit der gewünschten Erfrischung im Garten. Hinter ihr ging der Geheimrath Bremer, ein schlanker, eleganter Mann mit schon leicht ergrauendem, dunklen Haar.
»Wie kam denn dieser blasirte Turnau dazu, Dich zu begleiten?« fragte er, neben seiner Gattin Platz nehmend. »Er hält es doch sonst für tief unter seiner Würde, ein weibliches Wesen mit seiner interessanten Unterhaltung zu beglücken.«
»Ich traf ihn zufällig auf dem Kirchhofe, und wir unterhielten uns so angenehm, daß mir seine Begleitung natürlich erschien.«
»Wie kann dieser unnatürliche, gezierte Mensch eine vernünftige Frau angenehm unterhalten,« sagte Bremer beinahe ärgerlich. »Unter Männern ist seine Unterhaltung gar nicht geschätzt, das kann ich Dir sagen. Jung und sorgenfrei wie er ist, sucht er etwas darin einen Pessimismus zur Schau zu tragen, der eines Greises würdig wäre, dem alles im Leben gescheitert ist. Er leugnet jeden Genuß, jeden Glauben, er leugnet die Liebe, er widerspricht der Natur – – –«
»Mit einem Worte, er ist Dir unsympathisch,« unterbrach Lydia ihren Mann.
»Gewiß, das ist er mir und vielen anderen Leuten. Gefällt Dir zum Beispiel dieses Andeuten einer geheimnißvollen Krankheit, dieses Spielen mit dem Gedanken an Tod und Grab – – –«
»Vielleicht fühlt er die Annäherung eines Gemüthsleidens.«
»Ach was, Gemüthsleiden. Davon hat er Dich wohl unterhalten? Er hat nichts zu thun, da steckt die Wurzel des Uebels. Wenn er wie andere junge Aerzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und auf Patienten warten müßte, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so würde er wohl frei bleiben von seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du, daß es unter Umständen sogar ein Unglück sein kann, wenn Eltern ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen.«
Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah, daß Fräulein Wagner mit dem größeren etwa vierjährigen Bruder fortgehen wollte, ohne sie mitzunehmen.
»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit,« sagte Lydia.
Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens hoben die Kleine hoch empor, jauchzend legte das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle Wange, dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne.
»Eine allerliebste, frische Person,« bemerkte derGeheimrath, »ich glaube, wir haben da einen glücklichen Griff gethan.«
»Auch Turnau fand sie reizend,« sagte Lydia lachend. »Was für ein Geschmack – dieses Vollmondsgesicht!«
»So! – Turnau auch? Solch einen unverdorbenen Geschmack hätte ich diesem Wüstling nicht zugetraut,« meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er wird keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf zu setzen; sonst wäre das Mädchen am Ende dumm genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu verlieren.«
»Was für eine Idee!«
Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes unbegreiflich trivial. Warum sollte es denn nicht möglich sein, daß ein junges Mädchen einem Manne gefiel, ohne daß das Herz dabei gleich in Frage kam.
Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade leer, denn die Nachwirkung des Morphiums ist Durst.
Ein Diener brachte dem Geheimrath Zeitungen und Briefe. Bald war der Hausherr in seine Lectüre vertieft, während die junge Frau sich leise erhob, um ihr Zimmer aufzusuchen. Dort vertauschte sie ihre Straßentoilette mit einem bequemen Hauskleide und legte sich nieder, einer bleiernen Müdigkeit, die in ihren Gliedern lag, nachgebend.
Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte allmählich dahin geführt, daß Lydia Bremer mit freiem Kopfe, ohne irgend welche Nachwirkungen des Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher etwas mehr als die gewöhnliche Dosis ihres Mittels gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr Turnau gegeben hatte, mußte doch wohl weit über das Maaß hinausgehen, an das sie gewöhnt war.
Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt das Hochamt zu besuchen, das um 9 Uhr früh statt fand. Das Stubenmädchen brachte ihr deshalb den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst in ihr Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf, um nach dem Servirbrett zu greifen; aber als sie den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort, von heftigem Schwindel erfaßt, wieder zurück. Sie empfand dabei keinen Schmerz, nur eine drückende Benommenheit des Kopfes. In rasendem Wirbel schien sich alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit erfaßten ihren ganzen Körper.
Sie schloß die Augen, um sich von diesem Zustande zu befreien; es war vergeblich. Vorsichtig, ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer kleinen Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kaum vermochten die unsicher tastenden Hände das Morphiumglaszu entkorken. Nach dem Gebrauche des Mittels aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie konnte sich aufrichten, der Schwindel ließ nach, aber so wie sonst war es doch immer noch nicht. Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Male zum Morphium.
Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch ihre Nerven. Sie streckte sich lächelnd aus, genoß mit Bewußtsein die nun eintretende eigenthümliche Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den Kindern hereinkommen, erfreute sich an dem Jubel der Kleinen bei den munteren Spielen, die das junge Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die fröhliche Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette beenden zu können.
Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum Kirchgang. Sie trug ein hellgraues Kleid, das zu ihrem Teint eigentlich nicht paßte. Die Taille war aber so geschickt mit weiß arrangirt, ebenso der Hut, eine Nadel von funkelnden Rubinen schloß den Spitzenkragen, so daß die Toilette doch tadellos und sogar vortheilhaft war.
»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte der Geheimrath wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat, »indessen finde ich, daß Du blaß und angegriffen aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit tüchtig gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf wird uns Allen recht gut thun. Wie würde Dir diese Wohnung gefallen?«
Er reichte seiner Frau die Photographie und den Grundriß einer kleinen Villa. »Die Wohnung ist bis zum Ende der Saison frei.«
»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wußte aber nicht, daß Du so bald reisen kannst.«
»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist Du etwa mit Deiner Toilette noch nicht ganz reisefertig?«
Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre noch einiges anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte auch dem Fräulein etwas Garderobengeld für die Reise geben.« –
»Brauchst Du vielleicht Geld?«
»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den Augenblick genügen.«
Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich nach der Kirche noch einige Besorgungen machen wolle.
»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu Deiner Hülfe heran,« bat er.
Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des fürsorglich liebenden Mannes oft auf dem zarten Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr der Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und zu den Gebrauch der Morphiumspritze gewährt hatte. Dabei war er aber fest überzeugt, daß dieses Mittel nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß gebraucht würde. Daran, daß seine Frau das Morphium selbst und heimlich gebrauchen könne, dachte er nicht.
Der alte Medicinalrath, der seinem Hause einlieber Freund war hatte ihm gesagt, daß eng zusammengezogene Pupillen und breite glanzlose Iris der Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus seien. An die Complication mit Atropin hatte der gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken getäuscht.
Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank sei. Das schlaffe, gleichgültige Sich gehen lassen, welches er seit einiger Zeit an ihr bemerkte, widersprach ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber einen Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog, beschloß er noch einmal eingehend mit dem Medicinalrath zu sprechen.
Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von seiner Frau. Er hatte einige Besuche zu machen, und Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der belebtesten Straße, wo sich die größten Läden befanden.
Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern zu werfen eilte sie vorwärts. Bald bog sie in einen weniger belebten Seitenweg ein, durchschritt eine öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil, in dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. Sie befand sich zwischen langen Reihen hoher unschöner Häuser, die alle viele Fenstern hatten und von vielen Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den Thorweg einer Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus über den Hof, zwischen Fässern und Rollwagen hindurch nach dem Quergebäude.
Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmesfest an die Brust, schob den Schleier vom Gesichte zurück und stieg mit fliegendem Athem und zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle steile Treppe hinauf.
Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren niedriger, beengter, schmutziger. Nach drei Treppen hörten die abgeschlossenen Wohnungen überhaupt auf. Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, aus jeder der zahlreichen Wohnungen drangen Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender Wäsche, nach Seife – vor allen Dingen aber nach Menschen, nach zusammengedrängten, armen, schmutzigen Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten mit dem Namen des Zimmerbewohners.
»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten zu lesen. Lydia klopfte mit ihrem Schirm an die Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie ein.
Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt: Ein Sopha mit braunem Ripsüberzuge, zwei Schränke von hellem Holz, ein Spiegel zwischen den Fenstern, ein kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang eines Besuches aufgeräumt worden zu sein, denn es lag nichts von den Sachen des Bewohners umher. Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes Schlafzimmer sehen. An den Fenstern waren saubere Gardinen und einige blühende Pflanzen. Die Aussicht über ein freies Feld und eine ReiheBäume entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang der Wohnung bot. Der Inhaber dieser Stuben, ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.
»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,« sagte Lydia und sank erschöpft auf das kleine weiche Sopha nieder.
»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt, gnädige Frau,« antwortete Friedrich Rast lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht mich zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, hier bin ich, und auf meinem bescheidenen Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger Alter.«
»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr aufgeregt und habe es eilig. Mein Mann hat unsere Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath reicht höchstens noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens zwölf Gramm für die Saison in Heringsdorf. Rechnen Sie doch – sechs Gramm geben ein Fläschchen für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man aber nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche ich vier am Tage, also in drei Wochen ein Fläschchen, das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«
»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige Frau.«
»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig Mark, das Gramm zu zehn Mark gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen für das Gramm können Sie doch mit dem Geschäfte zufrieden sein.«
Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken mit verlegener Miene zurück. »Ich habe nur zwei Gramm. – –«
»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und sah den jungen Mann so entsetzt an, daß er einiges Mitleid empfand.
»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen, Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der Apotheke. Der Chef hat gerast und getobt und uns Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß es ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie mehr als zehn Gramm auf einmal genommen. Es giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele Morphiumsüchtige wie unter den Aerzten. Vielleicht aber bin ich auch nicht der Einzige, der das Mittel heimlich verkauft, – die Versuchung ist ja so groß.«
Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf Lydias Gesicht. »Herr Rast, denken Sie noch an den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem Theater standen?« fragte sie mühsam.
»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen regt über das, was ich für Sie thue, gnädige Frau. Meine Schulden betrugen damals nur etwa hundert Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch diese Schulden nicht machen dürfen. Das kleine Kolonialwaarengeschäft meines Vaters ernährt kaum die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt nach Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Gütejetzt kann, mußte ich von meinem armen Vater hundert Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte. Es war hart – eine furchtbare Strafe für meinen Leichtsinn.« – –
»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der Verzweiflung bewahrt, wollen Sie mich dafür jetzt verzweifeln lassen, Herr Rast?«
»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn, wenn Ihre Morphiumquelle einmal versagt?«
»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium muß ich verzweifeln. O, mein Gott, man giebt doch den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem Kranken das, was ihm Lebensbedürfniß, was ihm nöthiger ist als das tägliche Brot!«
»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des Verkaufes,« sagte der junge Mann mitleidig. »Es ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie dient nur dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und die Kranken zu Lug und Trug zu veranlassen. Ist es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie Sie, gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so einen armen Teufel wie mich für eine Handlung zu bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«
»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für uns Beide, für Hunderte außer uns, aber wir können die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt schaffen, die dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die Sehnsucht des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn nur der Morphiumhunger nicht immer stärker und stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittelgewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich kein Morphium habe, sagen Sie mir, wie machen es Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?«
»Andere fälschen Recepte.«
»Und das geht?«
»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen zu diesem Mittel, denn Wartepersonal oder Droguisten sind doch schließlich nur selten bestechlich. Noch seltener aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus der Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes Recept hin auch zum landesüblichen Preise, was ebenfalls die meisten Menschen berücksichtigen müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken die Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral, Morphium und ähnliche Mittel genauer angesehen als andere Vorschriften.«
»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«
»Dann schickt in der Regel der Provisor das Recept demjenigen Arzte zu, auf dessen Namen es gefälscht wurde.«
Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung vor das Gesicht und schluchzte krampfhaft. »Ich vermöchte eine solche Schmach nicht zu überleben.«
»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmüthig.
Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, wie ist das, wie wird es gemacht – – Recepte zu fälschen?«
Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin. »Da sehen Sie, das sind zwei echte Recepte von zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet aufeine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung. Stärkere Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier haben Sie Papier und Feder, gehen Sie an die Fensterscheibe und pausen Sie die beiden Recepte durch, zur Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder Vorschrift. Dann können Sie durch Dienstmänner oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die Recepte beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch Abdampfen in einem Filtrirapparat die dünnen Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen Sie sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen kann, ehe sie vermißt werden.«
Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, das ihr der junge Mann anbot. Sie kam sich maßlos erniedrigt vor durch die gesetzwidrige Handlung, die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.
Was mußte dieser, gesellschaftlich tief unter ihr stehende leichtsinnige junge Mensch von ihr denken – von ihr, die von dem eigenen Gatten, von allen Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt wurde!
Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht hatte, sinken. Thränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich kann es nicht.« –
»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur durchmachen, auf einmal kann man dem Morphium nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht.
»Ich will aber garnicht entsagen,« schluchzte die junge Frau. »Das Gesetz soll mich nicht dazuzwingen, das Gesetz geht mich überhaupt garnichts an, ich thue nichts, was irgend einem Menschen in der Welt Schaden zufügen könnte.«
»Sie schaden sich selbst.«
»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein diese Bevormundung ist wirklich empörend!«
»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke ich es Ihnen in einem Briefcouvert,« tröstete er, ihr die zwei Gramm hinschiebend, die er besaß.
Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre Thränen. »Haben Sie keinen Bekannten, der mir helfen könnte?« fragte sie aufstehend.
»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich. »Außer in Apotheken wird das Morphium in einzelnen größeren Droguengeschäften geführt. Dort darf allerdings nur der Besitzer die Recepte machen, die jungen Leute haben kein Examen gemacht und dürfen es nicht.«
»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn mir nur jemand die rohe Waare verschafft. Können Sie mir wirklich niemanden empfehlen?«
»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand Preyer ist ein so blutarmer Junge, daß er mehr als hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote von zehn Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«
»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«
»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber wenn er den Betrag für die entnommene Waare in die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«
»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«
»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist eine arme Wittwe, zwei Schwestern von Preyer dienen als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und Ferdinand, der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen die Mutter. Drei Kinder gehen noch in die Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist für Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich kaum satt; – es wäre einfach übermenschlich, wenn er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich gönne ihm auch den Verdienst.«
Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast verabredet hatte, Abends um acht Uhr wieder in dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand Preyer zusammenzutreffen. Er versprach ihr den jungen Mann herzubestellen und ihn auf das an ihn gestellte Verlangen vorzubereiten.
Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt hatte, daß der Corridor augenblicklich menschenleer war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe hinab, ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht ziehend.
In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine leere Droschke. Von der Aufregung und Angst aufs äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu einer Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; sie zwang sich, dazu Einkäufe für ihre und der Kinder Toiletten zu machen, um die wild durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse zu überwinden. Es gelang ihr schließlich auch, sichwieder so weit zu fassen, daß sie ihren Kindern und ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie gewöhnlich am Mittagessen theilnehmen konnte.
Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei Tische Veranlassung zu herzlichem Lachen der Eltern wurden und auch heute führten sie wieder die Unterhaltung, ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne lachte, erheblich daran gehindert zu werden.
Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, mit ihr und den Kindern spazieren zu fahren, während der Geheimrath, der später noch in sein Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog.
Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, daß sie mit der Wahl des neuen Fräuleins ihren Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte. Fräulein Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit und selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder sich ihr zuwandten wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. Während der Fahrt durch den warmen schattigen Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen ununterbrochen, während die Mutter ihnen schweigend und verstimmt gegenüber saß. Sie konnte ihre Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie sich wohl für die Zukunft das Mittel verschaffen könne, das doch nur ihr allein ein egoistisches Genießen gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil nahm.
In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft nach Hause zurück. Lydia fühlte ihre Nerven etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem Manne,der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich entgegen zu treten.
Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen Brief und entschuldigte sich, daß er so indiscret gewesen war, denselben zu öffnen.
»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, daß er in einer Brauerei in der Humboltstraße arbeite. Das erschien mir so eigenthümlich, daß ich nur eine Bettelei vermuthen konnte. Ich wußte nicht, daß Dein Schuster so weit draußen wohnt. Bist Du denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der Hauptstraße nicht mehr zufrieden?«
Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg bei dieser harmlosen Frage ihres Mannes. Was für ein entsetzliches Verhängniß zwang sie doch, Lügen – ganz gemeine Lügen zu ersinnen, wie unwürdig, wie erbärmlich stand sie da vor sich selbst und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese Weise eine Mittheilung zukommen ließ!
Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau habe ich zu benachrichtigen, daß Ferdinand Preyer die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen Schleifen garnirt werden sollen und bitte um weitere Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«
Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, als sie zu Ende war. Ferdinand Preyer lieferte also die gewünschten Waaren nicht! Der arme Commis, der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter unterstützte, verschmähte das Gold, das die reicheFrau ihm bot, wenn er mühelos ein Vorrecht benutzte, das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu einer Pflichtverletzung zu verführen, sie bot ihm ein Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn und die Seinen aller Sorgen entheben konnte und er – – – »lieferte die gewünschten Waaren nicht.«
Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte dieser unbestechliche junge Mann sein! Was für eine Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem freudlosen genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine eigene Person nach dem Morphium zu greifen, das ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in seiner übertriebenen Pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein Hedwig hatte, die auch ein Leben der Armuth und Arbeit mit innerer Befriedigung hinnahm, ohne zu einem Betäubungsmittel zu greifen? Ob er wohl auch so froh, so innerlich glücklich, so reich an Liebe war, wie dieses Mädchen?
Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's Herzen. Sie hätte sich rächen mögen an dem, der ihr diese Schwierigkeiten bereitete.
»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der Dir die letzte Ergänzung einer hübschen Toilette zu versagen scheint, Kind?«
Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das Briefblatt in ihrer Hand. Die Stimme ihres Mannes schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes Antlitz.
»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der zugeschnittene Schuh fertig gemacht wird, Arnold,dieser Preyer ist langsam und ungefällig,« log sie, halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken.
Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht groß zu sein, Liebling,« tröstete er. »Schwarze Schuhe sind doch immer das hübscheste für einen so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt.«
Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die sich kaum noch zu beherrschen vermochte, küßte die Kinder und fuhr nach seinem Büreau.
Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden Räder hörte, hielt sie nicht länger an sich. Sie wandte sich jäh ab von den Kindern und dem Fräulein, stürzte die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee.
Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen Aufregung Luft machen, so drückte sie denn ihr Gesicht auf ein Kissen und schrie – schrie so laut und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen kamen und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr Erleichterung brachte. Dann setzte sie sich an den Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch ihren Anzug, ihr Haar und ihren Teint wieder in Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren Blick in den Spiegel. – Ja, was nun?
Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes nieder. Heute an ihrem höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich die Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen.Sie wollte um Erleuchtung bitten, um Frieden, um Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung sprach sie die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich nicht zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze Seele schrie nach Morphium, nur allein nach dem Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den Enttäuschungen dieses Tages eine krankhafte Leidenschaft concentrirte. Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem unstillbaren Drange. Die hohe göttliche Jungfrau versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau gelebt. So betete Lydia endlich ganz offen und kindlich um Morphium. »Gieb es mir, Gebenedeiete,« flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu lieben, Dich zu ehren und anzubeten.«
Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen bot sie die Seelen ihrer Kinder, für sich aber begehrte sie nur das Eine – mochten es ihr Menschen oder Engel gewähren – nur das, was sie nicht lassen konnte, was sie haben mußte und was man ihr grausam versagte.
Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder auf. Ein Gedanke, den ihr wahrscheinlich die Hochheilige selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn. Turnau – Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest überzeugt, daß dieser Plan von der heiligen Jungfrau selbst in ihr Herz gelegt war; so konnte er also nicht fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu vertrauen, so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte.
Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der Nervenheilanstalt des Professors Schrödter, in der Turnau wohnte.
In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres Planes war die fieberhafte Aufregung, die sie vorhin erfüllte, gewichen. Sie ließ den Wagen einen Umweg machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit mehreren Körben voller Kränze und Blumen hatte für den Festtag an der Kirchhofsthür einen Verkauf eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen Gebet auf die Gräber ihrer Eltern.
»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« Das war die Antwort, die diese Stätte der Erinnerung ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr Herz durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung gehn auf dem Wege, den sie jetzt ging.
Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge, bildschöne Frau gleich darauf die Junggesellenwohnung eines eleganten Lebemannes. Die Leidenschaft, die sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in ihrer Lage peinlich und anstößig war.
Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast als hätte er diesen ungewöhnlichen Besuch erwartet.
Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen und mit einem milden gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges Gesicht außerordentlich schön erscheinen ließ, fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht wahr, Frau Bremer?«
Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie ansich gezogen hätte, so wäre sie sein gewesen willenlos, selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte bei ihrem Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt und sie war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich verstanden und fand ein Entgegenkommen, das sie bis in die Tiefe des Herzens tröstete und beglückte.
Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde ab und weinte bitterlich.
Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit, regte ihn aber auch nicht auf. Er versuchte nicht, seine hübsche Freundin zu trösten, sondern nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit dem ruhig beobachtenden Blicke des Arztes, was sie thun würde.
Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den üblichen Formen des Verkehrs in Einklang zu bringen sei und suchte sich gewaltsam zu fassen.
»Wie hübsch Sie eingerichtet sind,« sagte sie, ihre Thränen trocknend, »gar nicht wie ein Gelehrter, viel eher wie ein die Schönheit liebender Künstler – sogar Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege ...«
»Ich habe ein kleines Abonnement bei einem Gärtner, gnädige Frau,« er nahm die Rücksicht, ihre Erregung unbeachtet zu lassen und auf den Ton einzugehen, den sie anzunehmen sich bemühte. »Persönlich habe ich eigentlich kein Interesse für Botanik, nur als Zimmerdekoration liebe ich Pflanzen. Ich verstehe nämlich etwas vom Decorieren, mein Talent dafür hätte sicherlich ausgereicht zum Tapezierer, wenn nicht gar zum Regisseur.«
Die reiche, geschmackvolle Ausstattung des Zimmers bestätigte seine Worte. »Ich sehe hier gar keine anatomischen Präparate,« bemerkte Lydia, erstaunt um sich blickend.
»Nein, damit umgebe ich mich nicht. Die Anstalt hat Räume genug, wo man solche Sachen aufstellen kann, ohne damit die Harmonie des einzigen Zimmers zu stören, das man wirklich bewohnt. Ich bin nämlich sehr häuslich, gnädige Frau. Die Biergespräche meiner Altersgenossen interessiren mich so wenig, daß ich fast jeden Abend zu Hause bleibe, um mich derjenigen Lectüre widmen zu können, die mich interessirt. Ich wüßte kaum, was ich in einer Kneipe anfangen sollte, da ich außerdem sehr mäßig in materiellen Genüssen bin, ich trinke beispielsweise fast nichts.«
»Und doch gelten Sie für recht unsolide, darf ich es sagen – sogar für blasirt.«
»Ich bin auch blasirt, meine gnädigste Frau, Sie dürfen das ganz ruhig sagen. Eine ärmliche Umgebung wäre mir unerträglich, und wenn ich mich hier zwischen meinen eigenen Sachen am wohlsten fühle, so ist das nicht etwa häusliche Tugend, sondern Bequemlichkeit – Blasirtheit, wenn Sie wollen.«
»Nein, nein, machen Sie sich nur nicht schlecht,« sie konnte schon wieder lächeln, wie sie das sagte, »es muß und wird noch dahin kommen, daß Ihre Tugend allgemein anerkannt wird.«
»Aber ich bin ein anspruchsvoller Genußmensch, ich interessire mich für Kunst und Wissenschaft, huldige dem Schönen unter allen Umständen, und bin außerdemdem Morphinismus ergeben, und zwar mit Leib und Seele, wie Sie ja wissen.«
»Ich auch,« sagte sie bestimmt, beinahe trotzig.