»Und ihr Kind? hat sich das arme kleine Mädchen erholt?«
»Das Mädchen?« — wiederholte der Mann, zum ersten Mal zu ihr aufschauend — »der Knabe, meinen Sie.«
»Hat Sidonie einen Knaben?« rief Amalie überrascht.
»Hm,« meinte der Jäger, sich ein neues Stück Wildpret auf den Teller nehmend, »seit wann haben Sie denn eigentlich keine Nachricht von ihr gehabt?« —
»Seit über zwei Jahren.«
»Lieber Gott,« sagte die alte Mrs. Rosemore.
»Dann freilich,« brummte der Jäger halb laut vor sich hin — »seit der Zeit ist das Mädchen gestorben und vor einigen Monaten ein Knabe geboren worden, unddasKind allerdings ist jetzt schwer krank.«
»Das Mädchen todt — du großer Gott — die arme, arme Sidonie.«
»Das Herz wird ihr wohl zu voll und schwer gewesen sein inderZeit Briefe zu schreiben,« sagte die Matrone bedauernd, »ja aussprechenund ausweinenmag man sich dann wohl gern, aber zum Schreiben zwingt man die Hand da nicht.«
»Aber wie bekommt die Fremde die vielen Sachen hinüber Mr. Owens?« fiel Sarah hier ein, Amalie zu zerstreuen, daß sie sich nicht dem traurigen Gedanken zu sehr hingebe — »es wird schwer sein das Alles zu Pferde zu transportiren.«
»Ist's denn so viel?« frug Jack Owen.
»Ei die beiden Kisten hier, dann jene Koffer dort, und diese Schachteln und Reisesäcke.«
»Hm, das allerdings — packt sich auch verd — ungemein schlecht auf ein Pferd; aber das ist das wenigste — sind es Sachen für Mrs. Olnitzki bestimmt?«
»Zum großen Theil; wie auch mein eigenes Gepäck.«
»Sehr gut, dann schaffen wir auch Rath,« sagte der Jäger gutmüthig — »solltet Ihr nicht mit Euerem kleinen Wagen über diegreenbriar ridgehinüberkommen können, Rosemore? nachher geht's glatt und leicht durch den offenen Wald, dicht an der Bayo hin.«
»Über diegreenbriar ridgemit dem Wagen, Mann,« sagte aber der Alte, dabei mit dem Kopfe schüttelnd, »wo denkt Ihr hin; da müßten wir erst eine ordentliche Straße durchbrushy hollowaushauen, und blieben nachher noch immer im Sumpf an der andern Seite stecken. Nein nicht in acht Tagen brächten wir das fertig, aber mit den Thieren an derovercup flathin geht es ganz gut; die Kisten und Koffer sind eben nicht übermäßig schwer, und lassen sich recht gut auf einen Packsattel laden. Freilich muß man nachher tüchtig im Wald herumlaviren mit den Thieren, freie Bahn durch die Bäume durchzufinden, aber es geht doch, und ich getraue mich sie in fünf bis sechs Stunden hinüber zu führen.«
»Aber Euer Falbe wird das nicht tragen wollen.«
»Bah, ich habe gerade Widdersons beide Maulthiere in meiner Fenz, die er von Santa Fé mitgebracht hat und nach Batesville hinaufnehmen will, die mögen ihr Futter abverdienen.«
»Das wäre vortrefflich!« rief Jack Owen, »wann wird aber die Dame nach Olnitzkis zu aufbrechen wollen?«
»Oh so bald nur irgend möglich« — rief Fräulein von Seebald — »ich ginge die Nacht hindurch, die Schwester nur eine Stunde früher zu sehen, zu begrüßen.«
»Das möchte uns durchdenWald doch wohl schwer werden,« lachte der Jäger gutmüthig, »aber morgen mit Tagesgrauen steh' ich zu Diensten, und bin gern bereit Sie hinüberzuführen; ich gehe doch zu Haus.«
»Aber nicht vor dem Frühstück,« fiel ihnen hier Mrs. Rosemore in die Rede, »mit leerem Magen verläßt Niemand mein Haus, wenn ich's verhindern kann, und die Mädchen werden schon früh auf sein, daß es nicht zu lange dauert.«
Amalie von Seebald fügte sich gern dem freundlichen Wunsch, noch dazu da sie ihren Führer nicht auch vor dem Frühstück fortziehen mochte, und die Männer besahen sich jetzt das Gepäck, und trafen ihre Eintheilung mit den Packen, die auf die beiden Maulthiere vertheilt werden sollten, wonach dann Jack Owen selber noch einmal mit seinem Pferd zurückkommen, und den Rest nachholen wollte. Die Maulthiere sollte Bill Jones selber mit seinem Knecht hinüber bringen, Jack Owen aber wollte rascher mit der Lady voraus nach Olnitzkisimprovementgehn.
Der Morgen kam, und mit klopfendem Herzen hatte Amalie ihre Vorbereitungen zu dem Marsch getroffen, als Jack Owen, nach beendigtem Frühstück, einen Damensattel auf sein Pferd geschnallt, vor der Thür erschien, und die Lady einlud sein Thier zu besteigen, während er selber zu Fuß voran ging. Die junge Dame gestand jetzt freilich mit Erröthen, daß sie noch nie auf einem Pferd gesessen, der Einwand wurde aber nicht beachtet; Jack Owens Ponny war anerkannt das frömmste Thier in derrange, ließ vor und neben sich schießen, wie der Reiter gerade Lust hatte, und ging seinen festen sicheren Schritt ruhig fort, fast wie ein Maulthier. Die Mädchen halfen ihr dabei lachend in den Sattel, ordneten ihre Kleider, gaben ihr eine kleine Gerte in die Hand, das Thier vorwärts zu treiben, und Jack Owen, mit der langen Büchse auf der Schulter, von fünf mächtigen Rüden umbellt, schritt ihr voran, in den dunklen Wald hinein.
Im Anfang hatte Amalie von Seebald genug mit ihrem Pferd und dem neuen Sitz zu thun, auf dem sie sich noch nicht sicher fühlte, und deshalb auch nicht wohl befinden konnte; das Ungewohnte der Bewegung dabei, und das öftere Anstreifen an die überhängenden Büsche nahmen ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, undließensie sich ängstlich dabei an den Knopf des Sattels anhalten, nicht herunterzufallen, wie sie immer noch fürchtete. Das gutmüthige Thier, das Jack Owen auf seinen Jagden schon so abgerichtet hatte ihm wie ein Hund zu folgen, ging aber einen so ruhigen sicheren Schritt, und kümmerte sich so gar nicht um die wild und fröhlich es umbellenden Hunde, nur auf den Weg und die darüber hinliegenden Wurzeln und Stämme achtend, daß sie sich bald daran gewöhnte, und nach kaum halbstündigem Ritt schon fast die bis dahin gefühlte Angst vergaß.
Jack Owen ging dabei meist vor ihr, oft neben ihr her, die Büchse auf der linken Schulter, über deren Kolben die linke Hand herunter hing, die Hunde hinter sich, die jetzt, im wirklichen Walde drin, keinen Lärm mehr machen durften, etwa irgendwo stehendes Wild nicht zu verscheuchen, und sein Blick schweifte dabei ruhig und forschend über alle offene Stellen die sie passirten, haftete oft auf einem, vom Herbst gefärbten Busch, ob sich nicht doch in den gerötheten Blättern die schlanke Gestalt eines Hirsches berge, und suchte dann wieder in dem weichen Boden des Pfads die frisch eingedrückten Fährten des Rothwildes oder Raubzeuges, die herüber und hinüber gewechselt waren.
So hatten sie schweigend einen großen Theil des Wegs zurückgelegt, und Amalie sah schon in jedem helleren Waldesfleck der vor ihnen lag, die so heiß ersehnte Lichtung von ihres Schwagers Farm; aber ein Dickicht wechselte nur mit dem anderen, der Weg, der bis dahin ziemlich breit in den Wald hinein gereicht hatte, wurde zum engen, kaum mehr begangenen Pfad, und noch immer zeigten sich nicht jene Spuren der Civilisation, die unzertrennlich von einer größeren Ansiedlung sind, und wie der dünne Rauch über einer Stadt, die Nähe des schaffenden Treibens thätiger Menschen verrathen. Kein Fuhrwerk hatte diesem Boden hier je seine Räder eingedrückt, keine Axt noch die mächtigen Stämme berührt, und selbst die wenigen Pferdespuren im Pfad waren von Hirsch- und Pantherfährten fast unkenntlich gemacht, und doch näherten sie sich mehr und mehr der Farm des Grafen, doch konnte nur kurze Strecke Waldes mehr, sie von dort trennen. Nur eins war da noch möglich, daß sein ganzer Verkehr mit jener nördlich von ihm gelegenen Stadt bestand, die ihm doch wohl näher liegen mußte als Little Rock, ja vielleicht gar durch einen Strom die Verbindung erleichterte; aber das Herz des armen Mädchens füllte sich dennoch, so sehr sie auch dagegen ankämpfen wollte, mit einer unbestimmten Furcht, und wenn sie der auch keinen Namen zu geben wußte, drängte es sie doch zuletzt, von ihrem wortkargen Führer das unheimliche Gefühl verscheucht zu sehn.
»Es ist so einsam hier und still,« brach sie das Schweigen endlich, »und doch können wir nicht mehr so weit von jener Farm entfernt sein, der dieser Weg zuführen soll.«
»In einer Stunde kann man's von hier aus, wenigstens in dieser Jahreszeit gehn,« sagte der Mann, »aber im Winter ist's weiter, denn die Gräben sind dann mit Wasser gefüllt, und man muß Umwege machen ihrem Schlamme auszuweichen.«
»Daß sich Olnitzki so tief im Walde angesiedelt hat,« sagte die Deutsche, fast mehr zu sich selbst als zu dem Führer redend.
»Ja, s' ist etwas einsam hier, für eine Frau wenigstens,« lautete die Antwort, »aber der Mann fühlt sich desto wohler unter den Bäumen, und mir ist, wenn ich's aufrichtig gestehen soll, nichts fataler auf der Welt, als wenn ich an eine Fenz komme — meine eigene ausgenommen.«
»Wie es Sidonie nur ausgehalten hat.«
»Ist das der Name Euerer Schwester?« frug der Jäger, mit etwas leiserer Stimme, und sein Blick glitt über die Gestalt der Fremden flüchtig aber doch forschend hin.
»Ja — kennt Ihr ihn nicht, als nächster Nachbar?« sagte Amalie rasch und etwas bestürzt.
»Es ist Sitte bei uns, die Frauen nur nach dem Namen ihres Mannes zu nennen,« erwiederte der Jäger, »selbst unsere eigenen; ich kann ihn aber trotzdem doch wohl einmal gehört haben, denn ich kam früher öfter mit Olnitzki zusammen.«
»Und jetzt nicht mehr?« —
»Oh doch ja, dann und wann wenigstens,« sagte der Mann ausweichend; »er ist gerade ebenso wie wir Anderen — eben nicht umgänglicher Natur, und hält seine Büchse und Hunde für die beste Gesellschaft auf der Welt.«
»Aber die arme Frau —sieverkehrt doch wenigstens mit ihren Nachbarn?« frug Amalie.
»Sie? — o ja — ja wohl« — sagte der Jäger — »im letzten Winter war sie zweimal bei uns hüben, und meine Alte auch dort, und wie ihr vor zwei Jahren das Kind krank wurde und dann starb, ist wenigstens eine von den benachbarten Frauen fortwährend und abwechselnd bei ihr gewesen — sie wurde auch damals selber krank und mußte doch eine Pflege haben.«
»Lieber Gott, im letztenWinter,« seufzte Amalie still und kaum hörbar vor sich hin, und der Wald schien ihr ordentlich unheimlich dazu zu rauschen, in seiner öden Einsamkeit. Sie fürchtete auch von dem Augenblick an wirklich eine weitere Frage zu thun, bis ihr Führer selber wieder das Schweigen brach.
»Ihr habt die Schwester seit langer Zeit nicht gesehn?«
»Seit zehn Jahren nicht.«
»Eine lange Zeit, und wir werden alt dabei.«
»Sidonie war noch so jung wie sie die Heimath verließ.«
»Aus glücklichen, ruhigen Verhältnissen vielleicht heraus« sagte der Jäger, und sein Blick schweifte dabei wieder über den engen Waldeshorizont, der ihm da frei lag, nach einem Wilde auszuspähn.
»Aus den glücklichsten,« sagte die Schwester, seufzend der Zeit gedenkend, »lieber Gott, sie hatte Alles was das Herz begehrt, begehren kann; in Überfluß und Reichthum erzogen, wurde sie von den Ältern auf Händen getragen, und die glänzenste Zukunft hätte ihrer im alten Vaterland gelacht.«
»Hm,« sagte der Jäger, seine Büchse etwas weiter zurück über die Schulter werfend, und den Tabackssaft seines Priemchens gegen die nächste Eiche spritzend — »hm — und Mr. Olnitzki hatte auch viel Geld?«
»Der Graf Olnitzki? — nein,« sagte Amalie, »aus Polen flüchtend, wo sein Volk besiegt und zerstreut worden, waren ihm von dem Russischen Czaaren die Güter confiscirt, war ihm selbst die Rückkehr in sein Vaterland abgeschnitten worden, und jenen unglücklichen Tapferen blieb damals nichts übrig, als in der neuen Welt auch eine neue Heimath zu suchen und zu gründen.«
»Aber wie bekam er da so geschwind die reiche Frau?« frug der praktische Amerikaner, halb ungläubig dazu den Kopf schüttelnd.
»Ich weiß nicht ob Sie sich jener Zeit noch erinnern,« sagte, tief aufseufzend wieder Amalie, »weiß auch nicht ob Sie in Amerika damals unsere Gefühle getheilt; aber in Deutschland war es fast, als ob ein neuer lebendiger Geist über das ganze Volk gekommen, und die träumenden Nationen aus ihrem Schlafe aufgerüttelt habe. Ein Schrei für Polen ging durch Deutschlands Gauen, nicht bei den Regierungen zwar, die es mit dem Nordischen Koloß nicht verderben wollten, wohl aber bei den Völkern. Doch statt das Schwert aufzugreifen für den bedrohten, geknechteten Nachbarstaat, begnügten sich die Männer Sammlungen zu veranstalten, den Verwundeten und Beraubten Hülfe zu bringen, die Frauen zupften Charpie und sandten Leinwand und Bandagen in die Lazarethe, und als die letzte Schlacht geschlagen, als die ungeheueren Russischen Heere das kleine Reich mit ihren Massen überschwemmten, als Polen zertreten, vernichtet unter den stampfenden Rossen seiner Feinde lag, und die Wenigen seiner tapferen Krieger, die sich noch bis zur Grenze durchgeschlagen, fremden Boden Hülfe suchend betreten mußten, da war es Deutschland besonders, das ihnen seine Arme öffnete, das sie in seine Familien, an seinen Heerd nahm, die Kranken und Verwundeten pflegte und kräftigte, die Armen unterstützte, die Besiegten aufrichtete, mit Trost und Hoffnung und eigener That. Feste, Bälle und Concerte wurden gegeben, Summen zusammen zu bekommen und den Flüchtigen Reisegeld nach Amerika zu verschaffen, und Frauen und Mädchen besonders wetteiferten darin ihre Sympathieen für die zertretene Nationalität der Unglücklichen zu zeigen. Wir trugen in den Schleifen und Zierrathen unseres Costümes nur die Polnischen Farben, Polnische Flaggen wehten in den erleuchteten Festesräumen, und viele, viele von uns gaben was sie an Schmuck und goldenen Zierrathen besaßen willig her, die Spende für die tapferen Krieger zu erhöhn.«
»Hm, hm, hm, hm,« sagte der Jäger, der mit dem Kopf heftig dabei schüttelnd, rascher neben dem Pferde herging.
»Auch in unsere Familie,« fuhr Amalie fort, »hatten wir einen jungen edlen Polen aufgenommen, der unsere Schwelle, von Fieberfrost geschüttelt, mit einer Menge ungeheilten Wunden, mit zerrissener Uniform, dem Untergang schon nahe, betrat, und kaum ein Lager für sich eingerichtet bekommen, als ein hitziges Fieber sein Leben bedrohte, und ihn für Monate an den Rand des Grabes brachte. Sidonie und ich pflegten ihn in der Zeit wie Schwestern; Sidonie besonders wich kaum mehr von seinem Bett, und wir hatten die Freude den Unglücklichen nach langen Monden dem Leben, der Gesundheit zurückgegeben zu sehn. Vollkommen endlich wieder hergestellt, und mit Allem reichlich versehn was er zu einer so weiten Reise brauchte, wollten meine Ältern dann den Fremden entlassen — aber es war zu spät; Sidoniens Herz hing an dem fremdem Mann und konnte — wollte ihn nicht lassen. Vater und Mutter baten und beschworen sie — umsonst, der Pole durfte nicht länger auf deutschem Boden weilen, unsere deutschen Regierungen fürchteten das Misvergnügen des Czaaren zu erregen, und mit der warmen Frühlingsluft die über die Berge zog, und unsere Ströme vom Eis befreite — mit dem ersten Schiff, das den aufgethauten Strom befuhr — verließ Sidonie als Olnitzkis Gattin das väterliche Haus.«
Amalie schwieg, und Jack Owen ging wieder eine ganze Zeitlang lautlos, aber recht schwer aufathmend neben dem Pferde her — endlich sagte er leise:
»Aber Olnitzki hatte Vermögen wie er Amerika betrat.«
»Mein Vater ist wohlhabend, und wollte die Tochter nicht der Ungewißheit einer selbst zu erkämpfenden Existenz preis geben.«
Jack Owen blieb stehen und sah die Fremde überrascht und ungewiß an — er hatte augenscheinlich nicht recht verstanden was sie mit den Worten meinte.
»Olnitzki hat also sein Geld nicht mit von Polen herüber gebracht?« frug er endlich.
»So reich er dort gewesen sein mochte,« sagte Amalie, »der Krieg verschlang Alles, und jene edlen Herzen warfen nicht allein ihr Leben, nein Alles was sie auf Erden ihr eigen nannten in die Schaale, das Vaterland zu retten.«
»Hm, hm, hm, hm, hm!« sagte der Jäger wieder, und schritt rascher vorwärts, als ob er die versäumten Minuten einholen müsse; aber er erwiederte nichts weiter, schien sogar jedes fernere Gespräch vermeiden zu wollen, und beschäftigte sich ausschließlich mit dem Weg, der hier auch in der That noch eher wilder und verworrener wurde, und seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, der Fremden nur einiger Maßen Bahn zu brechen. Amalie aber fühlte sich beunruhigt durch das ihr auffällige Benehmen des Führers, trieb ihr Pferd, jetzt schon vollkommen an den Ritt gewöhnt, und dreist gemacht durch den sanften Schritt des Thieres, zu etwas schärferem Schritt mit der Gerte an, und sagte halb schüchtern, halb entschlossen jeder weiteren Ungewißheit ein Ende zu machen:
»Wie geht es meiner Schwester — ist sieglücklich,und lebt sie so wie wir es in Deutschland erwartet haben daß sie leben würde und sollte?« —
»Pst!« sagte ihr Führer aber als einzige Antwort, und bei der rasch doch vorsichtig abwärts gedrehten rechten Hand, blieb das gelehrige, aufmerksame Thier wie in den Boden gewurzelt stehn, regte sich nicht mit dem Kopf, und schüttelte weder Schweif noch Mähne. Der Jäger aber, mit der Hand langsam, keine rasche auffällige Bewegung zu machen, nach vorne deutend, zeigte der Fremden, die dem ausgestreckten Finger mit den Augen folgte, die schlanke prächtige Gestalt eines stattlichen Hirsches, der aus einem dichten Gebüsch herausgetreten war und sich, keine Gefahr ahnend, über eine kleine Waldblöße langsam hinüber äßte.
Vorsichtig nahm der Jäger die Mütze vom Kopf, ließ sie geräuschlos auf den Boden gleiten, und eine Bewegung seiner Hand, mit einem Blick den die klugen Thiere wohl verstanden, gebot den Hunden den Platz zu wahren bis er wiederkehre. Nur Einer von ihnen, Deik, ein alter, von Narben zerrissener Bursche mit ganz kurz abgeschlagenem Schwanz und eben solchen Ohren, zugestutzt, als ob sein Herr eben nicht mehr von ihm hätte haben wollen als unumgänglich nöthig war, wußte sich von dem Befehl ausgenommen, und als der Jäger jetzt, sich nieder duckend und den Schutz eines kleinen Busches benützend, rasch aber lautlos durch das feuchte gelbe, den Boden bedeckende Laub hinglitt, folgte er ihm dicht auf den Fersen, haltend, wenn jener stehen blieb, und vorsichtig ausschreitend wenn es der Jäger für rechtzeitig hielt weiter vorzuschleichen.
Amalie selbst vergaß aber in dem neuen Eindruck der Jagd, der jetzt den Wald mit einem eigenen, kaum geahnten Zauber füllte für den Moment wenigstens, alles Andere. Das edle, sich so sicher fühlende Wild; die in das Gras gedrückten klugen Hunde; die lebendige ausdrucksvolle Gestalt des Jägers mit dem schleichenden Thier an seinen Fersen; das Pferd selbst auf dem sie saß, das wie ängstlich den klugen Kopf nach dem leisen Rascheln ihres Kleides wandte; das Rauschen der mächtigen Wipfel dazu, durch das weit, weit herüber, der gellende Schrei eines Falken tönte — sie preßte fast unwillkürlich ihre rechte Hand auf's Herz, so laut kam ihr jetzt dessen Klopfen vor, und während sie in ängstlicher Sorge um das Leben des wunderschönen Thieres bangte, das so frei und glücklich dort durch den Wald schritt, mochte sie selbst kaum athmen, dem Bedrohten nicht die Nähe des Feindes zu verrathen.
Jack Owen aber war in diesem Augenblick nur noch einzig und allein Jäger; an seine Schutzbefohlene kaum denkend die er jedoch auch sicher auf dem Thiere wußte, glitt er, jetzt den Stamm einer Eiche oder eines Sassafrasbaumes benützend, jetzt einen Busch oder umgestürzten Baumstamm als Schutz gebrauchend, zugleich aber auch nicht ganz direkt auf das Wild zu, sondern etwas seitab schleichend, damit durch irgend ein vielleicht unvorsichtig gemachtes Geräusch die Aufmerksamkeit des scheuen Wildes nicht etwa auf das im Wege haltende Pferd gelenkt würde, rasch und geräuschlos über den Boden hin, bis in vielleicht noch hundert Schritt von seiner Beute. Da knickte ein trockner unter dem Laub versteckt gelegener Zweig, und ob sich der Moccasin über ihm zusammenzog, und Jäger wie Hund instinktartig zusammensanken wo sie standen, war der schwache Laut doch hinübergedrungen zu dem Hirsch, der gerade selber mit Äsen aufgehört hatte, und hinüberhorchte nach dem Schrei des Falken. Die Thiere der Wildniß haben eine Sprache untereinander, die der Mensch nicht versteht — eine Stimme zu warnen und zu rufen, zu locken und zu verscheuchen, und sie achten darauf, wenn selbst ein feindliches Geschlecht die Warnung gäbe.
Einmal aufmerksam geworden, wußte Jack Owen aber auch recht gut, daß sich das scheue Thier nicht wieder beruhigen würde, weitere Annäherung zu gestatten, so also rasch die Büchse hebend, die er in der Bewegung spannte, suchte das Auge den tödtlichen Fleck, der Finger zuckte, scharf schmetterte der Schlag durch den Wald, und wie sich der Hirsch hob und zusammenbrach, und wieder empor und mit wilden Sätzen in das Dickicht hineinschnellte, fuhren die Rüden, die sich nicht länger halten ließen, von dem Platze auf, an dem sie gekauert, und folgten heulend und kleffend der flüchtigen Beute. Jack Owen aber wischte indessen vollkommen ruhig seine Büchse mit dem, an den Ladestock geschraubten Krätzer aus, lud sie wieder, und sie dann auf die Schulter werfend, kehrte er zu seinem geduldig haltenden Pferd zurück, seine Mütze aufzuheben, und das Thier mit sich zu der Stelle zu führen wo sie das Wild verendet finden sollten.
»Er ist davongelaufen« sagte Amalie von Seebald, als der Schütze herankam, und sein Pferd ihm — ohne jedoch seine Stelle zu verlassen, freudig entgegenwieherte — halb zufrieden damit, halb in getäuschter Erwartung.
»Ja Miß« lachte der Jäger, »aber nicht weit; ich bin gut abgekommen und die Kugel sitzt, vielleicht nur ein wenig tief, auf dem rechten Fleck; die Hunde haben ihn schon.«
»Die Hunde? wo? — sie bellen ja noch.«
»Ja,« lachte der Hinterwäldler, »aber nicht mehr gegen den Hirsch, sondern gegen Deik an, der Besitz von ihm genommen, und keinen der anderen mehr hinanläßt; der alte Bursche weiß schon was sich schickt, kommen Sie jetzt mit mir, wir gehen sogar nicht einmal um, sondern schneiden dort hinüber durch die jetzt vollkommen trockene Gründorn-Ebene eher noch ein paar hundert Schritte ab bis zu Olnitzkis Fenz, die auf der anderen Seite daranstößt; ich will nur den Hirsch aufbrechen und in die Slew hängen, damit ihn die Schmeißfliegen nicht gleich bedecken; nachher hol ich ihn ab.«
Einen leisen Pfiff dabei ausstoßend, den das Poney gut genug verstand, drehte er sich, von diesem jetzt dicht gefolgt, wieder auf dem Absatz herum, und die dichtesten Plätze vermeidend, führte er die Fremde ganz unbekümmert mitten in das Herz der Waldung hinein. Näher und näher aber kam dabei das Bellen der Hunde und als sie diese endlich erreichten, war es wie Jack Owen vorher gesagt. Deik hatte seinen Platz dicht neben dem schon verendeten Hirsch genommen und sich, seiner Autorität bewußt, ruhig dabei zusammengekauert, die Ankunft seines Herrn zu erwarten, während die anderen Rüden ihn kleffend und knurrend, immer aber in achtungsvoller Ferne, umsprangen, und die Zeit nicht schienen erwarten zu können, wo ihnen ein Theil des Wildprets preis gegeben wurde. Das geschah bald; Jack hatte im Nu den Hirsch herumgeworfen, aufgebrochen und zerwirkt, und dann den vorderen Theil, die beiden Blätter mit Hals und Kopf an dem das Geweih noch saß, vom übrigen Körper trennend und in einzelnen mächtigen Stücken den verschiedenen Rüden zuwerfend, zog er ein Stück Bast von einem dicht dabeistehenden Papaobaum ab, und durch die Hessen der Hinterläufe des Erlegten, schleifte das Wildpret dann zum kaum zehn Schritt davon entfernten Wasser, dem das tödtlich getroffene Thier noch zugeeilt war, und hing es hinein, wusch sich dann selbst die Hände in der Fluth, warf die Büchse wieder über die Schulter und schritt, dem Poney ein neues Zeichen gebend, rasch mitten durch den Wald hin, einer bestimmten Richtung zu.
Diese brachte die Wanderer aber nach kaum viertelstündigem rüstigen Marsch an die Ecke eines eingefenzten, mit Mais bepflanzten, aber sonst noch ziemlich wild aussehenden Feldes, in dem die meisten Bäume nur geringelt und abgestorben oder mitten hinein in das Feld gebrochen, standen und lagen, und um das hin ein schmaler Feldweg führte.
»Da sind wir am Ziel« sagte der Jäger, als er den Arm gegen das Maisfeld ausstreckte und zugleich um die Ecke desselben bog, von der aus sie einen freieren Blick auf die kleine Ansiedlung selber erlangen konnten, »das hier ist Olnitzkis Feld, und er hat drüben auf der anderen Seite im letzten Jahr noch drei andere Acker Land urbar gemacht.«
»Und wie weit haben wir noch bis zum Haus?« frug Amalie der das Herz anfing in fast fieberhafter Aufregung zu klopfen, indem sie fast unwillkürlich den Zügel des Poneys anhielt, sich erst zu sammeln.
»Zum Haus? — dort liegt es« sagte der Jäger, und sein Blick haftete wie in Mitleid auf der bleichen, zitternden Gestalt, die in Angst und Schreck die Hände faltete, als das suchende Auge nur eine kleine niedere Hütte traf, aus der dünner Rauch in die blaue Morgenluft emporkräuselte.
»Das?« hauchte sie mit kaum hörbarer, trostloser Stimme — »dasOlnitzkis Haus? — das der Aufenthalt meiner armen Schwester? — «
»S'ist eben nur eine Waldwohnung« sagte der Jäger verlegen lächelnd — »mein eigen Haus ist eben nicht viel besser, und Olnitzki will, glaub' ich, auch ein anderes bauen; unser Klima hier verlangt es aber kaum anders, und zum bloßen Staat wäre die Mühe hier ebenfalls weggeworfen. Doch wollen wir nicht hinangehen?«
»Nein — bitte, lassen Sie mich vom Pferd« bat Amalie — »es ist nur eine kleine Strecke — ich will von hier zu Fuß gehn — ich — ich möchte gern — «
»Ich kann mir denken daß Sie die Schwester nach so langer Abwesenheit allein zu begrüßen wünschen« sagte der Jäger freundlich, indem er dabei seine Büchse an die Fenz lehnte, und sie mit starkem Griff aus dem Sattel hob; »ist's Ihnen recht, so gehe ich indeß zurück und hole mein Wildpret. Ich weiß nicht ob Olnitzki gerade frisches Fleisch im Hause hat, und da er jetzt Besuch bekommen, wird ihm ein Theil davon vielleicht willkommen sein. Wild giebt's hier noch genug im Wald, aber es trifft sich nicht immer daß man gerade zum Schuß kommt wenn man etwas nothwendig braucht, und besser ist besser. Sie können übrigens nicht mehr fehlen; der Pfad hier führt Sie, an der Fenz entlang, bis vor die Thür; das Meiste Ihrer Sachen wird auch bald eintreffen, und das Übrige bringe ich Ihnen morgen früh.«
Er war bei den letzten Worten in den Damensattel gesprungen, und ohne einen Dank der Fremden abzuwarten, drückte er dem Thier die Hacken in die Seite und sprengte, von den Rüden gefolgt, rasch zurück in den Wald, der sich im nächsten Augenblick schon wieder hinter ihm schloß.
Fräulein von Seebald blieb allein zurück, und brauchte noch Minuten, ehe sie sich soweit sammeln konnte, der Schwester gefaßt entgegenzutreten. Aber was zögerte sie auch hier, was fürchtete sie? — hatte denn der Jäger nicht vollkommen recht, und durfte sie mitten im Wald etwas anders erwarten als die Wohnung eines Jägers? Auch Rosemores wohnten in einem eben so unscheinbaren, vielleicht etwas höheren Blockhaus, und wie freundlich, wie wohnlich sah es bei denen aus. Es war unrecht von ihr, sich solch kindischem Kleinmuth in einem Augenblick hinzugeben, wo sie ihr weitgestecktes Ziel endlich erreicht, und in den Armen der Schwester wollte und mußte sie ja bald jede solch thörichte Furcht verscheucht, vernichtet sehn.
Dort lag die Wohnung, und dorthin trug sie jetzt, in Freude und Sehnsucht zitternd, der Fuß; an der Fenz hin, manchmal noch durch niederes Gestrüpp und Unkraut das den Boden dicht bedeckte, oder auch über niedergebrochene Stämme und Äste hin, lief und kletterte sie, von den weiten Kleidern oft gehalten, in immer wachsender Ungeduld, und erreichte endlich den kleinen freien, von zahmem Vieh zertretenen und etwas schmutzigen Platz unmittelbar vor der Hütte, die in die Fenz hineingebaut lag. Hier sah sie auch das erste lebende Wesen, denn bis jetzt hatte ihr nur der blaue Rauch die Nähe von Menschen verrathen —eine Frau, in einem ordinairen weiß-baumwollenen Rock — der selbstgewebte Stoff der Backwoodsfrauen — die vor der Thür der Hütte stand und das zu Mittag wahrscheinlich gebrauchte Geschirr in einem hölzernen Troge reinigte. Gott sei Dank, da war Jemand den sie erst fragen konnte ehe sie das Haus betrat, und mit auf dem weichen Boden geräuschlosen Schritten zu ihr hinangehend sagte sie, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn, mit lauter Stimme, aber in Englischer Sprache:
»Guten Tagmadame,9könnt Ihr mir sagen ob die Gräfin — ob Mrs. Olnitzka zu Hause ist?«
Die Frau drehte sich nach ihr um und sah ihr starr und regungslos in die Augen, erwiederte aber kein Wort — sie mußte die Anrede nicht verstanden haben.
»Entschuldigt mich liebe Frau« sagte die Fremde, den Blick dabei unruhig nach der Thür der Hütte werfend, als ob sie von dort in jeder Secunde die Gestalt der Schwester zu sehn erwarte — »ich bin fremd hier — eben erst angekommen und suche die Dame der dieß Haus gehört.«
Die Frau hob langsam die Hände auf — ihr Blick erst erstaunt und erschreckt, wurde immer stierer und wilder, und während das Geschirr das sie darin gehalten ihren Fingern entfiel, streckte sie plötzlich wie abwehrend die Arme von sich, und den bleichen Lippen entrang sich das Wort »Amalie!«
»Heiliger — allmächtiger Gott!« schrie Amalie, in diesem Augenblick von jähem Schreck getroffen, während sie ihre Stirn mit beiden Händen hielt und die vor ihr stehende Frau anstarrte, als ob ein Geist vor ihr dem Boden entstiegen wäre — »Sidonie!« und die Arme nach ihr ausstreckend umfing sie wie krampfhaft die bleiche, zitternde schmächtige Gestalt. —
»Meine Sidonie — mein liebes liebes Herz« flüsterte sie dabei in ängstlich liebkosender Hast, ihr die blassen eingefallenen Wangen streichelnd und in vergehendem Schmerze fast, die abgehärmten an sie geschmiegten Glieder fühlend, »mein armes verlassenes Kind« — aber sie vermochte nicht mehr zu sagen, und auch die Schwester hing lautlos — schluchzend in ihren Armen.
Aber Sidonie faßte sich zuerst wieder, und gewaltsam die Bewegung zwingend der sie sich im ersten Augenblick wohl unwillkürlich, unbewußt selbst, hingegeben, strich sie die Haare aus der marmorweißen und fast eben so kalten Stirn, und die Schwester leise auf Armeslänge von sich pressend, schaute sie ihr voll und zärtlich in die thränengefüllten Augen, und sagte mit leiser und so unendlich weicher Stimme:
»Amalie — oh wie Dein lieber Anblick meinen Augen so wohl thut — aber wo kommst Du her — Mädchen, um Gottes Willen, was hat Dich aus Deutschland herüber in den Wald gebracht — Du — Du bist doch nicht — «
»Herübergekommen Dich zu sehen und zu küssen« rief aber die Schwester, sie von Neuem an sich ziehend — »Du böse böse Frau schreibst ja doch nicht mehr, und da wir nicht länger ohne Nachricht von Dir leben konnten, gab der Vater endlich meinen dringenden Bitten nach und ließ mich ziehen, Dich selber aufzusuchen. — Aber Sidonie — um Gottes Willen, Du bist krank — Du siehst bleich und elend aus, und strengst Dich dann dabei noch übermäßig an mit unnützer Arbeit — was lässest Du die Magd das nicht besorgen?«
»Die Magd?« sagte die Frau verlegen wehmüthig lächelnd.
»Nun ja, Herz, oder Einen Deiner Leute — lieber Himmel ich habe Dich ja gar nicht wieder erkannt, als ich Dich traf, so blaß, so abgemagert siehst Du aus — daß wir Dich doch nie fort von uns gelassen hätten. Aber wo ist Dein Mann? — wo Dein Kind? und hier — hier drinnen in dem kleinen Häuschen wohnst Du wirklich Sommer und Winter?«
»Olnitzki ist hinaus auf die Jagd gegangen, aber ich erwarte ihn heute zurück, und mein armer kleiner Oscar schläft — es war recht schwer, recht schwer krank, das Kind. — «
»Ich hörte es schon am Weg« sagte Amalie — »aber Du erwartest Deinen Mannheutevon der Jagd zurück? — bleibt er denn da über Nacht auch aus?«
»Selten, aber doch wohl manches Mal.«
»Und läßt Dich mit den Leuten hier ganz allein?«
»Mit den Leuten, Amalie?« sagte die Schwester leise und mit einem halb verlegenen halb schmerzlichen Lächeln zu ihr aufschauend — »wir leben hier einfacher als Ihr daheim zu glauben scheint. Der Wald erzeugt wenig Bedürfnisse, und den wenigen zu begegnen sind wir selbst genug — wir halten keine Leute.«
»Keine Leute für das Feld?« rief Amalie erstaunt — »und Dein Mann bestellt das Alles allein?«
»In der Arbeitszeit nimmt er sich manchmal einen Mann herüber ihm zu helfen« sagte die Frau — »aber kommAmalie, komm in das Haus; die Herbstsonne sengt Dir noch die Haut, und Du wirst müde von der Reise sein; auch mußt Du mir erzählen wie und mit wem Du hierher gekommen, mitten aufoakland groveallein und ordentlich aus dem Boden herausgewachsen. Wie ich Dich so da vor mir stehen sah, glaubt ich wahrhaftig erst, ich sähe Deinen Geist — aber Du wirst Dir Dein Kleid verderben, hier bei uns.«
»Warum verderben?« lachte Amalie unter zurückgehaltenen Thränen vor, als sie die dünne, fast durchsichtige Hand der Schwester faßte und ihren Arm um ihre Schulter legte, sie zum Haus zu führen, »und wenn es wäre, ist es ja doch für die Reise bestimmt.«
Sie hatten sich indeß der Thür genähert, und Sidonie streckte den Arm aus sie zu öffnen — aber der Arm zitterte, zögerte, und der Schwester Hand ergreifend und sie plötzlich fest, fast krampfhaft in die ihre pressend, sagte sie mit wie von innerer Bewegung erstickter hastiger Stimme:
»Amalie — meine Heimath ist nicht das was Du, trotz des ärmlichen Aussehns zu erwarten scheinst — wir leben einfach — fast ärmlich, wie der geringste Waldbewohner im weiten Reich — Du wirst — Du wirst Dich nicht wohl hier bei uns fühlen —kannstes nicht, denn der Abstand aus dem Leben das Du gerade frisch verlassen ist zu groß — zu — furchtbar — für Dich heißt das nur — für den nicht daran Gewöhnten, während wir es nicht besser wissen nicht besser — verlangen.«
»Sidonie, um des Heilands Willen, was ist hier vorgegangen?« rief Amalie in Todesangst, »was verheimlichst Du mir? was soll die Vorbereitung jetzt bedeuten?«
»Nichts, Amalie« sagte die Frau jetzt schon gefaßter, »als Dich eben, wie Du es nennst, vorbereiten, auf ein wildes, ungewohntes, und wie Du es ja in Deinen Briefen mir so oft beneidet, ein — romantisches Leben. Schrick aber nicht davor zurück — unter der rauhen Außenschaale birgt es doch noch oft den süßen Kern, und hunderte von Familien leben hier im Wald gerad' wie wir, und glücklich — und zufrieden.«
»Aber Du?«
»Ich gehöre zu ihnen« sagte die Frau leise — »bin eine von den ihren und — wenn mir mein Kind erhalten wird — verlange ich nicht mehr.«
Ihre Sprache war dabei fast zu einem Flüstern herabgesunken, aber ein schwacher Schrei im Inneren machte ihrem Zögern rasch ein Ende. Das kranke Kind war erwacht und die Mutter, der Schwester kaum noch gedenkend, stieß hastig die aus gespaltenen Bretern roh zusammengesetzte Thür auf, zu dem Liebling zu eilen. Über dessen Lager gebeugt, und welch ärmliches Bettchen war es für den Grafensohn, ließ sie die Schwester auf der Schwelle stehn, und Amaliens Blick überflog schaudernd das Innere der ärmlichen Hütte, die ihr, sie mochte sich dagegen stemmen wie sie wollte, gerade mit den Resten mancher Überbleibsel aus früherer, besserer Zeit, nur noch trostloser, leerer, verlassener vorkam, als das ärmlichste Blockhaus, das sie bis jetzt im Wald gesehn.
Die Wände waren kahl und überall von den unverstopften Spalten der übereinander gelegten und nur oberflächlich zusammengefügten Stämme durchbrochen; nur wo die beiden schmalen, kaum mit dem nothdürftigsten Bettzeug belegten Betten standen hatte, vielleicht die Hand der Frau, Maisstöcke und Überreste von Kleidungsstücken hineingestopft, unmittelbaren Zug wenigstens von dort her abzuhalten. An der einen Wand hing ein zerbrochener Spiegel von starkem herrlichen Glas, dessen verwitterter, einst reich vergoldet gewesener goldener Rahm durch Streifen Hickorybast zusammengehalten wurde. Dicht daneben war ein roh gespaltenes Bret durch hölzerne Pflöcke in den dicken Eichenstamm befestigt, und neben einem alten Pulverhorn und ein paar nachlässig dahinaufgeworfenen Sporen, neben Blechbechern und alten Kannen und blechernen Tellern, standen einzelne Obertassen mit abgebrochenen Henkeln und ausgebrochenen Stücken, aber vom feinsten vergoldeten und gemalten Severs-Porcellan. Nur über dem Bett der Frau hingen noch zwei Bilder aus der früheren Zeit — die ihrer Eltern — mit unzerbrochenen Gläsern; aber die Feuchtigkeit des Hauses hatte das Papier vergilbt und gefleckt, daß sich kaum noch eine Ähnlichkeit erkennen ließ.
Amalie sah nicht mehr — heißaufquellende Thränen füllten ihr den Blick, und als sich Sidonie von dem Krankenbett des Kindes aufrichtete, die Hand nach ihr ausstreckte und sie zu dem Lager des armen Kleinen zog, der in einem, aus rohen Bretern zusammengenagelten Gestell, aber auf weichem, wohl der Mutter entzogenen Kissen sein Bettchen hatte, da brach die Kraft die sie sich zugetraut in einem wilden Thränenstrom sich Bahn, und neben dem Kinde niedersinkend barg sie ihr Haupt an dem Bett und schluchzte laut.
Sidonie wollte sie aufrichten — wollte sich und den Gatten entschuldigen — wolltelügendaß sie sich glücklich und zufrieden fühle hier in der freilich einsamen, ungewohnten Welt, aber — sie vermochte es nicht mehr. Das Jahrelang ertragene, bestandene Weh, hielt jeden Ton, jedes Wort zurück, und bleich, zitternd, mit thränenlosem stieren Blick stand sie neben der Knieenden und schaute still und regungslos zu Boden.
Hundegebell vor dem Haus und Pferdegestampfe unterbrach die peinlich werdende Stille. Amalie richtete sich rasch und wie erschreckt empor, und auch Sidonie trat zur Thür und öffnete diese, den rückkehrenden Gatten zu begrüßen.
»Hallothe house!« rief dieser schon von weitem die eigene Wohnung an — »heda Donyhupih!komm heraus Schatz und sieh was ich Dir mitgebracht!«
Bis dicht vor die Thür sprengte dabei, von der Hand des Reiters gelenkt, das Thier, bis es mit den Hufen die Schwelle betrat, und mit dem klugen Kopf die Thür zu öffnen suchte, in der jetzt Sidonie erschien, und vor der Nähe des Pferdes erschreckend, angstvoll den Vater bat des eignen Kindes mit dem Lärm zu schonen.
»Ah paperlapapp« lachte aber der Mann, »wird ihm nicht gleich 'was schaden — sieh hier was ich Dir mitgebracht,« und in seinen Armen wand sich, mit den gebundenen Pranten vergebens arbeitend, von den Banden die ihn zusammenschnürten loszukommen, ein junger Bär, und die Hunde heulten und klefften und schnappten am Pferd hinauf, die ihnen vorenthaltene Beute zu ergreifen und zu zerreißen.
»Ruhe Ihr Bestien!« lachte dabei der Jäger vom Pferd herunter, »Ruhe und nieder mit Euch Canaillen — Dony, nimm einmal ein paar Brände heraus und wirf sie zwischen die Satansthiere, sie ziehen mich sonst wahrhaftig noch vom Pferd hinunter. — Zurück mit Euch Watch und Bull — warte Bestie, wenn ich hinunter komme dreh ich Dir den Hals um für den Biß.«
»Das Kind ist kränker geworden als es war, Olnitzki,« bat die Frau — »geh nur wenigstens mit dem furchtbaren Lärm hier von der Thüre weg; es stirbt mir ja vor Angst und Schreck.«
»Ah bah — das ist zäh und stirbt nicht,« sagte der Mann finster, »sonst wären wir den Jammer lange los,« und hinunter springend vom Pferd, das er sich selber überließ, während er den jungen Bär mit riesiger Kraft in den linken Arm gepreßt hielt, führte er mit dem scharfen Büchsenkolben wohlgezielte Stöße gegen die heranpressenden Hunde, die sie heulend zurücktrieben in sichere Entfernung. Den Gefangenen dann zu Boden werfend, nahm er eine Kette herunter, die an einem der äußeren Balken des Hauses hing, befestigte sie mit einem starken Ledergurt um den Hals des Thieres, das er zu einem der nächsten Bäume trug, schlug das andere Ende der Kette um einen der unteren Äste, und die Banden dann rasch mit dem Messer lösend sprang er zurück und rief lachend.
»So mein Bursche, nun wehre Dich selber Deiner Haut! hupih! Ihr Rüden — hupih — jetzt thut was Ihr könnt.«
Und mit dem Jagdruf warf sich die Meute in toller Wuth gegen den kaum entfesselten jungen Bär, und hätte ihn zerrissen, wäre dieser nicht rasch und gewandt, seine theilweise Freiheit benutzend, an dem Stamm, an den ihn die Kette gefesselt hielt, emporgeklettert, wo er sich dann auf dem untersten Aste festsetzte, und mit zurückgelegten Ohren und fletschenden Zähnen nach den gierig und wild gegen ihn aufspringenden Hunden hinunter hieb.
»Hahahaha, das ist göttlich, das ist kostbar!« schrie und jubelte dabei der Pole, »hupih meine Burschen, hupih! brav Watch, beinah hoch genug, aber der schwarze Bursche theilt auch dafür böse Ohrfeigen aus — hupih — hahahahaha! Aber Wetter noch einmal,« unterbrach er sich dabei, »wie er mich selber da zugerichtet hat — Dony, Dony, da wirst Du tüchtig mit Nadel und Zwirn und Heftpflaster nachhelfen müssen, alle die verschiedenen Risse an Leib und Jacke wieder in Ordnung zu bringen — hallo — wen haben wir hier?«
Der überraschte Ausruf galt der Fremden, die er nicht wieder erkannte, und in seiner Hütte fand als er die Schwelle betrat. »Wie gehts, Madame? weshalb setzen Sie sich nicht? hier ist ja noch ein Stuhl — wohl eine neue Nachbarin von uns?«
»Sie kennen mich nicht mehr, Graf Olnitzki?« sagte Amalie aber auf die englische Anrede in deutscher Sprache — »ist mein Gesicht Ihnen in den zehn Jahren so gänzlich fremd geworden?«
»Alle Wetter!« rief der Pole, überrascht einen Schritt zurücktretend und die Thür hinter sich aufstoßend, mehr Licht in den inneren fensterlosen Raum zu bekommen — »ist das nicht — ist das nicht Fräulein Amalie, meine sehr verehrte Schwägerin? aber zum Teufel, Schwägerin, wo kommenSieauf einmal her, hier mitten in den Wald hinein? — Nun einerlei, das erzählen Sie mir nachher; jetzt sein Sie uns herzlich willkommen, und machen Sie es sich so bequem wie — nun wie es die Umstände gerade erlauben. Es ist gerade nichtverdammtbequem bei uns, läßt sich aber doch aushalten und genügt für den Wald. Gegen die Indianer leben wir noch immer wie die Fürsten.«
Er hatte ihr dabei die rechte Hand entgegengestreckt, zog sie aber lachend zurück, denn sie war mit Blut bedeckt.
»Um Gottes Willen wie siehst Du aus Olnitzki?« rief aber auch in demselben Augenblick die Frau — »zerrissen und blutig am ganzen Körper; was hast Du gemacht?«
»Du hättest dabei sein sollen Dony,« lachte der Pole, seine Mütze in die Ecke werfend und die ausgestreckten Arme, die Zeugniß des bestandenen Kampfes gaben, von sich haltend. »Wie ich schon auf dem Heimweg, mein altes Jagdunglück verwünschend, bin, und drüben an derbrushy slewvorüber halte, sehe ich plötzlich eine alte Bärin mit einem Jungen bei sich, die mir die Hunde vorher auch nicht im mindesten gespürt oder bezeichnet hatten, aus einem kleinen Schilfbruch aufstehn und das Weite suchen. Ja wohl Weite; wir mit einem Hupih und Hurrah hinterher wie die wilde Jagd, und wenn es die Alte auch noch eine Weile ausgehalten hätte, konnte das Junge doch bald nicht mehr fort, und bäumte auf. Hätt' ich schon 'was geschossen gehabt die Zeit, wär's mir nicht eingefallen mit dem Kalbfleisch vorlieb zu nehmen, so aber dacht ich, das Ding auf dem Baum wär' sicherer wie die magere Alte im Busch drin, warf mein Pferd herum, sprang herunter und hätt' es nun bequem niederschießen können, aber so leichte Jagd wär ein Schimpf gewesen, und die Büchse deshalb unter den Baum legend, mit meinem Sattelseil umgehangen, klett're ich hinauf zu dem kratzenden schlagenden Ding, pack' es bei einer Hinterprante und will es eben, während es ein mörderisches Geschrei ausstößt, mit mir hinunterziehn auf ebenen Boden, als ich die Büsche wieder brechen und krachen höre, und straf mich Gott, wie ich mich umsehe kommt die Alte mit zurückgelegten Ohren und weit offenem rothglühenden Rachen — aber zum Donnerwetter Ruhe da Ihr Bestien, man kann ja sein eigen Wort nicht verstehn vor der Teufelsbrut — kommt die Alte wie ein losgelassener Satan wieder durch den Wald gesaust, und auf mich zu. Das Junge loslassen und am Stamm herunter nach meiner Büchse fahren war im Nu geschehn; aber kaum hatte ich Zeit den Hahn zu spannen und zu zielen, als die schnaubende Bestie heran kam wie zehntausend Teufel. Meine Kugel traf sie mitten durchs Herz und die Büchse fortwerfend behielt ich gerade noch Zeit mein Messer aus der Scheide zu reißen als sich die Wüthende, wie unverwundet, auf mich warf, und ich fühlte wie mir Kleider und Haut in Fetzen vom Leibe flogen. Glücklicher Weise dauerte die Geschichte nicht lange; die Kugel wirkte, und die Alte brach todt über mir zusammen; aber nun ging der Spaß mit dem Jungen von vorne los, und ich glaube bei Gott es ist kein handgroßer Platz an meinem ganzen Leib, wo ich nicht einen Riß oder Biß habe, von den Satansthieren. Du wirst mich tüchtig ausflicken müssen Dony.«
Das Kind fing wieder an zu schreien; der Lärm der Hunde draußen ließ es nicht ruhen, und der Mann warf sich indessen, während die Frau nach dem Kleinen sah, erschöpft und blutig wie er war, auf das Bett.
»Nun Fräulein Schwägerin, oderFrauSchwägerin, ich weiß nicht einmal wie man jetzt sagen muß so lange haben wir Nichts von einander gehört, welchem glücklichen Ungefähr verdanken wir diesen Besuch, oder« — er fuhr bei einem ihn plötzlich durchzuckenden Gedanken rasch von dem Lager auf und blickte scharf nach der Frau hinüber — »hat mich Sidonie damit freundlichüberraschenwollen?«
»Sidonie wußte so wenig von meiner Ankunft wie Sie, lieber Graf,« sagte Amalie, die mit Entsetzen den versteckten Verdacht in den Worten fühlte, und deren Blicken sich ein Abgrund öffnete.
»Graf?« lachte der Pole aber spöttisch auf — »den Grafen müssen Sie hier weglassen, Fräulein von Seebald; sieht das hier aus wie in einer gräflichen Wohnung? — da, das ist der Rest meiner Vergangenheit,« rief er, während er dort an der Wand hängende baumwollene Frauenkleider zurückschob, und einen alten mit Rost überlaufenen Cavalleriesäbel an Tageslicht brachte — »auch ein prächtiges Symbol,« setzte er mit höhnischer Bitterkeit hinzu, »denn die Lumpen hängen darüber hin, undversteckendie letzten Überbleibsel desGrafen.Wie gefällt es Ihnen bei uns, heh? — hübsch nicht wahr? — romantisch genug, nur ein Bischen zu viel davon. Ja,« setzte er dumpf brütend dazu, während er auf das Bett zurücksank und den Kopf in die Hand stützte, »früher war's Anders — besser vielleicht — vielleicht auch nicht, und ein freies, fröhliches Leben führen wir doch. Aber komm, komm Dony, sieh nur nach dem Leib, der verdammte Bär hat mir doch weh gethan, und ich glaube, ich habe viel Blut verloren, es wird mir so schwach und schwindlich auf einmal.«
Sidonie trat zu dem Bett des Gatten, mit zitternder Hand die blutigen Kleider zu lösen, und nach den Wunden zu sehn, die ihm der Bär im Todeskampf geschlagen, während Amalie, die schon Hut und Tuch abgelegt hatte, zu dem Kind ging und ihm den von der Mutter eingegossenen Trank zu geben suchte. Olnitzki hatte dabei recht gehabt; an Brust und Schultern trug er fast unzählige frische Wunden, keine aber glücklicher Weise tief oder gefährlich, nur alle in das Fleisch hineingerissen, und mit dem Verband schwand auch bald jeder Anfall von Schwäche, den Blutverlust und übermäßige Anstrengung im Halten des jungen, schon ganz kräftigen Bären auf wenige Momente herbeigezogen.
Sidonie bereitete dann rasch etwas zu essen für den erschöpften Gatten sowohl, wie für die Schwester, setzte die Kaffeekanne zum Feuer, und that Kaffee in die Mühle. Früher hätte es Amalie freilich nicht für möglich gehalten daß die Schwester, auf deren Wink sonst zahlreiche Dienstboten lauschten, allein, ohne eine einzige Hülfe einem solchen Leben, solcher Arbeit preisgegeben sei; jetzt kam kein Laut des Staunens noch des Schmerzes mehr über ihre Lippen. Sie sah, sie fühlte was, fürchtete sogar, daß noch mehr geschehen war als sie sah, und nur die Angst erfüllte jetzt ihr Herz, ob da zu helfen —wieda zu helfen sei.
Stimmen wurden draußen laut, die Hunde, die sich in etwas beruhigt hatten als der junge Bär seinen sicheren Platz auf dem Baumast nicht mehr verließ, und auf die unter ihm gelagerten Rüden ruhig niederschaute, schlugen wieder an, und Jack Owen's Stimme rief gleich darauf, nach Waldes Art, das Haus an, von den Bewohnern Einen in die Thür zu ziehn.
Olnitzki sprang selber, trotz Sidoniens Bitte sich zu schonen, von seinem Lager auf, zu sehn wer da sei, und blieb verwundert in der Thür stehn, als er die Masse von Sachen, Koffern und Kisten auf die Maulthiere gepackt, vor seiner Wohnung halten sah.
»Hallo Ihr Leute — guten Tag — was bringt Ihr da?« rief er hinaus — »Wetter noch einmal Rosemore, seid Ihr ein wandernder Krämer geworden, der mit seinen Packen im Lande herumzieht, Band und Stecknadeln zu verkaufen? — ah Jack, Ihr führt wohl die Provisionen mit? — nur herein mit Euch, der Kaffee wird gleich fertig sein, und ein heißer Becher voll uns gut thun.«
»Zum Henker noch einmal, Olnitzki, wie seht Ihr denn aus?« sagte Jack Owen, der indeß vom Pferde gestiegen war und das Wildpret auf der Schulter auf ihm zu kam — »wer hat Euch denn so zugerichtet?«
»Der Bursche da und seine Mutter,« lachte der Pole, auf den aufgebäumten jungen Bär deutend, »aber was solls mit dem Wilde?«
»Ihr habt Besuch bekommen,« meinte der Jäger leicht erröthend, »und da ich nicht wußte ob Ihr gerade frisch Fleisch im Hause hättet, wollte ich Euerer Frau das Stück hier, das ich an der Gründorn-Ebene drüben vor einer Stunde etwa geschossen, herüber legen — mir sind die Woche ein paar vor die Büchse gelaufen.«
»Und die Sachen da draußen?«
»Gehören der Dame — Euerer Frau, Schwester, glaub' ich, die gestern von Little Rock mit Billy Jones Geschirr herübergekommen.«
»So? — so ist die Sache? nur herein Ihr Leute — stellt die Geschichten nur indeß da vorne hin, Rosemore; kann Euch wahrhaftig nicht einmal dabei helfen, denn der verdammte Bär hat mir die Arme so zerfetzt, daß sie mir steif und matt zu werden anfangen.«
Der alte Rosemore, der mit Bill Jones und Owens Hülfe die Kisten und Koffer bis zum Haus geschafft, trat jetzt mit diesem hinein, begrüßte die Frauen, frug nach dem kranken Kind, das er sich aufmerksam betrachtete und der Mutter verschiedene Kräuter anrieth, ein Bad daraus zu bereiten, und ließ sich dann von Olnitzki sein Abenteuer mit dem Bär erzählen, wollte aber unter keiner Bedingung mit zum Essen bleiben; er sah wie beengt der Raum schon ohnedieß da war, und weigerte sich auch schon jetzt eine Bezahlung für den Transport der Sachen anzunehmen. Die Maulthiere gehörten nicht ihm, wie er sagte, und er mußte den Eigenthümer erst fragen, was er für den halben Arbeitstag für sie verlange — seinen eigenen Spatziergang verstünde es sich wohl von selbst, daß er den nicht rechnete.
Olnitzki redete den Nachbarn auch eben nicht besonders zu noch zu verweilen, und eine Viertelstunde später trabten diese wieder, auf den indeß ausgeruhten Thieren, der eigenen Heimath zu.
Sidonie hatte indessen der Schwester Hülfe für heute, da sie ja noch nicht bescheid wisse in Haus und Wirthschaft, lächelnd abgelehnt, und Kaffee gemahlen und von dem frischen Fleisch in die Pfanne geschnitten, so daß bald ein recht gutes, nahrhaftes Mahl von Maisbrod und Wildpret, Honig und Kaffee auf dem reinlich gedeckten Tische dampfte. Nur mit Sitzen, wie mit Geschirr und Messer und Gabeln sah es ärmlich aus. Amalie bekam die einzige noch ordentliche Gabel mit dem dazu gehörigen Messer, Olnitzki nahm seinen Genickfänger, mit einer einzinkigen Gabel, das Fleisch, das er schneiden wollte, damit zu halten, und Sidonie benutzte ein ausgeschnittenes Stück Rohr, das allem Anschein nach schon lange diesen Dienst verrichtet, abwechselnd des Gatten Messer dabei gebrauchend. Auch für den Kaffee bekam die Schwester eine der freilich henkellosen Tassen aus der alten Zeit, und wenn die Untertasse auch nicht dazu paßte, trank es sich doch besser daraus wie aus den Blechbechern, die von Olnitzki und seiner Frau benutzt wurden. Aber ein eigenes unheimliches Gefühl bemächtigte sich der Schwester, als sie den breiten Goldrand des zerbrochenen Geschirrs neben der blechernen Schüssel stehen sah, und dann der Zeit gedachte wo sie selber diese Tasse einst der jungen hoffnungsseligenBrautgeschenkt.
Das Gespräch bei Tisch war ziemlich einsylbig, und Sidonie selber konnte kaum fünf Minuten hintereinander auf ihrem Platz bleiben, so nahm das kranke Kind sie noch in Anspruch; Olnitzki aber neckte Amalie dabei, daß sie so viel Gepäck mit in den Wald gebracht, wo sie so wenig brauchten, und war dann selber neugierig zu sehen was die Kisten enthielten, als ihm die Schwägerin sagte daß das Meiste darin nur für ihn und seine Frau, wie für sein todtes kleines Kind bestimmt gewesen, dessen Hinscheiden sie nicht einmal erfahren.
Einige Schwierigkeit hatte es für ihn, als das Essen beendet und das Kind in Schlaf gebracht worden, die Kisten mit seinen verwundeten Armen zu öffnen, aber es gelang ihm endlich, und Amalie suchte jetzt im Auspacken die Schwester — ja sich selber zu zerstreuen, denn Manches hatte sie mitgebracht ihr und dem Gatten eine Freude zu machen. Aber, lieber Gott, bei der Auswahl der Dinge war es ihnen daheim freilich nicht eingefallen die Lieben in dem fernen Lande sich in solchen Verhältnissen zu denken, als sie dieselben jetzt gefunden, und wunderlich nahmen sich die prachtvollen Stickereien von Cigarrentasche und Lesepult, Briefmappe und Taschenbuch, die Spitzenhauben und Glacéhandschuh, das kleine reizende Dejeuner vom feinsten gemalten Porcellan, das auf seinen Kannen und Tassen Landschaftsscenen aus Sidoniens Heimath trug, die reich verzierte Lampe, die niedlichen gestickten Pantoffeln, und alle die anderen unendlich geschmackvoll und elegant gewählten Sachen in der ärmlich wilden Hütte aus, die ihr graues Bretdach über sie spannte.