Capitel 3.

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Sidonie saß mit gefalteten Händen still daneben, und wagte kaum die Gegenstände zu berühren, während sie Olnitzki langsam eins nach dem anderen in die Hand nahm, lächelnd herüber und hinüber drehte, und dann auf den, zu dem Zweck abgeräumten Tisch hinstellte.

»Hahahaha,« brach er endlich in einem wilden, unnatürlichen Humor heraus, »wie die Burschen, unsere ungeschlachten Nachbarn schauen sollen, wenn sie die wunderlichen »fixins« zum ersten Male sehn, wie sie staunen und sich den Kopf zerbrechen werden, zu was dieß und das, und jenes da bestimmt ist — hab' ich's doch selber fast vergessen« — setzte er leise, und unheimlich dabei lachend hinzu. — »Und wie prächtig das Dejeuner zu dem alten Blechtopf paßt, und die Glacéhandschuh hier zudenFäusten; Schwägerin, Schwägerin, ich fürchte Sie haben da viel Geld nutzlos verschwendet, und uns nur Illustrationen zu dem Bilde mitgebracht, wie Sie sich, trotz allen unseren Schilderungen vom Gegentheil, unser Wald- und Jägerleben hier eigentlich ausgemalt. Es fehlte jetzt nur noch ein Kronleuchter — erinnerst Du Dich noch, Sidonie, wie so ein Ding aussieht? — unserenSalonwürdig zu schmücken.«

»Aber Sie wollen doch nicht immer ein solches Leben fortführen, Olnitzki?« sagte Amalie mit vor Angst und innerer Aufregung fast erstickter Stimme — »wenn auchIhrkräftiger Körper solche Entbehrungen leicht erträgt, sehen Sie dagegen wie die Schwester hingewelkt — denken Sie sich das junge lebenslustige glückliche Weib, das sie aus ihrer Eltern Haus mit sich hineinnahmen in die Welt, und sehen Siejetztdie arme Gattin an.«

»ArmeGattin?« wiederholte Olnitzki, finster die Stirn runzelnd, »das Weib soll dem Mann folgen in Glück und Leid, und wo siezusammentragen, hat sich, meiner Meinung nach, kein Theil zu beklagen.«

»Aber Sidonie — « wollte Amalie erwiedern, doch ein ängstlich flehender Blick der Frau hielt das Wort auf ihre Lippen gebannt und Olnitzki, eine mit den Farben seines Vaterlands gestickte Cigarrentasche in der Hand, saß lange in dumpfem Brüten darauf niederstarrend. — Aber der böse Geist wich von ihm; tief aufseufzend strich er sich mit der Hand die Falten von der Stirn und die Tasche auf den Tisch, zu den übrigen Sachen legend, sagte er mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen:

»Nichts für ungut, Schwägerin, die verdammten Risse, die mir der Bär heute versetzt, brennen mich, morgen ist das vorüber — herzlichen Dank für alles das was Sie uns so weit herüber gebracht; es war ja so gut gemeint, und wird Sidonie viele Freude machen; sie hängt doch wohl noch ein wenig an den alten Geschichten. Bereite der Schwester dann ihr Lager auf meinem Bett, Dony, ich lege mich hier zum Kamin — keine Umstände Schwägerin,« setzte er lachend hinzu, als er sah daß sie dagegen protestiren wollte, »Sie kommen um Nichts besser weg, denn es ist hart genug, und ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich auf meinem alten Bärenfell hier dicht am Feuer nicht am Ende noch weicher und wärmer liegen werde, wie Sie da drüben. Jetzt aber gute Nacht, mir fängt der Kopf so wieder an zu schwindeln, und ich muß morgen früh hinaus, den Bär zum Haus zu holen, der noch draußen, eben nur aufgebrochen, im Walde liegt. So mein Kind —das thuts — das ist gut genug,« sagte er zur Frau, die ihm das Fell indeß vor das Camin gezogen und ein Kopfkissen mit einer wollenen Decke darauf gelegt hatte — »das ist gut genug, nun laßt mich schlafen, und morgen früh, soll uns die Schwägerin recht viel von zu Haus — von Deutschland erzählen.«

Das Kost- und Logirhaus oder »Bordinghaus« nach dem Amerikanisch-deutschen Ausdruck in New-Orleans, dessen Schenk- und Gastzimmer wir schon einmal besucht haben, war eins jener alten französischen Gebäude, welche von den ersten Ansiedlern der Stadt noch in einer Zeit errichtet worden, wo der Platz selber, auf dem es stand, wenig Werth hatte, und nahm deshalb, für seine niedrige Dachung, einen unverhältnißmäßig großen Flächenraum ein. Auch das darauf errichtete Haus sah verwittert und baufällig genug aus, mit den alten Hohlziegeln auf dem Dach und den, ihres Kalkes an vielen Stellen beraubten Wänden, der halben hölzernen Verandah oder Gallerie vor der ersten Etage, und dem entschieden in sich zusammengeknickten Giebel. Der Eigenthümer aber, ein schon einige zwanzig Jahr im Lande ansässiger Deutscher Namens Hamann, wollte das alte Nest, trotz recht guten Geboten, die ihm darauf gemacht worden, nicht verkaufen, und behauptete jedesmal, wenn wieder dazu gedrängt, so langeerlebe, halte es auch, ernähre ihn dabei gerade, und sei seit so langen Jahren nun eine Heimath ankommender Deutscher gewesen, daß es diese vermissen würden, wenn sie nach Amerika kämen, und das könne er nicht über's Herz bringen.

Es war etwa drei Wochen nach der Landung der Haidschnucke in New-Orleans, als der biedere Christoph Hamann in seiner eigenen Wohnstube oben saß, und emsig beschäftigt war einen ziemlich ansehnlichen Koffer mit Chirurgischen Instrumenten, der vor ihm im Zimmer stand, einzupacken und die auf dem Tisch umherliegenden Instrumente selber, wo sie hie und da etwas von Rost gelitten hatten, zu putzen und wieder herzustellen.

An einem erhöhten Pult, neben dem nächsten Fenster, stand ein junger, vielleicht vierundzwanzigjähriger Mann, der Sohn des alten Hamann, in weißer Jacke und Hose, den breiträndigen Strohhut neben sich auf dem Stuhle, und notirte die einzelnen Gegenstände, die ihm der Vater, wie er sie in den Koffer legte, diktirte.

»So« — sagte der Alte, der mit dem Einpacken ziemlich fertig war, und eben noch ein Etui mit verschiedenen Messern und Lanzetten vom Tisch nahm und öffnete — »hier noch das Besteck mit — Donnerwetter da sind eine ganze Menge Geschichten darin — mit einer Quantität Messer und Eisen und Feilen — was weiß ich wie die Dinger alle heißen — warte einmal wir können sie wenigstens zählen — fünf, acht, elf, fünfzehn, und hier noch vier sind neunzehn, und hier die drei kleinen Dinger sind zweiundzwanzig Stück. Das Leder außen sieht ebenfalls noch ganz wie neu aus — na Du wirst schon sehen was Du dafür bekommst.«

»Vater, die eine Tasche ist fast so viel werth, wie Euch der Mann im Ganzen schuldig war,« sagte der Sohn.

»Was verstehst dennDudavon?« brummte aber der Alte mit einem mürrischen Seitenblick auf den jungen schlanken Burschen, dessen gutmüthig offene Züge tiefes Roth in diesem Augenblick färbte — »bekümmere Du Dich da um Deine Schreiberei, und misch Dich nicht in Sachen die Dich nichts angehn, und von denen Du keine Idee hast.«

»Der Mann war bei mir und hat mir seine Noth geklagt!« sagte Franz, der Sohn.

»Noth geklagt?« fuhr aber der Alte unwillig auf, »der hat auch noch über Noth zu klagen; erst liegt er bei mir hier fünf Wochen im Haus und ißt und trinkt, ohne einen Pfennig zu zahlen, nachher geb' ich ihm noch Reisegeld und ein Gewehr, das mich selber fünfundsiebzig Dollar gekostet hat, und schicke ihn in's Innere, und nun soll ich auch noch seine Sachen wieder herausgeben und gar Nichts haben, heh? — Und ist die Zeit, in der er es abholen mußte nicht etwa schon seit acht Tagen verfallen? Hätt' er mirvorder Zeit gezahlt was er mir schuldig war, so konnte er seinen Bettel, der mir überdieß hier lange genug im Wege gestanden, ruhig wieder mit fortnehmen, ich wäre der letzte gewesen, der ihn daran verhindert hätte — hab' ich so vielen Deutschen fortgeholfen, würd' ich den auch nicht haben sitzen lassen, aber jetzt ist die Zeit vorbei — die ganze Sache ist ohnedieß schriftlich abgemacht, und wenn er sich im Recht glaubt, soll er mich verklagen; Christoph Hamann ist nicht der Mann, der einer gerechten Sache aus dem Wege geht.«

Der Sohn seufzte tief auf und begann wieder, ohne etwas weiter gegen den Vater zu äußern, an seiner Arbeit, bis ihn der alte Herr Hamann mit einer neuen Frage unterbrach.

»Ist der Elsasser wieder da gewesen, wegen dem Land?«

»Ja, gestern Abend.«

»Nun? — und hat das Geld nicht mitgebracht?«

»Er hatte es, verlangte aber von mir vorher eine genaue Beschreibung des Landes, wie es gelegen sei, ob sumpfig oder gesund und da — «

»Hast Du ihm doch wohl nicht etwa in Deiner Dummheit von dem Bischen Wasser darauf erzählt?« fuhr der Alte heftig in die Höhe.

»Ich mochte nicht lügen, Vater« sagte der junge Bursche entschlossen.

»Na nun wird's Tag!« schrie aber der Alte, mit der geballten Faust zornig auf den Tisch schlagend — »füttern soll ich Euch Alle hier, und die theuere Wirthschaft in Stand halten, Taxen soll ich bezahlen und Provisionen für alles mögliche Lumpengesindel, das hier herüberkömmt von Europa, und wenn sich die Gelegenheit bietet einen ehrlichen Pfennig zu verdienen, schlägt mir den der eigene Sohn vor der Nase weg.«

»Ich hielt das für keinenehrlichenPfennig, Vater« sagte Franz entschlossen.

»Duhieltest es nicht dafür, Holzkopf —nunfreut mich mein Leben,Dualso hieltest es nicht dafür. Ich will Dir einmal sagen was ich vonDirhalte: daß Du ebenso nach Amerika paßt, wie ein wilder Ochse in eine Porcellanhandlung. Wenndasalso Alles ist, was Du während den zwei Jahren die ich Dich zu Deiner Ausbildung in Deutschland in einem Geschäft gehabt, gelernt hast, dann kann ich mir gratuliren das Reisegeld aus dem Fenster geworfen zu haben, und je eher Du machst daß Du wieder hinüber kommst, desto besser.«

»Aber Vater diese unglücklichen Menschen die hier nach Amerika herüberkommen, sind ja so schon arm und elend genug — wir wollen uns doch nicht an ihnen bereichern.«

»Wollen wir nicht, so? — aber von was wollen wir dennlebenheh?« rief der Alte — »der Mosje schwatzt da in's Blaue hinein und bringt mir moralische Grundsätze auf einen Amerikanischen Markt, die gerade so gute Geschäfte machen würden, wie ein Zahnarzt bei den Indianern. Junge, Junge ich glaubte Du hättest ausgelernt, und sehe jetzt daß Du wieder ganz von vorne anfangen mußt. Die Reise nach Arkansas wird Dir übrigens gut thun, mein Geschäftsfreund dort, der einen besonders lebhaften Whiskeyhandel nach dem Indianischen Territorium treibt, ist ein höchst praktischer gewiegter Bursche, und wird Dir die deutsche Schlafmütze schon aus den Gliedern treiben, und Du mußt dann endlich einmal lernen, daß das deutsche Gesindel, das hier zu uns herüberkommt und mit seiner Überklugheit immer unser ganzes Amerika verbessern will, nicht eher Verstand bekommt, bis es seinen letzten Groschen an den Mann gebracht hat; wer also dazu beiträgt daß das recht bald geschieht, thut den Leuten nur einen Gefallen, und ist ihr wahrer Freund, und nachdenGrundsätzen handle ich, wie sich der junge Herr merken kann, und wonach er zu achten hat — verstanden?«

»Lieber Vater« sagte Franz, der sein Pult verlassen und die Feder niedergelegt hatte, ruhig und bestimmt »Sie haben sich da einen Weg vorgezeichnet, dem ich im Leben nicht folgen kann und will. Es mag, wie Sie vielleicht recht haben, viel Gesindel aus Europa zu uns herüberkommen, aber es kommen auch viele wackere, wenngleich arme Familien herüber, und die gerade sind es dann, die von Agenten und Seelenverkäufern ausgezogen und beraubt, anstatt von dem Staat, dem sie ihre Kräfte weihen wollen, dem sie ihr Alles herüberbringen was sie auf der Welt noch das ihre nennen, unterstützt und geschützt zu werden.«

»Auch noch?« rief der alte Hamann verwundert aus — »wir sollen wohl noch überselig sein wenn sie ankommen, und sie füttern und pflegen und sie noch bitten nur um Gottes Willen Nichts zu arbeiten, daß sie sich ja nicht die faulen Knochen strapeziren. Gott verdamm mich, Junge, Du schwatzest da Zeug daß man verrückt werden möchte.«

»Ich spreche nur von etwas« rief sein Sohn, in edlem Eifer erglühend, »das mir schon lange auf der Seele brennt und das, neben der Sclavenfrage, ein Schandfleck für die Union ist — ich spreche von dem unbeschätzten Zustand, in dem sie geradedieMenschen an ihrer Küste berauben und plündern läßt, die das Mark ihrer Bevölkerung bilden, und ohne welche die einzelnen Staaten schon in ihren Schulden erstickt und zu Grunde gegangen wären — die fleißigen Ackerbauer die den Boden urbar machen, die den Verkehr brechen für Dampfschiff und Eisenbahn, die den Werth des Landes in den meisten Staaten um das zehnfache, in vielen um das hundertfache vermehrt haben, und anspruchslos und thätig dabei ihre stille ruhige Bahn fortgehn.«

»Und was soll der Staat mit denen anfangen? was sollte er für die thun?« sagte der Alte mit einem spöttischen, ja fast verächtlichen Lächeln, »die der Mosje da für dieGeplündertenundBeraubtenhält, und seinem eigenen Vater dabei gewissermaßenPlünderungundRaubunter die Nase reibt, heh?«

»Er sollte in den Haupthafenplätzen seines großen Reiches, in New-Orleans und New-York, in Philadelphia, Baltimore und wie sie heißen, Häuser errichten, in denen die Armen, wenigstens die ersten Wochen hindurch, ein Unterkommen, im Nothfallunentgeltlichfänden, und wo ihr Eigenthum, wenn sie in das Land hinein müssen Arbeit zu suchen, von geschworenen Beamten, sicher und vor Verfall geschützt, aufbewahrt würde, bis sie im Stande wären es zu reclamiren.«

»Könnte gleich eine Kleinkinderbewahr-Anstalt damit verbunden werden« lachte der Alte.

»Wollte Gott es geschähe« rief Franz, »tausende von Kindern, die später einmal unsere besten und kräftigsten Bürger bilden, würden dann vor Elend und Untergang bewahrt.«

»Aber was sagst Dumirdas hier?« rief der Alte endlich ungeduldig werdend — »was hab'ichdamit zu schaffen? warum gehst Du damit nicht zum Gouverneur oder zum Präsidenten, und stellst ihm einmal die Geschichte vor? Der wird mit dem größten Vergnügen darauf eingehn.«

»Der Präsident kann dabei noch Nichts thun,« sagte aber der Sohn, den im Spott gemachten Vorschlag ganz ernsthaft nehmend — »nein, die einzelnen Staaten müssen das aus sich selber kräftig schaffen und herstellen; die einzelnen wohlhabenden Bürger zusammentreten, und zum Besten ihrer eigenen Stadt ein solch Asyl gründen. Wie viel tausend Menschen sehen in Amerika die Hand, die sich ihnen und ihrer Noth Hülfe bietend entgegenstreckt — wie viel tausend finden aber nur daß eben die Hand, anstatt sie zu stützen und zu halten, in ihre Taschen greift, und sie des letzten beraubt was sie noch mitgebracht, sich selbst zu helfen. Oh Vater, Sie sind reich — wenn Sie den Anfang machten zu solchem großen Werk.«

»Du bist ein Esel hätt' ich bald gesagt« unterbrach ihn der Alte aber hier mürrisch, »Donnerwetter, jetzt hab' ich den Unsinn satt, nun mach daß Du fortkommst, und sieh daß Du mir vor allen Dingen den Elsasser wieder findest — schick' ihn mir nur herauf; ich will schon mit ihm fertig werden.«

»Vater!« rief Franz in edler Entrüstung sich gegen einen Auftrag sträubend, den er selber für unredlich und schlecht hielt, »Vater ich passe nicht zu dem, zu dem Sie mich machen wollen; lassen Sie mich fort, allein in die Welt hinaus und ich will mir mein eignes Fortkommen schon gründen, mir schon Bahn brechen zu einem neuen frischen Leben, und wenn ich mir mein Brod im Anfang mit der Schürstange, oder mit Axt und Schaufel verdienen sollte.«

»Und das Geld das ich für Deine Erziehung verwandt?« rief der Alte ärgerlich — »wer zahlte mir denn die Zinsen? Schöne Wirthschaft das, nicht wahr, wenn die Zeit jetzt gekommen ist, wo Du Deinen alten Vater, der Niemanden auf der Welt weiter hat auf den er sich verlassen kann, unterstützen solltest, und dann von ihm fortlaufen willst ein eignes Geschäft anzufangen? Was würde dann aus den paar Dollarn, die ich mir erspart, wenn ich die Augen einmal zudrücke, und fremde Menschen dann hier um mich her säßen, die sich die eigenen Taschen in aller Geschwindigkeit füllen würden? was würde aus dem Geschäft selbst, das ich seit ein paar Jahren endlich zu einer Art Aufschwung gebracht, und das nie, so lange ich und Du es verhindern können, in fremde Hände fallen darf? — Unsinn Franz, Du weißt gar nichtwasDu von Dir stoßen willst, irgend einer fixen wahnsinnigen Idee, die eben unausführbar ist, nachzulaufen. Mach jetzt daß Du fortkommst und thue was ich Dir befohlen habe; ich will Nichts mehr wissen sag ich Dir,« schrie er den Sohn unwillig an, als dieser wieder etwas entgegnen wollte, und Franz verließ, tief aufseufzend, aber mehr als je entschlossen seine Hand zu Nichts zu bieten, was er nicht vor dem eigenen Gewissen verantworten könne, das Zimmer.

In diesem aber ging, die Arme auf den Rücken gekreutzt mit raschen, unruhigen Schritten der alte Hamann auf und ab, leise Flüche in den Bart murmelnd, und mit dem Kopfe dazu finster und unwillig schüttelnd.

Draußen klopfte Jemand leise an die Thür.

»Herein!« rief der Alte barsch.

»Herr Hamann zu sprechen?« frug eine freundliche Stimme.

»Ah, Sie kommen mir gerade wie gerufen, Messerschmidt« rief ihm der Alte rasch entgegen — »sind Sie meinem Jungen begegnet?«

»Herr Hamannjuniorwaren eben so freundlich mich auf der, etwas dunklen Treppe, beinah über den Haufen zu rennen.«

»Er ist verrückt der Bengel!« rief der Vater.

»Verliebt vielleicht« lächelte Herr Messerschmidt.

»Gott bewahre; er will eine deutsche Kleinkinderbewahr-Anstalt, und eingratisEinwanderungshaus gründen.«

»Bah,« sagte Herr Messerschmidt, »das ist eine Idee die am Besten durch dasselbe Mittel curirt wird, das sie allein in's Leben rufen könnte.«

»Und das wäre? — «

»Geld,« sagte der Agent, achselzuckend — »das ist die alte Geschichte die nur von solchen immer vorgebracht wird, die gerade kein eignes Geld zur Verfügung haben, es darauf zu verwenden. Überweisen Sie Ihrem Herrn Sohn ein Vermögen, und er wird etwas Gescheidteres damit anfangen.«

»Vermögen überweisen,« brummte der Alte — »Sie reden da hinaus, als ob ich zwei oder mehr zu vergeben hätte.Dasärgert mich ja gerade, daß der junge Laffe eben das ruiniren will, womit sich sein armer alter Vater das Brod verdienen muß; unter dem Leib will er mir den Stuhl fortziehn, und sein schmutziges Zwischendecksgesindel darauf setzen; es ist zum Verzweifeln.«

»Unsinn,« lächelte Herr Messerschmidt — »lassen Sie uns von etwas Vernünftigerem reden; das ist eine Idee die in schönen, wohlklingenden Redensarten verraucht, und wenn Sie mir folgen, geben Sie ihm vollkommen recht, muntern ihn noch dazu auf etwas derartiges zu beginnen und versprechen ihm ihre thätige Hülfe und Unterstützung.«

»Daß ich ein Narr wäre,« rief der Alte, »der Junge hielte mich beim Wort, und was das Schlimmste ist, er jagt mir schon jetzt die Kunden aus dem Haus hinaus, und wäre im Stande den eigenen Vater an den Pranger zu stellen.«

»Das wäre allerdings fatal,« sagte Herr Messerschmidt, die Augenbrauen in die Höhe ziehend und plötzlich ganz ernsthaft werdend, »wenn die Sachesosteht, bester Herr Nachbar, da möchte ich Ihnen denn doch rathen, den Burschen lieber aus dem Haus zu thun, und Jemanden hinein zu nehmen, auf den Sie sich sicher verlassen können. Ich selber würde — «

»Ihnen meinen eigenen Sohn vorschlagen, heh?« fiel ihm der Alte kurz und mit einem mistrauischen Blick in die Rede — »hab' ich recht oder nicht?«

»Nun der Junge hat Talent und guten Willen.«

»Glaub' ich,« brummte der Alte, »aber mein eigen Fleisch und Blut steht mir näher, und ich werde den Jungen schon zur Raison bringen; er muß mir gehorchen, oder — aber hol's der Teufel, wir wollen von 'was Anderem reden,« unterbrach er sich plötzlich selbst, — »kommen Sie wegen der Pfandgeschichte?«

»Oh Gott bewahre,« lachte Herr Messerschmidt, »die Sache ist ganz einfach; der junge Bursche behauptet, die beiden goldenen Uhren bei Ihrem früheren Barkeeper, von dem er auch die Quittung hat, versetzt zu haben; der ist jetzt fort, Niemand weiß wohin, und ich habe ihm nun den guten Rath gegeben, einen Aufruf an ihn in dem New-Orleans Advertiser abdrucken zu lassen, daß ihm nachher Niemand darauf antwortet, versteht sich von selbst. Nein, lieber Hamann, ich wollte unsere kleine Speditionsrechnung in Ordnung bringen — brauche gerade Geld, und muß vor dem neuen Jahr meine Casse jedenfalls reguliren.«

»Und wie viel macht's im Ganzen?«

»Hundert und sieben und neunzig Dollars fünfzig Cent.«

»Seit zwei Monaten?«

»Ja, und einige Tage — Ihre Geschäfte sind brillant gegegangen, hier ist übrigens auch die specifirte Note.«

»Hm, hm,« sagte Herr Hamann, das ihm überreichte Papier öffnend und langsam durchlesend — »da steht ja der Goldschmied mit 10 Dollarn darauf, der nur acht Tage im Hause blieb und nicht einmal sein Boarding zahlte, — was fällt Ihnen denn ein? — den müssen Sie streichen.«

»Er war gestern bei mir;« sagte Herr Messerschmidt lächelnd, »und frug mich um Rath wie er wohl wieder zu der Tuchnadel kommen könne, die wohl einige achtzig Dollar werth sein soll.«

»Bah, Unsinn, der Quark war nachgemacht — fünf und siebzig Cent hat mir der Jude dafür gegeben.«

»Das hab ich ihm auch gesagt,« schmunzelte der Agent, »und ihm sogar versichert, ich würde es im Nothfall bezeugen können.«

»Nichtsnutziges Gesindel,« brummte Herr Hamann, in gerechter Entrüstung über die Schlechtigkeit der Welt, erwähnte aber weiter nichts von den zehn Dollarn. Der Agent beobachtete ihn indessen schweigend, während er las, und trommelte dabei auf dem Hut den er zwischen den Knieen hielt, einen Marsch.

»Hier ist noch ein Posten, der nicht hierher gehört.«

»Und? — «

»Die Oldenburger — ich bitte Sie um Gottes Willen, was schaffen Sie mir für Volk in's Haus. Drei Wochen füttere ich jetzt die ganze Gesellschaft, und habe ihnen heute Morgen, weilgarnichts aus ihnen herauszukriegen ist, gekündigt — wie kann ich Ihnen demnach zwei Dollar für den Kopf zahlen?«

»Sie haben recht, das wäre unbillig,« sagte Herr Messerschmidt freundlich — »wir wollen es dann lieber so machen — ich zahle Ihnen den »Boarding« für die Leute, ziehe aber, was sie indessen an Arbeit im Hause geleistet haben, ab, und bekomme dann ihr Gepäck so lange überliefert.«

Herr Hamann sah mit einem nichts weniger als freundlichen Blick nach ihm hinüber, faltete aber das Papier zusammen, hielt es ein paar Secunden wie nachdenkend in der Hand und sagte dann kopfschüttelnd:

»Das würde eine Masse Umstände und Rechnereien machen — da, gehen Sie an den Pult und schreiben Sie mir Ihre Quittung, ich hole Ihnen indessen das Geld.«

»Alter Gauner,« murmelte Herr Messerschmidt, dem Wirth aber unhörbar, freundlich zwischen den Zähnen durch, und ging mit einer höflichen Verbeugung zu dem Stehpult, dem Verlangen Folge zu leisten. Wenige Minuten später war dieß Geschäft zwischen den beiden Männern abgemacht. Wie Herr Messerschmidt das Geld gerade nachgezählt, die einzelnen Banknoten sehr genau betrachtet, und dann in sein Taschenbuch gelegt hatte, klopfte es wieder an die Thür, und auf das mürrische »Herein« des Hausherrn, drückte sich, ängstlich und verlegen, seinen Hut dabei unter den Arm quetschend, der eine der Oldenburger in's Zimmer und blieb an der Thüre stehn.

»Nun, was soll's,« sagte Herr Hamann, während Herr Messerschmidt aufstehend an das Fenster ging und hinaus auf die Straße sah.

»Herr Wirth,« sagte der Oldenburger mit bittendem Ausdruck in der Stimme, »Ihr Ausschenker hat uns vorhin gesagt, daß Sie uns nicht länger in Kost behalten wollen.«

»Füttern wollen, meint Ihr wohl?« sagte Herr Hamann, »wie komme ich dazu, ganze Schiffsladungen voll Menschen zu ernähren, ohne daß ich einen Pfennig Bezahlung bekäme?«

»Wir wollen ja gern gehn,« sagte der Mann, »und Ihnen später Alles auf Heller und Pfennig bezahlen, aber er will uns unsere Koffer nicht mitgeben.«

»Auch noch, nicht wahr? — erst hier Gott weiß wie lange mit den ganzen Familien zehren, und dann auch noch mit Sack und Pack abziehen — dumm seid Ihr nicht, das muß wahr sein, und blöde auch nicht.«

»Wir wollen Ihnen ja gern den Werth der gehabten Kost in Sachen zurücklassen, wenn wir nur das Übrige mit fortnehmen dürfen. Wir können doch nichtsoin die Welt hineinziehn?«

»Das geht mich Nichts an,« entgegnete aber mürrisch der Wirth, — »ich habe hier keinen Handel mit alten Kleidern, sondern ein Gasthaus, in dem ich für jedes Pfund Fleisch, was ich haben will, baar mit meinem Gelde zahlen muß — «

»Aber was sind wir Ihnen denn eigentlich schuldig?« frug der Mann, »der Ausschenker hat uns eine Rechnung gegeben, auf der eine Menge Gläser Getränke stehn, von denen wir Nichts wissen, aber nicht einen Pfennig für die Arbeit abgerechnet, die wir in der Zeit für Sie gethan, und die Frauen haben doch Woche ein Woche aus gewaschen und wir selber all ihr Holz gespalten und gesägt, Ihren Mist gefahren, Ihre Kartoffeln ausgemacht im Feld, und hereingeschafft.«

»Die Arbeitstage sind Euch nicht mit aufgeschrieben,« sagte Herr Hamann.

»Nein, das ist wahr, aber auch Nichts dafür zu Gute, lieber Gott, wir haben uns unsere Kleider dabei herunter gerissen und tüchtig zugegriffen, das wissen Sie selber am Besten.«

»Mein Essen war auch nicht schlecht, und bei den theueren Zeiten könnt' ich's vor meinen Kindern nicht verantworten, wenn ich andere Leute umsonst fütterte; warum sucht Ihr Euch keine feste Arbeit.«

»Lieber, guter Gott,« sagte der Mann, »da der Herr, der da am Fenster steht, kann Ihnen darauf die beste Antwort geben; hat er uns nicht von Woche zu Woche hingehalten und immer und immer versprochen, und immer Nichts gebracht?«

»Na ja, nun machtmirauch noch Vorwürfe, daß ich mir Euretwegen die Schuhsohlen abgelaufen, ohne einen rothen Dreier dafür zu haben,« rief Herr Messerschmidt, sich rasch und ärgerlich nach dem Manne umdrehend, »kannichdie Leutezwingen,Euch Arbeit zu geben, oder habe ich mich überhaupt dazu verpflichtet?«

»Nichts für ungut,« bat der arme Teufel kleinlaut, »es war ja gar nicht so bös gemeint, und ich habe es nur erwähnt, um dem Herrn da zu beweisen, daß wir ja Alles thun wollten, was eben nur in unseren Kräften stand.«

»Gut, ich will Euch was sagen,« rief Herr Hamann nach einer kleinen Pause, in der er wie überlegend vor sich niedergesehen, »da es Euch doch zu viel Schererei machen würde die Frauen mitzunehmen, wenn Ihr Arbeit suchen geht, so mögen die beiden Frauen mit den beiden Kindern hier bei mir im Hause bleiben, und für ihre Kost die Wäsche besorgen, bis Ihr wieder kommt. Seid Ihr das zufrieden?«

»Aber würden Sie ihnen denn da nicht wenigstens einen kleinen, nur ganz geringen Lohn aussetzen?« bat der Mann, »damit wir — «

»Nun ja, reicht dem Volk einen Finger und sie greifen nach der ganzen Hand,« rief Herr Hamann sich entrüstet gegen den Agenten wendend — »geht zum Teufel mit Eurer ganzen Sippschaft, ich will meinem Gott danken, wenn ich Euch Alle los bin.«

»Aber, so war es ja gar nicht gemeint,« sagte der Mann schüchtern, »wir sehen ja ein daß sie Noth und Mühe genug mit uns gehabt haben, und die Frauen nur aus Gefälligkeit hier so lange im Hause lassen wollen — nichts für ungut, und wir Anderen wollen dann unser Mögliches thun, und finden wir nur Arbeit, gewiß unsere Schuld bald abtragen. Etwas Wäsche dürfen wir uns doch aus unseren Koffern nehmen, nicht wahr Herr Hamann.«

»Ja, meinetwegen, der Barkeeper soll Euch das nachher herausgeben; jetzt macht aber, daß Ihr fortkommt, ich habe mehr zu thun, und wenn der Barkeeper Zeit hat, soll er einmal einen Augenblick heraufkommen.«

Der arme Teufel von Bauer dankte dem Mann auf das Herzlichste, und würde ihm gern die Hand zum Abschied in aller Freundschaft gereicht haben, wenn er sich's eben getraut hätte. So verbeugte er sich nur gegen die beiden Männer, die seiner gar nicht achteten, und zog die Thür hinter sich in's Schloß, die aber gleich darauf wieder, und zwar rascher als vorher, aufflog.

Unwillig sah Herr Hamann dorthin, eine nochmalige StörungdesBauern mit Entrüstung zurückzuweisen, als er in das rothe, halb spöttische, halb kecke Gesicht Eines seiner Irischen Boarders schaute, der ihm ganz respektswidrig vertraulich zunickte, die Thür hinter sich zumachte und dann auf Herrn Hamann zuging.

»Nun, was soll's, Patrick? — was habt Ihr hier oben zu suchen?« rief ihm der Wirth, mit der Nähe des stets halbtrunkenen Burschen eben nicht recht zufrieden, mürrisch entgegen, — »weshalb hat Euch der Barkeeper hier heraufgelassen?«

»Konnt's eben nicht verhindern, mein Herzchen,« sagte Patrick lachend, »denn wie er mir in den Weg treten wollte, legte ich ihn ganz sanft — ich habe dem süßen Burschen nicht ein Bischen weh gethan, — unter den Schenktisch.«

»Was wollt Ihr denn da vonmir?« rief Herr Hamann bestürzt aus — »was habt Ihr vor, daß Ihr mit Gewalt hier zu mir heraufbrecht, und meine Leute mishandelt.«

»Frieden, bei Jäsus mein Herzchen,« beschwichtigte ihn aber der rauflustige Ire, »Nichtshoney, wie eine kleine Abrechnung zwischen uns Beiden, von denen Jeder glaubt, daß der Andere in seiner Schuld ist.«

»Ich in Deiner Schuld Patrick?« rief aber Herr Hamann rasch erstaunt aus — »wohl deshalb, weil Du beinah drei Wochen bei mir gegessen und getrunken hast?«

»An derbarist jeder Schluck bei Cent und halbem Cent bezahlt,« betheuerte der Ire.

»Aber das Essen, wer hat das berichtet?«

»Hab ich Euch nicht den Graben um den Hof gezogen?«

»Den Graben,« rief Herr Hamann verächtlich, »Du hast Dich drei volle Tage, das heißt die Stunden abgerechnet, die Du dabei im Schenkzimmer gesessen mit dem kleinen Graben — «

»Über Mittag, Herzchen.«

»Nun ja, das wollen wir nicht untersuchen — drei volle Tage mit dem kleinen Graben herumgeschlagen, den ein tüchtiger Arbeiter ineinemTage beendigen würde. Doch bin ich auch Willens Dir selbstdaszu vergüten.«

»Nun ja,honey, da sind wir ja schon in Ordnung,« lachte der Ire, »Dein Holzkopf von Barkeeper hätte mir mein Bündel gleich herausgeben und sich selber eine Unannehmlichkeit ersparen können.«

»Wenn Du den Rest herauszahlst.«

»Welchen Rest — «

»Der mir noch zu Gute kommt — «

»Verdammt der Cent, den Ihr da noch kriegt,« lachte der Ire — »drei Tage Arbeit pr. Tag zwei Dollar, sind sechs Dollar.«

»Drei Tage und zwei Dollar den Tag? — Ihr seid verrückt.«

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»Never mind,10immer noch genug bei Verstand meinen eigenen Vortheil wahrzunehmen,« spottete der Ire — »macht also sechs Dollar, zwei eine halbe Woche für drei Dollar geboardet, bleiben anderthalb Dollar Rest, die ich dem Fischkopf von Barkeeper unten auf den Schenktisch gezählt habe, und die der Töffel nicht nehmen wollte. Natürlich steckt' ich sie wieder ein, und nun kann er sehn, wie er sie zum zweiten Mal aus Patricks Tasche kriegt.«

»Ihr könnt Euere Sachen nicht eher bekommen bis Ihr Euere Rechnung bezahlt habt,« mischte sich in diesem Augenblick Herr Messerschmidt in's Gespräch, wünschte aber auch gleich darauf gar Nichts gesagt zu haben, denn der Ire, durch den Streit unten und ein paar Gläser Whiskey erhitzt, fuhr jetzt dermaßen gegen ihn an, und drohte ihm bei der geringsten Sylbe, dieer,den die Sache auf der Welt Nichts anginge, wieder hineinwürfe, mit einer so ungemessenen Anzahl Hiebe, daß sich der feige Bursche schon langsam nach der Thüre zurückziehn wollte. Doch auch hieran wurde er von dem aufmerksamen Iren verhindert, der nicht mit Unrecht fürchtete, der Agent würde dann unten vielleicht Lärm machen und einen Constabler herbeiholen; den beiden Männern aber dabei erklärte, daß er ihnen alles was im Zimmer stände kurz und klein schlagen und ihre eigenen beiden erbärmlichen Cadaver noch dazu vor sich her die Treppe hinuntertreten wolle, wenn ihm nicht augenblicklich sein Bündel Wäsche ausgeliefert würde.

Hamann und Messerschmidt, obgleich der letztere von derber, untersetzter Statur war, getrauten sich nicht den Burschen zum Ärgsten zu treiben und Hamann besonders sagte schnell und höflich:

»Aber so machen Sie doch nur nicht solch einen Lärm, bester Herr Patrick — wenn Sie Ihre Arbeit für so viel werth halten, habe ich auch nicht das Mindeste dagegen — lassen Sie sich nur unten Ihr Bündel geben.«

»Natürlich,« sagte Patrick, der seinen Vortheil rasch übersah, lachend, »Alles in Ordnung Mr. Hamann — geht wie geschmiert, bitte dann nur um die Quittung für bezahlte Kost.«

Hamann wollte sich noch weigern etwas Schriftliches zu geben, er sah aber auch bald daß er den Burschen nicht anders los würde, und schrieb ihm rasch ein paar Zeilen für denbarkeeperauf.

»Danke Sir,« sagte der Ire, das Geschriebene durchbuchstabirend und dann in die Westentasche drückend — »jetzt ist's aber an mir zu traktiren — wollen Sie nicht mit hinunter gehn und eins mit mir trinken?«

»Sie haben doch jetzt Alles was Sie wollen?« sagte Herr Hamann, nun auch endlich ungeduldig werdend.

»Haha, nichts für ungut,« rief aber der Ire, »wenn ein Gentleman den andern traktiren will, ist das eine Höflichkeit und muß auch als solche betrachtet werden; abernever mind— wenn Sie nicht wollen, so viel besser, und nungood byeGentlemen.« Und die Hände in die Tasche schiebend, während er sich eine seiner Irischen Jigs pfiff, verließ Patrick, mit vollem Grund höchst zufrieden über seinen Erfolg, das Zimmer, und eine Viertelstunde später, mit seinem Bündel unter dem Arm auch das Haus, in dem er sich fast drei Wochen Kost und Logis durch ein paar Tage leichte Arbeit ertrotzt hatte.

»Sie sollten einen Constabler rufen und den Burschen arretiren lassen,« sagte Herr Messerschmidt ärgerlich, wie der Ire das Zimmer verlassen hatte.

»Daß mir die Schufte nachher das Haus oder den Schenkstand demoliren,« knurrte Herr Hamann, »nein der Lump mag laufen, fällt mir vielleicht einmal wieder auf andere Art unter die Hände, aber eine Warnung soll mir's für die Zukunft sein, keine Iren wieder in mein Haus zu nehmen — es ist trunknes, rauflustiges, betrügerisches Volk; da lob' ich mir die Deutschen, die nehmen Vernunft an, und haben vor der Polizei Respekt. Aber lieber Gott, mir ist der Ärger ordentlich in die Glieder geschlagen, und Sie thäten mir einen großen Gefallen, Herr Messerschmidt, wenn Sie mir durch einen der Leute unten ein Glas Wein heraufschickten.«

»Mit Vergnügen,« sagte Herr Messerschmidt, seinen Hut aufgreifend und im Begriff das Zimmer zu verlassen — »apropos Herr Hamann — die Aktien, die Sie im vorigen Jahr gekauft haben, sind ja in den letzten Wochen fabelhaft gestiegen — Sie müssen ein rasendes Geld daran verdient haben.«

»Wenn ich sie hätte behalten können,« entgegnete mürrisch der Wirth, »glauben Sie ich verdiene hier Capitalien zum Hinlegen? — Gott sei's geklagt, meine deutschen Landsleute, mit den Verlusten die ich allein an Auslagen für Proviant und Getränke habe, machen mich, wenn ich noch länger das Geschäft fortsetze, zum Bettler, und bin mehr als je gesonnen, mich ganz zurückzuziehn und es meinem Sohn zu übergeben, dem ewigen Ärger und Skandal zu entgehn. Wäre mit dem thörichten Gesellen nur ein vernünftiges Wort zu reden — bitte den Wein, lieber Herr Messerschmidt.«

»Guten Morgen Herr Hamann.«

»Guten Morgen Herr Messerschmidt« — und der Alte ging mit auf den Rücken gekreuzten Händen und fest und ärgerlich zusammengezogenen Brauen wieder in seinem Zimmer auf und ab, bis der Barkeeper, einen kleinen Präsentirteller in der Hand, auf dem eine Karaffe Rothwein und ein Wasserglas stand, herein kam und dieses auf den Tisch setzte. Hamann sah ihn an, nickte ihm zu daß es gut sei, und setzte seinen Marsch im Zimmer fort, während Jimmy jedoch auf seiner Stelle stehen blieb, und — einer leidigen Gewohnheit nach, einen seiner Finger nach dem anderen abknackte, daß es klang als ob er sich die Glieder vom Leibe bräche.

»Nun was giebt's noch?« sagte Herr Hamann, mürrisch vor ihm stehen bleibend — »was wollen Sie?«

»Verdammt feines Mädchen unten,Sür,« sagte Jimmy, zog die Augenbrauen in die Höhe, und streckte, die Schultern zurückpressend, den Kopf so weit nach vorn, als er nur möglicher Weise konnte.

»Verdammt feines Mädchen?« sagte Herr Hamann erstaunt, »was zum Teufel schiert denn dasmich?— sind Sie betrunken?«

Jimmy behielt seine Stellung bei, zog aber den Mund, wie in freundlicher Anerkennung des huldreichen Scherzes, von einem Ohr bis zum andern, ohne übrigens auch nur eine Sylbe weiter zu erwiedern.

»Nun zum Wetter noch einmal, was wollen Sie denn von mir? stehn da und ziehen das Maul breit, als ob Sie eine Schlehe verschluckt hätten; glauben Sie daß ich Zeit habe Ihren Albernheiten zu folgen?«

Wie man, mit einem einzigen Ruck einen Tabacksbeutel zusammen und in zahllose Falten legen kann, so zuckte das Gesicht des eben noch so freundlichen Mannes nach dem Mittelpunkt der zu einer Spitze vorgeschobenen Lippen, von denen sich die Augenbrauen wo möglich noch weiter entfernten, und eine halbe Minute vielleicht in dieser Stellung bleibend sagte er ruhig:

»Setzt Jemand irgend etwas in irgend eine Zeitung, wenn Jemand von irgend etwas nachher nichts wissen will?«

Herr Hamann wollte noch heftiger darauf erwiedern, als ihm plötzlich einfiel daß er allerdings eine Annonce hatte in das deutsche Blatt einrücken lassen, wonach er ein junges deutsches Mädchen suchte, die Aufwartung bei Tisch, das Einschenken des Kaffee und Thee, und die Überwachung seines Geschirrs und seiner Wäsche zu übernehmen. Jimmy aber, als er merkte daß sein Principal jetzt wußte was er wollte, begann wieder seine Fingergelenke zu revidiren und überzuknacken, als ob er sich von der Brauchbarkeit derselben zu überzeugen wünsche.

»Sie bringen Einen noch zur Verzweiflung, mit Ihrem verfluchten Gesichter schneiden und Finger brechen« sagte Herr Hamann aber ungeduldig — »können Sie das nicht gleich, und gerad' heraussagen?«

»Verdammt feines Mädchen unten,Sür!« begann Jimmy wieder, genau wie im Anfang! seine Rede, den Principal vielleicht zu überzeugen daß er eben gar nichts anderes gleich gesagt habe.

»Wird wieder so ein Rüpel mit Holzschuhen sein, wie sich schon ein Dutzend gemeldet hat,« brummte der Alte.

»Venus!« sagte Jimmy, und drohte sich wirklich seine Finger zu verrenken.

»Esel — hätte ich bald gesagt« zischte Herr Hamann zwischen den Zähnen durch und setzte dann lauter hinzu — »und warum schicken Sie mir sie nicht herauf?«

Jimmy hielt darauf eine Antwort für unnöthig, und verschwand blitzschnell durch die noch offene Thür, wenige Minuten später mit der Angemeldeten zurückzukommen, die er aber, da in diesem Augenblick unten nach ihm gerufen wurde, allein oben mit seinem Herrn zurücklassen mußte. Aber, schon in der Thür, drehte er sich noch einmal nach dem jungen, in seiner dunklen einfachen Tracht wirklich bildhübschen Mädchen um, starrte ihr vielleicht eine halbe Minute lang stier in die Augen, und war dann in wenigen Sätzen die Treppe hinunter.

Vor Herrn Hamann indessen, mit, von der Erregung des Augenblicks, der vielleicht über ihr künftiges Schicksal entscheiden sollte, etwas gebleichten Wangen, stand Hedwig Loßenwerder, und sagte mit noch ein wenig zitternder aber bald wieder fest werdender Stimme:

»Sie haben, mein Herr, eine Wirthschafterin für Ihr Hauswesen gesucht, und ich bin gekommen mich Ihnen dafür anzubieten.«

»Hm« sagte Herr Hamann dicht vor dem jungen Mädchen stehen bleibend, und sie so, fest und aufmerksam von Kopf bis zu Füßen betrachtend, daß dem armen Kinde das Blut in Stirn und Schläfe stieg, und es verlegen den Blick zu Boden senkte — »hm — nicht übel, aber — Sie sind zu jung mein Kind — «

»Ich habe in ähnlicher Weise schon drei Jahre in Dienst gestanden« sagte sie leise.

»DreiJahre? und wie alt sind Sie jetzt?«

»Ich werde im nächsten Monat sechzehn Jahr.«

Hamann schüttelte mit dem Kopf und setzte, die Fremde dabei dann und wann von der Seite ansehend, seine Wanderung im Zimmer wieder fort, während Hedwig indessen still und regungslos stehen blieb, eine entscheidende Antwort des Mannes zu erwarten.

Die letzten Wochen hatten eine große Veränderung in Hedwigs ganzem Äußeren hervorgerufen, und das ängstlich schüchterne, fast kindliche Mädchen, das sie noch an Bord gewesen, war zur ernsten, selbstständigen, selbsthandelnden Jungfrau herangereift, in der kurzen Zeit. Schwere Stunden waren es aber gewesen, die das bewirkt, schwere, herbe Stunden, in denen die selber so unglückliche Clara ihr Alles vertraut, was das eigene Herz bedrückte, von dem ersten Verdacht des Diebstahls an, bis zu dem Augenblick wo sie die Gewißheit in Mark und Seele traf, daß der eigene Gatte der Verbrecher sei, und weit schlimmer und entsetzlicher als ein bloßer feiger Dieb, nicht allein den treuen schuldlosen Diener ihres Vaters, nein auch ihr eignes Glück und Leben kalt und meuchlerisch gemordet habe.

Der Schmerz um den Bruder war damit, wenn nicht aus ihrer Brust gewichen, doch von anderen, mächtigeren Gefühlen die sie früher nie gekannt, abgestumpft, ja fast verdrängt — von einem Gefühle der Bitterkeit gegen die Menschen, die einen armen Unglücklichen kalt und theilnahmlos verderben ließen, ohne sich viel um seine Schuld oder Unschuld zu kümmern, und dem Gemordeten kaum ein einsam verachtetes Plätzchen an der Kirchhofsmauer gönnten; von einem Gefühle des Hasses gegen den Mörder selbst, der frei und ledig, in Glück und Reichthum — der Beute seines Verbrechens — unter Gottes Sonne wandelte. Nur an Clara hing sie mit aller Liebe und Aufopferung, deren ihr warmes, weiches Herz fähig war, nur in Clara sah sie die Leidensschwester — nicht mehr die Gebieterin — die mit ihr, noch stärker fast getroffen und geschlagen worden, und einem Schatten gleich, lag eine dunkle Ahnung, der sie nicht Ausdruck, Form zu geben wußte, auf ihrer Seele, daß der Verstorbene in größerem Schmerz und Weh dahin geschieden, auch vonihrverkannt zu sein.

»Und Sie glauben daß Sie der Sache vorstehen könnten?« — sagte Hamann endlich, wieder vor ihr stehen bleibend und ihr scharf und forschend in's Auge schauend. —

»Ich glaube es« sagte Hedwig, dem Blick fest begegnend.

»Haben Sie Zeugnisse?«

»Ja — hier.«

Der Wirth überlas die Papiere und gab sie ihr zurück.

»Ja, das klingt Alles recht schön« sagte er, »aber ist weit von hier, und irgend ein Thorschreiber oder Bäcker kann das eben so gut geschrieben haben, aber« — setzte er rasch hinzu, als er sah daß sich die Wangen des jungen Mädchens unter dem halben Verdacht tiefer färbten, und sich ihre Gestalt höher emporrichtete — »aber das kann und wird auch wohl Alles in Ordnung sein, nur darauf gehn können wir hier nicht, und müssen selber sehn und prüfen. Sind Sie das zufrieden?«

»Ich will eine Woche auf Probe meinen Dienst antreten« sagte Hedwig, »wenn Ihnen das genügt.«

»Das wäre gut« sagte Herr Hamann, leise mit dem Kopfe nickend — »und wie viel Lohn verlangen Sie?«

»Keinen.«

»Ich meine nicht für die Probewoche, sondern überhaupt.«

»Keinen« sagte die Jungfrau fest und entschieden.

»Keinen Lohn?« rief Herr Hamann, überrascht zu ihr aufschauend — »und was sonst dafür? denn um gar Nichts kann ich mir doch nicht gut denken daß Sie arbeiten wollen?«

»Nein« sagte Hedwig mit leiserer Stimme als vorher — »ich verlange vielleicht mehr dafür, als Sie gesonnen sind mir zu bewilligen, könnte aber auch nur unter der Bedingung die Stelle, die ich gewiß zu Ihrer Zufriedenheit ausfüllen würde, annehmen.«

»Und das wäre?«

»Ich habe eine kranke Schwester in der Stadt« sagte Hedwig — »das wenige was wir mitgebracht ist bald verzehrt, und ich suche deshalb einen Dienst, uns Beide zu erhalten, bis meine Schwester wieder zu Kräften gekommen ist. Alles was ich bis dahin für meine Arbeit verlange ist, daß sie mein Zimmer mit mir bewohnen, mein Lager mit mir theilen darf, und die wenige Nahrung erhält die ihr Körper verträgt.«

»Eine Kranke in's Haus nehmen?« sagte Herr Hamann, kopfschüttelnd, »nein Mamsell, das ist eine misliche Sache, davon hat man nur Schererei und Kosten, und darauf kann ich mich nicht einlassen.«

»Sie ist nicht mehrkrank,« sagte Hedwig rasch, »nur noch schwach und erschöpft von schwerem dochüberstandenenLeiden. Nur Ruhe bedarf sie, keiner Pflege mehr; auch verlange ich nicht daß sie mit an der Wirthstafel ißt; das Wenige was sie braucht würd' ich ihr selber bringen.«

»Wie heißen Sie?« frug Herr Hamann.

»Hedwig. — «

»Und Ihre Schwester?«

»Clara.«

»Mit Zunamen?«

»Loßenwerder« sagte Hedwig, und wie sie den Namen aussprach färbten sich ihr Stirn und Schläfe dunkelroth.

»Clara Loßenwerder?« wiederholte Hamann.

»Ich heißeHedwig!« sagte das junge Mädchen, und eine eigene, ihr selbst unerklärliche Angst schoß ihr bei der Verbindung jener beiden Namen durch das Herz.

»Ja ja, Hedwig« wiederholte Herr Hamann, sie wieder dabei betrachtend, als ob er ihr mit dem Blick bis in das innerste Herz hineinsehn wollte — »nun ich will Ihnen einmal etwas sagen — Ihr Gesicht gefällt mir, obgleich man danach nicht recht gehn kann, und durch eine hübsche Firma oft genug hinter's Licht geführt wird; aber — wir könnens ja einmal mit einander versuchen. Ich brauche zwar eine derartige Wirthschafterin gerade jetzt nicht mehr so unumgänglich nöthig, und würde auch nur wenig Lohn geben können; vielleicht, wenn wir einander zusagen, ließe sich's aber auch auf die Art einrichten, erst müssen wir jedoch Beide wissen, woran wir miteinander sind; wären Sie das zufrieden?«

»Ich habe nicht mehr verlangt« sagte Hedwig.

»Gut, dann können Sie heute noch anziehn, wenn Sie wollen — aber die Schwester bringen Sie mir noch nicht in's Haus« setzte er rasch hinzu »es ist das mit kranken Leuten eine eigene Sache.«

»Aber darf ich sie in der Woche jeden Tag wenigstens einmal besuchen?« frug Hedwig.

»Zwischen dem Mittag- und Abendessen ist nicht viel Zeit« sagte Herr Hamann, »aber die Abendenachdem Essen, können Sie benutzen wie Sie wollen — also wann kommen Sie?«

»Noch heute Mittag finde ich mich ein« sagte Hedwig, »und hoffe recht von Herzen daß Sie mit mir zufrieden sein werden.«

Sie verließ nach kurzem Abschiedsgruß, aber Trost und Hoffnung im Herzen, das Gemach, während Herr Hamann sich aus der, bis jetzt noch nicht berührten Karaffe ein volles Glas Wein einschenkte, und dann, wieder vollkommen zufrieden mit sich selber, seinen Spatziergang im Zimmer aufnahm.

Für die Besetzung einer solchen Stelle hatte er schon gefürchtet ziemlich beträchtlichen Lohn zahlen zu müssen, denn er konnte sich eine Person dazu nicht aus dem Haufen der Auswanderer heraussuchen, und jetzt war alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sie durch ein ganz junges hübsches Mädchen, was ihm jedenfalls eine Masse Kostgänger in's Haus ziehn würde, und für wenig mehr als Nichts, für die doppelte Kost von ein paar Frauen, die überdieß nicht viel aßen und gar Nichts tranken, bekommen konnte.

Vor der Thüre des deutschen Wirthshauses in——street, standen die armen Oldenburger, jeder ein kleines Bündel unter dem Arm, und schauten trübselig und trostlos die Straße hinauf und hinab, die nach Norden und Süden hin in die Welt, die weite Welt hinaus führte. Und immer noch hatten sie nur erst deren Schwelle betreten, immer noch hoben sie zögernd den Fuß, und wagten ihn nicht niederzusetzen, weil er nicht gleich den altgewohnten Boden unter sich fühlte, und während der eine seufzte und den Kopf hängen ließ, kratzte sich der Andere mit der rechten Hand hinter dem Ohr, und zerrieb einen halbgemurmelten Fluch zwischen den fest übereinander gedrückten Zähnen.

»In Amerika können die Bauern in den Kuts-chen fahren« sang da plötzlich eine wohlbekannte Stimme ein nur zu wohlbekanntes, aber schon lange nicht mehr angestimmtes Lied.

»In den Kuts-chen mit Sammet und mit Sa-i-de!« und als sie sich eben nicht freudig überrascht, nach dem Sänger umdrehten, rasselte eben der kleine wunderliche Karren Maulbeeres, von diesem geschoben, an ihnen vorüber, und der Dampf aus der kleinen schmutzigen Pfeife zog in zusammengedrängten kurzen Kräuselwolken, regelmäßig auspuffend wie von einer Diminutiv-Locomotive hinter ihm drein. Übrigens that er gar nicht, als ob er die Oldenburger sähe, und war auch schon an ihnen vorbei, als ihn der Ruf des Einen — »Herr Maulbeere — « erreichte und anhalten machte.

Es ist ein eigenthümliches Gefühl nach einer gewissen Zeit wieder mit früheren Reisegefährten zusammenzutreffen, von denen es sich dabei wunderbarer Weise ganz gleich bleibt, ob man sie gern gehabt unterwegs, oder gar nicht mit ihnen verkehrt hat, vielleicht die ganze Reise über. Was da unterwegs auch mag vorgefallen sein, wie man übereinander gedacht, und sich vielleicht ganz besonders danach gesehnt hat das Schiff verlassen zu können, von solcher Gesellschaft endlich einmal fortzukommen; ein kurzer Aufenthalt an Land, mit dem Fremden, Ungewohnten um sich her, hat das Alles verscheucht, wir haben es vergessen, und begrüßen mit aufrichtiger Freude den früheren Reise- und Leidensgefährten.

»Guten Tag Herr Maulbeere« sagte der eine Oldenburger, der, sein Bündel in der Linken, die paar Schritte hinter ihm hergegangen war und jetzt, neben ihm stehen bleibend, die Rechte nach ihm ausstreckte — »wie gehts hier in Amerika?«

»Hallo« sagte Maulbeere, sein Tragband von den Handgriffen seines Karrens ziehend und, indem er sich aufrichtete, die gebotene Hand, aber noch etwas zögernd annehmend — »hallo Ihr Leute — immer noch zu Fuß? — Donnerwetter, wo sind denn die »Kuts-chen«?«

»Ja Kuts-chen« sagte der Oldenburger in seinem eigenthümlichen Dialekte, »es fährt sich hier was in Kuts-chen — wir sind froh daß wir zu Fuß gehn dürfen — «

»Ich fahre,« sagte Maulbeere mit einem wohlwollenden Seitenblick auf seinen Karren.

»Soweit haben wir's noch nicht einmal gebracht,« sagte der Andere, jetzt ebenfalls hinzutretend, »guten Tag Herr Maulbeere.«

»Guten Morgen meine Herren, guten Morgen; irgend etwas zu schleifen? — Scheeren, Messer, Rasirmesser, Lanzetten, Pflugschaaren, Sensen?« rief Maulbeere, mit einer Geschäftsmiene dabei wieder auf seine Schleifsteine deutend — »stehe zu Diensten und sollen billig bedient werden — sehe mehr auf gute Behandlung, als schlechten Gehalt.«

»Ach lassen Sie das Spaßen, Herr Maulbeere,« meinte der Erste wieder, einen tiefen Seufzer ausstoßend — »die Geschichte hier ist verzweifelt ernsthaft, und wenn man nicht weiß wo man Brod hernehmen soll, ist Einem nicht gerade wie Lachen zu Muthe.«

»Hoho,« sagte Maulbeere, die Augenbrauen in die Höh ziehend, »schon drei Wochen in Amerika und noch kein Brod? — das ist Pech!«

»Ist es Ihnen denn geglückt?«

»Harte Arbeit Schentelmen,« sagte aber der Scheerenschleifer achselzuckend — »sehrharte Arbeit — habe im Sinn die Residenz zu verlassen.«

»Und wo gehn Sie hin?«

»Den Fluß hinauf, versteht sich; werde das Land durchziehn, hier ist wenig zu verdienen. Es giebt eben hier zu viel Mäuler die Brod haben wollen. Apropos, wo sind denn Ihre Frauen?«

»Arbeiten da drin,« sagte der Eine, mit dem Kopf nach dem Haus hinüberzeigend.

»So? — untergebracht?« frug der Scheerenschleifer, »nun da kann man ja gratuliren.«

»Aber kriegen Nichts« sagte der Andere.

»Desto längere Aussicht auf stete Beschäftigung« bemerkte Maulbeere.

»Aber wovon nachher leben?«

»Vielleicht von den großen Rosinen, die Sie früher imKopfgehabt,« meinte Maulbeere — »ist ein merkwürdiges Land das Amerika; guten Morgen meine Herren!« und mit den Worten tauchte er wieder mit den Ösen seines Tragbands nach den beiden Griffen des Karrens, warf sie in das richtige Gleichgewicht und schob, während ihm die weiße Wolke folgte, rasch die Straße nieder, ohne sich um die beiden Bauern weiter zu bekümmern.

Die nächste Straße rechts einbiegend, die zum Fluß nieder führte, erreichte er dort die sogenannte Flatbootlandung, und das Ufer sah hier kahl, und keineswegs so belebt aus als weiter oben, wo die rauchenden dunklen Schornsteine und oberen Decks der Cajüten, oder die mit ihren wie spinnwebartig durchflochtenen Masten über die hohe, mit Gütern und Waarenballen bedeckte Levée hervorragten. Der Strom hatte in dieser Jahreszeit wenig Wasser, und die niederen flachen Boote schwammen, nur erst bemerkbar wenn man auf die Levée selber trat, tief unter der steilen schmutzigen Bank, mit Tauen an diese befestigt am Ufer. Alligator ähnlich lagen sie dabei in der trüben Fluth, hie und da mit den Vordertheilen auf dem Schlamm, und nur mit schmalen Laufplanken von diesem aus nach trockenem Boden oder Sand hinüberreichend.

Wunderbare Fahrzeuge sind aber dieseFlatboatsdes Mississippi, allem Anschein nach aus den ersten Urzuständen des Schiffsbaues herrührend, und doch noch nicht, weder durch Dampf- noch Segelschiffe aus ihrer Wirksamkeit verdrängt, ja eher mit diesen anwachsend und an Zahl zunehmend.

Ein langes aus derben Planken mit hölzernen Pflöcken zusammengenageltes und mit Werg und Theer dicht gemachtes, vielleicht sieben Fuß tiefes Boot mit vollkommen flachem Boden, das, wenn geladen, fünf bis sechs Fuß im Wasser geht, ist es mit einer Art, vielleicht vier bis fünf Fuß hohem Fachwerk umgeben, und mit zölligen oder halbzölligen Bretern, die in der Mitte etwas gewölbt, quer von einem Bord nach dem andern hinübergebogen sind und ziegelartig übereinander liegen, gedeckt. Diese Boote gehen nur mit der Strömung, wie wir ihnen schon auf dem Mississippi begegnet sind, manchmal gradaus, manchmal über Steuer, nicht selten Meilen weit seitwärts, den Krabben ähnlich, ihre Bahn entlang, hier der Strömung folgend, dort, durch eine Rückströmung gehalten, daß die Leute mit den langen Finnen ähnlichen »sweeps« oder Rudern Stunden lang arbeiten müssen, nur wieder los und in freies Fahrwasser zu kommen. Und wie manches sinkt und verdirbt auf der langen mühseligen, und so oft gefährlichen Bahn; plötzliche Stürme und Unwetter — derHurricanein Natchez 1841 zerstörte damals 112 in wenigen Meilen Entfernung — im Wasser verborgene Snags, Untiefen und festgeschwemmtes Driftholz sinken manches von ihnen, und man kann immer rechnen, daß kaum drei Viertel der Zahl ihr Ziel erreichen.

So unscheinbar dabei ihr Äußeres ist, so werthvolle Ladungen bergen sie nicht selten in dem rohen unbehülflichen Kasten, die der Führer, wo er einen Markt für seine Waaren zu finden glaubt, oder zuletzt in New-Orleans selber, mit dem Vordertheil an Land schiebt, und seinen, weder Steuer noch Abgaben zahlenden Laden gleich fix und fertig errichtet hat, den er, wenn die Waaren abgesetzt sind, auseinander schlägt und mit verkauft.

Und wie wunderlich sieht es in den Booten selber aus — hier das erste — der Weg ist etwas steil, die schlüpfrige Bank hinunter — birgt in seinem Innern ein buntes Gemisch von Allem, was das Herz eines richtigen Yankees erfreuen könnte, Butter, Schmalz, Kartoffeln, Hühner, Apfelwein und Whiskey, Heu, Zwiebeln, getrocknetes Obst, und Fässer mit Makrelen, Kisten mit Stockfisch und Traubenrosinen, Krachmandeln, Nudeln, Käse, Alles steht bunt und wild durcheinander gepackt, hier in Proben aufgestellt, dort in angerissenen Fässern und Kisten, unter Deck — daneben liegt ein Boot mit eingesalzenem Schweinefleisch von Cincinnati, und das Fett mit dem das Deck beschmiert ist, dampft in der Sonne; dort liegt ein anderes mit Baumwolle von Tennessee, da ein anderes mit Taback von Kentucky geladen; und da strecken Rinder und Schaafe den Kopf aus den offen gelassenen Luftlöchern anderer, und blöken und brüllen ihren Kameraden zu. Die Staaten Arkansas, Missouri, Texas, Tennessee, Kentucky und Illinois senden jährlich wohl dreißig tausend Stück lebendigen Hornviehs nach New-Orleans, und von Ohio werden ebenfalls hunderte solcher »schwimmenden Sauställe« mit ihren grunzenden Bewohnern der »Königin des Südens« zugeführt.

Was das für ein Leben ist, zwischen den, einen schauerlich warmen Fettgeruch und Dunst faulenden Obstes und angegangenen Fleisches ausstoßenden Fahrzeugen; wie die Eigenthümer auf der Levée stehn, oder vorn in ihren Booten sitzen, Käufer herbeizurufen, und ihre Waaren dabei ausschreien, die vorzügliche Qualität derselben anpreisend. Dazwischen durch dann das Drängen und Treiben der Arbeiter, die hier ein verkauftes Boot entladen, damit es nachher auseinander geschlagen und in seinen Planken noch verwerthet werden könne, dort eine Parthie aufgekaufter Fässer und Kisten die steile Levée mühselig hinaufschaffen, und von Fett und Schmutz bedeckt unter ihren Lasten keuchen und schwitzen, bis sie die Höhe der Levée erreicht haben, dort sich einen Augenblick die glühende tropfende Stirn abtrocknen, und dann wieder schwanken Schritts niedersteigen, ihr Werk von Neuem zu beginnen.

Maulbeere fuhr mit seinem Schleifkarren, seinem Grundsatz treu keinen Fleck unbesucht zu lassen wo er die Hoffnung hatte etwas verdienen zu können, oben an der Levée hin, dann und wann stehen bleibend, seine schon auswendig gelernten Rufe —no knives, no scissors to grind?11ertönen zu lassen. Hie und da bekam er auch wirklich zu thun; dort und da schaute ein behaubter Kopf unter einem der niederen Flatboot-Decke vor, eine rauhe Stimme rief ihm ein »stop!« zu, und irgend ein rothwollener Unterrock, oder auch dann und wann ein schlankes hübsches Kind in dem kleidsam eng anschließenden Mieder der Backwoodsfrauen, nur die feinen rosigen Züge von dem unförmlichen Sonnenbonnet fast verhüllt, stieg die Bank zu ihm hinauf, eine widerspenstige Scheere, mit der der Vater oder Gatte so lange Bindfaden geschnitten hatte bis sie jeden weiteren Dienst verweigerte, wieder zu stellen und zu schärfen; oder der Flatbootman selber stieg langsam das Ufer hinan, ein riesiges langes Messer in der Hand, mit dem er Speck und Käse schneiden mußte, und das er auch gern schärfer haben wollte als es war. So lange er seinen Stein dann drehte, daß die hellen blitzenden Funken daraus vorblitzten, drängte sich ein Kreis von neugierigen Müßiggängern, von denen die Levée schwärmt, um ihn her, nicht selten fast mehr von der wunderlichen Gestalt des Mannes selber, als von seiner Arbeit ergötzt, bis er die ihm gebrachten Instrumente in Stand gesetzt, sein Geld dafür eingestrichen und sein Tragband wieder eingehakt hatte, mitten zwischen die Schaar, die ihm lachend Raum gab, mit einem deutschen »bitt' um Verzeihung« hineinzufahren.

An manchen Stellen wurde er übrigens durch die dort aufgestapelten Fässer und Waaren in seiner Bahn aufgehalten, und mußte einen Umweg machen, den Hindernissen aus dem Weg zu kommen. Eben auch war er wieder einer Anzahl fettglänzender und entsetzlicher duftender Porkfässer ausgebogen, als er eine lachende Stimme seinen Namen nennen hörte. Wie er aber stehen blieb und sich überall vergebens nach einem bekannten Gesicht umschaute — denn auf die Arbeitsleute, von denen ein großer Theil gerade Mittag gemacht, während das Ausladen noch nicht wieder begonnen hatte, achtete er gar nicht — rief Einer der Flatboatleute, die zwischen den heraufgerollten Pork- oder Schweinefässern standen, und von der schmutzigen Arbeit und Schweiß und Sonne in ihren kurzen blauen Oberhemden und abgetragenen oder zerdrückten Strohhüten kaum eine Physionomie erkennen ließen, indem er dem Scheerenschleifer freundlich zunickte:

»Aber Herr Maulbeere, kennen Sie mich nicht mehr?«

»Wetter noch einmal,« sagte dieser, seinen Karren niedersetzend und die Gestalt erstaunt von oben bis unten betrachtend, »die Stimme ist mir bekannt und das Gesicht auch, hat wenigstens, wie Herr Schultze sagen würde, eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einer Nebelkrähe oder einem Schornsteinfeger.« —

»Habe ich mich denn in den paar Tagen so merkwürdig verändert,« lachte der Mann, seinen Hut abnehmend, unter dem eine Fülle kastanienbraunen lockigen Haares vorfiel, »daß mich ein Reisegefährte und Coyennachbar nicht einmal mehr kennt?«

»Herr Eltrich — so wahr ich lebe,« sagte Maulbeere, jetzt aber wirklich auf das Äußerste erstaunt, »wie um Gottes Willen sehn Sie denn aber aus, und was machen Sie hier indemAufzug und beiderArbeit?«

»Mein Schicksal ist bald erzählt,« sagte der junge Mann mit lachendem Gesicht, aber doch kaum im Stand einen gewaltsam aufsteigenden Seufzer zu unterdrücken — »kaum hier in New-Orleans angekommen ließ ich mir auf leichtsinnig kindische Weise — ich war genug davor gewarnt worden — und von dem Neuen was mich überall umgab beirrt, von dem Neger, der mein sämmtliches Gepäck auf seinem Karren hatte, dieses mit allen unseren Effekten, ein paar Kleinigkeiten die meine Frau in der Hand trug ausgenommen, entführen. Von Allem entblößt, was schon der einzelne Mann, wie viel mehr dann eine Familie zu ihrem Leben braucht, sah ich, wenn ich nicht rasche Anstalt machte Geld zu verdienen, unseren Untergang, oder doch einen Zustand grenzenloser Noth vor Augen. Vergebens lief ich dabei herum in meiner Kunst Beschäftigung zu erhalten — ich konnte mich nicht einmal anständig kleiden, denn es war ja Alles zum Teufel, und mit dem etwas abgerissen aussehenden Menschen wollte sich Niemand einlassen. Wir aber brauchten auch außerdem Brod, die paar Dollar, die ich noch im Vermögen besaß, nahmen schon in der ersten Woche so rasend schnell ab, daß ich mir genau die Zeit berechnen konnte wo wir, wenn nicht irgend etwas geschah das aufzuhalten, auch ohne einen Pfennig dasitzen würden, und ich entschloß mich kurz und gut Arbeit zu suchen und zu nehmen, wo ich sie finden würde. Drei Tage lief ich auch hiernach vergebens herum; der gute Wille that es nicht allein, denn die wieder gesündere Jahreszeit in New-Orleans hatte eine wahre Unmasse von Arbeitern hierher zurückgeworfen, bis ich, eigentlich in letzter Verzweiflung diese Boote besuchend, Arbeit und guten Lohn auf einem von ihnen fand, das seine Leute, Streites halber, den sie mit dem Eigenthümer gehabt, entlassen hatte.«

»UnddieArbeit hier können Sie thun?« sagte Maulbeere, abwechselnd und erstaunt bald die leichte schmächtige Gestalt, und die sonst so feinen, jetzt fettbeschmutzten Hände des jungen Mannes, bald die schweren Pork- und Mehlfässer betrachtend, die um ihn her aufgestapelt lagen.

»Der Mensch kann Alles was ermuß,« lachte der junge Mann, »früher hab' ich es freilich selber nicht für möglich gehalten, jetzt aber geht es, und Alles berücksichtigt, sogar vortrefflich, denn ich verdiene, außer der Kost, einen Dollar den Tag, und befinde mich vollkommen wohl und gesund dabei.«

»Und Ihre Frau?«

»Pflegt zu Hause das Kind und weint und lacht, wenn sie mich in diesem Aufzug ankommen sieht — ich habe sie aber noch nicht bewegen können, einmal mit dem Kleinen hier herunterzukommen und unserer Arbeit zuzusehen — sie meint es bräche ihr das Herz.« —

»Bah,« sagte Maulbeere kopfschüttelnd, »wennSiesich nicht den Rücken bei den verdammt schweren Fässern brechen, glaube ich nicht daß Gefahr für ihrer Frau Herz zu fürchten ist, aber — was Leichteres wäre mir doch auch lieber — ich weiß nicht, den Begriff Amerika habe ich mir anders gedacht, als Fässer gepökelten Schweinefleisches bergauf zu kullern.«

»Ich auch lieber Maulbeere, ich auch, aber was wollen wir machen?« lächelte Eltrich, »Hunger thut weh und ehrliche Arbeit schändet hier nicht, das ist schon ein ungeheuerer Vortheil dieses freien Landes — andere habe ich allerdings noch keine Gelegenheit gehabt kennen zu lernen.«

»Es ist eine kleine, aber doch immer eine Empfehlung,« sagte Maulbeere achselzuckend, »und ungefähr so, als ob ich Jemanden in's Wasser werfe, und erlaube ihm dann das Maul zuzumachen und zu schwimmen — und dafür 35 Thaler Gold Passage — kommt mir beinah ein wenig theuer vor — haben Sie die Fässer Pech — oder ist das etwa gar Kolophonium? auch mit heraufgewälzt?«

»Ja,« lachte Eltrich.

»Stoffverschwendung,« murmelte Maulbeere zwischen den Zähnen durch, und setzte dann lauter hinzu, »nein, zusolcherArbeit möchte ich mich doch nicht verstehen; werde wenigstens suchen mich so lange davor zu bewahren als möglich. Meine Absicht ist hier in Amerika, so bald sich eine schickliche Gelegenheit dazu bietet, meinen Händen wie meinem linken Hinterbein, das nun so lange Jahre hat das Rad treten müssen, Ruhe zu gönnen, und mit dem Geist zu arbeiten.«

»Aber wie wollen Sie das anfangen Herr Maulbeere?«

»Daran arbeitet mein Geist eben noch,« sagte der Scheerenschleifer etwas geheimnißvoll, »der passende Zeitpunkt ist auch noch nicht gekommen — sollte er nahen werde ich ihn nicht versäumen.« —

»Halloboys— hier, macht daß die Sachen hinaufkommen!« unterbrach da eine Stimme vom Flatboot herauf, die Unterhaltung der beiden Reisegefährten — »die Karren kommen da oben schon wieder zurück und wollen Ladung haben.«

»Ich muß fort Herr Maulbeere,« rief Eltrich rasch, dem Mann die Hand entgegenstreckend, sie aber wieder zurückziehend — »ich mache Sie schmutzig,« setzte er, dabei leicht erröthend, hinzu.

»Ich wasche mich wieder,« sagte Maulbeere, ohne eine Miene zu verziehn, nahm die nochmals dargebotene Hand, schüttelte sie weit wärmer als das sonst seine Gewohnheit war, und blieb dann, während Eltrich wieder nach dem Boot hinuntersprang, noch eine Weile oben auf der Levée, die heiß niederbrennende Sonne nicht weiter beachtend, halten, zuzusehn wie sein Reisegefährte arbeite. Eltrich war dabei vielleicht der Einzige von den Zwischendeckspassagieren gewesen, mit dem er nie ein unfreundliches Wort gehabt, der ihn nie verspottet oder geärgert; Einer der Wenigen, dem, wie seiner Frau, man es auf den ersten Blick ansah, daß sie einst in besseren Verhältnissen und größeren Bequemlichkeiten gelebt, während sie sich doch alle Beide nie, auch über die größten Unannehmlichkeiten nicht, weder über Kost noch Raum beklagten. Das besonders hatte ihnen die Achtung dieses wunderlichen Zwitterdings von Thier und Mensch, des Scheerenschleifers, gewonnen, und wenn dieses Herz überhaupt einer solchen Regung fähig gewesen wäre, würde er den jungen Mann, der sich mit seinem schmächtigen Körper jetzt gegen ein ziemlich dreihundert Pfund schweres Porkfaß legte, und es mit triefender Stirn den Hang hinaufarbeitete, bemitleidet, ja ihm vielleicht irgend eine Hülfe angeboten haben, er hätte von vornherein überzeugt sein können daß sie Eltrich nicht annahm. Maulbeere wollte etwas derartiges aber auch nicht einmal riskiren, und nur nach einer Weile auf das Entschiedenste mit dem Kopfe schüttelnd, drehte er sich um, hakte sein Tragband wieder ein, und fuhr in seinem gewöhnlichen schwankenden Gang die Levée hinauf, der Dampfbootlandung zu.

Über den freien, vor dieser Landung liegenden Platz, schritt ein Mann mit einer Frau. Der Mann trug einen Jagdranzen über der Schulter, die Frau ein, in ein rothes Tuch eingeknüpftes Bündel in der Hand, aber den Kopf blos dabei, die Haare wirr und ungemacht, und nur mit einem schwarzsammetnen Stirnband zusammengebunden, das vorn eine kleine unächte emaillirte Broche trug. Ohrringe und Halskette waren von demselben Metall, paßten aber wie das in grellbunten Farben prangende seidene Tuch, das sie um den Hals trug, schlecht zu den bleichen Wangen, den hohl liegenden stieren Augen, und die Leute die ihnen begegneten, und nicht gerade zu viel mit sich selber zu thun hatten, noch auf irgend etwas anderes zu achten, blieben stehn und schauten der wunderlichen, ja fast unheimlichen Gestalt nach, die wankenden Ganges neben dem Mann hinschritt, mit den Händen dabei focht, und einzelne unzusammenhängende Worte ausstieß.

»Sei jetzt vernünftig Jule!« flüsterte ihr da der Mann, ihren Arm zu gleicher Zeit fassend daß sie vor Schmerz einen leisen Schrei ausstieß, zu — »zum Donnerwetter noch einmal, alle Menschen, die uns begegnen, stieren uns an, und halten Dich am Ende noch für verrückt. Laß doch zum Teufel die Arme ruhig, was hast Du denn damit in einem fort in der Luft herumzufahren? Wenn Du mir nicht unterwegs wieder vernünftig wirst, weiß ich wahrhaftig gar nicht was ich mit Dir anfangen soll.«


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