Chapter 3

Hier traf er wieder mit Louisen zusammen, die er, bis zu seiner nähern Bekanntschaft mit Natalien, ausgezeichnet hatte, und dann, auf eine für ihren Stolz sehr demüthigende Art, verließ und vernachlässigte. Sie war jetzt die Verlobte des Jägermeisters Rhode, eines guten, schlichten, sehr reichen Mannes, der stolz darauf war, das schönste Weib im ganzen Lande sein zu nennen. Und dies war Louise unwidersprechlich! — ein Meisterstück der schaffenden Natur, werth durch Pinsel und Meißel den schönsten Kunstidealen zugesellt zu werden. Auch der Geist, der diesen Körper belebte, war nicht alltäglich, aber von Jugend auf fürGlanz und Gefallsucht erzogen, — kannte sie kein höheres Glück, als von ihrem Geschlechte beneidet und bewundert, von dem männlichen vergöttert, beide die übermüthige Herrschaft ihrer Schönheit empfinden zu lassen. Dies war der Zweck, für den sie alles berechnete, an dessen Erreichung sie ihr ganzes Leben setzte, und auf diesem Wege war ihr Natalie feindlich begegnet! — Wie sie unter den Weibern, ragte Rudolf unter den Männern hervor. Gewohnt, alles, in Bewunderung, sich vor ihr beugen zu sehen, war er, dessen Blick, Benehmen und Miene so deutlich verriethen; ich lasse nie über mich herrschen — eine neue Erscheinung für sie, die ihr einer nähern Beobachtung werth schien. Er näherte sich ihr — sie that alles, um ihn zu fesseln, ließ sich sogar herab, die Täuschung, die ihn ihr zuführte, zu benutzen, ohne die Gefahr zu ahnden, der sie sich Preis gab. Die stolze, gefühllose Louise fühlte, ihm gegenüber, zum erstenmale, daß sie ein Herz hatte. Sie war im Begriff, sich zu verheirathen, und nicht modisch genug erzogen und gesinnt, um sich vor oder nach ihrer Heirath eine ernstliche Intrigue erlauben zu wollen, so wenig sie auch, auf der andern Seite, Willens war, auf den Genuß, sich gehuldigt zu sehen, Verzicht zu leisten. So nahm sie dies Erwachen ihres Herzens für Gefühl befriedigter Eitelkeit,obgleich der leise Wunsch: ach stände Rudolf an Rhodens Stelle! ihr wohl hätte verrathen können, was sie fühlte — aber eine bittre, schmerzliche Empfindung sollte sie erst später mit dem Geheimniß ihres Herzens bekannt machen.

Es war in einem von Rudolf veranstalteten Liebhaber-Konzert, als Natalie zum erstenmale öffentlich auftrat. Louise sang eine recht hübsche Romanze — sie endigte, — und jetzt führte Rudolf aus einer der letzten Reihen Natalien vor. Mit sittsamer Anmuth trat sie zum Orchester, und ihr holdes Erröthen sicherte ihr im Voraus die Nachsicht, mit der die Zuhörer einen jugendlichen schülerhaften Versuch aufnehmen zu müssen glaubten. Welches Erstaunen ging aber durch den Saal, als sie, mit ihrer reinen, vollen, kunstmäßig ausgebildeten Stimme, eine der glänzendsten und schwersten italiänischen Arien mit einer Sicherheit, Präzision und Rundung vortrug, die bei einer Dilettantin Bewunderung erregte und verdiente. Ihr Gesang erweichte und gewann ihr alle Herzen und sie erhielt ungetheilten Beifall. Louise wurde darüber mit ihrer Romanze ganz vergessen. Sie fühlte das, und es kostete sie Mühe, in das allgemeine Lob mit einzustimmen. Aber als Rudolf, dessen Eitelkeit ihren Haß gegen Natalien forderte, zu ihr trat, diese enthusiastisch lobte, und sie miteiner an Unart gränzenden Kälte verließ, weil er nur Auge, nur Ohr für Natalien hatte, fuhr sie mit einer ihr bis dahin fremden Bitterkeit im Herzen zu Hause. Unwillig riß sie beim Auskleiden die Blumen aus dem Haar — ich liebe ihn nicht, rief sie heftig, ich hasse ihn — ja wahrhaftig ich hasse ihn — aber ungestraft soll er mich nicht mit seiner Vorliebe für dies Gänschen verhöhnen. Ich will ihn zu meinen Füßen sehen, und mein spottender, triumphirender Blick soll mich dann rächen!

Sie versuchte jetzt manches, ihn wieder an sich zu ziehen; aber jeder Versuch mißlang, und das Gefühl gekränkter Eitelkeit, gekränkter Liebe, rächte jetzt alle die, mit deren Herzen sie früher oft, im Bewußtseyn ihrer Macht, so grausam gespielt hatte. Sie wollte ihn jetzt vergessen, und beredete Rhode, mit ihr, gleich nach ihrer Verbindung, eine Reise zu machen, von der sie nur, beim Eintritt des Winters zurück kamen. Ihr Stolz hatte ihr nie erlaubt, sich zu gestehen, daß sie Rudolf liebe; nur ihre Eitelkeit wähnte sie durch diesen Abfall von ihr, der Rose, zu der farb- und geruchlosen Feldblume gekränkt, und glaubte, es sich selbst schuldig zu seyn, ihm fühlbar machen zu müssen, wie er sich in unbegreiflicher Blindheit vergriffen habe. Willkommen war ihr daher das Liebhabertheater, das ihn ihr wieder näher führen mußte.Es wurde mit Menschenhaß und Reue eröffnet. Rudolf spielte den Baron Meinau, Louise seine Gattin. Ihr kunstvolles, richtiges Spiel, gehoben durch den Wiederschein eines ihr selbst unbekannten Gefühls, und durch den Zauber ihrer auf dem Theater unwiderstehlichen Schönheit, erwarb ihr den rauschendsten, an Vergötterung gränzenden Beifall, den Rudolf in seiner Rolle mit ihr theilte, und der beiden für die Folge die ersten Rollen sicherte.

Beide waren eitel — beide fanden Genuß in dieser trunkenen Anerkennung ihres Kunsttalents, und das Gefühl, daß sie sich auf der Bühne als Folie gegenseitig nicht entbehren konnten, führte sie bald auch im Leben näher zusammen. Sie wollte ihm gefallen — und er? — o Louise, um deinetwillen ziehe ich einen schonenden Schleier über dies Gewebe weiblicher Schwäche und männlicher Buhlerey. Das erste erwachende, von Dir selbst verkannte, Gefühl Deines Herzens, führte Dich irre und Du wurdest, wo Du Dich geliebt glaubtest, nur das Opfer besonnener Unwürdigkeit! —

Natalie sah ihn anfänglich weniger oft — dann selten und immer seltener; doch sie wußte, daß er, als Directeur des Liebhabertheaters, viel zu thun habe, und daß das Studium seiner Rollen ihn gleichfalls Zeit koste. Seine häufigenBesuche im Rhodischen Hause galten ihr für das, wofür er sie ihr gab, für Privatproben. Auch theilte sie — so sehr gerecht gegen jedes fremde Verdienst, enthusiastisch für Kunst und Talent eingenommen — seine Bewunderung Louisens, und sprach diese oft lauter und wärmer aus, als er es zu thun wagen durfte. Sah sie ihn doch noch zuweilen, und dann zärtlicher als er je gewesen war! Ihr Vertrauen zu ihm blieb ungetrübt vom leisesten Zweifel und sie gegen ihn arglos und leichtgläubig wie ein Kind.

O wäre er nur wahr gegen sie gewesen! — sie wäre mit tiefer Trauer von ihm geschieden; aber sie wäre dann sanft und kindlich geblieben; sie hätte ihn entschuldigt, um ihn, auch getrennt, fortlieben zu können. — Ach, verlorenes Glück der Liebe thut wehe — doch Wollust ist dieser Schmerz gegen das Gefühl betrognen Glaubens und gemißbrauchten Vertrauens, — und kommtderPfeil aus der Hand des Geliebten, dem wir unser ganzes Herz gaben — ach dann bringt uns keine irdische Zukunft den geraubten Frieden wieder zurück! —

Rhode wurde auf Louisens häufigen Umgang mit Rudolf aufmerksam. Man brauchte einen Deckmantel dafür, und wer taugte dazu mehr, als Natalie? Ihr argloses Vertrauen hatte Louise gegen Rudolf so oft Dummheit gescholten, seinenFeuergeist so oft im lächerlichen Contrast mit Nataliens heiliger Einfalt ihm dargestellt, daß er anfing, sich der Achtung zu schämen, die er bis jetzt für sie gefühlt hatte. Die Idee, seine Verbindung mit Louisen unter Nataliens Schutz fortzuführen, erschien ihm im Lichte einer feinen geistreichen Intrigue, und er führte Louisen bei Natalien ein, welche sie, auf seine Empfehlung, mit zärtlicher Zuvorkommenheit empfing. Zum erstenmal genoß Natalie der Annehmlichkeit, mit einem geistvollen liebenswürdigen Weibe nicht bloß Worte, sondern auch Ideen wechseln zu können, und sie gab sich daher mit voller Herzlichkeit der schönen Frau hin, die sie an Werth und Reiz so hoch über sich stellte, daß sie in ihr ein Vorbild zum Nachstreben sah. Ihre Liebe für Rudolf sprach sich so unverkennter in jedem Blicke, jedem Worte aus, er war so sichtlich die Seele ihres Lebens und ihres ganzen Daseins, daß Rhode in ihrer Verbindung mit Louisen die gründlichste Widerlegung seines Argwohns zu finden glaubte. Nataliens Güte, ihre einfache Anspruchlosigkeit, ihre Bescheidenheit, ihre Achtung fremden Verdienstes, auch dann, wenn es schimmerlos war, machten sie ihm, der sich von seiner Frau oft übersehen, und durch ihren Geist überflügelt fühlte, sehr theuer. Sie war jetzt fast täglich in seinem Hause, und Rudolf fand in diesenverwickelten Verhältnissen eine neue Würze seines Verständnisses mit Louisen, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Faden dieser Intrigue noch feiner und künstlicher auszuspinnen, wobei er auf Rhodens sichtbar werdende Neigung zu Natalien rechnete. Die Unfähigkeit dieser, irgend jemand zu täuschen, die heilige Treue ihres eignen Herzens, erhielt sie noch im Frieden unumschränkten Vertrauens zu dem Geliebten und der Freundin, als Treulosigkeit, Verrath und Arglist sie schon mit unzerreißbaren Fäden umsponnen hatten.

Nataliens Vater entschloß sich, jetzt, mit dem Frühjahr, sein Gut selbst zu beziehen, und sie wurde nun von den Eltern ernstlich über ihr Verhältniß mit Rudolf befragt. Erröthend bat sie die Mutter, ihr jede fremde Einmischung darin zu ersparen, deren sein Herz nicht bedürfe und die das ihrige verwerfe. Schonend und leise deutete diese auf seine seltneren Besuche und seine sichtliche Auszeichnung Louisens, die ja schon der Stoff allgemeinen Stadtgespräches sey. Natalie stritt — aber sie fühlte selbst das Unbefriedigende ihrer Antwort auf die einfache Frage der Mutter, warum er jetzt, bei der Annäherung ihrer bevorstehenden Trennung von ihm, nicht die Einwilligung der Eltern suche? — doch erhielt sie das geforderte Versprechen,ihr allein die Lösung des Knotens zu überlassen.

Diese Unterredung hatte sie schmerzlich angegriffen. Sie fing an, sich zu gestehen, was sie schon lange mit stillem Gram gefühlt hatte, ohne sich Rede darüber stehen zu wollen, daß es zwischen ihm und ihr nicht mehr so sey, wie ehemals, ohne daß sie dem, was sich zwischen ihre Herzen gezogen hatte, einen Namen zu geben wußte. Es war wie ein Nebel — wollte sie es ins Auge fassen, es untersuchen, so war es fort — und dann doch wieder da, so ängstigend, so beklemmend. Sie gestand es sich ungern und nur versteckt und geheimnißvoll, daß er sie vernachlässige — aber warum? — unmöglich, unmöglich konnte sie den Argwohn erregenden Verdacht ihrer Mutter theilen — sie schämte sich seiner — sie hätte sich verachtet, hätte er nur einen Moment in ihr haften können. — Lieber gab sie sich alle Schuld — wähnte, nur in ihr wohne der Argwohn — der Freund sey rein und edel und fest, und sie schon unwürdig, wenn sie dem leisesten Zweifel an ihm, dem Trefflichen, dem ach! so unaussprechlich Geliebten, auch nur ihr Ohr leihe. Dann trat sie ihm zuweilen mit Blicken so voll innigen Vertrauens, so voll treuer, unwandelbarer Liebe, entgegen, daß die Rinde um sein Herz zersprang, und er wieder der Alte seynwollte. Doch eben diese Erweichung, dies Gefühl des Unrechts gegen sie, machte ihn dann so leidenschaftlich heftig, daß Natalie schüchtern vor seinen stürmischen Ergießungen zurückwich. So kamen sie immer weiter aus einander — nur die todte Form ihrer Verbindung bestand noch; die Seele der Liebe und des Vertrauens war ihr entflohen, und um Natalien wurde es unbeschreiblich trüb und einsam.

In dieser Stimmung war sie, als Rhode eines Morgens mit funkelnden Blicken, mit blassen verstörten Zügen, zu ihr eintrat, und ihr Rudolfs Briefe an seine Frau zuwarf. Ein Kammermädchen dieser hatte sich mit ihr überworfen, und in der ersten Aufwallung ihrer gereizten Bosheit, Rhoden entdeckt, was sie von dem Verständniß seiner Frau mit Rudolf erlauscht, errathen, und gewußt hatte. Er forderte Beweise und erhielt die Briefe, die er jetzt Natalien brachte. Sie entfaltete sie mit der höchsten Seelenangst — aber bei den ersten Zeilen schon überhüllte eine Ohnmacht schonend das gebrochene Herz, und sie sank erbleichend in Rhodens Arme. Das schmerzlichste Mitleiden mit ihr, die ihm viel theurer war, als er selbst wußte, regte seine Wuth noch heftiger auf. Bube! rief er knirschend, den Schmerz dieses Engels sollst Du mir, so wahr Gott lebt, schwer büßen!und, ohne ihr Erwachen abzuwarten, klingelte er ihrem Mädchen und ging.

Natalie schlug die Augen wieder auf, und schauderte, daß es Tag und Sonnenschein um sie war. Stumm und ohne Thränen las sie jetzt langsam die Briefe durch, und erhielt die Ueberzeugung, daß Rudolf nicht nur treulos gegen sie, das Weib eines Mannes, den er Freund nannte, verführt, sondern auch planmäßig darauf gerechnet habe, Rhode durch sie zu beschäftigen, und ihn dadurch gegen sein Verhältniß mit Louisen blind zu machen.

Da stand sie nun an einem Abgrund, in den sie sich, mit der ganzen Gewalt ihrer Empfindungen, hineinstürzte. Gränzenlos, wie ihre Liebe, war auch ihr Schmerz; ohne Thränen, ohne Klage, ohne Vorwurf, wühlte er in seiner eignen Tiefe, und alle freundlichen Gestalten des Lebens schieden von ihr.

Sie blieb den Tag einsam auf ihrem Zimmer, und saß gegen Abend wie vernichtet in der Ecke des Sophas, als sich leise die Thüre öffnete, und Rudolf eintrat. Mit dem Ausdruck des Schreckens stand sie auf, — blaß, von Schaam und Demüthigung entstellt, sah sie ihn zögernd ihr näher treten, die ernst, stolz und kalt vor ihm stand.

Ich fühle, wie unwürdig ich vor Ihnen stehe,fing er mit jener leisen, tiefen Stimme an, deren Gewalt über Nataliens Herz er kannte; daß ich aber, trotz dieses Gefühls, hier erscheine, beweiset, daß ich nie aufgehört habe, Sie für größer als Ihr Geschlecht zu halten.

Ersparen Sie sich jede fernere Unwürdigkeit — mir jedes Wort, und verlassen Sie mich.

Nicht eher, als bis ich die Bitte ausgesprochen habe, die mich herführt, und die mein und Louisens Schicksal in Ihre Hände legt.

In meine Hände? fragte Natalie ernst.

In Ihre, weil ich weiß, daß da, wo die Pflichten der Tugend enden, die der Größe und des moralischen Heroismus beginnen, und welches Herz war je mit diesen vertrauter, als das Ihrige? — wäre Louise Ihnen fremd, Sie würden Ihr reines Auge von ihr abwenden; aber jetzt, wo Sie von ihr beleidigt sind, steht der Mann, der das Herz eines Engels verwundete, mit der Zuversicht der Erfüllung seiner Bitte vor Ihnen.

Die ungewöhnlichste Handlungsweise war für Natalien da, wo es auf Selbstverläugnung, Opfer und Edelmuth ankam, nur die gewöhnlichste, und in diese Seele konnte nie ein Gefühl des Hasses oder der Rache kommen. Rudolf fand sie ganz anders wie er sie sich, da er ihre Liebe für ihn und die Weichheit ihres Herzens kannte, gedachthatte. Nur die schmerzliche Blässe des Gesichtes deutete auf Kampf und Gram — ihr Ton, ihre Haltung, ihr ganzes Wesen, sprach strengen, ehrfurchterregenden Ernst aus.

Reden Sie, sagte sie, und setzte sich. Nicht so sehr sein Anblick, als die Entwürdigung des früher so hoch verehrten Mannes, erschütterte sie. Hätte er entseelt zu ihren Füßen gelegen, es hätte sie nicht so peinlich ergriffen, als diese moralische Entstellung, in der er jetzt, gedemüthigt, ihr gegenüber stand.

Rhode ist entschlossen, sich so öffentlich als möglich zu rächen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß er in Louisen sich selbst mit beschimpft. Morgen schon soll sie sein Haus verlassen, und die Scheidungsklage dann gleich beim Consistorium eingereicht werden. Mir hat er eine Ausforderung zugesandt; es bedarf keiner Versicherung, daß ich es nicht aus Feigheit scheue, sie anzunehmen, obgleich, wenn man sich, so wie er und ich, in diesem Fall gegenübersteht, um Tod und Leben gespielt wird, — aber Nataliens Herzen lege ich die Frage vor, welches Loos des Ueberlebenden und Louisens wartet? — Kann diese, wenn er fällt, die Hand des Mörders annehmen, ohne auf ewig mit der Meinung zu zerfallen? — Kann ich ihr die meine reichen, wenn dieser blutige Schatten sich zwischenuns stellt? — Falle ich, so wird Rhode vielleicht im Gefühl gesättigter Rache einige Zeit Befriedigung finden — aber ist er, der weiche einfache Mensch, geschaffen, dies Bewußtseyn auf die Dauer zu tragen? — soll ich sterbend noch den Fluch auf ihn legen, ihn heimathlos durch die Welt zu jagen? — Sie kennen die Strenge unserer Duellgesetze, und ich weiß auch, wie Ihr heller Geist über Duelle denkt.

Haben Sie mir einen Ausgang aus diesem Labyrinth zu zeigen?

Rhode ist beleidigt; ich will mich nicht rechtfertigen; der leidenschaftliche Irrthum weniger Augenblicke kostet mich das einzig wahre Glück meines Herzens — doch darf hier so wenig von meinen Empfindungen, als von meiner Schuld die Rede seyn, sondern nur von der Verpflichtung, mein Unrecht zu vergüten, so viel ich kann. Nur in Louisen kann ich Rhoden Vergütung anbieten, und ich bin bereit, mir diese, von Schande und Reue geschmiedeten, Fesseln der schimpflichsten Leibeigenschaft anlegen zu lassen — aber, so wahr ich lebe! wenn Rhode seinen Plan, Louisen durch die öffentliche Bekanntmachung ihres Fehltrittes zu beschimpfen, nicht aufgiebt, so bin ich verloren. Entehrt darf meine künftige Gattin vor den Augen der Welt nicht seyn, wenn sie je meinen Namenführen soll — daher hier mein Vorschlag. Rhode kommt unter irgend einem Vorwand beim Kabinette um die Scheidung ein; Louise geht bis zu ausgemachter Sache zu ihren Eltern zurück. Daß sie geschieden werden, kostet Sie bei Ihrem Onkel, dem Präsidenten, nur ein Wort — und ich gebe dann Louisen meine Hand, wenn diese Wahl der Welt Werk der Freiheit und keiner erniedrigenden Nothwendigkeit zu seyn scheint. Glücklich werden wir nicht mit einander seyn — doch werde ich nie die Schonung vergessen, die ich ihr schuldig bin. Schlägt Rhode aber dies Anerbieten aus, so treffe ich morgen mit ihm an der Gränze zusammen, und das Grab deckt dann entweder meine Schuld, oder verschlingt auch ihn mit seiner Rache. In beiden Fällen lege ich Louisens Ruf in Ihre Hände. — Auch Sie, Natalie, werden versöhnt seyn, wenn ich falle, und vielleicht dann den Mann bedauern, dem, wenn er leben sollte, Ihr Bild zur unerbittlichen Nemesis werden würde. — Ja, Natalie, hasse mich, verachte mich; nur fühle wie es mich treibt, mein Leben als Sühnopfer für Dich entströmen zu fühlen. —

Heftig weinend war er vor ihr nieder gesunken — sie trat in stiller ernster Fassung einen Schritt zurück; noch heute, sagte sie, werde ichmit Rhoden reden, und Sie sollen am Abend um den Erfolg dieser Unterredung wissen.

Mit einer ausdrucksvollen Neigung des Kopfes verabschiedete sie ihn mit diesen Worten. Er wollte fortreden — sich entschuldigen — da faßte sie ihn mit einem Blick, vor dem er, wie die feige Schuld vor dem Blick des unbestechlichen Richters, erröthete, und, ihr gehorchend, hinweg floh. —

Die Kraft, mit der sie ihm ihren Schmerz verbarg, der feste, edle Stolz in ihrem, sonst so kindlich weichen, Betragen, und die reine Güte, mit der sie bereit war, wohlzuthun, wo Tausende an ihrer Stelle geflucht hätten, liehen ihr in seinen Augen neue Reize. Er schwor sich, sie in die alten Fesseln zurückzuführen, und zweifelte nicht, sie versöhnen zu können, da sie ihm auch jetzt blieb, was sie ihm immer gewesen war: ein Spiel für seine Eitelkeit, eine reizende und seltene Erscheinung für seine Phantasie, deren poetische Natur und idealisches Wesen ihm ein ästhetisches Wohlgefallen einflößten, das er selbst zuweilen, wie z. B. in dieser Stunde, für Liebe hielt.

Natalie sprach Rhoden noch denselben Abend, und da er seine Frau wirklich geliebt hatte, und zu den Menschen gehörte, die nur in der ersten Aufwallung des Zornes die Energie fester Entschlossenheit haben, wurde es ihr leicht, ihn zur Mildeund Schonung zu stimmen. Ihre Fürsprache selbst wurde ihm zum Beispiel, und da er sie unbeschreiblich achtete, zur Regel seines Betragens. Louise, deren Ehrgefühl vor dem Gedanken einer öffentlichen, für sie so schimpflichen, Scheidung zurückbebte, und die, von guten Eltern erzogen, nur leichtsinnig, nur versunken, nicht verloren, ein Opfer ihrer Leidenschaft für Rudolf geworden war, fühlte jetzt die ganze Unwürdigkeit ihres Fehltrittes und den Werth der großmüthigen Schonung ihres Gatten. Sie erfuhr, daß sie diese Natalien verdanke, und schrieb ihr einen Brief voll Reue und tiefer Rührung. „Laß mich Dich,“ bat sie am Schluß desselben, „vor Deiner Abreise noch einmal sehen, damit Dein Anblick mir den Glauben schenke, daß die Tugend sich nicht auf ewig von ihrer gefallnen Tochter zürnend abgewandt habe.“

Natalie antwortete ihr freundlich, schlug es aber, so schonend als möglich, ab, sie zu sehen. „Ich muß,“ schrieb sie ihr, „alle Erweichungen und Spannungen meiden — darum darf ich Dich nicht sehen. Allein die Versicherung kann ich Dir geben, daß ich Deiner ohne Groll und ohne Bitterkeit gedenke. Nicht fallen, Louise, darf und soll vielleicht nicht der Stolz des schwachen Menschenherzens seyn; vom Fall wieder erstehen ist oft schwerer und schöner. Ueber mein Schicksalmache Dir keine Vorwürfe. Glaubst Du mir aber einigen Ersatz schuldig zu seyn, war ich Dir je wirklich theuer: so laß Dich durch diesen Vorfall nicht zum Verzweifeln an Dir selbst hinreißen. Deine Reue bethätige sich durch ein künftig schöneres, fleckenloses Leben. Als gute Gattin, treue Mutter, kannst Du noch einst achtungswerther werden, als Du es je als Louise Rhode warst, und mein inniger Antheil wird Dich durch ein solches Leben begleiten.“

So milde sie aber auch gegen Louisen gestimmt war, so fruchtlos war jedes Bemühen Rudolfs, von ihr ein Zeichen der Theilnahme des heftigen Schmerzes, oder nur des Hasses, zu erzwingen. Nach einigen Wochen schon sollte sie ihre Eltern aufs Land begleiten, und er bot, für diesen kurzen, ihm noch vergönnten, Zeitraum, seine ganze Kunst auf; aber alle seine Bemühungen scheiterten an dem Ernst und der fremden Höflichkeit, mit der sie ihm nicht einmal auswich, aber jeder Erinnerung an die Vergangenheit abgestorben zu seyn schien. Zu tief, zu schmerzlich war sie verletzt; zu viel alte Wunden hatte er wieder aufgerissen, als daß sie es sich selbst hätte abgewinnen können, um die Tiefe, die zerstörende, bodenlose Tiefe ihres Schmerzes, wissen zu wollen. Nicht seine Untreue; sein Unwerth gab ihr Kraft. Der Stolz ihresBewußtseyns hob sie zu hoch über ihn, und sie fühlte so oft: dieser Mann ist nicht werth dein Herz zu brechen, dein Karakter darf nicht sein Raub werden, daß es ihr das Vertrauen auf ihre Kraft und jene Herrschaft des Willens gab, die in solchem Kampfe den Sieg zu erringen vermögen. Man sah sie in ihrem äußern Benehmen wenig verändert; der Ernst in ihrem Wesen war noch immer milde, und der etwas sichtbarere Ausdruck desselben konnte füglich auf Rechnung der bevorstehenden Trennung von ihrem bisherigen Wohnort gesetzt werden. Willig barg sie auch die tiefen Wunden ihres blutenden Herzens, im Gewühl der Abschiedsfeste, die die letzten Wochen ihres Aufenthalts ausfüllten, und die ganze Kraft ihrer Seele wucherte für die Ueberzeugung, daß mit ihrer Achtung auch ihre Liebe erstorben wäre. Ihr Gram war kein Wurm, der den Boden umwirft und die Staude umkehrt, sondern ein Insekt, welches in den feinen, verborgenen Röhren der Pflanze nagt, bis die Blume verbleicht, abfällt, und stirbt. —

Rhode war täglich bei ihr, und die große Sorgfalt, mit der er und sie gemeinschaftlich alles unterdrückten, was Louisens Ruf nachtheilig werden konnte, verschaffte dem Gerücht Eingang und Glauben, daß Rhode’s Scheidung Folge einer ganz freundschaftlichenUebereinkunft zwischen ihm und Rudolf sey, Braut und Frau mit einander zu vertauschen. Natalie fühlte, wie sehr Rhode’s täglich sichtlicher werdende Anhänglichkeit, und ihr häufiger Umgang mit ihm, dies, für sie höchst kränkende, Gerücht, zu bestätigen scheinen mußte, und schlug ihm eine Reise vor. Er errieth ihre Bewegungsgründe, und willigte zart und liebend ein, sie auf zwei Jahre zu verlassen, ohne ihr selbst zu verrathen, wie schwer ihm diese Trennung wurde.

Natalie liebte ihn wie einen Bruder, und sie versank nach seiner Abreise, die sie ganz vereinzelt zurückließ, in einen Zustand finsterer Betäubung und starrer Fühllosigkeit, der ihr selbst das Bewußtseyn des Schmerzes nahm. Sie schien ruhig, und glaubte selbst es zu seyn. Ohne Thräne, mit kalter Fassung, schied sie von dem Schauplatz ihres bisherigen Lebens. Am Morgen ihrer Abreise rief sie vor Sonnenaufgang ihrem Mädchen, sie noch einmal nach dem Kirchhof zu begleiten, wo ihres Bruders Grab war. Dieser Abschied erweichte sie — wehmüthige, hofnungslose Sehnsucht nach seinem tiefen festen Schlaf ergriff sie, und die Ahndung, ihr Herz werde nie wieder ruhig und leicht werden, so lange es in ihrer Brust schlage. — Der Rückweg führte sie vor Rudolfs Hause vorbei. Es war früh vier Uhr; alle Fensterladender Straße waren noch uneröffnet; alle Thüren verschlossen. Nur auf dem Fenster seines Schlafzimmers lag golden der Wiederschein desselben Morgenrothes, das eben das Grab ihres Bruders erleuchtet hatte. Unter dem Vorwand der Müdigkeit — ach sie war es im andern Sinn ganz! — sank sie auf die hohe, steinerne Thürschwelle nieder, und hier lösete sich plötzlich ihre starre Unempfindlichkeit in gränzenlosen, leidenschaftlichen Schmerz auf. Sie kühlte die brennenden Augen an dem kalten, feuchten Stein, und fühlte es mit zerreißendem, plötzlich sie mit Qual der Verzweiflung durchzuckenden Bewußtseyn, daß er wissentlich ihr Herz, ihr Glück, ihre Liebe, in den Staub getreten hatte, wie morgen unwissentlich diese Thränen, die sie um ihn weinte. —

Und in diesem Gefühl erkannte sie schreckend, daß sie ihn, den Verachteten, noch liebe! — Diese Minute traf ihr innres Leben. —


Back to IndexNext