Zweiter Abschnitt.
Der Jugend Glück entflieht mit BebenVor des Gedanken strengem Blick,Und furchtbar rauscht um unser LebenDein Köcher, eisernes Geschick!
Der Jugend Glück entflieht mit BebenVor des Gedanken strengem Blick,Und furchtbar rauscht um unser LebenDein Köcher, eisernes Geschick!
Der Jugend Glück entflieht mit Beben
Vor des Gedanken strengem Blick,
Und furchtbar rauscht um unser Leben
Dein Köcher, eisernes Geschick!
Nataliens neuer Wohnort war lieblich und angenehm; aber sie hatte keinen Sinn mehr für seine stille, reizende Ländlichkeit. Der Geist sanfter Gefühle und milder Schwermuth war ihr entwichen, und ihr Gemüth rang gewaltsam mit dieser Umschaffung ihres innersten Wesens. Durch und durch war sie verändert. Stumm, verschlossen und kalt gegen Alles, was sie umgab, schien sie auch alle Liebe zur Kunst und Wissenschaft verloren zu haben, und mit ihrem Denk- und Empfindungsvermögen nur auf wenige herzzerreißende Erinnerungen und Gedanken beschränkt zu seyn. Die einzelnen verlornenWorte und Aeußerungen, die wie Blitze zuweilen ihr verstörtes Gemüth enthüllten, deuteten den finstersten Gram und den bittersten Unmuth gegen das Leben an. Ihr Geist, der im Umgang mit Rudolf unvermerkt von der schönen Wahrheit des Gefühls und der Idee abgewichen war, deren ein Weib bei ungestörtem Frieden so wohlthätig genießt, gab sich nun spitzfündigen Grübeleien hin, die sie mehr und mehr verleiteten, das Leben und seinen Zweck so verächtlich als möglich aufzufassen.
„Weg,“ sagt sie auf einem damals von ihr niedergeschriebenen Blatte, „weg mit jedem Trost, mit jeder Hoffnung, weg mit aller Resignation. Soll ich mir durch diese geistige Medizin noch Farbe und Leben anlügen, wenn ich den Tod im Busen trage? Der Schleier, der mir die Welt und das Leben schonend barg, ist zerrissen — ich habe die Wirklichkeit hinter ihm erblickt, und werde von ihrem Anblick nie wieder gesunden. Leben, deine Vampyrn lauschen unter Rosen versteckt — Deine Freuden wehen uns Kühlung zu, damit der Stachel unbemerkt desto tiefer in das arglose Herz dringe, und uns desto schmerzlicher verwunde. Aber ich habe diese Rosen sich entblättern sehen — und kenne Dich nun Du höhnischer, spottender, lügender Traum, den ichjetzt mit Ekel nur fortträume, weil ich muß, und weil es mich nicht reizt, ihn auf einer andern Erde noch einmal von neuem zu träumen. Die armseligen Zufälligkeiten des Glückes haben meine Blicke, meine Wünsche, nie auf sich gezogen — einem schöneren, höheren Traume vertraute ich den Gehalt meines Daseins an, und die Ideale meines Herzens waren zugleich seine Ideale. Wenn es eine Vorsehung gäbe, wenn Tugend und Liebe ein wirkliches, außer meiner Vorstellung gegründetes, Dasein hätten: so müßten sie erröthen vor meinen Hoffnungen, und vor der Treue, mit der ich sie umfaßt hatte — nur für sie lebte ich; vor den Phantomen meiner eignen Phantasie beugte ich die Knie und betete an, was ich selbst erschaffen hatte! —“
„Schreckliche, schreckliche Stunden, in denen ich begreifen lernte, daß unsre Irrthümer und Verbrechen, wohl mehr als unsre Tugenden, die Absicht des Schicksals seyn mögen — denn warum, warum sonst diese jämmerliche Welt, voll Kummer und Verzweiflung, diese Wüste des Elends ohne Hoffnung? — Was kann mir das Wesen gelten, dessen Wille in ihr das Gute statt des Schlechten hervorbrachte, und Fluch und Verzweiflung austheilte, wo es in seiner Macht stand, Seegen und Liebe zu spenden? — Der Mensch muß nunso leichtsinnig, so blind, so schwach seyn, damit er nur nicht seine Blicke auf das Geheimniß seines Daseins wende, und durch seine eigne Hand die Erde wieder entvölkere. Die Vernunft würde den Selbstmord heiligen, wenn die Thierheit sie nicht unterjochte — doch ach! dem Unglücklichen bietet selbst das Grab keine Zuflucht dar — für ihn ist keine Rettung, keine Hoffnung, so weit Zeit und Ewigkeit reichen:er kann sich nicht vernichten! — Stürze Dich in das Weltmeer, springe in die lodernde Flamme — die tyrannische Macht, die Dich zum willenlosen Spiel ihrer Willkühr schuf, hält Dich an unzerreißbaren Fäden, und erweckt Dich wieder zu demselben jämmerlichen, und doch in seiner Jämmerlichkeit so furchtbar ernsten, Spiel, das man auf ErdenLebennennt! — Ewig dasselbe Einerlei, nur mit den Decorationen einer andern Sonne und vielleicht auch einer andern Organisation — denn, wenn es anders, edler, schöner sein kann, sein soll, warum, warum denn nicht schon hier, da die Allmacht zum Guten in der Hand des schaffenden Wesens lag? —“
„O hätte er dieser Welt nurdie Liebegelassen — was wäre denn alles Weh der Erde? Sie würde uns mit Allem versöhnen und jede Dissonanz des Lebens in himmlischenFrieden auflösen! — Aber Du bist mir untergesunken, holder Stern, und kannst nie wieder heraufleuchten aus Deiner Nacht — Du warst nur ein täuschendes Irrlicht. Vertrauen dürfte der Mensch nur dann Deinem Zauber, wenn er ein Werk der Willkühr, ein Tribut der Tugend wäre, dann hätte er in Dir das Diplom seines Adels, die Bürgschaft für die Wahrheit seines Glaubens an die geistige Welt. — Jetzt aber buhlst Du mit dem Laster und grollst mit der Tugend — ich verwerfe Dich!“
„Ich bin jetzt ruhig. Der Sturm der Leidenschaft ist vorüber, und gefallen sind seinem Wüthen alle Blüthen seeligen Wehes und süßer Schwärmerei, die ehmals mein Leben schmückten. — Ich bin ruhig und still wie das Grab, das auch die Gestalt des ehmals Lebenden empfängt, und Moder und Verwesung ausspeiet, wenn es geöffnet wird. — O wenn ich zuweilen um Mitternacht noch mein Fenster öffne, meine brennenden Augen an der kühlen Nachtluft zu erfrischen, und die weite unendliche Ferne, in der nichts mehr wohnt, das ich an mein Herz ziehen dürfte, in stillem Sternenlichte vor mir liegt: dann überfällt mich eine ungestüme, heftige, hoffnungslos in mir lautaufschreiende, Sehnsucht nach den entblätterten Gefilden meinerVergangenheit. Ich möchte dann zu seinen Füßen sinken und flehen: gieb mir meinen Glauben zurück; täusche mich noch einmal, aber tödte mich, eh’ die Täuschung sich enthüllt.“
„Ich kann nie wieder werden wie ich war. Noch könnte ich sterben für eine, für eine einzige Minute der Vergangenheit, wie ich Stunden an seiner Hand, seinem Herzen, gelebt habe. Ich möchte all meinen Schmerz, all meine Verzweiflung in ein Wort, einen Schrei zusammenfassen, und damit entseelt zu seinen Füßen niederstürzen. —“
„Was soll mir das Leben? was soll ich der Welt? — Wie ein übergrüntes Schlachtfeld liegen beide vor mir. Tausende wandeln heiter und sorglos auf dem, aus Blut aufgesproßten, Rasen; aber mir deckt er seine Todten auf und den stummen Jammer, der unter ihm begraben liegt, und ich irre schaudernd auf ihm umher. Nur Du, letzter einschlingender Strudel dieses Lebens, Du Erdenge zwischen diesseits und jenseits, dunkles, einsames Grab, bietest mir freilich keine Hoffnung, keinen Trost, aber doch eine Zuflucht, die mich mit einem Bilde der Ruhe und des Schlummers täuscht. — O öffne Dich mir bald — zieh mich hinab — verhülle das gebrochene Herz — schließe das Auge, das keine linderndeThräne mehr hat, sondern nur stummen Jammer! —“
In dieser finstern Stimmung verrannen ihr Monate. Ihre Eltern glaubten sie krank, und die Todtenblässe ihres Gesichtes, das in lesbaren Zügen die Geschichte ihres gebrochenen Herzens zeigte, bestätigte diesen Wahn. Man zog einen Arzt zu Rathe; sie klagte über nichts, und nur die Thränen ihrer Mutter erhielten es von ihr, daß sie von den verordneten Mitteln Gebrauch machte. Schon seit einigen Monaten hatte sie Elisen ganz von sich entfernet und ihre Eltern dringend gebeten, sie der edlen Rudolphi anzuvertrauen, die das holde Wesen, das so ganz Natur und Liebe war, gern unter ihre Zöglinginnen aufnahm. Natalie sollte jetzt, da der Arzt es zur dringendsten Nothwendigkeit gemacht hatte, für ihre Aufheiterung und Zerstreuung zu sorgen, ihre Mutter auf diese Reise nach Heidelberg begleiten. Die Veränderung des Schauplatzes, und der Anblick der herrlichen Main- und Neckargegenden, durch die ihr Weg sie führte, wurden für Natalien sehr wohlthätig, und die vielen Thränen, mit denen Elise von der geliebten Schwester schied, wirkten noch wohlthätiger auf ihr Herz. Sie konnte, wenn sie das holde Kind, mit dem weichen, liebevollen Herzen, an ihren Busen nahm, nicht verzweifeln an Menschenherz,und was sie in spätern Jahren so unauflöslich an Elisen band, war die dankbare Erinnerung an die vielen trüben Stunden, in denen sie, wie ein Genius, Natalien durch die Gewißheit ihrer Liebe und Treue emporgehalten hatte.
Die zärtliche Sorge der Mutter, die liebevolle Schonung, mit der sie Natalien, zart und milde, wie nur eine Mutter es zu thun vermag, zu erheitern und zu trösten suchte, ohne je durch eine Frage das wunde Herz zu pressen, konnte für diese nicht verloren gehen. Die Ueberzeugung, die sich ihr mit der unwiderstehlichen Kraft der Wahrheit aufdrang, daß ihre Mutter ihrer zu ihrem Glück bedürfte, gab ihrem verblichenen Leben wieder, durch den Beruf, für ein fremdes Glück zu leben, Farbe und Gehalt. Die Mutter glaubte, zweckmäßige Thätigkeit werde sie am ersten heilen, und folgsam gegen ihre Wünsche, trat Natalie nach ihrer Zuhausekunft, in eine, ihr fremde, Laufbahn häuslicher Geschäftigkeit und thätiger Sorge für Andre. Die Ungebundenheit, mit der sie bis jetzt unumschränkt Herr ihrer Zeit gewesen war, verschwand, da ihre Mutter ihr die Besorgung der innern Wirthschaft übergab. Doch zog diese Thätigkeit sie mehr von der Beschauung ihres Innern, der Enthülsung des Lebens, ab, als daß sie sie zu heilen, und zur würdigerenAnsicht beider zurückzuführen vermocht hätte.
Natalie führte den Haushalt, unter der Anleitung ihrer Mutter, mit musterhafter Ordnung, und erwarb sich bald eine ziemlich vollständige Kenntniß desselben. Auch die Feldwirthschaft, von der sie früher manche theoretische Kenntnisse eingesammelt hatte, lernte sie nun practisch kennen, da sie, dem Wunsch ihres Vaters zufolge, sich an das Reisen gewöhnte; ihn täglich auf ihrem flinken Pferdchen zu den Arbeitern begleitete, mit und für ihn, viele, zu diesem Fach gehörende, Werke las, und noch mehr mit ihm und andern erfahrnen Landwirthen darüber sprach. Auch vertraute ihr der Vater bald die Berechnung eines beträchtlichen Theils seiner Einnahme und Ausgabe, mit Bestimmung eines ansehnlichen Gehaltes, an. Ihr Steckenpferd aber wurde die Obstbaumzucht, die sie als Mittel, den armen Unterthanen ihres Vaters wohlzuthun, liebte, so wie sie auch die ganz vernachlässigte Schulanstalt dieser Güter zu heben wünschte, und gemeinschaftlich mit dem Prediger dafür sehr thätig war. Diese mannigfache Beschäftigung, die jede Kraft ihres Geistes in Anspruch nahm, und sie vor aller leeren Träumerei und Grübelei bewahrte, wirkte vortheilhaft auf ihr Innres, und auch ihr Aeußeres gewann durch den Genuß der reinenLandluft, durch die viele Bewegung, und durch die übertünchte Ruhe ihres Herzens. Sie wurde jetzt wirklich ein sehr reizendes Geschöpf, mit einem stolzen, edlen Wuchse, einer seelenvollen Physiognomie und dem schönsten Colorit blühender Jugend. Gewiß hätte sie sich auch auf diesem Wege wohlthätiger Güte und zweckmäßiger Thätigkeit wieder zurecht gefunden im Leben, wenn ihr Genius sie vor der verderblichen Macht eines fremden Einflusses bewahrt hätte, für dessen Gift sie, wie sie es nach ihren bisherigen Schicksal seyn mußte, nur zu empfänglich war.
Dem leidenschaftlichen, verheerenden Sturm in ihrem Innern war jetzt eine Ruhe der Erschlaffung, eine Apathie der Gefühllosigkeit, gefolgt, die sie sich zu prüfen scheuete, weil das Andenken der erduldeten Qual sie von jedem festen Blick auf ihr inneres Leben zurückschreckte. Ihre Eltern sahen viel Gesellschaft in ihrem Hause, und bildeten sich zwey sehr verschiedene nachbarliche Zirkel, in denen Natalie, auf dringendes Zureden der Mutter, oft erschien.
Der eine bestand aus mehreren Beamten, Pächtern, Predigern und bürgerlichen Gutsbesitzern; der andre aus dem Adel der Gegend und den Officieren eines in einer nahen Stadt stehenden Regiments. In dem ersten Zirkel gefiel sichNatalie sehr gut; sie fand die Frauen anspruchlos, die Mädchen munter und gutmüthig, die Männer mitunter gescheut und kenntnißvoll. Das ungekünstelte Wohlwollen, mit dem sie einfachen Menschen so herzlich und freundlich entgegen kam, gewann ihr bald alle Herzen; und entfernte die Scheu, die ihre höhere, feinere, Bildung im Anfang eingeflößt hatte. Sie sprach mit den Müttern so verständig, war zu Rath und That immer so rein gutmüthig, ohne alle Ansprüche, bereit, wo sie dazu aufgefordert wurde, ließ sich selbst so willig und dankbar belehren, daß sie allen lieb wurde. Den jungen Mädchen flößte sie bald Vertrauen ein; sie zeichnete ihnen Muster zu ihren Stickereien, lehrte sie feine Handarbeit machen, schnitt ihnen die neuesten Kleidermuster zu — kurz, wer sie in diesem Zirkel sah, wo sie oft in einer Stunde mit den Männern von Kleebau und Stallfütterung, auch wohl mit einem der Prediger über Gegenstände der Litteratur und der Kunst, und mit den Frauen und Mädchen von Kohl und Wurzeln, Gänsen und Eiern, Mähen und Erntecollationen mit Interesse und freundlicher Aufmerksamkeit sprach, mußte sie lieb gewinnen. Auch war sie in diesem Zirkel allgemein geliebt, und galt jedem Einzelnen, in seinem Sinn, für ein Muster weiblicher Vollkommenheit.
In dem andern Zirkel ihres nachbarlichen Umgangs fand sie hingegen Eitelkeit, Sinnlichkeit, Kleinlichkeit und das jämmerliche Wesen des engherzigsten Egoismus, wie es allenthalben, wo man sich zur großen Welt rechnet, angetroffen wird, und auch, wie gewöhnlich in diesem Kreise, mit dem Firniß äußrer Kultur überdeckt, und mit Sinn für Kunst und Talent aufgeputzt. Ihr Geist fand hier oft angenehme Nahrung, und sie lernte jetzt das Laster und das Unrecht in seiner glänzenden, schimmernden Hülle kennen, die es in der Jugend so schwer macht, es als Laster und Unrecht zu erkennen. Der Ruf ihres Geistes und ihrer Talente war ihr voran gegangen, und die beiden glänzensten Meteore dieses Zirkels, Mariane von Polliet und Graf N. kamen ihr mit achtungsvoller Auszeichnung entgegen, damit, bei der Verbindung mit ihr, Nataliens Licht mit ihrem blendenden Schimmer Eins werde und keiner seine eigenthümliche Hülle bemerke.
Mariane verband mit einem kalten Herzen ein heißes Blut; aber mit der feinsten Buhlerei wußte sie beides unter dem Schleier strenger Dezenz und tiefen Gefühls zu verhüllen. Die Geschmeidigkeit ihres Geistes verstand sie als Feinheit, ihre Unbesonnenheit als Offenheit, ihre Maliçe alsWitz, geltend zu machen. Sie besaß einen äußerst leisen, geübten Tact für jede fremde Individualität, und paßte derselben ihre Plane künstlich und verschlagen an. Nataliens Ernst im Benehmen gegen Männer, ihre Gleichgültigkeit über den Eindruck den sie machte, reizten oft Marianens Spott, die ihr dann ihr System über Liebe und Lebensgenuß anpries.
Die Liebe, wiederholte sie ihr unermüdet, die Liebe, wie Sie sie sich denken, macht uns Weiber immer unglücklich. Wir stehen unter dem Druck eines harten Naturverhängnisses, welches unser Herz, durch seine größere Reizbarkeit, Fühlbarkeit und Weichheit, von der Herrschsucht der Männer abhängig macht, wenn wir nicht die Kunst verstehen,uns, und dadurch sie, zu beherrschen. Glauben Sie mir, liebe Natalie, je reiner, zarter und treuer wir sind, je weniger passen wir für die heutigen Männer, denen die Liebe zur Fabel geworden ist, und die nur ihre Sinnlichkeit, oft sogar nur ihre Eitelkeit, gereizt fühlen, wo sie uns gerne überreden möchten, daß wir geliebt sind. Im ersten Fall täuschen sie sich oft selbst, und wer darf mit ihnen darüber rechten, da die Natur nun einmal bey ihnen diese nahe Verwandtschaft zwischen Herz und Blut stiftete? — aber im letztern wollen sie nur täuschen. Unter tausend Männern gibt eskaum Einen, dem die Ruhe, das Glück eines Weiberherzens, heilig sind; dagegen fünfhundert vorsätzliche planmäßige Verführer, — und von den übrigen haben nur wenige den Vorsatz, einer Versuchung widerstehen zu wollen, — alle tausend aber die gemeinschaftliche Aehnlichkeit, daß sie auch der schwächsten unterliegen.
So lassen Sie uns denn, sagte Natalie ernst, unser Herz für die willkürlichen, schöneren Regungen der Menschenliebe und der Freundschaft aufbewahren, und uns nicht der Gefahr aussetzen, es zum Spielwerk eines Unwürdigen zu verschleudern.
Im Ernst, Liebe, das wäre eben so häßlich und tragisch, wie ein Frühling ohne Blüthen und Nachtigallen. Lassen Sie uns lieber den Gesichtspunkt für die Liebe aufsuchen, wo wir gefahrlos mit ihr — spielen können, wie die Aegyptischen Damen mit den Schlangen, die sie zur Kühlung im Busen tragen. Es ist ja unsre Schuld, wenn wir vergessen, daß Amor ein Kind ist, und wir also mit ihm spielen sollen und müssen, ohne mit dem muthwilligen Buben altklug thun, oder ihm gar — wie Sie mir Lust zu haben scheinen — eine Alongenperücke aufsetzen, und ihn darin eine Heldenrolle spielen lassen zu wollen. Das rächt sich wie jede Unnatur, und paßt höchstens für eine einfältige Landnymphe, die mit ihrem zärtlichenSchäfer, nach dem verjüngten Maaßstaab von Herkules und Herkuliska, ihren Roman spielt. Ein solches Gänschen mag ihr Herz in Thränenwasser aufweichen, und es ihrem Geliebten, mit Seufzern und Vergißmeinnicht zierlichst empfindsam garnirt, überreichen. — Dem denkenden Weibe aber sey die Liebe nur eine vorübergehende Thorheit, ein, zum angenehmen Lebensgenuß nothwendiger, Zusatz, durch Geist und Grazie verfeinert und pikant gemacht. Unsre Unschuld, unser Ruf, unsre Ehre, sind das Eigenthum des künftigen Gatten, wodurch wir von ihm Rang und Vermögen erkaufen, und Pflicht sey es uns, sie ihm zu bewahren, wenn auch nur aus Dankbarkeit, daß er uns die Judengasse unsrer Mädchenetikette aufschließt. Gefallsucht ist aber als Quintessenz der weiblichen Liebenswürdigkeit erlaubt, und ein ganz nothwendiges Ingredienz reizender Weiblichkeit, die nichts als eine weise geistig-körperliche und körperlich-geistige Kunst ist, den Männern zu gefallen und sie zu beherrschen.
Nein, sagte Natalie hier schmerzlich entrüstet, Sie lästern die Liebe und das reine Gemüth des Weibes; die Männer mögen seyn, wie Sie sie schildern — ich weiß es nicht — aber unter uns giebt es noch Herzen, die lieber brechen, als sich von unheiligen Empfindungen entweiht fühlen möchten. — —
Sie schwieg hier, und ihr, nur auf der Oberfläche erstarrtes, in der Tiefe noch für alles Große und Schöne der Menschheit glühendes, Herz spiegelte sich in der Thräne, die sie Marianen zu verbergen suchte. Diese sah sie mit einem gutmüthig spottenden, höchst reizenden, Lächeln an. Wissen Sie, fragte sie, wie ich mir diese Schwärmerei empfindsamer Seelen erkläre? — sie heißt mir der Fanatismus der Empfindeley, und sie ist auch mit den Erscheinungen jeder andern Art von Fanatismus so übereinstimmend als möglich. Je mehr der Fanatiker für seine Wolkengöttin thut und leidet, je theurer wird sie ihm, und die Gewohnheit sie anzubeten, däucht ihm bald so Wink seiner innersten Natur zu seyn, daß er es für Schande halten würde, zu fühlen und zu denken, wie andre gesund-vernünftige Menschen. Eben so geht es den Schwärmern und den Schwärmerinnen in der Liebe; die reine Geistigkeit, die vorgebliche Ewigkeit ihrer Gefühle, der seynsollende göttliche Ursprung derselben, wird ihnen zumpoint d’honneur— aber — aber — armes Kind, wenn Sie wüßten, wie irdisch sich der geistig-geschlungene Knoten gemeinhin löset! — Die Natur, die, früher oder später, über diese Unnatur siegt, bewirkt, daß dieser Kothurn doch nur für den Zweck, den sie der Liebe gab, wuchert. Ist dieser erreicht, so wird aus der tragischen Epopoe eine burleskePosse, und es ist daher sehr rathsam, die Stelzen gleich anfangs wegzuwerfen. Es gab vielleicht einst eine Zeit, wo die Liebe sich in dieser Gestalt zeigen mußte, wo das schalkhafte Kind zum Götterjüngling herangereift zu seyn schien — das war aber am Ende ein poetischer Traum — wir sind erwacht, und diese alte Zeit wird nie wieder neu werden. Die höhere Bildung, die gereifte Vernunft unsrer Zeiten, hat aus der einförmigsten, übellaunigsten Leidenschaft eine allerliebste, lustige Thorheit gemacht, und unsre Schuld allein ist es, wenn ihr heitrer Schein uns zum Irrlicht wird. —
Natalie schauderte vor der Frechheit dieser Aeußerungen zurück, und wandte sich dann zu N. den sie schon, vor der persönlichen Bekanntschaft, als sentimentalen, für die uneigennützigste Tugend, für Liebe, Wahrheit und einfachen Lebensgenuß, begeisterten Dichter geliebt und geschätzt hatte. Aber mit unbeschreiblichem Erstaunen lernte sie jetzt in ihn einen praktischen Epikuräer und den gefälligsten Verfechter jeder eignen und fremden Schwäche kennen.
Er traf sie einst bey einem Besuche allein zu Hause; er fand sie lesend, und, als sie den Kopf, bey dem Geräusch seines Eintrittes, wandte, sah er in ihren Augen noch die Thränen der schönen Rührung, mit der sie gerade einen Aufsatz von ihmüber die wahre Schönheit gelesen hatte. Erröthend legte sie das Buch weg; doch verstimmter denn je, für den geistreichen, gelehrten Ton seiner Unterhaltung, der ihr heute wehe that, zeigte sie ihm, was sie gelesen hatte, und fragte ihn offen und treulich, wie er diesen Widerspruch seines innern und äußern Lebens in sich dulden könne?
Es wäre schlimm, antwortete er ihr, wenn die Poesie mich dem wirklichem Leben entfremdete, und ich von ihren bunten Schmetterlingsflügeln die Kraft fordern wollte, mich durch die Welt zu tragen.
Also, fragte Natalie bestürzt, gilt Ihnen diese Begeisterung für Schönheit und Wahrheit, dies Suchen und Ergreifen des Umwandelbaren im wandelbaren Leben für nichts mehr als für ein leeres Spiel der Phantasie, ohne alle Realität?
Wahrlich, sagte er nach einigem Schweigen, wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, daß Täuschung über diesen Punkt sich unausbleiblich selbst zerstört, und dann viel schmerzlicher, als es die warnende Stimme des Freundes zu thun vermag; wenn ich es nicht für bedeutenden Gewinn hielte, die Welt und Menschen, so früh als möglich, in ihrer wahren Gestalt kennen zu lernen: so würde ich es mir zum Vorwurf machen, den Zauber zu zerstören, den Ihre holde Phantasie dem Lebenleiht. Ach, meine Freundin, fuhr er inniger fort, es ist noch keinem Menschen vergönnt worden, an diese Träume zu glauben, bis das Grab ihn vom Lande der Träume scheidet. Früher oder später tritt die Wirklichkeit in ihrem abschreckenden Ernst vor uns, und zeigt uns die geträumten Ideale als Götzenbilder, bei deren abentheuerlicher Gestalt der reifere Mensch nur weilen kann, wie bei dem Schaukelpferde und der Puppe, die ihn in der früheren Kindheit ergötzten. Auch Ihre Stimmung, Ihre Reinheit, Ihre Schwärmerei werden Ihnen, liebe Natalie, nicht bleiben, wie sie noch keinem geblieben sind, der, mit ihnen ausgerüstet, in die Welt trat. Diese Tugenden sind liebliche Chimären, Erzeugnisse des heißen jugendlichen Herzens, die, wie jede andre Blüthe, mit der Jugend verschwinden würden, wenn auch keine Erfahrung und Einwirkung von außen sie zerstörte. Der ältre Mensch wird kühler, besonnener — seine Pulse klopfen milder, seine Phantasie malt blasser, und ihm bleibt von seiner Jugendschwärmerei nur eine süße — oft aber auch sehr bittre — Erinnerung, und zuweilen der stille Seufzer, daß sie nicht dauern konnte. Weh also dem, der sein ganzes Leben an diese Träume vergaukelt! — Nie können siedaurendesGlück gewähren und das Bedürfniß des Glückes wird mit jedem Jahrestärker und leidenschaftlicher im Menschen. — Bei Ihrer jetzigen Sinnesweise können Sie, liebe Natalie, nicht der Gefahr entgehen, irgend einmal, von allen Ihren Schwärmereien verlassen, dazustehen, ohne alle Mittel, sich wieder mit dem Leben und Ihrer Erkenntniß der Wirklichkeit zu versöhnen. Jetzt scheint es Ihnen leicht und groß, ohne alle Ansprüche auf Lebensgenuß, nur für kalte Pflichten und fremdes Glück zu leben — aber es wird eine Zeit kommen, Natalie, wo Sie Ihre Rechte und Forderungen an Glück und Genuß tief, tief, fühlen werden; wo von dem ganzen System Ihrer jetzigen Gefühle, die Sie zum Theil für Grundsätze halten, nichts in Ihnen zurück bleiben wird, als die schmerzliche Reue, so viele Vorzüge, so viele Geisteskräfte, die Sie zu einem heitern frohen Genuß des Lebens empfingen, für diesen Zweck unbenutzt gelassen zu haben. Sie können in diesem Augenblick so wenig die Denkungsweise eines spätern Jahrzehends verbürgen, als der Träumer seinen Zustand nach dem Erwachen.
Sie glauben also nicht, unterbrach ihn Natalie, daß in der moralischen Natur des Menschen jene Hinweisung auf ein Gebot der Pflicht liegt, die, wie mich dünkt, allein dem kleinen Leben Werth zu geben vermag. Das Paradies meiner Jugendträume, in dessen Besitz Sie mich noch glauben,ist schon hinter mir versunken — aber eben das erscheint mir als das finsterste, hoffnungsloseste, Geschick, was Sie mir als Lebensweisheit preisen. Giebt es in und außer uns nichts Höheres, als die Freudenblumen irdischen Genusses; so haben wir wahrlich für den Gaumen und den Hunger eines Halbgottes nur Thierweide und Thierspeise. —
Giebt es denn eine Geisteskraft, fragte er, deren Zweck nicht durch die Ausbildung und Verschönerung des Genusses dieses Lebens erreicht wird? — Wie hoch standen nicht die Griechen in Lust und Schmerz, deren geistiger Gesichtskreis sich doch auf dies Leben beschränkte, und deren Tugend, deren Freude, von der Erde ausging und zu ihr zurückkehrte, wie jene Bäume, deren Gipfel sich herabsenken, um zu neuen Wurzeln zu werden. Die Sentimentalität der Neueren — ihr Hinüberspielen dieses Lebens in ein Reich der Ideen und der Träume, ist eine Frucht der Entbehrung und der Sehnsucht. — Der glückliche Grieche, der das Leben wirklich genoß und zu genießen verstand, konnte sie daher nicht haben. Die Natur gab uns Geist und Blut; all das Dunkle unsrer Organisation, was wir so gerne in seiner Unergründlichkeit heilig nennen, sind Aufwallungen des letztern, farbige Seifenblasen des erstern, und die schöne moralische Welt, in der man so lange manjung ist, Anlage hat, den Don Quixote zu spielen, verschwindet wie ein Nebelgebild in farb- und gestaltlosen Duft, wenn uns die reifende Vernunft, durch das Glas der Erfahrung, die Dinge zeigt, wie sie sind, und in der Wirklichkeit seyn sollen. Genießen Sie immerhin Ihrer jetzigen Träume als einer Jugendblüthe; nur vergessen Sie nicht Schillers eben so schönes als gehaltvolles Wort:
Was man von der Minute ausgeschlagenGiebt keine Ewigkeit zurück. —
Was man von der Minute ausgeschlagenGiebt keine Ewigkeit zurück. —
Was man von der Minute ausgeschlagenGiebt keine Ewigkeit zurück. —
Was man von der Minute ausgeschlagen
Giebt keine Ewigkeit zurück. —
Natalie bebte, und lange rang sie mit Ernst gegen den Einfluß dieser Menschen auf sich; aber der Schein des Lächerlichen, den man auf ihre Vertheidigung jedes edlern Zweckes unsers Daseyns warf, machte sie stumm, und ach! diese Menschen waren glücklich und ihr Glück schien die Richtigkeit ihrer Ansichten zu verbürgen. Ermattet vom vorhergehendem Kampfe, ließ sie endlich das Gift dieser Sophistereien unbeachtet in sich fortwirken. Sie faßte das Leben und das Treiben der sie umgebenden Menschenmenge schärfer ins Auge, und ihr Blick, der bis jetzt die äußern Erscheinungen wenig beachtet und nur in der Tiefe eigner Selbstbeschauung geweilt hatte, lenkte sich jetzt auf jene hin. Sie sah nun, wie die Feinheit und Sentimentalität die ästhetische Cultur, worauf die, diesie besaßen, so eitel waren, und die sie selbst bis jetzt für die zarteste Blüthe geistiger Bildung geachtet hatte, ohne innern Gehalt nie in das Gemüth drang, sondern nur auf der leichten Oberfläche des Lebens und des Karakters weilte. Ihr ernster Geist bemerkte mit tiefem Unmuth, wie die Wahrheit selbst zum Vorurtheil herabgewürdigt wurde, weil man in ihr nur den Wiederschein eigner kleiner Persönlichkeit liebte und vertheidigte. Sie sah, wie man sich einander häßlicher Gebrechen unter schönen Namen als Tugenden anrechnete — sie sah das allgemeine Streben nach Glanz und Schein — die knechtische Herabwürdigung des Verdienstes vor den Reichen und Mächtigen — das leidenschaftliche Jagen nach Geld, als den Kaufpreis alles Würdigen, und ihr Gefühl dabei war finstrer, bittrer, verachtender Unmuth. Aber tiefer noch, als diese Unwürdigkeit der Schlechten und Mittelmäßigen, verwundete und schmerzte sie die Verkehrtheit der Besseren, die genug zu haben und zu thun wähnten, an einer Spekulation des Gedankens, die nie in das thätige Leben eingriff, und bei diesem leeren Ideenspiel zufrieden waren, wenn sie sich und andern ihre allmächtige Abkühlung gegen das höhere Interesse der Menschheit, für Ruhe und Reife, ihre Kälte für verständigeBesonnenheit, und ihren Mangel an Begeisterung für Klarheit anrechnen konnten. —
Sie stürzte sich jetzt ins Gewühl der Welt und der Menschen, um nach einem Anklang zu horchen, der sie Befriedigung für die immer wieder neu erwachende Sehnsucht ihrer Seele hoffen lassen könnte — vergeblich! vergeblich! — Immer mehr verarmend an jeder schöneren Hoffnung, gereizt durch Beispiel, betäubt durch die Sophistereien eines, eben so falschen als blendenden, Raisonnements, hingerissen von dem Schimmer eines schuldlosen, fröhlichen Leichtsinnes, der nichts höheres wollte, als angenehm tändeln, gab sie sich nach und nach einem rauschenden, eitlen Leben hin, im Wahn, es, sobald sie wolle, wieder von sich weisen zu können, wie sie es jetzt sich aneigne. Das gesellige Leben wurde nun ein glänzender Schauplatz für ihre geistigen Kräfte, und sie bildete es zum reizenden Kunstwerk aus. Was Geist, Freiheit, Grazie und Talente, Liebliches und Anmuthiges, im flüchtigen Vorübergleiten des Lebens, darzustellen vermögen, stellte sie in sich dar, und empfand den Schmerz, daß es Allen, die in ihren Kreis traten, für das Höchste galt, was ein Weib ist sich darzustellen vermöge. Ihr selbst konnte es dies aber nie werden, weil sie, da ihr Gemüth eine Tiefe hatte, die dies Leben nicht zu füllen vermochte,das Gefühl höherer Bedürfnisse nicht zu ersticken vermochte.
Natalie, und mit ihr jede edlere weibliche Seele, kann wohl, als Figurantin, in dem bunten Gewühl des eitlen Weltlebens auftreten, und seine flüchtigen Erscheinungen an sich vorübergleiten lassen; aber sich ihm hingeben und eine Rolle darin übernehmen, kann sie nicht, ohne jene schöne Kindlichkeit einzubüßen, die, wie die Unschuld, nur einmal verloren wird. Nur aus demHerzendes Weibes keimt sein wahres Leben fröhlich und fromm hervor, wie die Pflanze, durch Sonnenschein und Luft, sich aus dem Keime entfaltet — wo es aber aus Eitelkeit und Weltfreude, oder auch aus dem Geist, aus Raisonnement und Wissenschaft, aufgehen soll, wird es ein Produkt aus dem Treibhause der Unnatur.
Auch an Natalien rächte sich der Irrthum, mit ihrer neuen Lebensweise gefahrlos spielen zu können. Sie fühlte selbst, wie viel Gekünsteltes und Falsches sich ihr wie Kletten anheftete, und was von Andern als die feinste Blüthe ihres Geistes und ihrer Liebenswürdigkeit gepriesen wurde, machte sie mit sich selbst immer uneiniger. Sie hatte nicht den fröhlichen Leichtsinn, mit dem manches weibliche Wesen, eben so gedankenlos als heiter, durchs Leben geht, und wo sie ihn erkünstelte,blieb ihr immer das Gefühl, daß sie etwas treibe, wovon ihr Gemüth unmuthig sich abwende. Je lauter es um sie, je größer und glänzender der Kreis ihrer Bewunderer wurde, dem sie Tonangeberin, Freudenspenderin hieß, desto finstrer wurde es in ihr, und desto trüber die geheime Wehmuth, mit der sie dem, was sie einst gewesen zu seyn fühlte, nachblickte.
So verstrichen zwei Jahre.
Rudolf war schon seit achtzehn Monaten Louisens Gatte, und jetzt wurde sein Bruder Verlobter einer nahen Verwandtin Nataliens, und diese, mit ihren Eltern, zu seiner Hochzeit nach der Stadt geladen, die sie, seit ihrem Aufenthalt auf dem Lande, noch nicht wieder besucht hatte. Rudolf hatte sich, nach ihrer Entfernung, oft unedel über sie geäußert, und auch jetzt lag in dem Briefe, worin er sie, als ernannter Marschall bei der brüderlichen Hochzeitsfeier, zu derselben einlud, unter dem Schein der ehrerbietigsten Höflichkeit, ein leiser triumphirender Spott, der es verrieth, wie er sie noch nicht fähig halte, die an seinen Anblick gebundenen Erinnerungen, ohne tiefe, schmerzliche Erschütterung, zu ertragen. Natalie war entschlossen, die Eitelkeit dieses Menschen, der mit ihrem Herzen ein so grausames Spiel getrieben hatte, zu demüthigen. Ihr Haß, ihr Unwillekonnten ihm schmeicheln, wie er es unmuthig empfinden mußte, wenn sie ihn übersah, oder ganz unbefangen sich gegen ihn zeigte, und wissentlich und vorsätzlich bot sie alles auf, ihre Erscheinung in S... so reizend und glänzend als möglich zu machen. —
O, Natalie, was war aus der schönen frommen Einfalt, aus der Demuth geworden, mit der Du ehmals Deine Tugenden verhülltest und um Deinen eignen Reiz nicht wußtest! — Ach, Du hattest nicht allein gelitten — Du warst auch gesunken! —
Die ehmals so stille, schimmerlose, veilchenähnliche Natalie, trat jetzt im Zirkel ihrer alten, städtischen Bekannten, als feine gebildete Weltdame, und in der reizenden, fast üppigen Blüthe jugendlicher Frische und Gesundheit, auf. Sie zog durch die Neuheit ihrer Erscheinung und durch die geschmackvolle Pracht ihres Anzuges alle Augen auf sich, und ihr Geist, ihr Witz, ihr, zur höchsten Feinheit ausgebildeter, Conversationston boten ihr, vereint mit der Grazie ihres Benehmens, unerschöpfliche Hülfsquellen dar, zu fesseln, was sie einmal angezogen hatte. Am Tage ihrer Ankunft schon traf sie Rudolf mit seiner Frau in einer Gesellschaft an. Er näherte sich ihr, sie zu bewillkommen; als sie ihm aber so stolz, so leicht undunbefangen, ohne die leiseste Spur von Verlegenheit und Zwang, entgegentrat, fühlte er sich unerwartet gedemüthigt. Bald aber nahm er sich zusammen, und wollte vor ihr durch seinen Witz und Humor glänzen, und sie das alte Uebergewicht wieder fühlen lassen; sie begegnete ihm indeß auch hier so gewandt, wußte den Gang des Gesprächs so ganz in ihrer Gewalt zu behalten, daß sie auch in diesem Wortgefecht und Witz-Spiel als Siegerin erschien. Mit einer, ihrer ganz unwürdigen, Kunst, schien sie ihn dann ferner gar nicht zu beachten, und wußte doch unvermerkt in seiner Nähe, und wo sie sich von ihm bemerkt fühlte, von neuen Seiten zu glänzen. Täglich fühlte er sich durch sie von einem neuen Zauber umstrickt, dessen Macht die Huldigung, die man ihr allgemein darbrachte, verstärkte. Und von ihr, die ehmals nur für ihn lebte, und voll anbetender Ehrfurcht zu ihm aufsah, fühlte er sich jetzt ganz achtlos übersehen, wo er ihr nicht vorsätzlich in den Weg trat, und dann aufgenommen, wie jeder andre gleichgültige Bekannte! — Seine tief verletzte Eitelkeit brachte ihn zu dem Gefühl, welches früher Nataliens gebrochnes Herz, ihre zahllosen Thränen, ihr unermeßlicher Schmerz, ihre unendliche Liebe nicht in ihm zu wecken vermocht hatten: zur Reue über die Vergangenheit. Jeden Morgen sah er sie vonneuem mit der Hofnung, in einem von ihr unbewachten Augenblick zu entdecken, ihre Gleichgültigkeit gegen ihn sey nur Maske; aber jeden Abend schied er, betrogen in dieser Erwartung, von ihr. Natalie war nicht so ganz geheilt, als sie früher es zu seyn gewähnt hatte — die Wunde war geschlossen; aber sein Anblick, und das häufige Zusammenseyn mit ihm, dem noch immer so liebenswürdigen und verführerischen Manne, machten ihr aufs Neue die Narbe fühlbar, und ihre einsamen Augenblicke waren nicht so friedlich und heiter, wie sie selbst es in Gesellschaften zu sein schien. Was ihr Kraft gab, ihre Rolle durchzuführen, war Louisens bleiche, verweinte Gestalt. Natalie hatte ihr längst vergeben und Louise war dieser Verzeihung würdiger denn je. In dem Manne, den sie aus Liebe geheirathet hatte, fand sie den Tyrannen seines Hauses. Mutter einer Tochter, der sie Nataliens Namen gegeben hatte, suchte sie ihre früheren, jetzt von ihr so schmerzlich gebüßten, Verirrungen durch die treueste Erfüllung ihrer Mutterpflichten zu vergüten. Es erschütterte Natalien namenlos schmerzlich, als Louise sie, bei einer großen Gesellschaft in ihrem Hause, nach der einsamen Kinderstube führte, und ihr dort die kleine Natalie in die Arme legte. — —
Gewisse Saiten der weiblichen Empfindung sind so fein, daß sie nur in den unsichtbarsten Schwingungen ansprechen — ihre Bebung aber durch kein Wort ausgesprochen werden darf.
Nataliens Augen wurden naß, als sie das kleine holde Geschöpf, das schmeichelnd seine Arme um ihren Nacken schlang, an ihr Herz drückte — schluchzend sank Louise in ihre Arme — und in dieser Umarmung ohne Worte fanden sich zwei Herzen wieder, die beide eines schöneren Looses würdig gewesen wären. Louisens Unglück schärfte Nataliens Verachtung gegen Rudolf aufs bitterste, und sie hätte ihr Herz lieber zerdrückt, als ihn auch nur auf einen Moment errathen lassen, daß das Gewicht der alten Ketten sie noch zuweilen drücke. Wochenlang hatte sie ja auch schon im Voraus auf ihre Rolle gegen ihn studirt, und der ihr bis zu diesem Zeitpunkt fremde Genuß der Kräfte, die sie jetzt nützte, wurde ihr Entschädigung für den Zwang, den sie sich auflegte. Der Hochzeitstag seines Bruders näherte sich. Am Polterabende desselben erschien sie, in einem, dazu von ihr verfertigten Singspiel, reizender denn je. Die theatralische prachtvolle Kleidung, die vortheilhafte Beleuchtung, ihr himmlischer Gesang, und das sinnvolle Spiel ihrer glänzenden Rolle, hüllten sie in einen Nimbus, der alle Augen blendete. Dieganze Versammlung sah nur sie, und Alles, was sie umgab, schien seine Stelle nur einzunehmen, um von ihr überstralt zu werden. Rudolf fühlte mit bitterm Unmuth, was er in ihr von sich gestoßen hatte, und als sie am Schluß allein vortrat und das Stück mit einer Anrede an das Brautpaar schloß, hieng sein dunkler Blick, leidenschaftlicher glühend, als in den schönsten Tagen ihrer Vergangenheit, an ihr. Unwillkührlich fortgerissen, wurde das Lob, das er ihr sagen wollte, zu so leidenschaftlichen Worten, daß es sie berechtigte, ihre tiefe Verachtung seiner und den so lange bezwungenen Unmuth in den Blick zu legen, mit dem sie sich schweigend von ihm wandte. —
Sie sah den Uebermüthigen, wie vernichtet, vor sich stehen — sie hatte sich diesen Triumph gewünscht, darnach gestrebt — aber mit dem Augenblick seines Genusses entfloh ihr der Genius schöner zarter Weiblichkeit und sie hörte auf, besser zu seyn, als ihr Schicksal!
Sie kehrte mit ihren Eltern zurück, aber ihr verletztes Selbstgefühl, das Bewußtseyn, unwürdig gehandelt zu haben, verfolgte sie; sie haschte, um es zu betäuben, immer eifriger nach dem Genuß befriedigter Eitelkeit, und ihr früheres Beruhen auf eignen Werth entfremdete sich ihr ganz. In dem Zirkel von Hof- und Weltleuten, worin sie jetztfast ausschließlich lebte, konnte ein Geschlecht, das sie in Rudolf verachten gelernt hatte, ihre Achtung nicht wieder gewinnen; sie hielt sich berechtigt, die Männer zum Spiel ihres launenvollen Uebermuthes zu machen, und fühlte nicht, daß sie sich ihnen zum Spiel hingab, weil der Beifall dieses Geschlechts ihr durch den Aufwand von Geist und Kunst, den sie es sich kosten ließ, ihn zu erwerben, zum Höchsten ihres gehaltlosen Lebens geworden war.
Ihre Eltern wünschten, sie verheirathet zu sehen, und mehrere der angesehensten und rechtlichsten Männer warben um ihre Hand, die sie allen versagte, voll des entschiedendsten Widerwillens, sich je ein Verhältniß dieser Art anzueignen. Unter den Schaaren ihrer Anbeter zog mancher sie an; aber bis zum Herzen drang dieser Eindruck nie. Alle beugten sich unterwürfig vor ihrem Geiste, und huldigten der Herrschaft, mit der sie mehr eroberte und unterjochte, als einnahm und gefiel, und diese Unterwürfigkeit, dies Eingehen in ihre Launen, und die Ansichten, die sie zur Schau trug, ohne daß es wahrhaft ihre Ansichten waren, haßte sie. In ihrer Seele lag die Ahndung eines Wesens, von dem ihr Glück, Genesung, Trost, Veredlung kommen könne, dessen Liebe die Verstimmung ihres Innern in Harmonie aufzulösen vermöge.Sehr bestimmt fühlte sie, diesem Wesen noch nicht begegnet zu seyn; aber sie hielt sich auch nicht mehr der Hoffnung werth, es zu finden. Was konnte sie einem solchen Wesen noch seyn und werden? — Zu edel einst, um nicht selbst ihre jetzige Unweiblichkeit zu fühlen, die Genuß darin suchte und fand, nicht Einem, sondern Allen zu gefallen, sagte sie es sich selbst, der Mann, den sie ihrer Liebe würdig fände, könne nur noch mitleidig in ihr auf die Spuren dessen herabblicken, was sie ehmals war.
Von allen ihren männlichen Bekanntschaften wurde auch nur eine zur bleibenden Erscheinung ihres Lebens, und zugleich Beweis, wie zart sie, trotz der eignen Verstimmung, jede Blüthe einer fremden schönen Individualität ehrte. Der Prediger ihres Dorfes hatte einen jüngeren Bruder, August, dem die Natur zu einem heißen schwärmerischen Herzen das Gegengewicht eines tiefdenkenden Geistes, und ein seltnes Gleichgewicht zarter reiner Empfindung und der Anlage zu ernster Karakterfestigkeit, schenkte. In ländlicher Stille und Einsamkeit von seinem Vater erzogen, trat er jetzt, in seinem achtzehnten Jahr, in eine ihm nur aus seinen Büchern bekannte Welt. Er sollte, ehe er die Akademie bezog, noch einige Monate bei seinem Bruder zubringen, um von dessen Einsichten seine gesammeltenKenntnisse ordnen und sich zur Benutzung der neuen Quellen des Wissens, die ihm binnen kurzem geöffnet werden sollten, Anleitung geben zu lassen. Hier lernte er Natalien kennen. Dem mit Dichterideen vertrauten Jüngling, der von ihrem Geschlecht nichts, als einige ungebildete Prediger- und Pächtertöchter kannte, erschien sie wie ein höheres, durchaus idealisches, Wesen. Ihr Stand und der Luxus ihrer Umgebungen vergrößerten noch die Scheidewand zwischen ihnen, und sicherten ihn vor jedem gefährlichen Eindruck. Natalie fand ihn bald in seinen Kenntnissen und seiner rein poetischen Natur auf, und zeichnete ihn durch freundliche Güte aus. Der Prediger, der sie sehr schätzte, bat für August um die Erlaubniß, ihr elterliches Haus oft besuchen zu dürfen, damit er künftig nicht ganz als Neuling in das gesellige Leben eintrete, und August fand nun Gelegenheit, Natalien fast täglich zu sehen, und das nicht bloß im größern Zirkel, wo sie nur blendete und ihm immer fremd geblieben seyn würde, sondern auch im Familienkreise, und mitunter auf ihrem einsamen Zimmer. Sie ließ sich oft von ihm vorlesen, und knüpfte an das Gelesene Gespräche, in denen sie ihm, mit der zartesten Achtung für seine poetische Ansicht des Lebens, die sie an dem frischen, jugendlichen Gemüth liebte und ehrte, den Schatzihrer Welt- und Menschenkenntniß öffnete, und mit Verhüllung ihrer düstern Ansichten und bittern Erfahrungen, ihn nur darauf hinwies, poetische Menschen, von den Besten, Weichheit, von Zartheit des Gefühls, Spannung der Leidenschaft, von Kraft und Energie unterscheiden zu lernen. Die innere Bestimmung des Menschen, den hohen Werth desSelbsts, die Kleinlichkeit desIchs, zeigte sie ihm aus den mannigfaltigsten Gesichtspunkten, als das höchste Kleinod aller Spekulation des Gedankens, aller Bildung, und benutzte die rege Empfänglichkeit des Jünglings für die Lehren eines reizenden weiblichen Wesens, um seine Begeisterung für Liebe, Wahrheit und Pflicht zu läutern und zu nähren. Es that ihr unbeschreiblich wohl, Wahrheiten, deren Läugnen sie nur im Begriffe mit sich herumtrug, ohne daß ihr innerstes Gefühl ihnen je untreu wurde, das Wort zu reden, und sie gewann den Jüngling, in dieser Sorge für seine Bildung, schwesterlich lieb, und freute sich der Unbefangenheit, mit der sie ihm das zeigen durfte.
Elise war in der langen Entfernung dem Herzen ihrer Schwester nicht fremd geworden. Natalie besuchte sie jährlich, und hieng mit mütterlicher Sorge und Liebe an dem Wunsch, sie vor den Abwegen zu bewahren, auf denen sie selbst verirrt war, und sie ganz für einfaches häusliches Glückzu bilden. Zufällig erwähnte sie ihrer einigemale mit großer Innigkeit im Gespräch mit August, und dieser, den die zärtliche Ehrfurcht, die Begeisterung, mit der er an Natalien hing, in einen, ihm bisher fremden, Rapport mit dem ganzen Geschlecht gesetzt hatte, faßte Elisens von ihr entworfenes Bild mit einer Wärme auf, die in Natalien zuerst den Gedanken an die Möglichkeit einer künftigen Verbindung beider weckte, mit dem sie, je öfter er sich ihr darstellte, immer vertrauter ward. Vorsätzlich heftete sie jetzt die Phantasie des Jünglings auf Elisens Bild, und führte sie auch seinem Herzen näher, indem sie ihm einige ihrer Briefe lesen ließ, in denen das Herz eines Engels und die Kindlichkeit der süßesten Unschuld sich aussprach. Nataliens Schwester hätte ihn immer interessirt; aber die Schreiberin dieser Briefe würde er geliebt haben, wäre ihm auch ihr Name unbekannt geblieben. Natalie freute sich dieses sichtlichen Eindrucks, und sorgte jetzt, mit der vollen Unbefangenheit und Freimüthigkeit einer Schwester, für ihn. Sie verschaffte ihm, als er zur Universität abging, Empfehlungen an mehrere der angesehensten Häuser, und an einige der geschätztesten Professoren, und man war es zu gewohnt, sie mit Rath und That thätig zu sehen, wo sie nützen konnte, als daß man diese Theilnahme befremdend gefundenund sie mißverstanden hätte. August fand daher durch ihre Vermittelung Zutritt in die gebildetesten Zirkeln seines neuen Aufenthalts, und Nataliens Andenken und Elisens Bild gingen mit ihm als Schutzengel durch Jahre, die nur zu oft des Jünglings Werth und Glück zerstören. Er schrieb Natalien oft, und die Rechenschaft seines Lebens und des Fortgangs seiner Bildung, die er in diesen Briefen niederlegte, erhielt ihm eine Grazie der Sittlichkeit und der Empfindung, die in dieser Reinheit den mehrsten Männern zur Fabel geworden ist.
Rhode kam jetzt nach mehrjähriger Entfernung in sein Vaterland zurück, und kaufte sich in der Nähe von Nataliens Wohnort das schöne, romantisch gelegne Gut, Nepernitz. Nataliens Bild hatte ihn auf seinen Wanderungen begleitet, und führte ihn jetzt in seine Heimath zurück, wo er sie, wie ihn dünkte, reizender und liebenswürdiger, als er sie verlassen hatte, wiederfand. Auch Natalie sah mit Vergnügen den ältesten und treuesten Freund ihrer Jugend wieder; aber trotz der größeren Gewandtheit und Politur, die ihm diese Reise gegeben hatte, ging die stille herzliche Liebe, zu der sich seine Neigung für sie ausbildete, in ihrer einfachen Wahrheit für Natalien verloren, die es zu gewohnt war, das häusliche Leben und dieEhe mit dem häßlichen Zusatz von geistlosen Umgebungen und gänzlichem Mangel an schöner Natur und Poesie, in der langweiligen Einförmigkeit zu sehen, die leider nur zu oft das reinste und schönste aller Erdenverhältnisse entstellen.
Wie tief sie überhaupt verletzt war, wie schmerzlich sie die Disharmonie ihrer Lebensweise und ihres Gemüthes, ihrer Ansichten und ihrer Empfindungen, fühlte, und welche stille, hoffnungslose Sehnsucht an der Blüthe ihres Lebens zehrte, mag uns ein Blatt aus ihrem Tagebuche enthüllen, das sie am Morgen ihres zwanzigsten Geburtstages schrieb.
den 17. December.
So sind denn also schon zwanzig meiner Lebensjahre entflohen! — die erste schöne Jugend, die Blüthe des Lebens ist mit ihnen dahin — ach! hat denn diese Blüthe mir geduftet? fallen ihre Blätter jetzt nur, damit die Frucht sich entwickle und reife? — Nein — ungenossen entflieht sie und nie kehrt sie wieder! —
Ohne Wunsch, ohne Hoffnung, ohne Sehnsucht, verarmt an Glauben und Liebe, trete ich in dies neue Lebensjahr ein. — Mein Innres liegt in Ruinen, über denen düster der Geist finstrer Lebensbeschauung schwebt.
O wie kann der Mensch so mit Bewußtseyn,so bei vollem physischen Leben, sich selbst geistig so absterben! Woran soll ich in mir das Wesen wieder erkennen, das ich vor sechs bis sieben Jahren war? Ein widriges Gift nagt an meinem Geiste — ich fühle, wie es meinem Herzen, dem Mittelpunkt des Lebens, näher und näher schleicht; aber mir fehlt, mit der Kraft, der Wille, seinen Sitz aufzuspüren, und das Gegenmittel, ihm zu begegnen. —
Nichts gleicht dem Schmerze, mit dem wir in der Natur einsam und gespensterartig umherwandeln, wenn wir den Glauben an die Seele derselben verloren haben, und sie uns nun nichts weiter ist, als ein zweckloses Maschinenwesen, ein Kreislauf, der nur Leben schafft, damit der Tod zu würgen habe. Was ist die Harmonie des Weltalls ohne einen Hörer? — und wenn sie dieses Hörers bedarf, um Seele und Bedeutung zu erhalten — ach, dann sind ja diese wieder nur von ihm entlehnt? — ich habe ihr nichts mehr zu geben, das mir aus ihrem Spiegel zurückzustralen vermöchte, und so ist sie für mich nur ein todtes Farben- und Sinnenspiel, aus dem mich kein heiliger Geist der Liebe mehr anredet. Ich fühle mich von ihr gestoßen, von ihr gerissen, und darf nirgends, nirgends, fragen, warum ich es bin? — wer kann, wer mag mit einer blinden, willenlosen Nothwendigkeit rechten?
Aber wenn neben meinem jetzigen Verstummen die Erinnerung der Zeit vor mich tritt, wo sie mir Hieroglyphe des seeligsten, vertrauungsvollsten Glaubens war, dann möchte ich Flügel nehmen und von Himmel zu Himmel, von Orionen zu Orionen fliegen, und suchen, dem ich klagen könnte, klagen dürfte, — möchte niedersinken und stammeln: Vater, hier bin ich! verstoße mich nicht wieder! —
Aber sie sind zerschnitten, diese Bande, die mich an diesen Glauben knüpften — das verrätherische Spiel der Kräfte ist in mir geweckt, und kein Machtspruch meines Willens vermag es mehr zu enden. —
Daß der Mensch, beim Eintritt in dies Leben, vom Schmerz empfangen wird, daß tausend Leiden ihn umringen, daß der Tod seinem Herzen Wunden schlägt, die unvernarbt bluten, bis er sie schließt, sollte mich nicht an der unsichtbaren Hand irre machen, die das Schicksal leitet. — Aber der Zweifel, vor dem der Glaube erstarrt, die Farbe des Lebens schwindet und die ganze große Natur nur ein Abgrund wird, in dem alles Daseynzwecklosuntergeht, ist der, daß der Mensch elend ist, elend wird, durch sein Sehnen nach Tugend und Liebe — daß beide ihm nie erscheinen — die edelsten Wünsche seiner Seele unbefriedigt, seineedelsten Anlagen unentwickelt bleiben — daß er, um das einzige ihm erreichbare Glück zu erreichen, nichts wie Thier seyn und bleiben muß. —
Wahrheit, Tugend, Liebe — ein heiliger Traum von eurer himmlischen Dreieinigkeit war einst in meinem Herzen — ihr waret das Ziel, dem ich jede Kraft meines Geistes, meiner Seele, weihte — wie Geistersonnen erhelltet ihr mir meinen Pfad: aber da stiegen die Nebel des Lebens vor mir auf, und sie zogen sich schwärzer und schwärzer zwischen euch und mich, bis ihr, verdunkelt und verschwunden, mir zu trügerischen, phantastischen Schöpfungen des eignen Herzens wurdet. —
Wahrheit!— Deine Göttlichkeit schwand mit dem entschleierten Wahn, der mir für Dich gegolten hatte. Was unschuldig und einfältig in meiner Seele ruhte, wurde durch die Weisen und Philosophen unsrer Zeit frech ans Licht gezogen und von allem Wahn gesichtet und geläutert, bis ihm die Seele entfloh, und nur ein todtes Wissen zurückblieb, das keines der Bedürfnisse meines Herzens zu befriedigen vermochte.
Da wollte ich diesen Weg verlassen und zu meinem Gefühle zurückkehren. Wo und wie aber seine Wahrnehmungen von den Täuschungen der Phantasie sondern? — Wahrheit des Gefühls war es, als früher meine Seele die Welt in der schönenVerklärung der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung sah. — Wahrheit des Gefühls war es, als es später wie ein höhnischer, spottender, verächtlicher Traum vor mir lag. — Beide Ansichten gingen aus demselben Herzen, demselben Gemüth hervor — welche Ansicht ist nun die wahrste? — wie kann ich einer Welt trauen, deren Ansicht von dem Widerschein einer ihr ganz ungleichartigen abhängt? — wie kann das Gefühl, von dem beide Ansichten ausgiengen, zwischen ihnen über ihre Richtigkeit und Wahrheit entscheiden? —
Ach! keine Rückkehr ins Paradies des Glaubens ist möglich, wenn der Engel der Erkenntniß mit seinem feurigen Schwerdte den Eingang verbietet. —
Tugend?— auch das Streben nach ihr ist vergeblich, und sie selbst ein Resultat von Umständen, die der Mensch so wenig herbeizuführen vermag, als die Verhältnisse, die ihm sein Eintritt in die Welt anweiset. Die Welt um uns her ist ihr zu feindlich, und das Leben, weit entfernt, sie zu dulden, zerstört sie unausbleiblich. Die Geschichte zeigt uns an einigen Menschen einzelne tugendhafte Fähigkeiten, einzelne große, edle Handlungen — aber nur ein ganzes großes Leben kann Tugend heißen, und dies lebte keiner. Schwäche und Thorheit bemächtigten sich des Menschen bei seinemEintritt in die Welt, und keiner, keiner, bleibt von ihnen unangefochten und selbstständig, rein und fest. Erst zeigt sich das Unwürdige außer uns in tausend mannigfachen Formen; es folgt uns auf jedem unsrer Tritte, und das oft in so verdachtloser, wohl gar anmuthiger, Gestalt, daß wir ihm das Herz öffnen, worin es denn wohnt, bis es nicht mehr schlägt.
UndLiebe? — ach, von allen Träumen, die mein früheres Leben verschönten, war der himmlischste auch der vergänglichste! — Wo ich ihr außer mir zu begegnen glaubte, wurde mein reines Hingeben, durch den Unwerth des Gegenstandes, zur lächerlichen Posse, mit der jeder mich auslachen konnte, der davon hörte. —
Einst sah ich in täuschender Aehnlichkeit das Ideal meines Herzens außer mir, und da hatte das Leben Götterglanz, mein Herz den süßen Frieden des seeligsten Glücks — aber es war nur der Widerschein der eignen Gestalt, auf der fremden, kalten Wasserfläche, die, als ich sie umfassen wollte, mich zu sich in die betrügerische Tiefe zog. —
Erstarrt kehrte ich ins Leben zurück — mein Daseyn hing an der Hoffnung, daß Liebe mir noch begegnen würde — und sieh! unter ihrem Namen trat mir Eitelkeit, Begierde, Habsucht, Sinnlichkeit entgegen. — Da versteinerte ich meinHerz, damit keine unheilige Empfindung es entweihe! —
Aber nur den Glauben an diese himmlische Dreieinigkeit konnte mir das Leben rauben — nicht die tiefe, flammende Sehnsucht darnach, die mich aufreibt und verzehrt. O könnte ich, wie Tausende um mich her, diese Sehnsucht von mir abstreifen! — könnte ich Güte, Wahrheit, Liebe, ohne diesen schmerzlichen Widerspruch meines Gemüths, leere Trugbilder schelten, und sie von mir weisen, wie die Gespenster, die meine Amme um meine Wiege stellte! — könnte ich mir wohl seyn lassen im nichtigen Spiel des Lebens, mir aneignen den fröhlichen Leichtsinn gehaltloser Unbefangenheit, und mich gedankenlos der Woge des Augenblicks anvertrauen! — Aber ich kann auch das nicht! — jene Träume sind eins geworden mit meinem Bewußtseyn, das sie mir wie einen Spiegel vorhält, so oft ich zur Beschauung meines Innern zurückkehre. —
„Und kein Ausweg, keine Hülfe! — Einsam und unerrathen steh’ ich da, und jede Frage an das Schicksal bleibt ungelöset. Jeder Monat macht mir das Gefühl innrer Verworrenheit heimlicher, und doch führt jeder mich weiter auf dem trostlosen Pfad. —“
„Einst hätte ich noch aus eigner Kraft umkehrenkönnen — einst konnte ich wieder einfach, milde, gut und glücklich werden — nun ist es zu spät. — Und so nur vorwärts, ohne Zweck, ohne Ziel, immer vorwärts, wie das Thier, das mit verbundenen Augen, das Spiel einer ihm unbekannten Macht, die fremde Maschine im ewigen Kreise treibt.“
Ach laßt uns milde bleiben gegen dies zerrißne Gemüth, diese in Unfrieden mit sich selbst versunkene Seele! — Wahrlich, es sind nicht die Schlechtesten unter uns, die auf diesem Wege verloren gehen! —
Vielleicht konnte nur ein großer und heiliger Schmerz Natalien von dem betretenen, immer abschüssiger werdenden, Irrpfade zurückführen — und er ward ihr. —
Ihre Mutter ward gefährlich krank, und an diesem Sterbebette fand die geliebteste der Töchter alle ihre Tugenden wieder. Natalie wich Tag und Nacht nicht von ihrem Lager, diesem Schauplatz des rührendsten Schmerzes, und der schönsten, edelsten Liebe. Mit einer über das Grab hinausreichenden Zärtlichkeit schlossen sich Mutter und Tochter inniger und inniger an einander, je näher ihnen die unersetzlichste aller Trennungen trat. Alsein heiliges Vermächtniß legte die Mutter ihre Sorge für Elisen an Nataliens Herz und als diese, mit tausend, tausend Thränen, die treueste Erfüllung der letzten, mütterlichen Erdenwünsche gelobte: da faßte die Sterbende die verlöschende Kraft ihres Lebens in einen Blick der Liebe zusammen und bat: gieb Rhoden deine Hand — er hat dich so lange und so treu geliebt — ist so gut — gieb mir für ihn dein Ja und ich habe keinen Wunsch mehr. —
Natalie sank schluchzend an das treue Herz, dessen Liebe sie erst jetzt ganz zu fühlen und zu schätzen gelernt zu haben glaubte, und gelobte alles zu thun, was die Mutter wolle — und in dieser Umarmung trat der, von seinen Schrecken entkleidete, Tod, als milder Genius, zur Sterbenden, und berührte ihr Herz. — Da war sie gewesen, und nur die kalte Hülle noch umschlossen Nataliens Arme — nur auf ewig verstummten Lippen ruhten die ihrigen. —
Heilige Thränen, die der Mensch um seine gestorbenen Lieben weint, ihr seid befruchtender Himmelsthau für jeden Keim des Guten und des Schönen in unsrer Seele, und euer Schmerz hebt uns über alle Fußangeln und Dornen der Erde empor! Wie eine Gottheit leben die Heimgegangnen in unserm Herzen fort, und das Andenken an sie giebtdem Leben Würde, dem Herzen einen Wiederhall aus Eden, und jeder Freude einen leisen veredelnden Schauer.
Nataliens Schmerz war groß, aber fromm und der Verlorenen würdig. Sie schwur in die Hand der Todten dem Vater — der Schwester — dem Liebenden zu vergelten, was sie ihr schuldig geblieben, und ihre Trauer um sie zu heiligen durch reineren Willen und größere Kraft zur Erfüllung jeder Pflicht.
Der letzte Wunsch ihrer Mutter blieb in ihrem Herzen, und als Rhode nach einiger Zeit, begünstigt von ihrem Vater, um ihre Hand warb, ward ihm Gewährung seiner Bitte. Und als nun der biedre, ihr in der Wahrheit und Rechtlichkeit seines Karakters sehr achtungswerthe Mann, am Verlobungstage so froh beglückt, so unaussprechlich zufrieden, von ihr schied, fühlte sie, daß sie ihm ein schöneres Glück gewähren könne, als sie sich es zugetraut hatte, geben zu können. Sie hatte sich seit dem Tode ihrer Mutter ganz aus ihren glänzenden Zirkeln zurückgezogen, und erneuerte jetzt das Gelübde, Rhoden glücklich zu machen, allen Schimmer überflügelnden Wissens und eitlen Glanzes von sich zu werfen und nur für den Gatten und für stilles einfach-häusliches Glück zu leben. Ihre Verbindung ward auf ein Jahr ausgesetzt,damit sie Elisen, bei ihrer bevorstehenden Rückkehr aus der Pension, in diesem Zeitraum zur Führung des väterlichen Haushalts anweisen könne.
Nataliens Leben hatte nun wieder einen Zweck, und sie ward von Woche zu Woche in ihrem Innern ruhiger, und einfacher in ihrem Aeußern. Ihre Freundschaft für Rhode wurde in ihrem jetzigen Verhältniß zu ihm, eine klare, sanfte Neigung, der sie mit ungetrübter Zuversicht ihr künftiges Leben anvertraute.
Einige Monate nach ihrer Verlobung kam August zum Besuch nach Nataliens Wohnort. Sie fand den Jüngling edel und rein, wie er von ihr geschieden war, wieder, und empfing ihn mit achtendem Vertrauen und schwesterlicher Neigung. Die vortheilhaftesten Zeugnisse seiner Lehrer bürgten für seine Talente und seinen Fleiß, und in sich selbst trug er die Bürgschaft für seinen Karakter und für sein Leben. Mit weiblicher Feinheit forschte Natalie nach seinen weiblichen Bekanntschaften und nach dem Grad des Interesses, den er für sie fühle, und er gestand ihr erröthend: sein Herz bewahre seit lange ein Bild, welches ihn gegen den Eindruck jedes andern weiblichen Reizes schütze, ob er gleich nicht hoffen könne, es je anders als stumm und unerrathen lieben zu dürfen. — Nataliens Augeruhte voll milden Ernstes auf ihm — die Hoffnung, in ihm den künftigen Gatten ihrer Elise zu sehen, war bei seiner jetzigen Anwesenheit bestimmter Wunsch geworden.
Ich habe Ihnen auch noch etwas Schönes zu zeigen, fing sie, wie ablenkend, an, und trat zu ihrem Schreibtisch: Können Sie rathen, was? fuhr sie lächelnd fort.
Ahndend ergriff er die dargebotene Kapsel, und versank, nach Oeffnung derselben, im Anschaun eines jugendlichen holden Gesichts, mit dem Zauber herzgewinnender Unschuld und Sanftmuth geschmückt.
Und Sie fragen nicht einmal nach dem Namen des Originals? — fragte Natalie, nach dem Schweigen einiger Minuten. —
Glauben Sie, es bedürfe für mich noch eines Namens, um es zu erkennen? unter Tausenden hätte ichsiebeim ersten Blick erkannt. —
Ueberrascht von der Wärme seines Tons und dieser Aeußerung schlug er heiß erröthend sein Auge nieder. —
Was diesem Gemälde, fuhr Natalie fort, für mich den größten Werth giebt, ist, daß Elise es selbst gemalt hat.
Sie besitzt also alle Talente wie alle Reize und Tugenden? — doch sie ist ja Ihre Schwester!— aber welchen unschätzbaren Werth muß dann dies Bild für Sie haben!
Und doch denke ich es nicht zu behalten; Elise soll sich künftig noch einmal an der Seite ihres Geliebten malen, wenn ihr Herz gewählt hat, und dann will ich von ihm jenes Gemälde für dieses eintauschen.
Elisens Geliebter! rief August bewegt — o der Glückliche, den sein Loos berechtigt, um diesen Preis zu werben! —
Natalie sah ihn ernst an, der, beklemmt und schmerzlich befangen, vor ihr stand.
August, fing sie nach einer Pause an, ich lese in diesem Augenblick in Ihrem Herzen und that es vielleicht schon früher. Meine Elise soll einst frei von jeder Zufälligkeit des Standes und des Reichthums wählen; aber der Mann, der nach ihrem Besitze strebt, darf kein gewöhnlicher Mensch seyn. Der Beifall der Menge wiegt leicht: schwerer, als ihn zu erwerben, ist es, ein Herz zu verdienen, das sich mit reiner edler Liebe einem Manne hingiebt, in dem es nicht nur die Tugenden liebt, die es an sich billigt, sondern auch alle, die ihm abgehen. Nur eine lange, fortgesetzte Uebung des Karakters, in Allem was gut, was schön, was menschlich ist, kann dieses Preises werth machen. Mit diesem Händedruck verbürge ich Ihnen meineAchtung und den Wunsch, daß der Mann einst die Hoffnungen rechtfertigen möge, zu denen jetzt der Jüngling berechtigt.
Entzückt drückte er ihre Hand an seine Lippen, und schwur, feuriger denn je, der Tugend und der Liebe ewige Treue. August, sagte sie ihm gerührt, diese Versicherung aus meinem Munde berechtigt Sie zu schönen Hoffnungen; mein Herz und das Vermächtniß meiner unvergeßlichen Mutter, geben mir auf das theure, geliebte Wesen Mutterrechte, und der einzige Weg, Elisens Hand zu erhalten, ist der Besitz meiner höchsten Achtung, die ich nur der Herrschaft eines reinen, festen Willens über alle Triebe und Neigungen zolle. Ich fordre daher von Ihnen die strengste Wachsamkeit über sich selbst, daß Ihre Liebe nie Leidenschaft werde, und dann das Leichtere, mir von heut an nie unaufgefordert von Elisen zu reden.
Ach, sagte er langsam, das letztre ist hart, aber das erste unmöglich. Kann ich meiner Empfindung einen Damm aufwerfen und zu ihr sagen: Bis hierher und nicht weiter?
Lieber, junger Mann, was wäre die moralische Würde des Menschen, wenn er das nicht zu thun vermöchte? — ich weiß, wie das heiße jugendliche Herz Genuß darin findet, sich in die geglaubte Unendlichkeit seiner Empfindungen hineinzustürzen,und nur von der gränzenlosesten Leidenschaft der Liebe Befriedigung hofft. Aber noch nie hat Leidenschaft beglückt. Ich ehre die Liebe als das reinmenschlichste Band zwischen der Sinnen- und Geisterwelt — als den schönsten Traum, der vom Paradiese her in der Seele des Menschen zurück blieb. — Wie könnte auch ich, die früher schwer Erkrankte, vergessen, was sie mir geworden ist? — Ihr Zauber verschönert das Alter wie die Jugend; er mildert alle Leiden, erhebt und veredelt alle Freuden, verdeckt uns die Aermlichkeit des Lebens, und erhält uns sanft, milde und menschlich, was man ohne Liebe so leicht zu seyn aufhört. — Doch weh dem weiblichen Wesen, dem auf dem Pfade inniger, beglückender Empfindung Leidenschaft begegnet! — Unersättlichkeit ist ihr Gepräge, und nie kann sie mit der Liebe im friedlichen Genuß einer heitern Gegenwart zusammentreffen. Leidenschaft zeigt nur die Ueberspannung des Gefühls, wie Liebe den Adel desselben an. Fast allgemein, mein Freund, wird von Euch Männern in unsern Tagen dieklareTiefe eines liebenden, weiblichen Gemüths verkannt, und Euch leidenschaftlich geliebt zu sehen, ist Euch zur höchsten Gabe des weiblichen Herzens geworden. Vor diesem verderblichen Irrthum möchte ich Sie gerne bewahren, und meine Elise schützen, daß Sie nicht künftig in ihr, wie der blaueHimmel wolkenloses, Gemüth, den Nebel eines leidenschaftlichen Affekts werfen. Glauben Sie es meiner besonneren, erfahrungsreichen Ansicht, diese gewaltigen, so oft in Romanen, so selten in der Wirklichkeit, spukenden Leidenschaften entspringen nur aus einer ungezügelten Phantasie, und die heißesten Menschen dieser Art haben fast immer sehr kalte Herzen. Aber auch in der tugendhaftesten, gefühlvollsten Seele folgt der Leidenschaft, selbst im günstigsten Falle, doch die bittre Trauer über die Zerstörung einer Täuschung, die die Zeit unausbleiblich vernichtet. Gegen dies Weh ist es mir heilige Pflicht, Elisen zu schützen, und wenn Sie einst durch sie so glücklich werden wollen, als es dem lieben Geschöpf Bedürfniß werden wird, den Mann ihres Herzens zu sehen: so scheiden Sie, von heute an, von dieser Idealen einer heißen, despotisch über Willen und Vernunft herrschenden, Leidenschaft. Gründen Sie die Hoffnungen Ihrer Liebe nur auf die sanften Empfindungen eines reinen, ruhigen Herzens, eines Gemüthes voll ungetrübter Harmonie innern Friedens, und der Mann und der Greis werden mir danken, wo jetzt der Jüngling mich zu kühl und zu strenge findet.
Dies Gespräch gab August nicht nur einen Anklang für sein Leben und wurde zum Grundton seiner Verbindung mit Elisen; sondern es giebtuns auch erklärende Winke über die Art und Weise, wie Natalie, in ihren neuen Verhältnissen, Manches und Vieles in sich auszugleichen strebte, und deutet uns den Weg an, auf dem sie glücklich zu werden hoffte.
August nahm bei seinem diesmaligen Abschied die Gewißheit mit sich, Elisen im künftigen Jahr bei Natalien anzutreffen, und die Hoffnung einer Zukunft, deren Freuden verdienen zu wollen, sein ernster Vorsatz war.
Bald darauf kam Elise nach Hause. Ganz Liebe und Natur, trug ihr Sinn und Wesen das Gepräge ächter Weiblichkeit. Sie konnte in keines Menschen Auge glänzen; aber sie gewann alle Herzen, so hell strahlte Jedem ihre Güte, ihre Anspruchlosigkeit, ihr freundlicher Sinn, und die schöne Wahrheit ihres Karakters, entgegen. Mit dem Frohsinn und der heitern Unbefangenheit ihres Alters verband sie die Kenntniß der Regeln des Anstandes und der äußern Höflichkeit, deren Befolgung ihr durch Gewöhnung daran seit frühster Jugend zur Natur geworden war, ohne darauf einen Werth zu setzen, der sie zum Verdienst erhoben hätte. Mit kindlicher Liebe und schwesterlichem Vertrauen hieng sie an Natalien, die mit unbeschreiblicher Sorgsamkeit und Zartheit alles von ihr zu entfernen strebte, was sie sich selbstuntreu zu machen vermocht hätte, und mit einer Verläugnung, deren wenig Weiber in ähnlichen Lagen fähig seyn würden, es sich versagte, in den Gang ihrer Bildung thätig einzugreifen, und ihr irgend eine Aehnlichkeit mit sich geben zu wollen. Sie übertrug ihr gleich einen Theil des Haushalts, und gewöhnte sie zur strengsten Ordnung und Thätigkeit. Es war nicht das Verweilen bei unwichtigen Kleinigkeiten, welches manche Hausfrau, die nie mit ihren Blicken das Ganze einer Haushaltung umfaßt, ausschließlich beschäftigt, sondern die helle, geistvolle Thätigkeit eines, nicht nur auf das sparsame Ausgeben des Erwerbs, sondern auf den Erwerb selbst gerichteten, Geistes.
Wahrlich, wir Weiber tragen selbst die Schuld, wenn wir diese Sphäre häuslicher Wirksamkeit nur mit der Lauheit des prosaischen Pflichtgedankens, oder auch mit dem Mechanismus einer dazu abgerichteten Maschine, zu betreiben wissen, und sie nur im kleinlichen, den Geist einengenden, Lichte sehen. Ein unverschrobener, dem Müssigang — der leider mit einem gewissen aesthetischen Luxus der Zeit und der Thätigkeit nur zu nah verwandt ist — feindlicher Sinn, findet leichtohne Resignationin der Besorgung des Haushalts den heitern Schauplatz nützlicher Thätigkeit, die sich selbst zum Lohn wird, ohne diesen von dem Gedanken treuer Pflichterfüllungentlehnen zu wollen, der uns nur bei Pflichten andrer Art kräftigen, und nicht an solche natürliche Tugenderzeugnisse weiblicher Natur verschwendet werden muß.
Der Zeitpunkt von Nataliens Verheirathung näherte sich, und sie sah ihm mit heitrer Ruhe und froher Zuversicht entgegen. Die Ueberzeugung, daß Rhode sich, ohne alle Ueberspannung, in ihrem Besitz ganz glücklich fühlte, gewährte ihr einen Genuß, dessen sie würdig seyn mußte, um seinen Werth so innig fühlen zu können.
Jetzt kam der Graf Gimborn, ein Jugendfreund ihres Verlobten, von seinen vieljährigen Reisen, auf seine, in der Nachbarschaft gelegenen, Güter zurück. Rhode führte ihn bei Natalien ein, von der er sich die Vergünstigung erbat, ihn ihr auf einige Tagen entführen und ihn zu einer großen Jagd nach einem seiner entfernteren Güter mit sich nehmen zu dürfen. Scherzend, wie er seine Bitte vortrug, wurde sie ihm gewährt, und Rhode nahm am Abend auf acht Tage Abschied.
Am andern Morgen, als Natalie früh um fünf Uhr mit ihrer Elise im Garten frühstückte, und sich des schönen Reisewetters für den geliebten Freund freuete, trat er unerwartet zu ihr in die Laube.
Vergeben Sie mir, liebe Natalie, bat er sanft,wenn ich Sie so früh überrasche. Eine sonderbare Ahndung ängstigte mich, und da ich erst um sechs Uhr bei dem Grafen eintreffen soll, zog es mich unwiderstehlich noch vorher zu Ihnen hin. Nun werde ich ruhiger seyn, da ich Sie wohl und munter gesehen habe.
Er war wirklich etwas blaß; Natalie wollte daher nicht genauer nach dem Grund seiner Unruhe fragen, und sagte ihm lächelnd: zur Strafe für seinen Aberglauben solle er von ihrem Frühstück nur eine Tasse Kaffee, und zur Belohnung, daß sie ihn so unerwartet vor seiner Abreise noch einmal sehe, einen Kuß bekommen. Dankend empfing er beides; aber vergebens suchte er seiner Beklemmung Herr zu werden, und als er zum Abschied Natalien an sein Herz drückte, sah sie sein Auge naß werden, und er riß sich von ihr los, als solle und müsse er ihr auf immer Lebewohl sagen.
Natalie blieb wehmüthig zurück, und fühlte es lebhaft, wie lieb er ihr sey. Am dritten Tage seiner Abwesenheit kam sein Jäger auf den Hof gesprengt — Roß und Reuter dampften. — Natalien durchzuckte eine furchtbare Ahndung, und mit immer ängstlicher, immer schwerer werdenden Herzensschlägen, harrte sie seines Eintritts. Verwirrt und verstört überreichte er ihrem Vater einenBrief. Sie wagte keine Frage; aber das immer bleicher werdende Gesicht ihres Vaters mehrte noch ihre Angst.
Was ists? frug sie, als er den Brief zusammen faltete und sichtbar beängstet nach Worten suchte — sagen Sie mir gleich Alles; ich bin auf das Schrecklichste gefaßt. Todtenbleich und zitternd setzte sie hinzu: er ist gewiß sehr krank, vielleicht schon —
Nein, mein Kind, er ist auf der Jagd gestürzt, und sein, bei dem Sturz losgegangenes Gewehr hat ihn verwundet. Der Graf schreibt mir dies, um uns auf sein längeres Außenbleiben vorzubereiten.