O seine Ahndung! rief sie schmerzlich — ich beschwöre Sie, Vater, lassen Sie mich hin — gleich — den Augenblick müssen wir fort — mein Herz sagt mir’s — er stirbt, und das vielleicht schon in dieser Minute. —
Es ist auch sein Wunsch, liebes Kind, Dich zu sehen — aber wirst Du für das Mögliche dieser Zusammenkunft Kraft und Fassung haben? —
Fassung? — o Gott, ich fürchte, es wird mir nur zu viel Zeit zu Thränen bleiben! —
Der Vater begleitete sie zu ihm. Sie war auf dem ganzen Wege tief in sich gekehrt und von unnennbarem Gram gefoltert.
Wer es erfahren hat, was es heißt, einen entfernten Geliebten sterbend zu wissen — jede Stunde sekundenweise mit dem Gedanken verrinnen zu fühlen: jetzt vielleicht stirbt er! — der weiß, was Natalie während dieser Reise litt. Wer es nicht erfahren hat, faßt es nicht, daß die sterbliche Natur solche Stunden an der äußersten Gränze ihrer Kraft zu tragen vermag.
Nataliens einziger Wunsch war, ihn noch lebend anzutreffen — aber sie fand bei ihrer Ankunft nur seine Leiche. Ihr Name war sein letzter Erdenlaut gewesen. —
Gewaltsam mußte man sie am andern Tage von der geliebten Leiche fortreißen — zum letztenmal ruhte ihr Auge auf diesen, unter dem Frost des Todes, erstarrten Zügen — sie schnitt eine seiner blonden Locken ab, und wie sie diese an ihrem Herzen verbarg, ergriff sie der Gedanke: so wird dir ewig alles schwinden, was du liebst — auch Er war nur eine fliehende Erscheinung, und weil Deine Hand, Unglückliche! ihn faßte, mußte er vor ihr abfallen ins düstre Grab hinein! — so furchtbar in seinem düstern Grausen, daß sie bewußtlos niedersank.
O wie gerne hätte sie ihr Leben als Todtenopfer mit in seine Gruft gesenkt! — Sie wurde ungerecht gegen ihre bisherige schöne, ruhige Liebe,und glaubte, ihn nicht genug geliebt zu haben. Es erschien ihr daher jetzt als Pflicht, jedes Zureden der Vernunft, jeden Trost der Ergebung, von sich zu weisen, und sie gab sich, nach ihrer Zuhausekunft, ganz und ohne Rückhalt dem stummen, gewaltigen Schmerz hin, mit dem sie in Rhoden nicht allein den Geliebten, sondern auch den Mann verlor, an dessen Leben jeder edlere Plan des ihrigen gebunden war, und fand nur in der Freiheit, ihre Thränen unversiegbar strömen zu lassen, Linderung.
Ach sie wußte noch nicht, daß diese nicht bloß physisch schaden! Der Mensch schätzt die Gabe, Thränen vergießen zu können, nicht eher, bis er diesen Wundbalsam wunder Herzen entbehrt und dann von den früher vergoßnen Thränen, wie von den Thränen seiner Kinderjahre, sagen muß: ich hätte euch für einen tieferen Schmerz, für eine unvergänglichere Trauer, aufsparen sollen! — Es kommt hienieden eine Zeit, deren sparsamere Thränen nicht mehr zu Tropfen aus dem Lethe werden und wo, so wenig im Gemüth als im Gesicht, die Züge des Kummers sich wieder verwischen. Ach, für diese dunkle, finstre Zeit, wo der Mensch mit thränenlosem Auge auf die entblätterten Gefilde seiner jugendlichen Vergangenheit und in die Irrgänge einer hoffnungslosen Zukunft blickt, solltenwir unsre Thränen sparen, und in der Jugend, deren Wunden sich, wie die der Homerischen Götter, leicht und spurlos schließen, lieber einen unterdrückten Schmerz hinnehmen, als eine Thränenquelle erschöpfen! —
Natalie hatte Neigung, Vertrauen, innige, herzliche Achtung für Rhoden empfunden; sie hätte ihn wahrscheinlich glücklich gemacht und wäre glücklich geworden; aber sie täuschte sich jetzt über ihre Gefühle, indem sie die Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes für Leidenschaftlichkeit der Empfindung nahm, und sich selbst sagte: sterben mußte er, damit mein verstocktes Herz erfahre, wie es ihn liebte! — Aber wenn dem Lebenden die Fülle meiner Liebe verborgen blieb, so soll sie ihn nun in sein Grab begleiten, und mein ganzes Leben werde ein einziger, langer Trauergedanke an ihn! —
Diese gewaltsame, durch die ganze Macht ihrer Phantasie fast wissentlich verstärkte, Spannung ihres Gemüths konnte nicht dauern; die Natur kämpfte um ihre Rechte, und eine gefährliche Krankheit drohte mehrere Wochen ihrem Leben Gefahr. Die Kunst eines geschickten Arztes, ihre Jugend, und Elisens Pflege retteten sie. Sie genas; aber die Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes hatte sich an der körperlichen Ermattung dieser Krankheit gebrochen, und ihr blieb nur ein zärtliches Andenken,eine stille, wehmüthige Erinnerung an den Verlornen zurück, die, ohne jene frühere Spannung, für ihr innres Leben zum Seegen geworden seyn würde. Allein mit jenem ersten gewaltigen Schmerz verglichen, schien ihr ihre jetzige Trauer eine Kälte, die sie sich zum Vorwurf machte, und die wieder einen finstern Schatten auf ihr Leben warf.
Also auch mein Herz, sagte sie sich selbst, ist keiner Liebe fähig, und vergeblich hoffte ich von ihm eine Treue, die dem Menschen nicht gegeben ist. — O wenn je eine Liebe auf Ewigkeit ihrer Empfindungen rechnen durfte, so war es diese, die ein Verklärter, wie eine Blüthe aus jener Welt, scheidend in mein Herz senkte. — Vergessen werde ich ihn nie, werde noch lange Thränen um ihn haben, wie sie die Freundschaft, die Zärtlichkeit weint; aber jene schönere, heißere, die ganze Seele ausfüllende Liebe, mit der ich, vor dieser Krankheit, um ihn trauerte, ist dahin, und ich strecke vergeblich meine Arme nach ihr, als nach dem edelsten, köstlichsten Gefühl meines Lebens, aus! — Wie viel lieber möchte ich, daß ihre Stärke mein Herz bräche, als daß es, wie jetzt, heilt, weil sie sich ihm entfremdete.
Natalie irrte. Nicht diese für das fliehende Leben zu schmerzliche Trauer um den Verstorbenenwar es, was sie jetzt vermißte, sondern jener gefährliche und doch so verführerische Genuß, den die Leidenschaft einem kräftigen Gemüth bietet, und der uns, einmal gekostet, jedes friedlichere Glück verleidet. Sie hatte dieses Gift nun noch dazu unter der anziehenden Hülle des geistigen Schmerzes kennen gelernt. Auch trauerte sie jetzt noch um Rhoden, wie sie ihn im Leben geliebt hatte, ohne Schwärmerei, mit stiller, wahrer Empfindung. Aber die Aenderung ihres Sinnes, die Erhebung ihrer Seele, die Rückkehr zu ihren alten Tugenden, die am Sterbebette ihrer Mutter in ihr aufging, war nur begonnen, nicht vollendet, und die Verläugnung aller sanften, einfachen Gefühle, zu der sie sich früher gezwungen hatte, rächte sich nun an ihr, und sie ging — das gewöhnliche Loos des Menschen — von einem Irrthum zu dem entgegengesetzten über, ohne die in der Mitte liegende Wahrheit zu berühren. Ehmals lebte sie nur in ihrem Geiste und im fremden Beifall; jetzt hingegen, wo ihr Herz aus seiner langen Unterjochung mit jugendlicher Neuheit und Kraft der Empfindungen erstand, und seine so despotisch verkannten Rechte geltend machte, wurden ihr diese zum höchsten und einzigen Gut des Lebens.
Doch verdankte sie dem Schmerz, den sie empfunden hatte, den unverrückten Blick auf das Zielmoralischer Erhebung, das sie nie wieder aus den Augen verlor, so oft sie auch noch irre ging. Die zunehmende Kränklichkeit ihres Vaters, und die Trauer, die sie um Rhode trug, berechtigten sie, in ihrer Familie und einem kleinen Kreise geprüfter Freunde, sehr einsam zu leben. Rhode hatte sie in seinem Testament zur Besitzerin von seinem Gute ernannt, und sie fühlte die Verpflichtung, ihm, durch den Wohlstand und die sittliche Cultur ihrer neuen Unterthanen, ein seiner würdiges Monument zu setzen. Da sie jetzt, in ihrem zwey und zwanzigsten Jahr, für mündig erklärt wurde, hatte sie auch mit keinem Hinderniß, bei der Ausführung ihrer wohlthätigen Pläne, zu kämpfen.
August wurde nunmehr, nach geendigten Universitätsjahren, von seinem Bruder erwartet, um mit ihm den Plan zu seinem künftigen Leben zu verabreden. Natalie forderte ihm jetzt, mit festem Hinblick auf ihren für Elisens Glück entworfenen Plan, das Versprechen ab, daß er diese, seine Liebe so wenig errathen als ahnden lassen wolle.
„Elisens Ruhe“ schrieb sie ihm, „ist ein heiliges, mir anvertrautes, Gut, von dem ich meiner seeligen Mutter und meinem eignen Herzen die strengste Rechenschaft schuldig bin. Ich wünsche Sie beide mit einander vereinigt zu sehen: aber Sie, lieber August, sind noch weit von demZeitpunkt entfernt, wo Sie ihr Ihre Hand werden bieten können. Ihre Kenntnisse, Ihre Talente sollen Ihnen erst den Weg zu einem Amte bahnen; wir sind berechtigt, das Beste hoffen zu dürfen; aber dem ungewissen Erfolg dieser Hoffnung dürfen Sie und ich die Ruhe meiner Schwester nicht Preis geben. Sie werden sie nach erfolgtem Geständniß verlassen, um in die Schranken zu treten und um den Preis zu ringen. Diese Thätigkeit sichert die Gesundheit Ihres innern Lebens — nicht so bei Elisen, in der Stille ihrer Existenz. Die Empfindung, die für Sie eine Schule der schönen Menschlichkeit seyn würde, deren Blüthe, von der Liebe ungepflegt, so leicht in der Seele des Mannes verdorrt, würde für Elisen zur verzehrenden Flamme werden. Aber auch um Ihrer selbst willen fordre ich dies Opfer. Herrschaft der Vernunft, bei Reichthum des Herzens, Licht mit Wärme gepaart, kann allein meine Achtung für Sie so erhöhen, daß ich mit froher Zuversicht Elisens Schicksal in Ihre Hände lege.“
August kam, und fand sein Ideal von der liebenswürdigsten Wirklichkeit übertroffen. Die Zärtlichkeit, mit der Elise an Natalien hieng, ließ ihn fühlen, welche Rechte einst die Liebe auf dies sanfte, gefühlvolle, Herz haben würde. Strengehielt er sein Natalien gegebnes Wort: aber ihm unbewußt, und von Elisen nicht verstanden, sprach seine Liebe zu ihr aus seines Lebens leisester Bewegung, Nataliens Freundschaft und die ausgezeichnete, achtungsvolle Traulichkeit, mit der sie den jungen Mann empfing, wurden für Elisen leise Schicksalswinke. Der Mann, dem ihre Natalie so wohlwollte, konnte von ihr nicht unbeachtet bleiben, er erschien ihr bald als der liebenswürdigste ihrer Bekanntschaft, und sein Umgang wurde ihre süßeste Freude. Allein die jungfräuliche Schüchternheit ihrer Empfindungen verhinderte sie, den Eindruck, den er auf sie machte, zu beachten, sich damit zu beschäftigen, und ihn so durch die Gewalt ihrer eignen Phantasie zu verstärken, wie dies gewöhnlich das Geschäft einer romantisirten Einbildungskraft ist.
Natalie war im Stillen für das Glück der beiden Liebenden thätig. Ihr Vermögen erlaubte ihr, für die fernere Ausbildung des jungen Mannes zu sorgen, und seinen seit lange genährten Wunsch, vor dem Eintritt ins bürgerliche Leben, eine Reise durch Deutschland und England machen zu können, zu verwirklichen. Er sollte, nach ihrem Plan, noch zwei Jahre abwesend seyn; nach seiner Rückkehr in einen angemeßnen Wirkungskreis treten,und die Hand der dann achtzehnjährigen Elise erhalten.
Am Morgen seiner Abreise, als er Natalien gerührt den Schmerz dieser Trennung aussprach, gab sie ihm das Gemälde ihrer Schwester und das bestimmte Versprechen, ihre Hand für ihn aufzuheben, und sein Andenken in ihrem Herzen zu pflegen. Er hatte noch überdem den Trost, Elisen bei seinem Abschied tief bewegt zu sehen. Die Innigkeit, mit der Natalie von ihm schied, schien ihrer Schwester Rechtfertigung für die Thräne, die ihr Auge verdunkelte, als er zum Abschied ihre Hand küßte, und sie wünschte ihm so herzlich, so innig, daß er froh und wohl bleiben und bald wiederkommen möge, daß Augusts Festigkeit fast an dieser süßen, verführerischen, Herzlichkeit gescheitert wäre. Natalie beobachtete ihre Schwester, in den Stunden die seiner Abreise folgten, genau; sie fand sie den ganzen Tag träumerisch, und erröthend, wenn man sie aus diesen wehmüthigen Träumen aufrief; aber sie verstand die Kunst, unbemerkt ihre Geschäfte zu verdoppeln und ihre Empfindungen so sanft auf andre Gegenstände hinüber zu leiten, daß Elise mit den Erscheinungen ihres eignen Herzens unbefreundet, und frei von der Unruhe der Liebe blieb. Ihr Andenken an August war heiter und süß; ihreSehnsucht nach ihm ruhig, und so blieb der schöne Friede ihres Gemüths ungestört.
Natalie ward in dem Zusammenleben mit ihr von Tag zu Tag friedlicher und liebevoller, aber eben diese Stille ihres Wesens machte es ihr fühlbar, wie viel sie noch vom Leben zu fordern habe. Sie versank nicht wieder in Unmuth und Verzweifelung; doch eine geheime, hoffnungslose, und doch so innig sehnsüchtige Wehmuth, vor der die Gesundheit der Seele, der Friede des Herzens, schwanden, ergriff sie; sie bebte, von neuem irre zu gehen, und suchte ernstlich einem Ausweg aus dem Labyrinth ihrer innern Verworrenheit. Sie wollte gerettet seyn, wie sie vor dem Tode ihrer Mutter zu Grunde gerichtet seyn wollte — doch vergeblich forschte sie nach einer Hoffnung, auf die sie liebend und vertrauend das Glück ihres Lebens gründen könne. Die Klippe, an der die Ruhe, der Werth, der edelsten weiblichen Naturen so oft scheitert und sie zum Spielwerk deren macht, die ihnen nie hätten nahen dürfen, ist diese nie erstorbene Sehnsucht nach Liebe, im reinsten, edelsten Sinn des Wortes, die im Busen des Weibes wohnt. Der Mann hat, ohne das Weib, im Leben die feste Haltung voraus — ohne Grazie, ohne Schönheit, doch edel, fest und groß, geht er, der Starke, auch einsam durch das Leben — aber was ist ein Weibohne Liebe? — ein Räthsel, das nur sie zu entwirren, ein Wesen, das nur sie zu erklären und zu verklären vermag. — Welches Weib bliebe auf der Höhe eines Standpunktes, wo es das ruhige Bespiegeln in der Liebe des Mannes, das Einswerden zweier Naturen in Liebe und durch Liebe, zu entbehren vermöchte, nochWeib? Und ohne diese tiefere mystische Einswerdung zweier Seelen, wird kein weibliches Wesen je erfahren, wozu es gebildet und entfaltet werden kann. Liebe in diesem Sinn, bleibt der höchste Gewinn für das innre geistige Leben des Weibes, den die Erde zu bieten vermag, und dies Höchste, Schönste und Freieste im Leben, lag nur als dunkle Ahndung in Nataliens, vergeblich nach Licht und Harmonie strebender, Seele.
Ihr jetziges Leben war auf Resignation und Entbehrung gegründet, und glich so wenig der geistigen Gesundheit, wie der Zustand eines durch Arzenei erhaltenen Kranken der körperlichen.
Ach, durch die ganze Schöpfung floß ein Quell, aus dem die Natur jedem empfindenden Wesen Tropfen zutheilte; sollte sie allein auf immer von ihm verwiesen seyn? — Sie gieng zu allen andern Quellen zurück, aus denen ihr nach der Ansicht der Menge, Glück fließen konnte — aber ihre ganze Seele sträubte sich jetzt gegen den armseeligenGenuß von Schimmer und Glanz — und wenn eine Welt bewundernd zu ihren Füßen gelegen hätte, so hätte diese Huldigung die Sehnsucht ihres Herzens auch nicht auf eine Minute nur zu betäuben vermocht. Auf der einen Seite sah sie, im Leben, jene Geistigkeit ohne Glauben, ohne Liebe, welche sie einst irre geführt hatte, und auf der andern, die Beschränkung einer unbefangnen Kindlichkeit und einer zufriedenen Einfalt, der sie nun einmal entwachsen war. — Aber aus der Mitte dieser Extreme, deren Bild ihre Vergangenheit ihr bot, strahlte ein heller unvergeßlicher Zeitpunkt ihres Lebens hervor — ach, wenn die Liebe schon als Schmerz um einen Todten die schönste, göttlichste Erscheinung ihres Lebens war, was konnte, was mußte sie ihr dann nicht werden, wann sie lebend der Lebenden begegnete? — Sie erkannte es jetzt, daß sie Rudolf nie geliebt hatte, daß nur innige, zärtliche Freundschaft sie an Rhode band, und fühlte es in der Einsamkeit und Stille ihres jetzigen Lebens tiefer und tiefer, daß nur Liebe ihr Herz zu heiligen, und sie zur Einigkeit mit sich selbst, zum Frieden mit der äußern Welt, zurückzuführen vermöge.
Sie hörte sich von Allen, die sie umgaben, geliebt nennen, allein man nahte sich ihr nur mit Anerkennung ihrer Ueberlegenheit, und raubte dadurchdieser Annäherung den schönsten Reiz für Nataliens Herz, das ja unter der fremden Bewunderung früher schmerzlich erkältet war, bis ihre heißen Thränen es wieder aufthauten. — Sie that Vielen wohl — sie half in der Nähe, wie in der Ferne, und jeder Unglückliche, jeder Bittende konnte bei ihr auf Theilnahme und Gewährung rechnen; die Wohlthätigkeit vermag aber nur das Glück eines befriedigten Herzens zu erhöhen; nie wird sie die Sehnsucht eines unbefriedigten anders als augenblicklich zu beschwichtigen vermögen. Man muß die Menschen, denen man wohlthut, lieben und achten, um sich in der Sorge für sie glücklich fühlen zu können, und das that Natalie nicht. Wer in den Kreis fremder Bedürfnisse tritt, wird den Menschen fast immer klein finden, und wer Vielen Gutes thut, wird selten Achtung vor den Menschen bewahren, weil er jedes höhere Bedürfniß von dem Mangel des niedern so erstickt findet, daß er fast an dem Daseyn desselben zum Zweifler werden muß.
Augusts und Elisens Liebe trat jetzt mit dem Zauber der schönsten Wirklichkeit vor sie hin und schmerzlich ergriff sie das Gefühl, was das Leben ihr hätte gewähren können, wenn sie nicht, um seinen schönsten Gehalt betrogen, denselben zu früh verloren gegeben hätte. — Jetzt hatte sie keineHoffnung mehr, den seeligsten Göttertraum des Lebens hienieden zu träumen. — Sie konnte noch lieben — aber konnte sie noch geliebt werden? —
Das üble Befinden ihres Vaters und ihre eigne Kränklichkeit vermehrten sich mit dem Frühling, und der Arzt verordnete beiden den Gebrauch des Doberaner Seebades. Natalie trat diese Reise mit einer ihr durchaus räthselhaften, freudigen Bangigkeit an, die ihr oft als Ahndung erschien.
Ihr Vater fand in Doberan zufällig mehrere alte Bekannte, und gleich in den ersten Tagen wurden sie in einen Zirkel von Menschen und Vergnügungen gezogen, der sich täglich erweiterte. Nataliens Reiz, ihr Geist, und der Ruf ihres ansehnlichen Vermögens erwarben ihr vielen Beifall, und sie sah sich bald von einem Männerschwarm umgeben, unter dem sie vergebens nach einem antwortenden Laut auf die Stimme ihrer Seele umher horchte, — so ward sie von Tag zu Tag stiller und wehmüthiger.
Nirgends überrascht den Einsamen das Gefühl seines Einsamseyns so schmerzlich, als wenn er fremd unter eine große Menschenmenge tritt, mit der er nur zufällig eine kurze Zeit fortgleitet, wie der einzelne Tropfen mit der rauschenden, brausenden, Wasserwoge! Es ist für Seelen und Herzen immer schwer, sich in der Ueberhüllung irrdischerVerhältnisse und Körper auszufinden; in der lauten geräuschvollen Menge aber verstummt auch der leiseste Laut der Sympathie, der Liebe und der Sehnsucht.
Natalie sah hier nur das eitle Spiel eines eitlen Lebens noch eitler erneuert, und ihr Widerwille, es ferner mitzumachen, ward noch entschiedner und fester. Auch Elise trat hier zum Erstenmal auf die Scene der täuschenden Operauftritte, die man große Welt nennt. Oft wurden sie ihr langweilig; allein der kindliche Frohsinn, die unbefangene Unschuld ihres Sinnes, wurden ihr zum Schutz gegen alle schädliche Eindrücke. Wie ein Spiel glitt ihr das Getümmel vorüber, und machte ihr die Einkehr in sich selbst und die einsamen Stunden, die sie mit ihrer Natalie lebte, nur noch lieber.
Die schönen Gegenden des freundlichen Doberans, die beide Schwestern eben so eifrig aufsuchten, als sie in der Regel von den Badegästen vernachlässigt werden: der ihnen neue Anblick des Meers, der nie den Geist ermüdet, nie die Phantasie leer läßt, und die, zuweilen geist- wenn auch nicht seelenvollen, kleineren Zirkel, die sich aus dem Größeren gesondert, zusammenfinden, verlieblichten ihren Aufenthalt, und Nataliens Wangen fingen wieder an, sich im Glanz der Gesundheit zu röthenwährend ihr Herz mehr und mehr einem warmen Boden gleich wurde, angefüllt mit den Keimen der innigsten, seelenvollsten Liebe, die nur auf die Sonnenstralen einer fremden edlen Liebe warteten, um ihre Blüthen zu entwickeln.
Unter den gemachten Bekanntschaften zeichnete Nataliens innigste Hochachtung den edlen Domherrn von R...w aus, der, so unermüdet, ein ganzes, reiches Leben durch, Gutes wollte, Gutes wirkte und für Deutschlands niedre Stände der Schöpfer und Verbreiter einer neuen, besseren Lehrmethode ward. Seine, fast schon vergessenen und vernachlässigten Schriften enthalten einen so großen Reichthum populärer Wissenschaft und Moral, daß man sie eine Encyklopädie beider für den Landmann nennen könnte. Natalie traf mit ihm in dieser Sorge und Liebe für die Bildung desselben wenigstens in ihrem Streben zusammen, ihren Guts-Unterthanen das Glück eines guten Schulunterrichts zu verschaffen. Sie hatte schon im Frühling dieses Jahres ein geräumiges bequemes, Schulhaus erbauen und einen Garten anlegen lassen, und war jetzt nur besorgt, einen geschickten Schullehrer zu finden, der ihre Unterthanen für Wohlstand, und die Freiheit, die sie ihnen zu schenken Willens war, empfänglich bilde. Ihre Unterhaltungen mit dem edlenGreise lenkten sie häufig auf diesen Gegenstand hin, und erhellten ihre Ansichten im Spiegel seiner reifen Erfahrung zu höherer Lebensklugheit. Er erbot sich, einen jungen Mann, der seit einiger Zeit in seinem Hause lebe, und dessen Charakter und Kenntnisse er ihr mit Wärme rühmte, zur Annahme der Schullehrerstelle bei ihr zu bereden, da er sich für dies Fach gebildet habe, und die Anstellung in einer, von seinem bisherigen Aufenthalt entfernten, Gegend wünsche. Auch schrieb er, noch von Doberan aus, an ihn, und konnte Natalien schon vor ihrer Abreise der Einwilligung des jungen Mannes, dem sie ihrer würdige Bedingungen gemacht hatte, versichern.
Das Schicksal hatte dieser aber noch eine Bekanntschaft aufgespart, die ihr zu der höchsten Freude auch den tiefsten Schmerz ihres Lebens bereitete, und die sie bis zur letzten Minute ihres Lebens, als die wohlthätigste Erscheinung ihres Daseyns segnete. —
Schon in den ersten Tagen ihres Aufenthalts in Doberan fiel Natalien, unter der Menge der anwesenden Fremden, ein junger, ausgezeichnet groß und edelgestalteter Mann auf, den sie an der Seite eines reizenden, lieblichen weiblichen Wesens, voll herzgewinnender Anmuth, oft unten am Bade, oder in den einsamern Spaziergängen, aber nie indem größern Gewühl sah. Nach mancher vergeblichen Frage erfuhr sie, es sey ein Maler Willot aus Dresden, mit seiner Gattin und lebhaft fühlte sie sich zu dem Wunsch, ihre Bekanntschaft zu machen, hingezogen, allein die Gelegenheit dazu wollte sich in den ersten Tagen nicht finden, und der tägliche Wechsel von neuen Gesichtern und hinzukommenden Fremden drängte später das interessante Paar in Nataliens Erinnerung zurück, und ihre gegenseitige Bekanntschaft schränkte sich auf den stillen Antheil ein, mit dem sich ihre Blicke zuweilen begegneten, oder im Vorübergehen durch einen bedeutenderen Gruß sich auszeichneten. Jetzt war die Zeit von Nataliens Aufenthalt bis auf einige Tage verstrichen, von denen sie den schönsten zum Besuch des Gutes D. wählte, dessen Lage und Aussichten man ihr gerühmt hatte.
Sie fuhr allein mit Elisen hin und rechnete auf einen einsamen Tag, da D. fast nie von den Doberaner Badegästen besucht wird, allein der Zufall führte hier heut mehrere Menschen zusammen, die alle einzeln gekommen, und sich bis jetzt in dem großen Gewühl fremd geblieben waren. So einzeln und getrennt durchstrich man auch jetzt die schöne Gegend, bis ein Platzregen alle in dem kleinen Stübchen des nächsten Bauernhauses versammelte, dessen Bewohner ihren Gästen wenigzur Bewirthung anzubieten hatten. Die mehrsten derselben hatten indessen kalte Küche und Getränk bei sich — man trug das zusammen — die Männer schlugen einige Bänke auf, da es an Sitzen fehlte — die Frauen ordneten den Tisch — man kam sich während dieser Beschäftigungen im heitern Scherz näher, wurde bekannt, und nun zusammen sehr froh und munter.
Natalie traf zu ihrer Freude Willot und seine Gattin unter den Anwesenden, und fand sich mit ihm und diesem einfachen, lieblichen Wesen so leicht schnell zusammen, daß man ihnen allen, bei den ersten Worten, die Freude ansah, sich endlich zu begegnen.
Willot war ein sehr gebildeter Mensch; aber es war nicht die flache Geistigkeit der Welt- und Hofbildung, was Natalie fand, sondern die Fülle eines reichen, poetischen Lebens, das auch in seiner Höhe noch zeigte, wie hold befreundet es mit der Erde sey, an die es befestigt war, um sich desto sicherer groß und frei in die Unendlichkeit hinein gestalten zu können. Holder Ernst und schöne Begeisterung bezeichneten seinen Sinn, dessen äußere Darstellung ein reiner Spiegel des Innern war.
Natalie vermochte, diesen Karakter zu fassen und sich innig mit ihm zu befreunden. — Wassie aber mit dem lebendigsten Antheil an ihm auffaßte, war sein Verhältniß zu seiner Gattin, das bisher, ohne Vorbild in der Wirklichkeit nur als schönes Ideal in ihrer Seele heiligster Tiefe geschlummert hatte. Er so kühn, so frei, so fest, so bestimmt — sie so weich, so zart, so kindlich, fast ehrerbietig, gegen ihn, und doch so voll herzlicher, vertrauungsvoller Zärtlichkeit sich dem geehrten Mann anschmiegend, der sich nicht zu ihr hinunterließ, sie nicht zu sich hinaufheben wollte, sondern, so wie sie war, in ihr sein höchstes Glück, seine süßeste Freude, sein Theuerstes auf Erden, liebte.
Natalien wurde in ihrer Mitte, als wenn sie nach langem, langem Umherirren in der Fremde, endlich die geliebte Heimath wieder vor sich dämmern sähe, und sie erschien ihnen gegenüber, unwillkührlich stiller und einfacher, als sie seit Jahren gewesen war. Der schöne Geist ihrer frommen Jugend kehrte ihr segnend zurück, und beglückte durch seine Rückkehr eine reinere, festere Seele, als er einst durch sein Scheiden betrübte. Sie war unbeschreiblich sanft und wohlthätig bewegt, und ihr sonst so stolzer Geist beugte sich voll ehrfurchtsvoller Demuth vor Mariens anspruchlosen Werth, deren Herz sich liebend dem ihren entgegen neigte, und der man so hell die Freude ansah,ihren Karl einem Wesen gegenüber zu sehen, dem er so gerührt und begeistert von seinen theuersten Gefühlen und Ideen sprach. Sie mischte sich mit Elisen unter die übrige Gesellschaft und ließ ihren Gatten und Natalien, im ernsten Gespräch vertieft, am fernsten Fenster zurück. Doch liebend kehrte sie oft, mit ihren hellen, klaren Blicken, zu ihnen zurück, oder trat schweigend einen Augenblick zu ihnen, ihre Hand zu drücken.
Willot war einer der Glücklichen, dem das Schicksal schon in früher Jugend einen großen Menschen für sein Herz, und einen geliebten schönen Zweck für sein Leben geschenkt hatte, und der, von diesen Schutzgeistern geleitet, die Bürgschaft ewiger Jugend in sich trug. Die Begeisterung für seine Kunst, die er Natalien zeigen durfte, weil sie sie mit ihm theilte, entriß, in seinem Gespräch mit ihr, seiner Feuerseele den Schleier, und er zeigte ihr den Himmelstempel und den Altar, den er darin für seinen Freund, Moritz Voluda, errichtet hatte.
O wie wurde sie erschüttert — erweicht — aufgeregt zu Flammen edler Begeisterung, als er ihren alten himmlischen Traum von Freundschaft ihr lebendig verwirklicht vorführte, und sie die Flügel ihrer entflohenen Ideale wieder rauschen, ihre Götterbilder die Hülle von sich werfen, undin ewig frischer Jugend und Schönheit in ihr Herz wieder einziehen fühlte! — So hatte sie noch nie jemand geehrt, als, nach dieser Stunde, den edlen Menschen, den ihr Willot in großen festen Umrissen zeichnete, wie er, in seiner höhern Reinheit, in seinem edlern Ernst, seiner erhabenen Festigkeit und der göttlichen Milde des liebevollsten aller Herzen, mit ihm, als der ewige Bruder seiner Seele, durch ein Leben gehe, das beiden geheiligt ward durch diese Freundschaft.
Voluda hatte das Leben in seiner höchsten Lust, in seinem höchsten Schmerz, kennen gelernt; aber eben aus dem tiefen Leid dieses Wechsels war ihm eine Harmonie beider geworden, die ihm jetzt das Leben frei, den Tod schön machte. Eine höhere Tugend, als gewöhnliche Menschen zu fassen vermögen, gab ihm für alle Erscheinungen der Zeit unerschütterlichen Muth, unerschütterlichen Glauben. Seine Seele voll unendlicher Liebe ordnete alle, durch den Geist getrennte, Theile des Irrdischen, wieder zu einem Ganzen, für das sein Herz die Freudigkeit des Wirkens, Hoffens und Glaubens bewahrte, und nie genoß ein Mann einer schönern Einheit des innern und äußern Lebens, als Er. Jahrelang hatte er mit einer Liebe, wie sie nur ein so großes energisches Gemüth zu empfinden vermag, an einem schönen, holden Mädchengehangen, dem ein seltnes Schicksal eine seltene Bildung gab, welche sie in einer oft verkannten Originalität von ihrem Geschlecht absonderte und sie auf einen Standpunkte stellte, der sie vielen unfreundlichen Blicken preisgab. Seine Treue, seine Festigkeit, seine Liebe, besiegten alle Hindernisse; sie ward endlich sein Weib, machte glücklich, war glücklich — und jetzt stand er an ihrer Bahre, und neben ihm wimmerte sein Erstgeborner, dem sie mit ihrem Tode Leben erkaufte. —
Und in diesen Stunden des allerheiligsten Schmerzes sah ihn Natalie jetzt, und die Worte, mit denen die Seele des Freundes ihn ihr darin schilderten, gewannen sie Voluda’n auf ewig. Ihrer Rührung, und der nie empfundene Erweichung ihres Herzens, nicht länger mächtig, reichte sie Willot schweigend die Hand, und entwich in den Garten. Hier sank sie, mit Thränen, die die Schuld einer trüben Vergangenheit von dem wunden Herzen, der beklemmten Seele, nahmen, und strömten, als ob sie nie wieder versiegen könnten, nieder, und dankte Gott — inniger hat ihm nie ein sterbliches Wesen gedankt — daß er sie gerettet habe — sie geschützt habe, im reichen Leben zu verschmachten, wie der Schiffer auf der weiten Wasserfläche oft durstend verschmachtet. Was sie empfand, vermochte sie sich selbst nicht zudeuten. Sie fühlte aber in sich das Erblühen eines neuen Lebens, und flehte zu Gott, sie für dasselbe zu heiligen und dann verstummte sie, und nur ihre Thränen waren noch Gebet.
Wiedergeboren, getauft mit seinem Geist, seiner Liebe, kam sie, wie verklärt, zur Gesellschaft zurück. Und wenn sein Name nie wieder vor ihr genannt worden, kein Laut von ihm je zu ihr gedrungen wäre: sie wäre doch sein geblieben auf ewig. —
O, da es eine Liebe giebt, die zu ihrem Daseyn nichts bedarf, als das Bild des Geliebten, die ohne Hoffnung, ohne Wunsch, in seeliger Stille, nichts fordert, als dies Erkennen fremder Trefflichkeit: so laßt uns nicht zweifeln, daß wir, Pilgrimme hinieden, das Bürgerrecht in einer schöneren Welt besitzen. —
Natalie nahm, bei der Rückreise, Willot und Marien mit in ihren Wagen, und sie gewannen sich gegenseitig immer lieber. Willot, der das Gute und Schöne, wo es ihm erschien, enthusiastisch und im Colorit einer dichterischen Phantasie auffaßte, und dem sein edler Freund unvergänglichen Glauben an die Würde der menschlichen Natur gegeben hatte, besaß das himmlische Vermögen, einem Menschen, ungestört vom leisesten Zweifel der Erfahrung oder des Mißtrauns, unbedingt vertrauen zu können. Er gab sich hin, ehe noch Zeit und Prüfung die Ahndung des fremden Wertheszur Einsicht erhoben hatten, und Natalie war dieses Vertrauens, das sie ihm gegenüber wieder fand, werth. Unzertrennlich für die wenigen noch übrigen Tage ihres Aufenthalts, fanden sie sich mehr und mehr in gleichen Ansichten, Ideen und Empfindungen zusammen. Dann schieden sie — wehmüthig, aber ohne Schmerz, da jeder in seinem eignen Herzen die Bürgschaft trug, von dem andern unvergessen zu bleiben.
Ihr Vater, der seine täglich zunehmende Schwäche fühlte, und kaum den Frühling zu erleben hoffen durfte, wünschte seine Vermögensumstände in Ordnung zu bringen. Sein Gut fiel, nach seinem Tode, an einige ihm fast ganz fremde Lehnsvettern, mit denen er mündlich Abrede zu nehmen wünschte, um seine Töchter in der Zukunft gegen die habsüchtige Einmischung der übelberüchtigten Advokaten seines Vaterlandes zu schützen. Er machte daher auf der Rückreise von Doberan einen Umweg über Lübeck, den Wohnort seiner Lehnsvettern, und fand in ihnen ein paar sehr brave, gescheute Männer, die ihn mit zuvorkommender Artigkeit aufnahmen, und alles aufboten, ihm und seinen Töchtern den Aufenthalt bei ihnen angenehm zu machen. Man hatte Sinn genug, dies nicht durch das Zusammenbitten einer großen, steifen Gesellschaft, sondern durch kleinevon Traulichkeit und Scherz beseelte, Zirkel erreichen zu wollen. Die schöne Jahreszeit begünstigte die Streifereien in die umliegende Gegend, die Natalie sichtlich jedem andern Vergnügen vorzog, und Musik und Tanz beschlossen gewöhnlich den Abend. Nataliens Gesang trug nicht wenig zur Verschönerung dieser Abende bei, und man bewunderte die Reinheit und den seltnen Umfang ihrer Stimme eben so sehr, als die Fertigkeit und Sicherheit, mit der sie schwere, ihr ganz fremde, Sachen vortrug.
Den Abend vor ihrer Abreise brachten sie in dem Garten des einen Vetters zu, der allen seinen Bekannten zu jeder Tageszeit offen stand. Auch heute waren mehrere, nicht zur geschlossenen Gesellschaft gehörende, Personen darin; diese versammelten sich gegen Abend in dem Gartensaal, wo Julie, die Tochter des Hauses, Natalie, Elise, und mehrere der anwesenden jungen Mädchen sich in Gesang und Spiel der Guitarre und des Pianofortes ablöseten. Ein, aus der Stadt nachkommender, Bedienter, brachte die eben mit der Post angekommenen Briefe, und unter diesen ein Packet schöner neuer Musikalien für Julien mit. Neugierig eröffnete man es gleich, fand aber leider lauter Duetts, die, Natalien ausgenommen, keiner von der Gesellschaft sich getrauen durfte, vom Blatte weg vorzutragen. A...., Juliens Verlobter, dersehr angenehm sang, und dadurch wahrscheinlich die Wahl dieser Singstücke veranlaßt hatte, nahm die Stimme, aber schon nach ersten Blick darauf legte er sie nieder, und erklärte die Unmöglichkeit, sie uneingeübt singen zu können. Natalie hatte während dieser Zeit die ihrigen nachgesehen und das Accompagnement durchgespielt. Es wehte ihr aus diesen Compositionen eine so liebliche Melodie, eine so reiche Harmonie, entgegen, daß sie den Wunsch lebhaft äußerte, es möge sich jemand finden, der die zweite Stimme singen wolle und könne — doch vergeblich! —
Wenn ich nicht irre, sagte Julie endlich mit muthwilligem Ton zu ihrem Freunde, so habe ich vorhin am Bassin Ihren Weiberhasser wandeln gesehen, dessen Gesang Sie mir so oft gerühmt haben — wie wäre es, wenn Sie den Versuch machten, ihn herzuführen, und zu sehen, ob er Muth genug hat, einem halben Dutzend Mädchen unter die Augen zu treten?
Ich will mein Glück versuchen, antwortete der junge Mann lächelnd, und hoffe das Beste; denn wahrlich, Cousinchen,weiberscheuist er nicht.
Natalie fragte Julien, von wem die Rede sey? — So recht weiß ich es selbst nicht, es ist ein Jugendfreund A...s, der sich seit einigen Tagenhier aufhält, und, nach allem was ich von ihm gehört habe, ein sehr genialischer Mensch, den der empörende Unwerth einer von ihm vergötterten Frau zum entschiedendsten Weiberhasser gemacht hat. Doch wahrlich, da kommt er mit A.... gegangen — nur einen Blick, liebe Natalie, — welch interessantes Gesicht! — wer sollte glauben, daß dieser blühende, jugendliche Mann so bitter mit unserm Geschlecht zerfallen ist! —
Natalie sah auf, und ihr Auge traf auf ein dunkles, leidenschaftlich glühendes Augenpaar, das seinen Blick, wie überrascht, von ihr wegsenkte, und es dann nicht der Mühe werth zu finden schien, die übrige Gesellschaft auch nur mit einem Blick zu überfliegen. A.... stellte ihn seiner Braut vor, die er mit einigen artigen, aber im gleichgültigsten Ton gesetzten, Worten begrüßte. Da es in die Augen fiel, daß man eben musizirt hatte, wandte sich das Gespräch schnell darauf, und alle vereinigten sich zu der Bitte an den Fremden, das eine wunderschöne Duett zu singen, das keiner aus der Gesellschaft sich vorzutragen getraue. Natalie allein saß stumm und von der Gesellschaft abgewandt am Flügel, und ihr feines, geübtes Ohr unterschied in den Antworten und in der Weigerung des Fremden, der nun erst erfuhr, warum er hierher gelockt worden war, seinen beleidigten Stolz,und einen Ton, dessen Modulation den Mangel feiner gesellschaftlicher Bildung verrieth; so wie die Wahl seiner Ausdrücke, dagegen auf Geist und Lektüre deutete. Selbst die Nachlässigkeit seines Benehmens gegen die bittenden Mädchen wäre durch einen geübtern Takt für das gesellige Verhältniß der höhern Stände gemildert und verkleidet worden. Doch eben dieser sonderbare Contrast der Sprache und des Benehmens zog sie an, und sie fühlte unmuthig, daß mehr Gewandtheit, als der Fremde besitze, dazu gehöre, um nach so langem Widerstand mit Anstand nachzugeben, und sie wünschte doch so sehr, ihn singen zu hören. Schnell riß sie alle Züge des Flügels auf — ein rauschendes Allegro störte die Musik, und mit unnachahmlichem Blick und Ton, mit unwiderstehlicher Grazie und der seltsamsten Mischung von Bitte, Befehl und Frage wandte sie sich nach ihm um: — Sie singen!
Sichtbar betroffen trat er ihr mit einer stummen, bejahenden Verbeugung näher. Daß er mit ihr, deren Blick ihn bei seinem Eintritt so milde entgegen strahlte, singen sollte, hatte er ja noch nicht gewußt. Mit dankendem, ausdrucksvollem Blicke gab sie ihm nun seine Stimme — er durchlief sie und senkte sein Auge zweifelnd zu ihr herab — aber sie sah ja so freundlich aufmunternd zu ihm hinauf — sie verständigte sich so hold mitihm über einige der schwersten Passagen — sonderbar, daß er gar keine Worte finden konnte, mit ihr zu reden — er fürchtete, dies könne ihr als Unart erscheinen — als ob in irgend einer Sprache etwas Ausdrucksvolleres gesagt werden könnte, als für Natalien in diesem, stummen Gehorsam, dieser beklommenen Befangenheit lag! — Oft hatte sie beim ersten Anblick gefallen — und welchem Weibe entgeht dieser Eindruck? — aber die, denen sie gefiel, wußten immer eben so schnell, und oft noch früher als sie, um diesen Eindruck, und suchten dann sehr angelegentlich, sie auch damit bekannt zu machen. Hier aber stand sie, wie sie fühlte, einem Gemüth gegenüber, das sich selbst in dem empfangenen Eindruck nicht verstand, und die Neuheit dieser Erscheinung verdoppelte das Interesse, das die Beiwörter, unglücklich, genialisch, — diese wahren Talismane für Weiber, in ihr geweckt hatten.
Sie sang — mit so seelenvollem, dem innersten Herzen sich entreißendem Ausdruck hatte sie nie gesungen — und sie fühlte in seinem Gesang, wie sie ihn allmählig mit sich fortriß, er alle Umgebungen vergaß, und sich von diesen Tönen zu irgend einem goldnen, geheimnißvollen Feenlande fortziehen ließ. — Jetzt endete sie; sie stand auf, dankte ihm mit einer Verbeugung, und ließ ihn,wie träumend, am Instrumente zurück. Noch immer hörte er sie in Syrenentönen singen:
All’ eccesso del contentoSento il core in tale istanteAnelantePalpitar.
All’ eccesso del contentoSento il core in tale istanteAnelantePalpitar.
All’ eccesso del contentoSento il core in tale istanteAnelantePalpitar.
All’ eccesso del contento
Sento il core in tale istante
Anelante
Palpitar.
Der schöne Abend lockte die Gesellschaft wieder in den Garten zurück. Man vertheilte sich paarweise, und Natalie blieb, nicht ganz unvorsätzlich, mit dem Fremden, der sich wieder zu ihr gefunden hatte, allein. Niemand verstand besser als sie, die Kunst, den mit äußrer Rohheit kämpfenden Geist im Gespräch von seinen Fesseln zu entbinden, und ihn zur klaren, selbstgenügenden, Ansicht seiner selbst zu führen. Mit der Sicherheit und der Unbefangenheit, die ihr ihre höhere Bildung in diesem Gespräch geben mußte, gieng sie in die Ideen ihres Gesellschafters ein, und leitete ihn, seine Gedanken mit einer Klarheit auszusprechen, die ihm als eigenes Verdienst erschien. Der gewaltige Eindruck, den sie auf den jungen Mann machte, entging ihr nicht; allein Voluda’s Bild, das heilig in ihrem Herzen ruhete, und keinen Götzen darin neben sich duldete, schützte sie vor der Unwürdigkeit, mit diesem Eindruck spielen zu wollen, und sie wünschte, dem jungen Manne, indem Andenken dieses zufälligen Zusammentreffens, einen Keim zu hinterlassen, aus dem sich früher oder später, von freundlichen Händen gepflegt, der Glaube an Weibertugend und Weibergüte leichter zu entwickeln vermöge. Sie fühlte, daß es Gleichheit des Schicksals war, was sie zu ihm zog; getäuscht, hintergangen, um ihre Hoffnungen, um Liebe, Glaube, Glück betrogen, wie er, sah sie, wie in einem finstern Spiegel, ihre Vergangenheit, die ihr nicht bloß Schmerzen, auch Flecken, gegeben hatte, in der unharmonischen Leidenschaftlichkeit dieses Mannes, die früher wahrscheinlich auch nur gehaltvolle Sentimentalität war.
In den gewöhnlichen Irrthum leidenschaftlicher Menschen versunken, hielt sich der Fremde selbst für einen ausgebrannten Vulkan, und glaubte, ein Leben ohne Huld und Freude, wie das menschliche, könne nur durch den entschiedensten Stoicismus gewürdigt werden. Er zertrat daher und verachtete alle Freude, und der Schmerz schien ihm auch nur da zu seyn, um durch Gefühllosigkeit besiegt werden zu sollen. Natalie sah aber daß er, wie ein Metallguß, nur auf der Oberfläche erkaltet, in seinem Innern verzehrend fortglühe, und eben durch diese erkünstelte Kälte für die höchste, gewaltigste Leidenschaft immer empfänglicher werde, und sich ihr wahrscheinlich ohne Maasund Schranken hingeben werde, sobald ihm ein blumenübergrünter Abgrund erscheine.
Ein inniges Mitleiden mit ihm ergriff sie, das, verbunden mit der Achtung, welche sie der Energie eines solchen Gemüths nicht versagen konnte, zu milden, erhebenden Worten wurde, die sie, indem sie sie aussprach, selbst auf ihrem neuen Wege kräftigten. Sie führte ihn darauf hin, wie leicht man bei einer für das Große begeisterten Phantasie dahin komme, die kleinen stillen Tugenden zu verkennen, an die das Wohl des Einzelnen, wie des Ganzen, gebunden sey — wie man vorzüglich in der Jugend so geneigt sey, die Alltagspflichten unter die Füße zu treten, um dem Ideal eines moralischen Heroismus nachzustreben, dem die Vorsehung, neben tiefer Verworrenheit, seine Stelle angewiesen habe, damit der Contrast beider den frischen Lebensstrom der Menschheit vor dem Schlammichtwerden schütze. — Darum seyen aber nur wenige berufen, ihn zu üben; jeder hingegen könne in seinem Kreise das Schlechte meiden, das Beste wollen, und das Gute thun — und wer diesem Ziel mit Treue und festem, ernstem Willen nachstrebe, finde auch sicher die Straße des Friedens wieder, die im verworrnem Leben allein zum Heil führe. Sie sagte das alles ohne besondre Beziehung, wie im Allgemeinen, hin — aber sie fühlte sich verstandenin dem Feuer, mit dem er sie zur genauern Zergliederung ihrer Ideen leitete, als seyen sie ihm ein Licht auf dunklem, trostlosem Pfade.
Niemand fühlt den Beruf, Irrende zurecht zu weisen, lebhafter und inniger, als der, den eben eine schützende Hand auf den rechten Weg zurück führte, und der nun, nach herausgerissenem Unkraut, das Aufgehn des edlern Blumenflors in sich fühlt und pflegt. Was auf die menschliche Seele, in Fällen dieser Art, wirken soll, muß nie aus abstracten, allgemein gültigen moralischen Gesetzen, sondern aus individuellen Empfindungen hergenommen seyn. Diese theoretischen Principien sind gut und paßlich für die Stunden unbefangener Prüfung und ernsten Sammelns; sie können uns schützen, uns kräftigen, dem rechten Wege treu erhalten; aber nie werden sie vom unrechten zurückführen, weil in der Verirrung des Einzelnen fast immer so viel Eigenthümliches liegt, daß sie zur Ausnahme von der Regel wird, und der Verirrte sich außer dem Gesetz fühlt, das auf seine Lage keine Rücksicht nahm, und nehmen konnte.
Ach, unter allen Trauerstunden des Lebens schmerzt mich keine mehr, als die, wo der Mensch, der am Morgen seines Daseyns seinen Lauf, so voll edlen Muthes, so voll festen Willens, nur dem Edelsten nachstreben zu wollen, begann, tödtlichermattet niedersinkt, und die Kraft verloren hat, sich selbst wieder aufzurichten gegen die Aurora, die um die bedeckte Erde, als Wiederschein des Geisterreichs, liegt. — Fordert nicht, ihr strenger Richter fremder Schwäche, von dem müden, durch Thränen verdunkelten Auge des Unglücklichen, daß es durch den finstern Nebel dringe, der ihm den ewig reinen, von jedem irrdischen Dunst unumwölkten, Himmel verbirgt. Grade den Besten unter uns saugt das Leben gern, wie ein Vampyr, das warme Herzblut aus, und treibt sie dann in den Irrgarten der Alltäglichkeit, wo man, der höheren Bedürfnisse der Menschheit uneingedenk, vom Leben nichts fordern darf, als Wohlseyn bei Speise und Trank und allem was dem Körper behagt! — Nicht der vom Blitz des UnglücksentseelteMensch ist zu beklagen; aber wohl der durch denselbenentstellte, dessen Fall nicht unwürdige Schwäche, sondern Verirrung der edelsten Kräfte war. Die Menge weiset ja allen Kampf von sich und vergaukelt an die allererbärmlichsten Armseeligkeiten ein Leben, dessen Gehalt sich, an unzerreißbaren Fäden, durch die ganze Stufenfolge unsers Daseyns fortspinnt. Die Mehrzahl der Besseren sieht dagegen auf ein freudenleeres Leben hin, auf das nur die negativen Tugenden der Geduld und der Resignation einen lichten Strahl werfen, undwahrlich, ich liebe und achte diese schönen, weichen Seelen, deren vorzüglich mein Geschlecht so viele hat, die ohne Freude und doch ohne Klage fromm und gelassen durch das Leben gehen — aber die Erde soll doch so wenig ein moralisches als ein physisches Siechhaus seyn! Das Ideal wahrer Menschenbildung ist Gesundheit der Seele und des Körpers, denn auch auf die letztre ward im geistigen Weltplan mitgerechnet. Nur ein freudiges Handeln bestimmt den wahren Werth des Menschen — und so ist die Geduld auch schon edler als Resignation; jene hat Hoffnung, diese nicht.
Wie viele aber von denen, die jetzt so hinschlendern, unbekümmert, ob ihre Seele im Blute wohne, oder nicht, waren auch einst voll Glauben, Liebe und Hoffnung! — Wie viele von ihnen würden nicht gerettet worden seyn, wenn wir uns untereinander zur Ermunterung und zum gemeinschaftlichen Fortgange auf gleichem Wege,treuerdie Hand böten, oder die Verirrten williger an unser Herz zögen und schonend seine Wunden mit unserer Liebe bedeckten. — Nur zu oft aber, zu oft, stoßen wir ihn ganz hinunter, unbekümmert, ob nicht sein Herzblut den schlüpfrigen Pfad netze, den er, mit der letzten, verzweiflungsvollen Anstrengung seiner ersterbenden Kräfte, erklimmt, undvon dem er zurückgleitet, weil keine Hand sich ausstreckte, ihn zu halten — Gott! ein Strohhalm könnte das oft, und doch ist man so taub gegen den Schrey der höchsten jammervollsten Seelenangst, mit der der Mensch um sein herrlichstes Kleinod, den Glauben an sich und die Menschen, ringt! —
O laßt uns lieber zehn Unwürdigen liebend und tröstend mit Warnung und Ermunterung an die Hand gehen, als einen Unglücklichen nicht beachten, der vielleicht nicht mehr den Muth hat, uns aufzusuchen, aber uns als seinen Schutzengel aufnimmt, wenn wir uns ihm nähern. Soll denn nur der Heißhunger körperlicher Bedürfnisse unser Mitleid, unsre Hülfe, ansprechen? — Ist es denn nicht unendlich mehr werth, den edleren Theil eines Menschen zu retten? — und was ist aller körperlicher Schmerz, alles übrige Weh der Erde, gegen die im Vergehen noch aufzuckende Seelenangst, mit der man sich täglich tiefer sinken fühlt, ohne eigne Kraft, diesem Versinken entgegen arbeiten zu können? —
Ja, es ist schrecklich, aber wahr: der Mensch kann so weit kommen, sich selbst aufzugeben! —Erkann das; aberkein andrerdarf es; denn, wie kann das, was göttlichen Ursprungs ist, vernichtet werden in einer Seele, deren Leben ebendies Göttliche ist? wie dürfte der Mensch den Menschen je verloren geben? —
Und wenn nun so ein Unglücklicher stumm und entstellt unter uns wandelt, und vergebens nach einem Auge spähet, das ihn tröstend anblicke, nach einem Laut, der ihn kräftige, einer Hand, deren Druck ihm leise sage:vertraue— wollt ihr ihn den steinigen, weil er, von allen verlassen, sich selbst verläßt? — Stumm und schweigend wird er unter euren Würfen zu Boden sinken; aber wer nicht begreift, was er leidet, begreift auch nicht den unendlichen Jammer dessen,