„Der sich Menschenhaß aus der Fülle der Liebe trank! —“
„Der sich Menschenhaß aus der Fülle der Liebe trank! —“
„Der sich Menschenhaß aus der Fülle der Liebe trank! —“
„Der sich Menschenhaß aus der Fülle der Liebe trank! —“
Nataliens sanfte, aus dem Herzen kommende, Wärme, theilte sich dem Fremden mit. Sie lassen mich fühlen, sagte er ihr, daß der Mensch nicht für einen immerwährenden hoffnungslosen Streit zwischen den Grundtrieben seiner moralischen und fühlenden Natur, dem Gebot der Pflicht und dem Durst nach Glück, bestimmt ist, wie ich es seit einiger Zeit glaubte. Aber das Leben hat doch Momente, die den Quell heitern Lebenssinnes auf immer vergiften. Nur der Durst, der heiße Durst nach dem Glück, das das erste Bedürfniß unsers Herzens war, bleibt uns zurück, und der kann dann nie gestillt werden. Wenn unser Weh inunsrer Empfindung liegt, so ist ja die eine Quelle des Lebens selbst vergiftet und es bleibt dem Menschen nur das Rettungsmittel, sein Gefühl zu ertödten, und einen Theil seines Wesens dem Ganzen aufzuopfern, wie der Wundarzt auch zuweilen den Körper verstümmelt, um das Leben zu retten.
Darf aber der geringere Theil unsers Wesens durch Aufopferung des edleren erhalten werden? — Auch ich ehre die Vernunft, als einen Funken aus dem ewig reinen Licht; aber das Gefühl erscheint mir in noch schönerem, beseelenderem Abglanz desselben, und nie wird man mich überreden können, daß der Mensch edler ist durch seinen Geist, als durch sein Herz. Nur aus diesem entspringt die Schönheit des Willens, die ihn aus der Macht des irrdischen Verhängnißes hebt, denn der Geist kann das Sittlichschöne erkennen; doch geliebt wird er nur mit dem Herzen. Freilich gelangen nur wenige ohne Kampf und Streit zu der seeligen Einheit beider, aus der jener Friede geboren wird, der höher ist, denn alle Vernunft. Doch müssen wir darum diesen nicht für unerreichbar halten und den Kampf nicht zum Zweck erheben. Was der Mensch sich, im schuldlosen Freudengenuß des Lebens, aneignet, ist Gewinn für seine höchste, wahrste Bildung. Eine verlorne Hoffnung,eine geraubte Täuschung, kann den Menschen nie berechtigen, bitter gegen das Leben zu werden; dem Menschen, der dieses nicht nur zu genießen, sondern auch zu würdigen versteht, welken nie alle Freudenblumen desselben; — aber wer trägt die Schuld, wenn er aus dem reichen, duftenden Kranze, nur die Rose wählte, und, entblättert sich diese, ihre einfachen, aber an Duft und Werth mit ihr wetteifernden Schwestern nicht zu würdigen versteht und sie von sich wirft? darf er es dem Leben aufbürden, wenn er in dieser Verstockung, aus der Sittenlehre eine strenge despotische Rechtslehre bildet, die ihm nur Pflichten aufbürdet, ohne ihm Rechte, Wünsche und Hoffnungen zu gestatten? — In der Kälte dieses Systems gedeihen dann freilich die zarten, frommen BlüthenfreudigerPflichterfüllung nicht, die dem Menschen so labend und erquickend duften, wenn des Lebens Schwüle ihn drückt. Der Mensch soll das Gute thun, weil es gut ist — aber er darf es auch lieben, weil es ihn heiter, fromm und zufrieden macht, und kann er dies seyn, wenn er nur Vernunft — diesen einzelnen Schößling des reichbegabten menschlichen Gemüths — hat und haben will? — Wer für einfache Güte, für Menschenliebe, für, aus dem Herzen entspringende, Thätigkeit für fremdes Wohl, nicht verloren ist, der ist es auch wahrlichnicht für das Glück, das sich früher oder später, aber gewiß unausbleiblich, freundlich wieder zu ihm wendet.
Ich betrat heut diesen Garten mit einem Widerwillen gegen das ganze Leben, vom dem ich jetzt bekenne, daß es der Unmuth finstrer Hoffnungslosigkeit war. Einem Glück, das mir zu Gift geworden war, gab ich jedes wohlthuende Gefühl zum Geleit mit, als ich es von mir stieß, weil ich fühlte, mein Herz habe mich elend gemacht. Ich wollte nun nur noch fest und hart und stark seyn, und war vielleicht durch diese mir aufgezwungene Unnatur noch unglücklicher, als durch mein Geschick. In wenig Tagen trete ich in einen Kreis einfacher, nützlicher Thätigkeit, wo ich unendlich viel Gutes stiften kann; mir schaudert selbst vor der Erstorbenheit, mit der ich an meine künftigen Pflichten dachte — aber jetzt, in Ihre Hand, will ich das Gelübde ablegen, sie als Quelle meines Glücks zu lieben, und gewiß werde ich dies Gelübde lösen. —
Und mit diesem Händedruck gebe ich Ihnen die Versicherung, daß Ihre frühere Empfänglichkeit für Lebenswerth und Lebensgenuß Ihnen dann veredelt und verschönert wiederkehren wird.
Er drückte die dargebotene Hand an seine Lippen, aber die Worte, mit denen er für dieseVerheißung danken wollte, verstummten vor den Personen, die, in diesem Augenblick, aus einem Nebengange zu ihnen traten. Man gieng gemeinschaftlich weiter; die Gesellschaft fand sich mehr und mehr zusammen, und erst im Eßzimmer vermißte Natalie den Fremden, von dem sie getrennt worden war. Sie wandte sich, mit ihrer Erkundigung nach ihm, an A....
Er ist, antwortete er, der Sohn eines Predigers, der von seinem Vater einen berühmten Namen und eine treffliche Erziehung erhielt. Leider verlor er diesen Führer zu früh; die Vormünder gaben ihn auf eine hohe Schule, und bestimmten ihn, dem früheren Plan seines Vaters zufolge, für den Stand desselben. Er hatte aber die sonderbare Schwärmerei, durchaus nur Landschullehrer werden zu wollen. Alles, was er zu diesem Berufe zweckmäßig und nützlich glaubte, lernte er mit großem Eifer; aber sein Widerwille gegen alle Sprach- und höhere Wissenschaften war, trotz seiner ausgezeichneten Fähigkeiten, so entschieden, daß alle Versuche, ihn zu bekämpfen, fruchtlos blieben, und er endlich, als man ihn mit Strenge dazu anhalten wollte, entfloh, und zu dem Domherrn von R..w, einem Freunde seines verstorbenen Vaters, seine Zuflucht nahm. Dieser nahm sich seiner an, und wirkte ihm die Einwilligungseiner Vormünder aus, das H... Schullehrer-Seminarium beziehen zu dürfen. Hier erwarb er sich die Liebe und die Achtung seiner sämmtlichen Lehrer, und war schon zu einem einträglichen Dienst vorgeschlagen und ernannt, als er plötzlich die Vokation zurücksandte, H... verließ, und ein Jahr sehr menschenscheu und einsam im Hause seines alten Gönners R...w lebte, auf dessen Empfehlung er jetzt in einer entfernten Provinz eine Stelle erhalten hat. Ueber sein Schicksal ist er sehr verschlossen; doch machen es mir seine Weiberverachtung und sein Trübsinn sehr wahrscheinlich, daß der Unwerth eines vergötterten Weibes sie bewirkte.
Und sein Name? fragte Natalie gespannt.
Wilhelm Buri.
Ihre Ahndung hatte sie nicht betrogen; der Fremde war ihr neuer Schullehrer.
Eine sonderbare Empfindung goß sich erkältend durch Nataliens Adern; sie fühlte, zu ihrem eignen Erstaunen, daß sie erblaßte. — Natalie, es war die Warnung Deines Schutzgeistes! —