Dritter Abschnitt.
Es lag dies Herz für alle Pfeile offenUnd mancher gift’ge trank sein Blut.E. M. Arndt.
Es lag dies Herz für alle Pfeile offenUnd mancher gift’ge trank sein Blut.
Es lag dies Herz für alle Pfeile offen
Und mancher gift’ge trank sein Blut.
E. M. Arndt.
E. M. Arndt.
Wenig Wochen nach ihrer Rückkehr von Lübeck standen Natalie und Elise am Grabe ihres Vaters. In seinem Testament hatte er Natalien die Vormundschaft über Elisen aufgetragen und die verdoppelte Thätigkeit, zu der sie dadurch verpflichtet wurde, half ihr den Schmerz dieses Verlustes fester und ernster ertragen, als sie es sonst zu thun vermocht hätte. Sie schrieb an August und forderte ihn auf, seine Zuhausekunft zu beschleunigen. Ein günstiger Zufall machte ihn mit dem Kammerpräsidenten bekannt, welcher an den Kenntnissen und dem schönen Eifer des jungen Mannes,der das Gute so innig liebte, und so verständig wollte, so viel Gefallen fand, daß August in kurzer Zeit eine der angenehmsten und einträglichsten Beamtenstellen seines Vaterlandes erhielt. Von Natalien gebilligt, blühte die stille Neigung Elisens jetzt wunderbar schnell zur innigsten Liebe auf, und da seine Beförderung jedes Hinderniß ihrer Verbindung beseitigte, genoß Natalie des Glückes, die Hand ihrer Schwester dem Manne geben zu können, den sie ihren wahrsten Achtung und ihres vollsten Vertrauens werth gefunden hatte.
Mit mütterlicher Freude und Sorgsamkeit war sie unermüdet geschäftig, ihre Elise auszusteuern und ihr ihre neue Wohnung auszuschmücken; aber alle Bitten ihrer Geschwister, künftig bei ihnen zu wohnen, waren vergeblich. Sie begleitete sie nach G. ihrem neuen Wohnort; doch schon nach einigen dort zugebrachten sehr glücklichen Wochen gieng sie nach ihrem Gute N****, wo sie künftig zu wohnen entschlossen war.
Diese Trennung war theils Folge ihrer immer lebhafter werdenden Sehnsucht nach Einsamkeit und stiller Einkehr in sich selbst; theils ihres Grundsatzes, daß im ersten Ehestandsjahr, die Anwesenheit einer vertrauten Freundin, der jungen Frau, für ihr eheliches Glück, selten heilsam ist, indem ihre Gegenwart verhindert, daßDenkungsart und Handlungsweise beider Gatten sich zu jenem unauflöslichem Gewebe ineinander schlingen, welches das Glück und das Heiligthum der Ehe genannt zu werden verdient.
Natalie kam in N**** an. So unabhängig sie auch bisher gelebt hatte, war ihr doch das Gefühl, in eignem Hause zu leben, sich ganz als Gebieterin desselben zu fühlen, und unumschränkte Herrin ihrer Zeit, und der Anwendung derselben, zu seyn, neu, und die Süßigkeit desselben gieng nicht für sie verloren. Eine entfernte, bejahrte Verwandtin, welche der Tod ihres Mannes hülflos und allein gelassen hatte, Madam Brandt, ward ihre Gesellschafterin, unter deren Schutz Natalie, ohne den Tadel der Welt und Verletzung eingeführter Sitte fürchten zu dürfen, allein und unabhängig leben konnte. —
Am Tage nach ihrer Ankunft, als sie gegen Abend einsam am Flügel saß, meldete man ihr Herrn Buri, der der Besitzerin des Gutes seine Aufwartung machen zu müssen glaubte. Der Gedanke an ihr früheres Zusammentreffen mit ihm hatte sich ihr, durch die schnelle Folge interessanterer Ereignisse, ganz entfremdet. Jene finstre, warnende Schreckensahndung, die einst, bei Nennung seines Namens, durch ihr Herz zog, war längst vergessen, da in ihrer Seele kein Gedanke,keine Empfindung war, die sie daran zu erinnern vermocht hätte. Unbefangen erhob sie sich auch jetzt bei seinem Eintritt; aber er verlor alle Haltung, als er beim ersten Blick auf sie, jene Unbekannte, das Heiligenbild seines Herzens, in ihr wieder erkannte. Er hatte, in der Abgeschiedenheit seines gegenwärtigen Lebens, den gewaltigen Eindruck, den Natalie auf ihn gemacht, mit der ganzen leidenschaftlichen Kraft seiner Phantasie genährt und ausgebildet. Von der Besitzerin des Gutes hatte er gleichfalls, so lange er in N**** lebte, als von einem Engel an Güte und einem Wunder der Bildung und des Geistes reden hören; — er war Zeuge der Wohlthaten, die sie ihren Unterthanen spendete; er verdankte ihr selbst nicht allein seine Stelle, sondern auch die Einrichtung seines Hauses, das er bei seiner Ankunft möblirt und mit allem Nothwendigen versehen, vorfand — und in dieser im Voraus verehrten und bewunderten Gebieterin fand er jetzt seine Unbekannte, dies Ideal aller Schwärmereien seines Kopfes und seines Herzens, wieder! — Vom Strahl der Abendsonne beleuchtet, trat sie ihm wie verklärt entgegen, und er konnte sich kaum enthalten, vor der holden Erscheinung das Knie zu beugen. —
Natalie freute sich des Wiedersehens des Jünglings,den sie viel heitrer und blühender fand, und seines Geständnisses, daß jene Unterredung mit ihr den ersten Strahl auf sein verdüstertes Leben geworfen habe, das sich nun durch Liebe zu seinem Beruf und Treue in demselben, immer freundlicher erhelle. Aber die Erinnerung an jenes frühere Zusammentreffen füllte doch jetzt die weite Kluft aus, die sonst den Untergebenen von der Herrin getrennt haben würde. Sie wollte und konnte auch nicht, ohne wehe zu thun, den Ton gesellschaftlicher Gleichheit ändern, den sie früher, die Unbekannte dem Unbekannten gegenüber, beim Zusammentreffen inEinerGesellschaft, angenommen hatte, und sie glaubte um so mehr, diesen Ton beibehalten zu können, da er ihr eine tiefere Ehrfurcht zeigte, wie sie der Unterschied des Standes je zu erzeugen vermag.
In voller Ruhe, erhaben über jede Brandung der Leidenschaft, jede stürmische Wallung des Gefühls, war sie ihm zuerst erschienen —sohatte sich ihr Bild ihm eingedrückt, und so glaubte er auch jetzt sie zu sehen. Ihr je begegnen zu können in Einem Gefühl, Einer Empfindung: ihr vergelten zu können, was sie spendete; zu wähnen, sie könne in den engen Kreis kleiner Schmerzen und Freuden, kleiner Bedürfnisse und Wünsche, mit eintreten, hielt er für unmöglich.
Für Natalien kam jetzt eine schöne Zeit des Friedens mit sich und andern; Muße und häusliche Thätigkeit, heitre Geselligkeit und frohe Einsamkeit in weisem Wechsel, füllten ihre Stunden aus. Der Zirkel ihres nachbarlichen Umgangs breitete sich nach und nach aus, aber die wirthschaftliche Thätigkeit des ländlichen Lebens bewahrt den Theilnehmer daran vor der Zerstreuungssucht des Städters. Dieser macht aus der Geselligkeit ein Geschäft, dem er oft sein ganzes Leben widmet; jenem ist sie nur Erholung, nur Genuß, für Feiertage und Feierstunden.
Auch für Natalien war sie nur dies, und am frohesten war sie, nach vollbrachtem Tagewerk, in ihrem Zimmer, bei Lectüre und Musik, oder auch im traulichen, verständigen Gespräch mit dem schätzbaren Prediger und seiner Frau, welche in den langen Winterabenden täglich zur Theestunde zu ihr kamen. Oft erwiederte sie auch diesen Besuch und fand dann immer Buri dort, der im Hause der alten wackern Leute wie ein Sohn einheimisch war. Sein ausgezeichnetes musikalisches Talent verschaffte ihm auch häufigen Zutritt in ihrem Hause, da sie, wie fast alle Sängerinnen, sich lieber accompagniren ließ, als ihren Gesang selbst begleitete. Ein anders, zufällig bei ihm entdecktes Talent, machte ihr seine Gesellschaft nochangenehmer; er las gut, und mit eben so zartem als tiefen Gefühl vor.
Unvermerkt ward er so näher und näher in ihren Lichtkreis gezogen, und ach! er suchte die herrliche, ihn so himmlisch beseelende Flamme, nur zu sehnsüchtig auf! — Früher hatte er nur die Glut heißer, leidenschaftlicher Sinnlichkeit kennen lernen; hätte sein jetziges Gefühl jenem früheren geähnelt, so hätte er sich selbst verstanden und sich vielleicht selbst beherrscht. Aber diese reine anbetende Huldigung mit der er Natalien verehrte, schien ihm höchst unverdächtig. Er lebte in ihrer Nähe, wie in dem Element eines höhern geistigen Lebens, das von Tag zu Tag alle Kräfte seiner Seele zu einem unaussprechlich gehaltvollen und glücklichen Daseyn aufjubelte.
Natalie freute sich oft des schönen Jünglings, der jetzt so freudig im Leben einherschritt. Sie fühlte, das sey ihr Werk; aber sie hatte keine Ahndung des Unseegens, der daraus für ihn und für sie hervorgehen konnte. — Ihre reine Seele kannte von der Liebe nur die höchste Freude und den edelsten Schmerz.
Um diese Zeit erhielt sie Briefe von Willot und seiner Frau, die ihr die willkommene Nachricht brachten, daß sie ihren Wohnort verändern, und sich in G. — wo auch August und Elise wohnten— niederlassen würden. Diesen Brief begleitete ein Werk von Voluda, welches damals, bei seiner Erscheinung, die Aufmerksamkeit aller Gebildeten auf den Mann lenkte, der, noch an der Gränze des reiferen Jünglingsalters, darin, edel, strenge und fest wie eine Heldenerscheinung aus längst versunkener Vorzeit, erschien, und milde und fromm und menschlich, wie wahre Größe es immer ist.
Schöne, unvergeßliche Stunden, in denen die edlen gewichtigen Worte Nataliens Seele begeisterten, und ihr innerstes Gemüth sich mit dem Verfasser aufs innigste befreundete! — So hatte sie sich ihn früher gedacht — so lebte er in ihrem Herzen und nach Lesung dieses Werkes, in welchem sich sein Geist, sein Gemüth, und die Eigenthümlichkeit seines Sinnes mit unverkennbarer Wahrheit aussprachen, war sie mit den innigsten Empfindungen ihrer Seele, mit den theuersten Ideen ihres Geistes, und mit jeder bessern Kraft ihres Gemüthes,sein, und blieb es auch bis zum letzten Schlage ihres gebrochnen, treuen Herzens. —
Sie beantwortete Willots Brief und erwähnte seines Freundes und des ihr übersandten Werkes mit Worten des Dankes und einer Bewunderung, die ein so klares und gemüthreiches Eingehen in Voludas Sinn verriethen, daß Willot sie, in derFreude darüber, diesem mittheilte, und dadurch auch in ihm jene Sympathie aufregte, die beide, für einander geschaffne Wesen, in schöner Ahndung zu einander zog.
In diesem stillen häuslichen Leben und dem fast täglichen, traulichen Zusammenseyn, konnte es Natalien nicht entgehen, wie Buri sich immer fester und wärmer an sie schloß, und mehr und mehr nur von ihren Blicken, ihren Worten, zu leben schien. Es schien ihr aber auch, als wenn die Reife, die ihr Karakter gewonnen hatte, und der Ernst ihres Wesens sie davor schützen müsse, auf einen so jungen Mann — jugendlichen Eindruck zu machen, und sie genoß seiner unverkennbaren Anhänglichkeit nicht eitel, sondern mit dem ruhigen, sich seiner Ueberlegenheit bewußten, Wohlwollen einer ältern Freundin gegen den Schützling, über dessen Gefühle sie sich einer unbedingten Herrschaft sicher glaubt.
Kam sie um Mitternacht, oft noch später, von einem Besuch in der Nachbarschaft zu Hause, so fand sie ihn doch gewiß noch jedesmal, auch bei dem heftigsten Schneegestöber, bei Sturm und Regen, wach und vor seiner Hausthüre, oder am offenen Fenster, wo ein Schlagbaum sie einige Minuten zum Verweilen nöthigte und er ihr dann noch eine gute Nacht wünschen konnte. Daß sie sichgewissermaßen beredete, auch dies ganz leicht und unbedeutend zu nehmen, war ihr erstes und ihr größtes Unrecht gegen ihn. — Nataliens Urtheil ward hier, ohne es selbst zu wissen, von der alle Weiber so süß berauschenden, verführerischen Gewißheit, geliebt zu werden, bestochen — und wahrlich, wenig Frauen werden geliebt, wie Buri in diesem Zeitpunkt Natalie liebte!
Er besaß nicht jene Tiefe der Empfindung, jene innige Begeisterung, jene unendliche Treue, die alleinwahre Liebeerzeugen; er konnte daher auch diese, im eigensten Sinn des Wortes, nicht in sich aufnehmen: Er hatte keinen Frieden mit sich und dem All — aber was er für Natalien im vollsten Umfang seines Empfindungsvermögens empfand, war jene süße, verderbliche, der Erde angehörende, Leidenschaft, die im weiten Reich der Dinge nur ein Glück anerkennt, und für den Besitz der Geliebten sich tausendmal ins tobende Meer, ins lodernde Feuer stürzte, — ein Gefühl, vergänglich wie alles Irrdische; aber in seiner Vergänglichkeit so unwiderstehlich bezaubernd, so alle Kraft des Geistes, die nicht für dasselbe wuchert, betäubend, daß es, einmal gekostet, doch, als die höchste irrdische Seeligkeit, nie vergessen wird — so wenig von den Herzen, das es durchglühte, als von dem, das es einflößte. —
Natalien war diese Leidenschaft noch nicht erschienen, und sie wußte so wenig um ihr Daseyn, als um ihre Wirkungen. Ihr war die Liebe ein Band zwischen dieser und jener Welt; die Vermittlerin zwischen Gott und dem Menschen. Buri konnte ihre Phantasie auf Momente beschäftigen; zu ihrem Herzen gab es für ihn keinen Weg. Der bürgerliche Abstand zwischen dem Jüngling und ihr, war ihr auch in jedem Augenblick so anschaulich gegenwärtig, daß sie den kleinsten Versuch von Seiten des Jünglings, ihn überspringen zu wollen, für unmöglich hielt. Sie war ruhig in dem Bewußtseyn, ihre Gewalt über ihn nur zu seinem Besten, zu seiner Bildung und Veredlung, benutzen zu wollen, und wußte es nicht, wie leicht in einem solchen Verhältnisse das Kind zum Riesen erwächst, dessen roher Macht jedes zarte Gefühl erliegt.
Monate vergiengen indessen, ohne daß Buri sich selbst in dem Wechsel von Jubel und Weh verstehen lernte, der jetzt sein Leben ausfüllte. Das Herzklopfen der Freude, wenn er zu ihr gieng, die öde Abgestorbenheit der ganzen Welt für ihn, wo sie nicht war — sein Erröthen, wenn ihr Blick den seinen traf — das schmerzliche Entzücken, wenn ihr Gewand vorüberrauschend seinen Fuß berührte — seine Beklommenheit, wenn sie, neben ihm stehend,sich zum Clavier herab beugte, an dem er saß, um die Noten deutlicher zu lesen, er ihren Athem an seiner Wange fühlte, und nun alles Leben in ihm stillstand, um nach Sekunden, wie ein brausender Strom, mit tausendfach vermehrter Kraft, durch alle Adern seines Herzens hinzuströmen, — waren ihm noch Hieroglyphen, zu denen kein Wunsch, keine Hoffnung, ihm den Schlüssel bot.
Als sie aber einst, da er ihr beim Aussteigen aus dem Wagen die Hand bot, ausglitt, und dadurch auf eine Sekunde in seine Arme, an sein Herz sank, durchglühte seine, früher vom Hauch der Wollust vergiftete Seele, blitzesschnell das Selbstgeständniß seiner Leidenschaft. Von diesem Augenblick an, wich der stille Genius des Friedens und der Unschuld von ihm, und er ward ein Raub sträflicher, frevelnder, nicht mehr zu beschwichtigender Wünsche, an deren Erfüllung er im stillen Wahnsinn der Leidenschaft entschlossen war, sein Leben zu setzen.
Das Osterfest war nahe. Der Prediger war seit vielen Jahren gewohnt, am zweiten Feiertage desselben, die Pächter des Kirchspiels zu sich einzuladen, und fragte Natalien, ob er es wagen dürfe, sie auch zu bitten. Sie nahm die Einladung gerne an. Zum erstenmal sah Buri sie hier, fern vom Gepränge ihres Ranges und ihres Reichthums,höchst einfach gekleidet, unter seines Gleichen. Natalie suchte in ihrem Betragen alles zu vermeiden, was die Anwesenden erinnern konnte, daß sie nicht zu ihrem Zirkel gehöre, und dadurch die Freude dieser guten einfachen Menschen zu stören vermocht hätte. Sie war so gut, so freundlich, so zuvorkommend gegen alle, und merkte nicht, daß sie es heute mit so heiterm herzlichen Wohlwollen war, weil sie es nun auch, ohne mit sich selbst rechten zu müssen, gegen Buri seyn durfte, der ihr in diesen letzten Wochen unvermerkt lieber geworden war, und den sie eben darum oft absichtlich das Gewicht ihres Standes hatte fühlen lassen. Er war unbeschreiblich glücklich dadurch, und das rührte und erweichte sie. Alle freueten sich seines heitern Witzes, und seines, bei so schöner blühender Jugend doppelt anmuthig erscheinenden, Frohsinns. —
Nach dem Caffee, als die Bejahrten der Gesellschaft sich an die Spieltische setzten, fingen die jungen Leute an, kleine gesellschaftliche Pfänderspiele zu spielen, von denen Natalie sich nicht füglich ausschließen konnte. Zum Beschluß wurde Blindekuh vorgeschlagen. Das Loos, sich die Augen verbinden zu lassen, traf Buri. Ein junges Mädchen übernahm dies Geschäft: aber die übrige Gesellschaft war mit der Ausrichtung desselbennicht zufrieden; man behauptete, er könne noch sehen, und Natalie, die zufällig nahe bei ihm stand, ward ersucht, den streitigen Fall zu untersuchen und den Knoten fester zu schürzen. Genannt wurde sie nicht bei dieser Aufforderung, aber konnte er es verkennen, daßsiees war, die jetzt nahe, ganz nahe, vor ihm stehend, mit den zarten Fingern seine Wangen berührte, um die Binde tiefer über das Auge herab zu ziehen; Natalie sah, wie er bei dieser flüchtigen Berührung erbebte, und welche Glut über seine Wangen flog — auch sie war befangen — und in diesem Moment fühlte sie sich von ihm umschlungen und an sein Herz mit wahrhaft fieberhafter Wuth gedrückt. Ich kann nicht sehen, Mamsell Horst, gewiß nicht, sagte er rasch und heftig, um ihr und den andern die Kühnheit dieses Umfassens zu verdecken. Alle wurden getäuscht und belachten den Irrthum, und auch Natalie fand es gerathen, daran zu glauben. Sie faßte, sich ihm rasch entwindend, seinen Arm, um ihn, dem Spielgebrauch gemäß, im Zimmer einigemal auf und ab zu führen, und suchte, bei den Worten, mit denen sie ihn entlassen mußte, die Stimme des von ihm genannten Mädchens nachzuahmen; doch sie selbst war nicht getäuscht. Sie fühlte, nur sie könne er so umschlingen, nur ihre Nähe könne ihn so trunken machen, und — o Räthsel des weiblichen Herzens!— sie vermochte nur wohlwollend, keinesweges zürnend, im Gefühl der Macht dieses Moments bei ihm zu verweilen. —
O Natur, wie reich mußtest du seyn, um in solche Momente solche Seeligkeit legen zu können! — Eine Sekunde nur hatte er sie umfaßt, einmal nur ihr Herz an seiner Brust schlagen fühlen, und doch wird diese Erinnerung noch einst das Herz des Greises mit süßer Wehmuth füllen, und seine Züge mit frohem Lächeln erheitern! —
Natalie hatte Herrschaft genug über sich, nach Endigung des Spiels, ganz unbefangen gegen ihn zu seyn, und ihm dadurch ihr Wissen um das Vorsätzliche seines Irrthums unerrathbar zu machen. — Doch derselbe Abend führte noch einen Augenblick herbei, der sie mit dem Geheimniß ihrer Schwäche gegen ihn hätte bekannt machen können, wäre sie nicht bestimmt gewesen, jede Erfahrung, jede Warnung, mit einem wunden Herzen erkaufen zu müssen. —
Ihr Wagen kam, sie abzuholen: bei dem Umwenden auf dem eben nicht sehr geräumigem Priesterhofe brach die Deichsel, und Natalie beschloß, den kurzen Weg nach ihrem Hause lieber zu Fuße zu gehen, als noch länger auf einen andern Wagen zu warten. Der Prediger erbot sich, sie zu begleiten, was sie aber ausschlug, da er schon denAbend über Erkältung und Heiserkeit geklagt hatte, und er rief nun Buri und noch einen andern jungen Mann aus der Gesellschaft, um die Damen den Richtweg durch seinen Garten über den Kirchhof zu führen. Madame Brandt, der, in dieser finstern Mitternachtsstunde, der Weg über den Kirchhof einiges Bedenken machte, faßte schnell den Arm des andern jungen Mannes, da sie Buris Spott über ihre, ihm schon bekannte, Gespensterfurcht scheuete, und so fiel diesem das Loos, Natalien zu begleiten. Beide giengen stumm neben einander, bis beim Eingang zu dem Kirchhof ein Hund mit lautem Gebell auf sie zufuhr. Natalie besaß die Schwachheit, vor Hunden ängstlich furchtsam zu seyn, auch jetzt schreckte sie zusammen und faßte, mit dem Angstruf: ach lieber Buri! den Arm ihres Begleiters. Zum erstenmale hörte dieser von ihr diese trauliche Benennung; zum erstenmale bot sie ihm die Hand, und ließ sie ihm sogar, als er, ihren Arm in den seinen legend, auch diese Hand in der seinen behielt. Natalie fühlte durch den Handschuh sein fieberhaftes Glühen; sie fühlte ihr Unrecht; — aber besiegt von der hoffnungslosen und doch so gewaltigen Liebe des Jünglings — ermattet von der Unwahrheit, mit der sie sich die wachsende Gewalt derselben so lange verläugnet hatte, gab sie sich in dieser Minute dem Genußhin, der für sie in dem Glück lag, das Wilhelm dadurch empfand. Sie bedachte nicht, wie viel sie sich damit gegen einen Mann vergab, dessen Liebe sie nie erfahren durfte, und der, von diesem Augenblick an, berechtigt war, sie als die Vertraute derselben anzusehen.
Das Verhältniß zwischen Beiden ward, von diesem Tage an, eben so sonderbar als ungleich. Sie war oft stolz und herrisch gegen ihn; wenn er dann tief gekränkt, beschämt, im bittern Unmuth oder stillem Zürnen gegen sich selbst, zurücktrat, so konnte sie es nicht lassen, ihm wieder mit einem Blick, einem Worte, die Unart vieler Tage zu vergüten. Ueber ihn gewann diese Leidenschaft eine furchtbare Gewalt. Immer heißer, immer hoffnungsloser, bald zum Sterben betrübt, dann zum Himmel entzückt. Kamen doch Minuten, die ihm diesen höllischen Himmel voll seeliger Qual, theurer, wie jedes andre Glück der Erde machten. Sein höchster Wunsch war der, ihr nur einmal sagen zu dürfen, wie er sie liebe — sie nur noch einmal, einmal, so wieder an seine Brust drücken zu dürfen und dann, in der Minute selbst, zu sterben.
Nataliens schwererrungener Friede wurde durch ihn von Neuem gestört, und doch konnte sie die Störung und den Störer nicht hassen — dochgab sie sich der Hoffnung hin, irgend ein Zufall werde in’s Spiel treten, und es ihr ersparen, dies Gewebe mit rauher Hand zu zerreissen. Auch war es ihr durchaus nicht klar, was sie zu thun habe. Sollte sie ihn entfernen? — ihn, der früher so einsam und unglücklich war, und für den die ganze Welt zur freudenleeren Wüste wurde, sobald sie ihn verstieß? — Womit hatte er diese Härte verdient? — wog das, wassiedurch diese Entfernung an Ruhe gewinnen konnte, den Schmerz auf, denerempfinden würde? — und warum auch ein solcher Gewaltschritt? es war ja auch möglich, daß, bei einem so excentrischen Menschen, bloß Dankbarkeit und Bewunderung, sich, ohne Einmischung von Liebe, so excentrisch aussprachen — und, wenn er sie nun auch wirklich liebte, so wußte er doch höchst wahrscheinlich selbst noch nicht darum, und die Gefahr, den Nachtwandler zu wecken, war dann größer, als jede andre. — Liebe ohne alle Hoffnung ist so nur ein Fantom, und welche Hoffnung konnte er haben? —
Mit diesen Grübeleien und Sophistereien betäubte sie die warnende Stimme in ihrem Herzen, und Monate verflossen ihnen noch in dieser Unbestimmtheit und Verworrenheit ihres Verhältnisses.
Eines Abends war er allein mit ihr. Siesangen ein Duett, von den zwei Grazienlieblingen, Metastasio und Pergolese, zu einem Gesange für zwei Seelige gemacht. Jeder Ton war Harmonie der Liebe und gab dem Herzen Wonneschläge. — Alles Leben in Buris Wesen wurde zu einem Taumel — nie hatte er so sehr empfunden, wie glücklich er seyn würde, wäre sie, die Angebetete, sein. —
Es war während des Gesanges traulich dämmernd geworden. Ueberwältigt von der Stärke seiner Empfindung wollte Buri gehen. Er stand auf — in diesem Augenblick fiel Nataliens Taschentuch zur Erde — beide bückten sich, es aufzuheben. — Wange streifte an Wange — und in demselben Moment fühlte sie sich an sein Herz gerissen und der heiße, leidenschaftliche Druck seiner Lippen glühte auf den ihren.
Ueberrascht, außer aller Fassung, schwankte sie in seinen Armen — Buri! rief sie bewegt — er hielt sie noch umschlungen — Buri! rief sie ernst — da stürzte er zu ihren Füßen; mit heißen Thränen, mit Zittern, mit Entzücken, mit aller Glut und Furchtsamkeit der ersten Jugendliebe, gestand er ihr eine Leidenschaft, um die sie lange wußte, ohne sich je die Möglichkeit zugegeben zu haben, daß ein Geständniß derselben erfolgenkönne, auf dessen Empfang sie durchaus nicht gefaßt war. —
Sie gehen, Buri! sagte sie ihm stolz und gebietend — gehorchend entfernte er sich — an der Thüre wandte er sich um — mit Blitzen in den Augen und mit vieler Sicherheit im affektvollen Ton, sagte er ihr: Sie können mein Leben als Sühnopfer dieses Augenblicks fordern; aus tausend Adern will ich es mit Entzücken wegfließen sehen; nur glauben Sie nicht, daß Gott selbst mich zur Reue darüber bringen kann! Verwerfend winkte sie mit der Hand — er eilte hinweg.
Betäubt, verwirrt und zitternd blieb Natalie zurück. Vergebens strebte sie nach Ruhe und nach dem Gesichtspunkt, aus dem sie den Vorfall nehmen mußte. Sie wollte kalt urtheilen und der blühende schöne Jüngling stand vor ihrer Phantasie wie er sie an sein Herz drückte, wie er dann zu ihren Füßen sank — sie fühlte das Entzücken, mit dem er sie, die Vergötterte, umfaßt hatte, und eine Ahndung zahlloser neuer Sensationen, deren Natur ihr dunkel blieb, weil sie ihr ganz unbekannt waren ergriff sie. An der Wahrheit seiner Liebe konnte sie nicht zweifeln — und sie, die früher so oft fruchtlos gestrebt hatte, Steine zu erwärmen, sie, deren einziger Wunsch, deren einzigeForderung an das Schicksal von jeher nur Liebe, wahre uneigennützige Liebe gewesen war, sollte nun kalt und hart das Herz von sich stoßen, das mit so heißer, dem Tode und der Verwerfung trotzender, Leidenschaft an ihr hieng? — Sie fühlte es, daß sie Buri nicht liebte — sie konnte seinem Umgang entsagen — aber was wurde sein Loos, wenn sie ihn verstieß? Ihr war, als habe diese Stunde ihr die Verpflichtung auferlegt, das Glück des Jünglings, wie ihr eignes, am Herzen zu tragen; in ihrer Seele war keine Ahndung irgend einer andern Gefahr, die ihm und ihr aus diesem Verhältniß aufgehen könnte, als die gestörten Herzensfriedens, und so beschloß sie, ohne alle Rücksicht auf sich, nur die Maaßregeln zu ergreifen, die ihr für Buris Glück die zweckmäßigsten zu seyn schienen. Diese Liebe sollte ihr Mittel werden, ihn weiser und glücklicher zu machen; sie wollte ihm, im vollsten Sinn des Wortes, Freundin und Schutzgeist werden; seine, durch sie und diese Liebe begonnene moralische und aesthetische Bildung vollenden, und ihn dann einer für ihn passenden Gattin zuführen. —
Natalie täuschte sich hier, indem sie die Illusionen eines gerührten Herzens und einer sehr rege gewordenen Phantasie, für Eingebungen und Prüfungen kalter ruhiger Vernunft nahm. Hättediese ihr Betragen wirklich geleitet, so hätte sie, nach jenem Ostertage schon, den Jüngling auf irgend eine Art aus ihrem Kreise entfernt. Ihr jetziges Betragen war sehr lobenswerth, und wohl dem Weibe, das, in ähnlicher Lage, ähnlicher Verschuldung entging. — Gönnet aber, meine weiseren und besseren Schwestern, der armen Natalie den Trost, den ihr ihr innerstes Bewußtseyn, auch in ihren trübsten Stunden, gewährte, den Trost, Buris Liebe nur geduldig ertragen und gutgeheissen zu haben, weil sie in ihr das Mittel zu sehen und zu ehren glaubte, seine moralischen Anlagen zu entwickeln, die Disharmonie seines Wesens zu lösen, und ihn besser und glücklicher zu machen. —
Am Abend des folgenden Tages sah sie ihn, einer früheren Einladung zufolge, mit dem Prediger und seiner Frau, zu sich eintreten. Sie empfing ihn mit ruhigem, sicherm Ernst. Er zitterte so sichtlich, daß sie es schon aus Schonung vermeiden mußte, das Gespräch an ihn zu richten — aber sie konnte, trotz seines Erröthens, und seines Verstummens, doch die Trunkenheit nicht verkennen, mit der er, in der Erinnerung der genoßnen Seeligkeit, den Muth fand, alles, selbst ihren Unwillen, zu ertragen, ohne das Vorgefallene zu bereuen. Die Energie der Leidenschaft gab ihm jetzt, ihr gegenüber, eine Mündigkeit, die er früher niegezeigt hatte. Einem fest entschlossenen, muthvollen Manne gegenüber fühlt das Weib immer seine Schwäche, die dann nichts ist, als reines Gefühl der Weiblichkeit. Natalie vermochte ihre anfängliche Unbefangenheit im Laufe dieses Abends nicht zu bewahren. — Einmal streifte vorübergleitend ihr Blick an ihm vorüber; aber ihr Auge traf auf einen so dunkelglühend, so unersättlich, an ihr hangenden Blick, daß sie zagend erröthete. Nur sie konnte jetzt, wie sie fühlte, diesen Sturm beschwichtigen; nur sie vermochte, den erwachten Löwen zu zügeln, und eben dies Gefühl zog sie noch mehr zu dem Jüngling hin.
Seit mehreren Monaten war es eingeführt, daß Buri am Mittwoch Nachmittag zu ihr kam, um neue, schwere, Singsachen mit ihr einzuüben. Auch jetzt erschien er, als dieser Tag kam, und fand, wie gewöhnlich, Natalien allein. Sie hatte sich auf diese Unterredung vorbereitet und fing auch jetzt an, ihm, ernst und besonnen, ohne Zorn, aber mit der Strenge kalter Vernunft, die Thorheit und das Strafwürdige seines Betragens zu zergliedern. Doch der Damm war einmal durchbrochen und sie dem Erguß des heißesten, leidenschaftlichsten Herzens, das je in der Brust eines Mannes schlug, preisgegeben; eines Herzens, das ohne Hoffnung, ohne Streben, ein ähnlichesGefühl in ihr zu wecken, nichts, gar nichts, von ihr und vom Leben wollte, als die Vergünstigung, sich in ihrer Nähe sonnen, oder sterben zu dürfen. Nataliens Thränen flossen; zum erstenmal fühlte sie sich geliebt; geliebt mit allen Kräften, allen Gedanken und Empfindungen dieser Feuerseele, und eine unendliche Theilnahme, ein Gefühl wehmüthiger Seeligkeit füllte ihr Herz mit Dank gegen den Mann, der sein Glück und sein Leben so freudig an die Erlaubniß setzte, sie lieben zu dürfen. —
Sie fragte ihn ernst und innig: ob er der Herrschaft über sein Herz gewiß genug sey, um diese Liebe ewig als eine Flamme zu betrachten, die sein Leben erwärmen, aber nie verzehren dürfe? — Von ihr könne und werde er nie etwas erhalten, als Freundschaft; diese gelobte sie ihm aus voller Seele, so lange er sanft, vernünftig und besonnen seyn, und sich mehr und mehr mit dem Gedanken befreunden wolle, bald eine Gattin zu wählen. —
Feierlich gelobte er ihr die Erfüllung aller ihrer Forderungen, und wirklich fand er auch in dem Glück, ihr sagen zu dürfen, daß er sie liebe, eine so überschwängliche Genugthuung, daß er zu jedem Opfer bereit, in dieser Stunde — nicht begriff, wie seineWünsche je über diese schöne Wirklichkeit hinausgehen könnten.
Von diesem Tage an war Buri viel öfter in Nataliens Hause, und ihr Umgang wurde immer traulicher und herzlicher. Der süße, unwiderstehliche Zauber, sich so geliebt zu wissen, die ungetrübte Reinheit dieses Verhältnisses, die noch jeden freundlichen Blick von ihr zur seltenen, beglückenden Gunstbezeugung machte, und der schöne, verwirklichte Traum, veredelnd auf den Freund zu wirken, und ihn, zur immer richtigeren Würdigung des Lebens, zur immer freudigeren Thätigkeit in seinem Beruf, zurückzuführen, verleiteten Natalien zur Verletzung mancher Sitte der Konvenienz und Etikette, die trennend und absondernd zwischen ihr und dem Freunde stand. Es schlich sich nach und nach ein, daß Buri jede seiner Freistunden bei ihr zubrachte, jeden Abend bei ihr aß, und Natalie, zu stolz und zu rein, um vor der Welt den Freund zu verläugnen, blieb, auch vor Zeugen, in ihrer freundschaftlichen Traulichkeit gegen ihn sich gleich, was sie, von ihr indessen ungeahndet, zum Gegenstand des allgemeinen, mißbilligenden Geredes machte.
In den Stunden ihres einsamen Zusammenseins, deckte ihr Buri sein ganzes Herz auf, und sie erfuhr seine frühere Geschichte. In seinemsiebzehnten Jahr lernte ihn die, wegen ihrer Schönheit und ihrer Buhlerei gleichbekannte Gräfin P. kennen. Der Jüngling mit dem neuen Herzen und der nie geweckten Sinnlichkeit gefiel ihr; sie zog ihn in ihr Haus. Er liebte sie mit der heiligen reinen Schwärmerei eines unschuldigen jungen Herzens, und fing sich um so leichter in allen den Schlingen, die sie ihm künstlich gelegt hatte. Doch nur Monate dauerte der Rausch, da erwachte die bessre Seele des Jünglings; er erkannte schreckensvoll, was er ihr galt, und riß muthig den Pfeil aus der tiefen Wunde. —
Natalie lernte in dieser Erzählung nur den Muth kennen und die Kraft ehren, die Buri den Sieg über diese Leidenschaft erkämpft hatten; was ihr unbekannt blieb, war, daß sein Glaube an Weiberreinheit und an das seelige, himmlische Glück der Unschuld, der Raub dieser unwürdigen Verführerin geworden war. Die gefährlichsten Sophistereien über Liebe und Genuß blieben, wie ein verborgenes Gift, in seiner Seele haften, und wirkten schleichend darin fort. Der stille Abglanz aus dem Paradiese, der in einer unverdorbenen Weiberseele ruht — dieses Nichtwissen, Nichtahnden der Begierde — dieses Schweigen jeder Leidenschaft — diesen tiefen, seeligen Frieden, der sich nur mit der Bläue des wolkenlosen Himmels vergleichenläßt, konnte er kaum mehr in der Vorstellung fassen, und noch weniger in der Seele der Geliebten schonen und ehren.
In Nataliens Herzen war dagegen keine Ahndung des Sturms, der in seiner Brust tobte. In stiller, freundlicher Klarheit genoß sie, mit zarter Jungfräulichkeit, der Gewißheit, geliebt zu seyn und den Liebenden glücklich zu sehen. Nie vermochte sie, in ihm zu finden, was im Leben Leben vollendet; aber sie hing mit reinem Wohlwollen an ihm, und hätte seinem Glücke freudig die schwersten Opfer zu bringen vermocht. Er gewann ihre Phantasie; doch ihr Herz füllte er nur in so weit aus, wie Nataliens Herz durch die Sorge für ein fremdes Glück und die Freude daran ausgefüllt werden konnte. Diese Sorge aber, verbunden mit der Macht der Gewohnheit des täglichen Umgangs, der Freude an seiner Liebe, und ihrer fast leidenschaftlichen Dankbarkeit für diese, vereinten sich in ihrer Seele zuEinem, unnennbaren, aber sehr mächtigen Gefühl.
Diese Sabbathzeit ihres Verhältnisses dauerte lange, da Natalie in ihrem Geist und in ihren Talenten reiche Hülfsmittel hatte, Wilhelm, in den Stunden ihres Beisammenseyns, zu beschäftigen und zu erheitern. Auch stillte ihr Anblick oft die Unruhe seines Busens, die ihm, fern von ihr, zur Qualwurde. Aber endlich kam doch die Stunde, wo derAnblickder Wirklichkeit Natalien die Illusionen raubten, die sie beglückten; — die sich Wilhelm immer mehr aufdringende Gewißheit, das von ihm so heiß, so leidenschaftlich geliebte, Weib, nie sein nennen zu können, brachte im Wechsel von Genuß und Qual, von Seeligkeit und Elend, in ihm eine Disharmonie hervor, die den Frieden seines Gemüths und das Glück dieses Verhältnisses vergiftete.
Buri hatte Grundsätze; fromm erzogen, hatte er der Macht der Verführung unterliegen, und die ganze giftige Süßigkeit des ihm gewordenen Rausches auskosten können, ohne das Gefühl für die Immoralität desselben zu verlieren. Er hatte Natalien achten, unbedingt achten gelernt. Wie offen lag oft ihre ganze Seele vor ihm, in Minuten, wo sie an keine Enthüllung derselben dachte! — Sein forschender, geübter Blick drang bis in die geheimste Tiefe derselben, und verzweifelnd fühlte er: ein Fehltritt werde die Ruhe ihres Lebens auf ewig vergiften, und nur ein Teufel könne, von ihr geliebt, dies Herz dem Loose preisgeben wollen, von der giftigsten aller Furien, der Schaam vor sich selber, gebrochen zu werden.
Er achtete sie zu hoch, um ihr die rohen Wünsche seiner Brust je zu verrathen; aber ofttrieb es ihn wie ein Kainsfluch hinweg aus ihrer Nähe, weg von dem Herzen, das ihn liebte, rein und treu, wie Engel ihr Schützlinge lieben.
Was seine Lage noch peinlicher machte, war die Eifersucht, die er empfand, so oft er Natalien in Gesellschaft wußte, und die aus dem Gefühl entstand, daß er, an Feinheit und gesellschaftlicher Bildung weit unter ihr, leicht in einen Mann ihres Zirkels einen ihrer würdigeren Nebenbuhler finden könne. Es war ein eigner Zug in seinem Karakter, daß er alle ihm mangelnden Vorzüge der feinen Erziehung und des guten Tons in seinem geheimsten Bewußtseyn eben so überschätzte, als er sie in Worten, und, wie er glaubte, auch in seinem Sinn, mit der äußersten Geringschätzung beurtheilte. Natalie war jetzt, in ihrem vier und zwanzigsten Jahr, noch sehr reizend. Die Liebe hatte sie verjüngt, und ihr jenen Wiederschein zarter Weiblichkeit zurückgegeben, der magischer wie irgend ein andrer Reiz, die Männer anzieht. Jede Spur von Gefallsucht war aber aus ihrem Karakter verschwunden; sie lebte eigentlich nur für Buri. Doch ihre Verhältnisse und ihr Stand führten sie in Zirkel, zu denen er keinen Zutritt hatte. Ein ungemeßner Stolz und daher entspringendes Aufbäumen gegen allen Unterschied der Stände, war ihm eigen — und jetzt, wo dieser Unterschied desRanges — in seinen Augen ein leeres Fantom — zwischen ihn und die Geliebte trat, die er als sein einziges und eigenstes Glück ansah, für die er alles hinzuopfern bereit war, weil er für nichts mehr Sinn hatte, als für sie — wurde sein Unmuth darüber oft zum unvernünftigen Zorn, oder zur wilden, Natalien verletzenden, Leidenschaft.
Noch hatte sie immer die Macht gehabt, durch ein mildes, freundliches Wort, einen Blick der Trauer oder der Bitte, diesen Sturm beschwören zu können; aber es kam ein Tag, wo sie auch hier an der Gränze ihrer Macht stand, und zum erstenmal einen Blick in sein Herz, diesen gährenden Abgrund wilder Wünsche, that. —
Natalie fühlte sich in dieser Minute nur beleidigt. — Stolz und zornig befahl sie ihm, sie zu verlassen, und ihr Blick sprach ihr Gefühl seines Unwerthes aus.
Sie war für diesen Abend zu einem Ball in der Nachbarschaft geladen, und warf sich noch mit dem bittern, fast hassenden Unmuth des Eindrucks dieses Auftritts, in den Wagen. Aber bald besiegte der Schmerz jede andre Empfindung, und sie erleichterte ihr gepreßtes Herz durch heiße, dem Jüngling geweinte, Thränen.
Buri fühlte, als er sie verlassen hatte, wie sehr er gefehlt habe, und wie er durch diesen Mangelan Maaß, Klarheit und Zartsinn, bei ihr verlieren mußte, und zürnte nun, mit aller der Exaltation, die jetzt in ihm lag und jedes Gleichgewicht zerstörte, gegen sich selbst. Wie Nataliens Wagen, im Vorbeifahren, um die Ecke seines Hauses bog, und sie finster den Kopf wegwandte, um ihn nicht zu sehen, stürzte er in einer fürchterlichen Wallung empörter Leidenschaften, belastet mit dem Gefühl ihrer Verachtung und ihres, wie er glaubte, nie wieder zu versöhnenden Unwillens, hinaus in die stürmische, kalte und nasse Winternacht, und irrte stundenlang fast sinnlos umher.
Natalie kam ungewöhnlich zeitig zu Hause, und wurde von ihrem Mädchen mit der Nachricht empfangen, der Prediger habe eilig zur Stadt geschickt, um den Arzt holen zu lassen; Herr Buri sey plötzlich sehr krank geworden; man habe ihn ohnmächtig in dem kleinen Hölzchen gefunden und ein heftiger Blutsturz drohe seinem Leben Gefahr.
Welch eine Nacht brachte Natalie auf ihren Knieen in den heißesten Gebeten zu! — und nun, in solchen Stunden und den Tagen die ihnen folgten, solche Liebe, solche Angst verläugnen zu müssen vor den Menschen — ach! nur ein Weib kann ganz begreifen, was ein Weib zu leiden vermag! —
Buri rang mehrere Tage mit Tod und Leben. Jugend und eine seltne Fülle kräftiger Gesundheit retteten ihn; aber seine Brust hatte sehr gelitten, und jede nur etwas heftige Gemüthsbewegung konnte, nach dem Ausspruch des Arztes, leicht einen tödlichen Rückfall verursachen.
Sein erster Ausgang war zu Natalien. Als er eines Abends unerwartet so blaß, so sanft, und doch noch so furchtsam, so schmerzlich bewegt, vor sie hin trat und leise, mit Thränen in den Augen, fragte: darf ich Verzeihung hoffen? — da sank sie zum erstenmale freiwillig an sein Herz und umarmte ihn mit heißen, heißen Thränen — und alles, was er gelitten hatte, ward ihm überschwänglich vergolten durch diese Umarmung.
In der Seeligkeit dieses Wiedersehens und dieser Versöhnung, nach gefürchteter Trennung auf immer, empfing Natalie das gefährlichste Geständniß, das ein weibliches Herz empfangen kann. Wilhelm vertraute ihr, um sich zu rechtfertigen, den langen Kampf der stürmischen Glut dieser Liebe und seine jetzige finstere hoffnungslose Resignation, die kein Ende dieses Kampfes vor sich sah, als nur den Tod.
Ein bleiches Entsetzen ergriff Natalien. Sie sah sich am Rande eines Abgrundes, wo ihr nur die Wahl zwischen Tod und Entwürdigung übrigzu seyn schien. Hätte sie ihn geliebt, so hätte sie ihm ihre Hand angeboten; jetzt aber lag dies Anerbieten so weit aus dem Kreise ihrer Ideen, daß ihr die Möglichkeit desselben nicht einfiel. Sie kannte auch seine Ansichten von der Ehe, und wußte, daß er sich in seiner künftigen Frau ein einfaches natürliches Wesen denke, das in keiner Art über ihm, in Hinsicht auf Geist, Kenntnisse und moralischen Werth, stände. Er hielt dies für eine Unnatur, die sich mit Eheglück nicht vertrage. Sie fühlte, daß ihre höhere Bildung jetzt seine Liebe veredle und vermehre; daß er sie aber, bei übrigens gleichen Verhältnissen, doch, um dieser Ursache willen, nie zu seiner Gattin wählen würde, und nur Leidenschaft, nie klare, ruhige Vernunft, ihm den Besitz ihrer Hand als höchstes Erdenglück zeigen könne. Ohne ihr Wissen um diese seine Ansicht, hätte Natalie doch vielleicht von ihrem Herzen, dem jedes Opfer für fremdes Glück Genuß war, und von dem Druck ihrer unverschuldeten Schuld gegen ihn, zu jenem Gedanken hingeführt werden können. Jetzt sah sie aber ihr Verhältniß zu ihm scharf begränzt, und litt bei der Entdeckung, daß es in diesen Gränzen ihn nicht zu beglücken vermöge, und Gift, statt Heil, für ihn geworden sey.
Sie selbst in ihrer eigensten Individualität stand zwischen dem Geliebten und seinem Glücke,und um ihm und ihrem eignen Herzen dies zu vergüten, gab sie alles, was außerdem zu geben in ihrer Macht war. Sie brach allen andern Umgang ab, und zog sich ganz in die stille Einsamkeit ihres Hauses zurück, um nur für Buri zu leben, und ihn, durch die Liebe selbst, mit der Entsagung zu versöhnen. — Aber noch jedesmal ist die Ruhe eines Weibes das Opfer dieses Versuchs geworden.
Ihr Ruf wurde auf das schwärzeste angefochten; sie erfuhr und trug es, im Bewußtseyn ihrer Schuldlosigkeit, für den Liebenden, und um seinetwillen, heldenmüthig. Sie hatte es sich geschworen, kein irdisches Opfer sollte ihr zu groß seyn, um es ihm nicht als Sühnopfer seines Kampfes und seiner Hoffnungslosigkeit zu bringen. Als sie aber auch die stille Mißbilligung inne ward, mit der ihre Hausgenossen, und selbst der alte redliche Prediger, auf dies, sich immer deutlicher aussprechende, Verhältniß blickten, und als sie statt im wiedergewonnenen Frieden, Buri, den Lohn für alle diese, von ihr tief empfundenen, Leiden finden zu sehen, diesen vielmehr immer verworrner und zerrißner werden sah — als dieser Kampf zwischen Leidenschaft und Sittlichkeit immer giftiger in ihm aufgährte, sie sich dadurch immer verletzter — vielleicht auch ermatteter fühlte — da brach ihr Muth. —
An eine würdige, edle, Lösung dieses sie ängstigenden und marternden Verhältnisses, war nicht zu denken. Alle Regel der Sitte, jeder Ausspruch der Meinung, und noch weit gewichtiger, ihre gegenseitige Individualität, war gegen eine öffentliche Verbindung mit ihm, und eben so entschieden war ihr Gemüth mit ungetheiltem Willen, und mit allen seinen Wünschen und Entschlüssen, dagegen, je, ohne bürgerliche Anerkennung dieses Verhältnisses, sein zu werden. Der Friede ihres Innern, die Ruhe ihres Bewußtseyns, die Achtung ihrer Freunde, ihr Ruf, — alles war der Raub dieser Leidenschaft geworden. Für sein Glück konnte sie nichts mehr thun;einOpfer war noch übrig, das, — ihn von sich zu entfernen. Aber der leiseste darauf hindeutende Wink brachte ihn zur Verzweiflung. Hätte sie alle ihre Gewalt über ihn zusammendrängen und benutzen wollen, so hätte sie doch seine Einwilligung dazu erhalten — sie unterließ es, weil es ihr schien, diese Opfer werde ihr allein zu Gute kommen, und weil es nicht in ihrem Karakter lag, grausam sein zu können. —
Nur in weiter Ferne sah sie Rettung für sich: den Tod! — und o wie gerne wäre sie gestorben, hätte sie irgend hoffen dürfen, er werde sie überleben! —
In dieser Stimmung war sie, als August und Elise zum Besuch nach N**** kamen. Seit einem Jahre hatten sie die theure Schwester nicht gesehen; alle ihre Bitten, zu ihnen zu kommen, und sich an dem Anblick ihres Glückes zu freuen, waren unerfüllt geblieben. Sie ahndeten irgend eine verborgene Ursache dieser Weigerung, und Nataliens sichtlich verfallene Gestalt, die trübe Mattigkeit, die an die Stelle ihrer ehmaligen raschen Lebhaftigkeit getreten war, verbunden mit der, unverkennbar schmerzlichen, Rührung, mit der sie von ihr empfangen wurden, überzeugte Beide, sie sey krank, und habe ihnen das aus Schonung verhehlen wollen.
Ach es waren sehr schmerzliche, bittre Thränen, mit denen Natalie ihre Elise an ihr Herz drückte — sie flossen dem verscherzten Glück, ihr ferner Vorbild, Lehrerin, Warnerin, seyn zu können. Rein, und in gewissem Sinn geläuterter und bewährter stand sie ihr gegenüber, und doch mußte sie vor dem himmelhellen Blick dieser Seele voll Unschuld und Liebe beschämt das Auge senken. — Auch regte der Anblick von Augusts und Elisens Glück in Nataliens Busen ein bis jetzt schlummerndes bittres Gefühl auf; Beide waren vereint; sie liebten, sie durften lieben — ihre Pflicht war ihr Glück; ihr Glück ihre Pflicht —aber für Natalien waren die Ansprüche auf dieses Glück für immer verscherzt! sie hatte sie einem Mann geopfert, dessen Karakter ihr keine Entschädigung für das Gefühl verfehlter Bestimmung zu gewähren vermochte —
Natalie hatte, wie erwähnt, fast allen Umgang mit ihren Nachbarn abgebrochen, doch forderte sie August und Elisen dringend auf, diese nicht zu vernachlässigen, und einige schon früher gemachte Bekanntschaften zu erneuern. In ihrer Kränklichkeit fand sie den gewünschten Vorwand, zu Hause bleiben zu können, und benutzte ihn um so lieber, als sie Buris Zusammentreffen mit ihren Geschwistern scheuete, und die Abwesenheit beider ihm die Gelegenheit gab, sie wieder zu sehen.
Es konnte Elisen und ihrem Gatten nicht entgehen, daß, in den mehrsten Fragen nach Nataliens Befinden und dem Grund ihres Zuhausebleibens, die man bei diesen Besuchen an sie that, ein leiser Hohn lag, der beide sehr unangenehm traf, so wenig sie auch seine Ursache zu enträthseln vermochten. Einige Tage nach ihrer Ankunft wurden sie zu einer zahlreichen Gesellschaft eingeladen, unter deren Mitgliedern sich ein Mann befand, der es Natalien nie vergeben konnte, daß sie einst seine Hand ausgeschlagen hatte. Sein tückisches, boshaftes Gemüth hatte Jahrelang auf den Momentder Rache gelauert, und glaubte, jetzt ihn gefunden zu haben. In giftig persiflirendem Tone, fragte er, gegen das Ende der Mahlzeit, als der Wein die Geister feuriger gestimmt hatte, August ganz laut, über den Tisch herüber, ob er schon Glückwünsche zur Verlobung seiner Schwiegerin mit ihrem Schulmeister annähme? — In heißem Jugendfeuer, in edlem Zorn, fuhr August auf — rasch wurden Worte gewechselt, die, nach der gewöhnlichen Ansicht, nur durch Blut versöhnt werden konnten, und man verabredete es, sich am andern Morgen zu treffen.
Natalie war schon in ihrem Schlafzimmer, als ihre Geschwister nach Hause kamen. — Ihre täglich hinfälliger werdende Gesundheit war an diesem Nachmittag durch das Zusammenseyn mit Buri von Neuem schmerzlich angegriffen. Gespannt und gereizt durch die tagelange Entfernung von ihr, hatte er ihr seinen Mangel an Herrschaft über sich wieder einmal recht rauh verletzend gezeigt. Sie fühlte sich an die Gewalt einer fremden Leidenschaft verkauft, die sie nur durch die Schuld, sie gutgeheißen zu haben, theilte, und beweinte ihr Unrecht und ihr Unglück mit den bittern Thränen vergeblicher Reue. Ach, sie ahndete nicht, welch ein neuer, noch größerer, Schmerz, ihrer beim Erwachen harrte!
Elise hatte den Muth, ihren Gatten gefaßt in einen Zweikampf gehen zu sehen, den sie, mit frommer Zuversicht, als ein Gottesurtheil ansah; aber als er am Morgen ruhig, doch ernst, von ihr Abschied nahm, wurde ihr das Herz zu schwer, und sie eilte zu Natalien, um in ihrem Anblick Trost und Beruhigung zu suchen. August hatte von dieser Abschied genommen, als mache er nur einen Spazierritt; doch fühlte sich Natalie von der Ahndung irgend eines Geheimnisses befangen, als er zum Lebewohl ihre Hand so innig an sein Herz drückte, welches in dem Gefühl, er gehe, die Ehre der von ihm angebeteten Schwester, der Schöpferin seines Glückes, der Schutzgöttin seiner Tugend, zu rächen, freudig und stolz schlug — Auch Elisen fand sie, so sehr sich diese auch bestrebte, ganz unbefangen zu scheinen, bewegt und gespannt. Sie drang in sie — diese leugnete — aber es konnte Natalien nach ihren eignen früheren Erfahrungen nicht schwer werden, den Zusammenhang eines Vorfalls zu errathen, der sie, als die fürchterlichste Strafe für das Unrecht, dessen sie sich in ihrem Verhältniß zu Buri immer mehr bewußt wurde, treffen mußte.
Ihre Angst war gränzenlos. Das Athemhohlen unter Henkershand ist vielleicht noch Wollust gegen das Gefühl, mit dem sie jede Minute diesesewigen Vormittags einzeln vorüber schleichen fühlte. —
Endlich, endlich, riß Elisens jubelndes Freudengeschrei sie auf aus dieser fürchterlichen, wort- und thränenlosen Verzweiflung. Er war wieder da, und o Gott! — Sein Gegner war bedeutend, doch, wie man hoffte, nicht gefährlich verwundet; August nur leicht an der Hand verletzt.
Was Natalie so tief fühlte, was ihre Angst so namenlos, ihren Dank so heiß, ihr Selbstgefühl zum unerbittlich strengen Richter machte, war, daß in ihrer Geschwister Herzen auch nicht der Schatten eines Verdachtes, nicht die leiseste Spur von Mißtrauen oder Argwohn gegen sie war. —
Dieser Vorfall machte zu viel Aufsehen, als daß Natalie, ohne die auffallendste Verletzung des Anstandes, ihren bisherigen Umgang mit Buri fortsetzen konnte. Elise drang in sie, mit ihr nach G... zu gehen, damit sie sie dort, unter der Aufsicht eines geschickten Arztes, recht pflegen und warten könne. Natalie fühlte, daß sie es, auch ohne alle Rücksicht auf sich selbst, ihren Geschwistern schuldig war, diese Bitte zu erfüllen.
Sie ließ Buri am Abend zu sich kommen, und legte ihm die ganze Lage der Sachen offen vor, damit er entscheide. Ihre Blässe, ihre Thränen, das gekränkte Ehrgefühl, das sie verbergen wollteund dessen Schmerz doch so unverkennbar hervorbrach, ihre Willigkeit, auch noch jetzt zu bleiben, sobald er es fordre, gaben ihm den Muth, in ihre Trennung zu willigen. Auch war die Entfernung nicht so groß, um ihm die Hoffnung zu rauben, sie wenigstens alle Vierteljahre sehen zu können.
Die Minute des Scheidens kam — so bitter hatten Beide sie sich nicht gedacht! so erschüttert, so zerstört, so vernichtet in herzzerreißendem Schmerz, wie Wilhelm es war, hatte Natalie nie einen Menschen gesehen. Sie litt unendlich, und doch lag in seinen Thränen für sie eine so schmerzliche Wollust, daß ihr Herz sie kaum fassen konnte, ohne zu brechen, und durch sie mit aller Qual dieser Liebe versöhnt wurde. —
In dieser Stunde forderte er ihr ihre Einwilligung ab, sterben zu dürfen, wenn sie aufhöre, ihn zu lieben, oder das Eigenthum eines Andern würde. Aufgelöset in Liebe und Wehmuth sank sie in seine Arme und gelobte ihm vor Gott, das Andenken dieser Stunde mit ihrer Liebe und ihrer Treue in ihrem Herzen zu bewahren, bis es nicht mehr schlagen würde, und nie ein Opfer zu groß zu finden, wenn sie es seinem wahren Glücke, seinem Werthe, bringen sollte.
Am andern Morgen verließ sie N****.