Erster Abschnitt.

Erster Abschnitt.

Mit ungehemmten Flügeln dringenWir jung, als Adler in die Luft —Doch jeder Tag kürzt uns die SchwingenUnd endlich sinken wir gelähmt zur Gruft.E. M. Arndt.

Mit ungehemmten Flügeln dringenWir jung, als Adler in die Luft —Doch jeder Tag kürzt uns die SchwingenUnd endlich sinken wir gelähmt zur Gruft.

Mit ungehemmten Flügeln dringen

Wir jung, als Adler in die Luft —

Doch jeder Tag kürzt uns die Schwingen

Und endlich sinken wir gelähmt zur Gruft.

E. M. Arndt.

E. M. Arndt.

Natalie war die älteste Tochter des Geheimenraths Alberti, der, in einer ziemlich ansehnlichen Provinzstadt Deutschlands, von seinen Zinsen lebte, und ein großes Haus ausmachte. Schon sehr früh kam in das tief empfindende, und fast unauslöschlich bewahrende Gemüth des Kindes der erste Mißlaut, der greller und greller darin forttönte, bis Nataliens ganzes Wesen verstimmt war. Der Vater liebte das Kind außerordentlich; aber die Kleine wandte sich mit unerklärbarer Scheu von ihm. Er durfte sich ihr nicht nähern, als sie noch auf dem Arm der Amme ihr verstandloses, nurvom Instinkt geleitetes Leben führte, ohne daß sie ihm den lebhaftesten Widerwillen zeigte. Erbittert darüber wollte er ihre Neigung erzwingen und ihr — wie viele Thränen und Flüche erzeugte nicht schon dieser, noch bei vielen Eltern geltende Begriff! — den Sinn brechen. Die Ruthe wurde die Zuchtmeisterin Nataliens, so oft sie bei seinen Liebkosungen weinte, und die Wirkung entsprach natürlich dem gewählten Mittel: die Abneigung der Kleinen wurzelte tiefer, und als er sie einst in ihrem dritten Jahre zwang, bei Tisch neben ihm zu sitzen, und bei hundert kleinen Possen, die sie auf sein Geheiß vornehmen mußte, freundlich zu bleiben, erlag die zarte Natur dem unzart angestrengten Geiste, und sie brachte den Rest des Tages in Verzuckungen und Krämpfen hin. Die Mutter, äußerst duldsam und nachgebend, konnte nur von ihrer so schmerzlich aufgeregten Mutterliebe den Muth erhalten, ihrem Gatten Vorwürfe zu machen, die vielleicht jetzt, nach so oft und so lange unterdrücktem Gefühl, zu unfreundlich wurden. Dies, und die eigne unangenehme Empfindung, mit der er, an Nataliens Wiege, den Konvulsionen zusah, die ihren Lebensfaden zu zerreißen drohten, wirkten wie oft im ähnlichen Fall. Das Bewußtseyn des eignen Unrechts wurde Bitterkeit gegen die arme kleine Natalie, die er aus seinemHerzen verstieß. Ihren Platz nahm ein später geborner Knabe ein, dem alle Liebkosungen, alle Vorzüge des Lieblings zu Theil wurden, während Nataliens ungewöhnlich früh sich entwickelnder Geist den Druck unverdienter Strenge und Härte erleiden mußte. Die Mutter suchte ihr dies heimlich und verstohlen durch innigere Liebe zu ersetzen, ob sie gleich in Gegenwart ihres Mannes das Kind kaum zu beachten schien. Unbeschreiblich tief wurde das junge Gemüth hiervon ergriffen, und der trübe Anklang, den es in Natalien weckte, tönte durch ihr ganzes Leben fort.

In ihrem vierten Jahre wurde sie zu einer alten Demoiselle in die Schule geschickt, die keine andre Hülfsmittel des Unterrichts kannte, als die Fibel und Luthers Catechismus. Die Bequemlichkeit der Mutter, die es lästig fand, das Kind zu Hause zu beschäftigen und zu hüten, und keine Ahndung davon hatte, daß es auch in der Schule schlecht aufgehoben seyn könne, spannte die Kleine in dies Joch. Trotz der erbärmlichen Anweisung, lernte sie in acht Wochen fertig lesen, und diente nun der pädagogischen Eitelkeit der Erzieherin zum Spielwerk. Aber so wie die Leidenschaftlichkeit ihres Gemüthes, durch das Gefühl unverdienter Härte und unschuldig erduldeten Wehes im elterlichen Hause, aufgeregt wurde: so wardjetzt in der Schule ihre Phantasie zu einer noch verderblichern Thätigkeit gereizt. Von den sechs Stunden, die sie täglich in einem kleinen, engen Zimmer zubringen mußte, war nur eine dem Hersagen ihrer Lektion und dem Lesen ihrer Blattseite bestimmt. Die übrige Zeit mußte sie unthätig und still sitzend, mit der Fibel in der Hand, zubringen. Nur das rege Spiel ihrer Phantasie vermochte diese Stunden auszufüllen, und zu diesem Nachtheil gesellte sich später noch der des vielen Auswendiglernens von Gesängen und Sprüchen, welches, da sie dem Gelernten keinen Sinn geben konnte, ihrem Gedächtniß die gefährliche Fähigkeit erwarb, auch unbegriffen zu fassen und zu bewahren.

Unter diesen Umgebungen wurde der sanften Psyche bald die Mondscheindämmerung der ersten, süßen Kindlichkeit entrissen, ein Verlust für das innre Leben, der auch der Matrone noch fühlbar bleiben muß. Natalie erfuhr in diesem Zeitpunkt, als Grund der Abneigung ihres Vaters ihre frühere Antipathie gegen ihn, und diese Unnatur legte sich wie eine Schuld auf die junge Seele. Sie glaubte, nun seine Härte zu verdienen, und duldete sie mit sanfter Ergebung, die aus der Innigkeit hervorging, mit der sie sich seit dieser Entdeckung an den Vater hing. Aber eben diese Liebe machte sie gegen sein hartes Zurücktreten doppelt empfindlich.Oft fiel sie in einem einsamen Moment ihrer Mutter, die sie unaussprechlich liebte, weinend um den Hals. Diese verstand sie nicht, ließ dies unbemerkt hingehen, oder nannte ihr Weinen wohl gar Unart. Viel Güte mußte aber die Natur in Nataliens Herz gelegt haben, weil sie, so von allen Seiten gepreßt, doch unverstockt und weich, und sogar gegen den vorgezognen Bruder, dem sie ein willenloses Spielwerk seiner Unarten seyn mußte, liebevoll blieb. Nur eine sonderbare Verschlossenheit, und eine für ihr Alter ungewöhnliche Tiefe und Leidenschaftlichkeit der Empfindung kam in sie.

So ward sie sechs Jahr.

Eines Tages wurde sie wegen einer zerrissenen Schürze von ihrer Mutter bestraft. Der Vater trat unerwartet ins Zimmer, und, ohne sich nach der Ursache zu erkundigen, entriß er der Mutter die Ruthe, und schlug unbarmherzig auf das zu seinen Füßen nur noch winselnde Kind los. Empört fiel ihm die Mutter in den Arm und während er sich von ihr loszumachen, und sie aus dem Zimmer zu drängen strebte, floh die arme Natalie zum Fenster — und stürzte sich, vor den Augen der Eltern, aus dem zweiten Stock des hohen Hauses, auf die Gasse hinab.

Ein Wunder erhielt sie unbeschädigt, aber diefeineren Lebenstheile hatten durch die heftige Erschütterung gelitten und sie fiel in eine lange, gefährliche Nervenkrankheit. Ihr Vater schwur der Mutter, Natalien nie wieder zu züchtigen und ihr die Erziehung derselben allein zu überlassen; allein mit diesem Schwur war ihr auch der Vater ganz verloren. Nie vergab er ihr die Empfindung, mit der er sie für todt von der Straße aufgenommen und der Mutter entgegengebracht hatte.

Noch vor Weihnachten warf sie jene Krankheit nieder, und als sie zum erstenmal wieder von ihrer Mutter, die sie mit der treuesten Zärtlichkeit pflegte, an die Luft getragen wurde, standen die Pfirsichbäume des Gartens hinter dem elterlichen Hause in voller Blüthe, und die Sonne lächelte das kleine Wesen aus dem blauen wolkenlosen Frühlingshimmel freundlich und erquickend an. Nie vergaß Natalie dieser Stunde. —

Kann aber der Mensch hienieden schon getröstet und freundlich einig mit dem Leben werden, wenn er als Kind solche Thränen weint? — Natalie wenigstens ward es nie. —

Sie genas; aber eine große Nervenschwäche blieb ihr zurück, und von der Schönheit, welche sie, vor dieser Krankheit, unter allen Kindern der Stadt auszeichnete, sah man keine Spur mehr. Lange noch mußte sie aus Schwäche auf Krückengehen und über ein halbes Jahr blieb sie völlig taub. So, von jeder Freude, jedem Spiel der Kindheit geschieden, öffnete sich ihr in der Lectüre eine neue Quelle des Genusses. Ihre Eltern lebten rauschend gesellig, sahen viel Gesellschaft in ihrem Hause und waren noch öfter abwesend. Die Mutter konnte, wenn sie auch gewollt hätte, diese Lebensweise nicht ändern, und da Natalie nicht auf dem gemeinschaftlichen Kinderzimmer bleiben konnte, räumte man ihr ein kleines Stübchen ein, dessen Fenster auf einen nur sechs Ellen großen Hof gingen, gab ihr ein eignes, altes, treues Mädchen zur Pflegerin und überließ sie so sich selbst. Ihren Vater sah sie in diesem kleinen Stübchen nie; ihre Mutter alle Tage mehreremale, aber außer ihrem Arzt weiter keinen Menschen. Ach, die gute Mutter brachte ihr fast täglich etwas, woran sie sich freuen sollte, und das leidende Kind war ihrem Herzen näher denn je. Das einzige, was Natalie liebte und forderte, waren Bücher. Sie erhielt deren, so viel sie wollte, aus einer Leihbibliothek, und keiner bekümmerte sich darum, was sie las.

Unersättlich gab sie sich diesem Genuß hin, der ihr eine Welt neuer Bilder zuführte, und in dieses so reizbare, so unnatürlich aufgeregte und verletzte Gemüth zogen nun die Heroenbilder der griechischen und römischen Welt ein. Ihr Innereserhob sich in der Begeisterung für diese Gestalten, die ihr nicht fremdartig erschienen; aber sie lernte sie nicht aus Schriften kennen, die für ihr Alter berechnet waren, und so traten die Gräuel entarteter Menschheit, Laster und Verbrechen in einem Zeitpunkte vor sie hin, wo der jugendlichen Seele noch alles als reizende Dichtung erscheinen soll, aus der sich dann später die Blüthe des Ideals entwickelt. Für Natalien hatte das Ideale dieser Heroengestalten der Vorwelt auch noch den Nachtheil, daß es ihren Sinn für einfache Güte und schimmerlose Tugend schwächte und sie später oft verleitete, Extravaganz mit Größe, Ungewöhnlichkeit mit Originalität zu verwechseln. Alle ihre Gedanken und Empfindungen nahmen eine hohe, stolze, begeisterte Gestalt an, weil sie glaubte, nur so könne und müsse die Tugend sich äußern.

Nach ihrer gänzlichen Wiederherstellung sandte man sie in eine französische Schule. Auch hier ward Prunk mit ihr getrieben, da sie schon nach Verlauf von vierzehn Tagen richtig las, und ihre Mutter erfuhr nun, daß Natalie ausgezeichnete Geistesanlagen habe. Eifrig sorgte sie jetzt für Lehrer aller Art, und zweifelte keinesweges, daß sie ihrer Tochter nicht allein eine glänzende, sondern auch eine Erziehung gebe, die, nach ihrer Ansicht, nichts zu wünschen übrig ließ.

Auch jetzt in der Schule blieb Natalie sehr einsam. Alles, was sie umgab, drängte sie mehr in sich selbst zurück, und sie versank so in die innre Welt ihrer dämmernden Phantasieen und Träume, daß die Erscheinungen der äußern unbeachtet an ihr vorüber glitten. Alle ihre Freistunden füllte Lektüre aus, und ihr Kopf wurde ein wahres Chaos von dichterischen Ideen und einzelnen wissenschaftlichen Notizen. Ihr Gedächtniß faßte ungeheuer viel, und bei allem, was sie las, dachte sie an ihr künftiges Leben und suchte es darin zu verweben. So war sie nur noch an Jahren Kind, aber ihrer Phantasie, ihrem Herzen, ihrem Gemüthe nach, ein sechzehnjähriges, tieffühlendes Mädchen. Schwärmerische Religiosität und eine stille elegische Wehmuth waren die Grundtöne ihres Wesens, mit denen eine trübe, namenlose Sehnsucht innig verschwistert war. Die vielen Romane die sie las, vorzüglich Lafontaines Werke, die sie in diesem Zeitpunkt allen andern vorzog, machten sie frühe mit dem Glück und mit der Gewalt der Liebe bekannt, und der tägliche Besuch des Schauspiels vermehrte noch das Unheil, das ihr unausbleiblich aus dieser vorzeitigen Kenntniß erwachsen mußte. Einzig in den Träumen ihrer Phantasie lebend, entfremdete sie sich ganz der Wirklichkeit, und bald gelang es dieser Zauberin, ihr eignes Leben, dasdrückende Verhältniß zu ihrem Vater, die verstohlne Liebe der Mutter, mit einem Kolorit auszuschmücken, dessen Reiz ihr Ersatz für die Bitterkeit desselben wurde. So verlor sie schon als Kind die Wahrheit der ersten Gefühle an leere Phantasieen, die sie auf die Gränzlinie führten, wo ein dichterisches Leben sich von der Wahrheit scheidet, mit der es vereint bleiben muß.

Ihr Vater nannte sie seit jenem Sprung aus dem Fenster nie wieder Tochter — nie hörte sie seit jenem Tage ein freundliches Wort von ihm; kaum seine Hand durfte sie küssend berühren, und noch nie hatte sie erfahren, wie es sich in Vaterarmen und an einem Vaterherzen ruhen lasse. Bei Tische nur sah sie den ihr allein Unfreundlichen, der gegen seinen Sohn und die kleine Elise, ihre Schwester, der liebevollste Vater war. Alle ihre Bedürfnisse erhielt sie aus der Hand ihrer Mutter, und wenn der Vater Spielzeug oder Näschereien kaufte, war Natalie nie mit in der Austheilung begriffen. Sie war ausgestoßen aus dem Kreise seiner Kinder, und ihr Herz wurde unter dem Schmerz dieses Gefühls so weich, daß alles sie verletzte. Sie glaubte sich von keinem geliebt; selbst die Zärtlichkeit ihrer Mutter schien ihr nur Mitleid, und der Glaube an Menschenherz, den Kinder so rein und ungetheilt haben, war ihr fremd. Die Furcht, zurückgestoßenzu werden, machte ihr jede Annäherung unmöglich, und ihr schüchternes, oft für Einfalt gehaltenes Wesen, ihr gänzlicher Mangel an Kindlichkeit und an jugendlicher Lebhaftigkeit, zog auch nicht zu ihr hin. Aber wo ihr ein Laut der Liebe, eine Miene milden Wohlwollens entgegen kam, da hing sie sich denn auch, fast immer unerrathen von dem Gegenstande, mit unaussprechlicher, leidenschaftlicher Innigkeit an. Diese fand sie nie erwiedert, und so grub sich das schmerzliche Gefühl des Allein- und Verlassenseyns immer tiefer in das jugendliche, verstimmte Gemüth, das keinen andern Trost hatte, als sich in seiner eignen Tiefe immer heißer zu schmerzlichen Gefühlen aufzureizen.

Aber auch im äußern Leben ward sie nur zu oft unzart angefochten. Ein Beispiel davon werde aus vielen hier angeführt.

Ihr Vater kaufte ein nur wenige Meilen von seinem Wohnorte gelegenes Gut. Es wurde verpachtet, doch mit dem Vorbehalt, daß die Familie jeden Sommer einen Monat dort leben wolle. Natalie liebte, wie fast alle jungen Leute, das Landleben, das sie bis dahin nur aus Dichtern kannte, und der erste in P.... verlebte Monat wurde der glücklichste ihres Lebens. Das Gut hatte eine sehr angenehme Lage am Ufer eines mit Holz bekränztenSees, und dieser Aufenthalt wurde für Natalien zur Quelle eines ihr ganz neuen Genusses, der ihr Herz mehr befriedigte, sie stiller und in sich heitrer machte, als Alles, was ihr bis dahin geboten war. Weinend schlich sie am Morgen der Abreise im Garten umher und küßte verstohlen die Blätter und Blumen der Gänge und Lauben zum Abschied. Mit jedem Monat wurde in der Stadt das Bild der zu P.... verlebten Zeiten in ihrer Seele heller und mit froher Sehnsucht erwartete sie im folgenden Jahre die Reise dorthin. Der Sommer kam und mit der ersten kindlich frohen Empfindung ihres Lebens hörte sie den Tag zur Abreise bestimmen und sah die Koffer packen. Der Wagen fuhr vor — alle waren schon eingestiegen; nur Natalie stand noch am Schlage, als der Vater ganz unerwartet das harte Wort sprach: sie soll nicht mit! Ins Auge der Mutter stieg eine Thräne. Natalie fühlte sich durch diesen despotischen Befehl ängstlich beklemmt — ohne jene Thräne der Mutter wäre ihr Herz daran versteinert. — Jetzt trat sie mit der unbeweglichen Miene, die ihr den Augen des Vaters gegenüber, die lange Uebung, ihre Gefühle zu verschleiern, gegeben hatte, nur näher, um mit stummer Unterwürfigkeit seine Hand zum Abschied zu küssen. Doch als sie sich nun zur Mutter wandte und in ihrer innigen, wehmüthigenUmarmung fühlte, wie weh dem Mutterherzen war, wurden ihre Augen naß — schnell rollte der Wagen fort und Natalie blieb von der ganzen Familiealleinzurück. — O wie schwer legte sich das eiserne Gewicht dieses grausamen Wortes auf ihr Herz! — Ihr Gefühl war zu bitter für Thränen, und das mitleidige Bedauern der Dienstboten verhärtete sie noch mehr, weil sie sich dadurch gedemüthigt fühlte. Als ihre Mutter ihr aber am folgenden Tag durch einen Boten ihre mit eingepackten Kleider und zugleich Geld zu einem Dutzend Comödienbillets sandte, erweichte sie dies Zeichen der Liebe und der Theilnahme, und sie weinte viel. Die gute Mutter that noch mehr; zu klug, um Natalien offne Mißbilligung des väterlichen Betragens zu zeigen, schrieb sie an eine ihrer Freundinnen und bat sie, sich der Kleinen während ihrer Abwesenheit anzunehmen. Diese kam und fand Natalien in dem einsamsten, verstecktesten Winkel des Hauses, still weinend. Vor dem Anblick der fremden Gestalt stockten Nataliens Thränen, — aber der milde, tröstende Ton der fremden Stimme zersprengte die Hülle der tiefen Verschlossenheit, die gewöhnlich das wunde Herz der armen Kleinen deckte, und sie weinte sich an den fremden, theilnehmenden Herzen recht sanft aus. Aber keine Klage, kein Vorwurf kam über ihre Lippen — sie hattenur Thränen, die aber noch lange noch viele Jahre nachher, schmerzend bei dieser Erinnerung flossen.

Das erste Wiedersehn der Mutter und Tochter, bei der Rückkehr vom Lande, war rührend. Die Ungerechtigkeit des Vaters, und das monatlange Entbehren des geliebten Kindes, machten die Mutter muthiger, ihre Liebe für Natalien zu zeigen, deren dankbares Herz dieser erhöheten Zärtlichkeit einen Werth gab, der ihre eigne Liebe zur heißesten Schwärmerei erhob. Auch ihre Schwester Elise wurde ihr immer theurer. Sie trennte sich wenig von ihr, und ob gleich sie selbst nie mit einer Puppe gespielt hatte, nähte sie doch jetzt häufig und viel für die Puppe der Schwester. Dabei lehrte sie sie lesen und erzählte ihr Geschichten, die sie für das Alter der Schwester artig und faßlich einzukleiden wußte. Auch war ihr die Kleine fast ganz übergeben, und Mutter und Wärterin ruhig, wenn sie sie unter ihrer Aufsicht wußten.

Bis zum eilften Jahr rang Natalie noch mit der von ihrer Krankheit zurückgebliebenen Nervenschwäche; aber da entfaltete sich ihr bis dahin verspäteter Wuchs so schnell, daß sie in Jahresfrist ihre, das Mittlere übersteigende, Größe erhielt. Man glaubte sie nun nicht länger wie ein Kind ansehn und behandeln zu dürfen, und ihre Mutterbeschloß, sie confirmiren zu lassen, wodurch sie nach der noch bestehenden Sitte ihrer Vaterstadt, gesellschaftsfähig wurde, da bis zu diesem Zeitpunkt die jungen Mädchen strenge von allen öffentlichen Vergnügungen und großen Gesellschaften ausgeschlossen sind. Natalie ward also dem Prediger vorgestellt, dessen Religionsunterricht sie, gemeinschaftlich mit den andern Catechumenen, einen Winter lang besuchen sollte. Der religiöse Anklang ihres Innern hoffte hier Nahrung zu finden, und fand sie. Was ihr gepredigt ward, war streng orthodoxe Glaubenslehre, deren Mystizismus Natalie aber wie Poesie ergriff. Von dieser Seite war sie noch unangefochten, unschuldig und selig wie ein Kind. Auch lag eine religiös-moralische Tendenz tief in ihrem Gemüthe. Sehr früh fing sie an, sich zu beobachten, zu prüfen und nach dem Einen, was ihr Noth schien, zu streben. Mystik und Glaube waren so durch alle Adern ihres Gemüths gegangen, daß man sie nicht von diesem lösen konnte, ohne es unheilbar zu verwunden, und auch hier trat jetzt ein feindseliges Wesen zu ihr, und führte sie aus den Blumengefilden ihres lebendigen Glaubens in die Wüste einer todten Speculation. Diese Religionsstunden besuchte mit Natalien die Tochter eines sehr angesehenen Kaufmanns, Emma Busch. Die beiden Mädchen kannten sich bis zu diesemZeitpunkt wenig, kamen sich aber jetzt näher, und Natalie, deren Weg zum Hause des Predigers bei Emmas Wohnung vorbei führte, holte diese gewöhnlich ab. Hier lernte Emmas Vater sie kennen. Dieser, ein Spötter alles Heiligen und Schönen und der Apostel einer Lehre, die alles frech verlacht, was die Farbe eines tieferen und seligeren Lebens trägt, fand Natalien mit ihrem sinn- und geistvollen Blick und ihrem, zu ihrem Alter so wenig passenden, trüben Ernst, so auffallend, daß er sich ihr näherte. Emma theilte ihm einige Aufsätze mit, worin Natalie niedergelegt hatte, was sie von den Lehren des Predigers in ihrem Herzen bewahrte, und er fand in ihnen eine so feste Zuversicht des Unsichtbaren, ein so sehnsuchtvolles Ergreifen des Ueberirdischen, eine so liebevolle Schwärmerei für jedes Gebot der Glaubenspflicht, daß es ihm der Mühe werth erschien, den Geist und das Herz, dem sie entflossen, näher kennen zu lernen. Emma bat jetzt, von ihm geleitet, Natalien häufig zu sich; der Vater gesellte sich oft auf dem einsamen Zimmer der Tochter zu ihnen und fand Mittel, Natalien zum Reden zu bringen. Ihre Religiosität hatte sie ihm in einem fast lächerlichen Lichte gezeigt und nur die Sonderbarkeit der Erscheinung ihn angezogen. Jetzt lernte er ihren Geist und die mannigfaltigen Kenntnisse, die sie so spielend eingesammelthatte, daß sie selbst sie für höchst unbedeutend hielt, achten, und bedauerte, daß diese nur für den Aberglauben wuchern sollten. Großmüthig beschloß er, sie aufzuklären und sie für sein System und seine Philosophie des Lebensgenusses anzuwerben.

Der Spott, mit dem er jetzt das Heiligste angriff, das gutmüthige Bedauern, daß sie mit ihrem, hellerer, höherer Erkenntniß so fähigen Geiste, auf einer Bahn wandle, wo sie nur den Pöbel der Geisterwelt zu Gefährten habe; die Zuversicht, mit der er behauptete, sie werde sich früher oder später von dieser geistigen Unmündigkeit lossprechen und sich den denkenden Menschen aller Nationen zugesellen, die es ja einstimmig schimpflich fänden,zu glauben, wo die Vernunft zuwissenfordre, erregten bald in Nataliens Gemüth — dessen Selbstständigkeit noch nie der Beifall eines geachteten Menschen weckte — eine Zwietracht, die Busch künstlich nährte und immer giftiger machte. Eine leise warnende Stimme trieb sie von ihm hinweg; aber sein Witz, sein glänzender Geist, und die Anerkennung des ihren, die er zuerst ihr zeigte, zogen sie immer wieder zu ihm, der ihr jene warnende Stimme bald als Stimme des Vorurtheils verdächtig zu machen wußte. Frech zerriß er den Isisschleier, der das Heiligste im Menschen, die Mystik, deckt — wie eine Leiche zergliederteer ihr ihren frommen Wahn und vertröstete sie, bei ihren bangen Zweifeln und Klagen, bei ihrem Ringen nach Wahrheit, immer auf das helle Sonnenlicht, das dieser Nacht, in die er sie hinabstieß, folgen sollte.

Lange und schmerzlich kämpfte sie gegen diese neue Lehre; aber allmählig erkaltete ihr Herz gegen das Wesen, das nur noch in ihrem Begriffe wohnen sollte, und gefühllos seelig blieb, wenn die Kreatur hienieden verging in unnennbarem Schmerz. Sie erlaubte sich jetzt ein System, dem der edle Ernst einer strengen Pflichterfüllung einwohnte; aber mit dem Glauben verlor diese Pflicht ihre Huld, und die Tugend wurde ihr zu einer strengen Disciplin, die keine freie, freudige Uebung des Schönen duldete. Sie hatte dieses — wie es in ihrem Alter auch sein soll — bis jetzt mehr begeistert empfunden, als geistig begriffen, und es war noch nicht durch ihr ganzes Wesen gegangen, um sich unzertrennlich mit ihm zu verbinden. Daher hatte später ihr Gemüth einzelne lichte Punkte, ihr Karakter treffliche Seiten; aber dem Ganzen fehlte Einheit und Harmonie. Von frühster Jugend an verworren und angefochten durch alles, was sie umgab, trat jetzt in einem für ihre innere Bildung entscheidenden Zeitpunkt, Busch zu ihr, und was er ihr als die Lehre einer neuen geistigen Offenbarunggab, trennte die Hauptkräfte ihres Gemüthes; ihre Seele floh verschüchtert zurück, und der Geist eignete sich, der Natur entgegenstrebend, die Natalien bestimmt hatte, schöner in ihrem Herzen als in ihm zu leben, fast ausschließend ihre fernere Bildung zu. Wo in den nächstfolgenden Jahren Kindlichkeit und Wahrheit in ihr aufgingen, war es als wehmüthiger Anklang einer Zeit, die sie nie klar genossen hatte.

Dieser Gang ihrer Bildung zog sich durch viele Jahre verderblich fort, und traf mit den Begebenheiten ihres äußern Lebens zusammen, deren Faden wir hier wieder aufnehmen müssen.

Das Osterfest kam und mit ihm der Tag ihrer Einsegnung. Tief erschüttert legte sie in der Kirche, an der Spitze von achtzig jungen Mädchen, im Namen aller, ihr Glaubensbekenntniß öffentlich ab, und sank fast ohnmächtig zu den Füßen des Predigers, als er ihr das Gelübde abforderte, im Leben und im Tode einer Lehre treu zu bleiben, die Ihr ein Gewebe von Pfaffentrug und Pfaffenwahn zu seyn dünkte, und deren wahrhaft göttlichen Geist sie nicht von den ihn umhüllenden und verdunkelnden Menschensatzungen zu sondern wußte.

Derselbe Abend war bestimmt, sie in die geselligen Zirkel ihres Wohnortes einzuführen. Ihre Mutter fuhr den Nachmittag mit ihr Visiten zu machenund am Abend in eine sehr zahlreiche Assemblee. Hier trat nun die kaum vierzehnjährige Natalie in einen Zirkel von Mädchen, deren fast keins unter sechszehn Jahr war, und von Jugend auf mit dieser Lebensweise vertrauter und bekannter denn sie, sich darin leicht, wie in einem angemessenen Element, bewegten.

Natalie dagegen verstand nichts schlechter, als die Kunst zu figuriren. Die Welt und der sogenannte Weltton waren ihr nicht fremd; sie kannte beide aus ihren Romanen ziemlich richtig; aber die Befangenheit der jugendlichen Schüchternheit lag auf ihr und genirte sie in allem. Ihr Herz zog sie zu keinem von diesen Menschen hin; es waren ihr Gestalten aus einer ihrem Sinn fremdartigen Welt, und keine Glanz- und Gefallsucht reizte sie, sich ihnen gleich stellen zu wollen. So blieb sie, von den Herren unbemerkt, von den jungen Mädchen für einfältig, oft auch für stolz gehalten, allein, und nur bejahrte Männer sah man zuweilen im freundlichen Gespräch mit ihr, so wie auch manche ältere Frau für sie das Lob eines guten, bescheidenen Mädchens hatte.

Die Liebe hatte von jeher eine zu wichtige Rolle in den Träumen ihrer Phantasie gespielt, als daß sie jetzt nicht unwillkührlich unter den jungen Männern nach einer Aehnlichkeit mit ihrem Idealhätte umherblicken sollen. Aber keiner kam ihm nahe, und sie war zu stolz, einem Manne gefallen zu wollen, den sie nicht ganz vorzüglich achtete. Natürlich fand sie, unter diesen Umständen, das gesellige Leben sehr fade, und zog sich bald, soviel als möglich, in ihre stille, geliebte Einsamkeit zurück, die ihr der gehaltvollern Freuden so viele bot. Nur Konzerte und Schauspiele versäumte sie selten. Wie musterhaft sie aber selbst das Pianoforte und die Harfe spielte, wie kunstmäßig ausgebildet ihre schöne Kontra-Altstimme war, wußte, ihre Lehrer ausgenommen, niemand, da sie vor ihren Eltern, die selbst nicht musikalisch waren, und vor Fremden, höchstens einen leichten Tanz, eine gewöhnliche Arie, spielte und sang. Musik, Lectüre, Malerey, feine weibliche Handarbeiten und der Unterricht ihrer Schwester, deren einzige Lehrerin sie in diesem Zeitpunkt war, füllten ihre Zeit so angenehm aus, daß sie die Stunden verloren achtete, die sie der Gesellschaft opfern mußte. Ihre Rolle darin wurde ihr bald so langweilig, daß sie sich den Spielparthien anschloß, weil ihr diese Art der Langeweile noch die erträglichste zu seyn schien. Ihre Mutter überließ sie in der Wahl ihrer Lebensweise und ihres Umgangs ganz sich selbst, und lernte sie immer mehr lieben und achten. Der Vater blieb kalt und fremd gegen sie, und mancherschmerzliche Auftritt zog noch durch ihr Leben; doch die Hofnung, durch Liebe, Treue und Gehorsam früh oder später noch seine Abneigung zu besiegen, stärkte nicht allein ihren Karakter, sondern erhielt auch ihr Herz weich und liebevoll.

Um diese Zeit starb ihr Bruder Georg, mit dem sie in den letzten Jahren recht freundlich zusammen gelebt hatte. Sie hatte sein Krankenbette nicht verlassen, ob er gleich an einem sehr bösartigen Fleckfieber darniedergelegen und der Arzt dringend ihre Entfernung gefordert. Der Gedanke und das Bild des Todes waren ihr nicht fremd; seit frühster Jugend hatte sie es oft liebend angeschaut — aber diese Zuckungen des entfliehenden Lebens, dieser verzerrende Kampf der Krankheit, eh’ er, der sanfte tröstende Genius, die Bande löset, die die Seele an den Körper fesseln, war für sie neu und schreckensvoll. Doch nur tief empfindend, und durchaus nicht empfindelnd, hielt sie bis zur letzten Minute bei ihm aus und ihre Lippen küßten sein entfliehendes Leben auf.

Der Ernst in ihrem Wesen wurde durch diesen Verlust und durch den Eindruck der bei ihm einsam zugebrachten Sterbestunde, wo die Nachtlampe matter und matter aufloderte, wie sein Röcheln leiser und leiser wurde, dann mit ihm zugleich erlosch und sie ohnmächtig bei dem Todten niedersank,noch finstrer, und sie verlor das Vertrauen zu den Menschen ganz, als sie sich mit ihrer Trauer verspottet fühlte.

Ihre Eltern besaßen nicht fern von dem Kirchhofe, wo Georg ruhte, ein Gartenhaus. Natalie hatte dort schon öfter einige Tage, allein mit Elisen und ihrem Mädchen, zugebracht, und that es auch jetzt, weil sie gerne einmal in früher Morgenstunde das Grab ihres Bruders einsam besuchen wollte — und giebt es auch einen schönern, beruhigendern Anblick, als der Aufgang der Sonne über den Gräbern unsrer Geliebten? — Auch Natalien ward hier eine ernste Stunde, voll erhebender Blicke über das Grab hinaus, voll reiner treuer Vorsätze für ein Leben, das sie nur zu lieben vermochte, wenn sie fühlte, es heilige sie für ein höheres. Tiefes wahres Gefühl zog sie auf ihre Knie nieder; sie betete innig und fühlte sich wieder in der hellen leichten Welt ihres früheren Glaubens einheimisch.

Zu ihrem Unglück hatte sie Zeugen gehabt. Einige junge Wildfänge, die eine Brunnenkur so früh herausgelockt hatte, sahen durch die Thorgitter des Gottesackers ihr weißes Gewand schimmern; neugierig schlichen sie näher und sahen Natalien nun weinen, niederknien und beten. Nach vier und zwanzig Stunden war diese Erzählung zur lächerlichenBurleske verdreht, in Jedermanns Munde. Nataliens gegen den Schein des Lächerlichen krankhaft empfindliche Seele würde dadurch gekränkt worden seyn, hätte sie nicht auch von ihrem Vater die bittre Weisung erhalten, solche Narrheiten künftig zu unterlassen, und ihre Familie nicht, wie sich selbst, durch ihre Romanenstreiche zu prostituiren. —

O wie verschüchtert, wie blöde und geängstet, floh ihre Seele nach solchen Auftritten in ihre Verborgenheit zurück! — wie scheu und sorgsam verhüllte sie ihr Herz, das so tief fühlte, wie einsam und ungeliebt es auf der Erde sey und doch mit der leidenschaftlichsten Schmerzenssehnsucht an dem Ideal eines Wesens hing, in dessen Schutz sie sich zu einem freudigeren Seyn hätte aufrichten können und mögen! —

Der einzige Umgang, für den sie Interesse bewahrte, war das Buschische Haus. Sie verbarg jetzt dem Vater auch ihr Gemüth und ihr innres Leben, da ihr eine geheime Stimme sagte, er werde sie damit nur verhöhnen; aber gern und willig traf sie mit ihm im Umtausch geistiger Ideen zusammen. Die Tochter Emma bildete sich nach und nach zur feineren Kokette, und war auch ohne allen höhern Anklang. Ihr Verhältniß zu Natalien war jenes, das man so häufig unter jungen Mädchendieses Alters findet, und das oft Freundschaft genannt wird, so wenig es auch auf diese Benennung Anspruch machen kann, da es nichts als flüchtiges, jugendliches, aus dem öftern Zusammenseyn entstandenes Wohlwollen ist, dem in der Regel nicht die geringste Aehnlichkeit des Geistes und des Herzens zum Grunde liegt. Auch galt dies Verhältniß Natalien für nichts mehr, als was es wirklich war, bis sich ihm ein Interesse andrer Art zugesellte. —

Emma war die einzige Tochter ihrer reichen Eltern und seit früher Jugend von ihrem Vater seinem SchwestersohnRudolph Holmbestimmt, damit das Vermögen hübsch in der Familie bleibe. Rudolph hatte vor acht Jahren seine Vaterstadt als ein sehr fähiger talentvoller Jüngling verlassen, um sich auf Universitäten und Reisen für seine künftige Bestimmung als Arzt auszubilden. Bei seiner Abreise versprach ihm Busch Emmas Hand, wenn er sich durch seine Kenntnisse und seine Aufführung derselben werth machen werde, und nahm es über sich, als künftiger Vater, jetzt schon zu seinen Studien-Kosten beizutragen, da Rudolph nur ein sehr mäßiges Vermögen besaß. Dankbarkeit, Erinnerung an Emmas aufblühende Reize, die er als zehnjähriges Kind bei seiner Abreise verlassen hatte, und die Aussicht auf den Besitz ihresgroßen Vermögens, machten ihm mit jedem Jahr den Gedanken dieser Verbindung lieber. Nicht so Emma, der sein Bild ganz fremd geworden war und die in ihm nur das Hinderniß einer Verbindung mit ihrem Geliebten, dem Hofrath M... sah. Jetzt, da die Zeit der Zuhausekunft Rudolphs sich nahte, bat er ihren Vater um Erlaubniß, mit seiner reizenden Cousine Briefe wechseln zu dürfen, und Emma erhielt nun einen Brief, der zu ihrem gehaltlosen Wesen und zu ihrem ungebildeten Geiste einen, ihr selbst fühlbaren, Contrast bildete. Sie theilte ihn Natalien mit, und da diese sich durch den Geist, der daraus sprach, eben so angezogen wie Emma abgeschrecket, fühlte, so ließ sie sich nicht lange bitten, dieser bei der Antwort zu helfen. Die Hülle eines fremden Namens schützte sie vor der schüchternen Verlegenheit, mit der sie unter ihrem eignen auftrat, und Rudolph fühlte sich lebhaft von dem geist- und gefühlvollen Wesen angezogen, das sich ihm im Spiegel dieser Briefe zeigte, die Natalie bald ganz allein schrieb und Emma nur kopirte. Die Zartheit des Verhältnisses zwischen Rudolf und dieser, gestattete für allesKünftigenur leise Andeutung, und so berührten seine Briefe nur Gegenstände der Kunst, der Litteratur und der Natur Italiens, wo er sich eben aufhielt und von wo er nach St. zurückkehrensollte. Natalie begleitete ihn in ihren Antworten auf allen seinen Wanderungen durch dies Land der Herrlichkeit, und welcher Anklang auch dort durch Kunst, Natur und Vergangenheit in ihm geweckt wurde, immer wurde er von ihr verstanden und traf auf Sinn und Gefühl für das, worüber er sich entzückt, gerührt, begeistert, gezeigt hatte. Er lernte so ihren gebildeten Geist und ihre Kenntnisse kennen, wie ihm die elegische Stimmung, mit der sie ihn vorzüglich gerne zu den Ruinen versunkner Größe und den Denkmalen einer herrlichern Vorzeit begleitete, ihr tiefes Gefühl verrieth. — Groß — schwärmerisch — begeistert für Liebe, Vaterland und Freiheit, wie er ihr erschien, mußte er Nataliens ganze Seele mit desto unwiderstehlicherer Macht ergreifen, da sie bisher fremd und einsam unter Menschen gelebt hatte, die ihres Herzens heiligste Melodien nur mit dem Schellengeklingel eines seelenlosen Leichtsinns zu begleiten vermochten. Selbst der exzentrische Sinn, den Rudolf zeigte, mußte auf Nataliens romantisches, zum Ueberspannten sich hinneigendes, Gemüth tiefer wirken, als wenn er ihr in der stillen Ruhe eines auf edle Selbstständigkeit gegründeten Karakters erschienen wäre. —

Rudolph war einer jener Menschen, welche die Natur nicht für die Mittelmäßigkeit bestimmte; dochschon in der frühsten Jugend erhielten seine Anlagen eine schiefe Richtung, die ihn den Schein mit dem wirklichen Seyn so verwechseln lehrte, daß er sie später nie wieder klar zu scheiden vermochte. In seinen Universitätsjahren sank er einmal, als Spielwerk eines tief gefallnen Weibes, bis zur niedrigen Gemeinheit. Dies Bewußtseyn raubte ihm jede jugendliche Illusion der Phantasie und des Herzens in Hinsicht auf das wirkliche Leben, das er nur noch in einer Beleuchtung aufzufassen vermochte, die einen tiefen Schatten auf die Menschheit warf, da ihm die Kraft fehlte, den verlornen Glauben und die verlorne Liebe wieder gewinnen zu können. Nach und nach starb auf diesem Wege jedes höhere Bedürfniß der Menschheit in ihm ab, und ward ihm zur Fabel. Seine ganze Cultur war nur verfeinerte, glänzend ausgebildete, Thierheit, und er vermochte mit der Leerheit dieses entgötterten Lebens zu spielen, und war eitel auf die Verruchtheit, mit der er alle seine geistigen Kräfte nur für den Genuß und die Auszierung des äußern Lebens wuchern ließ, in dem es ihm zum Höchsten geworden war, glänzend zu figuriren. Die Menschen betrachtete er nur als Maschinen zu seinen Experimenten und jede Leidenschaft war ihm bloß Aufgabe für seine seltne Kunst der Darstellung. Doch nicht bloß gegen andre war er Schauspieler, er wares auch im geheimsten Zusammenseyn mit sich selbst, und diese Selbsttäuschung gab jeder von ihm gespielten Rolle einen Zusatz von Wahrheit, der auch das unbefangne Urtheil über ihn leicht bestach. Gefühl, Witz, Humor, alles war bei ihm nur eine elektrische Explosion, zu der er sich systematisch und wissentlich vollud. — So mußte er, um nicht unter dem Gefühl eigner Erbärmlichkeit zu Boden zu sinken, die Menschen verachten; er konnte nur zu stehen wähnen, so lange ihm jede moralische Kraft, Spannung der Leidenschaft — die reinste Liebe, gewürzte Sinnlichkeit — die Tugend ein Epikuräismus der Vernunft hieß, der freiwillig entbehrt, um länger, sichrer und gefahrloser zu genießen.

Sein Aeußeres war anziehend. Eine große edle Figur, ein römisch geformter Kopf mit ernsten Zügen — dunkelblaue, sehr sinn- und geistvoll blickende Augen — eine reine, für den höchsten Affekt der Leidenschaft, wie für die Nüancen der leichtesten, witzigsten Unterhaltung, kunstmäßig ausgebildete Stimme, und eine Gabe, sich darzustellen, die der Würde an Wirkung glich, bildeten ein Ganzes, dem man mit Achtung für den Geist, der es beseelte, näher trat. Auch mißlang es ihm nur selten, Menschen für sich einzunehmen, die er gewinnen wollte; oft reizte es ihn aber, vor sich zurückzuschrecken,um später den Triumph des Sieges über diesen ungünstigen Eindruck zu genießen. Natalie ergriff, unter Emmas Namen, seine Phantasie — das einzige Medium, durch das ihm Eindrücke kommen konnten, die er sich selbst als Gefühle anzulügen vermochte — und er gefiel sich in der Ueberzeugung, ein so gehaltvolles Wesen zur gewaltigen Leidenschaft für sich aufreizen zu können, so wohl, daß er lebhaft auf ihren ersten Anblick gespannt war.

Emma fuhr ihm bei seiner Ankunft, mit ihren Eltern und seiner Familie bis zu einem nah bei St. liegenden Dorfe, entgegen. Sie war früher voll Scheu und Widerwillen gegen ihm gewesen; allein Nataliens begeisterter Glaube an Rudolfs Karakter, die siegende Beredsamkeit ihres heißen vollen Herzens, hatten endlich Emma Vertrauen zu ihm eingeflößt. Sey nur wahr gegen ihn, ganz wahr, bat Natalie oft. O Emma, wenn du diesem edlen Menschen, dieser großen, liebevollen Seele Gerechtigkeit wiederfahren ließest: so würdest du dein Schicksal freudig in seine Hände niederlegen, überzeugt, daß er für dich und sich nur das Edelste fühlen kann. Von ihr ermuntert und beredet, beschloß Emma, sich ihm offen zu entdecken, wie sie sich auch verpflichtete, ihm Nataliens Antheil an ihren Briefen ganz undauf immer zu verheimlichen. Natalie forderte und wünschte diese Verschwiegenheit aus Blödigkeit und Demuth; das heitre Vertrauen, mit dem sie in ihren Briefen zu ihm geredet hatte, wurde jetzt, bei dem Gedanken an seine persönliche Bekanntschaft, zur ehrfurchtsvollen Scheu gegen ein, in ihrem Sinn, ihr so weit überlegnes Wesen. Emma schwieg gerne, weil ihrer Eitelkeit die hohe Achtung gefiel, die Rudolfs Briefe aussprachen, und sie sich, von ihren Reizen unterstützt, fähig glaubte, sich, ihm gegenüber, auf der Höhe erhalten zu können, auf die der Freundin Geist sie gestellt hatte.

Rudolf hatte sich auf ihren ersten Anblick sentimental einstudirt und Phantasie hatte an diesem Moment so lange gebildet, daß er jetzt wirklich bewegt zu seyn glaubte, als er in der Ferne seine Mutter, seine Brüder, Busch, und neben diesem, eine weibliche jugendliche Gestalt erblickte. Rasch sprang er aus dem Wagen, und sein erster Blick suchte das Auge voll Seele, die Gestalt voll Adel und Anmuth, mit der seine Phantasie Emma geschmückt hatte, die jetzt, als eine reizende Blondine, mit einem Ausdruck von Koquetterie und Verschmitztheit, den selbst die Verlegenheit dieses Augenblicks nicht zu verhüllen vermochte, vor ihm stand. Die Worte, womit er sie begrüßenwollte, verstummten unwillkührlich, und er stand sichtbar befangen vor ihr. Schnell wurde er indessen seines Aeußern wieder mächtig, wenn gleich in seinem Innern die Wirkung des ersten Anblicks widrig forttönte. Er knüpfte ein Gespräch mit ihr an, und berührte die Saiten, die ihn in ihren Briefen so harmonisch ansprachen; aber die paar Floskeln, mit denen Emma sich für diese Unterhaltung ausgeschmückt hatte, wurden von ihm bald für das, was sie waren, erkannt, und es drängte sich ihm die Ueberzeugung auf, sie habe den von ihr erhaltenen Briefen nur ihren Namen geliehen, und ein andrer Geist, ein andres Herz habe daraus zu ihm geredet. Das Romantische dieser geheimnißvollen Unsichtbarkeit verstärkte noch bei ihm den früher erhaltenen Eindruck und diese Stimmung wurde Emma sehr günstig, da sie ihm, einige Tage nach seiner Ankunft, ihre Liebe für den Hofrath gestand, und die Entscheidung über ihre Zukunft in seine Hände legte, weil nur die Zurückgabe des von ihrem Vater erhaltenen Versprechens, diesen zur Einwilligung bewegen konnte. Galant und gern gab er sich die Miene, als opfre er ihrem Glück und der Freiheit ihrer Wahl eine sehr geliebte Hofnung, und verwendete sich bei Busch so dringend für die beiden Liebenden, daß er auch seine Einwilligung in ihre Verbindung bewirkte.Geschickt entlockte er aber bei dieser Gelegenheit Emma’n das Geständniß, daß eine ihrer Freundinnen Antheil an ihren Briefen gehabt, sie jedoch durch einen Eid verpflichtet habe, ihm nie ihren Namen zu nennen. Er hoffte indessen, seine unbekannte Freundin bald auszufinden, und die Spannung, die ihm das Sonderbare dieses Verhältnisses gab, contrastirte so angenehm mit der gewöhnlichen Erschlaffung seiner Empfindungen, daß er sich selbst mit dem Erwachen einer ihm längst verloren gegangenen Wahrheit und Innigkeit des Gefühls schmeichelte.

Die ersten Tage lebte er im Familienzirkel, dann erschien er in den größern Gesellschaften, wie auch an öffentlichen Versammlungsörtern, und unterjochte bald Männer und Weiber durch den Ernst seines Wesens, der so viel tiefen Gehalt anzudeuten schien und den alle jene Talente und Annehmlichkeiten verlieblichten, ohne deren Schimmer Tugend und Seelenwerth in der Welt nur wie eine seltne Schaumünze gelten, die man begafft, ohne sie in Handel und Wandel aufzunehmen. Natalie vermied ihn in den ersten Tagen, voll wehmüthiger Ahndung und banger Sehnsucht, die sie selbst nicht verstand. Der allgemeine Beifall, den er fand, und seine Resignation auf Emmas Hand, die sie im Colorit eines schönen, edlen Opfers sah,machten sie noch schüchterner, weil sie sich unbeschreiblich unbedeutend neben ihm fühlte und ängstlich fürchtete, daß er sie, bei persönlicher Bekanntschaft, unwerth finden möge, seine Achtung, seine Freundschaft, seinen Briefwechsel, so lange unter fremdem Namen genossen zu haben. Noch immer von Allen gemißbilligt, getadelt, verkannt, oft sogar verhöhnt, war sie äußerst mißtrauisch gegen ihren eignen Werth, da ihr aus der Liebe eines verehrten Wesens noch nie das Gefühl der Billigung ihrer Individualität aufgegangen war; sie wußte, wie sie dies von gleichgültigen, ungeachteten Menschen geschmerzt hatte, und diese Erinnerung wurde ihr zum Maaßstab des unendlichen Schmerzes, mit dem sie Rudolf, den sie über alles ehrte, sich gleichgültig und achtungslos würde von sich wegwenden sehen. Es schien ihr so kühn, so unglaublich, daß er — der Größte, der Edelste — gerade sie, die Ungeachtete, Uebersehene, seiner Achtung, seiner Freundschaft würdigen solle. — Emma war ihm so gut als verlobt, Emma war so hübsch, so witzig, so klug; unter der Hülle ihres Namens war es so leicht, ihm zu schreiben — aber ihm nun als die reizlose, verlegene, im Leben oft unbeholfne Natalie unter die Augen zu treten — ihr Stolz, ihr Herz, ihr Mißtrauen — Alles sprach dagegen. Nein, sagte sie, von ihmunerkannt, bleibe es mein schönstes Glück, ihm schweigend durch das Leben zu folgen, und nie verrathe ihm ein Blick, ein Wort, das Herz, das ihn so unaussprechlich ehrt, und dem er einst so freundlich gesinnt war. So gestimmt, vergingen ihr einige Wochen, ehe sie den Muth erhielt, ihre Mutter in eine der Assembleen zu begleiten, wo sie gewiß seyn konnte, ihn zu treffen. Er war bei ihrer Ankunft noch nicht da, und sie nahm, wie gewöhnlich, eine Karte. Aber unwillkührlich erzitterte sie, so oft sich die Thüre hinter ihrem Sitze öffnete, und als sie endlich seinen Namen nennen hörte, der Ton seiner Stimme zu ihr drang, wechselte sie die Farbe, und verlor fast sichtlich ihre Fassung. Er ging unter den Spieltischen umher, sprach hie und da einige Worte, und sie gewann Zeit, sich für den Augenblick zu sammeln, wo er ihr, nach Endigung ihrer Parthie, von der Frau des Hauses vorgestellt wurde. Sie zog seine Aufmerksamkeit nicht auf sich; die stumme Verbeugung, mit der sie seine Anrede beantwortete, empfahl sie ihm auch nicht, und er vergaß bald, daß er sie überhaupt gesehen hatte. Natalie blieb ihrem Vorsatz, sich ihm durch nichts bemerklich machen zu wollen, treu, und änderte auch ihre Lebensweise keinesweges. Selten nur sah er sie in Gesellschaften, noch seltner in dem Kreise junger Mädchen, und wenn er siedenn einmal antraf, war es am Spieltisch, oder bei Tische an der Seite älterer Männer, unter denen es einige gab, die sich lebhaft und achtungsvoll für sie interessirten. Ihre Kenntnisse und Talente waren und blieben allen ein Geheimniß, und nie hörte er ihrer anders, als wie eines ganz gewöhnlichen Mädchens erwähnen, dem der Muthwille in seinen Aeußerungen oft einen Anstrich romanhafter Thorheit lieh.

Natalie hingegen war eine desto aufmerksamere Beobachterin seines Lebens, und der Schein von Ungewöhnlichkeit, den er allem gab, was er sagte und that, wurde dem Bilde, das sie von ihm mit wahrer Andacht in ihrem Herzen trug, zum immer stralenderen Heiligenschein. Sie liebte ihn unaussprechlich, und mit der Stärke, die die ersten erwachenden Gefühle einer so glühend leidenschaftlichen Seele, wie die ihrige, bezeichnen mußte. In diesem schönen Zeitpunkt, wo ihr Herz zum erstenmal das Gefühl des höchsten Lebens inne ward, ließ selbst seine Kälte sie nicht unbefriedigt, weil es ihr genügte den Gegenstand für dies Gefühl gefunden zu haben. An eigentliche Liebe dachte sie auch nicht, und diese Gottheit feierte, wie fast immer in reinen Seelen, ihren ersten Einzug unter einem fremden Namen. Natalie nannte ihr Gefühl, Ehrfurcht, Anerkennung seinesSeelenwerthes, Genuß im Anschaun der geistigen und sittlichen Schönheit seines Karakters, und kaum erlaubte sie sich den leisen Wunsch, daß seine Freundschaft einst der Lohn ihres stillen Strebens, derselben werth zu werden, seyn möge. In das Buschische Haus kam sie jetzt selten, da Emma, seit ihrer Verlobung, fast ausschließlich in der, Natalien fremden, Familie ihres künftigen Gatten lebte, und weil sie, im Bewußtseyn, wie gerne sie in Rudolfs Nähe war, voll Jungfräulichkeit jeden Ort mied, wo sie gewiß seyn konnte, ihn zu treffen.

Desto emsiger suchte Rudolf nach seiner unsichtbaren Geliebten, und trat fast jedem Mädchen von Emmas Bekanntschaft näher, um die Ersehnte zu entdecken. Keine wich ihm aus, jede stand den schönen Mann gerne Rede; aber von jeder wandte er sich bald nachlässig und getäuscht ab, bis er auf Louise Wiese traf, die mit dem Zauber seltner Schönheit den Glanz eines nicht allein brillanten, sondern auch brillantirten Geistes verband. Sie nahm den allgemein gefeierten Mann zuvorkommend auf, und that, als sie den Irrthum erfuhr, der ihn ihr näher führte, nichts, um ihn zu vernichten, sondern manches, das Rudolf darin bestärken mußte. Die Entfernung, in der sie Rudolfen bis jetzt geblieben war, ihr wörtliches Abläugnen jedes Antheils an Emmas Briefen, den sie dochoft in unwillkührlichen Aeußerungen zu verrathen schien, erklärten sich ihm durch ihre Verlobung mit einem Manne, dem sie, wie man allgemein wußte, nur in Rücksicht auf sein Vermögen und den Wunsch ihrer Eltern, ihre Hand versprochen hatte. Louisens Geist vermochte den seinen zu fassen; sein Witz belustigte sie; ihre Eitelkeit gefiel sich in seiner Auszeichnung, und unmerklich gewann sie wahres Interesse an ihm; aber die Empfindung, die Flamme schöner Begeisterung für Alles, was den Menschen erhebt und veredelt, die Natalie ihm gezeigt hatte, galt Louisen nur für eine halb tragische, halb romanhafte Posse, und so ließ sie Rudolfen bald unbefriedigt. Die schönsten, geistvollsten Weiber mehrerer Länder waren ja schon sein gewesen — was er jetzt suchte, und in der Schreiberin jener Briefe zu finden glaubte, war ein weibliches Wesen, das mit hoher Geistesbildung, die Neuheit des Herzens, die Reinheit des Sinnes und das tiefe, leidenschaftliche Gefühl verband, von dem er sich versprach, daß es seine eigne erstorbene Empfindung wieder wecken, und ihm einen Genuß gewähren würde, um dessen Art und Wesen er nicht bestimmt vorher wußte. Das weibliche Geschlecht war ihm in allen seinen Schwächen und Eigenheiten bekannt, und eben darum langweilig geworden. Nur fremde Leidenschaftkonnte ihn noch reizen und spannen, und je seltener man mit der Biegsamkeit der meisten weiblichen Karaktere jene Stärke des Karakters, jene Energie der Seele, die alle Kräfte und Empfindungen, unzertheilt, wie Sonnenstrahlen in einen Brennpunkt in dem, mit unermeßlicher Liebe umfaßten Gegenstande sammelt, vereint findet, je mehr dürstete er, sie zu finden. Er fühlte, Louisens Liebe für ihn werde in ihrem Leben nie mehr als eine Episode werden, und so spürte er, ohne doch das mit ihr angeknüpfte Verhältniß aufzugeben, von Neuem wieder, wie ein Raubvogel, nach dem Herzen umher, das er zu seinem Opfer ausersehen hatte. — Das Schicksal trieb jetzt Natalien aus der Unsichtbarkeit, die sie so lange geschützt hatte, hervor — er erblickte sie, und tief und blutig schlug er seine Krallen in das weiche, wehrlose Herz.

Von allen Vergnügungen liebte Natalie nur die Maskeraden. Hier schwand ihr das drückend Einengende des gewöhnlichen Lebens, und frei zeigte sie oft unter der Maske ihren Witz und ihre Laune, die aber fast immer nur verhüllter Unmuth über die Leere des Lebens und über die Schaalheit der Menschen war. Jetzt erneuerte der Winter die Maskenbälle, und es vereinigte sich manches, den ersten dieses Winters glänzend und zahlreich zu machen. Natalie fuhr, als Pilgerin gekleidet, mitihrer Mutter hin, und trieb sich unter dem Gewühl herum, als plötzlich ein feierlicher, schauerlicher Marsch die Tanzmusik unterbrach. Eine Reihe seltsamer, schauererregender Gestalten trat ein. Die blutgefärbten, entblößten Arme, die finstern, fantastischen Gewänder, die Schlangen ums Haupt und auf der Brust, die Feuerbrände, und der aus Menschengebeinen gethürmte Altar, den sie in der Mitte des Saals aufstellten, kündigte sie als dem Schönen und der Freude abholde Wesen an. Die Feier ihrer Mysterien begann, und plötzlich stand in gigantischer Größe und furchtbarem Ernst der Gebieter unter ihnen. Ein Wink von ihm, und die Flamme des Altars schlug prasselnd in die Höhe; ein zweiter Wink ordnete diese Gruppen zu einem Tanz, den aus der Ferne eine Musik begleitete, in der man den Schrei der Verzweiflung, den Seufzer ewiger Hofnungslosigkeit, zu hören wähnte. — Ein stilles Entsetzen schlich durch den weiten Saal — unwillkührlich erweiterte sich der Kreis, der diese Gestalten, für die man keinen Namen hatte, einschloß. Plötzlich wie er erschienen war, verschwand der Gebieter, und, als rufe ein stummer Befehl sie in ihre Welt zurück, stürzten Tänzer und Tänzerinnen in unordentlicher Eile und Verwirrung zum Saale hinaus, und ein stürmisches Allegro derwieder einfallenden Tanzmusik folgte ihnen auf ihrer Flucht. —

Das Ganze war Rudolfs Erfindung, der sich in solchen düstern Spielen einer furchtbaren Phantasie, und in dem schneidenden Contrast dieser Erscheinung zu dem frohen Treiben der versammelten Menge gefiel. Eine Theaterversenkung entzog ihn schnell den Blicken, und schon nach einigen Minuten trat er, im schwarzen Domino verhüllt, wieder in den Saal. Seine eben gespielte Rolle hatte ihm eine Spannung zurückgelassen, mit der er nicht sogleich in die lustigen Neckereien der übrigen Masken einzustimmen vermochte. Einsam lehnte er sich an einen Pfeiler, und gedachte der Namenlosen, die höchst wahrscheinlich mit dieser bunten Menge unerkannt bei ihm vorüberzog, als der Eintritt der drei Parzen ihn aus seiner Träumerei zog. Still und ernst, wie es den unsterblichen Töchtern des Orkus ziemt, wandelten die drei Schwestern durch den Saal; doch bald fesselte eine derselben seine Blicke ausschließlich. In dunkles Grau gekleidet, umfloß sie ein schwarzer Schleier, aus dem ein Gesicht hervor blickte, dessen hoher Ernst zu dem Göttlichen hinwies, wo es das Menschliche verläugnete. Erhaben und geisterartig schritt sie durch die Versammlung, und deutete dem, der sich ihr näherte, sein Schicksal in geheimnißvollen Worten. Rudolf folgte ihrund hörte eine der sinnvollen Antworten, in denen sie sich als Dienerin der ernsten, heiligen Nothwendigkeit, deren Gewalt sich jedes Erdenschicksal beugen müsse, ankündigte. Bald indessen verlor sich die Menge, der sie überdem auszuweichen suchte, und er konnte sich ihr ungestört nähern.

Wird man Dich, ernste Göttin, fragte er, hier im Saal der Freude willkommen heißen? —

Ein großes dunkles Auge wandte den Blick auf ihn — milde senkte es sich nieder, und nach einer kleinen Pause antwortete sie ihm in leisem gedämpften Tone.

Weh dem Frohen, dessen Freude bei meinem Anblick erbleicht und dessen Herz kein Vertrauen zu mir bewehrt!

Kann die Bewohnerin der Unterwelt dieses von dem im Lichte Gebornen, im Lichte Lebenden, erwarten? Liebe, Vertrauen und Freude wohnen nur auf der Oberwelt — aber was die Erde deckt, was keine Sonne erhellt, ist finster und schauerlich, und mit namenlosem Grauen fassen die Schrecken der Unterwelt auch den Muthigsten. —

Und doch sendet Euch meine Welt Schatten und Träume — doch ist schon auf der Erde das Schönste und Heiligste unsichtbar wie die Musik, und ruht wie ein heiliger Traum in Seelen, diees ahndend erkennen, daß Liebe und Schönheit im Lethe nicht untergehen.

O wenn Du, Ernste, die Liebe kenntest, dann würdest Du auch um den Schmerz der Sehnsucht, um des unendliche Weh in der Brust des armen Menschen wissen, und uns erhören, wenn Liebe und Jugend um Schonung eines unersetzlichen Lebens flehen? —

Ist denn dem Menschen das Geliebte verloren, so lange er es mit Schmerzen beweint? — Das Leben ist grausam — es entreißt mit der Geliebten auch die Liebe; ich dagegen löse sanfter und schonender das Band der Herzen nur, um es in meiner Welt fester zu schlingen und es vor der Entweihung zu schützen, der es im Leben preis gegeben seyn würde. —

Ja Du hast Recht — das Leben ist grausamer als Du: — hält es doch auch mir die Geliebte schmerzlicher verborgen, als Du es zu thun vermochtest!

Natalie hatte ihn beim ersten Blick erkannt. Nur die Maske verbarg ihm das Beben ihrer Stimme und ihr Erröthen bei seiner Annäherung. Diese letzten Worte rührten sie innig — ach vielleicht, vielleicht suchte er sie — sie fühlte, der erste Laut ihrer Stimme müsse sie in diesem Moment verrathen, und stand schweigend neben ihm. —

Ungesehen, fuhr er fort, als gehöre sie der Geisterwelt an, wandelt die Geliebte mit mir im Lichte — gekannt, geliebt, und doch vielleicht nie von mir erblickt, nie gefunden. —

Suche sie in Deinem Herzen, stammelte Natalie leise, dann wirst Du sie auch in Deiner Nähe finden.

O wenn Du die Schmerzenssehnsucht kenntest, mit der ich sie, sie allein seit frühster Jugend gesucht habe — wie ich immer so voll Ahndung war, sie zu finden — sie so oft rief — Antwort zu vernehmen glaubte — der Stimme nacheilte über Land und Meer, und dann fand, sie sey nur der Wiederhall meiner eignen klagenden Sehnsucht gewesen! — Ich ging mit ihrem Bilde durch die ganze Natur, und sah, wie selbst das Leblose nach der schönsten Form ringet und sie findet, die Perle in der Tiefe des Meers, wie der Krystall im Schoos der Erde — und nur der Mensch sollte ausgeschlossen seyn vom allgemeinen Gesetz der Schönheit, zu der alles anstrebt? Nein, sagte mein Herz, was die Form für das Seelenlose ist, das ist die Liebe für den Menschen, und von neuem zog die Hofnung in mein Herz. Vergeblich! Kein lebendes Weib trat zwischen mich und die gesunkene Menschheit! Keine edle weibliche Seele verhüllte mir mit ihrer Schönheit die Mißgestalt der Welt, die mein Wirkenempfangen sollte! — da ward ich rauh und hofnungslos und bitter; aber mir blieb doch noch ein Traum von ihr in der Seele — ein Traum — und er ward mir gedeutet — doch auch das nur wieder im Traum, und ich stehe auf der entlaubten Stätte meiner frühern Jugend, wo ich die Geliebte zu finden wähnte, einsamer und hoffnungsloser denn je.

Als Du einsam auf dem Vesuv standest, und Deine Arme der flammenden Morgenröthe entgegen breitetest, da riefst Du ihren Namen durch die feiernde Natur, und hellere Glutwolken sandte der ewig jugendliche Gott des Tages vor sich her. — Jene Minute sey Dir Sinnbild Deines Lebens — unter Dir der gährende Krater einer gesunkenen Welt — über Dir der Himmel eines schönern Landes, und vor Dir die Morgenröthe der Hoffnung. —

Natalie fühlte, daß diese Anspielung auf einen seiner Briefe sie ihm verrathen mußte, und wandte sich daher, bei den letzten Worten, leise ab, um sich im Gewühl zu verlieren. Aber er faßte rasch und feurig ihre Hand — o so trog mich, rief er aus, mein Herz nicht! ich habe gefunden, was ich so lange, so sehnlich suchte. Sie sind es, Sie — o Gott, Sie können mir nun nicht mehr unsichtbar bleiben wollen — Sie — o Gott, wie soll ich Sie nennen? — mein Einziges, mein Alles?

Natalie war tief erschüttert — ein sanftes Weinen unaussprechlicher Seeligkeit machte sie einige Minuten stumm. Mit sehr edler Haltung wandte sie sich dann zu ihm, ich werde Ihnen nicht immer Namenlos bleiben, sagte sie ihm mit den schönen Tönen der Liebe; ich lebe in Ihrer Nähe, und Sie haben mich oft gesehen, wie ich Sie. Aber daß Sie mich nicht auffanden, berechtigt mich, nach meinem Gefühl, Ihnen auch heute, in der schönsten Stunde meines Lebens, meinen Namen zu verschweigen.

Rasch entwich sie und verlor sich in der Menge. Noch durchsuchte Rudolf alle Nebenzimmer, wie sie schon wieder als Pilgerin gekleidet neben ihrer Mutter stand, und sich mit einigen Bekannten unterhielt. Eben so vergeblich waren seine spätern Nachforschungen. Nataliens beide Schwesterparzen waren zwey sehr fern wohnende, in St. ganz unbekannte Mädchen, mit denen sie schriftlich alles verabredet hatte, die erst am Tage der Maskerade eintrafen, im Ballhause abstiegen, wo Natalie sich auf ihrem Zimmer umkleidete, und die am andern Morgen St. zeitig wieder verließen. Man hielt, da man dies erfuhr, die dritte Parze auch für eine Fremde, nur Rudolf traute der erhaltenen Versicherung, daß sie in seiner Nähe lebe, und er sie oft sehe. Von Neuem begann er nunwieder seine Nachforschungen, ob ihm, unter den Mädchen seiner Bekanntschaft, nirgends ein Wiederschein dieses Geistes begeben. — Doch vergebens war alle seine Mühe, da Natalie, still und seelig in sich selbst versunken, ihm mit einer ihr selbst unerklärlichen Schüchternheit sorgfältiger denn je auswich.

Eines Abends fiel in einem ziemlich vertrauten, um eine Bowle Punsch versammelten, Männerzirkel, das Gespräch auf weibliche Geistesbildung. Die mehrsten der Anwesenden wollten sie auf bloße Toiletten- und Gesellschaftskunst beschränken, welches Ferdinand mißbilligte. Man kam endlich von den allgemeinen Sätzen zur Anwendung auf einzelne Frauen und Mädchen, und fing an, Preise auszutheilen. Busch, der an dem Gespräch nur wenig Antheil genommen hatte, sagte leise zu Rudolf: da du es so gut aufnimmst, wenn die Grazien unter Minervens Helm Versteckens spielen, so hätte ich wohl Lust, dich auf ein Mädchen aufmerksam zu machen, das, fast von allen unbemerkt und ungekannt, ihren Geist und ihre Talente eben so sorgfältig verbirgt, wie andre Mädchen ihre Gebrechen.

Und dies Mädchen heißt? fragte Rudolf mit der allergespanntesten Erwartung.

Natalie Alberti.

Wie, diese Natalie, von der ich mich kaum entsinne,drei Worte gehört zu haben, die ich fast nie anders als beim Spiel- und Eßtisch gesehen habe, diese stumme, allenthalben übersehene unbeachtete Natalie? unmöglich! —

Sie hat einen kleinen Anstrich sentimentaler Thorheit, und bei vielem Verstande fehlt ihr durchaus die Gabe, ihn geltend zu machen. Ich selbst schelte sie oft einfältig; allein nie rede ich eine Viertelstunde mit ihr, ohne diesen Mangel an Feinheit und Gewandtheit zu vergessen.Il y a du radotage dans ses sentiments; mais c’est le radotage de l’enthousiasme; a un caractère plein de vigueur, elle joint une sensibilité qui ne goûtera jamais le bonheur que par l’organe d’un amour passioné.

Rudolf ging unruhig nach Hause. An dem, was Busch ihm gesagt hatte, erkannte er seine Unbekannte, und Natalie hatte er bis jetzt so ganz übersehen, daß er sich nun nicht einmal ein Bild ihres Aeußern zu entwerfen vermochte. Nach einigen Tagen erst traf er sie in einer Gesellschaft, und konnte nun nach dem ersten Blick das Auge kaum wieder abwenden von diesem jugendlichen Gesicht, voll Züge sanfter Wehmuth und eines stolzen Ernstes, der mit der einfachen, kindlichen Demuth ihres Wesens sonderbar verschmolzen war. Er sah jetzt den geistvollen Blick ihres großen dunklen Auges, das sich unter der langen Wimper so sinnvollhob und so zart jungfräulich senkte, und wenn er sich gleich einräumen mußte, man könne dies Gesicht übersehen, so blieb es ihm dafür desto unbegreiflicher, wie ein Auge, das einmal auf dieser Gestalt geweilt habe, nicht immer unwillkührlich zu ihr zurückkehre. Er näherte sich ihr und knüpfte ein Gespräch an; ihr Erröthen, das Beben ihrer Stimme, das Senken ihrer Augen vor seinem Blick, und mehr noch, die tiefe innige Empfindung, die jedes ihrer Worte beseelte, bestätigten ihm, was er sich beim ersten Blick gesagt hatte: Sie ist es!

Am andern Morgen ging er zu ihrer Mutter, sie zu einer Schlittenparthie für den Nachmittag einzuladen, und bat zugleich um die Erlaubniß, Natalien fahren zu dürfen. Sehr gern, erwiederte sie, wenn Sie meine Tochter nur bereden können, mitzufahren. Sie klingelte und ließ Natalien rufen. In ihrem einfachen, weißen Morgenanzug, in der noch ungeregelten Fülle ihrer braunen Locken, in der holden Verlegenheit bei ihrem Eintritt und in dem noch holdern Erröthen, mit dem sie seine Bitte bewilligte, erschien sie ihm sehr reizend. Natalie war jetzt gewiß, von ihm erkannt und geliebt zu seyn, und dies Bewußtseyn hob sie mit Wunderkraft zu einem stillen Selbstgefühl, das ihr die Würde und die Anmuth lieh, die das Mißtrauen gegen sich selbst bis jetzt in ihr unterdrückt hatte.

Er fuhr sie am Nachmittag und fand sie in den sinn- und gemüthvollen Aeußerungen ihres Gesprächs ganz dem Bilde entsprechend, das er sich früher von ihr entworfen hatte. Je mehr er das aber erkannte, je mehr staunte er über sie, da es ihm, der alles für den äußern Schein berechnete, und der die Eitelkeit für das erste Lebensprincip der weiblichen Seele hielt, unbegreiflich war, daß man Tugenden und Talente vorsätzlich verschleiern, und sich an ihrem Besitz genügen lassen könne, ohne Prunk damit treiben zu wollen. Er zeigte ihr eben so fein als gefühlvoll die zarteste innigste Liebe, und sie genoß des unaussprechlich süßen Glückes, ihren Werth und ihre Bildung von dem Manne geehrt zu sehen, dessen Achtung das höchste Ziel ihrer Wünsche war. Er sprach ihr viel von sich, und sie faßte ihn ganz in dem wunderbaren, romantischen Lichte auf, in dessen Beleuchtung er sich ihr zu zeigen für gut fand, und wurde so mehr und mehr ein freudiges williges Opfer eigner Verworrenheit und fremder Verruchtheit.

In Natalien tönte die Unterredung auf der Hinfahrt den ganzen Nachmittag und Abend nach. Sie war bewegt durch die leidenschaftliche Sehnsucht nach einem Herzen voll Liebe, die Rudolf ihr gezeigt hatte, und hielt sich für betrübt, da sie doch eigentlich nur glücklich war. Die Freude unterschiedsich in ihr vom Schmerze nur durch die süßere Thräne, und ihr Herz war mit dem Kummer so vertraut, daß sie jetzt auch der schönsten Stunde seinen Trauerkranz gab. Und als sie am Abend wieder mit Rudolf nach Hause fuhr, wurde ihr der gestirnte Himmel, das eilige Hinfliegen über die beschneiete, eingefrorne Erde, das Geläute der andern voraufgeeilten Schlitten, alles, zu bedeutenden Bildern, die ihr Herz noch schwerer machten und beklemmter. Rudolf erweichte sie noch mehr durch den Vergleich ihrer heutigen Fahrt mit dem Leben, wo man auch bei heiterm Sonnenschein ausfahre und die Nacht dann so schnell komme — und wie der Mensch nur durch die innre Wärme sich in der Jugend gegen die äußre Kälte schütze, und dann allmählig, allmählig zur Eisstatue erstarre, weil ja kein zweites Herz das seine decke und erwärme. —

Nataliens Thränen flossen — in ihrer Seele stand der Gedanke: o sage ihm heute, wie er geliebt ist — aber als er, ehe noch das sprachlose Herz Worte finden konnte, sich zu ihr herunter bog und fragte, ob sie, die er seit Jahren so heiß, so treu und einzig liebe, auch noch jetzt ihm unbekannt bleiben wolle? — da —

Seelige Natalie — verhülle nach dem leisen zitternden Laute deiner Antwort nur immer dasüberfließende Auge tiefer in den herabgesunknen Schleier! — Ach, Du warst ja nur so seelig, weil Du einen Glücklichen gemacht zu haben glaubtest! —

Ja wohl rollt ihr hinweg, ihr schönen, himmlischen Minuten der jungen Liebe und des frischen Lebens — doch wohl dem, der auch heilig genossen hat! Ihm wird das Morgenroth seiner frühern unvergeßlichen und unersetzlichen Hoffnungen und Wünsche dann im öden Lebenswinter zum Abendroth, das sich wie eine höhere Aurora um das kalte, einsame Grab legt. —

Von diesem Abend an lebte Natalie nur für ihn, und auch er fand sich in diesem ungetheilten Besitz ihres Herzens befriedigter denn je. Mit der schwärmendsten Vergötterung hieng sie mit allen ihren Gedanken, Gefühlen und Empfindungen, mit allen Wünschen, Hoffnungen und Freuden ihres Lebens an ihm. Die Freiheit, deren sie im elterlichen Hause genoß, gab Rudolf Gelegenheit, sie täglich auf ihrem Zimmer zu sehen, und in diesen Stunden stiller Unterhaltung entfaltete ihr Geist seine schönsten Blüthen. Kam die Mutter einmal herauf, so fand sie Natalien am Flügel, wo Rudolf mit seiner Flöte oder Violine ihr Spiel begleitete; oder vor Nataliens Staffeley; oder Rudolf las ihr auch vor, und unterrichtete sie im Englischen,das er sehr schön und fertig sprach. Sie dankte ihm denn herzlich für seine Bemühung, und Rudolf ging, mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit, so ganz in ihre Ansichten ein, daß sie ihre Tochter bald nirgends so gut aufgehoben glaubte, als in seiner Gesellschaft. Auch trug er wirklich nicht wenig zu der hohen, seltenen Geistesbildung bei, die Natalie späterhin unter den Weibern so vereinzelte, aber für ihr eigentliches innres Leben, das bei dem Weibe doch nur im Gemüth schön gelebt wird, trug dieser Umgang nur schädliche Früchte. Die ungetrübte kindliche Unschuld und Demuth des Mädchens, die stille jungfräuliche Würde ihres Benehmens, ihre Begeisterung für Alles, was ihrem Sinn, als schön, edel und groß, entgegen kam, und ihr Herz voll der allerinnigsten, reinsten Liebe, wurden für ihn eine Schule weicher Menschlichkeit, die oft einen Abglanz wahren Gefühls auf ihn warf; aber für Natalien wurde die gewaltsame Spannung seiner geistigen Kräfte, in der sein Innres immer fortbebte, und er oft von der weichsten Sentimentalität zur Lustigkeit, von Begeisterung zur possenhaften Laune überging, und mit allen Affekten nur ein Spiel trieb, sehr gefährlich. Bewundernd, wo sie nicht fassen konnte, eignete sie sich von ihm unvermerkt die Fähigkeit an, Genuß darin zu finden, Andere über sich zu täuschen, und einen angenommenenKarakter wie eine Rolle, mit Kunst und Feinheit, durchzuführen. Der Uebergang von der bisherigen Wahrheit ihres Karakters — ihre Verschlossenheit war nie Verstellung — bis zu diesem Punkt, war so langsam, daß er von ihr fast unbemerkt blieb, und wo denn in ihr ein Resultat dieser Aenderung ans Licht trat, da nannte er es Ausbildung und Entwickelung — und wie sollte sie es nicht auch dafür halten, da es ihr von ihm, den sie als den ersten der Menschen in ihrem Herzen trug gekommen war? —

Doch ein so tief gesunkner Mensch wie Rudolf konnte nicht mehr die Fähigkeit besitzen, durch Tugend, Liebe und Wahrheit beglückt zu werden. Auf Stunden konnte er sich mit seinen erlogenen Gefühlen täuschen; aber das Band zwischen ihm und diesen Gottheiten war zerrissen, und in seiner Seele nichts mehr, woran es sich von neuem hätte knüpfen können: denn in ihm war keine Wahrheit mehr. So wurde es ihm denn bald Bedürfniß, durch Nataliens treue einfache Liebe seiner Eitelkeit zu fröhnen, die leidenschaftliche Innigkeit derselben zur Schau auszustellen und ihre Bildung für sein Werk auszugeben. Von seiner Liebe, von seinem Beifall beseelt, sollte das bis jetzt ganz unbeachtete Mädchen plötzlich alle überstralen, und bald bittend, bald gewaltsam, entrißer Natalien den Schleyer, worin sie ihre Tugenden, ihr Herz, ihre Talente hüllte. Er sprach jetzt laut und bewundernd von ihr, zeigte in Gesellschaften gern und nicht immer zart seinen Einfluß auf sie, verrieth ihre Kenntnisse, ihre Talente, und zwang sie, da andre zu verdunkeln, wo sie bis jetzt freiwillig im Schatten gestanden hatte. Für sie wurde ihre Liebe zur Sonne, die alle bis dahin schlummernden Kräfte ihres Geistes und ihrer Seele zur freudigsten Thätigkeit weckte, und sie wurde durch die plötzliche, von Rudolf herbeigeführte, Aenderung ihres Standpunktes im geselligen Leben durchaus nicht eitel, weil sie sich alle ihr dargebrachte Huldigungen nur als ein von ihm entlehntes Eigenthum aneignete, und nur seine Freude daran, seinen Stolz darauf, genoß. Ihre Demuth wurde Bescheidenheit, aber in ihren Reden und in ihrem Benehmen blieb sie das einfache, freundliche Mädchen, voll Achtung für jedes fremde Talent, das sie neidlos ehrte und noch immer gern dem ihrigen vorgezogen sah. Sie sang jetzt in mehrern Concerten mit dem entschiedensten Beifall — ihre Gemälde und Stickereien prangten in der Kunstausstellung der fernen Residenz — einzelne ihrer Gedichte und Compositionen erschienen in mehreren der gelesensten Journale, und Rudolf sorgte trefflich dafür, daß die Chiffer, mit der sie ihre Arbeitenunterzeichnete, nicht unbekannt blieb. Er erreichte seinen Zweck, die Augen der ganzen Stadt wandten sich auf Natalien, die man als sein Werk, sein Geschöpf, anstaunte. Fremde suchten die Bekanntschaft des geistvollen Mädchens, und wer sich Natalien nur mit Neugierde genaht hatte, verließ sie mit Achtung für die Güte des Herzens und für die Innigkeit des Gefühls, die alle ihre Handlungen beseelte, und Kleinigkeiten oft einen zauberischen Werth lieh, der sie dem Herzen unvergeßlich machte. Sogar ihr Vater hörte jetzt so viel von ihr sprechen, wurde auf seinen häufigen Reisen so oft nach ihr gefragt, daß er die Neugierde nicht unterdrücken konnte, seine Tochter kennen zu lernen. Sein Ton gegen sie verlor das Harte, das Geringschätzende, und ohne zärtlich zu werden, ward er anständig und höflich, da sie ihm, außer ihren Talenten, für die er wenig Sinn hatte, auch in andern ihn mehr interessirenden, Fächern zu genügen, und ihm ihre Unterhaltung angenehm zu machen verstand. Die Landwirthschaft war seit einigen Jahren sein Steckenpferd: Natalie las viel darüber, machte für ihn Auszüge aus neuen, in fremden Sprachen für dies Fach geschriebenen, Werken, und fand bald selbst Interesse daran. Hiedurch gewann sie außerordentlich bei ihm; er fing ordentlich an, sich auf diese Tochter etwas zuGute zu thun und sie zu achten. Die Mutter hing mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an ihr und hatte unbedingtes Vertrauen zu Nataliens Karakter und zu ihrem Herzen, dessen Weichheit ihr allein bekannt war.

So verrannen einige glückliche Monate. Allgemein glaubte man Natalien mit Rudolf verlobt, und er lebte selbst mit ihren Eltern in der Sicherheit eines solchen Verhältnisses, da er seine Liebe für Natalien gar nicht verhehlte, und seine Hoffnung, ihre Hand zu erhalten, oft und deutlich aussprach. Ihre große Jugend und von seiner Seite die Nothwendigkeit, erst seinen Ruf und seine Praxis zu gründen, ehe er an eine häusliche Einrichtung denken konnte, schienen es zu rechtfertigen, daß er seine förmliche Anwerbung noch verschob. Natalie lebte in dieser Hinsicht in der sorglosesten Ruhe, fest überzeugt, er werde zur rechten Zeit darüber reden, und so lange er schweige, müsse es schöner und besser seyn, darüber zu schweigen. Auch sprach sich in ihrem Verhältniß zu ihm die Zartheit ihrer Empfindungen so schön aus, daß das Wort Liebe nur sehr selten unter ihnen genannt wurde, und daß er, trotz des täglichen ungezwungnen Beisammenseyns kaum einmal ihre Lippen berührt hatte. Er ehrte zuweilen das Sittlichschöne, wenn es ihm ästhetisch schön erschien — darum ließer Natalien in dieser zarten Reinheit, die auch für die Minute des höchsten Vertrauens und der zärtlichsten Liebe nur seelenvolle Blicke, nur eine gefühlvolle Thräne, aber selten Worte, und nie mehr, hatte.

Rudolf, der fast keinen Unterschied zwischen der Bühne und dem wirklichen Leben kannte, interessirte sich lebhaft für die Errichtung eines Liebhabertheaters. Es kam zu Stande; aber alle seine Versuche, Natalien zur Annahme einer Rolle zu bewegen, blieben fruchtlos, da ihr Vater sich durch einen Machtspruch bestimmt dagegen erklärte, und Rudolf mußte die Hoffnung aufgeben, seine Natalie auch auf der Bühne glänzen zu sehen.


Back to IndexNext