Ichentsinne mich deutlich, schon in meiner frühesten Jugend einen angeborenen Respekt vor dem Willen des Menschen empfunden zu haben.

Als der bedeutendste und jedenfalls wesentlichste Mensch erschien mir mein Vater, und ich glaubte fest, daß alles geschehen könne, was er wolle. Er brauche nur zu wollen, dann gäbe es keine Hindernisse. In der Tat hatte ich oft genug Gelegenheit, festzustellen, daß von seinem Willen das ganze Erdenrund meiner Kinderwelt beherrscht wurde.

Meine Mutter nannte mich eigensinnig. Heute weiß ich, daß dieser Eigensinn nichts anderes gewesen ist, als embryonale Willenskraft. Ich wage es heute allen Müttern zu raten, sich des Eigensinns ihrer Buben zu freuen. Die Güte des Himmels, die ja dafür sorgt, daß immer nur wenigen Auserwählten ein Besonderes beschieden sei, wird diese Buben vor solch’ ungewöhnlichen Folgender Willenskraft bewahren, wie sie mir zuteil geworden sind.

Später, nachdem ich meine Studien beendet und die Nase in die Welt gesteckt hatte, ward ich mir mehr und mehr der Bedeutung der Willenskraft bewußt. Ich begann mich, auch außer meiner selbst, mit ihr planmäßig wissenschaftlich zu beschäftigen.

Dabei kam ich auf außergewöhnliche Wege: der Okkultismus, die Xenologie, winkte mit gefährlichen Lockungen. Doch blieb ich mit den Füßen auf dem Boden, und stellte fest, daß die greifbaren Beweise mancher scheinbar übersinnlichen Kräfte und Erscheinungen nichts sind als das Resultat eines auf einem ganz bestimmten Wege geführten, ungewöhnlichen Willens. Die unerhörten Dinge, die etwa über indische Fakire glaubhaft berichtet werden, erklärten sich mir auf diese Weise.

Überhaupt begann ich immer mehr und mehr zu erkennen, daß zu allen Zeiten und in allen Lebensbezirken gewisse erstaunliche Geschehnisse, die sich auf Erden zutragen undzugetragen haben, der Ausfluß entweder der Willenskraft oder ihres Erlahmens zu sein pflegen.

Die Menschheitsgeschichte bekam unter dieser Betrachtungsweise für mich ein eigenes, persönliches Aussehen. Ich sah willensstarke und willensschwache Völker. Ich sah das Wachsen und das Erlahmen der Willenskraft. Ich sah Werden und Vergehen. Ich skizzierte den Plan zu einer Geschichte der Menschheit als Subjekt und Objekt der Willenskraft.

Und dann erstand mir Giordano Bruno, der scholastischer Wertung des trockenen Intellekts die Kraft des Willens entgegenhielt gleich einer lodernden Fackel.

Giordano Bruno! Herrlichstes Menschentum in seiner gloriosen Synthese von Verstand und Geist, von Wissen und Ahnen, von physikalischem Denken und geniehafter Intuition! Hand in Hand mit jenem Lionardo aus Vinci schreitest du lächelnd durch die Haine der Ewigkeit. In weiter Ferne verglimmt das Feuer des Scheiterhaufens,auf dem man deinen armen Leib vernichtete, im ersten Jahre des Jahrhunderts, in welchem sie einen Shakespeare begruben, und selig zu preisende Mütter einem Rembrandt van Rhyn und einem Johann Sebastian Bach das Leben gaben. –

Um der Wahrheit willen aber muß ich berichten, daß mich bei meinen Beobachtungen über die Willenskraft bald nicht mehr so sehr die ethische Betrachtungsweise, die allein Giordano Brunos würdig gewesen wäre, anzog, als vielmehr die ungewöhnlichen Erscheinungen des physischen Willens. Ich dachte nicht etwa daran, meine Erkenntnisse zu nutzen, um das Niveau meines eigenen Ich zu heben, oder um meine Seelenkraft zu stärken für den Betrieb des Lebens, sondern ich beobachtete wissenschaftlich an mir selbst die Tatsache, daß die geübte Willenskraft imstande ist, rein physisch die unerhörtesten Leistungen zu vollbringen, ja, daß sie es sogar vermag, die scheinbar granitenen Fundamentsätze der Physik zu zerbrechen.

Der erste Versuch, der mir gelang, warfolgender: Neben meinem Papier lag der Bleistift. Ich hielt die geöffnete Hand in einigem Abstande senkrecht über ihn, betrachtete ihn scharf und konzentrierte meine ganze, schon sehr geschulte Kraft auf die Forderung, daß der Bleistift sich in meine Hand bewegen solle. Nach einer gewissen Zeit erhob sich dieser in der Tat und flog, entgegen den Regeln der Schwerkraft, fast blitzartig gegen meine Handfläche. Allerdings, da ich zu überrascht war, um die Finger sofort zu schließen, fiel er gleich wieder auf den Tisch zurück. Erst später gelang es mir, ihn festzuhalten.

Ähnliche Experimente glückten mir immer mehr und mehr, so daß ich in meiner Vermutung vom Vorhandensein einer großen, außerhalb aller physikalischen Grenzen liegenden, für unsere Erkenntnis neuen Kraft immer mehr bestärkt wurde, einer Kraft, die lediglich durch ein für unsere Sinne unfaßbares geistiges Fluidum wirkt, und die in seinen Dienst zu zwingen der Mensch dadurch vermag, daß er sich gewissermaßen indie Schwingungen dieses geistigen Fluidums einschaltet, und zwar vermittels einer uns noch unbekannten Gehirnfunktion, die erregt werden kann, wenn der Wille aufs äußerste angestrengt wird. Diese Anstrengung, in Schwingungen umgesetzt, muß in einem bestimmten Augenblicke der Wellenlänge der unbekannten neuen Kraft gleichkommen. In diesem bestimmten Augenblicke ist die Einschaltung vollzogen und die Kraft steht im Dienste des Eingeschalteten.

Welche Zeitspanne ich jedesmal gebrauchte, um mit Hilfe meiner Willenskraft jenen Zustand zu erreichen, vermag ich nicht zu sagen, da die allergeringste Ablenkung von der Konzentration, wie etwa ein Blick auf die Uhr, das Gelingen des Experimentes unmöglich machte.

Von kleinen Versuchen ging ich allmählich zu größeren und schwierigeren über: Ich zwang andere Menschen, nach meinem Willen ungewöhnliche Handlungen zu verrichten, über die sie sich, ohne die Ursache zu ahnen, selber wunderten. Ich erreichte es,schwerere Gegenstände, wie etwa Möbelstücke, lediglich vermöge meines Willens vom Flecke zu bewegen. Ich ließ einen großen Hund sich in die Höhe heben, so daß er höchst verwundert und ängstlich winselnd haushoch in der Luft schwebte.

Ja, es gelang mir sogar, mich selber, der ich im Garten lag, so hoch zum Schweben zu bringen, daß meine Hände die Äste einer Linde erreichen konnten. Die Schwerkraft bot mir keine Hindernisse mehr. Mein Wille hatte sie überwunden!

Ich hielt diese Versuche und Beobachtungen streng geheim vor jedermann, und zwar einmal, weil ich fürchtete, daß mich fürs erste das Mitwissen anderer noch an der nötigen Willenszusammenfassung hindern würde, ferner aber auch des Entschlusses halber, erst dann damit hervorzutreten, wenn ich die Elemente meiner Entdeckungen wissenschaftlich ergründet haben würde und, gegen jeden Zweifel gewaffnet, fest in der Hand hielte. –

Ich muß gestehen, daß mich die Jahre dieser geheimen Tätigkeit nicht glücklich gemachthaben, wenn ich auch, meinem Ehrgeize nachgebend, hohe Hoffnungen auf die Zukunft setzte. Meine Nervenverfassung litt ungemein unter den häufigen Willensüberanstrengungen. Trotzdem ich mich des Besitzes außergewöhnlicher Körperkräfte erfreute, ward ich krank, ohne allerdings meine Umgebung dies wissen zu lassen.

Da in gleichem Schritte mit der Überanstrengung der Nerven auch die Forderungen meiner Sinne wuchsen, so fand ich mich oft dazu verführt, mittels der mir innewohnenden merkwürdigen Kraft auf Frauen zu wirken um sie für mich zu gewinnen.

Dieser letzte Umstand trug mir zwar manche vorübergehend glückliche Stunde ein, aber auch eine Fülle von Unbequemlichkeiten und ernsten Verlegenheiten, zumal wenn ich, was sich einige Male einstellte, seelisch beteiligt war.

In solchem Falle ward mir meine geheime Kraft zum Ekel. Mein Mannesstolz mußte erwarten, daß ich um meiner selbst willen geliebt wurde, das Bewußtsein aber, daßvielleicht nur mein eigener Wille die geliebte Frau in meine Arme führte, fraß als böser, giftiger Zweifel in mir und vergällte mir das wenige Glück, dessen ich genießen durfte.

Zwar glaube ich heute, daß einige Frauen mich redlich liebten, aber gerade die eine – Erna Maria – der meine heiße Leidenschaftlichkeit sich zuwandte, entzog sich mir kühl, als ich – um die Echtheit ihrer Gefühle auf die Probe zu stellen – einmal nur einige Stunden lang meine geheime Kraft ihr gegenüber unterdrückte.

Tief enttäuscht, körperlich und seelisch elender denn je, floh ich hinauf in die hohen Berge, zu einem alten Freunde, dem Förster.

Er wohnt im Tal. Aber hoch oben, an der Grenze der Vegetation, steht seine Diensthütte, mit Herd und Bett leidlich behaglich hergerichtet. Neben der Hauswand gurgelt aus einer Röhre ein kleiner Brunnen.

Eines Morgens stieg ich dort hinauf, wo nur Gemsen meine Nachbarn wurden, und gelegentlich ein neugieriger Hirsch mein Besucher. –

Die Tage auf dem Berge blieben sonnig und warm, und die Nächte sternenklar und lind. In der dritten Nacht erwachte ich aus irgendeinem bösen Traume in Schweiß gebadet und stellte fest, daß die Luft in meiner Hütte drückend, und daß es besser sei, im Freien zu liegen. Also nahm ich Matratze, Kissen und Decke, und bettete mich auf einem moosbewachsenen Felsvorsprung oberhalb meines Häuschens.

Dies Lager empfand ich in solchem Maße köstlich, daß ich nicht wieder zu schlafen vermochte. Ich lag regungslos ausgestreckt und meine Gedanken ballten sich zu plastischer Figürlichkeit. Das Rauschen der Föhren unter mir, das Gurgeln des Brunnens und all das melodische Geräusch der Bergeinsamkeit unter dem unbeschreiblich klaren, glitzernden Sternenhimmel wirkten auf mich mit fast zauberhafter Kraft.

Das Bild des deutschen Hirtenknaben Nikolaus von Cues trat vor meine empfangsbereite Seele. Im Purpur des Kardinals zu Rom stand er vor mir. Zweitausend Jahre nachAristarchs Tode rief er in die geistige Enge des Mittelalters das Wort vom gewaltigsten Begriffe aller Zeiten: Unendlichkeit!

Und Giordano Bruno aus Nola zertrümmerte mit kühnem Schlage die letzte der gläsernen Sphären, die noch die Planetenharmonie des Kopernikus umgab, jenen Überrest des gigantischen Irrtums ptolomäischen Denkens, und stieß der Menschheit die Tore auf, hinter denen der Kusaner den freien Ausblick auf die Unendlichkeit verhießen hatte.

Nie im Leben hatte ich das Wesen der Unendlichkeit in solcher alles überwältigenden Größe gefühlt, wie in dieser köstlichen Bergnacht.

Ich sah das unübersehbare Firmament schimmernder Lichtpunkte über mir, und wußte, daß es ein Gewebe ist aus Sonnen, und wohl jeder einzelne Stern der Mittelpunkt eines gewaltigen Planetensystems, ähnlich dem, in welchem die Erde kreist.

Und da ich, versunken in dem göttlichen Gefühl des Zusammenfließens von Ewigkeit und Unendlichkeit, mich dem Kosmos nahezu wähnen begann, erkannten meine geübten Augen an jener dunkeln Stelle des Himmels die winzige Spirale des Nebelschleiers im Sternbilde der Andromeda, und ein leises Erschauern zitterte durch meinen gemarterten Körper: das Schweben einer andern Welt!

Einer Welt, der die Fülle der Sonnen, die als Sternenzelt, als Milchstraße den Himmel unserer Erde bedeckt, nichts anderes gilt, als ein zarter, kaum erkennbarer Nebelhauch.

O irdische Erde, armes Sandkorn am Strande der Unendlichkeit, die kleinste Welle spült dich hinweg und läßt dich versinken im Ozean des Alls! Wer es vermöchte, dich zu verlassen und sich aufzuschwingen durch die Rätselhaftigkeiten des Äthers, zu jenen über jedes Begreifen fernen Bezirken, von wo die ganze getürmte körperliche Furchtbarkeit eines neuen Kosmos als nur ein winziges Wolkenflöckchen herüberdämmert!

Eine Nacht lang lag ich starr ausgestreckt, und meine Seele senkte sich tief in diesen schauervollen Wunsch.

Alles Körperliche fiel von mir ab. Ferne Melodien erklangen, und stundenlang lag mein zitternder Leib in der Wollust einer einzigen großen Empfängnis.

Meine Augen wichen nicht von jenem weltenfernen weißen Hauch, dem Andromeda ihren Namen gab. Ein anderer Perseus, war alles, was ich an Sehnsucht aufzubringen vermochte, und alle die Regungen der geheimnisvollen Kraft, die mir dienstbar geworden war, auf jene himmlische Andromeda gerichtet.

Meine Augenlider erstarrten im Krampf des Zwanges zum Geöffnetsein, und die ungeheure Konzentration meiner Seele ließ mich nicht erkennen, daß der Morgen dämmerte hinter den östlichen Bergnachbarn, und der erste Strahl der Sonne emporzuckte über den Felskuppen.

Da fühlte ich, wie aus der Ferne, mehr ahnungsvoll als körperlich, eine fremdartige Veränderung meines Zustandes: eine unbegreifliche Leichtigkeit kam über mich. Leib und Glieder schienen körperlos geworden, in luftigerForm zerflossen, zum Geistigen gewandelt.

Mir war, als schwebe ich frei über meinem Lager. Deutlich fühlte ich, wie ich mich mit langsam wachsender Geschwindigkeit zu heben begann. Ein frischer Luftzug strich über meine Wangen und Hände, ein leises Summen in meinen Ohren wuchs an zu mächtigem Brausen, und in einer heroischen Symphonie von Geigenklingen, Harfenschwirren, Orgelton und hohen Knabenchören, und in einem unbeschreiblich köstlichen Gefühle von Seligkeit schwanden mir die Sinne.


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