Diedritte Stufe der großen Evolution der Psyche, begann der alte Gelehrte, die alleine erst die Menschen unserer Drom endgültig zu dem machte, was sie heute sind, brachte zugleich die Erfüllung eines uralten Wunsches der Menschheit, eines Wunsches, der fast so alt ist als sie selbst.

Die Überlieferung der Urgeschichte berichtet von einem mystischen Hause, das die Menschen zu Ehren ihrer alten Götter errichtet hatten, und über dessen Eingange das Wort gestanden habe: „Erkenne dich selbst!“

Aber ebenso stark, wie sich die Sehnsucht nach dieser letzten Erkenntnis regte, ebenso schwer war die Ausführung.

Wie sollte der Mensch sich selber erkennen, nachdem er noch nicht einmal die Vorstufen der Erkenntnis des Willens und der Erkenntnis der Psyche anderer erklommen hatte? Dann erst bedurfte es jahrhundertelanger Arbeit der nach Zahl der Mitarbeiter und Qualität desDenkens immer gewaltiger angewachsenen Wissenschaft, um das schwerste aller Rätsel zu lösen.

Atom für Atom wurde in unendlicher Mühe die Wahrheit zutage gefördert, bis endlich das so heiß und innig Ersehnte offen dalag.

Der gedankliche Apparat der Psyche war bis in seine letzten geistigen Fasern bloßgelegt, wie man einst das Großhirn seziert hatte. Man konnte nun die Schlüsse ziehen, und die Anwendung der Menschheit applizieren.

Die Fähigkeit des Selbsterkennens ist in den letzten Zeitepochen derartig ausgebildet und zum angeborenen, allgemeinen Besitztum der geistig nur halbwegs höher Organisierten geworden, daß nur noch Kinder und Halbidioten sich nicht in demselben Umfange selber zu erkennen vermögen, wie man in die Psyche seines Nebenmenschen schaut.

So wie ich weiß, was in diesem Augenblicke in deinen und Irids letzten Gedanken vorgeht, so weiß ich – den Alten möchte daswunderbar erscheinen – wie es in meinem eigenen Innern ausschaut.

Ja, es bedarf nur einer gewissen geringen Anstrengung der besonderen Funktion meines Hirns, um mich rein körperlich, physisch, außer mir selber zu sehen und zu hören.

So sehe ich jetzt hier, mir gegenüber, den alten Worde auf einem Stuhle sitzen, mit einigen Handbewegungen über längst selbstverständlich gewordene Dinge sprechen, und allmählich müde werden. Auf dein Wohl, alter Zwillingsbruder! Du sollst noch einige Jahre leben, dann aber fröhlich schlafen gehen!

Der Alte schmunzelte belustigt und stieß gleichsam mit sich selber an. Irid und ich mußten, so unheimlich auch mich die Angelegenheit anmutete, lachen. Wir nahmen unsere Gläser und ein allgemeines, ganz irdisches und heimatliches Anklingen ertönte.

Ich fragte Irid, ob auch sie sich so außerhalb ihrer selbst zu sehen vermöchte. Sie erklärte mir lachend, daß schon die Kinder dasmit der Sprache ganz von selber lernen. Nur die Tiere nicht. Turu, der Hund, kann sich nicht selbst erkennen.

„Und – – –?“ warf ich leise ein. „Und nicht mein Freund Markus.“

Dabei nahm sie meinen Kopf in ihre Hände und küßte mich lachend.

Worde aber schenkte neuen Wein ein, legte sich behaglich zurück und fuhr fort zu berichten:

Während die Menschheit früherer Zeitepochen sich vom Tier lediglich durch die sogenannte Vernunft unterschied, hat sie durch die Vergeistigung vermöge der Beherrschung der Funktionen des inneren Willens, der Erkenntnis anderer und endlich der Erkenntnis ihrer selbst einen solchen Grad von Erhebung über jenen Urzustand erlangt, daß es schwer hält an eine noch weitere Entwickelung zu glauben.

Und doch steht uns ohne Zweifel eine solche noch bevor. Denn, wenn auch scheinbar all’ unser ganzes Wesen mehr und mehr von der Materie unabhängig geworden ist, so hatdoch eines sich durch alle Zeiten und Wandlungen unverändert erhalten: der Zeugungstrieb. In ihm sind wir noch dem Tiere gleich, so sehr wir auch diese Urkraft schon differenziert zu haben glauben.

Aber schon jetzt ist die Wissenschaft zu bemerkenswerten Feststellungen über die Elemente dieses ersten, letzten und stärksten Antriebes zum Leben gekommen, so daß für künftige Jahrhunderte auch hier Entdeckungen bevorzustehen scheinen, die geeignet sein konnten, die Vergeistigung auch auf die geheimnisvollen Bezirke der Erotik auszudehnen.

Wenn es dann zum Gemeingut aller geworden sein wird, die Geschlechtsliebe, vom Körperlichen getrennt, nur im Seelischen zu erleben, dann ist die breite Treppe zum Katafalk der Menschheit erstiegen.

Die alte Drom aber wird bei der Totenfeier keine Tränen weinen. Sie hat einst Jahrmillionen die Sonne umkreist, ohne daß Menschen auf ihrer Rinde nisteten. Sie wird dann weitere Jahrmillionen ohne diese Mitfahrerihre Kreise ziehen, bis einmal das Feuer der Sonne erloschen ist, und damit im Sonnenbereiche auch der letzte Rest von organischem Leben, oder, bis die Katastrophe eines kosmischen Zusammenstoßes ein schnelles Ende macht.

Ob nach der Menschheit andere organische Wesen als kleine Dromgötter auf ihrer Kruste schmarotzen werden, ob dies vielleicht schon vor der Menschenepoche der Fall war, wir können es nicht wissen.

Was heißt überhaupt „wissen“? Es heißt nur „annehmen“, „glauben“. Die Wahrheit erfahren wir ja nie, eben weil wir, auch in unserer größten zeitlichen Gesamtheit, nichts sind als aus Gnaden für ein Viertelstündchen Mitgenommene auf der Reise über jene lange Weltenstraße, die von der Unendlichkeit über das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit hinüberführt zur Ewigkeit.

Geschlecht folgt auf Geschlecht, so lange noch ein Grashalm wächst. Das Menschengeschlecht ist nur eines von vielen.

Es heißt da wenig, ein alter Mensch seinoder ein junger. Es heißt da, Markus, ebenso wenig, einer alten Epoche entstammen oder einer jungen.

Wir, Irid und ich, wir sind alte Menschen. Unsere Zeit ist der Abend.

Wir sind vor dir, der du im Morgen stehst, voraus kraft der Erbschaft der Jahrtausende, die das Alter unserer Planetenmenschheit von dem der deinen trennt.

Die ungeistige Zeit des Barbarismus, jene kochende, gärende, glühende, vernichtende, selbstsüchtige und genußgeile Zeit der Maschinen, der Elektrizität und aller der uns Alten lächerlich und spielerisch erscheinenden Undinge ist verklungen.

Aber das war der Morgen! Es war die vollsaftige, heißblütige, gläubige, sehnende und irrendeJugend der Menschheit!

Sollen wir uns freuen, daß schon Abend ist? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß wir uns nicht überheben sollen! Jedes Ding steht für sich. Jeder Mensch steht für sich. Jede Zeit steht für sich. Ist das Alter mehr als die Jugend?

Markus, die Jugend soll leben! Markus der Barbar, Markus der Wilde soll leben!

Worde hob lächelnd sein Glas. Irid aber sah mir in die Augen, und ich wußte, daß sie mein sein würde.


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