Abergerade der Kinderunterricht sollte für Irid den ersten Anlaß zu Kummer geben: Es begann sich herauszustellen, daß sie nicht mehr das Interesse und vor allem auch nicht die psychische Kraft aufzubringen vermochte, die Kinder fernerhin in derselben vergeistigten Weise und in denselben Dingen zu unterrichten, die Zeit und Umwelt von ihr forderten.

Auch in ihrem Verhältnis zum Vater, der bisher allem mit tiefem Verständnis gefolgt war, begann sich manches zu trüben. Ihr Bedürfnis nach Mitteilung gegen ihn war geringer geworden, dagegen hatte, was dem Alten unendlich banal vorkommen mußte, sich ein Hang zur mündlichen Aussprache, in seinem Sinne zur Schwatzhaftigkeit, eingestellt.

Ferner – es mochte wohl der Ausfluß einer Art von bösem Gewissen sein – bemühte sie sich, ihr Herabsteigen zu mir vor ihrem Vater zu verbergen, welcher Rückfall indie barbarische Gewohnheit der Verstellung diesen auf das schmerzlichste bewegte.

Das Bedenklichste aber war, daß Irid nicht nur die Freiheit ihres eigenen Denkens aufgegeben hatte und sich als einen Teil von mir fühlte, in demselben Maße meine Hörige, als vor unserer Vereinigung ich der ihre gewesen war, sondern vor allem, daß sie auch aufhörte, diese persönliche Freiheit als das unter allen Umständen allein menschenwürdige zu betrachten.

Sie stand nicht an, zu erklären, daß der barbarische Zustand der Urzeiten, in welchem das Weib im geliebten Manne zu einer köstlichen zweisamen Einheit von Seele und Leib ganz aufzugehen vermöchte, das Höhere und Edlere sei.

Irid war zur Barbarin geworden!

Als mir das Verständnis aufging für die Konflikte, die sich mit unbedingter Notwendigkeit hieraus ergeben mußten, war es schon zu spät. Im übrigen hätte ich doch nicht vermocht ein Naturereignis aufzuhalten.

Ich bemühte mich nun wie in der erstenZeit unseres Beieinanderseins, mich Irids früherem Denken und Sprechen wieder zu nähern. Ich drang darauf, daß sie meine Unterrichtung in ihrer Sprache mit größerer Intensität betriebe. Ich fand auch große Freude daran, mich in der schweren Schriftsprache ihrer späten Welt unterrichten zu lassen.

Diese Schriftsprache ist eine Synthese von Buchstaben- und Zeichenschrift. Konkrete Dinge werden wesentlich in Buchstabenschrift gegeben, abstrakte dagegen, Haupt- wie Zeitwörter, in Zeichenschrift, und zwar dergestalt, daß man in einer geistvollen und inhaltsreichen Weise die Zeichen der einzelnen Grundelemente zu neuen Gruppenzeichen, die dann die auszudrückenden Begriffe ergeben, vereinigt.

So kann man sich, um ein Beispiel zu geben, das gesprochene Wort „Liebe“ auf die mannigfaltigste Weise geschrieben denken, je nach der seelischen oder vielleicht auch rein körperlichen Art der bestimmten „Liebe“, von der die Rede sein soll:

Will man etwa von der ersten keuschenLiebe eines knabenhaften Jünglings zu einem noch halb kindlichen Mädchen sprechen, so vereinigt man in gewisser Weise, je nach Geschmack, Phantasie und Absicht, vielleicht die Zeichen für Knospe, Herz, Sonnenaufgang und Liebessehnsucht zu einem neuen synthetischen Zeichen. Oder aber man will eine rein erotische, ohne seelische Beteiligung stattfindende, lediglich geschlechtliche Liebe ausdrücken, so finden sich Zeichen mehr anatomischer Genesis zu einem Gesamtbegriff zusammen.

Man sieht, daß diese Art des Schreibens sich stark der kollektivistischen Denk- und Ausdrucksmethode der Drom-Menschen nähert.

Aber so sehr mir auch die Beschäftigung mit dieser Schrift Freude bereitete, und je mehr ich darin fortschritt, Irids Interesse neigte sich immer mehr und mehr dem Primitiven zu.

Der innere seelische Grund hierzu lag natürlich letzten Endes in ihrer Liebe zu mir, die alles, was mit mir zusammenhing, in besonders günstigem Lichte erscheinen ließ.

Aber es schien mir doch, als ob auch eine gewisse, schon im Untergrunde, ihr selbst nicht bewußt, vorhanden gewesene Übersättigung durch die Leidenschaft für mich nur geweckt worden wäre.

Ich hatte ähnliche Beobachtungen mehr genereller Art von Rückfall in die Neigung zum Primitiven als Folge der Übersättigung schon auf meiner Erde gemacht.


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