EinesUmstandes will ich noch Erwähnung tun, der sehr wesentlich dazu beitrug, Irid mir seelisch zu nähern. Das war die Beschäftigung mit der Kunst, für die wir beide eine gleich tiefe Neigung empfanden.

Es hatte sich die merkwürdige Tatsache ergeben, daß in diesen Bezirken menschlicher Geistesbetätigung der Unterschied unserer Betrachtungsarten keineswegs so groß war, als es nach der Differenz unseres Gattungsalters hätte vermutet werden müssen.

Je länger nämlich ich auf der Drom lebte, um so mehr war ich zu der Erkenntnis gelangt, daß die allgemeine Vergeistigung der Kunst nicht zum Gewinn gereicht hatte.

Es schien mir vielmehr unwiderleglich, daß die Menschheitsjugend, der ja auch ich angehörte, mit ihrer ursprünglichen, barbarischen Frische und Naivität der Kunst einen weit fruchtbareren Boden bereitet hatte, als das vergeistigte Alter es vermochte.

Das Wesen der Vergeistigung ist Trennung von der Materie. Für die Kunst bedeutet das Loslösung von der empirischen Natur.

Ich will nun keineswegs bestreiten, daß die Kunst der Drom in ihrer Naturbefreiung nicht auch Bedeutendes und Großes geleistet habe. Ich sah, um nur eines zu erwähnen, auf öffentlichen Plätzen gigantische, buntfarbige Glasflüsse, hochragend gleich Kathedralen, deren Eindruck zu dem Gewaltigsten gehört, das man sich zu denken vermag. Man setzte sie, um Taten des Geistes, die der Menschheit Dienste geleistet hatten, zu ehren.

Aber doch hat die Scheu, sich wieder dem Vorbilde der Natur zu nähern, im Laufe der letzten Zeitepoche geradezu zu einem Sterben der Kunst geführt.

Die Malerei, nicht mehr imstande Landschaften, Bildnisse oder andere gegenständliche Dinge der Erfahrungswelt zu gestalten, erschöpfte sich in immer neuen abstrakten Farben- und Linienkompositionen von derartig vergeistigtem Wesen, daß zuletzt eine glatte Fläche von einfarbigem Blau, Rot, Gelb, Grün oderWeiß dem ermüdeten Auge eine Wohltat dünkte.

Als dann gar die Erkenntnis aufkam, daß der Regenbogen der Atmosphäre an abstrakter Farbengebung jegliches Menschenwerk weit hinter sich läßt, war das Ende der Tafelmalerei erreicht.

Der Maler kehrte zurück zur Urform seiner Kunst: Er bestrich die Häuser und die Geräte mit schönen Farben, und versah sie, in abgeklärtem Geschmacke, mit knappen, einprägsamen Zieraten.

Dem Plastiker, dem sein Schönstes, das Spiel mit dem Menschen- und Tierleibe, genommen war, fand keinen vollen Ersatz im Errichten abstrakter, phantastischer Formengebilde oder im Erfinden schöner, edler Proportionen. Auch seine Kunst senkte sich dem Abend zu.

Die Genügsamkeit, die weise Selbstbeschränkung und die dünne Verbreitung der alternden Menschheit nahm auch dem Architekten die jugendliche Freude am Werke seines Geistes. Allerdings gehörten die kleinen Häuser unddie einfachen Gebäude der Manufakturen, an denen fast ausschließlich er seine Kunst betätigen konnte, in dem rhythmischen Gleichmaß ihrer Verhältnisse zu dem Wohltuendsten, das ich je gesehen habe.

Am meisten hatte an ursprünglicher Frische und Gestaltungskraft die Dichtkunst eingebüßt.

Die Formung des nur Geistigen widerstrebt der Dichtkunst. Die Abneigung gegen die Gestaltung der menschlichen Beziehungen hatte zu einer nur aphoristisch-philosophischen Dichtart geführt, die zwar tiefer und letzter Weisheit voll war, aber dennoch nicht einmal den Anspruch des Erstmaligen erheben konnte, denn schon aus den Uranfängen der überlieferten Literatur sind philosophische Dichtwerke höchster und letzter Potenz auf uns gekommen, die niemals überboten werden konnten.

Die Schauspielkunst, die all’ ihr Lebensblut aus der Menschengestaltung sog, war schon längst nicht mehr. Schon die Vergeistigung der Materie, des Körperlichen,hatte ihr schweres, unheilbares Siechtum gebracht. Als aber gar die Lüge und die Verstellung aus der Welt schieden, deren edle und schöne Seite sie ihr Leben lang den sonst nur gemein und bösartig betrogenen Menschen gezeigt hatte, legte auch sie sich aufs Sterbelager.

DieMusikaber lebte über Raum und Zeit!

In ihren edelsten Formen schon von jeher frei von der Materie, schwebte sie körperlos und ohne Beziehung zu Körpern durch den Raum als der Schöpfung erster, letzter und reinster Ausdruck.

Musik war, als der Urmensch im Dreitakt an den hohlen Baum schlug, als das Krescendo des Trommelwirbels der Wilden an den Nerven riß, Musik war, als die Trompeten der Barbaren schmetterten auf den Schlachtfeldern, als die Pauken und Posaunen dröhnten über dem lodernden Katafalk des Helden. Musik war, als die armen kleinen Kantoren auf den wurmstichigen Orgelbänken ihren Gott lobten in vierstimmigen Sätzenvon solch’ himmlischer Seligkeit, daß der Gott klein ward vor der Größe der bescheidenen Musikanten.

Der erste Strahl des Lichtes, das die Welt durchfloß, war Rhythmus seiner Wellen. Harmonie ist der Donnergang des Kosmos. Rhythmus und Harmonie sind die Musik der Welten. Musik war im Anbeginn und Musik wird sein von Ewigkeit zu Ewigkeit.


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