Jemehr Irid in mir aufging, je mehr sich ihre Seele in die meine verkroch und ihr Leib von dem meinen lebte, um so mehr schloß sie sich von der Außenwelt ab. Sogar ihre Dienerin Okk wollte sie entlassen, und nahm nur auf mein nachdrückliches Abraten davon Abstand.
Dabei wurden ihr Körper, ihr Antlitz, der Ausdruck ihrer Augen immer herrlicher und lockender.
Seit sie Muttergefühle zu verspüren glaubte, schien sie neu zur Welt gekommen. Ihre Stimme, die wie Silber geklungen hatte, war die einer geheimnisvoll läutenden Glocke geworden. Ihre Schritte, jede ihrer Bewegungen waren Verheißungen, und ein Duft von sinnlichem, blühendem, schwellendem Leben ging aus von ihrem weißen Körper. Ich atmete Seligkeiten.
Unsere Wünsche kannten keine Steigerung mehr. –
Nicht daß ihr Vater sie wegen ihrer Sinnesänderung getadelt hätte. Dazu war der Begriff der persönlichen Freiheit zu tief eingewurzelt in jener Welt.
Aber er verstand zum ersten Male seine Tochter nicht mehr, und da diese jetzt in einer andern Welt lebte, so verstärkte sich das Mißverstehen von Tag zu Tag.
Unsere Besuche beim alten Worde wurden seltener, und auch er entschloß sich nicht mehr so leicht als früher in unser Haus zu kommen.
Und noch ein Anderes ereignete sich: Vasen Ott stellte sich wieder ein.
Vasen Ott, von dem ich, da auch ich ihn bisher nur aus den Erzählungen meiner Freunde kannte, noch nicht berichtet habe, war eine Erscheinung aus Irids Leben vor meiner Zeit. Ein großer Mensch von schlanker Gestalt und mit tiefdunkeln, träumerischen Augen.
Er hatte gleichfalls den Ehrgeiz gehabt, Kinderlehrer zu werden, konnte aber die Qualifikation dazu nicht erwerben, und war indie Laufbahn der Beamteten des Wohnkreises übergetreten, zu welcher Tätigkeit seine Eigenschaften ausreichten. Seit einiger Zeit stand er an der Spitze der Beamteten und galt als umsichtiger und zuverlässiger Verwalter der allgemeinen und öffentlichen Angelegenheiten.
Er kannte Irid von Jahren gemeinsamen Studiums her und liebte sie seit langem. In der Zahl der Männer, die um sie geworden hatten, war er derjenige gewesen, der ihre Sympathien am meisten besaß. Mehrere Male glaubte sie dicht davor gewesen zu sein, seinem stillen, wortlosen Verlangen nachzugeben. Aber immer hatten sie jene Gedanken, von denen ich jetzt wußte, abgehalten, ihm ihre Liebe zuzuwenden.
Vasen Ott zog sich schließlich enttäuscht von ihr zurück, und eine andere Frau wurde dann später die Seine. Die beiderseitige Liebe hatte aber nicht länger als zwei Jahre vorgehalten und, jetzt, da er wieder allein lebte, wandte sich sein Begehren abermals Irid zu.
Er begann mit Besuchen bei Worde, der, als einer der Ältesten des Wohnkreises, ohnehinin öffentlichen Geschäften mit ihm, als dem ersten Angestellten, manches zu tun hatte.
Von Worde erst erfuhr Vasen Ott über das merkwürdige Auftreten des vom Himmel gefallenen Wilden in Irids Hause.
Da die Barbaren-Erfindung der Zeitungen seit undenklichen Zeiten nicht mehr bestand, und man sich auch sonst grundsätzlich niemals unaufgefordert um die Angelegenheiten seiner Mitmenschen kümmerte, so war es, was nach irdischen Begriffen unwahrscheinlich erscheinen müßte, durchaus möglich, daß ich jahrelang hätte bei Irid wohnen können, ohne daß Leute, die mich nicht persönlich kennenlernten, überhaupt etwas von mir erfuhren. Irgendeine Registrierung der Einwohner, anders als lediglich nach der Kopfzahl, stand den Angestellten der Wohnkreise nicht zu.
Vasen Ott erfuhr von Worde, da es ja zwischen jenen Menschen keine Geheimnisse gibt, daß Irid von dem Wilden ein Kind erwarte.
Weit davon entfernt, Irid, deren vollkommensteFreiheit ihm ebenso heilig war, wie die jedes anderen seiner Mitmenschen, dieserhalb zu zürnen, erschrak er doch heftig und beschloß, um ihr Schicksal, zumal in seelischer Hinsicht, besorgt, sie aufzusuchen.
Eines Nachmittags trat er bei uns ein. Irid empfing ihn mit freundlicher Begrüßung und stellte mich als ihren Gefährten vor.
Vasen Ott, der schon wußte, daß man sich mit mir lediglich in der Kindersprache verständigen könne, fragte Irid vorsichtig, ob es möglich sei, den Wilden jetzt zu entfernen. Er wolle mit ihr allein sprechen.
Irid wurde rot, aber bat mich, der ich ihre kurze Unterhaltung nur halb verstanden hatte, sie mit dem Gaste allein zu lassen. Dabei küßte sie mich. Ich ging hinaus.
Nach einiger Zeit sah ich von einem Fenster aus den schönen Mann davongehen und zwar bewegte er sich mit in diesem Lande des gemessenen Benehmens ungewöhnlich hastigen Schritten. In der Gartenpforte drehte er sich noch einmal nach dem Hause um, und inseinen vorher so stillen Rehaugen war ein ungewöhnliches Leben.
Da hörte ich schon Irids Schritte draußen. Ich eilte ihr entgegen, und zu meinem ernsten Erstaunen warf sie sich, wie ein Kind weinend und schluchzend, an meine Schulter.
Ohne daß sie ein Wort sagte, wußte ich, der Mann habe sie beleidigt. Meine schnelle Frage bestätigte es mir.
Ein ganz irdischer, höchst ungeistiger Zorn stieg in mir auf. Daß der unverschämte Kerl die Entfernung des „Wilden“ verlangt hatte, war schon, nicht so sehr meinetwegen als Irids halber, die ihn als ihren Gefährten vorgestellt hatte, ein starkes Stück gewesen. Es hatte mich schon einige Mühe gekostet, davon Abstand zu nehmen, den feinen jungen Herren kurzerhand vor die Tür zu befördern.
Jetzt aber kochte es in mir einigermaßen über. Ich stürzte, die erschrockene Irid verlassend, hinauf, ergriff in der Tür meinen dort hängenden derben Wanderstock, rief meinen Freund Turu, den Hund, und dannliefen wir beide den Weg entlang, auf dem dieser traumäugige Heilige davongegangen war.
Schon auf dem Waldwege bekam ich ihn in Sicht. Ich hetzte Turu, der, glücklich über die wilde Jagd, bellend an mir hochsprang, hinter ihm her.
Der kluge Hund, der ohnehin der Unterredung der beiden beigewohnt und gewiß gefühlt hatte, daß Irid den Mann nicht im Guten entließ, fegte nun mit wütenden Sätzen vor mir her.
Vasen Ott, die wilde Jagd hinter sich herkommen hörend, blieb gravitätisch stehen.
Der große Hund sprang ihm mit bösem Geheul an der Schulter hoch, und stand, ihm seinen Hundeatem ins Gesicht blasend, bis ich heran war.
Dann tat ich, was mir mein Zorn gebot, nämlich den vergeistigten Herren ganz irdisch und barbarisch zu verprügeln, bei welcher seinen Instinkten angenehmen Beschäftigung Turu sich durch Vernichtung einessehr wichtigen Teiles der Vasen Ottschen Kleidung beteiligte.
Ein Heldenstück ist diese Tat allerdings, trotzdem der Mann mir an Größe mindestens glich, auch einen Handstock trug, nicht gewesen, denn einmal war er überrumpelt worden, vor allem aber ist unter den geistigen Menschen jener Welt jegliche Gewalt, und sei es auch nur im Spiel der Kinder, in solchem Maße verpönt, daß man auf Erden schon einen kompletten Menschen totschlagen muß, um sich ein solches Maß von Mißbilligung zuzuziehen, wie die alternde Menschheit der Drom sie dem zuteil werden ließe, der es unternähme, einen Menschen im Zorn auch nur am Rockkragen zu fassen.
Vasen Ott, der Traumäugige, hatte also nicht die geringste Übung in solchen Lebenslagen, und konnte gewiß auch, trotz Turus aggressiven Benehmens, eine derartige Handlungsweise von mir nicht vermutet haben.
Aber da es sich ja für mich keineswegs darum gehandelt hatte, in ritterlichem Kampfe meine Kräfte mit dem Störenfriede zu messen,sondern vielmehr ausschließlich ihn für die Beleidigung, die er Irid zugefügt hatte, zu züchtigen, so kehrte ich befriedigt und im angenehmen Bewußtsein des erreichten Zweckes mit Turu nach Hause zurück.
Als ich Irid berichtete, was sich zugetragen hatte, war diese anfangs namenlos entsetzt, fand sich aber doch überraschend schnell in die Situation.
Für meine Handlungsweise an sich konnte sie zwar das volle, irdische Verständnis kaum ganz aufbringen, aber was ich tat, war in ihren Augen gut, und trotz aller Vergeistigung durch Jahrtausende alte Kultur, die uns trennte, schien doch ein Fünkchen jenes menschlichen Urgefühls der Rache für erlittene Unbill in ihr verblieben zu sein, das sich jetzt mit Genugtuung meldete.