Nunich allein war, begann ich mich in meiner traumhaften Lage einzurichten. Ich hüllte mich in das weite Tuch, stellte beim Betrachten der appetitlichen Mahlzeit fest, daß ich erheblichen Hunger verspüre, und griff wacker zu.

Der goldene Wein erwies sich als süß und schwer. Er tat meinem abgekühlten Körper ungemein wohl.

Ich wurde warm, lauschte den leisen Geräuschen, die gelegentlich von unten herauf tönten, und sehnte mich nach meiner Wirtin.

Irid! Fremd und sonderbar klingt dein Name. Ich muß ihn laut aussprechen. Irid. Er tönt meinem Ohre wohl.

Spräche ich deine Sprache, ich wollte dir sagen, daß ich dich liebe, Irid! Ich liebe auch deinen Namen, Irid!

Erna Maria sei vergessen und versunken!

Erna Maria? Ich tat zum ersten Male seit dem Erwachen im See, was ich längst hätte tun sollen: ich dachte nach.

Was war geschehen? Wo war ich? Vor Erna Maria war ich geflohen. Vor der Erkenntnis, daß meine Liebe diese Frau kalt ließ, sobald meine suggestive Willenskraft nicht auf sie wirkte.

Beim Förster auf dem Berge hatte ich geschlafen. Halt! Da war es: die Nebelspirale der Andromeda!

Mein Wunsch, auf einen Planeten jener Andromedawelt zu gelangen, meine gewaltige Willensanstrengung und meine Transfiguration, deren Beginn ich noch mit wachen Sinnen erlebt hatte!

Es war gelungen. Es gab keinen Zweifel: ich befand mich auf einem Planeten irgendeines Sonnensystems im Nebel der Andromeda!

Meine Gedanken begannen sich ob der Furchtbarkeit dieser Erkenntnis aufzulösen. Der süße Wein und der verwirrende Eindruck des unbeschreiblich köstlichen Empfanges – Irid! Irid! – taten das Ihre. Chaotisch türmten und überstürzten sich die Dinge in meinem Hirn und ich geriet in einen ekstatisch-fieberhaften Zustand, von dem eine Schilderungzu geben meiner Erinnerung heute wohl nur dürftig gelingen wird:

Ich prüfte mich ratlos und voll Unruhe, ob ich wache oder etwa träume. Ich kniff mir in die Glieder, ich sprang auf, ging umher, ich aß hastig, ich trank, ich trank sogar ziemlich viel, aber ohne Zweifel: nie bin ich mehr wach gewesen als jetzt!

Ich delirierte weiter: Zwar glaube ich meine Natur so weit zu kennen, daß ich sagen kann: ich bin wach. Aber ist nicht all unser Naturerkennen nur das Surrogat einer Erklärung?

Und dennoch: sehe ich nicht hier die Umwelt, wie ich sie schon immer sah: durch die Brille all der tausend Begriffe und Deutungen, die ich ererbt und erworben habe? Ich sehe sie wie immer: von meinem eigenen, erfahrenen Ich aus. Nur in ungewöhnlichen Formen.

Nicht etwa wie im Traume, wo ich, erlöst von dem durch unzählige Vererbungsreihen und gehäufte eigene Erfahrung pedantisch gewordenen Arbeiten meiner Psyche, die Dinge sehe, wie sie wirklich sind, bunt, reich,ungeheuer, vielgestaltig, freigemacht von den unwirklichen Zweckmäßigkeitsbegriffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, losgelöst von dem willkürlichen Begriffe des Raumes!

Oder sollte ich dennoch träumen? Sollten die Regulierungs- und Hemmungsvorrichtungen meiner brav gedrillten Psyche einmal, einmal, wie im Traume, den Dingen in ihr wahres, wirkliches Gesicht schauen? So also wäre die Welt? Darauf trinke ich!

Also wäre der Satz nicht wahr, daß unser Glück von unserer Unwissenheit abhängt? Sollte ich nun wissend sein und – wie mich deucht – glücklich zugleich?

Sehe ich jetzt das „Ding an sich“, von dem ich glaubte, daß es immer im undurchsichtigen Dunkel bliebe?

Sind dieser köstliche, goldbraune Wein, dieses im doppelten und schönsten Sinne des Wortes himmlische Weib das „Ding an sich?“ Dann will ich es preisen mit Zimbeln und Schalmeien!

Aber bin ich überhaupt mit meinen Gedankenin der Gegenwart? Wer ist solches je?!

Und was ist Gegenwart? Ach was! Ich achte sie nicht mehr, diese grobe Zerhackung alles Geschehens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Ich bin ich! Wo ich bin, sind alle drei in eins! – Wein her! – Schulbegriffe! Fächer eines Konferenzzimmer-Regals! Aristoteles war ein Registrator! Auf dein Wohl, Giordano Bruno aus Nola! Dieses Glas der Unendlichkeit!

Und nun kling an mit mir, Nolenser, auf den alten Aristarch, der schon Jahrhunderte vor der Geburt des Menschensohnes aus Bethlehem die Erde um die Sonne kreisen ließ, und der den Begriff der Unendlichkeit an der Wurzel packte. Wißt ihr heute, Menschen, was das heißt?! Preis und Lob sei ihm in Ewigkeit, Amen!

Man hat ihm nicht geglaubt, dem wackeren Manne aus Samos, wo auch ein heißer Wein wächst gleich diesem. Der Schwindel des Aristoteles ist durch die Jahrtausende gezogen.

Laßt uns auch auf Kopernikus anstoßen.Zwar wähnte er noch eine letzte gläserne Käseglocke über den Kosmos gestülpt, aber dennoch: Kopernikus!

Sagen Sie, Herr Kopernikus, warum sollte ich nicht auf einen Andromeda-Planeten gelangen? Bitte: warum nicht? Der Wille vermag, was er will. Daher hat er seinen Namen.

Wozu in aller Welt gibt es denn eine Atomisierung?

Entfernung? Was heißt „Entfernung“? Was heißt „Zeit“? Raum und Zeit sind von der Wirklichkeit unverbürgte Anschauungsformen! Mehr nicht! Zählen nicht mehr mit, wenn es um große Dinge geht! Ich höre da immer nur Worte.

Worte sind Rechenpfennige, gut für Kartenspiel. Große Geschäfte macht man nicht mit Rechenpfennigen. Gebt mir andere Zwischenwerte als Worte, meine Gedanken umzusetzen!

Irid, dein Wein ist reif und süß, wie der Duft deiner Brüste!

Andromeda-Nebel! Vor zwei Jahrhundertenhat dich ein wackerer Mann zuerst gesehen, der Simon Marius hieß. In einer eiskalten Nacht um Weihnachten, als ihm die Hände fast erfroren an seinem Teleskop, entdeckte er ihn, und dann schrieb er in sein Buch, er habe einen Stern gefunden, wie er noch keinen sah, der sähe aus wie eine ferne Lichtflamme hinter der Hornscheibe einer Stallaterne. Alter scharfsichtiger Simon Marius! Dein Name klingt weise! Ich will dich nicht auslachen, weil, ehe du ein Hofmathematikus wurdest, du der Musikus Mayer aus Gunzenhausen gewesen bist. Auch Astronomen sind nur Musikanten! Die Harmonie des Kosmos ist ihre Musik! Als du neun Tage vor dem großen Galilei die Jupitersmonde entdeckt hattest, holtest du deine Geige in die Fernrohr-Kuppel und hast in der stillen Nacht so schön darauf gespielt, daß, wie du endetest, vom ganzen Rund des Himmels ein leiser, ferner Applaus ertönte. Bravo, Simon Marius!Da capo!Und mir hast du die Andromeda geschenkt! Den Nebelschleier der Andromeda – –

Mein Gott, ich hätte mich ja auch auf einen andern Planeten atomisieren lassen können! Ich hatte ja die freie Wahl. Aber es muß wohl hier auf diesem Ball jemand gewesen sein, der mich anzog. Irid? Ich will mit ihr darüber sprechen.

Noch einer? Wer ist das? Ach ja, natürlich! Herr Scheiner aus Potsdam! Auch ein wackerer Astronaut dieser Herr Scheiner! Hat zuerst der Erde im Andromeda-Nebel eine andere Welt gezeigt. Eine andere Welt!

Und die Erde hat nicht gebebt bei dieser Entdeckung!

Die Erde ist dumm! Wer kennt Herrn Scheiner unter den Menschen der Erde?

Dumme Menschen! Lernen in der Schule von Kolumbus die abgeschmacktesten Eiergeschichten, aber von Scheiner, der eine andere Welt rekognosziert hat, haben sie nie gehört! Prosit, Herr Scheiner! Was ist Amerika gegen eine Welt voll Sonnen?! Wenn ich mal nach Potsdam komme – –

Aber nein doch! Ich bin jetzt eine halbe Million Lichtjahre von Potsdam entfernt.

Wein! Mich schwindelt!

Aber was sagt da Epikur, der die feine kluge Atomlehre des Demokrit – Aristoteles, Ruhe! – zu Ende gedacht hat?

Dieser Epikur, der ein Erz-Epikureer war und den Wein nicht verachtete! Da trink, Epikur!

Was sagtest du doch? „Die Zeit, in der sich Atome im leeren Raume bewegen, ist unmeßbar und unfaßbar klein.“ Na also! Gegen Atome sind Lichtstrahlen altersschwache Schnecken! Für Atome gibt es nur ein Schnelligkeitsmaß: der Wille! Wer sagt da noch etwas? Aristoteles? Du? Geh’ raus mit deinem Sphärenschwindel!

Ich war eben atomisiert, und mein Wille hat die Atome meines Körpers in Minuten durch den Weltenraum geschleudert. Das ist doch wissenschaftlich ganz klar!

Am Zielpunkte meines Willens war die Atomisierung beendet und mein Körper setzte sich neu zusammen.

Sehr erfrischt hat mich diese Auflösung. Man sollte so etwas öfters machen! AlleKrankheitskeime sind, so darf ich wohl hoffen, dabei ebenso zum Teufel gegangen, wie meine Kleider. Sieh’ da! Sogar der goldene Ring an meinem Finger mitsamt dem Stein ist fortgeschmolzen! Aber kein Haar scheint mir zu fehlen.

Dafür ist meine Haut frisch und straff, und die Nägel meiner Hände und Füße sind rosig wie die eines Mägdleins.

Irid! Irid! Nie sah ich Füße wie die deinen! Auf dein Wohl, Irid! Den letzten Tropfen dieses Weines auf dein Wohl! Ich will jetzt schlafen. Ich bin müde. Irid – – –


Back to IndexNext