Ichmußte lange und tief geschlafen haben. Als ich erwachte, bedurfte es geraumer Zeit, bis ich mich in der Situation zurechtfand.

Es war warm geworden, und die Sonne stand schon kurz vor dem Untergehen.

Ich rieb mir die Augen. Was mochte die Uhr sein? Hatte dieser Globus überhaupt dieselbe Umlaufszeit, wie unsere Erde? Die Größe der Sonne da draußen allerdings schien der unsern gleich zu sein.

Überhaupt, welche Merkwürdigkeit: Alles, was ich bisher sah, erschien mir zwar fremd, aber doch in Form und Materie dem Irdischen durchaus ähnlich.

Vor allem Irid! Fremd und merkwürdig zwar scheint sie, aber ein Weib wie alle, die mich bisher gelockt hatten. Doch eine veredelte Blume gegen jene!

Sie mußte, während ich schlief, bei mir gewesen sein: die Reste meines Mahles waren fortgeräumt. Auch die leergetrunkene Flasche.

Der Wein ist reichlich schwer gewesen für meinen frisch atomisierten Körper, dem alle Giftstoffe entzogen waren. Trotzdem war mir sehr wohl, und ich reckte meine neugeborenen Glieder in bewußtem Kraftgefühl.

Als ich mich im Zimmer umschaute, fand ich zu meiner freudigen Überraschung Kleider und alles, dessen man sonst bedarf, um unter Menschen zu erscheinen. O kluge Irid! Oder ist ein Mann im Hause? Das wäre des Teufels!

Jedenfalls begann ich die Kleider anzulegen, eine Arbeit, die mir einige Mühe verursachte, da der Schnitt, wie ja alles in dieser neuen Welt, ungewöhnlich war.

Die Kleider zeigten eine entfernte Ähnlichkeit mit den griechischen Gewändern und waren gleich diesen buntfarbig, doch hielt ich sie für knapper anliegend. Auch glaube ich nicht, daß die Griechen Taschen in ihren Gewändern trugen.

Zuletzt blieben nur noch die Sandalen übrig, deren Anlegen mir erst nach einigen Mißerfolgen gelang.

Alles paßte glücklicherweise gut, und ich fand mich in einem Spiegel ganz stattlich und leidlich repräsentabel ausschauend.

So verließ ich denn mein Zimmer und trat zögernd auf die Treppe zu dem unteren großen Raume.

Da saß Irid an einem Fenster. Wieder schien die Sonne durch ihr lichtes, ungewöhnlich reiches Haar und schuf einen goldig-zarten Nimbus um ihren schönen Kopf.

Sie hatte ein großes Buch auf den Knien und war derartig vertieft in ihr Lesen, daß sie erst aufblickte, wie ich schon mitten im Raume stand. Solches Versunkensein eines jungen Weibes! Fast schien es, als habe sie geschlafen. Dem aber war nicht so.

Sie legte lächelnd ihr Buch beiseite, erhob sich, breitete die Hände ein wenig aus und machte eine leichte Verbeugung. Ich tat desgleichen.

Ein großer schöner Hund, der neben ihr gelegen hatte, kam auf mich zu, beschnupperte mich und sah mich mit klugen Augen an. Alles schien hier zu fragen. Irid riefihn mit einem kurzen volltönenden Worte zu sich und lud mich zum Sitzen ein.

Und nun begann wieder dies seltsame, wortlose Fragen, das mir recht unbequem war und mich in Verlegenheit setzte. Fast schien es mir, als ob das junge Weib besondere innere Kräfte besitze, den meinen weit überlegen.

Einige Male schien sie Unbegreifliches in mir zu finden. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf.

Ich kam mir vor, wie in einem stummen Examen und wußte nicht, was alles dies zu bedeuten habe.

Dann aber stand sie auf, nahm mich bei der Hand und führte mich an einen kleinen hübsch gedeckten Tisch, den ich bisher nicht bemerkt hatte. Alles Geschirr darauf war dem unsern ähnlich, nur schien es leichter und von einfachen, edelsten Formen.

Als Irid nun eine kleine Glocke in Bewegung setzte, öffnete sich bald eine Tür neben der Treppe. Ein zweites menschliches Wesen trat ein.

Gespannt betrachtete ich es. Es war ein Weib, nur wenig älter als Irid, gleichfalls groß und gut gebaut, aber starkknochiger und nicht von dem Adel der Herrin. Die Kleidung war von derselben einfachen, losen und wenig verbergenden Art, wie sie Irid trug, aber dunkler. Das schöne, gleichmäßige Gesicht und die Ruhe der Bewegungen schienen kaum einer Dienerin eigen. Sie sprach kein Wort und nahm keine Notiz von meiner Anwesenheit.

Die Dienerin trug ein Mahl auf aus schönen, aber fleischlosen Speisen, denen nicht nur ich, sondern auch Irid kräftig zusprach. Ich freute mich der Feststellung, daß dies überirdische Geschöpf einen ganz menschlichen und, wie mir schien, durchaus irdischen Hunger zeigte.

Als sie einen leichten roten Wein einschenkte und ich, ihr zutrinkend, mein Glas gegen sie hob, lächelte sie fragend. Die Gewohnheit war ihr fremd. Aber gleich verstand sie den Sinn und ahmte nach, was ich ihr vormachte. Als unsere Gläser aneinander klangen, lachte sie belustigt auf.

Nachdem das stumme, aber freundliche Mahl beendet war, erhoben wir uns. Irid nahm mich bei der Hand und führte mich in ihrem Hause umher. Der schöne Hund, den sie Turu nannte, folgte uns.

Wenn auch, wie ich schon sagte, sich nur die nötigsten Gegenstände und Geräte vorfanden, und zwar ohne allen äußeren Schmuck, so schufen doch die edeln Proportionen und die wohl erwogenen Farben aller Dinge umher eine solche Harmonie, daß schönes Behagen und tiefe Ruhe die Wirkung des Gesamtbildes war.

Die geräumige Küche und die hübsche Wohnung der Dienerin lagen mit einigen Wirtschaftsräumen in einem besonderen Häuschen hinter dem Haupthause, mit diesem durch einen kurzen gedeckten Gang verbunden.

Außerdem war noch ein zweckmäßiges Badehäuschen mit einem kleinen Schwimmbade da.

Das obere Stockwerk enthielt außer meinem Zimmer, das mir ein Gastzimmer zu sein schien, nur noch zwei Räume: IridsSchlafzimmer und, mit diesem verbunden, eine Bibliothek.

Also schlief Irid neben mir! Ohne Türen, nur durch Vorhänge getrennt. Ein befremdlicher aber anmutiger Gedanke!

Wer ist dieses junge Weib? Ist es ein Mädchen? Eine Witwe? In welcher Einsamkeit lebt sie! Ich sah nichts von Nachbarn. Nur die ewig stumme Dienerin. Das Haus stand einzeln in einem kleinen Garten am Rande der auf drei Seiten von hohem Walde umgebenen Seewiese. Eine abgeschlossene Welt. Eine Welt des Rätsels und des süßesten Wunders!

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Irid führte mich jetzt hinaus auf die Wiese und hinunter zum Waldsee. An der Stelle, auf der ich sie heute früh begrüßt hatte, hielt sie inne, lagerte sich im Grase und hieß mich desgleichen tun. Der Hund Turu war mit uns.

In der friedlichen Stille des Sommerabends lagen wir zu dritt nebeneinander, wortlos wie immer, Irid mit ihren stummenFragen, ich voll der buntesten Gedanken und in tausend Zweifeln über meine Lage, wohl die merkwürdigste, in der sich je ein Mensch befunden hat, und Turu, der Hund, die Schnauze auf den Pfoten, behaglich träumend.

Die Gedanken jagten sich in mir. Läge nicht dies jugendschöne Weib neben mir, duftend in der reifen Sinnlichkeit ihres Körpers, Ängste hätten mich überfallen.

Ihre weißen Füße waren mir nahe, und ich konnte nicht unterlassen, mit der Hand darüber zu streicheln. Sie ließ mich gewähren, auch als ich begann die zarte Haut ihres schlanken Beines zu liebkosen.

Dann aber nahm sie meine Hände in die ihren, hielt sie lange fest, sah mir ernst in die Augen und gab sie mir zurück.

Ich fühlte, daß ich, trotz des halben Gewährenlassens und des körperlichen Naheseins, keine Berechtigung hatte, von Irid mehr zu fordern als sie freiwillig gab. Die Grenze lag einzig und allein in ihrer Hand. Sie war die Stärkere.

Ich begann eine Art Gefühl vor ihr zu bekommen, wie ein Kind vor der Mutter. Mir war, als wisse und verstehe sie alles in mir, und als leitete sie mich mit ihren überlegenen Gedanken.

Dieses Gefühl erweckte in mir, der ich unter Frauen immer der Herr gewesen war, einen Zustand der Unsicherheit und Abhängigkeit, wie er mir bisher fremd geblieben war.

Dennoch lag eine eigentümliche Süße in dem Bewußtsein, der Hörige dieser herrlichen Frau zu sein.

Als wir ein Weilchen gesessen hatten, sprach Irid einige Worte zu ihrem Hunde, der mit klugen Augen zuhörte, sich dann erhob, dem Hause zutrottete und nach einiger Zeit zurückkehrte, zu meiner Überraschung auf dem Rücken, gleich einem Sattel, eine große Decke tragend, die Irid ihm abnahm und, da die Wiese feucht zu werden begann, für uns ausbreitete. Auch der Hund bekam seinen Platz darauf.

Dies alles ereignete sich mit solcher Selbstverständlichkeit, als ob eine derartige Hilfedes Hundes das durchaus Alltägliche sei. Kein Zweifel: das Tier verstand die Sprache seiner Herrin!

Aber auch nur zu dem Hunde hatte diese bisher gesprochen, und zu mir. Mit der Dienerin war kein Wort gewechselt worden.

Rätselvolles Haus des Schweigens! Mir soll es recht sein. Ich liebe wortkarge Menschen.

Allmählich wurden die Sterne sichtbar, und ich begann darin zu suchen. Kein Sternbild war gleich dem unseres Erdenhimmels. Eine Milchstraße jedoch, ähnlich der uns von Kindheit an vertrauten, wölbte sich von Horizont zu Horizont.

Wo in demkosmischen Gewimmel mochte meine Erdensonne sein?

Irid sah, was ich suchte. Sie verstand mein Denken. Sie wies mit dem Finger auf ein Sternbild von sechs Sternen, und bedeutete mich, es zu betrachten. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß sie mir den Ort unserer Sonne zeigte.

Nach und nach dunkelte es vollkommen,und die Sterne spiegelten sich im Waldsee. Irids Blicke hingen mit den meinen am Himmel.

Nach einem Weilchen stieß sie einen kleinen Laut aus und zeigte abermals in das Bild der sechs Sterne: Mitten darin stand jetzt die zarte Spirale eines Nebelwölkchens!

Ergriffen legte sie ihre Arme um meinen Hals und küßte meine Wangen. –

Dann gingen wir Hand in Hand die Wiese hinauf, dem Häuschen zu.

Irid brachte mich in mein Zimmer, grüßte mich stumm und freundlich, und bald hörte ich, als ich erregt auf meinem Bette saß, wie sie sich zur Ruhe legte, und wie nach einiger Zeit die ruhigen, festen Züge ihres Atems zu mir herüberdrangen.

Da legte auch ich mich nieder zu Träumen, die von nun an das wache Leben an Traumhaftigkeit weit hinter sich lassen sollten.


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