DieTätigkeit meines inneren Menschen bewegte sich zwischen zwei Polen: der von Tag zu Tag wachsenden Liebe zu dem über alles Begreifen schönen und für mich so rätselvollen jungen Weibe, zu dessen Gefährten mich ein großes Wunder gemacht hatte, und der Beobachtung der merkwürdigen außerirdischen Welt, die mich hier umgab.
Meine Liebe zu Irid war zu heißer Leidenschaftlichkeit gediehen, und das nahe Zusammensein mit ihr, ohne daß wegen der starken Hemmung durch ihre psychische Überlegenheit eine vollkommene Vereinigung zwischen uns möglich gewesen wäre, hätte mich aufgerieben und seelisch und körperlich krank gemacht, wenn ich nicht durch die sich mir von Stunde zu Stunde mehr erschließende Umwelt dauernd auf das lebhafteste gefesselt worden wäre.
Zumal der wohltuende Umgang mit demalten Worde, der außer Irid fürs erste der einzige Mitwisser meiner kosmischen Herkunft blieb, gab meinem immer mehr erwachenden Wissensdurst reichliche Nahrung. Der alte Gelehrte, dem es bald leicht fiel, sich in der so außerordentlich viel primitiveren Wortsprache, welche allein ich beherrschen lernte, auszudrücken, begann mich immer mehr und mehr in sein Herz zu schließen, und führte mich allgemach in die Welt seines Planeten, soweit ich sie zu begreifen vermochte, ein.
Allerdings mußte ich mir gefallen lassen, mich als eine Art gebändigten Wilden oder günstigenfalls als ein großes Kind angeschaut zu wissen, wie denn auch die Wortsprache, die allein unser Verständigungsmittel blieb, die Ausdrucksform der Kinder ist. Worde sowohl wie Irid sprachen also mit mir, im Vergleiche mit ihrer eigenen „erwachsenen“ Ausdrucksweise, etwa wie bei uns törichte Mütter mit ihren kleinen Kindern zu plappern pflegen.
Ich hatte inzwischen erkannt, daß derPlanet, auf dem ich jetzt meine Tage verbrachte, der Erde in allen seinen kosmischen und physikalischen Lebensbedingungen vollkommen gliche. Er kreist in einem gleichen Abstande und mit gleicher Umlaufszeit um seine Sonne, hat dieselbe Größe, dieselbe geologische Beschaffenheit und überhaupt dieselbe Gesamtverfassung, wie die Erde, so daß sich auf ihm, da die biologischen, chemischen und physikalischen Grundgesetze im ganzen Weltall die gleichen zu sein scheinen, und überdies jene Sonne eine der unsern gleiche Wärme spendet, dieselben Lebensformen entwickelten wie auf der Erde. Auch nur ein einziger Mondtrabant umkreist ihn.
Es mögen um die Milliarden und aber Milliarden von Sonnen des Weltalls wohl manche solcher Planeten kreisen, die Zwillings-Geschwister der irdischen Erde sind.
Daß gerade von einem solchen ich in meiner Atomisierung angezogen wurde, hatte seinen Grund nicht in meinem Willen, sondern lag, wie ich später erfuhr, in anderer Ursache.
Meine Unterhaltungen mit dem alten Gelehrtenaber zeigten mir doch einen gewaltigen, grundlegenden Unterschied zwischen dem jetzigen Zustande der Erde und dem der „Drom“, wie jener Planet sich nannte: das war das Alter des Menschengeschlechtes. Die Drom-Menschheitsentwickelung wies gleich der unserer Erde verschiedene Epochen auf, die in ihren Anfängen ganz denen der Erde gleichen: Man unterscheidet dort, wie bei uns, eine Steinzeit sowie eine Kupfer- und Bronzezeit, auf die eine Eisenzeit folgte. Dann begann eine Maschinenzeit von kürzerer Dauer, die in eine ungemein intensive Elektrizitätszeit überging. Im ersten Anfange dieser letzteren Zeit etwa stand die Erde, als ich sie verließ.
Auf der Drom hatte die Elektrizitätszeit einen geradezu märchenhaften Aufschwung alles technischen Könnens gezeitigt. Die alte Geschichte enthält die phantastischsten Beschreibungen von unerhörten Wunderwerken der Elektrizität und anderer Kräfte.
Himmel, Erde, Feuer und Wasser boten dem menschlichen Verstande keine Hindernisse mehr.
Wenn man anfangs den Vogelflug mit Erfolg nachgeahmt hatte, so gelang dies später in noch vollkommenerem Maße mit dem der Insekten. Mit blitzartiger Geschwindigkeit und in vollkommenster Sicherheit durchsausten die damaligen Drom-Menschen die Lüfte. Ungeheure Tunnel, von denen Spuren noch heute erhalten sind, führten von Erdteil zu Erdteil. Die Hülle der Drom bohrte man an, um das Feuer daraus zu entnehmen. Die Stickstoffzufuhr aus der Atmosphäre wurde durch künstliche Entladungen vervielfacht: man setzte die Wirkung des Blitzes in das Wachstum der Pflanzen, die Muskelkraft des Tieres, die Gehirnsubstanz des Menschen um, man nutzte radioaktive Ausstrahlungen als Wärme- und Kraftquelle, und am Ende gar verstand man es, die Rotationskraft des Mondes als Vorspann zu nehmen.
Aber die Geschichte lehrt, daß all dies den heutigen Menschen unbegreifliche Getriebe jener versunkenen Fabelwelt kein Glück gebracht hat.
Inmitten ihrer grandiosen Erfindungen bekämpfte sich die Menschheit untereinander in unerhört gewaltigen Kriegen, von deren mörderischer Furchtbarkeit man sich heute keine Vorstellung mehr machen kann, und schlug sich in grauenhafter Bestialität gegenseitig zu Millionen und aber Millionen nieder.
Trotz dieser Abschlachtungen aber blieb die Drom-Oberfläche von unruhevollen, geschwätzigen und hastig arbeitenden Menschen derartig angefüllt, daß sie sich wie der Umkreis eines Ameisenhaufens ausgenommen haben mag.
Man sollte auch meinen, daß wenigstens die in der damaligen Urzeit höchst mangelhafte Kenntnis des menschlichen Körpers, die es nicht erlaubte, mit den Krankheiten fertig zu werden, die Menschheit verkleinert habe. Dem aber war nicht so: zwar raffte die Krankheit gleich dem Kriege unzählige Millionen dahin, aber wie Hydraköpfe wuchs die wuchernde Menschheit nach.
Der unerhörten Überschätzung verstandesgemäßen, technischen Könnens jener wilden Zeitentsprach eine unwirkliche, phantastische und barbarische Ethik:
Der große Irrtum der Menschen jener Drom-Epoche, der viele Jahrtausende angehalten hat, daß nämlich sich im Körper die Seele als besonderes Lebewesen, als eine Art Einwohner, aufhalten solle, führte dazu, dieser Seele übersinnliche Eigenschaften beizulegen, und ihr aus Gründen mangelnden Naturerkennens die Fiktionen von Gottheiten der verschiedensten Art vorzusetzen, vom einzigen Gotte bis zu einem ganzen Götter- oder Heiligenhimmel, oft auf das tiefsinnigste und gehaltreichste ausgedacht und mit unendlicher Liebe mystisch verklärt, um welche Gottheiten sich die Drom-Menschen dann dauernd bis aufs Blut uneinig waren.
Durch das ungeistige Wesen, das sie in ihrer Verblendung um die Gottheiten herum inszenierten, schufen sie den Begriff von Gut und Böse, und trieben durch Lehre und Beispiel sich selber gegenseitig immer von neuem unwiderstehlich zum Schlechten.
Zwar gab es auch schon in jenen UrzeitenMenschen, die den Mut besaßen, diese Gottheiten als Erzeugnisse der menschlichen Phantasie zu erkennen, als Produkte des menschlichen Bedürfnisses nach Anlehnung, Unterordnung, Unfreiheit, nach übersinnlicher Mystik oder doch als die gedachte transzendente Verlängerung einer zu kurzen sinnlichen Erkenntnis, als die bequeme Erklärung scheinbar rätselhafter Vorgänge. Aber diese wenigen Menschen wurden einerseits mit Haß und Abscheu oder wenigstens mit Geringschätzung behandelt, anderseits taten sie sich auf ihre Erkenntnis etwas Besonderes zugute, legten sich wissenschaftlich klingende Namen bei und machten ein aufdringlich großes Wesen von sich.
Daß in solch’ barbarischem Getriebe die Kunst unbeirrt die herrlichsten und köstlichsten Blüten trieb, erscheint uns heute auf den ersten Blick unverständlich, erklärt sich aber aus der blutwarmen, unverbrauchten, gärenden Jugend des damaligen Menschengeschlechtes, als dessen reinste Kräfte die Künste aus dem Grunde des brodelnden Kessels gleich Gasblasendurch alles siedende Aufwallen hindurch unverletzt zur Oberfläche aufstiegen.
Auch die Wissenschaft, soweit sie sich nicht zur Sklavin der Technik machte, stand bereits inmitten vergleichsweise hoher Erkenntnisse. Von dem Lebenswichtigsten allerdings, vom Menschen, wußte sie wenig.
Überhaupt kam der Mensch in dieser sonderbarsten und aufregendsten Zeit, die der Drom je beschieden war, am schlechtesten weg.
Die immer mehr wachsende Überfüllung des Planeten, die sich höchst unzweckmäßigerweise auf einigen ihrer Gebiete einstellte, während andere frei blieben, schuf von selbst die Notwendigkeit der Einteilung und Organisation der sich drängenden Menschheit.
Von jeher hatte in jenen Urzeiten eine merkwürdige Doppelschichtung bestanden, deren Lagerungen sich in unregelmäßigen Perioden veränderten.
Auf der einen Seite war dies die über die ganze Drom hinweggehende wagerechte Schichtung in eine dünne obere Lage und eine dichte untere Lage. Die obere Lage bestandaus den Besitzenden, die untere aus den Besitzlosen. Geistiges hatte damit nichts zu tun. Es handelte sich lediglich um das Materielle.
Dem stand auf der andern Seite die senkrechte Schichtung gegenüber. Sie teilte die Menschheit nach dem Ursprungsorte ihrer Sprachen und Stämme und der geographischen Lage ihrer Wohnsitze in allerhand größere oder kleinere Gemeinschaften, die sich „Nationen“ nannten, meist untereinander bitter verfeindet waren, und sich, wenn es irgend anging, auf das heftigste und in jeder Art bekriegten. Die Kriege pflegten dann die Grenzen der senkrechten Schichtungen über ihre ursprüngliche sprachliche und geographische Lage mehr oder weniger weit hin und her zu schieben, welche Verschiebungen immer neuen Anlaß zu weiteren Kriegen gaben. Oft gar nahmen diese Verschiebungen einen solchen Umfang an, daß eine der Nationen das Gebiet der andern ganz bedeckte.
Gelegentlich einigte man sich in der Menschheit dahin, daß die Kriege von nun an aufhören, und alle einen großen Freundschaftsbundschließen sollten. Diese Einigung pflegte aber nur den Mächtigeren der senkrechten Schichtungen zugute zu kommen, und zwar auch nur so lange, als diese sich untereinander vertragen, ein Zustand, der selten lange anhielt.
Auch die große wagerechte Doppelschichtung der Besitzenden und Besitzlosen änderte oftmals ihre Lage zueinander. Dieser Wechsel war stets von Kämpfen begleitet, die den Kriegen der Nationen an Furchtbarkeit nicht nachstanden.
Die dichtere Lage der wagerechten Schichtung, die Besitzlosen, strebte zudem dauernd danach, das System der senkrechten Schichtung in Nationen überhaupt aufzuheben, weil dieses System ihrem Streben, die Oberhand zu gewinnen, entgegenstand. Wenn tatsächlich die spätere und längere Geschichte der Drom-Menschheit eine solche senkrechte Schichtung der Nationen nicht mehr aufweist, und lediglich die Dichtkunst in Prosa und Vers die schönen Ursprachen jener Epochen auf uns überbracht hat, so ist das aber nicht alsein Erfolg der Schicht der Besitzlosen anzusprechen, sondern lediglich die Wirkung der großenGeisteszeit, die einsetzte, als mit dem Ende der Elektrizitätszeit die Drom-Geschichte einen Gipfelpunkt von goldener und blutroter Strahlung erreicht hatte, wie er nicht höher und machtvoller, aber auch nicht wilder und furchtbarer gedacht werden kann.
Ein gewaltiger, himmelragender Weltberg muß jener Gipfel gewesen sein, umlagert von den großen, immer gärenden und wechselnden Menschheitsorganisationen.
Das Einzelstudium der Geschichte jener Drom-Zeit weist, wie mich Worde lehrte, Organisationsformen der mannigfaltigsten Art auf.
Am verbreitetsten war gegen das Ende jener unseligen Zeit die sogenannte Republik, in welcher Einrichtung stets eine (meist nur geringe) Mehrheit der Minderheit die Gesetze vorschrieb, und in der es zuzugehen pflegte, wie auf einer jener schnell rotierenden Drehscheiben, wie man sie früher zur Volksbelustigung auf den Jahrmärkten vorführte.Auf ihnen hält sich immer, um nicht abgeschleudert zu werden, einer am andern fest. Nur einigen wenigen aber gelingt es, in der Mitte der Scheibe so lange festzusitzen, bis sie der Zug eines anderen, gleichfalls zur Mitte Strebenden aus dem Gleichgewicht bringt und der tangentialen Wirkung der Rotationskraft aussetzt.
Diese sogenannten Republiken gab es in allen Formaten und Spielarten. Stets aber mußte ein erheblicher Teil der Menschheit dem Willen des andern Teils untertan sein, obwohl das Wort „Untertan“ als in hohem Maße beleidigend galt.
Auch Republiken mit schön drapierten Herrschern waren darunter. Diese letzteren band man in der Mitte der Drehscheiben an für sie eingeschraubten goldenen Ringen bewegungslos fest.
Zeitweilig hatte sich auch eine ganz besondere Organisationsform aufgetan, die leugnete eine Republik zu sein und von sich behauptete, die Lösung der großen Menschheitsfrage bringen zu können.
In der Theorie war sie, das muß man ihr noch heute, nach langen Jahrtausenden, zugestehen, schon vergleichsweise recht unbarbarisch ausgedacht. Keiner sollte darin mehr bedeuten, mehr besitzen und mehr Gewalt haben als der andere. Alle die trennenden und aufregenden Schichtungen, sowohl die wagerechten in Besitzende und Besitzlose, wie die senkrechten in Nationen, sollten damals schon, wie es heute ist, aufgehoben werden.
Aber es blieb bei der Theorie, denn die Voraussetzung für ihre praktische Durchführung, dieVergeistigung der Menschheit, war in jenem Menschheitszustande der Barbarei noch nicht erfüllt.
Die Versuche zur Errichtung solcher Gemeinschaften waren begreiflicherweise dazu verurteilt, am Materiellen kleben zu bleiben, und erreichten nur, daß das Individuum sich wie in einem gewaltigen, alles nivellierenden Schafstalle vorkam, in dem keiner sich wohl fühlte, jeder unfreier war als zuvor, und daß sich neben und vor die reinen und gutgläubigen Gründer und Führer Unberufene,Eitle, Macht- und Blutdürstige drängten, die der Menschheit das Leben zur Hölle machten. Die Hauptsache aber, der oberhalb des geknebelten Individuums thronende „Staat“, ohne den die ungeistige Menschheit jener Barbarenzeit eben nicht bestehen konnte, blieb, wie sehr die Schöpfer der Organisation dies auch bestritten, unter anderem Namen nach wie vor am Leben.
Am wohlsten scheint sich nach den erhaltenen Inschriften und schriftlichen Überlieferungen die Menschheit noch in jenen seltenen Ausnahmefällen befunden zu haben, wo ein durch ungewöhnliche Gaben vor seinen Mitmenschen ausgezeichneter Einzelner, getragen von dem Vertrauen aller, diktatorisch an der Spitze der Organisation stand.
Aber auch die geringe Zahl dieser Einzelnen, von denen die Geschichte weiß, Führer im Geiste, blutgeborene Könige aus den Geschlechtern der Urzeit, oder geistesgeborene Söhne des Volkes, hatten unter dem Barbarismus und dem niedrigen Kulturniveau ihrer Umwelt schwer zu leiden.
Im ganzen betrachtet, bedeutete jede Änderung der Organisationsform, so hoch auch sie von ihren Anhängern als die endliche Erfüllung der ersehnten Freiheit gepriesen wurde und welcher Art sie auch gewesen sein mochte, nichts als günstigenfalls einen Gewinn für die Gesellschaft auf Kosten des Individuums.