Neuntes Kapitel.Bei Matola.

Matolas Gehöft (s.S. 173).Neuntes Kapitel.Bei Matola.

Matolas Gehöft (s.S. 173).

Matolas Gehöft (s.S. 173).

Chingulungulu, Mitte August 1906.

Ein Gutes hat so ein richtiges, tüchtiges Fieber bei allen Übeln doch; ist es zu Ende, so hat der Rekonvaleszent einen Appetit, daß unser sanfter Ausdruck „essen“ sich zu dieser Tätigkeit des Nahrungvertilgens verhält wie der liebliche Ton der Hirtenschalmei zum donnernden Schlachtgetöse. Ein ganzes gebratenes Huhn ist in dieser Lebenslage für ein Frühstück gerade knapp ausreichend, wohlgemerkt, wenn man vorher noch einen großen Teller Knorrscher Suppe vertilgt hat und hinterher einem noch viel größeren Eierkuchen mit eingebackenen Bananen entgegensieht. Aber es geht dann auch schnell mit der Wiederherstellung; sehr bald schmeckt wieder die Zigarre, bekanntlich der beste Maßstab des Wohlbefindens seit Wilhelm Busch. Nur ein gewisses „Brägenschülpen“, das Gefühl, als wenn das Gehirn den ihm zur Verfügung stehenden Raum nicht ganz ausfüllte und daher bei jeder Kopfbewegung an den Rändern Wellen schlüge, erinnert noch ein paar Tage lang in allerdings sehr wenig angenehmer Weise an den schweren Fieberanfall.

Traum und Wirklichkeit oder Poesie und Prosa, so könnte man das berühmte Chingulungulu mit Fug und Recht benennen. Man muß in der Tat wie Nils Knudsen ein Jahrzent im Busch gesessen haben, um dieses Emporium alles Schmutzes, Dreckes und Staubes für das Paradies anzusehen, welches Chingulungulu nach Knudsens Ansicht auch heute noch darstellt. Selbstverständlich haben wir unsern Wohnsitz unter der berühmten Barasa aufgeschlagen. Sie ist wirklich ein gar stolzes Gebäude. Eigentlich ist es nur ein von Säulen getragenes Strohdach, aber dieses Strohdach hat 15 Meter Durchmesser und liegt mit seiner Spitze mindestens 6 bis 7 Meter über dem Estrich. Auch architektonisch ist es eine beachtenswerte Leistung: um den Mittelpfeiler stehen die übrigen Säulen in drei konzentrischen Kreisen; der Fußboden ist gestampfter Lehm, mit Asche vermischt. Gestampft ist nicht der richtige Ausdruck, die Leute benutzen hier vielmehr einen im stumpfen Winkel gebogenen Schlegel, mit dessen breitem, flachem Schlagende die nötige Bodenfestigkeit erzielt wird. Rings um die ganze Peripherie der Halle verläuft, nur an drei um je 120° voneinander abstehenden Lücken unterbrochen, ein um etwa 40 Zentimeter erhöhter Wall. Das sind die Sitze für die Thingmänner, denn diese Barasa ist in der Tat nichts anderes als das Parlamentsgebäude der dörflichen Gemeindevertretung. Der Thingammann thront in der Mitte des weiten Baues; rings um ihn in dichter Scharung kauern, sitzen und stehen die schwarzen Mitbürger. Eine solche Barasa hat jedes Negerdorf, aber von ihnen allen ist die von Chingulungulu am berühmtesten. Matola ist denn auch nicht wenig stolz, daß er seinen beiden Gästen gerade eine solch hervorragende Unterkunft gewähren kann.

Doch auch Matolas Wohnhaus ist ein gar stattlicher Bau. Rings um das Ganze natürlich, wie immer, die vom weitausladenden Dach beschattete Veranda, gegen Regen und Ungeziefer um eines Fußes Breite gegen die übrige Welt erhöht. Unter ihr hält Matola Tag für Tag und den ganzen Tag Hof. Das ist interessant für mich,aber nicht gerade angenehm, denn der Audienzplatz liegt nur 25 Meter von meinem Sitz ab, und Negerstimmen sind wenig gewohnt, sich Zwang anzutun. Und gar erst, wenn weibliche Wesen auftauchen, um an dem allgemeinen Konvent teilzunehmen oder sich im Schauri zu verteidigen. Dann wird’s furchtbar.

Den stattlichen Abmessungen des Matolaschen Hauses entspricht die Ausstattung seines Innern nicht. Die ganze Vorderfront entlang läuft zunächst, was Matola die Abendbarasa nennt, ein langer, schmaler Raum, in den die Hausbewohner und ihre Freunde sich an unfreundlichen Abenden vor den Unbilden der Witterung zurückziehen. Eine einzige Kitanda, ein Bettgestell im Küstenstil, bildet das Mobiliar. Der übrige Teil des Hauses wird von drei Zimmern von je 25 Ouadratmeter Grundfläche eingenommen. Die beiden seitlichen sind Schlafräume; ihr Zweck wird dokumentiert durch je ein paar Bettstellen und große Aschenhaufen, die Reste des kräftigen Feuers, das jeder Eingeborene allnächtlich zur Seite seines Ruhelagers unterhält. Beide Räume sind lediglich durch eine nach dem Mittelraum führende Tür zugängig, fensterlos und daher stockdunkel. Der Mittelraum dient als Küche; aber wie urwüchsig und primitiv nimmt sich Matolas Herd gegen den seines Kollegen Susa aus! Bei Susa ein nach Material und Technik stilgerechter Unterbau zu dem System der Herdsteine, Koch- und Vorratstöpfe und des sonstigen Küchengeräts; bei Matola nichts als ein wüstes Aschenchaos, auf dem irgendwo ein paar kopfgroße Klumpen von Termitenerde die ZubereitungsstelIe der königlichen Nahrung andeuten. Und dabei steht der Yaoherrscher im Ruf, für afrikanische Verhältnisse ein geradezu reicher Mann zu sein, der irgendwo in seinen Häusern versteckt große Mengen silberglänzender Rupien verborgen halte.

Um so interessanter ist dafür Matolas Hof. War Matola bei dem ersten Besuch, den ich ihm machte, angesichts der Dürftigkeit seines Hausinneren etwas befangen und verlegen, so führte er mich durch die hinteren Räumlichkeiten seines Anwesens mit sichtbaremStolze. Er hat auch allen Anlaß dazu. Schon die ganze Hinterbarasa seines Hauses ist lückenlos besetzt mit Vorratsbehältern der verschiedensten Größen und Formen. Da gibt es mehr als mannshohe bienenkorbartige Behälter für Hirse und Mais: daneben stehen zylindrische, nur wenig niedrigere Gefäße für Erdnüsse, Bohnen und Erbsen; in den Zwischenräumen aber findet das Auge im Halbdunkel kleinere Behälter aus Baumrinde oder Ton zur Aufbewahrung der Nahrungspflanzen zweiten Grades. Alle diese Vorratsbehälter sind, wie wir es schon in Massassi kennen gelernt haben, gegen tierische Schädlinge und die schädlichen Einflüsse der Atmosphäre durch eine dicke, feste Lehmschicht geschützt. Wendet man sich dem hinteren Teile des großen, rechteckigen Hofes zu, der durch eine hohe Palisadenwand gegen den Einblick und das Eindringen Unberufener geschützt ist, so erblickt das Auge auch hier die Beweise einer zweifellos sehr weit- und vorsichtigen Wirtschaftsmethode, denn hier ist ebenfalls alles auf das Hinüberretten der diesjährigen Ernte bis zum nächsten Erntetermin eingerichtet. Kleine und große Vorratsbehälter ringsum, zwischen allem aber ein gewaltiger Speicher, in dessen unterem Raum einige Frauen am Herde hantieren, während der ganze große Dachraum mit Ähren und Kolben gefüllt ist. Und tritt man aus dem Hofraum nach Osten ins Freie, so zieht sich längs der ganzen Palisadenwand ein langes Gerüst hin, mehr als 2 Meter hoch, auf gegabelten Pfählen ruhend, dazu mehr als 2 Meter breit, auf dem auch jetzt noch, trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit, reichliche Mengen abgeernteter Ähren endgültig an der Sonne getrocknet werden. Wandert man schließlich um das ganze Anwesen herum bis zu seiner linken Giebelseite, so steht man plötzlich vor der Krone des ganzen Wirtschaftssystems, einem Speicher von wahrhaft gigantischer Größe und zweifellos sehr rationeller Konstruktion. Er ist am Anfang dieses Kapitels wiedergegeben.

Dieser Speicher ist ein Pfahlbau, wie alle übrigen Vorratsbehälter; während aber bei den gewöhnlichen Formen der Pfahlrostnur 50 bis 70 Zentimeter hoch ist und 1 bis 1½ Meter im Quadrat mißt, liegt er bei diesem Riesen in fast doppelter Manneshöhe und nimmt eine Fläche von mindestens 3-4 Meter im Quadrat ein. Auf der Plattform ruht der eigentliche Kornbehälter. Er ist von stattlicher Tiefe und großem Inhalt, am besten einem europäischen Maischbottich vergleichbar. Zur Stunde ist er erst zur Hälfte mit Hirserispen gefüllt, daher auch noch der mangelnde Verschluß. Über dem Ganzen breitet sich dann das gewohnte, weitausladende, schwere Dach aus. — Und der Zugang zu diesem Bau- und Wirtschaftswunder? Dieser wirkt allerdings wieder urafrikanisch urwüchsig, denn er besteht aus derselben vorsintflutlichen Leiter, die meine Lachlust bereits in Massassi erregt hat: ein paar derbe ästige Knüppel als Leiterbäume; daran in meterweitem Abstand, nur schwach befestigt, ein paar ebenso elende Sprossen.

Das Allerbeste und Höchste seiner ganzen Ökonomie hat Matola sich bis zuletzt aufgespart. Was quiekt und grunzt dort behaglich im Schatten jenes düstern Gebäudes, als dessen Endzweck mir der eines Gefängnisses genannt wird. Ein Gefängnis in Afrika? Jawohl, ein wirkliches und wahrhaftiges Gefängnis; auch der Neger ist kein Engel, und als „Kette“ muß er doch irgendwo hausen. Jetzt interessiert uns mehr der Ursprung jenes zweifellos tierischen Geräusches. Eine Muttersau ist es, mit zwölf lustigen Ferkeln um sich herum. Die fröhliche Gesellschaft ist überall; sie untersuchen das Gepäck der Askari, statten Nils Knudsen in seinem Zelt Besuche ab, mit Vorliebe aber finden sie sich nach dem Diner in unserer Küche ein, um dem Koch und seinem Jungen die Säuberung unserer Töpfe und Teller abzunehmen. Das ist ihnen gar bequem gemacht, denn erstens besteht unsere Küche aus weiter nichts als einer geschützten Ecke unter der Dachveranda des Gefängnisses, zweitens aber könnte man einen Neger, wenn er sich vollgegessen hat und wie ein geprellter Frosch schnarchend in seiner gewohnten Siesta daliegt, mit aller Seelenruhe in Stücke hacken, ohne daß er bei diesem doch immerhin tief eingreifenden Vorgangerwachte. So bietet sich denn allmittäglich das merkwürdige Schauspiel dar, daß ein khakibekleideter Europäer unter wütendem Geschelt auf die faulen, schwarzen Halunken und ihren ganzen Erdteil kibokoschwingend über den Festplatz von Chingulungulu eilt, um seine Kochtöpfe von dem Besuch der zärtlichen Schweinemama und ihrer Kleinen zu befreien. Ohne einen gelegentlichen Jagdhieb auf das nachlässige Küchenpersonal geht es selbstverständlich nicht ab, doch das kümmert meinen lieben Omari recht wenig. Den Ferkeln aber haben Knudsen und ich dahin Rache geschworen, daß wir sie eines schönen Tags wirklich in unseren Töpfen haben wollen, doch dann sehr wider ihren Willen.

Wie Matola zu diesem für den Dunstkreis des Islam — denn in diesem befinden wir uns hier zweifellos — seltenen Borstentier mit seinem Nachwuchs gekommen ist, habe ich bis jetzt noch nicht erfahren; ich nehme aber an, daß er sie ebenso durch die Vermittlung der englischen Mission bekommen hat wie seine allerdings viel zahlreichere Rinderherde. Diese ist in einem Pferch untergebracht, der sich unmittelbar neben Matolas Haus befindet. Er ist ein einfacher Palisadenverschlag, in den die Tiere abends kurz nach Sonnenuntergang hineingetrieben werden, um ihn vormittags nach dem Verdunsten des Nachttaus unter der Obhut einer Anzahl Knaben wieder zu verlassen. Die Herde umfaßt rund 20 Tiere, alles Buckelrinder, von denen die Mehrzahl sichtlich tsetsekrank ist; nur ein junger starker Bulle und ein paar Rinder bringen durch ihr stattliches, frisches Äußere und ihren Übermut einiges Leben in die ganze Trauergesellschaft. Erfreulicherweise sind auch einige Mutterkühe in der Schar; von ihnen stammt das Töpfchen Milch, das Matola mir täglich in unsere Barasa herübersendet.

Das ist Matolas Residenz im engeren Sinn. Will man seinen ganzen Machtbereich kennen lernen, so steigt man am besten in den Sattel, denn Chingulungulu ist eine außerordentlich weitgedehnte Siedelung. Schnurgerade, mit Kautschukbäumen bepflanzte breite Wege führen von dem Platz um die Barasa nach Norden, Osten undWesten; links und rechts von ihnen dehnen sich weite Felder, über denen hie und da das Graubraun eines mehr oder minder stattlichen Hüttendaches auftaucht. Ich bin die ganze Zeit, die ich hier bei Matola sitze, immer von neuem in die Einzelheiten dieser Negersiedelung untergetaucht, und ich muß gestehen, daß die Reize dieser Tätigkeit mich bis jetzt über einen Übelstand hinweggetröstet haben, der mir unter andern Verhältnissen den Aufenthalt in dieser Gegend längst verleidet hätte. Das ist nämlich die Schwierigkeit, mich über die interneren Sitten, Gebräuche und Anschauungen zu unterrichten und damit in das Geistesleben des Volkes selbst so tief einzudringen, wie ich es unbedingt will. In Massassi war die epidemische Bierfröhlichkeit der ganzen Männerwelt ein für diesen Endzweck gänzlich unvorhergesehenes Hindernis; hier in Chingulungulu scheint Matola entweder nicht den Einfluß zu besitzen, mir weise Männer zum Ausfragen stellen zu können, oder aber er hat gar kein Interesse daran, dem Fremden die Weistümer seines Volkes zu offenbaren. Vieles weiß er übrigens selbst; er hat auch schon manches Mal mit uns gesessen und aus der Geschichte seines Volkes erzählt; aber wenn man ihn haben will, ist er plötzlich verschwunden. Er jage am Rovuma, heißt es dann.

Anthropologisch ist die Bevölkerung hier, im politischen Zentrum der großen Ebene zwischen den Massassibergen und dem Rovuma, ebenso bunt zusammengesetzt wie in Massassi selbst, nur daß hier unten die Wayao zunächst an Zahl überwiegen und daß sie ferner ganz allein im Besitz der politischen Vorherrschaft sind. Neben ihnen gibt es auch hier Makua, Wangindo, Wamatambwe und Makonde, und genau wie im Norden wohnt alles regellos durcheinander.

Matambwe-Frau mit reichem Narbenschmuck.⇒GRÖSSERES BILD

Matambwe-Frau mit reichem Narbenschmuck.⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Die Geschichte der Yao bis zu ihrem gegenwärtigen Wohn- und Ruhepunkt in dieser Ebene ist bunt und wechselvoll genug. Lange Zeit, von dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an bis fast in die Gegenwart, hat man sie anstandslos zu der Kaffernfamilie gerechnet. Da sie wie die Wangoni und fast gleichzeitig mit ihnen ebenfallsvom Süden nach dem Norden zogen, d. h. aus dem Gebiet östlich vom Schire und südlichen Nyassa zum Rovuma und Ludjende; da sie zudem körperlich ebenso frisch und frank erschienen wie jene reisigen Scharen aus dem fernen Südosten des Erdteils, und weil sie schließlich ebenso bewaffnet und gekleidet waren wie jene, so lag es nahe, sie gleichfalls als Einwanderer aus dem subtropischen Südafrika und als Kaffern zu betrachten. Heute ist man davon zurückgekommen; ihre Sprache gehört offenkundig in die Gruppe der östlichen Bantuidiome; heute weiß man auch, daß sie mit dem Süden des Erdteils nichts zu tun haben.

Läßt man sich die Geschichte dieses Volkes von den Männern erzählen, die entweder auf Grund ihres hohen Alters noch selbst einen großen Teil des jahrzehntelangen Wanderlebens mitgemacht haben, oder aber welche, wie Matola, Susa und Nakaam, durch ihre soziale Stellung die geborenen Träger der Stammestradition sind, so kehrt als Ausgangspunkt aller dieser meist unfreiwilligen Wanderungen stets das Gebiet am Ostrand des südlichen Nyassasees wieder.

„Einst saßen die Yao,“ so berichteten mir ein paar alte Angehörige dieses Stammes, die wir unabhängig von Matola durch ein paar handfeste Askari herbeizitiert hatten, „am Kuisale Kuchechepungu. Kuchechepungu ist der Name des Häuptlings, unter dem sie in dem Hügellande Kuisale friedlich lebten. Da kam ein Krieg, in dem die Yao geschlagen wurden. Und sie zogen in die Nähe des Makuahäuptlings Mtarika. Aber das ist schon sehr lange her; ich, Akundonde (so hieß der Sprecher dieser Geschichtskommission), weiß es auch nur von älteren Leuten. Auch bei Mtarika erging es den Yao schlecht, denn dieser starke Makuahäuptling überzog sie mit Krieg und verjagte sie. Und sie zogen nach Malambo; das aber liegt hinter Mkula. In Malambo saßen die Yao lange; schließlich aber wurden sie durch denselben Mtarika von neuem vertrieben. Jetzt ließen sie sich am Fluß Lumesule im Dondegebiet nieder; von dort sind sie später nach Massassi weitergezogen.“

Das war, als Akundonde ein großer Junge war. Da dieser alte Herr jetzt zum mindesten 60 und einige Jahre zählt, so ist dieser Zug in die Massassi-Ebene an das Ende der 1850er Jahre zu setzen. Bei Massassi sind die Yao von den Wangoni überfallen worden, haben sie aber besiegt und in der Richtung aus Kilwa Kiwindje zurückgeschlagen. Dennoch seien die Yao auf das sichere Makondeplateau gezogen. Hier, bei Mahuta, seien sie später noch einmal von den Wangoni angegriffen worden, aber das sei schon unter der Herrschaft des ältern Matola gewesen. Dann kam Bakiri von Sansibar, und damit beginne eine ganz neue Zeit.

Dieser Bakiri von Sansibar und sein Auftreten am Rovuma offenbart uns in höchst unzweideutiger Weise, wie wenig wir im Grunde genommen vom Neger und seiner Geschichte wissen. Der kaiserliche Bezirksamtmann Ewerbeck sitzt seit dem Anfang der 1890er Jahre im Lande, er hat sich seit jeher auch für die früheren Schicksale seines Bezirks im höchsten Maße interessiert, doch auch ihm sind nur unklare Gerüchte über eine Gesandtschaft des Sultans von Sansibar zu Ohren gekommen. Um so lebhafter ist die Erinnerung an dieses Ereignis bei den Beteiligten im Lande selbst. Bei Akundonde und seinen Altersgenossen ist das nicht verwunderlich, denn sie müssen damals schon erwachsen gewesen sein; aber auch Matola und seine Generation, also Leute, die sich damals noch im Kindesalter befanden oder auch noch gar nicht einmal geboren waren, werden sofort lebhaft, wenn auf den sagenberühmten Bakiri und seinen denkwürdigen Zug die Rede kommt.

Dieser Zug, der nach Ewerbecks Erkundigungen die Kohlenlager am Ludjende, dem großen rechtsseitigen Nebenfluß des Rovuma, zum Ziel gehabt hat, ist im Bewußtsein der hiesigen Völkerschaften seines Charakters als Reise verloren gegangen; er hat dafür die Form des landesüblichen Schauri angenommen; aber dieses Schauri, diese Zusammenkunft aller Großen des Landes und ihrer Völker, haftet nunmehr um so fester im Gedächtnis. Es ist das berühmte Schauri vonNkunya, einem noch heute bestehenden Ort an der Südwestecke des Makondeplateaus. Über seine Vorgeschichte, seinen Verlauf und seine Folgen erzählt Matola der Jüngere folgendermaßen:

„Die Yao saßen vorzeiten viel weiter im Westen und Süden, aber dort erging es ihnen schlecht; der alte Makuahäuptling Mtarika von Metho machte Krieg mit ihnen, und wenn er abgezogen war, dann kamen die bösen Masitu von der andern Seite und machten auch Krieg. Dabei wurden die Männer der Wayao zu Sklaven gemacht oder getötet, die Frauen aber und die Kinder wurden von den Feinden hinweggeführt. Das ist geschehen, als der ältere Matola ein ganz junger Mann war. Jetzt würde er ein ganz alter Mann sein, aber er lebt nicht mehr; er ist vor zwölf Jahren gestorben, als er zwar auch schon sehr alt, doch noch immer sehr rüstig war.

„Matola mußte schließlich fliehen; er ging zunächst an den oberen Bangala und zog dann diesen abwärts bis drei Stunden vom Rovuma. Dort starb sein zweiter Bruder. Matola war hier nur ein sehr kleiner Häuptling, denn er hatte nur ganze fünf Hütten. Aber er war klug und tapfer; er war ein Räuber, und er war ein Jäger, der viel Wild erlegte und für das Fleisch Getreide kaufte. Vom unteren Bangala zog Matola an den Fluß Newala und baute dort seine Hütten unten im Tale am Fuße des Makondeplateaus. Dort lebte er lange. Das Land aber gehörte Mawa, einem Makua. Da kam ein Mann von Mikindani herauf, Bakiri mit Namen, nach Nkunya, um Schauri zu halten. Er rief alle Stämme zusammen: Wayao, Makua, Matambwe und Wangoni. Von allen Stämmen kamen sie in Haufen. Bakiri hielt Schauri. Die Wangoni und Matambwe wurden ängstlich und liefen weg; auch die Makua liefen weg. Es blieben nur Mawa, Matola und einige andere Makua. Das Schauri dauerte vom Morgen bis zum Abend und die Nacht hindurch bis zum andern Morgen. An diesem Morgen sagte Bakiri zu Matola: ‚Ich gebe dir das ganze Land; zwar habe ich von dir und deiner Herrschaft bisher nur wenig gehört, aber die andern sind alle weggelaufen,nur du bist geblieben; du bist also zuverlässig. Herrsche daher über das ganze Land.‘ Auch Mawa schloß sich dem an: ‚Ich bin alt‘, sagte er, ‚und werde bald sterben; herrsche also du über das ganze Land.‘ Und so geschah es. Und Matola I. herrschte weise und gerecht, wenn auch streng. Erst zog er nach Mikindani und pflanzte Palmen. Dann zog er in das Land zurück bis halbwegs nach Newala; von dort endlich nach Newala selbst. Erst wohnte er oben auf dem Plateau, dann unten im Tal, dann zog er wieder auf die Höhe. Den Grund hierfür bildeten die Masitu-Überfälle. Oben in Newala ist er dann gestorben, und dort liegt er auch begraben.“

Es ist in mehrfacher Beziehung hochinteressant, diese schwarzen Herren gerade bei ihren historischen Rückblicken zu beobachten. Im allgemeinen sprechen sie gut, eine Kunst, die vom Neger seit jeher bekannt ist; es ist die natürliche Beredsamkeit, die die gekünstelten Phrasen vermeidet, den einfachen, naheliegenden Ausdruck aber rasch findet und in das Satzgefüge eingliedert. Nur dem einen oder andern, vor Alter stumpfen Greise geht die Rede nicht so glatt aus dem zahnlosen Munde heraus. Um das Gebiß der alten Neger ist es nämlich keineswegs so glänzend bestellt, wie man nach dem blitzenden Zaun der Zähne, die das Jugendstadium der schwarzen Rasse auszeichnet, annehmen sollte. Ursache für die rasche Abnutzung der Zahnkronen ist die Beimischung reichlichen Schleifmehls, wie es bei der Zubereitung der täglichen Nahrung auf dem Reibstein entsteht. Schwer und hart gleitet der Läufer über die breite Unterlage dahin; er zermalmt und zerkleinert zwar vor allem das ihm zugeführte Getreide: Hirse, Mais und Reis, aber gleichzeitig schleifen beide Steine sich doch auch einander gegenseitig ab, wie die tiefe Aushöhlung der Unterlage und die rasche Abnutzung des Läufers lehren. Die feinen Steinsplitter aber gereichen den Kauwerkzeugen der Landeskinder nicht gerade zum Nutzen. Auch die Verunstaltung der Zähne durch Absplitterung der Seitenteile zum Zweck der Zuschärfung, die bei den Männern noch vielfach Sitte ist, trägt nicht wenig zum vorzeitigen Ruin des Gebisses bei.

Sodann das Zusammenarbeiten der Geister. Von Hause aus soll der europäische Forscher dem Neger und seinen Angaben über irgendwelchen Gegenstand sehr kritisch gegenüberstehen, denn mit der Wahrheit nimmt es unser schwarzer Bruder notorisch nicht genau. Doch hier, auf dem historischen Gebiet, kontrollieren sich die Erzähler — bewußt oder unbewußt, das kann ich nicht entscheiden — gegenseitig. Einer hebt an; der Strom der Rede fließt eine kurze Weile ruhig dahin; „ă ă“ fährt ihm plötzlich unverhofft ein anderer dazwischen. Es ist ein unnachahmlicher, kurz ausgestoßener Doppellaut, begleitet von einer noch unnachahmlicheren Gebärde der Abwehr, als wollte sie sagen: Freundchen, halt, du schwindelst. Aber der Einwurf sitzt, der Erzähler stutzt, revidiert sein historisches Gewissen und bringt nun die Tatsache, um die es sich gerade handelt, in der Fassung wieder, die auf meine Frage hin auch die Billigung der andern findet.

Es liegt ganz in der Natur des hiesigen Völkerlebens, daß der einzelne Erzähler stets nur gerade die Geschichte seiner eigenen, engen Stammesgruppe wiederzugeben vermag; die Leute sind allesamt, ganz gleich, ob sie den Völkerschaften der Yao oder der Makua angehören, in numerisch kleinen Abteilungen, mag man sie Horde, Sippe oder Trupp nennen, im Lande umhergewirbelt worden. Ein ausgeprägtes, historisch begründetes Stammesbewußtsein hat sich dabei nicht bilden können, oder wenn es jemals bestanden hat, hat es die beste Gelegenheit gehabt, verloren zu gehen. So können sie auch nur von sich und ihrer nächsten Umgebung berichten. Es ist die Aufgabe der Volksforschung, möglichst viele dieser Einzelberichte zu sammeln, um aus ihnen schließlich das Gesamtgebäude einer Stammesgeschichte im großen zu errichten. Soweit es an mir liegt, soll es an Fleiß und Ausdauer in der Zusammentragung dieser Erzählungen nicht fehlen.

Nun aber der letzte und netteste Zug, ein urecht afrikanischer. Dem Neger fehlt bei dem Mangel einer Schrift jede Möglichkeit einer genauen Zeitrechnung. Schon das Erstaunen ist unbeschreiblich, wenn man jemanden nach seinem Alter fragt. „Aber wie kann ichdenn wissen, wie alt ich bin?“ Das etwa mag der Blick bedeuten, mit dem man auf jede Frage nach dem Alter eines Eingeborenen verwundert angestaunt wird; auch die Eltern und Großeltern sind niemals in der Lage, über das Alter ihrer Kinder und Enkelkinder auch nur annähernd genaue Zahlen anzugeben. Das Leben eines Negers fließt zu ereignislos und eintönig dahin; zudem wird sein Dasein so voll und ganz durch seine kleinen Sorgen und seine kleinen Freuden ausgefüllt, daß er für besondere Gedächtnisübungen keine Zeit haben würde, selbst wenn die geringste Lust für eine derartig überflüssige Geistesbelastung vorhanden wäre. Schließlich aber, und das ist wohl das Wesentliche und Ausschlaggebende, fehlt jeder Zwang; es gibt keine Behörde, kein Amt, und so wächst der kleine schwarze Weltbürger heran, unbekümmert um Zeit und Raum; er nimmt sich ein Weib oder ein paar, vermehrt sich, und kein Hahn kräht jemals danach, ob er und sein Alter gebührend registriert und kontrolliert worden sind.

Dieses Fehlen und dieser gänzliche Mangel einer absoluten Chronologie tritt vor allem auch in der Stammesgeschichte zutage. Ich war zuerst ratlos, wie ich mich angesichts der geschilderten Erhabenheit über Zeit und Raum mit meiner Fragestellung einrichten sollte. Auf diese kommt aber im wissenschaftlichen Verkehr mit den Eingeborenen schließlich alles an; man hält es gar nicht für möglich, welch irreführende Ergebnisse eine Frage veranlassen kann, die falsch gestellt, d. h. dem Verständnis und der Denkweise des Naturmenschen nicht angepaßt ist. Ich bin zu meinem Glück bei all meinen bisherigen historischen Studien aller Schwierigkeiten durch die Erzähler selbst überhoben worden, und zwar durch eine ebenso naturwüchsige wie relativ zuverlässige Methode.

„Wann war das, als ihr am Lumesule saßet?“ frage ich den alten Akundonde. Ohne ein Wort zu erwidern, streckt er seinen rechten Arm seitlich aus, etwa in der Körperhöhe eines 12jährigen Jungen, und biegt die Hand graziös senkrecht nach oben, so daß siemit dem Unterarm nahezu einen rechten Winkel bildet. Ich sehe mir die Manipulation mit stummem Erstaunen an, aber schon gibt mir Knudsen die erwünschte Erläuterung: in dieser geschilderten Weise gibt der Eingeborene die Höhenmaße des Menschen und damit gleichzeitig auch die Zeitlage eines in dessen Leben fallenden Ereignisses an; streckt er hingegen die Hand in der Verlängerung des Armes in der gleichen, wagerechten Richtung aus, so dient diese Manipulation zur Kennzeichnung der Körperhöhe eines Tieres. Ich muß gestehen, unter dem vielen Fremdartigen und Neuen, das in Afrika bisher auf mich eingestürmt ist, hat diese feine und doch so vielsagende Unterscheidung zwischen Mensch und Tier den allergrößten Eindruck auf mich gemacht.

Arm-Chronologie. „Das war, als ich so groß war.“

Arm-Chronologie. „Das war, als ich so groß war.“

Einer etwas anderen Mimik bediente sich Nakaam in Mwiti, als er mir die Geschichte der Yao erzählte. Nakaam unterscheidet reine Yao und unreine; zu jenen rechnet er die Chiwäula, die Katuli und die Kalanje. Das sind alles Begriffe, die bisher in der völkerkundlichen Literatur über dieWayao noch nicht existieren; es muß auch einer späteren Kritik vorbehalten bleiben, den intelligenten, aber doch vielleicht etwas windigen Gewährsmann von Chiwata auf die Zuverlässigkeit seiner Angabe hin nachzuprüfen. Die Heimat der reinen Yao ist nach Nakaam Likopólŏe, eine Hügellandschaft im Gebiet von Chissi, auf portugiesischem Gebiet zwischen Mataka und dem Unanguhügel. Von dort habe sie der Häuptling Mputa verjagt, als Nakaams Mutter ein kleines Kind war, das auf allen Vieren kroch. Nakaam ist nach seiner eigenen Aussage das vierte Kind seiner Mutter; heute kann er 40 bis 45 Jahre alt sein. Nach Mputa kamen andere Makua und zersplitterten die Yao noch weiter. Absolute Zahlenwerte waren auch selbst aus dieser Perle von Intelligenz, als die Nakaam unzweifelhaft zu gelten hat, nicht herauszuholen. Dafür entschädigte bis zu einem gewissen Grade die Drolligkeit seines Anblicks, als der wohlbeleibte Häuptling, der sonst die personifizierte Würde selbst war, fortgerissen durch die Lebhaftigkeit seiner Schilderung, plötzlich alle Rücksicht auf seine erhabene Stellung vergaß und uns das Krabbeln seiner Mutter im Babyalter mit verblüffender Naturwahrheit vorführte.

Matola ist so ziemlich in allem das Gegenstück zu Nakaam. Schon bei der Kleidung fängt es an; Nakaam kleidet sich nach Küstenart in das schneeweiße, lange Kansu, Matola hingegen ist oben Europäer, unten Yao; seinen Oberkörper umhüllt nämlich ein ganz normales europäisches Jackett, Lenden und Oberschenkel aber ein buntfarbiger Baumwollschurz, wie ihn seine Untertanen tragen. Der Charakter des Verschmitzten, der für Nakaam so bezeichnend ist, fällt hier ganz weg; Matola macht den Eindruck eines Biedermannes, der er auch nach den Schilderungen aller Europäer von Lindi, die jemals mit ihm in Berührung gekommen sind, in Wahrheit ist. Er ist stets geschäftig; entweder hält er unter seiner Barasa Hof, d. h. er erzählt sich etwas mit dem Dutzend oder den zwei Dutzend Männern, die von früh bis spät sich dort herumtreiben, oder aber er hat es mit uns und der Besorgung unserer Wünsche zu tun. In seinen Manieren weicht er wenig vonseinen Untertanen ab. Rauchen ist hier fast unbekannt, dafür wird Tabak stark geschnupft und gekaut. Eine Folge dieser Gewohnheit ist, daß die Leute schrecklich spucken. Auch Matola macht keine Ausnahme; zudem hat er die andere Gewohnheit, sich unausgesetzt zu kratzen. Das tut auch die Mehrzahl der übrigen Leute hier. Hat man einen Haufen von ihnen um sich, so ist es tatsächlich schwer, inmitten des allgemeinen Gekratzes sich dieser lieblichen Gewohnheit selbst zu enthalten. Ich nehme an, daß sie eine Folge der Unreinlichkeit ist, die hier alle Welt beherrscht; das bißchen Wasser aus den paar Löchern im nächsten Bachbett langt eben für Atzung und Trunk; für die Reinigung des Gesichtes oder gar des ganzen Körpers ist von dem kostbaren Naß nichts übrig.

Yaohäuptling Matola.

Yaohäuptling Matola.

Ich bin ein Geruchsmensch; von allen meinen Sinnen ist der des Geruchs am besten ausgebildet. Das bringt mir viele Qual an jedem Tag; schon in ziemlicher Entfernung kann man es förmlich riechen, wenn eine Schar von Eingeborenen mir die Ehre ihres Besuches angedeihen zu lassen gedenkt. Unsere Sprache ist zu arm, als daß sie diese Mischung von Rassengeruch, Schweiß, ranzigem Öl, Rauch und hundert andern unbestimmbaren Ingredienzien spezifizieren könnte; die meiste Ähnlichkeit hat wohl die Ausströmung einer größeren Schafherde. Schön ist anders.

Und dann die Fliegen! Mit dem gleichsam als Spitze voranmarschierenden Duft kommen auch sie in Scharen auf den unglücklichen Europäer zugestürzt. Ich habe geglaubt, wer weiß wie vorsichtig zu sein, indem ich mir von Leipzig zwei Brillen mit dunkelgrauen Gläsern mitgenommen habe. Eine von ihnen sitzt längst auf Moritzens Nase. Der Bursche kam eines schönen Tags mit einer akuten Bindehautentzündung an. Heute ist diese, dank meiner energischen Behandlung, längst behoben, aber es fällt dem eitlen Fant durchaus nicht ein, nun jene Brille, die ich ihm in einer Anwandlung von Überhumanität zur Verfügung gestellt hatte, wieder zurückzugeben. Daß er ihrer nicht mehr benötigt, wird aufs klarste dadurch bewiesen, daß er sie in der prallen Sonne meist absetzt; dafür trägt er sie aber im Dunkel des Hauses und stolpert dabei selbstverständlich über jeden Gegenstand. Das andere Exemplar tut mir im Freien ausgezeichnete Dienste, unter der dunkeln Barasa indessen verschluckt sie zu viel Licht; daher bin ich genötigt, mich den Fliegenschwärmen der Eingeborenen wehrlos auszusetzen. Gegen diese afrikanischen Insekten sind unsere europäischen Stubenfliegen die reinen Waisenkinder; wie ein Blitz ist das die Größe einer kleinen Biene erreichende Tier herangesaust, nicht senkrecht auf das Auge zu, sondern tangential; es fährt förmlich unter dem ganzen Augenlid hin, doch so fabelhaft schnell, daß eine Abwehr gänzlich ausgeschlossen ist. Und das wiederholt sich das eine um das andere Mal; man sieht mit Staunen und mit Grauen, wie sich diese kleinen Biester erst an den entzündeten Augenrändern der Eingeborenen auf die boshafte Attacke vorbereiten; man schlägt instinktiv wild um sich; es nützt alles nichts, der Streifzug des Gegners ist inzwischen längst erfolgreich verlaufen. Knudsen leidet weniger unter dieser Plage, anscheinend auch weniger unter der des Geruches, denn während mir nach mehrstündigem Schauri stets mehr oder minder übel wird, sitzt der blonde Norweger ungerührt ganze Tage zwischen den Leuten.

Wenig ist hier von den Frauen des Landes zu sehen; Matola hat immer und immer wieder den strengen Befehl ausgegeben, daß siealle zum Photographieren kommen sollen; vier oder fünf sind erschienen, das ist alles. Mich sehen und so schnell ausreißen, wie es die angeborene Würde und die Eigenart der weiblichen Fortbewegungsmethode gestattet, ist eins. Um so ausdauernder werde ich von der männlichen Jugend des Ortes belagert; wie eine Mauer hocken Dutzende von kleinen Kerlen an der Peripherie unseres Wohnraums; alle Mann hoch die Mäuler weit offen, blöd und regungslos den fremden weißen Mann anstarrend.Dieser offene Mund ist bei der Jugend hier ganz allgemein, desgleichen auch der bekannte Hängebauch, über dessen Entstehung man sich nicht wundern kann, wenn man sieht, was so ein Negerbub an schwer verdaulichen Vegetabilien tagsüber in sich hineinstopft. Wodurch diese unbeabsichtigte Verunstaltung des Leibes später verloren geht, entzieht sich meiner Beurteilung; aber sie muß entschieden verschwinden, denn die Erwachsenen sind ausnahmslos sehr wohlgestaltete Erscheinungen.

Der schwarze Erdteil liebt mich nicht; schon auf dem Marsch hat er mich täglich mit seinen Wirbelwinden belästigt; hier in Chingulungulu sucht er mich ganz systematisch aus seinem Innern hinauszutreiben. Knudsen und ich nehmen unser Mittagessen zwischen 12 und 1 Uhr ein. Ursprünglich war es auf präzise 12 Uhr angesetzt. Gemessenen Schrittes nahen Moritz und Knudsens Ali von der Küche am Gefängnis herüber mit dem unvermeidlichen Teller Knorrscher Suppe. Diese Präserven sind etwas ganz Vorzügliches; sie allein wären, glaube ich, imstande, den Körper hier über Wasser zu halten. Mit einem fröhlichen „Gesegnete Mahlzeit“ machen wir uns über das Gericht her, jeder, wie es hier so Sitte ist, an seinem eigenen Expeditionstisch. Horch, was ist das? Ein gewaltiges Brausen. Es kommt näher und näher; Staub, Gras und Laub wirbeln auf; instinktiv hält man Hand oder Mütze über den Teller. Es ist zwecklos; ein wirbelndes Chaos von Asche, Staub, Strohbündeln und allen jenen Schmutzmassen, die man nur hier in Afrika studieren kann, rast von rückwärts heran; die Barasa ächzt in allen Balkenlagern; die Boys fliegenwillenlos und widerstandslos auf den freien Platz hinaus; dann ist alles vorüber. Bringt man es fertig, die Augen unter der Schmutzkruste, die jetzt alles überzieht, zu öffnen, so erblickt man eben noch, wie weit vor uns das Dachstroh einer Eingeborenenhütte im fröhlichen Wirbel durch die Lüfte tanzt; dann verschwindet die Erscheinung auch schon im Pori. Den ersten Tag waren wir natürlich gegen das Phänomen wehrlos; den zweiten Tag dachten wir an nichts Böses, da war es auch schon da; den dritten Tag schlug ich vor, das Diner um eine Viertelstunde zu verlegen. Es hat alles nichts geholfen; auch die Windhose kam um diese Viertelstunde später. Wir haben dann im Lauf der Zeit einen förmlichen Krieg mit dieser Mittagshose geführt, aber die Besiegten sind auf der ganzen Linie wir. Stets kommt sie, wenn die Suppe aufgetragen ist; kaum können Moritz und Ali noch schnell den Blechdeckel einer Reisekiste über den Teller stülpen, so ist sie auch schon da. Teils zum Schutz gegen sie, zum andern aber gegen die immerhin lästige Neugier der Landeskinder, der großen und der kleinen, haben wir uns unter Matolas Architekturwunder eingebaut; wir haben eine bis ans Dach reichende Wand aus Hirsehalmen quer durch die Halle selbst gezogen und haben diese Wand rechts und links von uns in zwei konvergierenden Linien weitergeführt, so daß wir jetzt wie in einem Zimmer sitzen. Aber auch in diesen geschlossenen Raum kommt meine intime Feindin, die Mittagshose.

Ein besonderes Kapitel sind die Wasserverhältnisse dieser Gegend. Von allen Reizen Chingulungulus hatte Knudsen gerade sie am höchsten gepriesen; wenn man auch noch so krank und elend sei, von diesem herrlichen Labetrunk werde auch der siechste Körper gesund. Einer unserer ersten Gänge nach der Absolvierung unseres gemeinsamen Einzugsfiebers hat dem Besuche der Hauptquellen des Ortes gegolten. Sie liegen unmittelbar an der Barrabarra nach Susas Residenz zu und hätten von mir schon beim Einzuge gesichtet werden müssen, wäre ich an jenem Tage nicht mehr tot als lebendig gewesen. Erwartungsvoll wandle ich den sonnenheitern, nur ein paarhundert Meter langen Weg auf jene Stelle zu; ein großer Troß von Knaben und halbwüchsigen Burschen hinter uns drein. „So, hier sind wir“, heißt es plötzlich, als wir in drei mannstiefen, geräumigen Gruben eine Anzahl mit dem Pelele behafteter Weiber und mehrere jugendliche Töchter des Landes kauern sehen.

An den Wasserlöchern von Chingulungulu.

An den Wasserlöchern von Chingulungulu.

„Na, und der Brunnen?“ frage ich, mir vor meinem geistigen Auge immer noch die glühenden Schilderungen des Norwegers ausmalend.

„Nun, da unten, dort die Löcher, das sind die Quellen; sehen Sie doch, wie die Weiber schöpfen.“ Das sah ich nun allerdings, und im Nu waren alle meine Illusionen verflogen. Doch ebenso rasch war auch schon das wissenschaftliche Interesse erwacht, und nach einem Rundgang um diese Löcher und einem Abstieg in jedes von ihnen war ich sehr bald über die Hydrographie dieses Landes im allgemeinen und Chingulungulus im besondern im Bilde.

Die Flüsse und Bäche hier im Regenschatten des Makondeplateaus sind Wadi, wie man sie in Nordafrika heißt, oder Omuramben, wie man es im fernen Deutsch-Südwestafrika nennt; sie sind zwar das ganze Jahr wasserführend, doch nur im Grundwasserspiegel; oberflächlich fließt ihr Wasser nur in und unmittelbar nach der niederschlagsreichen Jahreszeit. Diese ist schon seit Monaten zu Ende, und darum ist es kein Wunder, wenn die Leute gegenwärtig immer tiefer in die Bachbetten hineingraben müssen, um zum lebenspendenden Naß zu gelangen. Hier sind sie stellenweise schon durch die gesamte Auflagerungsschicht hindurchgedrungen, und Moritz weiß nicht genug dieses Wasser zu rühmen, das aus reinem Fels entspringe. Es mag in der Tat bakterienarm und auch für Europäer unschädlich sein, aber mich haben die nähern Umstände seiner Gewinnung doch vom ersten Moment meiner hiesigen Anwesenheit veranlaßt, mein seit Lindi geübtes Verfahren des Alaunisierens, Filtrierens und Kochens alles meines Trinkwassers beizubehalten und streng durchzuführen.

Das ist ein Fest, diese ständige Sorge um sein bißchen Flüssigkeitszufuhr. Auf keinem Gebiete des täglichen Lebens kommt dem Kulturmenschen und besonders dem verwöhnten Großstädter der Unterschied zwischen dem alten Kulturlande Europa und dem jungfräulichen Afrika so schneidend zum Bewußtsein wie gerade in der Sorge um den gewohnten Trunk. Im vornehmen Uleia ein leichter Griff an den Wasserhahn, und kristallklares, kühles, wohlschmeckendes und gesundes Wasser rinnt ins peinlich saubere Glas; im plebejischen Afrika brütet am schlammigen Erdloch ein nicht viel weniger schlamm- und schmutzüberzogenes Weib. Hinter ihr auf hohem Grubenrande thront das rundbauchige Tongefäß. Stumpf stiert sie in die schmale Vertiefung hinein; in der Rechten das gewohnte Schöpfgefäß, die quer halbierte Hohlfrucht mit durchgestecktem Holzstiel. Endlich lohnt es, das Schöpfgefäß in die trübe Flut zu versenken; nicht ohne Grazie, mit jenem unnachahmlichen Wiegen der Beckenpartie, wie es nur der Negerin eigen ist, steigt sie nach oben, und in milchweißem Strahl ergießt sichdie Ausbeute in das Sammelgefäß. Dies wiederholt sich, bis der große, schwere Krug gefüllt ist. Ein kurzer Gang zum nächsten Busch; mit einer Handvoll frischgrüner Zweige kehrt sie zurück und versenkt den Strauß mit liebevoller Sorgfalt in den weiten Hals des großen Wassertopfes. „Also ein Bukettà l’Afrique,“ denke ich, „etwas barbarisch zwar, aber doch wohl der Beweis eines beginnenden Gefühls für die Schönheiten der Natur.“ Weit gefehlt, so weit ist der Neger und auch die Negerin noch lange nicht; wir eingebildeten Europäer haben es zu diesem heute so viel gerühmten Naturgefühl ja auch erst vor noch nicht zu langer Zeit gebracht; der Neger ist vor allen Dingen praktisch, ja er ist überhaupt nichts als praktisch. Würden die bis fast an den Rand gefüllten Gefäße dieses Straußes ermangeln, ein Meer von Wasser würde sich bei jedem Schritt über Kopf und Körper des Trägers oder der Trägerin ergießen. So wird kein Tropfen verschüttet; die Zweige und Blätter verhindern jede Wellenbewegung in dem engen Becken.Probatum est.

Auch eine Kaffeemaschine ist zu recht vielen Dingen nützlich. Mein Koch Omari hat auf die Benutzung eines solchen Instruments von vornherein verzichtet; daher kam mir der Blechtrichter mit den beiden feinen Sieben ausgezeichnet zur Konstruktion eines Wasserfilters zustatten. Holzkohle gibt es überall; sie ist bald zu feinen Stücken zerschlagen und in starker Schicht in den Trichter gebettet. Dieser ist damit zu einem feinen Filter geworden, der Einfachheit mit leichter Beweglichkeit verbindet und stets reparierbar ist. Mit ihm müssen sich Moritz und Kibwana weit mehr beschäftigen, als diesen faulen Schlingeln lieb ist. Aus meiner frühern Zeit als Ozeanograph, wo ich mich lange mit dem Problem des Sedimentabsatzes in den verschiedenen Wasserarten befaßt habe, weiß ich noch, daß Salze den Niederschlag alles Festen sehr stark beschleunigen. Für die Expedition ist Alaun das gegebene Klärungsmittel. Eine mäßig große Blechbüchse voll ist beim Inder bald erstanden; in langer Reihe haben die Träger die von den Eingeborenen rasch hergeliehenen Tontöpfe undKalabassen in den Schatten der Barasa gesetzt. „Daua ya uleia“, rufe ich Kibwana zu.Dauaist das Wort für alles, was in den Augen des Negers irgendeine unerklärliche Wirkung hervorbringt; uleia ist ihm gleicherweise alles, was nicht zu seinem geliebten heimischen Erdteil gehört: Europa, auch Deutschland im besondern; selbst das amerikanische Petroleum kommt ihm ausuleia. Hier ist damit die Alaunbüchse gemeint. Eine Prise von dem Salz fliegt in jedes der Gefäße; das gleichzeitige Umrühren ihres Inhalts zeigt dessen erschreckliches Ausmaß von Trübung und Unreinheit. Für Moritz ist diese Brühe gleichwohl einmaji msuri, ein köstliches Wasser. In meinen Augen ist es das erst nach Verlauf mehrerer Stunden. Dann ist die Flüssigkeit in der Tat kristallklar; man gießt sie vorsichtig ab; die Boys jagen sie zwei-, drei-, auch viermal durch den Kohlenfilter. Omari kocht unter Androhung der schwersten Strafen das Wasser 10 Minuten lang; die Nacht über kühlt es ab; morgens ist es dann ein Göttertrank; freilich auch nur erst durch meine Reiseflasche, sodann durch die Fruchtkonserven der guten, alten Hansestadt Lübeck. Selbstverständlich hat man mich in Berlin auch mit der üblichen, großen Aluminiumflasche für Expeditionen ausgerüstet; ich denke gar nicht daran, sie zum Gebrauch heranzuziehen. Wie anders ist da der Hauptmann Seyfried zu preisen! Der hat michnolens volensin Lindi zum Inder geschleppt. „So, da sehen Sie die große Pulle; die erstehen Sie sich mal für 1 Rupie.“ Gesagt, getan. „Und nun nehmen Sie Ihren schlauesten Träger her, der mag sie Ihnen mit Kokosstricken so umgürten, daß ihr nichts passieren kann. Und jetzt ziehen Sie los in Gottes Namen.“ Die Flasche hat griechische Form, aber indischen Ursprung; sie ist unglasiert, sehr porös und transpiriert ausgiebiger als selbst der schwerstbelastete meiner Träger. Das ist aber auch gerade bei beiden beabsichtigt, beide sollen sich durch diese Transpiration abkühlen. Bei meinen Trägern interessiert mich der Prozeß nicht weiter, um so erquicklicher ist dafür die auch im tollsten Sonnenbrand stets gleich kühle Temperatur meines Trinkwasservorrats, den derlange Kofia tule mit mehr Würde als Grazie auf seinem wolligen Haupte trägt. Höchst spaßhaft ist es übrigens, daß Knudsen durchaus nichts von einer Alaunbehandlung seines Trinkwassers wissen will; er hält dieses weiße Pulver ganz wie seine schwarzen Freunde für eine „Daua ya uleia“, für etwas Unheimliches, dem man nicht trauen darf, und trinkt lieber die trübe, schmutzige Brühe als mein kristallklares frisches Getränk.Habeat sibi.

Makonde-Frauen von Mahuta.⇒GRÖSSERES BILD

Makonde-Frauen von Mahuta.⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Nur in unserer Begeisterung für selbstfabriziertes Selterwasser mit Konserven stimmen wir beide vollkommen überein. Jenes stellt sich der Reisende mittels des Sodorapparats her, einer starken Flasche, die oben einen besondern Verschluß trägt. Dieser ist eingerichtet zur Aufnahme einer kleinen Kohlensäurepatrone, die man an jedem Küstenplatze das Hundert zu etwa 10 Mark kauft. Man füllt die Flasche zu fünf Sechstel mit Wasser, legt die Patrone ein und dreht an einer Schraube. Mit lautem Gezisch fährt das Gas in die Flüssigkeit; man schüttelt die Flasche eine Minute, dann ist der „Sauerbrunnen“ fertig. Für sich allein und ohne Zusatz getrunken, schmeckt er nicht gerade berühmt, doch immer noch besser als gemeines Wasser schlechthin; opfern wir aber eine meiner vielen Lübecker Blechdosen mit ihrem verlockenden Inhalt an Kronsbeeren, Birnen, sauren Pflaumen u. dgl. und nehmen deren Saft als „Schuß“, so ist das Ergebnis ein wirklich hervorragendes Getränk. Es schmeckt selbst besser als die schönste Pombe von Chingulungulu, dem bierberühmten.


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