Sechstes Kapitel.Umschau.

Massassiberge. Nach Zeichnung des Salim Matola (s.S. 455).Sechstes Kapitel.Umschau.

Massassiberge. Nach Zeichnung des Salim Matola (s.S. 455).

Massassiberge. Nach Zeichnung des Salim Matola (s.S. 455).

Massassi, 25. Juli 1906.

Seit reichlich einer Woche bin ich in Massassi. Mein Heim ist eine im reinsten Yaostil gebaute Hütte, die von den Eingeborenen auf Befehl des kaiserlichen Bezirksamts eigens für durchreisende weiße Herren gebaut worden ist. Die Hütte oder, wie man wohl sagen muß, das Haus, denn es ist ein stattlicher Bau von zirka 12 Meter Länge bei 6 Meter Tiefe, liegt außerhalb der Boma, welche den hiesigen Polizeiposten beherbergt. Es ist ein Ovalbau, dessen Dachform aufs täuschendste einem umgekehrten Boote gleicht. Das Material der Wände ist wie überall im Lande Bambus und Holz, das innen und außen sauber mit grauschwarzem Lehm verputzt ist. Im Gegensatz zu den Eingeborenenhäusern hat mein Palais den Vorzug von Fenstern. Das heißt: Fensterscheiben fehlen; kriecht man abends unter sein Moskitonetz in das Tippelskirchsche Feldbett hinein, so schließt man vorher die Luken mit Türen aus derben Bambusstäben. Der Fußboden ist, wie auch in allen Eingeborenenhütten, gestampfter Estrich. Er läßt sich im allgemeinen ziemlich sauber halten, istaber nicht für die scharfen Kanten europäischer Stiefelabsätze eingerichtet; sie richten in ihm sehr bald erhebliche Verwüstungen an. Das ganze Innere stellt ein ungeteiltes Ganzes dar, das lediglich unterbrochen wird durch die zwei gleichsam in den Brennpunkten der Ellipse stehenden Pfeiler, auf denen das schwere Strohdach ruht. Dieses ragt nach außen und unten hin weit über die Hauswand hinaus, wird an seinem Außenrande von einer weiteren Ellipse von kürzeren Pfeilern getragen und bildet damit jenen schattigen, breiten Umgang um das ganze Haus, der unter dem Namen Barasa ein unumgänglicher Bestandteil jedes ostafrikanischen Wohngebäudes ist. —

Mit dem Namen Massassi bezeichnen die Eingeborenen einen ganzen Bezirk. Er ist geologisch, geographisch, botanisch und ethnographisch gleich interessant. Sehr bald hinter Nyangao, von der Küste aus gerechnet, beginnt die berühmte lichte Baumgrassteppe; gleichzeitig treten die Ränder des Makondeplateaus im Süden und der verschiedenen kleinen Hochländer im Norden des Lukuledi immer weiter zurück. So wandert man Tag um Tag in vollkommen horizontaler Ebene und in gleich einförmiger Vegetation dahin. Das ist nichts weniger als anregend und interessant. Aber was ist das? Eine glänzend graue, riesige Felswand grüßt bei einer Biegung des Weges unverhofft über das endlose Meer dürrer Baumkronen herüber. Man atmet auf und vergißt angesichts des neuen landschaftlichen Reizes alle Müdigkeit. Auch der Schritt der schwerbelasteten Träger wird schneller. Plötzlich hört der Wald, der mit der Annäherung an jenen Fels dichter, grüner und frischer geworden ist, auf; statt der einen steilen Felswand erblickt das Auge nunmehr aber eine ganze lange Reihe solcher Berggipfel, die sich dem Scheine nach quer über unseren Weg hinüberzieht und ihn versperrt. Doch dem ist nicht so, denn hart am Fuß der ersten dieser Kuppen schwenkt auch der Weg nach Südsüdosten ab, um nunmehr die ganze Bergreihe in nächster Nähe zu begleiten. Wo sie endlich zu Ende geht, da ist auch er zu Ende, denndort liegt, eingebettet in einen förmlichen Kreis von Bergkindern, wie der Neger in seiner Sprache sagen würde, d. h. zwischen niedrigen, nur 100 oder wenige 100 Meter hohen Hügeln, die Militärstation Massassi.

Inselberg von Massassi.

Inselberg von Massassi.

Die Gneiskuppen von Massassi sind in der geologischen Literatur über Afrika hochberühmt; sie sind aber auch etwas Einzigartiges, nicht ihren petrographischen Bestandteilen nach, sondern wegen ihrer enggeschlossenen Reihenform. Orographisch wird dieser ganze Osten Afrikas, in dem ich mich befinde, charakterisiert durch „Inselberge“, wie sie der Geologe Bornhardt nennt. Der Name ist gar treffend; würde sich der Erdteil um etliche hundert Meter senken, oder der Indische Ozean um ebensoviel steigen, so würde das ganze Lukuledital, auch das des Umbekuru und des Rovuma, sicher auch das mancher Flüsse von Portugiesisch-Ostafrika, fernerhin dann die ganze riesige Ebene westlich vom Wamuera- und vom Makondeplateau, einen gewaltigenSee bilden. Über dessen Oberfläche würden hier im Westen lediglich diese klobigen, plumpen Gneiskuppen als winzige Inseln hervorragen, während nach der Küste zu die genannten Plateaulandschaften sozusagen die Kontinente auf diesem Stück Erdoberfläche darstellen würden.

Im allgemeinen sind diese Inselberge völlig regellos über das ganze, weite Land zerstreut. Klettere ich auf eine der kleinen Kuppen unmittelbar hinter meinem Wohnhaus, so vermag ich nach Norden, Westen und Süden eine fast unabsehbare Schar dieser merkwürdigen Gebilde zu überblicken. Meist liegen sie einzeln oder in Gruppen angeordnet da; nur eine Anzahl von Tagereisen weiter im Westen häufen sie sich in der Madjedjelandschaft in dichter Scharung zusammen. In unmittelbarster Nähe bildet dann die Massassikette die andere Ausnahme. Der Regellosigkeit der Anordnung entspricht auch eine große Verschiedenheit der Höhe; viele dieser Kuppen sind nur winzige Hügel; andere wieder ragen steil und unvermittelt noch 500 Meter und mehr über die hier bei Massassi schon reichlich 400 Meter hochgelegene Ebene empor. Damit erreichen also die höchsten dieser Berge die Höhen unserer deutschen Mittelgebirge.

Über die Entstehung dieser seltsamen Bergformen habe ich als Nichtgeologe natürlich kein Urteil. Nach Bornhardt, der in seinem großartigen Werke „Zur Oberflächengestaltung und Geologie Deutsch-Ostafrikas“ (Berlin 1900) die erdgeschichtlichen Züge dieses Landschaftsbildes in bewunderungswürdiger Plastik geschildert hat, sind alle diese Inselberge Zeugen eines uralten und niemals unterbrochenen Kampfes zwischen der aufbauenden Tätigkeit des Meeres und der abflachenden, nagenden, grabenden, erniedrigenden Wirkung des fließenden Wassers und der Atmosphärilien. Er sieht diese Gegend zur Primordialzeit als eine ungeheure Ebene lückenlosen Urgneises. In sie gruben die Bäche und Flüsse im Laufe der Zeit ihre Täler, alle in mehr oder weniger gleicher Richtung. Es blieben also nach Ablauf dieses langdauernden Prozesses langgestreckte Bergrücken zwischen jenen einzelnen Tälern stehen.Dann kam aber eine andere Zeit: an die Stelle der Zerstörung trat die der Auflagerung; wo vordem Regen, Quellen, Bäche und Ströme das zerkleinerte und zersetzte Gestein abwärts und meerwärts getragen hatten, flutete jetzt das Meer selbst; es füllte die Täler wieder aus und deckte auch wohl den ganzen, alten Schauplatz mit seinen Sedimenten zu. Diese Sedimente wurden im Laufe weiterer Zeiträume selbst wieder zu hartem Gestein. Und abermals wechselte die Szenerie; wieder lag der Boden trocken, und wieder konnten Wind, Regen und strömendes Wasser ihr Zerstörungswerk beginnen. Aber sie arbeiteten diesmal in anderer Richtung; hatten sie den Detritus vordem nach Norden oder Süden geführt, so schleppten sie ihn diesmal rechtwinkelig dazu nach Osten. Und sie feilten und feilten, trugen die ganze Oberdecke ab und zernagten auch die langen Rücken, die als Reste der ersten Zerstörungsperiode noch übriggeblieben waren. Und als sie schließlich auch dieses Urgestein bis zur Sohle der ersten Täler hinweggenagt hatten, siehe, da zeigte sich, daß als kümmerlicher Rest der alten, stolzen Gneisdecke lediglich diese in den Kreuzungspunkten der beiden Abrasions- und Erosionsrichtungen gelegenen festen Kerne übriggeblieben waren. Das sind eben diese Inselberge. Die Bornhardtsche Theorie ist kühn; auch setzt sie ganz unmeßbare Zeiträume voraus, aber sie ist als der plausibelste von allen Erklärungsversuchen allgemein angenommen worden. In jedem Fall ist sie ein glänzender Beweis der Kombinationsgabe deutscher Gelehrter.

Mit ihrem ungemein steilen Anstieg und der Unmittelbarkeit, mit der diese wuchtigen Steinmassen der Ebene entsteigen, wirken alle diese Berge, wo sie auch immer erscheinen, beherrschend auf die Umgebung ein; wo sie aber so wundervoll geschlossen auftreten wie hier im Mkwera, im Massassi, Mtandi, Chironji, Kitututu, im Mkomahindo, und wie sie alle heißen die großen und die kleinen Erhebungen hier in meinem Gesichtskreis, da sind sie etwas Unvergleichliches und dem Forscher Unvergeßliches. Wird erst einmal die geplante Südbahn das Stromgebiet des Umbekuru durchschneiden, sowird es keinen lohnenderen Ausflugspunkt für unsere Weltreisebureaus geben als die Bergreihe von Massassi!

Auch floristisch kommt der Besucher auf seine Kosten. Weilt man erst im Schatten dieser Berge, so ist die Öde und Eintönigkeit des Pori mit einem Schlage vergessen; Pflanzung reiht sich an Pflanzung, Beet an Beet; Hirsefelder der verschiedensten Varietäten neigen ihre fruchtschweren Kolben und Rispen in dem frischen Morgenwinde, der nach der stickigen, heißen Luft des tagelangen Porimarsches eine wahre Erquickung ist. Bohnen aller Art, Kürbisse und Melonen erfreuen das Auge durch ihr frisches Grün; rechts und links vom Wege breitet der Mhogo, der Maniok, seine sperrigen Zweige. Wo aber alle jene Fruchtpflanzen noch eine Lücke gelassen haben, da klappert die Basi-Erbse in ihrer Schote. Möglich ist diese für den Süden Deutsch-Ostafrikas erstaunliche Fruchtbarkeit nur durch die geologische Beschaffenheit des Bodens. Wohin der Fuß auf der großen Barrabarra getreten ist, und wohin das Auge nördlich und südlich geschaut hat, überall ist lehmiger Sand und sandiger Lehm an der Zusammensetzung der obersten Erdschicht in erster Linie beteiligt; nur an Stellen größerer Wasserwirkung sind hie und da nackte, glatte Gneisfelsen zutage getreten, oder aber die Fußsohle ist knirschend über harte Quarzite dahingewandert. Lediglich wo diese mächtigen Gneiszeugen das Einerlei unterbrechen, da findet das den wirtschaftlichen Wert des Landes prüfende Auge sich in vollem Maß befriedigt. Gneis verwittert leicht und gibt einen guten Boden. Das haben auch die Schwarzen seit langem entdeckt, und wenn sie auch die weniger fruchtbaren Teile ihrer Heimat durchaus nicht verschmähen, so sind diese Zonen um die Gneisinseln doch stets das bevorzugte Ziel autochthoner Besiedelung gewesen. Massassi mit seiner gewaltigen, sich stundenlang hinziehenden Ausdehnung ist ein typisches Beispiel eines solchen wirtschaftlichen Verständnisses.

Bei diesem Zusammenströmen aus aller Welt ist es kein Wunder, wenn die Frage nach der Stammeszugehörigkeit der Massassileuteein wahres Völkerchaos zur Antwort gibt: Makua, Yao, Wangindo, einzelne Makonde, und zu alledem ein großer Prozentsatz von Küstenleuten; das sind die freiwillig hergewanderten Elemente dieses kleinen Kulturzentrums. Zu ihnen allen kommt ein Konglomerat von Stammeselementen des innersten Afrika, das hier unter dem Namen Wanyassa zusammengefaßt wird. Diese Wanyassa sind der lebende Beweis eines menschenfreundlich im höchsten Sinne gedachten Experimentes, das leider nicht in dem Umfange gelungen ist, wie es von jenen Philanthropen erwartet und erhofft wurde. Gerade der Süden des heutigen Deutsch-Ostafrika ist vor Jahrzehnten der Schauplatz des lebhaftesten Sklavenhandels gewesen; durch diese leicht gangbaren, damals noch dichtbevölkerten Gefilde hat sich der von den Arabern Sansibars und der Küste genährte und gepflegte Sklavenhandel mit Vorliebe bewegt. Die Lage von Kilwa Kiwindje an einer Meeresbucht, die so flach ist, daß wohl eine arabische Sklavendhau, nicht aber die Überwachungsschiffe sittenstrenger Mächte dort landen und ankern konnten, ist noch heute eine sprechende Erinnerung an diese dunklen Zeiten der auch sonst nicht übermäßig sonnigen Geschichte Ostafrikas.

Um das Übel an der Wurzel zu fassen und es um so sicherer auszurotten, haben englische Menschenfreunde viele Jahre hindurch die unglücklichen Opfer, die in der Sklavengabel des Weges daherkeuchten, von ihren Glaubensboten, den Missionaren, aufkaufen lassen und als freie Männer angesiedelt. Das ist vor allem im Bannkreis der Gneiskuppen von Massassi geschehen. Die christliche Welt hat die stille Hoffnung gehegt, aus jenen Befreiten dankbare Glaubensgenossen und tüchtige Menschen heranbilden zu können. Doch wenn man das Urteil erfahrener Landeskenner hört, so gehört schon eine bedeutende Dosis von Voreingenommenheit dazu, um in diesen befreiten Bekehrten etwas Besseres zu sehen, als es die übrigen Neger sind. Es ist nun einmal so und wird sich mit keinem Mittel wegleugnen lassen, daß das Christentum dem Schwarzen nicht recht „liegt“,viel weniger jedenfalls als der Islam, der ihm alle seine geliebten Freiheiten anstandslos beläßt.

Ich persönlich habe übrigens von irgendwelchen Nachteilen des Charakters dieser Massassileute bis jetzt nichts gemerkt; wer mit mir in Berührung gekommen ist, hat sich ebenso freundlich benommen wie alle übrigen Landeskinder. An solchen Berührungen hat es trotz der Kürze meines hiesigen Aufenthaltes bisher keineswegs gefehlt; ich habe mich mit aller Energie, der ich fähig bin, in die Arbeit gestürzt und habe die Überzeugung, daß ich bereits einen großen Teil des hiesigen Volkstums mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe.

Gleich der Anfang meiner Studien war außerordentlich vielversprechend. Die Missionsstation Massassi liegt eine kleine Stunde weit nord-nordöstlich von uns unmittelbar unter der Steilwand des Mtandi. Dieser Mtandi ist der imposanteste Berg in der ganzen Kette; er steigt nahezu senkrecht gleich hinter den Strohhütten der Mission in einer riesigen Wand in die Höhe, um oben, 940 Meter hoch, in einer flachen Kuppe zu endigen. Herr Bezirksamtmann Ewerbeck und ich hatten schon beim Vorbeireiten am Tage unserer Ankunft in Massassi beschlossen, diesem Mtandi einen Besuch abzustatten, und schon an einem der nächsten Tage haben wir den Plan ausgeführt. Die Sache entbehrte nicht eines gewissen Reizes; schon früh um 4½ Uhr, bei stockdunkler Tropennacht, waren wir beiden Europäer und etwa ein halbes Dutzend unserer Träger und Boys, sowie Ewerbecks Maskatesel und mein altes Maultier marschbereit. So rasch es die Dunkelheit erlaubte, ging der Zug aus der Barrabarra dahin, um in der Höhe des Mtandi links abzuschwenken. Am Fuße des Berges blieben die Reittiere nebst ihren Wärtern zurück; wir andern aber begannen unter Umgehung des Stationsgeländes unsere Kletterübung.

Für meine Afrika-Expedition hatte ich mich mit Tippelskirchschen Tropenschnürstiefeln ausgerüstet. Als ich diese in Lindi den „alten Afrikanern“ zeigte, lachten sie mich aus. Was ich denn mit dereinen kümmerlichen Nagelreihe am Sohlenrande hier in Afrika wolle? Gleich solle ich die Dinger zum Bruder Wilhelm senden, einem Laienbruder der Benediktinermission, der sich zu Nutz und Frommen aller Europäer mit der Verbesserung lederner Gehwerkzeuge befasse. Bruder Wilhelm hat denn auch eine ganz herrliche Doppelreihe schwerer Alpennägel an meine Stiefel gesetzt, und ich habe ein Paar von ihnen am ersten Marschtage von Lindi aus getragen, — aber dann nicht mehr! Sie zogen die Füße wie Blei zur Erde, und zudem zeigte sich, daß der schwere Beschlag auf der feinsandigen Barrabarra absolut überflüssig war. Später habe ich zu meinen leichten Leipziger Schnürschuhen gegriffen, die das Marschieren zum Vergnügen machen. Hier auf den scharfen Graten des Mtandi taten mir die so schnöde behandelten Bergstiefel indessen ausgezeichnete Dienste.

Unsere Mtandibesteigung nach der Zeichnung von Juma (s.S. 96).

Unsere Mtandibesteigung nach der Zeichnung von Juma (s.S. 96).

Ich will die Schilderung meiner Gefühle bei jenem Aufstieg lieber übergehen! Es wurde heller und heller; wir kamen höher und höher; aber ein Vergnügen war dieses Kraxeln, einer hinter dem anderen, von Fels zu Fels und von Baum zu Baum wenigstens für uns beiden sehr behäbigen und wohlgenährten Europäer keineswegs. Wir haben uns denn auch damit begnügt, nicht diealleroberste Kuppe zu erreichen, sondern in einem etwas niedrigeren Vorsprung das Ziel unserer Wünsche zu sehen. Dies war verständig, denn von der erwarteten großartigen Aussicht war keine Rede; Nebel in der Höhe, Nebel auch über das ganze weite Land hin, so daß selbst die längste Expositionszeit so gut wie nichts auf meine photographischen Platten brachte.

Dieser sonst so erfolglose Aufstieg hat wenigstens ein hübsches, kleines Denkmal afrikanischer Kunst gezeitigt: einezeichnerische Wiedergabeder kraxelnden Karawane. Umstehend ist sie. Die Steilheit des Berges deutet der schwarze Künstler ganz richtig durch die senkrechte Stellung der Weglinie an. Das Gewirr von Kreisen und Kurven am unteren Ende der Linie stellt die Missionsstation Massassi mit ihren Gebäuden dar: dem Fundament einer Kirche, die, wenn sie jemals fertig werden sollte, sämtliche bekehrten Heiden Afrikas und der umliegenden Erdteile aufzunehmen vermöchte, so riesenhaft sind die Abmessungen; dem ehemaligen Kuhstall, in dem die beiden alten Reverends nach der Zerstörung ihrer schönen, alten Gebäude durch die Majimaji ihre primitive Unterkunft gefunden haben; der Mädchen- und der Knabenschule, beides ein paar große Bambushütten im Eingeborenenstil, und den Wohngebäuden für das schwarze Lehrerpersonal und die Schüler. Das Rankengewirr am obern Ende der Linie stellt den Gipfel des Berges mit seinen Gneisblöcken dar. Die beiden obersten der kraxelnden Männer sind der Kirongosi, der landeskundige Führer, und einer unserer Leute; der dritte ist Herr Ewerbeck, der vierte bin ich. Der kaiserliche Bezirksamtmann ist kenntlich an seinen Achselstücken mit den beiden Hauptmannssternen; sie gehören zum Dienstanzug dieser Beamtenklasse. Von allen Attributen der Weißen imponieren sie den Schwarzen sichtlich am meisten, denn überall, wo z. B. Offiziere auf den in meinem Besitz befindlichen Eingeborenenzeichnungen erscheinen, ist ihr Dienstgrad unweigerlich und stets ganz richtig durch die Sterne angegeben worden. Auch in der Zahl der Chargenwinkel auf den Ärmeln der weißen und der schwarzen Unteroffiziere irren sich die schwarzen Künstler niemals.

Buschbrand auf dem Makonde Plateau.⇒GRÖSSERES BILD

Buschbrand auf dem Makonde Plateau.⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Was doch eine volle Figur macht! Ewerbeck, Seyfried und ich sind etwa gleichaltrig und verfügen auch über ungefähr dieselben Körperdimensionen. Dieser Umstand muß wohl die Veranlassung gewesen sein, daß die Einwohnerschaft von Lindi und später auch die des Innern mich ohne weiteres ebenfalls zum Hauptmann avancieren ließ; in Lindi war ich einfach derHoffmani mpya, der neue Hauptmann. Auf dem wiedergegebenen Kunstblatt ist der Beweis für meine Beförderung zu sehen: auch mir hat der Künstler die Achselstücke verliehen. Die Figuren hinter uns beiden Europäern sind belanglos; das ist eben der Rest unserer Begleitung.

Doch nun kommt das psychologisch Seltsame: ich bin zweimal auf dem Bilde; einmal klettere ich mühselig den Berg hinan, das andere Mal stehe ich bereits in stolzer Pose oben und banne mit dem Momentverschluß in der Hand die Gefilde Afrikas auf meine Platte. Der Dreibein oben ist nämlich mein 13 × 18-Apparat; die Zickzacklinien zwischen dem Stativ sind die Verfestigungs-Messingleisten; die lange Schlangenlinie ist der dünne Gummischlauch der Momentauslösung, von der ich allerdings bei dem Nebel keinen Gebrauch machen konnte; der Photograph bin, wie gesagt, ich. Die Männer hinter mir sind meine Leibdiener, denen für gewöhnlich die zerbrechlicheren Teile des Apparates anvertraut werden.

Die zeichnerische Wiedergabe dieser Bergbesteigung ist ein ebenso anspruchsloses Geisteserzeugnis des Negerintellekts wie alle anderen; aber sie ist bei alledem ein sehr wichtiges Dokument für die Anfänge der Kunst im allgemeinen und für die Auffassungsweise des Negers im besonderen. Gerade für den Volksforscher ist auch das Unscheinbarste nicht ohne Bedeutung. Und deswegen fühle ich mich so unendlich glücklich, selbst einmal eine ganze Anzahl von Monaten in einem solchen Milieu hoffentlich recht ungestört und nach Herzenslust arbeiten zu können.

Ihren vorläufigen Abschluß hat unsere Mtandibesteigung in einem solennen Frühstück gefunden, zu dem uns die beiden Reverendsfreundlichst eingeladen hatten. Der Engländer lebt ja anerkanntermaßen zu Hause ausgezeichnet; doch auch in der Fremde, und sei es im Innern irgendeines Erdteils, weiß er sich zu helfen. Ich gewann denn auch gerade hier den Eindruck, als sei Massassi eine „sehr nahrhafte Gegend“, wie Wilhelm Raabe sagen würde. Nur Sekt gab es heute nicht; den hatte Reverend Carnon uns schon am Vortage kredenzt, und zwar in einem riesigen Wasserkruge. Sektgläser habe er nicht, meinte der freundliche Geistliche. Es ging auch so.

Das Lustigste des ganzen Mtandiunternehmens war indessen der Abschluß. In dichtem Haufen trabte die Schar der Missionszöglinge bei unserem Heimritt neben uns her. Die kleinen Kerle sahen recht kriegerisch aus; alle trugen Bogen und Pfeile und schrien lustig um die Wette. Ich konnte mir zunächst kein klares Bild von dem Sinn des ganzen Tuns machen; zu Hause, d. h. bei unserem Polizeiposten angekommen, verstand ich allerdings sehr bald, daß die Leutchen nichts anderes beabsichtigten, als mir ihre gesamte kriegerische Ausrüstung für meine ethnographische Sammlung zu überlassen! Doch beileibe nicht etwa als hochherziges Geschenk; für Schenken ist der Neger nicht; darin gleicht er unserem Bauer. Im Gegenteil, die jungen Leute verlangten geradezu phantastische Preise für ihre doch eigens für den merkwürdigen Msungu, der allen Negerplunder kauft, gefertigten Schießzeuge. Ich habe später von dem Kram erworben, was mir tauglich schien, habe es im übrigen aber doch für nötig gehalten, die Leerausgehenden vor einer Enttäuschung zu bewahren, indem ich jedem ein paar Kupfermünzen aus meinem berühmten Hellertopf zukommen ließ. Vorher habe ich jedoch erst noch ein ganz nettes Experiment gemacht, mir und meiner Wissenschaft zum Nutzen, der Negerjugend von Massassi aber zur höchsten Lust: die Veranstaltung eines wirklichen und wahrhaftigen Schützenfestes mitten im ernsten Afrika.

Die vergleichende Völkerkunde hat sich seit langem bemüht, alle technischen und geistigen Tätigkeiten des Menschen zu klassifizierenund zu analysieren. So hat der Amerikaner Morse schon vor Jahrzehnten festgestellt, daß die Menschheit, soweit sie mit Bogen schießt oder je geschossen hat, sich ganz bestimmter Spannweisen bedient. Es gibt etwa ein halbes Dutzend verschiedene Arten, die über den Erdball derartig verteilt sind, daß hier und da ganz große Provinzen einer einheitlichen Spannmethode feststellbar sind, während anderswo die schärfsten Unterschiede von Volk zu Volk und von Stamm zu Stamm bestehen.

„Aber, Herr Professor,“ höre ich in diesem Augenblick im Geiste einen meiner Leipziger Hörer einwerfen, „Bogenspannen ist doch Bogenspannen; was sollen denn da für Unterschiede bestehen?“

„Hier, mein Herr,“ antworte ich, „bitte schießen Sie einmal, aber mit Vorsicht; bringen Sie Ihren Nachbar nicht um und sich selbst auch nicht!“ Wie oft schon habe ich während meiner Dozentenzeit dieses Experiment gemacht, und wie übereinstimmend ist jedesmal das Ergebnis gewesen! Man kann tausend gegen eins wetten, daß jeder Deutsche — die Engländer und Belgier nehme ich aus; diese Völker schießen heute sportmäßig und mit Verständnis mit dem Bogen und wissen eine gute Spannweise wohl von einer schlechten zu unterscheiden —, wenn er den Bogen in die Linke genommen hat und mit der Rechten Pfeil und Sehne erfaßt, das untere, mittels der Kerbe auf der Sehne ruhende Pfeilende zwischen Daumen und Zeigefinger ergreift und nunmehr die Sehne erst indirekt mittels des Pfeiles zurückzieht. Das ist dieselbe Methode, mit der wir als Knaben den Flitzbogen gespannt haben. Diese Spannweise ist die denkbar schlechteste. Davon kann sich jeder, der die anderen Methoden ebenfalls beherrscht, bei jedem Schuß überzeugen. Es liegt ja auch nahe, daß der Pfeil den Fingern bei stärkerem Zurückziehen entgleiten muß. Der beste Beweis für die Minderwertigkeit gerade dieser Spannart ist ihre geringe Verbreitung innerhalb desjenigen Teils der Menschheit, der den Bogen noch als wirkliche und wehrhafte Waffe, sei es zum Krieg, sei es zurJagd, benutzt. Diese Völker und Stämme handhaben ihre Waffen ganz anders. Nur wo der Bogen zu einem Überlebsel geworden ist wie z. B. bei uns, d. h. wo er aus dem Kranz der Manneswehr durch vollkommenere Waffen verdrängt worden ist, und wo er seine ehemalige Berechtigung nur noch als Spielzeug bei dem konservativsten Teil unserer Spezies, beim Kinde, dartut, da ist diese zum wirksamen Schuß gänzlich unbrauchbare Spannweise aus Unkenntnis einer bessern im Gebrauch.

Wäre ich gezwungen, die Missionsjugend von Massassi als Kulturmaßstab zu betrachten, so müßte ich sagen: auch beim Neger ist der Bogen ein Überlebsel, denn von dem ganzen großen Haufen schossen neun Zehntel in derselben Weise wie unsere Knaben. Doch mit einem Unterschiede: wir halten unseren Flitzbogen wagerecht, die Negerknaben hielten ihn senkrecht; der Pfeil lag links vom Bogen und lief zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch. Nur das restliche Zehntel schoß mit anderer Spannung; es waren bezeichnenderweise lauter ältere Zöglinge, die also augenscheinlich noch eine bestimmte Dosis altafrikanischen Konservativismus mit in ihr Christentum hinübergerettet hatten.

Bei meinem Preisschießen kam es mir weniger auf die Treffergebnisse an als auf die Beobachtung der Spannmethoden; trotzdem, muß ich sagen, zogen sich die kleinen Schützen ganz gut aus der Affäre. Zwar schossen sie nur auf geringe Entfernungen; auch war mein Ziel nicht gerade klein, bestand es doch aus einer Nummer der „Täglichen Rundschau“, aber die Mehrzahl blieb doch innerhalb der rasch auf diese improvisierte Scheibe gemalten Ringe. Und stolz waren sie auch, die kleinen Schützen; wenn ich einen besonders guten Schuß laut über das Blachfeld hin lobte, blickte der schwarze Held triumphierend im Kreise umher.

„Nun bitte, Herr Professor, die anderen Spannmethoden!“ höre ich wieder meine getreuen Schüler mir zurufen. In Leipzigs Hörsälen muß ich in solchen Fällen natürlich sofort Rede und Antwortstehen. Afrika ist in dieser Beziehung toleranter; hier blüht mir die Freiheit, vom Recht des Forschers Gebrauch zu machen und an der Hand vieler anderen Beobachtungen Material zu sammeln. Ich antworte also mit höflicher Bestimmtheit: „Wenn ich die ganze Ebene nördlich vom Rovuma abgegrast haben werde und dann schließlich auf dem kühlen Makondeplateau die Muße finde, auf meine so vielseitigen Studien zurückzublicken, dann will ich mich ernsthaft bemühen, Ihre Wißbegier auch in dieser Richtung zu befriedigen. Also auf Wiedersehen, meine Herren!“


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