Siebentes Kapitel.Einleben ins Volkstum.

Wanyassa-Jäger mit Hund. Nach Zeichnung von Salim Matola (s.S. 452).Siebentes Kapitel.Einleben ins Volkstum.

Wanyassa-Jäger mit Hund. Nach Zeichnung von Salim Matola (s.S. 452).

Wanyassa-Jäger mit Hund. Nach Zeichnung von Salim Matola (s.S. 452).

Massassi, Ende Juli 1906.

Jeder normale Mensch ist ein wandelnder Beweis für die Wahrheit der Anpassungstheorie; ich bin noch kaum zwei Monate im Lande Afrika und nur erst den Bruchteil eines Monats im Innern, und doch fühle ich mich hier schon ganz heimisch. Was blieb mir auch anderes übrig! Schon am 21. Juli, also nach einem Zusammenleben von nur wenigen Tagen, ist Herr Ewerbeck in aller Herrgottsfrühe und unter dem Schein einer durch das Dunkel der Tropennacht vorangetragenen Laterne von dannen marschiert, um daheim in Lindi der höhern Pflicht des Empfangs der acht Reichstagsabgeordneten obzuliegen, von deren kühnem Reisemut unsere Tagespresse seit Monaten widerhallt.

Als einziger Rest europäischer Kultur ist nur Nils Knudsen zurückgeblieben. Schon der Name besagt, daß wir es mit einem nordischen Recken zu tun haben; Nils ist denn auch in der Tat der hochblonde Nachkomme der alten Wikinger. Der Expedition hatte er sich hinzugesellt, ohne daß ich viel von der Anwesenheit eines dritten Europäers gemerkt hätte. Während Ewerbeck und ichstolz und kühn an der Spitze unserer langen Karawane marschierten oder ritten, hielt Nils Knudsen sich meist an deren Ende auf; im Lager aber blieb er bescheiden im Hintergrunde. Jetzt, im Standort Massassi, ist er von Amts wegen in den Vordergrund gerückt worden; er soll hier nach dem Rechten sehen und den schwarzen Lokalbehörden etwas auf die Finger passen. Ob das nötig ist, kann ich einstweilen nicht entscheiden, da ich in die Schwierigkeiten der innern Verwaltung eines so großen Bezirks, wie es der von Lindi ist, noch keinerlei Einblick habe; aber die Maßnahme wird schon richtig sein, sonst hätte ein so alter Landeskenner wie Ewerbeck sie nicht getroffen. Einstweilen habe ich Knudsen veranlaßt, den Wohnsitz in seinem Zelt, das, nach seinem ehrwürdigen Äußern zu urteilen, schon Vasco da Gama bei seiner Landung an der Ostküste Afrikas benutzt und wegen Schadhaftigkeit zurückgelassen hat, aufzugeben und zu mir in das Rasthaus zu ziehen. Jetzt haust er mit seiner kümmerlichen Habe, die aus zwei anscheinend nicht einmal ganz gefüllten, alten Blechkoffern besteht, auf der einen Seite des großen Raumes, während ich mit meiner fürstlichen Ausstattung auf der andern residiere. Dafür ist aber das Herz des blonden Norwegers um so goldener und sein Gemüt um so reicher.

Das Vorleben Knudsens ist abenteuerlich genug; es erinnert mich einigermaßen an das Schicksal jenes englischen Matrosen, der vor 100 Jahren unter die Eingeborenen Süstostaustraliens verschlagen wurde und als Wilder unter Wilden leben mußte. Ganz so schlimm ist es zwar mit meinem blonden Nachbar nicht gewesen, aber Zeit zum Vernegern hätte er doch schon genug gehabt. Soweit ich mich bisher über seine Personalien habe unterrichten können, ist Knudsen vor fast einem Jahrzehnt von einem Kauffahrteischiff, wo er als Schiffsjunge amtierte, in einem Hafen Madagaskars ausgerissen, hat sich dann einige Jahre lang auf dieser großen Insel umhergetrieben und ist schließlich an die gegenüberliegende Festlandsküste in das Hinterland von Lindi verschlagen worden. Ein eigentliches Handwerk hater nach seiner eigenen Aussage nicht erlernt, er rühmt aber von sich, alles zu können, mauern und zimmern, schnitzen und bauen, tischlern und schlossern. Tatsächlich hat er alle Gebäude des Bergbaufelds Luisenfelde weit im Süden in der Nähe des Rovuma, zu dem ich vielleicht auch noch einmal kommen werde, gebaut, war dort überhaupt Faktotum, und auch die Kommune Lindi hat ihn der Anstellung als Leiter der Handwerkerschule für würdig erachtet. In dieser Stellung befindet sich Knudsen augenblicklich; er ist nur beurlaubt.

Meine Lebensweise ist hier, im Zustande der Ruhe, natürlich eine wesentlich andere als auf dem Marsch. Jedes Marschleben ist reizvoll, um wieviel mehr ein solches innerhalb einer fremdartigen und vordem ungekannten Natur. Das meinige ist zudem bisher ganz ungetrübt verlaufen. In unsern afrikanischen Reiseschilderungen beginnt fast jede Expedition mit tausend Schwierigkeiten; der Abmarsch ist auf eine bestimmte Stunde festgesetzt, aber es ist kein Träger da; und hat der Expeditionsleiter seine Leute schließlich mit Mühe beisammen, so haben diese noch hunderterlei Verrichtungen und sind schon am ersten Abend den Blicken des Reisenden von neuem entschwunden. Der Abschied von der Bibi, der Frau, der Geliebten, ist ja auch zu schwer. Bei mir hat der Betrieb vom ersten Tage an funktioniert; die viertelstündige Verspätung beim Aufbruch von Lindi fällt niemand als mir selbst zur Last, der ich mich beim Frühstück verspätet hatte. Am Morgen des zweiten Marschtages ging es dann mit dem Zusammenlegen des Zeltes seitens der Askari noch nicht so recht; auch konnte Moritz die Tippelskirchsche Reiselampe mit dem besten Willen nicht in ihren allerdings sehr knapp bemessenen Behälter verpassen; aber seitdem haben wir Reisenden uns alle benommen, als wenn wir schon seit Monaten unterwegs gewesen wären.

Wer etwa nach englischer Sitte schon in der Morgenfrühe ein substanzielles Mahl einzunehmen gewohnt ist, soll in Afrika nicht auf die Reise gehen. Um 5 Uhr hat man das Wecken angeordnet. Pünktlich ruft der Posten sein leises: „Amka, bwana, wach auf,Herr“ in das Zelt; mit beiden Füßen schnellt man sich elastisch über den hohen Rand des trogförmigen Feldbettes hinüber und fährt in sein Khaki. In der kalten Nacht der tropischen Trockenzeit ist das Wasser, welches Kibwana, der das Amt des Stubenmädchens versieht, fürsorglich schon am Abend vor dem Zelt bereitgestellt hat, zu einem erfrischenden Naß abgekühlt; scharf hebt sich die Silhouette des Europäers bei der Toilette im Schein der brennenden Lampe von der Zeltwand ab. Doch diese Lampe leuchtet nicht ihrem Herrn allein; ringsum treffen ihre Strahlen braune, glänzende Gesichter. Das sind die Träger und die Askari, von denen jene eifrigst bemüht sind, ihre Last für den Marsch zusammenzuschnüren, während die Soldaten sich auf das Zelt stürzen wie der Tiger auf seine Beute, sobald der Weiße fertig gekleidet ins Freie tritt. Im Nu ist es zusammengelegt; kein Wort fällt dabei, und kein überflüssiger Handgriff wird dabei getan; es ist Arbeitsteilung im besten Sinn und in tadellosester Durchführung. Unterdessen steht der Weiße an seinem zusammenlegbaren Tisch; in Hast und Eile nimmt er einen Schluck Tee oder Kakao, oder was sonst sein Leibgetränk ist, kaut dazu ein Stück selbstgebackenen Brotes und steht nun marschbereit da. „Tayari, fertig?“ schallt seine Frage laut über den Platz; „bado, noch nicht“, ertönt es unweigerlich zurück. Und es sind immer dieselben Faulen oder Ungeschickten, deren Munde dieses Lieblingswort jedes afrikanischen Bediensteten entströmt. Der Anfänger im Reisen läßt sich wohl dadurch beirren; nach ein paar Tagen kehrt er sich nicht mehr an das bado; er ruft sein „Safari!“ (wörtlich „Reise“), oder, wie ich es sehr bald eingeführt habe, sein „Los!“ über die Schar seiner Mannen hin, schwingt seinen Wanderstab unternehmend durch die Luft, dadurch den beiden Spitzenaskari die Marschrichtung andeutend, und das Tagewerk hat begonnen.

Ich weiß nicht, wie andere Stämme und Völkerschaften sich im Moment des Aufbruchs verhalten; meine Wanyamwesi sind in diesem Augenblick außer Rand und Band. Mit sichtlicher Mühe hatjeder seine Last auf den Kopf oder die Schulter hinaufgebracht; gebückt von ihrer Schwere, steht jeder an seinem Platz. Da ertönt jenes Kommando „Safari“, und nun erhebt sich ein Lärm und Getöse, das jeder Beschreibung spottet; was aus der Kehle heraus will, hallt in den schweigenden Urwald hinaus; wild und regellos schmettern derbe Stöcke gegen die Reisekisten und leider auch gegen die Blechkoffer, die einen nur zu guten Resonanzboden abgeben. Es ist ein Höllenspektakel; aber er ist ein Ausbruch der Lust und der Freude; es geht vorwärts, und Wandern und Marschieren ist nun einmal das Lebenselement des Mnyamwesi. Schon nach kurzer Zeit kommt Ordnung in das Chaos der Lärmgeräusche; die Leute haben einen unendlich feinen Sinn für Takt und Rhythmus, und so löst sich das Getöse alsbald in eine Art getrommelten und gesungenen Marsches auf, der auch die Beine der Askari, die in ihrer vornehmen Reserve sich natürlich an solch kindischem Tun nicht beteiligen, in seinen Bann zwingt.

Studienbummel in der lichten Baumgrassteppe.

Studienbummel in der lichten Baumgrassteppe.

Ach, und schön ist der frühe Tropenmorgen. Es ist mittlerweile stark auf 6 Uhr gegangen; die dunkle Nacht ist schnell der kurzen Dämmerung gewichen; glänzende Strahlen der rasch emporsteigenden Sonne huschen über das leichte Gewölk am Firmament; unversehens steigt die Scheibe des Tagesgestirns in wunderbarer Majestät über den Horizont empor. In rüstigem, ausgiebigem Schritt, noch eng aufgeschlossen, eilt der Zug durch das taufeuchte Pori dahin; vorn, wie auf einem Kriegsmarsch, zwei Soldaten als Spitze; in einigem Abstand dahinter wir Europäer; unmittelbar nach uns die Leibdienerschaft mit Gewehr, Reiseflasche und Reisestühlchen; dann der Haupttrupp der Soldaten; dahinter der lange Zug der Träger und Askariboys; am Schluß endlich, zur Aufmunterung für alle Säumigen, doch auch zur Unterstützung etwaiger Maroder, zwei Soldaten als Nachspitze. Eine bewunderungswürdige Erscheinung ist der Mnyampara, der Trägerführer. Er bekleidet eigentlich eine Art Ehrenstellung, denn er bekommt keinen Heller mehr als der letzte seinerUntergebenen. Vielleicht ist dieser Ausdruck auch nicht einmal richtig;primus inter paressollte man ihn lieber nennen. Der Mnyampara ist überall; er ist an der Spitze, wenn der Herr ihn ruft, und er ist weit hinten am äußersten Ende des mit jeder Marschstunde länger werdenden Zuges, wenn dort ein Kranker seiner Hilfe benötigt. Den stützt er; er nimmt ihm ganz ohne weiteres die schwere Last ab, um sich selbst damit zu beladen; er bringt ihn sicher ins Lager. Mit meinem Pesa mbili scheine ich einen besonders glücklichen Griff getan zu haben. Er ist jung wie die allergrößte Mehrzahl meiner Leute, vielleicht 23 bis 25 Jahre, tiefschwarz in seiner Hautfarbe; mit katzenhaft funkelnden Augen im ausgeprägten Negroidengesicht; nur mittelgroß, aber ungemein sehnig und kräftig; er spricht ein schauderhaftes Suaheli, weit schlechter als ich, und noch dazu so rasch, daß ich ihm kaum zu folgen vermag; aber er ist bei alledem ein Juwel. Nicht bloß, daß er ein unvergleichlicher Sänger ist, dessen angenehmer Baritonniemals ruht noch rastet, ob wir lagern oder marschieren, nein, auch in der Organisation des Lagerlebens, der Aufteilung und Anstellung seiner Leute ist er ein Meister.

Der Anforderungen gibt es genug, die an einen solchen Reisemarschall am Schluß des Tagesmarsches gestellt werden. Längst ist die herrliche Morgenkühle einer recht fühlbar hohen Temperatur gewichen; der Europäer hat seinen leichten Filzhut oder die noch leichtere Reisemütze mit dem schweren Tropenhelm vertauscht; die nackten Leiber der Träger aber überziehen sich mit einer glänzenden Politur. Sie, die schon von 4 Uhr an am Lagerfeuer fröstelnd den warmen Tag herbeigesehnt haben, haben jetzt dies Ziel ihrer Wünsche im vollsten Maße erreicht; ihnen ist sehr warm, und der Weiße tut jetzt sehr wohl daran, nicht in oder hinter der Karawane zu marschieren; er möchte sonst mehr, als ihm angenehm sein würde, Gelegenheit zu Studien über den Rassengeruch finden. Nach 2 oder 2½ Stunden erste Rast. „Kiti kidogo, den kleinen Stuhl“, ruft der Europäer nach hinten. Blitzschnell hat der Leibpage das nette, zierliche Gerät, das äußerlich einem kleinen Sägebock gleicht, das aber unter seiner obern, abknöpfbaren Sitzfläche noch eine sehr sinnreich erdachte andere, länglichoval durchbrochene Zeugfläche aufweist, die die Benutzung dieses nützlichen Möbels auch im verschwiegenen Urwalde gewährleistet, dem Europäer untergeschoben; langsam wälzt sich jetzt auch die lange Schlange der Lasten heran, um schwer von Kopf und Schulter der Leute zu Boden zu sinken. Des weißen Herrn harrt jetzt ein keineswegs opulentes Frühstück von ein paar Eiern, einem Stück kalten Fleisches, oder ein paar Bananen; die Schwarzen aber, die ganz nüchtern aufgebrochen sind, fasten auch jetzt noch unentwegt weiter. Man begreift nicht, wie die Leute die immerhin beträchtliche Arbeitsleistung eines vielstündigen Marsches unter einer 60 bis 70 Pfund schweren Last bei solcher Anspruchslosigkeit zu leisten vermögen; doch sie verlangen es gar nicht anders. In den spätern Marschstunden tritt zwar eine merkliche Ermüdung ein; der Schritt wird langsamer und kürzer, dieLasten bleiben auch mehr und mehr hinter der unbepackten Suite der Weißen zurück, doch wenn sie schließlich an den Lagerplatz herankommen, so sind die Leute noch ebenso vergnügt und fröhlich wie am frühen Morgen. Derselbe Lärm, dasselbe Getöse, doch jetzt ein ganz anderer Wortlaut aus den Kehlen der Sänger — alles das rasselt auf den längst dasitzenden Europäer hernieder. Meiner Truppe scheint es das Zentralmagazin zu Daressalam angetan zu haben; dort sind sie in meine Dienste getreten, und dieses weitläufige Gebäude feiern sie nunmehr auch im Schlußgesang ihres Tagemarsches.

Das Ende des Marsches bedeutet noch längst nicht den Abschluß der Obliegenheiten meiner Leute, weder der Boys, noch der Askari, noch der Träger. Prüfend hat sich der Expeditionsführer nach einem Zeltplatz umgeschaut. Ihn gut zu treffen, ist, glaube ich, eine Sache des Talents und der Begabung. Als Grundregeln sind dabei zu beachten: die Nähe trinkbaren Wassers und Abwesenheit schädlicher Insekten wie Rückfallfieberzecken, Moskitos und Sandflöhe. Sekundär, aber doch auch wichtig, ist die Festlegung der Zeltachse zur Sonnenbahn und eine möglichst anzustrebende Lage im Schatten belaubter Bäume. Ich zeichne der Einfachheit halber den Zeltgrundriß auf den sorgsam gesäuberten Sandboden, wobei ich die gewünschte Lage der Zelttür durch Unterbrechung der Linienführung andeute. Das genügt meinem kommandierenden Gefreiten vollkommen. Kaum sind die beiden Unglücklichen, deren Schultern das schwere Tippelskirchzelt drückt, herangekeucht, so sind auch schon die Lasten aufgerollt; im Nu hat jeder Krieger seinen Platz eingenommen; eins, zwei, drei stehen die beiden Tragpfähle senkrecht; dann hallen auch bereits die Schläge auf die Zeltpflöcke. Währenddem ergötzen sich Moritz und Kibwana, die beiden Boys, an meinem Bett. Diese Betätigung muß für die Neger den Himmel auf Erden bedeuten. Sie werden und werden damit nicht fertig; Schelte und selbst angedrohte Prügel nützen nichts; es ist, als ob das auch sonst schon so schwerfällig arbeitende Hirn der schwarzen Gentlemen sich hier ganz einlullte.Mechanisch bauen sie das Gestell auf; mechanisch breiten sie Korkmatratze und Decken aus; ebenso stumpf und dumpf errichten sie schließlich den Kunstbau des Moskitonetzes. Die Soldaten sind längst von dannen geeilt; da erst schleppen meine Herren Diener das Schlafgerät ins Zelt hinein.

Auch meinen Trägern ist inzwischen noch allerlei Arbeit erblüht. Wasser muß für die ganze Karawane geholt werden, Feuerholz für die Küche; schließlich muß auch noch jene verschwiegene Baulichkeit errichtet werden, die im Kisuaheli den Namen Choo führt. Es ist weit über Mittag geworden, da endlich kommen auch die Träger zu ihrem Recht; sie sind nunmehr Herren ihrer Zeit und können sich für ein paar kurze Stunden selbst leben. Auch jetzt schwelgen sie nicht. Der Süden Deutsch-Ostafrikas ist sehr wildarm, zudem habe ich zum Jagen keine Zeit; Fleisch ist also etwas kaum Gekanntes in dem Speisezettel meiner Leute. Ugali und immer wieder Ugali, d. h. Tag für Tag den steifen, zu einer glasigen Konsistenz eingekochten und schließlich mittels des Rührlöffels zu einer Art Puddingform zurechtgeklopften Brei aus Hirse, Mais oder Maniok, das ist das Normalgericht, um mit Oskar Peschel zu reden, auf das sich die Lebenshaltung unserer schwarzen Brüder stützt.

Lager in Massassi.

Lager in Massassi.

Hier in Massassi hat sich das Blatt gewendet; jetzt haben es meine Leute gut, während ich kaum eine Minute aus der Arbeit herauskomme. Meine Schutztruppe wohnt sehr vornehm; sie hat die Barasa, die auf Pfeilern ruhende Beratungshalle links von meinem Palais, bezogen und nach Negerart ausgebaut. Der Neger liebt keinen gemeinsamen Raum; er kapselt sich gern ein. Das ist schnell geschehen; ein paar Horizontalstangen als Baugerüst rings um die geplante Kabine; dann eine dichte Lage hohen afrikanischen Strohs daran gebunden, und ein netter, bei Tag kühler, bei Nacht warmer Raum ist für jeden einzelnen geschaffen. Die Träger dagegen haben sich auf dem weiten Platz vor meinem Hause Hütten gebaut, einfach und nett, doch zu meinem maßlosen Erstaunen ganz im Massaistil. Nichtsvon Rundhütte und nichts von Tembe, sondern wirklichen und wahrhaftigen Massaistil. Über die Rundhütte und ihre Eigenart werde ich mich später genugsam äußern können; wer aber nicht wissen sollte, wes Art eine Tembe ist, dem sage ich: das ist eine Bauart, die man sich am besten vergegenwärtigen kann, wenn man zwei oder drei oder vier gedeckte Güterwagen unserer Eisenbahnen rechtwinklig aneinanderstellt, so daß sie ein Rechteck bilden mit den Türen nach innen. Verbreitet ist diese Tembe über große Teile des Nordens und des Zentrums von Deutsch-Ostafrika, von Unyamwesi im Westen bis in die küstennahen Landschaften im Osten, und vom abflußlosen Gebiet im Norden bis nach Uhehe im Süden. Der Wohnbau der Massai endlich läßt sich am besten einem Rohrplattenkoffer mit seinen abgerundeten Vorder- und Hinterkanten vergleichen. Während nun die Massai bekanntermaßen baumlange Kerle sind, sind ihre Hüttchen, die ganz im Sinne ihrer Erbauer als eines Volkes von Viehzüchternpar excellencenett und geruchvoll mit Kuhdung beworfen werden, so niedrig, daß auch ein normal gewachsener Mensch in ihnen nicht stehen kann. Solches tun auch meine Wanyamwesi in ihren leichten Strohbauten nicht;dafür liegen und lungern sie den ganzen Tag faul auf ihren Strohschütten herum.

Um so fleißiger bin ich. Der Tropentag ist kurz, er mißt jahraus jahrein nur 12 Stunden; deshalb heißt es, ihn ausnutzen. Um Sonnenaufgang, also 6 Uhr, ist schon alles auf den Beinen; rasch ist das Frühstück erledigt; dann gehts ans Tagewerk. Es beginnt kurios genug. Wohl jeder Führer einer Afrika-Expedition hat die Erfahrung gemacht, daß die Landeskinder in ihm einen der Heilkunst kundigen Helfer sehen; in langer Reihe stehen denn auch bei mir allmorgendlich die Patienten da. Zu einem Teil gehören sie der Schar meiner eigenen Leute an, zum anderen sind es Einwohner aus der näheren und weiteren Umgebung von Massassi. Einem meiner Träger ist es schlimm ergangen. Die beliebteste Form der Trägerlast ist in Ostafrika die amerikanische Petroleumkiste. Das sind leichte, aber festgebaute Holzbehälter von etwa 60cmLänge und 40cmHöhe bei 30cmBreite. Ursprünglich haben sie zwei sogenannte Tins mit amerikanischem Petroleum enthalten, sehr stattliche Blechgefäße von quadratischem Querschnitt, die jenen Kisten längst entfremdet sind, um im Haushalt der Suaheli ein hochgeachtetes Dasein als Gebrauchsgefäße für alles zu spielen. In der Tat steht die Küstenkultur offenkundig unter dem Zeichen dieses Blechgefäßes; Tins überall, in der Markthalle, auf den Straßen, vor den Hütten und in den Hütten; selbst das Klosett für die Farbigen auf unserem Dampfer „Rufidyi“ enthielt als wesentlichsten Bestandteil lediglich einen solchen Tin.

Am traulichen Herd. Hütteninneres in der Rovuma-Ebene.⇒GRÖSSERES BILD

Am traulichen Herd. Hütteninneres in der Rovuma-Ebene.⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Nur eine meiner Kisten war noch ihrer ersten Bestimmung treu geblieben; in ihrem Bauche wanderten zwei bis an den Rand mit Petroleum gefüllte Blechgefäße auf der Schulter des Mnyamwesi Kasi Uleia (zu deutsch etwa „er nimmt Arbeit beim Europäer“) von der Küste ins Innere. Rüstig schreitet der Wackere vorwärts. „Es ist warm,“ denkt er, „ich fange an zu schwitzen. Na, das schadet weiter nichts, das tun die andern auch.“ — „Ach, es ist doch wirklich sehr warm,“ sagt er nach einiger Zeit halblaut vor sichhin, „selbst meinmafuta ya uleia, mein Petroleum, fängt an zu riechen.“ Es riecht auch immer weiter; der Träger wird naß und nässer. Schließlich ist der Tagemarsch zu Ende, und Kasi Uleia setzt seine duftige Last mit einem doppelten Gefühl der Erleichterung zur Erde. Leicht ist ihm einmal durch die Erlösung von dem sogar für eine Negernase starken Geruch; sodann ist auch seine Last selbst im Laufe des mehr als sechsstündigen Marsches seltsamerweise immer leichter geworden. Endlich dämmert dem guten Schwarzen und seinen Freunden die Wahrheit auf; es ist nur gut, daß sie keine Streichhölzer besitzen; wäre eins von ihnen in Kasi Uleias Nähe entzündet worden, der ganze Kerl wäre in Flammen aufgegangen, so durchtränkt war der Ärmste mit dem Leuchtmaterial des Herrn Rockefeller.

Entweder muß man es als Beweis höchster Disziplin oder höchsten Stumpfsinns betrachten, Tatsache ist, daß dieser Träger sich nicht etwa gleich am ersten Tage, wo er und seine Freunde die Undichtigkeit eines der beiden Blechgefäße entdeckt hatten, bei mir meldete, sondern daß er in aller Seelenruhe seine fröhlich weiterrinnende Petroleumquelle am nächsten Frühmorgen von neuem aufgenommen und ohne Murren bis zum Halteplatz weiter getragen hat. Auch jetzt hat er wieder förmlich in Petroleum geschwommen; dies hätte Kasi Uleia in seiner Gemütsruhe auch jetzt nicht gestört, hätten sich nicht bereits die ersten Anzeichen eines Ekzems bemerkbar gemacht, das ihn doch etwas beunruhigte. So kam er denn endlich an und sagte, was eben jeder Neger sagt, wenn ihm etwas fehlt und er vom alles vermögenden Weißen Hilfe erheischt: „Daua, bwana, Medizin, Herr“, und wies mit bezeichnender, aber keineswegs entrüsteter Gebärde auf seinen körperlichen Zustand hin. Zu allererst hielt ich hier eine tüchtige Seifenkur für angebracht, einmal des Petroleums wegen, sodann auch, um den Schmutzüberzug, der sich während des siebentägigen Marsches auf dem Körper des sonst außerordentlich reinlichen Trägers abgelagert hatte, zu entfernen. Später habe ich den Mann mit Lanolin behandelt, von dem ich zum Glück eine ungeheuergroße Büchse mitgenommen habe. Jetzt ist der Patient allmählich wieder von seinem Leiden befreit.

Auch die Gelegenheit, von den verheerenden Wirkungen des Sandflohes einen schwachen Begriff zu bekommen, habe ich bereits hier in Massassi gehabt. Einer der Askariboys, ein baumlanger Maaraba aus dem Hinterlande von Ssudi, tritt allmorgendlich an, um für seine stark angefressene große Zehe die übliche Daua zu empfangen. Ich bin in der höchst merkwürdigen Lage, einstweilen nicht einmal Sublimat und Jodoform in meiner Apotheke zu besitzen, sondern lediglich über Borsäure in Tabletten zu verfügen. Es muß auch mit dieser gehen, und geht auch, nur müssen sich meine Patienten wohl oder übel an eine etwas hohe Temperatur meines schwachen Desinfektionsmittels gewöhnen. Bei solchen gleichgültigen Patronen wie diesem Maaraba, der den Verlust seines Zehennagels — dieser ist gänzlich verschwunden; an seiner Stelle breitet sich eine große, völlig vereiterte Wunde aus — lediglich seiner negroiden Gleichgültigkeit zuzuschreiben hat, ist übrigens das heiße Wasser gleichzeitig ein sehr verdientes Strafmittel. Der Bursche brüllt jedesmal, als wenn er am Spieße stäke, und schwört, er wolle von nun an aber ganz genau auf denfunsa, den Sandfloh, Obacht geben. Zur Verfestigung seiner löblichen Vorsätze bekommt er dann von seinem Herrn und Gebieter, den das kindische Gebaren des Riesen weidlich ärgert, ein paar derbe, aber gutgemeinte Püffe.

Über den Gesundheitszustand der hiesigen Eingeborenen will ich mich einstweilen lieber noch nicht auslassen; das wenige, was ich in der kurzen Zeit hier in meiner Morgensprechstunde an hygienischer Vernachlässigung und hygienischem Unvermögen gesehen habe, läßt in mir den Entschluß reifen, erst noch andere Bezirke in dieser Richtung zu studieren, bevor ich mir ein Urteil bilde und es auch ausspreche. Nur soviel sei bereits hier gesagt: so glänzend wie wir es uns daheim in unserem überfeinerten Kulturleben gemeiniglich vorstellen, ist die Widerstandsfähigkeit des Negers gegen die Angriffeseines heimtückischen Erdteils durchaus nicht, und vor allem scheint eine Kindersterblichkeit zu herrschen, von deren Höhe wir uns gar keine Vorstellung machen können. Ach, ihr Ärmsten! muß man angesichts dieses Elends ausrufen.

Nach der Sprechstunde hebt das eigentliche Tagewerk an; dann ziehe ich als Diogenes durchs Land. Die ersten Tage bin ich nur mit einer Schachtel „Schweden“ bewaffnet in die Hütten der Eingeborenen gekrochen. Das war recht romantisch, doch nicht zweckentsprechend. Ich habe mir nie einen Begriff von der ägyptischen Finsternis des Alten Testaments machen können; jetzt weiß ich, daß die Benennung eines besonders hohen Ausmaßes von Lichtmangel nach dem Lande der Pharaonen nur einpars pro totoist; sie ist dem ganzen Erdteil eigen und ist hier in der Tiefebene im Westen des Makondeplateaus in allererster Qualität zu haben. Die Negerhütten sind nämlich ganz fensterlos. Das mag uns rückständig erscheinen, ist jedoch der Ausfluß einer langen, langen Erfahrung. Der Schwarze will sein Haus kühl haben; das kann er nur erzielen durch den Abschluß jeder Außentemperatur. Deswegen öffnet er auch so ungern Vorder- und Hintertür seines Heims, und aus dem gleichen Grunde reicht das schwere Strohdach weit über die Hauswand hinaus nach außen und unten.

Meine Stallaterne, vom Knaben Moritz morgens oder nachmittags brennend durchs Land getragen, macht den Eingeborenen viel Spaß; es ist ja auch etwas Absonderliches, gegen den Glast der strahlenden Tropensonne mit einem solch kümmerlichen Beleuchtungsapparat ankämpfen zu wollen. Um so mehr am Platz ist sie nachher im Dunkel des Hauses. Höflich habe ich oder Herr Knudsen den Besitzer gefragt, ob er gestattet, sein Haus zu besichtigen; ebenso höflich ist die Genehmigung erfolgt. Das ist dann ein lustiges Suchen in den Zimmern und Verschlägen, aus denen sich zu meiner Überraschung das Heim der hiesigen Schwarzen zusammensetzt. Die Räume sind nicht elegant, diesen Begriff kennt der Neger einstweilen noch nicht, abersie geben ein unverfälschtes Zeugnis von der Lebensführung ihrer Insassen. In der Mitte des Hauses, zwischen den beiden Haustüren, die Küche mit dem Herde und den zum Haushalt zunächst nötigen Gerätschaften und Vorräten. Der Herd der Inbegriff der Einfachheit: drei kopfgroße Steine oder wohl gar nur Kugeln von Termitenerde, im Winkel von je 120 Grad zueinander gelagert. Darauf über schwelendem Feuer der große irdene Topf mit dem unvermeidlichen Ugali; andere Töpfe ringsum; dazwischen Schöpflöffel, Rührlöffel, Quirle. Über dem Herde, aber noch im Vollbereich seines Rauches, ein Gerüst von vier oder sechs gegabelten Stangen. Auf seinen Latten liegen Hirseähren in dichter, gleichmäßiger Lagerung; unter ihnen hängen, wie auf der Räucherkammer unserer deutschen Bauern die Schlack-, Blut- und Leberwürste, zahlreiche Maiskolben von außergewöhnlicher Größe und Schönheit, die jetzt bereits von einer glänzend schwarzen Rauchkruste überzogen sind. Wenn diese nicht vor Insektenfraß schützt, etwas anderes tut’s sicher nicht. Das ist denn auch der Endzweck dieses ganzen Verfahrens. Bei uns zulande, im gemäßigten Europa, mag es eine Wissenschaft sein, das Saatkorn keimfähig bis zur nächsten Saatperiode zu erhalten; hier im tropischen Afrika mit seiner alles durchdringenden Luftfeuchtigkeit, seinem alles zerstörenden Reichtum an Schädlingen, endlich seinem Mangel an geeignetem, dauerhaftem Baumaterial, ist dieses Hinüberretten der Aussaat eine Kunst. Es wird nicht meine undankbarste Aufgabe sein, diese Kunst in ihren Einzelheiten gründlich zu studieren.

Auch über die Wirtschaft meiner Neger, ihren Kampf mit der widerstrebenden Natur Afrikas und ihre Fürsorge für den morgenden Tag will ich mich erst später, nachdem ich mehr von Land und Leuten gesehen habe als bis jetzt, auslassen. In der völkerkundlichen und auch der nationalökonomischen Literatur gibt es eine lange Reihe von Werken, die sich mit der Klassifikation der Menschheit nach ihren Wirtschaftsformen und Wirtschaftsstufen befassen. Selbstverständlich nehmen wir die alleroberste Stufe ein; wir haben ja die Vollkultur auf allenGebieten gepachtet; darin sind alle Autoren einig. In der Unterbringung der übrigen Menschenrassen und Völker gehen sie dafür um so weiter auseinander; es wimmelt von Halbkulturvölkern, seßhaften und nomadischen, von Jäger-, Hirten- und Fischervölkern, von unsteten und Sammlervölkern; die eine Gruppe übt ihre Wirtschaftskünste auf Grund traditioneller Überlieferung aus, eine andere kraft des angeborenen Instinkts; schließlich erscheint sogar eine tierische Wirtschaftsstufe auf der Bühne. Wirft man alle diese Einteilungen in einen gemeinsamen Topf, so entsteht ein Gericht mit vielen Zutaten, aber von geringem Wohlgeschmack. Sein Grundbestandteil läuft im großen und ganzen darauf hinaus, gerade die Naturvölker weit zu unterschätzen. Wenn man jene Bücher liest, so hat man das Gefühl, daß zum Beispiel der Neger direkt von der Hand in den Mund lebe und daß er in seinem göttlichen Leichtsinn nicht einmal für den heutigen Tag sorge, geschweige denn für den anderen Morgen.

In Wirklichkeit ist es ganz anders, anderswo wie auch hier. Und gerade hier. Für unsere intensive norddeutsche Landwirtschaft charakteristisch sind die regellos über die Feldmarken verteilten Feldscheunen und die neuerdings stets gehäuft erscheinenden Diemen oder Mieten; beide haben seit dem Aufkommen der freibeweglichen Dreschmaschine die alte Hofscheune stark entlastet, ja beinahe überflüssig gemacht. Das Wirtschaftsbild meiner hiesigen Neger unterscheidet sich von jenem deutschen nur dem Grade nach, nicht im Prinzip; auch hier Scheunenen miniatureregellos über die Schamben, die Felder, verteilt, und andere Vorratsbehälter in meist erstaunlicher Anzahl und Größe neben und im Gehöft. Und leuchtet man das Innere des Hauses selbst ab: auch dort in allen Räumen große, mittels Lehm dicht und hermetisch geschlossene Tongefäße für Erdnüsse, Erbsen, Bohnen und dergleichen, und sauber gearbeitete, meterhohe Zylinder aus Baumrinde, ebenfalls lehmüberzogen und gut gedichtet, für Maiskolben, Hirseähren und andere Getreidesorten. Alle diese Vorratsbehälter, die draußen im Freien stehenden wie die im Hause selbst untergebrachten, stehen zum Schutzgegen Insektenfraß, Nagetiere und Nässe auf Pfahlrosten, Plattformen von 40 bis 60 Zentimeter Höhe, die aus Holz und Bambus gefertigt und mit Lehm bestrichen sind. Das Ganze ruht auf gegabelten, kräftigen Pfählen.

Die freistehenden Vorratsbehälter sind oft von sehr erheblichen Dimensionen. Sie gleichen mit ihrem weitausladenden Strohdach riesigen Pilzen, sind entweder aus Bambus oder aus Stroh hergestellt und innen und außen stets mit Erde ausgestrichen. Einige besitzen in der Peripherie eine Tür, ganz in der Art unserer Kanonenöfen; bei anderen fehlt dieser Zugang. Will der Herr von ihrem Inhalt entnehmen, so muß er zu dem Zweck das Dach lupfen. Dazu dient ihm eine Leiter primitivster Konstruktion. Ich habe manch eine von ihnen skizziert, doch hat mir jede ein stilles Lächeln entlockt: ein paar ästige, krumm und schief gewachsene Stangen als Längsbäume; in meterweitem Abstand darangebunden ein paar Bambusriegel — das ist das Beförderungsmittel des Negers zu seinem Wirtschaftsfundament. Trotz seiner Ursprünglichkeit ist es indessen doch der Beweis einer gewissen technischen Erfindungsgabe.

Ein uns Europäer sehr anheimelnder Zug in der Wirtschaft der hiesigen Neger ist die Taubenzucht; kaum ein Gehöft betritt der Besucher, ohne auf einen oder mehrere Taubenschläge zu stoßen. Sie sind anders als in Uleia, doch auch sie sind durchaus praktisch. Im einfachsten Falle nisten die Tiere in einer einzelnen Röhre aus Baumrinde. Diese ist der Rindenmantel eines mittelstarken Baumes, den man ablöst, an den Enden mit Stäben oder platten Steinen verkeilt und anderthalb bis zwei Meter über dem Boden anbringt, nachdem man in der Mitte der Peripherie erst noch das Flugloch ausgespart hat. Meist ruht die Röhre auf Pfählen, seltener hängt sie, einem schwebenden Reck gleich, an einem besonderen Gestell. Diese Anlage ist dann besonders günstig, denn das Raubzeug findet keinen Zugang. Und mehrt sich dann der Bestand der Tierchen, so schichtet der Hausherr Röhre auf Röhre, daß eine förmliche Wand entsteht. Neigtsich die Sonne, so tritt er oder seine Hausgenossin heran an die luftige Behausung; ein freundliches Gurren begrüßt den Nahenden aus dem Innern der Zylinder; behutsam hebt der Züchter einen bearbeiteten Klotz vom Boden auf; sacht verschließt er mit ihm das Flugloch des untersten Rohres; der zweite folgt, dann der dritte und so fort. Beruhigt verläßt der Mensch den Ort; so sind die Tierchen vor allem Raubzeug gesichert.

Seit einigen Tagen weiß ich auch, warum bei meinen Rundtouren so wenig Männer sichtbar sind. Die Negersiedelungen hierzulande verdienen kaum den Namen Dörfer; dazu sind sie zu weitläufig gebaut; von einem Hause aus sieht man nur ganz vereinzelt das nächste herüberwinken, so weit liegt es abseits. Gehindert wird der Ausblick zudem durch die zwar sehr sperrigen, aber doch saftig grünen und darum sehr undurchsichtigen Mhogofelder, die jetzt, nach der Einerntung von Hirse und Mais, neben den mit Basi bestellten Schamben allein noch die Fluren bedecken. So kann es vorkommen, daß man, um kein Haus zu übergehen, sich lediglich der Führung der ausgetretenen Feldpfade anvertrauen muß, oder aber, daß man den Geräuschen und Lauten nachgeht, die von jeder menschlichen Siedelung unzertrennlich sind. Und wie bedeutend sind diese Geräusche und Laute, denen ich hier in Massassi so ziemlich alle Tage habe nachgehen können! Wie eine lustige Frühschoppengesellschaft hört es sich an, wenn ich mit Nils Knudsen durch das Gelände streiche. Lauter und lauter werdende Stimmen, die ohne Beobachtung parlamentarischer Umgangsformen regellos durcheinanderlärmen. Mit einemmal wendet sich der Pfad, unversehens stehen wir in einem stattlichen Gehöft, und da haben wir auch die Bescherung! Es ist wirklich und wahrhaftig ein Frühschoppen, und ein recht kräftiger dazu, der Stimmung aller Teilnehmer nach zu urteilen und nach Anzahl und Ausmaß der bereits ganz oder halb geleerten Pombetöpfe. Wie bei einem Steinwurf in einen Poggenpfuhl, so verstummt bei unserem Erscheinen das Getöse. Erst auf unser: „Pombe msuri?, ist der Stoff gut?“schallt ein begeistertes „Msuri kabissa, bwana!Ausgezeichnet, Herr!“ aus rauhen Kehlen zurück.

Taubenschlag und Speicher (s. S. 118).

Taubenschlag und Speicher (s. S. 118).

O diese Pombe! Wie gut wir es im alten Bierlande Deutschland haben, begreifen wir erst, wenn wir ihm einmal schnöde den Rücken kehren. Schon in Mtua, unserem zweiten Lagerplatz nach Lindi, war uns drei Weißen ein gewaltiger Tonkrug mit dem Nationalbräu des östlichen Afrika als Ehrengabe kredenzt worden. Bei mir hatte die schmutzig graugelbe Flüssigkeit damals keine Gegenliebe gefunden; um so größere bei unseren Leuten, die mit den 25 oder 30 Litern im Nu fertig gewesen waren. Auch hier in Massassi hat die Gattin des Wanyassagroßen Massekera-Matola, eine nasenpflockbehaftete, außerordentlich nette Frau von mittleren Jahren, es sich nicht nehmen lassen, Knudsen und mir gleich an einem der ersten Abende ebenfalls den Ehrentrunk in Gestalt eines solchen Riesentopfes zu übersenden. Die Ehrengabe ausschlagen oder sie vergeuden ging doch nicht, wie wir uns sagen mußten; also deshalb mit Todesverachtung heran an dasGebräu. Ich bin der glückliche Besitzer zweier Wassergläser; eins von ihnen senke ich energisch in die trübe Flut. Es zeigt sich gefüllt mit einem Naß, das der Farbe nach unserem Lichtenhainer gleicht, der Konsistenz nach aber eine Million mal dicker ist. Eine kompakte Masse von Hirseschrot und Hirsemalz füllt das Gefäß bis fast obenhin; nur einen Finger breit hoch lagert darüber ein wirkliches Lichtenhainer. „Ä, das geht doch nicht“, knurre ich. „Kibwana, ein Taschentuch,“ rufe ich meinem „Stubenmädchen“ zu, „aber ein reines.“ Das gute, dumme Tier aus Pangani kommt nach endlosem Suchen mit dem Wahrzeichen unseres katarrhalischen Zeitalters heran; ich forme einen Filter aus dem feinen, weißen Stoff und lasse die Pombe hineinschütten. Ja, was ist denn das? Kein Tropfen rinnt in das untergestellte Gesäß. Ich rüttele und schüttele; es nützt alles nichts. „Nun,“ sage ich, „der Stoff wird zu dicht sein;Lete sanda, Kibwana, bring etwas von dem Leichentuch.“ Wie? Leichentuch? Verroht denn dieser dunkle Erdteil selbst deutsche Professoren so fürchterlich, daß sie sogar Leichentücher zu ihrem Wirtschaftsbetriebe heranziehen? Gemach, meine Gnädigste! Freilich, ein Leichentuch ist dieses Sanda oder Bafta, daran läßt sich nicht drehen noch deuteln; aber erstens hat dieser Stoff den Vorzug, noch nicht gebraucht zu sein, und zweitens möge es das Schicksal verhüten, daß er jemals seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt werden wird. Wer ins Innere von Afrika geht, der rechnet wohlweislich mit den Tücken dieses Landes und auch mit den Sitten seiner Bewohner, indem er sich mit einem Ballen eines stark appretierten weißen, leichten Stoffes versieht, wie ihn die Neger bei ihren Begräbnissen gebrauchen. Sie lieben es nicht, auch im Tode mit der bloßen Mutter Erde in Berührung zu kommen, sondern lassen ihre Leiber in ein Stück solcher Sanda einnähen. Und je reiner und weißer der Stoff ist, um so sicherer ist dem Verblichenen das Paradies.

Warum sollte ich also Sanda nicht als Filter benutzen, wohlgemerkt erst, nachdem durch Herauswaschen der Appretur nur ein weitmaschiges Netz feiner Fäden zurückgeblieben war! Doch auchdas nützte nichts; ein paar spärliche Tropfen rannen an dem Beutel herab, das war alles. Ich habe dann mein Teesieb versucht und mein Kaffeesieb; auch sie waren einem solchen Aggregatzustande nicht gewachsen. „Prosit, Herr Knudsen!“ rief ich deshalb, das letzte Sieb dem in der Türe stehenden Koch in hohem Bogen in die geschickt auffangende Hand werfend. Es ist auch so gegangen; und nicht einmal schlecht schmeckt das Zeug, ein wenig nach Mehl zwar, aber sonst doch mit einem merkbaren Anklang an unseren Studententrank aus dem Bierdorfe von Jena. Ich glaube sogar, ich könnte mich an ihn gewöhnen.

Diese Angewöhnung scheint bei den Männern von Massassi leider zu sehr erfolgt zu sein. Gewiß, ich gönne den würdigen Hausvätern nach der schweren Arbeit der Ernte ihren Bürgertrunk von Herzen, nur will es mir nicht so recht behagen, daß meine Studien unter dieser ewigen Fröhlichkeit leiden sollen. Eine größere Anzahl von Erwachsenen ist überhaupt nicht zusammenzutrommeln, um sich von mir auf ihr Volkstum, ihre Sitten und Gebräuche auspressen zu lassen; die wenigen aber, die es mit ihrer Zeit und ihren Neigungen vereinbaren können, sich für kurze Zeit von ihrem ambulanten Kneipleben zu trennen, sind sehr wenig geneigt, es mit der Wahrheit genau zu nehmen. Selbst als ich neulich eine Schar dieser wackeren Zecher herbestellt hatte, um mir ihre Flechttechnik anzusehen, hatte das seine Schwierigkeiten; die Männer flochten mir zwar was vor, aber zu langen Auseinandersetzungen über die einheimischen Namen der Materialien und des Geräts waren sie unmöglich zu gebrauchen; ihr Morgentrunk war zu ausgiebig gewesen.

Die Sitte afrikanischer Völker, nach reichlicher Ernte einen Teil der Körnerfrüchte in Bier umzuwandeln und in dieser Form rasch und in großen Massen zu vertilgen, ist bekannt; sie vor allen Dingen hat wohl zur Stärkung jener Ansicht beigetragen, nach der der Schwarze im Besitz des Überflusses alles vertut und verpraßt, um nachher zu darben und zu hungern. Ein Fünkchen oder vielleicht garein ziemlich großer Funken göttlichen Leichtsinns läßt sich unserem schwarzen Freunde allerdings nicht absprechen, aber man darf ihn doch noch nicht auf ein einziges Indizium hin verurteilen. Ich habe vorhin schon betont, wie ungemein schwierig es für den schwarzen Ackerbauer ist, sein Saatgut zu überwintern. Noch viel schwieriger würde es für ihn sein, die ungleich größere Menge der zum Lebensunterhalt der Familie bestimmten Erntevorräte über einen großen Teil des Jahres hin genießbar aufzubewahren. Daß er es versucht, bezeugen die zahlreichen Vorratsbehälter bei jedem größeren Gehöft; daß es ihm nicht immer gelingt und daß er daher vorzieht, diesen dem Verderben ausgesetzten Teil seiner Ernte in einer Weise anzulegen, die das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet, indem er ihn in der Form seines ganz annehmbaren Bieres vertilgt, beweisen dagegen die bei aller Fröhlichkeit doch harmlosen Früh- und Abendsitzungen. Sie weichen übrigens von unserem europäischen Schankbetrieb insofern ab, als sie reihum gehen; es kommt jeder als Wirt an die Reihe, und jeder ist auch Gast; im ganzen eine herrliche Einrichtung.

Marschbereit vor Massassi.

Marschbereit vor Massassi.

Der gelinde chronische Alkoholdusel der Männerwelt ist es nicht allein, was mir Schwierigkeiten bereitet. Zunächst die Not mit dem Photographieren. Im fernen Europa ist man froh, wenn die liebe Sonne dem Amateur das Handwerk erleichtert; und meint sie es ein wenig zu gut, nun, so hat man hohe, dichtbelaubte Bäume, grünendes Buschwerk, hochragende schattige Häuser. Nichts von alledem in Afrika. Zwar hat man Bäume, aber sie sind weder hoch, noch schattig; Büsche, aber sie sind nicht grün; Häuser, aber sie sind im besten Fall höchstens von doppelter Mannshöhe, und dann auch nur in der Firstlinie. Dazu der unheimlich hohe Sonnenstand schon von 9 Uhr morgens an und bis über 3 Uhr nachmittags hinaus, und eine Lichtstärke, von der man sich am besten dann einen Begriff machen kann, wenn man einmal versucht, die Hautfarben der Neger an der Hand der Luschanschen Farbentafel festzustellen. Nichts als Licht und Glast hier, nichts als schwarzer, tiefer Schatten dort. Und dabei soll man weiche, stimmungsvolle Bilder machen! Herr, lehre mich diese Kunst, und ich will dir danken ewiglich.

Rattenfalle.

Rattenfalle.

Auch das Thema Dunkelkammer ist wenig erbaulich. Die deutsche Regierung ist fürsorglich; sie baut, um Hungersnöten unter den Eingeborenen vorzubeugen, wohl mehr aber noch, um in einem etwaigen neuen Aufstande von der Landesbevölkerung unabhängig zu sein, in der Boma von Massassi augenblicklich ein stolzes Haus. Es ist der einzige Steinbau im ganzen Lande und bis zur Küste hin, nur einstöckig zwar, aber mit starken, nur von engen, schießschartenartigen Löchern durchbrochenen Mauern und festem, flachem Lehmdach. In diesem Architekturwunder lagern schon jetzt ungezählte Säcke mit Hirse neuer Ernte und Berge roher Baumwolle. Ich habe mir beides zunutze gemacht: mit der Baumwolle habe ich die Luftlöcher verstopft, auf den Säcken aber sitze ich; auf ihnen ruht gleichzeitig mein Dunkelkammer-Arbeitstisch. Dieser war bis jetzt der wesentliche Bestandteil einer Baumwollpresse, die draußen auf dem Hofe einsam über ein verfehltes Dasein dahintrauert. Den Türverschluß endlich habe ichdurch eine Kombination dicker, von meinen Trägern gefertigter Strohwände und einiger meiner Schlafdecken hergestellt. Dergestalt kann ich zur Not sogar am Tage entwickeln, nur herrscht schon jetzt, nach so kurzer Tätigkeit, eine erstickende Atmosphäre in dem auch sonst wenig anheimelnden Raum. Gerne entrinne ich ihm daher, um mich neuen Taten zuzuwenden.

Diese sind denn auch wirklich von viel ansprechenderer Natur. Bei einem meiner ersten Bummel bin ich inmitten einer Schambe auf ein zierliches Etwas gestoßen, das mir alsTego ya ngunda, als Taubenfalle bezeichnet wird; ein System von Stäbchen, Bügeln und feinen Schnüren, von denen einer mit einem kräftigen, starkgekrümmten Bügel verbunden ist. Mich interessiert von Jugend auf alles Technische, um wieviel mehr hier, wo wir in frühere Entwicklungsphasen des menschlichen Intellekts tiefe Einblicke zu tun die beste Gelegenheit haben. Also daheim Appell aller meiner Leute und möglichst zahlreicher Eingeborener, und Ansprache an alles versammelte Volk des Inhalts, daß der Msungu ein großes Gewicht darauf legt, alle Arten von Fallen für alle Arten von Tieren zu sehen und zu besitzen. Versprechen recht annehmbarer Preise bei Lieferung authentischer, guter Stücke und zum Schluß die höfliche, aber bestimmte Aufforderung:„Nendeni na tengeneseni sasa, nun geht los und baut eure Dinger zusammen.“

Wie sind sie geeilt an jenem Tage, und wie eifrig sind alle meine Mannen seitdem Tag für Tag an der Arbeit! Ich habe meine Träger bisher für lauter Wanyamwesi gehalten; jetzt ersehe ich an der Hand der Kommentare, die mir jeder einzelne zu seinem Kunstwerk geben muß, daß sich unter meinen 30 Mann eine ganze Reihe von Völkerschaften verbirgt. Zwar das Gros sind Wanyamwesi, doch daneben gibt es Wassukuma und Manyema und sogar einen echten Mgoni von Runssewe, also einen Vertreter jenes tapfern Kaffernvolkes, das vor einigen Jahrzehnten vom fernen Südafrika bis ins heutige Deutsch-Ostafrika vorgedrungen ist und dabei eine seiner Gruppen, eben diese Runssewe-Wangoni, bis weit oben an die Südwestecke des Viktoria-Nyansa vorgeschickt hat. Und nun meine Askari erst! Es sind zwar nur 13 Mann, aber sie gehören nicht weniger als einem Dutzend verschiedener Völkerschaften an, vom fernen Darfor im ägyptischen Sudan bis zu den Yao in Portugiesisch-Ostafrika. Und alle diese Getreuen zermartern ihr Gehirn und üben in Busch und Feld von neuem die Künste ihres Knaben- und Jünglingsalters, und dann kommen sie heran und errichten auf dem weiten, sonnigen Platz neben meinem Palais die Früchte ihrer schweren Geistesarbeit.


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