Rast meiner Soldaten in Hendereras Dorf auf dem Makondehochland (s.S. 408).Siebzehntes Kapitel.Wiederum zum Rovuma.
Rast meiner Soldaten in Hendereras Dorf auf dem Makondehochland (s.S. 408).
Rast meiner Soldaten in Hendereras Dorf auf dem Makondehochland (s.S. 408).
AmRovuma, 23. Oktober 1906etwa 39° 40′ östl. Länge.
Von den mehr als 700 Meter Seehöhe Newalas habe ich mich auf höchstens 60 Meter erniedrigt, dafür aber lasse ich statt der 24 bis 25 Grad Mittagstemperatur dort auf dem hohen Westrande des Makondeplateaus deren augenblicklich 36 über mich ergehen. Es ist schrecklich heiß hier in dem baumartigen Gestrüpp, in dem wir notgedrungen unser Lager haben aufschlagen müssen; und das trotz der unmittelbaren Nähe der Fluten meines alten Freundes, des großen Rovuma. Wie hatte mir sein breites Bett so oft zu dem Plateaurande von Nchichira heraufgewinkt, nach Süden in gerader Linie abgeschlossen durch die gewaltige, keilförmige, glitzernde Fläche des großen Nangadisees, rechts, mehr nach Südwesten zu, flankiert von dem kleineren Lidedesee. Doch ich muß wohl auch hier chronologisch verfahren, um verstanden zu werden.
Der frühe Morgen des 11. Oktober war ebenso neblig, rauh und kalt wie alle seine Vorgänger, doch in unseren Augen glich er ihnen nicht im mindesten. Das Schauspiel der ausgelassensten Freude, wie es mir meine Leute beim Aufbruch von Chingulungulu geboten hatten, wiederholte sich hier in womöglich noch gesteigertem Grade; Newala war für die armen Kerle ja in der Tat alles andere als ein Kapua gewesen. Selbst Pesa mbili II., ein sonst sehr behäbiger, wohlbeleibter Manyema, ist ganz schlank geworden. Als ich ihn gestern fragte: „Tumbo lako wapi?Wo ist dein Bauch?“, da antwortete er mit traurigem Blick auf die Stelle verflossener Herrlichkeit: „Tumbo limekwenda, bwana, fort ist er gegangen, der Bauch, Herr.“Tumbo limekwendakann übrigens auch ich sagen, desgleichen Freund Knudsen; unsere Khakigewänder schlottern nur so um unser kärgliches Gebein.
Für meine weiteren Makondestudien konnte lediglich Mahuta in Frage kommen. Mahuta ist nicht nur der politische Mittelpunkt des ganzen Hochlandes, in dem hier als oberster Verwaltungsbeamter der Wali residiert, sondern auch geographisch ist es für meine Zwecke äußerst dienlich gelegen. Straßen führen von hier nach allen Richtungen, ich kann also leicht zu allen Eingeborenen gelangen, oder, was bequemer und besser sein wird, die Schwarzen werden zu mir kommen können. Doch einstweilen winkte mir ein anderes Ziel: der Südrand des Plateaus mit einer Enklave von Wangoni.
Über diese Wangoni hatte ich bereits seit Lindi das Mannigfaltigste zu hören bekommen; selbstverständlich sollten sie Brüder und Stammesgenossen der gleichnamigen Kaffernvölker oben am Ostufer des Nyassa sein. Sie seien bei einem der vielen Raubzüge, durch welche diese Kaffernvölker, sei es unter dem Namen der Masitu oder Mafiti oder Magwangwara oder Wamatschonde oder Wangoni, seit den 1860er Jahren den ganzen Süden von Deutsch-Ostafrika zu einer mehr oder minder menschenleeren Wüste umgestaltet haben, durch den tapfern Gegenangriff der Yao unter Matola I. vom Haupttrupp abgesprengtund in den Bezirk von Nchichira auf der Südkante des Makondeplateaus verschlagen worden. Nils Knudsen wußte sogar noch viel mehr; prachtvolle große Kriegergestalten seien es, die in jeder Beziehung himmelhoch über ihren gegenwärtigen Nachbarn und selbst noch über seinen geliebten Wayao ständen. Und wenn ich endlich einmal wirklich geschlossene Dörfer sehen wolle, Haus an Haus, mit schönen Straßen dazwischen, dann müsse ich nach Nchichira gehen. „Werde ich auch, aber Sie gehen natürlich mit.“ Das hat sich der brave Nils nicht zweimal sagen lassen; Rovuma und Elefantenjagd sind für ihn zwei untrennbare Begriffe; ich glaube, er würde stracks bis zum mittleren Kongo laufen, wenn ihm einer sagte, dort stehe ein großzahniger Elefant. Aber er schießt auch gut, trotz seiner recht klapprigen Donnerbüchsen.
Also erst Nchichira und die Wangoni, dann, als Nachtisch zum ganzen Forschungsdiner, noch einige Wochen Mahuta. Damit, denke ich, wird es genug sein des grausamen Spiels; schon jetzt bekomme ich ab und zu gelinde Anwandlungen von wissenschaftlicher Übersättigung, und ich fürchte, wenn es mit dem Zuströmen neuer Eindrücke so weiter geht, wird meine Aufnahmefähigkeit eines schönen Tages doch einmal versagen.
Unser Weg von Newala bis Nchichira hat uns über Mahuta geführt. War das ein bequemes Marschieren! Hätte ich nicht mein bewährtes altes Maultier gehabt, ich hätte mir tatsächlich ein Fahrrad wünschen mögen; selbst ein Auto hätte auf diesen Wegen ungehindert fahren können. Kein steiler Berg und kein schroff eingerissenes Erosionstal; dafür eine sanft und fast unmerklich nach Osten abfallende Ebene, in ihrer ganzen Ausdehnung von dichtem Busch bestanden; aus diesem die ausgedehnten Felder der fleißigen Makonde ausgespart; für den Wanderer endlich aufs beste zugerichtet breite, manchmal kilometerlang schnurgerade gehauene Straßen. Auch hier haben die Makonde diese breiten Barrabarra keineswegs aus eigenem Interesse an einem verbesserten Verkehrswesen hergerichtet, es hatvielmehr auch in diesem Teil des Landes eines sehr starken Druckes von Lindi aus bedurft; aber dafür entsprechen nun diese Wege bei einer Breite, die fast überall einer Sektion, stellenweise sogar einem Halbzuge das Marschieren gestattet, jedem strategischen Zwecke. Nur der lockere tiefe Sand ist geeignet, die Freuden des Wanderns herabzumindern; er findet sich Gott sei Dank nicht überall, sondern nur an den tiefergelegenen Stellen des Weges, wohin er von der Höhe herabgeflossen ist; dort ist er schier unergründlich.
Doch die Freude über den endlichen Ortswechsel würde auch größere Hindernisse überwinden als diese Bagatelle. Der Busch ist grün, die Sonne hat soeben den Nebel siegreich niedergekämpft und strahlt nun mit einer Freundlichkeit auf Schwarz und Weiß hernieder, daß die Träger gar nicht anders können, sie müssen singen. Und nun heben sie an mit ihren schönen alten Wanyamwesiliedern, die uns sooft schon über manche kleine Mißstimmung hinweggeholfen haben, und auch mit neukomponierten, die ich heute zum erstenmal höre. Sie sind noch viel schöner als der alte Bestand.
Nur eine einzige größere Ansiedelung liegt am Wege zwischen Newala und Mahuta; es ist der Ort Hendereras, eines alten klumpfüßigen Makondejumben. In seiner ganzen Häßlichkeit hat er anscheinend selbst meinen Trägern imponiert, wenigstens hat ihn mir einer unter ihnen wenige Tage später, aufs getreueste abkonterfeit, im Skizzenbuch überbracht. Der Ort Hendereras ist ein auffallend groß angelegter Weiler; der Platz, um den sich die Hütten scharen, könnte gut einer deutschen Kompagnie als Exerzierplatz dienen; mein einsames Dutzend tapferer Krieger nimmt sich auf ihm jedenfalls recht spärlich aus.
Die Boma von Mahuta kündigt sich schon von weitem durch ihren Palisadenzaun und ein außergewöhnlich weites Schußfeld an. Wald und Busch treten in der Tat nirgends näher als ein paar hundert Meter an die Befestigung heran. Vor deren kaum mannsbreitem Eingangspförtchen sehe ich schon von weitem die gesamte Heeresmacht des Wali aufmarschiert: fünf Baharia, schwarze Kerle inkhakigelben Matrosenkostümen, die sich krampfhaft bemühen, unter der Leitung ihres baumlangen Kommandeurs in leidliche Richtung zu kommen. Der Wali ist nicht zu sehen; er ist an der Küste, heißt es. Der Kommandeur brüllt gerade: „Das Gewehr über!“, da bin ich boshaft genug, von der Richtung auf die Boma abzubiegen und rechts einzuschwenken; einige hundert Meter seitlich hinter der Boma sehe ich nämlich das Haus, das längst nach mir genannt worden ist und in dem ich doch nun pflichtschuldigst Quartier nehmen muß. „Das Haus zum weggebliebenen Professor“ ist es, ein Bau, den Herr Ewerbeck in Voraussicht unseres gemeinsamen Wirkens in Mahuta dort bereits vor Monaten für uns beide hat ausführen lassen. Der Erbauer ist damals zum festgesetzten Einweihungstermin pünktlich zugegen gewesen, den Gast hatte jedoch die Völkerkunde Chingulungulus wie mit eisernen Klammern festgehalten. Halb betrübt, halb ärgerlich hat Freund Ewerbeck die Taufe des Hauses mit jenem Namen allein vollzogen, und dann ist auch er abmarschiert. Kaum haben die fünf Matrosen meine Absicht gemerkt, hei, wie fliegen die nackten Füße auch schon davon! Ich bin in scharfem Trabe hinterhergeritten, aber gleichwohl erfolgt das „Achtung, präsentiert das Gewehr! Augen links!“ doch noch vollkommen rechtzeitig. Ja, fix sind sie, die schwarzen Jungens!
Das „Haus zum weggebliebenen Professor“ liegt wunderschön; steht man auf seiner Barasa oder seiner Freitreppe, so öffnet sich eine gähnende, tiefe Schlucht unmittelbar zu unseren Füßen. Ein stolzer, grüner Hochwald zur Linken und zur Rechten — an Steilabhänge wagen sich die Makonde mit ihrem Raubbau nicht heran —, ganz hinten aber, dort, wo die wohl 20 Kilometer lange Schlucht durch zwei in scharfer Linie vorspringende Plateaunasen abgeschlossen wird, ein hellgrauer Streif mit silbernem Bande darin. Das ist der Rovuma. Hinter ihm ein großer glänzender Spiegel: der Lidedesee, und hinter diesem in dunklen, mattgrünen Konturen die ebene Fläche des Maviaplateaus. Nach so viel monotonem Makondehochland ist Mahuta landschaftlich eine wahre Erquickung.
Schon am nächsten Tage geht es weiter. Stunde um Stunde marschiert die lang auseinandergezogene Karawane zwischen den grünen Wänden des Busches dahin. Dieser ändert jetzt sein Aussehen beträchtlich: er wird an Höhe geringer, an die Stelle der schrecklichen Dornen treten in wucherndem Übermaß Pflanzenformen, die mich an unseren Teufelszwirn erinnern. Die Sonne steigt immer höher, der Engpaß des Weges wird immer glühender, der Sand des Bodens immer feiner und tiefer. Endlich ist Nchichira erreicht; es ist eine Boma wie Massassi, Newala und Mahuta auch: ein von arm- bis beinstarken Palisaden umzäunter, quadratischer Raum von rund 100 Meter Seitenlänge, in dem das Haus des Akiden steht, und wo auch die übrigen Elemente einer untergeordneten deutschen Verwaltungsstelle wohnen. In den langen Monaten haben meine Leute eine glänzende Übung im Auf- und Abbauen des Lagers bekommen. Eins, zwei, drei steht mein Zelt; ebenso schnell sind wir auch schon unter der niedrigen Barasa eingerichtet. Sie ist ebensowenig komfortabel wie unsere früheren Wohnpaläste, aber so ein festes Strohdach ist mir doch tausendmal lieber als die Notwendigkeit, im heißen Zelt wohnen zu müssen, oder als der Aufenthalt unter einer frisch gebauten Banda mit ihrer Unsumme gräßlichsten Ungeziefers. In solchen Neubauten regnet es Insekten ohne Unterlaß aus dem frischen Stroh auf Kopf und Körper, in Schüssel und Teller herunter.
Die zwölf Tage Nchichira sind mir wie im Traum vergangen. Nicht, daß ich wirklich geträumt hätte, dazu hat mir das auch hier vorhandene Übermaß von Arbeit keine Muße gelassen. Gerade weil ich unter der Wucht der Eindrücke noch nicht recht zur Besinnung gekommen bin, das reiche Mahl sozusagen noch nicht verdaut habe, erscheint mir die ganze Zeit wie ein wirrer Traum. Seine Einzelheiten kann und will ich hier nicht schildern; nur das Markanteste sei hervorgehoben.
Vom Heldentum der Wangoni keine Spur, die Kerle sind durchaus nicht anders gestaltet und sicherlich nicht besser geartet alsirgendeine andere Gruppe im Reigen der hiesigen Völker; ja, wenn ich’s ehrlich gestehen soll, so fallen sie physisch sogar noch ab. Und krank sind auch viele. Welch schreckliches Bild bot sich mir eines Tages dar, als ich der Fährte einer Riesenschlange folgte, wie ich vermeinte. So etwa mag die von einem Python in den Sand gezogene Spur aussehen. Ich trete um ein Haus herum: ein Skelett hockt vor mir; keine Spur Fleisch, kein Muskel am ganzen Körper des kranken Mannes, dem ein kleiner Junge mitleidig forthilft. Ububa heißt die Krankheit; die Fährte aber rührt von der Fortbewegungsart des Unglücklichen her; er ist auf dem Gesäß hierhergezogen worden.
Ububa-Kranker.
Ububa-Kranker.
Von wirklich stattlicher Größe ist nur der alte Makachu, der Jumbe des gleichnamigen benachbarten Dorfes und gleichzeitig der Chef der einen der beiden Sippen, in welche diese Wangoni zerfallen. Ich habe Makachu gemessen, er ist 181 Zentimeter hoch; wenn er bei diesemHöhenmaß einherschreitet wie Saul, so zeigt das, wie kläglich die ganze übrige Gesellschaft bezüglich ihrer Körperhöhe ausgestattet sein muß. In der Tat, ganz ausgemergelt infolge ständiger Unterernährung schleppen sich die alten Männer des Stammes zum Schauri herbei, und auch der Nachwuchs verspricht wenig. Nein, das sind keine Kaffern, habe ich mir schon beim Einzuge gesagt, und seitdem habe ich es auf die mannigfaltigste Weise bestätigt gefunden.
Zunächst Siedelungs- und Bauart; nicht ein Zug Südafrikanisches in ihr. Die weitgedehnten Dörfer, durch die man die letzten Stunden des Weges von Mahuta her marschiert, sie gleichen aufs genaueste den Dörfern im Tiefland westlich des Plateaus, höchstens, daß die Felder hier besser gepflegt erscheinen und auch von Hause aus besser urbar gemacht worden sind. Es ist aber auch ein ander Ding, einen derben Waldbestand niederzulegen als hier oben das bißchen Busch zu verbrennen.
Auch in Einzelheiten des Baues kein Unterschied; das Hütteninnere genau so unordentlich wild mit Vorratsbehältern, Töpfen und Rindengefäßen, mit schwelendem Herdklotz und mit Bettstellen ausgestattet wie in Mchauru oder Akundonde; die Außenwände aber genau so mit kindlichen Malereien überklext wie auch sonst überall im Lande.
Und dann erst die Sprache und die Geschichte dieser Volksgruppe. Unter meiner Mustertruppe von Trägern befindet sich in Gestalt des edlen Mambo sasa auch ein echter Kaffer, ein Mgoni von Runsewe. Diese Wangoni sind die Nachkommen jener Kaffernwelle, die von allen am weitesten nach Norden gedrungen ist. Während das Gros der reisigen Scharen, die vor einem halben Jahrhundert oder etwas mehr über den Sambesi heraufkamen, sich an beiden Ufern des Nyassa niederließ und unter blutigen Kämpfen Reiche begründete, zogen diese Wangoni am Ostufer des Tanganyika entlang immer weiter nach Norden. Im nordwestlichen Unyamwesi endlich kam auch diese Welle zum Stehen. Unter dem Namen Watuta haben die Nachkommen jener ersten Eroberer jahrzehntelang ein wildes Räuberleben geführt;in den 1890er Jahren hat sie der Hauptmann Langheld endlich in dem genannten Busch von Runsewe seßhaft gemacht.
„Na, Mambo sasa, was wirst du mir schön dolmetschen können“, sage ich zu meinem ewig lustigen Freunde. Mambo ist in der Tat der Spaßmacher der ganzen Kompagnie; seine Stimme ist nicht melodisch, dafür aber laut und ausdauernd; seine Improvisationen verstummen denn auch niemals am Tage, weder auf dem Marsch noch im Lager. Schon stehen sich die Wangoni von Nchichira und der Mgoni von Runsewe einander gegenüber; nach meinem bewährten Verfahren beginne ich meine ethnologische Aufnahme. Mambo hat die Frage verstanden, er gibt sie in der Sprache seiner Jugend weiter. Es erfolgt keine Antwort; verständnislose Mienen ringsum. Das wiederholt sich noch mehrere Male, stets mit demselben negativen Erfolg; die Namensgenossen verstanden einander einfach nicht. In der Folge habe ich die beiden Elemente getrennt vorgenommen und von beiden Sprachen soviel aufgezeichnet, wie es mir angesichts des geradezu fabelhaften Unverstandes sowohl des guten Mambo sasa, wie auch der Stammesgelehrten von Nchichira möglich war. Das Ergebnis lautet, soweit mir eine Übersicht schon jetzt möglich ist, wirklich so, wie ich vermutet hatte: die Wangoni von hier haben mit den gleichnamigen Leuten oben bei Ssongea in Wirklichkeit nur den Namen gemein, nichts weiter; sie sind eine genau so durcheinandergewürfelte Horde von allen möglichen Stammesresten, wie sie in andern Teilen des Südens auch noch existieren.
Einen klipp und klaren Beweis für die letztausgesprochene Vermutung hat mir schließlich das Durchsprechen der Stammesgeschichte selbst gebracht. Neben dem Riesen Makachu ist mein Hauptgewährsmann der alte Madyaliwa, in dessen Dorfbereich die Boma erbaut worden ist, bei dem wir also sozusagen zu Gaste sind, und der der Chef der andern der beiden Sippen zu sein die hohe Ehre hat. Das jüngere und gleichzeitig „gebildete“ Element wird durch Herrn Saidi, den Lehrer von Nkundi, repräsentiert, der auf meinenHilfeschrei endlich auch herbeikam, um mich aus allen Aufnahmenöten zu retten. Die Leute hier sind aber auch zu hinterwäldlerisch! Mehr als Staffage neben jenen drei Säulen dient ein halbes Dutzend anderer, meist älterer Männer, denen es anscheinend mehr darauf ankommt, meine Barasa vollzuspucken, als meine geschichtlichen Kenntnisse ihres Stammes zu bereichern.
Zunächst stellen Madyaliwa und Makachu ihre beiderseitige Sippenzugehörigkeit fest; jener gehört zur Lukohu der Makāle, Makachu zur Lukohu der Wakwāma. Unaufgefordert beginnt der Recke Makachu, dessen Stattlichkeit leider durch einen sehr tief zwischen den Schultern sitzenden Kopf beeinträchtigt wird, zu erzählen, er sei am Lukimuafluß geboren, aber sein Volk sei an den Mluhesi vertrieben worden, als er ein Junge gewesen sei. Ganz mechanisch ist bei dem Worte Junge der Arm des Sitzenden bis zur Wagerechten in die Höhe gegangen, ebenso mechanisch hat sich die Hand senkrecht zum Arm emporgerichtet. Es seien die bösen Wangoni gewesen, vor denen sie hätten davonlaufen müssen.
„Die Wangoni?“ frage ich daraufhin ganz erstaunt, „du bist doch selbst Mgoni.“
„Allerdings, aber es waren doch die Wangoni.“
Ich habe es für das Klügste gehalten, den Alten einstweilen nicht aus dem Konzept zu bringen, und so erzählte er weiter: „Als ich anfing einen Bart zu bekommen — heute ist Makachus kurzer Kinnbart fast weiß —, da kamen die Wangoni wieder; diesmal aber wurden wir bis zum Häuptling Namagone vertrieben, und die Wangoni waren zahlreich wie die Heuschrecken.“
Ich habe meine kostbare einzige Karte selbstverständlich stets zur Hand. Ein Blick auf sie belehrt mich, daß Namagone wirklich existiert, unter 38° 26′ östlicher Länge auf dem rechten Rovuma-Ufer; so weit nach Osten ist also schon der damalige Rückzug des einen Trupps dieser Wangoni erfolgt. Im gleichen Augenblick wird mir dieses auch schon von einigen der Beisitzer bestätigt; Kambale erzählt, daß er alsKnabe bei Namagone gewesen sei, Liambaku aber, der etwas jüngere Bruder Madyaliwas, berichtet, auch er sei am Lukimua geboren.
Madyaliwa, Saidi und Makachu.
Madyaliwa, Saidi und Makachu.
Makachu will gerade in seiner Erzählung fortfahren, da öffnet Madyaliwa, der Senior, seinen nur noch von Zahnruinen besetzten, welken Mund: „Vom Lukimua sind wir zu Kandūlu gegangen, dem Yaohäuptling. Von da haben uns die Wangoni vertrieben; erst sind wir zu Namagone gegangen und dann zu Makachu. Hier haben wir ein Jahr gesessen, dann aber sind die Wangoni auch hierher gekommen und haben uns von neuem verjagt; da sind wir bis Nchichira gegangen. Doch auch hier sind wir noch einmal von den Wangoni überfallen worden, und das ist zu der Zeit gewesen,wo schon ihr Wadachi, ihr Deutschen, eure Boma in Lindi gebaut hattet.“
Es meldet sich kein Redner weiter, also kann jetzt ich einsetzen:
„Ihr erzählt immer so viel von den bösen Wangoni, sind denn das nicht eure Brüder?“
Lebhaftes Gestikulieren ringsum: „Aber nein,“ erschallt es im gleichen Augenblick, „sie sind unsere schlimmsten Feinde.“
„Doch unterhalten könnt ihr euch miteinander?“
Auch hier ein einhelliges, glatt ablehnendes Nein. Aus dem weiteren Verhör geht dann folgendes hervor:
„Wir Leute von Nchichira nennen uns selbst Wangoni, die Leute aber von Ssongea nennen wir Mafiti. Die sind vor langer Zeit von weither gekommen; woher sie aber gekommen sind, das wissen wir nicht. Unsere Väter haben stets am Lukimua gesessen, und wären nicht die bösen Mafiti so oft gekommen und hätten Krieg mit uns gemacht, so säßen auch wir, ihre Söhne, noch immer am Lukimua. Mit den Wamatambwe sind wir nicht verwandt, doch mit den Yao sind wir gute Freunde; unsere Väter sind stets zu ihnen geflüchtet.“
Das ist also das Bild, welches ich auf Grund eines eingehenden Studiums von den Wangoni von Nchichira gewonnen habe. Sie sind in Wirklichkeit, wie ich oben schon sagte, ein Konglomerat aller möglichen Elemente, die sich in den langen Mafitiwirren hier in diesen entlegenen Winkel geflüchtet und zu einer Art Volkstum verdichtet haben. Wie sehr sie den Yao gleichen oder doch zu gleichen streben, zeigt nichts besser als das fast ausschließliche Vorkommen des Kipini, des Nasenpflocks, bei ihren Frauen; die Lippenscheibe ist bei diesen eine Seltenheit. Den Reiz des Neuen und Fremden, den diese Wangoni als wirkliche Kaffern auf mich ausgeübt haben würden, wenn sie sich tatsächlich als Südostafrikaner herausgestellt hätten, haben sie unter diesen Umständen natürlich für mich verloren. Immerhin bin ich sehr stolz darauf, die alte, falsche Ansicht, die man an der Küste von diesen Leuten bis heute hegt, endlich einmal berichtigt zu haben.Indes vermag ich nicht zu leugnen, daß das Ergebnis meiner Untersuchung stark mit dazu beigetragen hat, mir den Abschied von Nchichira leichter zu machen, als er mir sonst wohl geworden wäre.
Blick von Nchichira bei Sonnenuntergang auf den Rovuma, den Rangadi-See und das Mavia-Plateau.⇒GRÖSSERES BILD
Blick von Nchichira bei Sonnenuntergang auf den Rovuma, den Rangadi-See und das Mavia-Plateau.⇒GRÖSSERES BILD
⇒GRÖSSERES BILD
Mein Abmarsch ist nicht direkt nach Mahuta zurück erfolgt. Nils Knudsen hatte die ganze Zeit über, wo ich mit den Wangonigelehrten volkskundliche Studien trieb, seinen Jagdfreuden gehuldigt. Immer wieder war er den auch hier außerordentlich steilen Plateaurand hinuntergestiegen, um unten in der alluvialen Rovumaebene mit ihrem reichen Wechsel von dichtem, hohem Wald, struppigem Gebüsch und wiesenartigen Flächen dem hier häufigen Dickhäuter aufzulauern und auch andere, kleinere Tiere zur Strecke zu bringen. Oft glaubte ich seine Büchse knallen zu hören, so nahe liegen die Jagdgründe unter der Boma von Nchichira, und mehr als einmal habe ich mir an meinem Standort auf dem Plateaurande eingebildet, die gebückte Gestalt des rasch und doch vorsichtig Vorwärtseilenden da unten auf dem Talgrunde verfolgen zu können.
Der gegebene Abendspaziergang für Nchichira ist nur sehr kurz, doch bietet er eine Überfülle des Schönen. Soeben ist der Sonnenball dort im Westen hinter dem fernen Nyassa zur Rüste gegangen. Aufs äußerste erschöpft, lege ich Notizbuch und Bleistift zur Seite, stecke mir eine frische Zigarre ins Gesicht — wir haben wieder welche, doch keine vom Inder, sondern echte Leipziger; hei, ist das ein Genuß nach jenem Rattengift von Lindi! —, winke meiner Apparatgarde und verlasse mit raschen Schritten die Boma. An ihrem Palisadenzaun schreiten wir entlang, bis er zu Ende ist; damit sind wir auch schon am Ziel: das Rovumatal mit seiner ganzen Herrlichkeit liegt unmittelbar zu meinen Füßen. Das Phänomen eines Sonnenunterganges zu schildern, ist schon an und für sich keine leichte Aufgabe; hier, wo zu der eigenartigen Oberflächengliederung des Landes, seinem merkwürdigen Gegensatz zwischen stärkster Erosion und machtvollster Auflagerung, ein geradezu unerhörter Farbenreichtum des Abendhimmels tritt, versagt die Feder einfach schon aus dem Grunde,weil es angesichts dieser Herrlichkeit für einen fühlenden Menschen überhaupt nicht möglich ist, seine Eindrücke zu Papier zu bringen. Hätte ich Farbenphotographie, das wäre ein Objekt! So muß ich mein Heil mit ganz gewöhnlichen oder höchstens orthochromatischen Platten versuchen; von der wirklichen Farbenpracht bringen diese natürlich nichts, da wird später daheim das Notizbuch aushelfen müssen.
Das Plateau ist hier, an seinem mittleren Südrande, bei weitem niedriger als bei Newala; man kann es auf 400 bis 450 Meter schätzen. Immerhin ruft das 10 bis 15 Kilometer breite, an seiner Sohle kaum 60 Meter über dem Meer gelegene Rovumatal den Eindruck einer gewaltigen, tiefeingeschnittenen Schlucht hervor. Seine beiden Ränder sind absolut gleich; einem Kinde muß es klar werden, daß drüben das Maviaplateau und hier das Makondehochland desselben Alters und eines Ursprungs sind. Es ist der Rovuma mit seiner Sägekraft gewesen, der dies alte Tafelland cañonartig auseinandergeschnitten hat. Jetzt, am Ende der Trockenzeit, sieht der Fluß kläglicher aus denn je: ganz dünn rieselt seine kümmerliche Wasserader in dem kilometerbreiten, von ungeheuren Kies- und Sandbänken erfüllten Flußbett. Um so gewaltiger wird er in der andern Jahreszeit einherfluten; zu meinen Füßen verfolgt das bloße Auge ein ganzes System von Hochflutbetten; auch drüben auf der portugiesischen Seite läßt das Fernglas ähnliches erkennen. Bei Hochwasser muß die Niederung einen großartigen Anblick gewähren; heute waltet mehr der Grundzug des Lieblichen, Heiteren vor. Der graue Streifen mit dem blinkenden Silberfaden darin liegt vor mir, als wenn ich ihn greifen könnte, und dabei sagt Knudsen, man müsse zwei starke Stunden wandern, bevor man am Ufer des Stromes stände. Dermaßen täuscht die merkwürdig klare Luft. Freilich, Rauchwolken steigen auch hier zum Himmel auf; besonders drüben auf der andern Seite, zwischen dem Strom und dem Nangadisee, sind sie zuzeiten recht dicht und häufig. Fast möchte ich meinen, die guten Mavia wollten den unglücklichen Portugiesen, der dort in seiner, mit dem Glase ganz deutlichwahrnehmbaren Boma wohl darüber nachdenken soll, wozu er eigentlich hierher verdammt worden ist, ausräuchern, so konzentrisch legen sich die Flammengürtel um das Haus des einsamen Europäers. Wendet sich aber das Auge mehr nach rechts: fast unabsehbar dehnt sich das graue Rovumabett mit seinen grünen Rändern gen Westen. Der Lidedesee ist nicht gar nahe, aber auch er liegt in dieser Perspektive noch fast zu unsern Füßen, so weit vermag mein scharfes Auge noch über ihn hinaus in das Innere des Erdteils zu schauen. Über dem allen das Erglühen des ganzen westlichen und südlichen Horizonts in tausend leuchtenden Tinten. Fast scheint es, als wolle auch die Sonne dieser Schönheit zuliebe nicht so rasch scheiden, wie sie das sonst zwischen den Wendekreisen zu tun beliebt; nur ganz langsam und allmählich werden der Farben weniger, wird ihre Leuchtkraft geringer. Nur mit Mühe habe ich mich von dem Bilde losreißen können, um mit kleinster Blende ein paar Aufnahmen dieser wunderbaren Szenerie auf die Platte zu bannen; stumm und sichtlich ebenso ergriffen wie ihr weißer Herr stehen auch meine schwarzen Freunde hinter mir. Erst dunkelt es langsam, dann senken sich rascher immer schwerere Schatten auf den Lidede und den Nangadi hernieder; auch über die Matten und den grünen Wald streichen jetzt die ersten dunkeln Töne dahin, nur das helle Grau des Strombettes hebt sich noch eine Weile aus der sinkenden Nacht hervor. Ich bin ein durchaus nüchtern veranlagter Mensch, aber ich gebe gern zu: ich hätte die Ziele eines Marsches bis zum entlegenen Nchichira als erreicht angesehen, selbst wenn dort keine Wangoni wohnten; ein einziger Sonnenuntergang hätte mich für alle Mühsal entschädigt.
In diesem Stromtal hatte also Nils Knudsen als ein gewaltiger Nimrod gewaltet. Es brauchte nur der erste beste Neger zu kommen und ihm zu sagen: „Herr, viele Elefanten stehen da unten“, so war er zehn Minuten später schon, so schnell es sein Seemannsgang erlaubt, auf dem Marsch. Verständigerweise vertraut er aber seinen eigenen Donnerbüchsen nicht mehr, sondern hat mich um einsmeiner trefflichen Gewehre gebeten. Wie immer, sitze ich an einem Nachmittag mit meinen Gelehrten zusammen. Mit dem Kingoni will es gar nicht vorwärtsgehen; heiße ich die „Intelligenz“ Saidi übersetzen: Dein Vater ist gestorben, so kommt unweigerlich ein Satz zutage, der sich bei der Nachkontrolle herausstellt als: Mein Vater ist gestorben, und lasse ich ihn sagen: Mein Vater ist gestorben, so übersetzt er von seinem Standpunkt aus ganz richtig: Dein Vater ist gestorben. Solche Scherze sind mir seit langem geläufig, sie regen mich nicht mehr auf; schlimmer wird es schon, wenn man die persönlichen Fürwörter: ich, du, er, wir, ihr, sie festlegen will; Herrgott, welche Mühe haben mir diese schon bei den doch wahrlich nicht dummen Lehrern von Newala verursacht! Hier geht’s überhaupt nicht; ich mag anstellen, was ich will, die dritte Person Singularis und Pluralis sind nicht zu erzielen. Die erste und zweite habe ich glücklich noch herausgebracht, selbstverständlich auch wieder in der bekannten Umkehrung; will ich haben: „Ich“ und deute unwillkürlich dabei auf mich, so bekomme ich unfehlbar „du“ heraus, und umgekehrt. Resigniert will ich mir gerade eine Beruhigungszigarre anbrennen, da entsteht ringsum eine merkliche allgemeine Aufregung. In einem Tempo, gegen welches die Geschwindigkeit des Läufers von Marathon ein Schneckengang gewesen sein muß, rast einer der Diener Knudsens heran; sein Mund sprudelt irgend etwas hervor, von dem ich nichts verstehe; erst aus dem Munde meiner rasch zusammengelaufenen Leute und der Bomaeinwohner erfasse ich, daß Knudsen erfolgreich gewesen ist und einen stattlichen Elefanten zur Strecke gebracht hat. So groß, und dabei spreizen die Kerle ihre Gibbonarme auseinander, soweit es nur irgend geht, seien die Stoßzähne, und Fleisch gäbe es jetzt! Ich sah förmlich, wie den Burschen das Wasser im Munde zusammenlief.
Dieser und der nächste Tag haben ganz unter dem Zeichen des getöteten Elefanten gestanden. Wahre Berge von Fleisch wurden herangeschleppt, die ganze Gegend roch nach afrikanischer Küche, jedoch nichts weniger als schön. Dann kamen die vier Füße; darauf die Zähne;endlich der erfolgreiche Jäger selbst. So stolz der wackere Nils auch einherschritt, sehr glücklich war er über den Schuß nicht, denn in Wirklichkeit waren die Zähne im Verhältnis zu der Größe des Tieres nur sehr klein, nach unserer Schätzung höchstens 40 Pfund schwer. Dafür brachte mein Nimrod mir aber eine andere, für mich viel frohere Kunde: die Leute dort unten, die wohnten ganz anders als hier oben, fein und fremdartig zugleich; mehrstöckige Häuser seien es, die man da unten zu sehen bekäme! Nils hat erst einen Schwur tun müssen, daß er nicht lüge. Als er ihn aber, ohne mit der Wimper zu zucken, geleistet hatte, da hat es mich auch nicht mehr länger oben gehalten, und schon am nächsten Frühmorgen sind wir wie die Affen an den Klippen und Felsen des Plateaurandes in die Stromebene hinuntergestiegen.
Matambwefischer, mit einer Wasserschlange um eine gefangene Schildkröte kämpfend.Zeichnung des Askari Stamburi (s.S. 449).
Matambwefischer, mit einer Wasserschlange um eine gefangene Schildkröte kämpfend.Zeichnung des Askari Stamburi (s.S. 449).
Seit ein paar Tagen nun sitzen wir hier im kümmerlichen Schatten verkrüppelter Bäume inmitten eines Gewirrs von Röhricht und hohem Grase, in dem unsere Leute nur mit Mühe den Platz für die Zelte freimachen konnten, unmittelbar am linken Ufer des Hauptstromes. Es ist eine Stelle, die den Ausblick aufwärts und abwärts auf eine weite Strecke gestattet; auch geradeüber liegt ausnahmsweise keine der sonst häufigen Inseln, so daß der Blick ungehindert über ein wahres Meer von Sandbänken bis ans jenseitige Ufer schweifen kann. Die vom mittleren Rovuma her sattsam bekannten steilen Abbruchsufer sind auch hier die Regel; sitzt man auf solch hoher Böschung, so ist es schon eine Kunst, das unvermutet und schnell auftauchende Flußpferd mit der Kugel zu treffen; selbst der sonst unfehlbare Nils knallt unter zornigem Knurren vorbei. Diese Steilwände sind aber auch das einzig Malerische in der weiten Einöde des Flußbettes selbst, sonst nur Kies und Sand und Sand und Kies, wohin man blickt. Zwischen ihren Massen verkrümelt sich der Rovuma noch mehr als weiter oben an der Bangalamündung, und die Wamatambwe, die hier zahlreicher schweifen als weiter oben, haben es keineswegs nötig, zu ihren berühmten Schwimm- und Tauchkünsten zu greifen; ganz gemächlich waten sie durch die einzelnen Rinnsale hindurch. Freund Nils kommt damit um eine wunderschöne Gelegenheit, mich von der Wahrheit einer Geschichte zu überzeugen, die er nicht müde geworden ist, mir stets von neuem zu erzählen, sooft von den Wamatambwe die Rede war.
„Schwimmen können die,“ hatte er immer gesagt, „das Krokodil ist nichts dagegen, und Furcht vor dem Reptil hat ein ordentlicher Matambwe auch nicht; erstens hat er seine Daua dagegen, und dann ist er im Wasser auch viel gewandter als das Tier. Wenn aber der Rovuma Hochwasser hat, und die Matambwe können mit ihren Einbäumen nicht über den reißenden Strom, da laufen sie einfach hinüber.“
„Wie, Herr Knudsen, die Leute laufen hinüber? Wie machen sie denn das? Etwa auf Wasserschuhen, oder wie sonst?“
„Unten durch“, sagt Nils darauf und dabei macht er eine so bezeichnende Gebärde, daß man den Eindruck hat, er selbst sehe sich in diesem Augenblick auf dem Grunde des hochgeschwollenen Stromes dahinkrabbeln.
„Aber Mann,“ wage ich angesichts dieser Entschiedenheit nur noch ganz schüchtern einzuwerfen, „der Fluß ist dann doch über 1000 Meter breit; selbst wenn die Matambwe in der Minute 100 Meter abspazierten, was selbst in ruhigem Wasser nicht einmal möglich ist, geschweige denn in dem pfeilschnell fließenden Strom, so würden sie doch volle zehn Minuten unter Wasser sein müssen.“
Nils hat nicht nur den Dickschädel des echten Nordgermanen, er hat auch den Vorzug des bessern Landeskenners; daher wundert es mich gar nicht, daß nur eine Art bedauernder Blick mich streift. „Aber Neuling, was verstehst denn du davon?“ soll der mir besagen.
Also von diesen Taucherkünsten des sonst ganz amphibischen Volkes bekomme ich jetzt nichts zu sehen. Dagegen scheint mir auf Grund eigener Beobachtung das Zutrauen zu der berühmten Krokodildaua keineswegs so groß zu sein, wie Nils das behauptet; kommen die Matambwemänner, die Knudsen unentwegt über den zu unseren Füßen rauschenden Stromarm hinüberschickt, um die von ihm erlegten zahlreichen Enten zu holen, unversehens einmal in eine tiefere Stelle, ei wie ängstlich schauen sie da um sich und wie schnell hasten sie dem rettenden Ufer zu.
Doch darum bin ich ja gar nicht zum Rovuma hinabgestiegen; zu meinem Lobe kann ich auch gestehen, daß ich von der mir so karg zugemessenen Muße immer nur die Nachmittage auf den Strom verwendet habe; der Vormittag ist stets der Erscheinung gewidmet gewesen, von der Knudsen so viel Aufhebens gemacht hatte. Und diesmal hat er endlich einmal recht gehabt; selbst die einfachste Photographie besagt mehr als die langatmigste Beschreibung, daher verweise ich auf die beigegebenen schönen Bilder und beschränke mich in meinem Kommentar zu dieser merkwürdigen Erscheinung der Pfahlbautenlediglich auf das, was dem Völkerkundler und Kolonialfreund zu wissen unumgänglich notwendig ist.
Unser Abmarsch von Nchichira hat sich um ein weniges verzögert; Ursache: ein warmer Regen, der in langen, senkrechten Linien auf den pulvertrocknen Sand „herunternieselt“. Ein förmliches Aufatmen ringsumher bei Natur und Mensch, ist es doch der erste Bote der rasch herannahenden Regenzeit. Doch nur zu bald tritt wieder die unbarmherzige Sonne in ihre Rechte, der Zug setzt sich in Bewegung und verschwindet rasch im nahen Abgrund. Schon nach wenigen Metern Abstieg hört die Schlüpfrigkeit des steilen Pfades auf, heiß und trocken knirschen Stein und Fels unterm Fuß, heiß und trocken ist auch die Atmosphäre, in die wir mit jedem Schritt um den Bruchteil eines Meters hineintauchen; daß hier der Regen noch im Fallen hat verdunsten müssen, versteht man wohl. Endlich sind wir unten; ein dichter Urwald von gewaltigen Stämmen nimmt uns auf, doch auch hier nichts von der Kühle des deutschen Waldes; heiß, feucht und moderdunstig schlägt die Luft uns entgegen, und nur unsicher tastet der Fuß über den schwanken Boden hin. „Wenn das die Forstverwaltung wüßte; hier ist Nutzholz zu holen“, sage ich noch eben zu mir selbst, da hört auch schon die Herrlichkeit auf. Hat ein Orkan hier gehaust, oder ist die Lawine herniedergegangen vom jähen Steilabhang nebenan? Wie geknickte Streichhölzer liegen die gewaltigen Stämme kreuz und quer, durch- und übereinander; ein wahrer Jammer ist’s, das Ausmaß dieser Vernichtung mit dem ökonomischen Auge des Europäers sehen zu müssen. Mühselig springen und klettern wir weiter; der Boden wird trockner, jetzt tritt der Fuß hie und da in dichte Aschenhaufen; noch ein forschender Blick ringsum, dann ist mir alles klar. Auch hier unten ist es der Mensch, der die Natur nicht in Frieden lassen kann. Das Makondeplateau wäre mit seinen 10000 Quadratkilometern wahrlich groß genug, um lumpigen 80000 oder 90000 bedürfnislosen Negern das bißchen Lebensunterhalt zu gewähren. Nein, in Wirklichkeit genügt es diesem Neger, wie man sieht, nicht; in weitemUmkreis hat er mit seiner scharfen Hacke das Unterholz niedergeschlagen und verbrannt, den Riesenbäumen aber ist er in seiner gewohnten Weise mit Axt und Feuer zu Leibe gegangen; überall glimmt es an den Enden und Seiten der Stämme, und weiße Aschenleichen zeugen, genau wie an den jungfräulichen Stellen oben auf dem Plateau, von der verschwundenen Pracht stattlicher Laubbäume. Und da bringen sie auch schon einen der Sünder heran; bei Gott, es ist der alte Madyaliwa selbst; zum Überfluß grinst er auch noch, ganz stolz auf sein Zerstörungswerk. Und sein Beil hat der alte, schwache Mann noch in der Hand.
Waldverwüstung im Rovumatal bei Nchichira.
Waldverwüstung im Rovumatal bei Nchichira.
An wirklichen Wäldern mit brauchbarem Nutzholz ist Deutsch-Ostafrika wahrlich nicht reich; der berühmte Schumewald in Usambara und einige andere, ob ihrer Seltenheit angestaunte Wälder helfen uns über diese bedauerliche Tatsache nicht hinweg. Um so gebieterischer ergibt sich für uns die Notwendigkeit, die bisher unberührten Hochwaldkomplexe hier am Rovuma vor dem Raubbau der Eingeborenen zuschützen. Wir haben ein wohlbegründetes Recht dazu, den Anwohnern dieses Tales jeden Axthieb in ihm zu untersagen, denn die Besitzergreifung dieses neuen Kulturbodens außerhalb ihres altangestammten Plateaus ist lediglich eine Folgewirkung der durch die Deutschen herbeigeführten neuen, sicheren Verhältnisse. Schaute nicht hoch oben die Boma von Nchichira so kühn und trutzig ins Tal und zu den Mavia hinüber, keinem Mgoni und keinem Makonde würde es einfallen, auch nur ein Korn Mais außerhalb des Plateaurandes zu pflanzen. Heute wissen die Leute ganz genau, daß sie unter unserm Schutze auch da unten vor Überfällen vom andern Ufer aus sicher sind, daher steigen sie hinab und zerstören uns unsere schönsten Wälder.
Doch weiter geht es, eine Bodenwelle hinauf; dort ist endlich das Wunder, und gleich in doppelter Gestalt sogar. Staunend stehe ich vor einem Turm, und verständnislos glotzen auch meine Leute das fremdartige Bauwerk an. Madyaliwas neues Palais — hierher also hat sich der Alte täglich nach unserem Schauri zurückgezogen — ist nun zwar nicht dreistöckig, wie Nils Knudsen behauptet hatte, doch zwei Stockwerke und eine Mansarde bekommt man mit einiger Sophistik sehr wohl heraus. Das Parterre beherbergt die Wirtschaftsräume; in Wirklichkeit ist es ein mit Stroh umhüllter quadratischer Raum, in dessen Mitte das übliche Herdfeuer zwischen den drei Klumpen Termitenerde glimmt, und der wie immer angefüllt ist mit Töpfen, Löffeln, Kellen und anderem Hausrat der Negerin. In der „Beletage“ ist es weit feiner; nur der Aufgang läßt an Bequemlichkeit zu wünschen übrig. Als alter Turner bin ich im Nu oben, dem ungelenkeren Nils machen die in meterweitem Abstand an die Tragpfeiler des Hauses gebundenen Sprossen dagegen arge Pein, und wie der alte steifbeinige Madyaliwa nebst Gemahlin allabendlich diese Hühnerstiege emporklimmt, ist mir erst recht ein Rätsel. Doch dafür entschädigt ihn dann das ganz behagliche Schlafkabinett: eine dicke Strohlage bedeckt den Knüppelboden, die dürren Leiber aber hüllen sich in gar nicht üble Matten. Die Wangoni haben kein Mutterrecht, daher verstößt esnicht wider den Anstand, wenn Abdallah, der Kronprinz, oben das Dachgeschoß bewohnt; auch dieses ist für Negerverhältnisse ganz nett mit weichem Lager, Matten und Vorratskörben eingerichtet.
Pfahlbau am Rovuma bei Nchichira.
Pfahlbau am Rovuma bei Nchichira.
Das ist meine erste Berührung mit den Pfahlbauten der hiesigen Gegend gewesen; an sie schlossen sich noch sehr ausgiebige Studien, das Gesamtbild aber ist folgendes. Selbstverständlich dachte ich, als ich den ersten Orientierungsmarsch beendet und überall nur Pfahlbauten vorgefunden hatte, an die Furcht vor Moskitos und Überschwemmungen als Entstehungsursache dieser Bauart; manche der hochragenden Hütten liegen ja auch in Wirklichkeit unmittelbar im Bereich der Hochflut des Stromes. Indessen die Mehrzahl befindet sich auf den Rücken von Hügelwellen, die ganz außerhalb des Hochwasserbereichs liegen. Fragen wir also die Eingeborenen selbst, warum sie gerade so und nicht anders bauen. Gesagt, getan. „Pembe, der Elefant“ antwortete uns der eine, „pembe“ sagt auch der folgende,„pembe“ sagen auch die übrigen. Ich habe es zuerst nicht glauben wollen; der Elefant ist doch ein überaus scheues Tier, das die Nähe des Menschen unter allen Umständen meidet; da berichten uns die Eingeborenen, daß die hiesigen Vertreter der Spezies Elephas ein wenig anders geartet seien als ihre Brüder anderswo; erst vor wenigen Tagen habe ein solches Untier einen friedlich des Weges wandelnden Mgoni ganz ungereizt ergriffen und in die Höhe geworfen. Auch wenn ich mir den derben Palisadenbau betrachte, der so manche dieser hohen Bauten umgibt, so muß ich mir sagen: so ganz unrecht scheinen die pembefürchtenden Helden hier doch nicht zu haben. In jedem Fall hat mir die Entdeckung dieses Pfahlbautenstrichs hier dicht unter der Küste eine fast ebenso große Freude bereitet wie mein glückliches Erfassen der alten Stammesaufteilung im kühlen Newala.
Ja, diese Kühle! Wenn wir doch nur einen winzigen Teil von ihr hier unten in dieser Höllenglut hätten. Im Zelt bei Tage auch nur minutenlang zu verweilen, ist schier unmöglich; dort steigt das Thermometer hoch in die 40°, doch auch unter unserer Banda, dem schnell errichteten derben Strohdach, sitzen und schwitzen wir bei 36 und 37°. Dabei fehlt der sonst so gefürchtete Abendwind hier ganz; an seine Stelle ist, so scheint es, eine Legion von Moskitos getreten, gegen die man sich nur durch schleuniges Verkriechen hinter dem Bettnetz schon kurz nach Sonnenuntergang zu schützen vermag.
„Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?“ habe ich soeben den unermüdlichen Knudsen gefragt. „Ich meine, haben Sie sonst noch etwas ethnographisch Merkwürdigesin petto?“ füge ich hinzu, als der total Erschöpfte mich nicht sogleich begreift.
„Nicht daß ich wüßte“, ist die Antwort.
„Gut, dann werden wir noch heute marschieren, zunächst wieder bis zur Barasa von Nchichira, morgen früh aber um ¾5 von Nchichira nach Mahuta.“
„Machen wir“, sagt Herr Knudsen und trollt sich in sein Zelt, um den total durchnäßten Khakirock gegen eine bessere Garnitur einzutauschen.