Vierzehntes Kapitel.In voller Ernte.

Unser Lager in Newala.Vierzehntes Kapitel.In voller Ernte.

Unser Lager in Newala.

Unser Lager in Newala.

Newala, gegen Ende September 1906.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum. Dank dem braven Sefu, oder richtiger wohl, weil es die Zeitumstände so mit sich gebracht, habe ich zunächst den goldenen Baum der frohen Feste genossen und gerate seitdem immer rettungsloser in den Bann der grauen Theorie hinein, das Studium des Unyagoverlaufs für beide Geschlechter in seinem ganzen Umfange. Wie schwer wird mir gerade diese Arbeit gemacht! Mit dem Knaben-Unyago bin ich allmählich ins reine gekommen, wenngleich auch die Festlegung seiner Regeln unendliche Mühe verursacht hat; aber die andere Seite des Problems erscheint mir geradezu als verhext, so viel Schwierigkeiten und Widerstände türmen sich seiner Lösung entgegen. So etwas könnte unter andern Umständen schließlich auch den geduldigsten Forscher zur Verzweiflung bringen, doch dazu ist hier auf dem Makondeplateau erfreulicherweise gar keine Zeit, denn zu jener Frage gesellen sich hundert andere, die nicht minder interessant und wichtigsind und demgemäß mit ebenderselben Dringlichkeit der Beantwortung harren.

Der Verfasser im newalenier Winterkostüm.

Der Verfasser im newalenier Winterkostüm.

Doch ich sehe ein, ich muß die Darstellung meiner Forschungsarbeit und ihrer hauptsächlichsten Ergebnisse höflicherweise hübsch systematisch aufbauen, damit sie genießbar werde.

Im Grunde genommen stellt schon das ganze Milieu von Newala eine Art Widerstand gegen jede intensive Forschungsarbeit dar. Nicht daß wir hier oben, zirka 750 Meter über dem Meer, so von der Hitze litten wie in dem allmählich zu einem Backofen gewordenen Tieflande; die 26½ bis 27 GradC, die das Schleuderthermometer in den ersten Nachmittagsstunden in unserer Barasa zeigt, verursachen uns zwar genau dieselben schrecklichen Kopfschmerzen wie die 30 und mehr Grad in der Ebene, aber einmal gewöhnt man sich doch auch an diese Hitzeserien-Temperatur, andererseits werden die heißen Stunden des Tages von den Negern ganz allgemein verschlafen und sind also auch für mich nicht übermäßig kostbar. Viel schmerzlicher dagegen ist der Zeitverlust, den ich durch die Häufung einer ganzen langen Reihevon anderen Umständen erleide; dem Fernstehenden mögen sie zum Teil fast drollig erscheinen; auch uns beiden Europäern geben sie hin und wieder Anlaß zur Fröhlichkeit, doch ein Hindernis bilden sie gleichwohl.

Da ist zunächst der tägliche Temperaturgang; in rascher Folge tropft es schwer auf das Zeltdach hernieder, unter dem der Weiße, warm und mollig in zwei vortreffliche Kamelhaardecken gehüllt, in den grauenden Morgen hineinschlummert. Es regnet, denkt er im Halbschlaf und dämmert weiter. Doch das Schicksal ist wider ihn: ein Ächzen und Stöhnen erhebt sich, daß er alsbald verstört auffährt. Schon hat er die Ursache erkannt: die Zeltstricke sind so straff angespannt, daß die eschenen Tragstangen sich fast halbkreisförmig biegen. „O, der verflixte Posten!“ Mit beiden Beinen fahre ich unter dem Moskitonetz hindurch und rufe den pflichtvergessenen Krieger herbei, zur Strafe auch die beiden andern Nummern. Nicht ohne Anstrengung gelingt das Werk des Strickeverlängerns. Dabei ist es auch schon hell geworden, so daß ein Weiterschlafen nicht mehr lohnt. Nun kommt der schönste Augenblick des Tages: die Morgenwäsche; jetzt, 6 Uhr, sind es eben 14 bis 14½°; das ist für Afrika eine arktische Temperatur; die lange Reihe der alaunisierten Kalebassen enthält denn auch ein Wasser, das mir eiskalt vorkommt. Wahrhaft köstlich ist in ihm das Bad oder die Abreibung, zu der ich jetzt schreite. Kibwana ist Kammerdiener; er hat sich an die weiße Farbe längst gewöhnt, aber die Glotzaugen der schwarzen Männlein und Fräulein, die durch den Zaun des Akidengehöfts oder durch die Lücken in der Palisadenwand der Boma auf dieses Morgenschauspiel gucken, sind verwundert genug. Von Regen übrigens keine Spur; es ist der Morgentau, der von den dichtbelaubten Mangobäumen, unter denen wir unsere Zelte aufgebaut haben, überreichlich herabtropft. Auch von der Sonne ist nichts zu sehen; ein schwerer Nebel wallt über Newala hin; nicht einmal die hohen Grabbäume draußen am Tor sind in diesem weißen, wogenden Meere zu erkennen. Instinktiv legen Knudsen und ich die schon frühergeschilderte Winterkleidung an; ich füge sogar noch ein Halstuch in Gestalt eines zusammengefalteten Taschentuchs hinzu. Nils Knudsen aber schließt seinen Wikingerrock sorgsam bis an das blonde Kinn.

Dabei ist es gegen 6½ Uhr geworden; arbeitsfreudig verlasse ich das Zelt genau in dem Augenblick, als meine Krieger zum täglichen Dienst antreten. Diesen habe ich schon in Massassi eingeführt; um nicht ganz zu verbummeln, müssen die Soldaten täglich zwei Stunden stramm exerzieren. „Antreten! Stillgestanden, richt euch! Augen geradeaus!“ Meldend tritt Hemedi Maranga an mich heran. Der stramme Bursche hat der Gesellschaft in kurzer Zeit einen ganz andern Zug beigebracht; er ist ein geborener Krieger, während sein Vorgänger Saleh wohl mehr für die Jagd geeignet erscheint. Ihn hat das Bezirksamt in das mittlere Lukuledital beordert, damit er dessen unglückliche Bewohner endlich von jener Löwenplage befreie, die nach unserm Durchmarsch im Juli schon wieder zahlreiche Menschenleben gefordert hat. Möge ihm sein gefährliches Werk vollauf gelingen!

Während ich mich mit meinem Frühstück vergnüge — dick eingekochtem Kakao, dazu den obligaten dicken Eierkuchen mit eingebackenen Bananen —, ist der Gefreite mit seiner Truppe ins Gelände gezogen, um den Buschkrieg zu üben oder die Kompagnieschule zu exerzieren. „Legt an! Feuer! Geladen!“ Klar und schneidig wie die Kehle des besten deutschen Unteroffiziers tönt das aus Negermund immerhin befremdliche Kommando von weither zu mir herüber. Doch ich habe nicht Muße, auf diesen Heimatgruß zu achten, denn schon sind meine Gelehrten langsam und mit der Würde des alten Negers herangetreten. Wir haben gestern verabredet, daß sie um 7 Uhr hier sein sollen.

„Ja, aber haben denn die alten Herren eine richtig gehende Uhr, Herr Professor, oder wie bringen Sie ihnen den Termin sonst bei?“

Freilich haben die Männer eine Uhr, eine für afrikanische Verhältnisse sehr genaue sogar; nach ihr richten wir uns hier alle. Biszum Umfallen ermüdet, haben Weiße und Schwarze gestern gegen Sonnenuntergang ihre Arbeiten unterbrochen.

Zwei Gelehrte von Newala.

Zwei Gelehrte von Newala.

„Ihr kommt morgen früh wieder“, lasse ich durch Sefu den fünfzehn Greisen in Kimakua und Kimakonde verdolmetschen, „saa“, und dabei strecke ich meinen Arm nach Osten und im Winkel von 15 Grad über den Horizont. Aufmerksam schauen die Männer her. „Habt ihr es verstanden?“ lasse ich zur Vorsicht fragen; einheitlich heben sie alle den Arm und halten ihn ebenfalls einen Augenblick in jenem Winkel über die Horizontale erhoben. 15 Grad, das ist eine Stunde nach Sonnenaufgang, also 7 Uhr; will ich die Männer später haben, so vergrößere ich den Winkel entsprechend. Das ist Landesbrauch hier, keine Erfindung von mir; die Leute verstehen es, den Sonnenort bis auf minimale Zeitdifferenzen genau anzugeben.

Ein paar Stunden sind bei Frage- und Antwortspiel über dies oder jenes Gebiet der heimischen Volkskunde rasch dahingeflogen; nochimmer kauern die alten Herren im Halbkreis um mich herum auf einer riesenhaften Matte. Am ersten Tage unserer gemeinsamen Arbeit hat einer von ihnen seinen natürlichen Gefühlen freien Lauf gelassen und mit großer Virtuosität einen langen Strahl braunen Tabaksaftes nach Seemannsart durch die Zähne gerade vor meine Füße lanciert. „Schensi, du Bauer!“ habe ich daraufhin halb unwillkürlich den Unbeleckten angeknurrt. Seitdem habe ich keine Veranlassung wieder gehabt, auch nur den geringsten Verstoß gegen die guten Sitten rügen zu müssen. Zwar die Leute riechen; sie duften nach Schweiß, ranzigem Öl und wer weiß wonach sonst noch, so daß mir im Laufe der Stunden immer übler wird; sie haben immer eine ganze Wolke von Fliegen mitgebracht, die sich aufs eifrigste bemühen, die Augenleiden ihrer schwarzen Herren auf den weißen Fremdling zu übertragen; aber sonst: alle Achtung! Die Beobachtung, die ich bisher überall gemacht habe, daß diesen Wilden ein starkes natürliches Taktgefühl eigen ist, bestätigt sich auch hier wieder. Damit vergleiche man einmal das Benehmen gewisser Volkskreise und Volksschichten bei uns daheim, die wir doch alle Kultur, alle Zivilisation und allen Takt gepachtet haben wollen. Nein, wir Weißen sind doch keine besseren Menschen!

Aber heiß ist der Schuppen allmählich geworden; das nordische Gewand ist nicht mehr am Platze. Also Metamorphose: die schweren Tippelskirchstiefel herunter und auch die dicken, wollenen Strümpfe; desgleichen das derbe Wollhemd, Weste und Halstuch; an ihre Stelle treten jetzt durchweg durchlässige, dünne Tropensachen. Um Mittag fliegt auch der Khakirock in die Ecke; ihn vertritt jetzt ein dünnes Lüsterjäckchen. Damit ist der Negativprozeß vollendet; gegen Abend fängt der andere wieder an. Mit einer scharfen, eisigen Bö hat der gefürchtete Abendwind Newalas eingesetzt — mit einem kräftigen gleichzeitigen Nieser haben Knudsen und ich die fröhliche Fortdauer unseres chronischen Katarrhs, der nur bei Tage latent ist, festgestellt. Jetzt hilft es nichts, stückweise müssen wir wieder den ganzen Winterkram an unsere jetzt ach so mageren Leiber schmiegen.Instinktiv tun wir gleich noch ein übriges und legen auch noch die berühmten Überzieher an, wenn der nunmehr mit voller Wucht einsetzende Sturm wahre Wolken von Schmutz und Staub durch unseren Wohnraum wirbelt. Diesen haben wir im Laufe der Wochen immer mehr zubauen müssen; die ursprünglich an der offenen Seite aufgespannten Matten sind längst durch eine solide Strohwand ersetzt worden; sie hat ein Fach nach dem andern ergriffen, so daß jetzt, am Ende des Monats, tatsächlich nur noch ein einziges großes „Fenster“ dem Licht Eingang gewährt. Abends binden dann meine Träger mein großes Segeltuch vor diese Öffnung, doch auch selbst die damit vollständig gewordene Abdeckung der Windseite macht den Raum nicht wohnlich; wenn ich um 10 oder 10½ Uhr abends vom Entwickeln und Umlegen meiner photographischen Platten schweißgebadet aus dem als Dunkelkammer dienenden Zelt in die Barasa komme, finde ich meinen nordischen Freund als ein dickes, unförmiges Bündel vor; er hat sich in alle verfügbaren Decken gewickelt, klappert aber trotzdem vor Frost. Schnell kriecht dann jeder in sein warmes Zelt. Warm sind diese übrigens auch erst, nachdem wir vor ihnen, quer gegen den Wind, eine mit dicken Balken abgesteifte Hirsestrohwand aufgebaut haben; vorher drohte der Wind die Zelte allnächtlich einfach niederzudrücken. Dies sind die täglichen Sorgen um Kleidung und Unterkunft; sie sind nicht groß, nehmen aber immerhin einen gewissen Bruchteil meiner kostbaren Zeit vorweg. Durch die Sorge um unseres Leibes Nahrung und Notdurft wird dieser Bruchteil leider noch wesentlich vergrößert.

Es ist nächst dem Busch die größte Eigentümlichkeit des Makondeplateaus, daß es auf seiner Oberfläche quellen- und wasserlos ist; sein Boden besteht bis tief hinein in den Schoß der Erde aus lockerem Gefüge: sandigen Lehmen und lehmigen Sanden. Im Westen gehören diese Schichten der oberen Kreide an; man nennt sie Makondeschichten; im Osten sind sie tertiär, man nennt sie Mikindanischichten; beiden gemeinsam aber ist die hervorragende Wasserdurchlässigkeit.Diese bringt es mit sich, daß alle Niederschläge, sofern sie nicht von dem reichlichen Pflanzenwuchs festgehalten werden oder verdunsten, schnell in die Tiefe sinken, bis dahin, wo undurchlässige Schichten, flachgeneigte Newalasandsteine oder uralte Granitkerne ganz von der Art der Inselberge draußen in der Ebene, die wir auch im Schoß des Makondeplateaus vermuten müssen, ihnen ein Halt gebieten. Auf diesen Schichten sickern dann die Wässer abwärts, sie treten naturgemäß erst am Rande des Plateaus zutage und machen diesen Rand im Gegensatz zu dem quellenlosen Plateau selbst zu einem an Quellen und Bächen überreichen Gelände.

Stelzentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi.⇒GRÖSSERES BILD

Stelzentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi.⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Demnach wird also das Plateau selbst unbewohnt sein, alles Volk aber wird sich an seinem Rand angesiedelt haben? Das ist der Gedankengang, den wir siedelungstechnisch rationell denkenden Europäer entwickeln werden. Tatsächlich wohnt nicht ein Mensch unten, oben aber wohnen mehr als 80000 Makonde, fast 5000 Wangoni, Tausende von Wayao und Makua, und eine mir nicht bekannte Anzahl von Matambwe. Neuerdings besteht allerdings die Tendenz, mehr und mehr in die wasserreichere Niederung hinunterzusteigen; das ist die Folge des Aufhörens der Mafiti-Einfälle und der Ausfluß unserer deutschen Kolonialpolitik, deren feste Hand auch die Neger längst fühlen. Diese Tendenz erstreckt sich indessen nur auf die fortschrittlicheren Elemente, die Yao und Makua; die Makonde bleiben davon unberührt; bei ihnen ist es noch heute wie seit unvordenklicher Zeit: kaum ist in Haus und Feld die unumgänglich notwendige Arbeit getan, dann nimmt auch schon Vater und Sohn, oder auch Mutter und Tochter die 1½ bis 2 Meter lange Stange auf die Schulter, an der vorn und hinten je ein oder wohl auch je zwei große Flaschenkürbisse befestigt sind. Mit merkbarer Eile schreiten sie dahin, dem Plateaurand zu, von dem ihr Weiler unangenehm weit abliegt; ein steiler Abstieg auf schlechtem Pfad, ein kurzes Verweilen in sumpfiger Niederung, ein mühseliger, beschwerlicher Aufstieg Hunderte von Metern steil in die Höhe. Endlich haben siees geschafft, hoch aufatmend gehen, ja traben sie fast ihrem Dörfchen zu. Die Makonde stehen im Ruf — auch ich habe ihn, trotzdem ich noch nicht einmal im Zentrum ihrer Verbreitung weile, bereits bestätigt gefunden —, daß sie den größten Teil ihres Lebens dem Feldbau widmen; der zweitgrößte Teil entfällt ganz ohne Frage auf die nach unseren Begriffen törichte Zeitverschwendung des weiten Wasserweges. Wenn die Hälfte der Familienmitglieder täglich je zweimal zwei Stunden oder noch mehr vertrödelt, um gerade so viel Wasser herbeizuschleppen, in schwerster Arbeit sogar, nur um sein bißchen Ugali herrichten und einen trüben Trunk tun zu können, so ist das ökonomisch ein Widersinn.

Wasserschöpfende Makondefrauen.Nach einer Zeichnung des Pesa mbili (s.S. 453).

Wasserschöpfende Makondefrauen.Nach einer Zeichnung des Pesa mbili (s.S. 453).

Auch Newala leidet unter dieser Wasserferne, wenigstens das heutige Newala; ein früheres Newala hat unten am Fuße des Plateaus in einem wunderschönen Tale gelegen. Ich habe es besucht; von Häusern kaum noch eine Spur; nur ein christlicher Friedhof mit den Gräbern mehrerer englischer Missionare und im christlichen Glauben gestorbener Neger zeugen noch von der alten Herrlichkeit. Aber in welch wundervoller Umrahmung! Ein dichtgeschlossener Hain prächtigster Mangobäume rings um die verwaschenen Kreuze und Steine; hinter ihnen, das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigend, eine ganze Plantage in voller Reife prangender Zitronenbäume. Es ist nicht die kleine afrikanische Frucht, die dem Durchreisenden heute mühelos in den Schoß fällt, sondern eine viel größere und auch viel saftreichere fremde Varietät. Alt-Newala untersteht heute der Jurisdiktion des schwarzen Pastors Daudi von Chingulungulu; mit ihm bin ich gut Freund, daher ist es selbstverständlich, daß er mirfür die Dauer meines Aufenthaltes in Newala den Nießbrauch dieses Zitronenhains überläßt.

Der Wasserweg von Neu-Newala bis in die 500 Meter tiefer gelegene Talsohle hinunter ist nicht nur weit und beschwerlich, sondern das Wasser, welches Knudsen und ich geliefert bekommen, ist auch schlecht, grundschlecht. Dazu kommt, daß Newala zu vornehm und üppig eingerichtet ist; es hat nicht nur ein Klosett ganz im Küstenstil, sondern auch eine besondere Kochhütte. Sie liegt rechtsab von unserer Barasa an der Bomawand; ihr Inneres ist von uns aus nicht zu übersehen. Das haben die Köche natürlich sofort herausgefunden und tun, oder vielmehr lassen, was sie wollen. In jedem Fall scheinen sie es mit dem Abkochen unseres Trinkwassers recht wenig genau zu nehmen; ich wenigstens kann die dysenterieartigen Anfälle, an denen Knudsen und ich schon seit längerer Zeit leiden, lediglich auf die Pflichtvergessenheit unserer beiden Küchenchefs zurückführen. Kann man so einen Menschen nicht dauernd kontrollieren, so ist er zu allem fähig. Zu dieser Darmstörung kommen noch die Unannehmlichkeiten glasharter Nägel an Fingern und Zehen, die bei jeder derben Berührung Sprünge bekommen; bei mir auch noch Pickeln überall.

Sandflohverheerungen am menschlichen Fuß.

Sandflohverheerungen am menschlichen Fuß.

Seit einer Woche führen wir obendrein den Kampf gegen den Sandfloh, der in dem warmen Sande des Makondeplateaus sein Dorado gefunden hat. Unsere Leute sieht man den ganzen Tag, soweit ihnen ihre Dauerkatarrhe und die auch bei ihnen stark grassierende Dysenterie dazu Zeit lassen, mit ihren unteren Extremitäten beschäftigt, um diese Geißel Afrikas abzuwehren und ihren verheerenden Wirkungen vorzubeugen. Daß den hiesigen Eingeborenen als Folge dieser Sandflohplage eine oder ein paar Zehen fehlen, ist etwas Häufiges; vielen fehlen alle Zehen, ja selbst der ganze Vorderfuß, so daß das Bein in einen unförmigen Stumpf als den letzten Rest des ehemals so wohlgeformten Beines endigt. Diese Zerstörungen werden bekanntlich durch das Weibchen des Sandflohes hervorgebracht, das sich unter die Haut einbohrt und dort einen biserbsengroßen Eiersack entwickelt. In allen Büchern steht zu lesen, daß man auf das Vorhandensein eines solchen Schmarotzers durch ein unerträgliches Jucken aufmerksam gemacht werde; nach meinen Erfahrungen stimmt das sehr wohl, soweit die zarteren Teile der Fußsohle, die Partien zwischen und unter den Zehen und die innere Fußseite in Frage kommen; bohrt sich das Tier indessen durch die härteren Teile des Ballens oder der Ferse hindurch, so kann es selbst dem aufmerksamsten Beobachter passieren, daß er das Tier erst im höchsten Reifestadium entdeckt. Dann ist es aber allerhöchste Zeit, es vorsichtig herauszuheben, um ähnlichen Verwüstungen, wie man sie hier täglich zu Dutzenden sieht, vorzubeugen. Beim Europäer mit seiner weißen Haut ist das Auffinden des Sandflohes übrigens weit leichter, als es den Schwarzen gemacht wird, von deren Haut sich der dunkle Punkt kaum abhebt. Die vier oder fünf Sandflöhe, die mich trotz steten Tragens hoher, geschlossener Schnürschuhe bisher zu ihrem Sitz auserkoren haben, hat mir der vielgewandte Knudsen herausgehoben; ein Auswaschen der Höhlung mit Sublimat erscheint mir dabei immer ganz angebracht. Die Neger haben ein anderes Desinficiens, sie füllen die Öffnungen mit Wurzelgeschabsel; in einem winzigen Makuadorf am Steilabhang des Plateaus südlich von Newala sah ich eine Frau,die den Raum unter den Nägeln prophylaktisch mit Wurzelpulver ausstopfte. Ob es der Alten etwas nützen wird, wer weiß es.

Der Rest der vielen kleinen Hindernisse, die uns hier das Dasein erschweren, wirkt mehr komisch als ernsthaft. In Ermangelung von etwas anderem Rauchbaren greifen Knudsen und ich jetzt zu dem Inhalt einer vom Inder in Lindi bezogenen Zigarrenkiste. Diese ist sehr schön beklebt und aufgemacht, aber wehe dem Unglücklichen, der sich, wie wir, mit ihrem Inhalt befaßt! Ob diese schwelenden Giftnudeln Opium oder ein anderes Narkotikum enthalten, von uns beiden weiß es niemand zu sagen, denn nach dem zehnten Zuge sind wir beide „matt“; dreiviertel betäubt und hundeelend liegen dann Wiking und Deutscher in sich zusammengesunken da. Langsam erholt man sich — was geschieht? Nach einer halben Stunde greift man doch wieder zu dem scheußlichen Kraut; so unstillbar ist hier in den Tropen der Drang zum Rauchen!

Auch meine jetzigen Fieberanfälle sind kaum geeignet, noch ernst genommen zu werden. Ich habe ihrer hier in Newala nicht weniger als drei gehabt, aber alle mit unglaublich kurzem Verlauf. Emsig fragend, schreibend und notierend quäle ich mich mit meinen „Gelehrten“ herum, der starke Mittagskaffee hat die Lebensgeister mächtig angeregt; das Gehirn arbeitet außerordentlich intensiv, so daß die Arbeit rasch vorwärtsschreitet. Eine wohltuende Wärme durchrieselt den ganzen Körper, macht jedoch mit einem Male einem heftigen Kältegefühl Platz, das mich jetzt, beim wärmsten Sonnenschein, nachmittags 3½ Uhr, bereits zwingt, den Überzieher anzulegen. Jetzt arbeitet auch das Gehirn nicht mehr so scharf und logisch, besonders bei syntaktischen Feststellungen des schwierigen Imakuāni, der Sprache der Makua, an die ich mich zum Überfluß auch noch herangewagt habe. Da halte ich es denn doch allmählich für angezeigt, meine Temperatur zu messen, der Einfachheit halber gleich im Sitzen und ruhig weiterarbeitend; 38,6° ist das Ergebnis! Nun aber hinaus, meine Herren, heißt es im gleichen Augenblick! Wenige Minuten später steht mein Bett in der Barasa; unmittelbar darauf liege ich auch schondarin und beginne mich mit heißem Zitronenwasser innerlich zu behandeln. Drei Stunden später zeigt das Thermometer gegen 40°; ich lasse mich jetzt, beim Einsetzen des Abendwindes, mitsamt meinem Bett ins Zelt zurücktragen — würde ich meinen furchtbar schwitzenden Körper der eisigen Abendtemperatur aussetzen, so könnte das meinen Tod bedeuten —, liege dort noch eine kleine Weile und finde dann zu meiner Beruhigung, daß das Fieber nicht mehr steigt, sondern anfängt zurückzugehen. Das ist ungefähr 7½ Uhr; als ich kurz nach 8 Uhr noch einmal messe, ist die Kurve zu meinem maßlosen Erstaunen auf unter 37° heruntergegangen; mir ist absolut wohl; ich lese noch ein paar Stunden und könnte sehr wohl rauchen, wenn ich etwas Ordentliches hätte. Aber Inderzigarren? Pfui Teufel!

Wie ist so etwas denkbar? muß ich mich selbst als Laie fragen. Das kann doch unmöglich Malaria sein; näher liegt die Vermutung, daß diese rasch verlaufenden, hohen Fieberanfälle die Folge einer zu intensiven Sonnenbestrahlung sind, eine Art Insolationsfieber oder Sonnenstich. Wenn ich mein Fiebernotizbuch nachsehe, wird mir dies immer wahrscheinlicher, denn regelmäßig treten diese Anfälle im Anschluß an größere Strapazen und langen Aufenthalt in praller Sonne ein. Für mich haben diese kurzen Unpäßlichkeiten wenigstens das Gute, daß sie mich nur stundenweise von der Arbeit abhalten, denn am nächsten Morgen bin ich regelmäßig wieder vollkommen frisch und gesund.

Nicht so gut geht es leider meiner Perle von Koch und dem Knaben Moritz; jener leidet an einer ungeheuren Hydrozele, die ihm kaum erlaubt aufzustehen, Moritz aber hat Dunkelarrest wegen seiner entzündeten Augen. Leider versteht Knudsens Koch, ein bis vor wenig Wochen gänzlich unbeleckter Wilder von irgendwo aus dem Busch, noch weniger als mein Omari. Folge: Nils Knudsen ist selbst zum Koch avanciert. Er hat diese seine neue Tätigkeit sogleich mit einer großen Tat begonnen; da wir nichts Ordentliches mehr zu essen haben, hat er die vier von Matola erstandenen Ferkel, hübsch säuberlich in einen großen Tragkorb gepackt, von Chingulunguluheraufholen lassen und kaltblütig das größte von ihnen gemordet. Den ersten Schweinebraten haben wir leichtsinnigerweise doch Knudsens wildem Koch anvertraut; er war infolgedessen ungenießbar; den Rest des Tieres haben dann wir zu einem Gelee verarbeitet, das uns nach den langen Wochen der Unterernährung herrlich mundet und von dem wir mittags und abends geradezu fabelhafte Portionen vertilgen. Wenn nur nicht die ewigen Teltower Rübchen dabei wären! O du gesegnete Stadt auf märkischem Sande, wer hätte je geahnt, daß du so nachhaltig in die Ernährung eines stillen, deutschen Gelehrten eingreifen würdest! Dieser boshafteDr.Jaeger! Er war ein Mann von Zeit und Muße; ihm halste daher die Landeskundliche Kommission die Besorgung aller Nahrungsmittel für seine und meine Expedition auf. Feierlich überweist mir eines schönen Tages in Daressalam der mit der Verpackung dieser Sachen betraute Handlungsbeflissene meinen Anteil. Seitdem leide ich unter einer ständigen Rübenfurcht; ich habe das Gericht an sich ganz gern, aber nur einmal im Jahre, ungern häufiger. Doch wie ergeht es mir hier? Ich trete an die Kiste heran, die gerade leergegessen werden muß; der Deckel fliegt hoch; ein Griff hinein, eine Konservenbüchse kommt zum Vorschein; ein Blick auf die Etikette: Teltower Rübchen. Puh! Die Dose verschwindet; ein zweiter Griff; dasselbe Ergebnis; ein dritter, nichts anderes. Nach langem Suchen erst kommt dann ein anderes Gemüse zutage; oder auch nicht, denn diese anderen sind allmählich zu Ende gegangen, nur die Teltower sind geblieben! „Denn helpt dat nich“, sage ich mit Fritz Reuter; aber zehn Jahre lang esse ich zu Hause keine Teltower mehr!

Bei all diesem kleinen Leid, das aber nun einmal dazu gehört, um Afrika schmackhaft zu machen, gibt es wenigstenseinerfreuliches Moment: Nils Knudsen hat mit der Geschicklichkeit eines Feinmechanikers meinen 9 × 12-Apparat wieder in Ordnung gebracht oder ihn doch wenigstens so weit wieder hergestellt, daß ich ihn mit einiger List gebrauchen kann. Wie der Mann ohne Fingernägelmit dieser kniffligen Arbeit hat fertig werden können, bei der er den ungemein komplizierten Momentverschluß nur mit Hilfe eines plumpen Schraubenziehers auseinandernehmen und wieder zusammensetzen mußte, ist mir noch heute schleierhaft, aber er hat es geschafft. Der Mangel an Fingernägeln hingegen zeigt den guten Nils von einer Seite, die mit seiner bei der Apparatreparatur bewiesenen Intelligenz merkwürdig kontrastiert, die andererseits allerdings auch aufs innigste mit seinem zehnjährigen Hinterwäldlertum zusammenhängt. Wäscht er da eines Tages in Lindi irgendeinen Köter. Dieser muß wohl eines schärferen Reinigungsmittels bedürftig gewesen sein, denn Nils hat ein Gefäß mitbekommen, dessen Inhalt stark und kräftig riecht. Gewissenhaft nimmt unser Freund die Reinigung vor, wundert sich ein wenig, daß sie dem Hunde sehr schlecht bekommt, ist dann aber sehr erstaunt darüber, daß ihm seine eigenen zehn Fingernägel im Laufe weniger Tage wegeitern. „Wie kann ich aber auch wissen, daß man Karbolineum verdünnen muß“, knurrt er oftmals noch jetzt entrüstet, wenn er seine schrecklich zugerichteten Fingerenden sorgenvoll mustert!

Weit und breit haben wir die Umgegend durchschweift, seitdem wir in Newala hausen; zunächst alter Gewohnheit gemäß, sodann aber, weil der Akide Sefu mit der Zusammenstellung seines Gelehrtenkollegiums durchaus nicht so rasch fertig geworden ist, wie er sich zuerst anheischig gemacht hatte. Aber das schadet weiter nicht, denn auch bloß von außen gesehen, sind Land und Leute interessant genug.

Das Makondeplateau gleicht einer großen, rechtwinkligen, an den Ecken abgerundeten Tafel; es ist, vom Indischen Ozean bis Newala gemessen, etwa 120 Kilometer lang und im Mittel zwischen dem Lukuledi und dem Rovuma gegen 80 Kilometer breit; es umfaßt also gegen zwei Drittel der Fläche des Königreichs Sachsen. Nun ist diese Fläche nicht horizontal, sondern von ihrem Südwestrande flach, aber ganz gleichmäßig gegen den Ozean hin geneigt. Von der Schwelle, auf der Newala liegt, kann man viele Meilen über den Makondebusch nach Osten und Nordosten schauen, ohne einem Hindernis zu begegnen;es ist ein grünes Meer, aus dem nur hie und da dichte Rauchwolken in langer Erstreckung emporwirbeln und -wallen, zum Zeichen dafür, daß auch hier Menschen wohnen und daß sie ihre Feldkultur ganz nach der Weise so vieler anderer Naturvölker vorwaltend auf die Verbrennung des niedergeschlagenen Holzbestandes gründen. Dessen Asche ist zugleich die einzige Düngung. Selbst am strahlend hellen Tropentag ist so ein Brand ein großartiges Schauspiel.

Ungleich weniger wirkungsvoll ist der Eindruck, den gegenwärtig die große Ebene vom Plateaurand aus erweckt. Sooft es mir meine Zeit gestattet, unternehme ich den kleinen Ausflug an diesen Rand, bald hierhin, bald dahin, stets in der stillen Hoffnung, endlich einmal eine klare Luft mit weiter Aussicht vorzufinden; immer aber vergebens: wohin man dort unten schaut, allerorten steigen Rauchwolken hoch, der lebhafteste Beweis für die unausgesetzte Tätigkeit des Waldbrennens; rauchig und dunstig ist auch die ganze Luft. Schade drum, das Panorama von hier bis weit hinten an die Madjedjeberge muß unter günstigeren Umständen wirklich großartig sein. Jetzt haben photographische Aufnahmen eigentlich kaum einen Zweck, die Profilzeichnung aber gibt nur einen sehr schwachen Begriff der ganzen Szenerie.

Bei einem dieser Ausflüge habe ich mich absichtlich selbst einmal am Makondebusch versucht. Der Plateaurand von heute ist das Ergebnis einer ungeheuer tiefgreifenden Zerstörung durch Erosion und Abrutschung; überall greifen kurze, aber Hunderte von Metern tiefe Täler in die Makondeschichten ein. Eine Folge des lockeren Gefüges dieser Formation ist es, daß nicht nur die Seitenwände dieser Täler fast senkrecht abstürzen, sondern daß die Täler auch mit einer ebenso steilen Rückwand enden; dergestalt ist der Westrand des Makondeplateaus von lauter Talkesseln umsäumt. Um von einer Seite eines solchen Kessels auf die andere zu gelangen, habe ich mich eines Tages mit einem Dutzend meiner Leute durch den Busch geschlagen. Es war eine sehr lichte Stelle, mit mehr Gras als Buschwuchs; aber welche Mühe hat dieser Weg von ein paar hundert Metern gekostet,und wie sahen wir alle nachher aus! Die dünnen Kattunstoffe meiner Leute in Fetzen, sie selbst aus hundert kleinen Wunden blutend; sogar unsere derben Khakistoffe hatten den Dornen dieser Vegetationsformation nicht standgehalten.

Negerpfad im Makondebusch. Gegend von Mahuta.

Negerpfad im Makondebusch. Gegend von Mahuta.

Meine seit langem gehegte Ansicht über die Entstehung dieses Makondebusches hat sich immer mehr befestigt: er ist ohne Zweifel kein Naturprodukt, sondern erst die Folge der menschlichen Kultur. Wohin der Mensch hier oben auf dem Hochland noch nicht mit Hacke und Axt gedrungen ist — ein halbwegs geübtes Auge sieht dies ohne weiteres —, da steht auch heute noch ein wirklicher, wunderschöner Hochwald, der den Vergleich mit unserem deutschen Mischwald sehr wohl aufzunehmen vermag. Wo der Mensch aber jemals seine Hütte gebaut und sein Feld beackert hat, da entsteht hinterher dieser gräßliche Busch. Geht man auch nur ein paar Stunden irgendwo auf dem Hochland die Barrabarra entlang, so hat man vollauf Gelegenheit, diese Metamorphose in jeder Phase ihrer Entwicklung zu verfolgen. Seitwärts tönt hallender Axthieb herüber, nicht bloß von einer Stelle,sondern über einen ganzen Komplex verteilt. Wenige Schritte weiter sieht der Wanderer, was vorgeht; wohl meterhoch und höher liegt das niedergeschlagene Unterholz geschichtet; zwischen ihm aber ragen als letzte Säulen alter Pracht die Stämme des Hochwaldes. Doch auch sie gewähren ein Bild des Jammers; der böse Makonde hat sie geringelt, d. h. er hat sie ringsherum in breitem Bande der Rinde beraubt, so daß sie dem Absterben verfallen sind; zudem hat er noch eine Reisigpyramide um sie aufgebaut. Unverdrossen hacken Vater und Sohn, Mutter und Schwiegersohn im Hintergrunde weiter; kaum daß das sonst so neugierige Volk nach dem weißen Fremdling aufschaut. Und kommt dieser Fremdling eine Woche später desselben Weges gezogen, verschwunden ist das Reisig, verschwunden sind die Pyramiden; eine dicke Aschenschicht lagert, wo vor kurzem noch grünender Wald sich breitete. Die starken Bäume aber recken ihre noch immer glimmenden, schwelenden Stämme und Äste in stummer Anklage zum Himmel, oder aber sie sind bereits niedergebrochen, mehr oder minder zu Asche verglüht und zeichnen sich dann als weißer Streifen auf dunklem Grunde ab.

Das ist der Zerstörungsprozeß, den der Makonde in gleicher Weise am jungfräulichen Urwalde wie auch an den Stellen seines Heimatlandes vornimmt, wo er vor Jahren schon einmal geackert hat, nur daß er im letztern Fall des Verbrennens der großen Bäume überhoben ist. Diese gibt es in der sekundären Buschformation nicht mehr.

In das gebrannte und mit der Hacke gelockerte Stück Waldland sät der Eingeborene sein Getreide, pflanzt er sein Gemüse. Im ganzen Lande hat er Beetkultur. Diese erfordert eine sorgsame Pflege, die ihr der Neger auch zuteil werden läßt; Unkraut wird im Süden Deutsch-Ostafrikas nicht geduldet. Mißernten kommen wohl im trockneren Tiefland vor, auf dem niederschlagreicheren, allmorgendlich taufeuchten Hochland sind sie ganz unbekannt. Dessen glückliche Bewohner sind sogar in der angenehmen Lage, die sonst so stolzen Yao und Makua von unten bei sich als Diener und Knechte zu sehen. Hungertut weh, und so ziehen es die Angehörigen jener beiden Völkerschaften vor, einmal eine Zeitlang da den Diener zu spielen, wo sie sonst zu herrschen gewohnt sind.

Jedoch der leichte sandige Boden ist bald erschöpft, er würde bei einer nochmaligen Bestellung keine Ernte mehr ergeben. Dies weiß der Eingeborene seit Jahrtausenden; längst hat er vorgearbeitet und den Komplex nebenan mit Axt und Feuerbrand urbar gemacht. Auf ihn siedelt er nunmehr mit seinen mannigfachen Kulturen über; das alte Feld wird zur Brache. Doch nur ganz kurze Zeit liegt es wüst und greulich anzusehen da, dann kommt Allmutter Natur und nimmt ihr mißhandeltes Kind liebevoll in ihre Obhut; tausendfältig sprießt es allerorten aus dem ausgesogenen Boden hervor, selbst die alten Baumstrünke schlagen von neuem aus. Im nächsten Jahr ist der Neuwuchs bereits mehr als kniehoch; rasch wuchert er in die Höhe; nach wenigen Jahren schon ist er jener undurchdringliche, schreckliche Busch, der erst wieder fällt, wenn der schwarze Herr des Landes seinen Turnus beendigt hat und an die alte Stelle zurückkehrt.

Mit diesem Busch sind die Makonde mit Leib und Seele verwachsen, ja nach meinen Yaogewährsleuten bedeutet sogar ihr Name nichts anderes als Buschvolk. Nach ihrer eigenen Tradition sitzen die Makonde zwar schon seit langen, langen Zeiten hier oben, aber zu meiner Überraschung legten sie doch eine sehr starke Betonung auf eine ursprüngliche Einwanderung. Diese sei von Südosten, von der Rovumamündung und von Mikindani her erfolgt; der Anlaß dazu sei die ewige Beunruhigung ihrer friedlichen Vorfahren durch die kriegerischen Schirasi der Küste und die fortgesetzten Raubzüge der Sakalaven von Madagaskar herüber gewesen; vor diesen hätten sich die Ur-Makonde auf das unzugängliche Plateau zurückgezogen. Ich bin in der Völkerkunde Afrikas auf Grund einer 20jährigen Beschäftigung mit ihr sehr wohl bewandert, aber daß Bevölkerungsvorgänge in diesem so friedlich und ruhig erscheinenden Erdteile sogar durch von außen kommende Hochsee-Unternehmungen bedingt und veranlaßt worden seien,war mir doch im ersten Augenblick etwas vollkommen Neues. Es wird indessen schon seine Richtigkeit haben. Warum jedoch die Makonde gerade im dicksten Busch und weit vom Plateaurand ab wohnen müssen, und warum sie nicht an die rieselnden Quellen der Niederung selbst zu dauerndem Wohnsitz herniedersteigen dürfen, das lehrt aufs klarste ihre wunderhübsche Stammessage. Auch noch manch anderes Lehrreiche steht darin.

„Die Geburtslandschaft des Stammes, mit Namen Mahuta, ist auf der Südseite des Plateaus zum Rovuma hin gelegen; dort aber stand nur dichter Busch. Aus diesem Busch hervor ging ein Mensch, der sich niemals wusch und schor, der nur wenig aß und trank. Der ging aus und machte ein Menschenbildnis aus dem Holze eines Savannenbaumes, nahm es mit sich in seine Buschwohnung und stellte es dort aufrecht hin. Während der Nacht erwachte das Bildnis zum Leben, und es war ein Weib. Daraufhin gingen sie zusammen hinunter zu den Wassern des Rovuma, um sich zu waschen. Hier gebar das Weib ein Kind, welches jedoch nicht lebend zur Welt kam. Sie verließen das Land und zogen über die Hochländer bis in das Tal des Mbemkuru, wo sie sich niederließen. Dort gebar das Weib abermals ein Kind, das wiederum tot zur Welt kam. Daraufhin kehrten sie in die hochgelegene Buschlandschaft Mahuta zurück, und dort wurde das dritte Kind geboren, welches nach der Geburt am Leben und gesund blieb. Mit der Zeit zeugten sie noch viele, viele Kinder und hießen sich Wamatanda. Diese bildeten die Stammfamilie der Makonde, auch Wamakonde genannt, d. h. Urbewohner. Der Stammvater, der Buschmensch, aber gab seinen Kindern das Gesetz, daß sie ihre Toten aufrecht begraben sollen zum Andenken an die erste Mutter, die aus Holz geschnitzt und aufrecht stehend zum Leben erwacht sei; ferner warnte er seine Kinder, in die Täler und an die großen Wässer zu ziehen, denn dort wohne die Krankheit und der Tod. Als Regel solle gelten, daß mindestens eine Stunde Weges sei von der Hütte bis zum Wasserplatze; dann würden ihre Kinder gedeihen und von Krankheiten verschont bleiben.“

Die Urmutter.Holzskulptur eines Makondekünstlers.

Die Urmutter.Holzskulptur eines Makondekünstlers.

Die Erklärung des Namens Makonde lautet bei meinen Gewährsleuten etwas anders als bei Pater Adams, dessen kleinem, aber inhaltreichem Büchlein: „Lindi und sein Hinterland“ ich diese Stammessage der Makonde entnehme. Aber sonst stimmt mein Befund genau mit dem sachlichen Inhalt dieser Stammessage überein. Waschen?Hapana, gibt es nicht. Wozu auch? Zudem ist das Wasser spärlich und reicht kaum zum Kochen und Trinken; von den anderen tut es ja auch keiner; warum soll also gerade ich so unangenehm auffallen? Scheren aber ist bei dem kurzen, krauswolligen Haarwuchs kaum vonnöten; also auch dieser Vorschrift des Urahnen ist leicht zu folgen. Damit aber hört das, was uns lächerlich dünkt, auf. Von einer Reihe hiesiger Künstler habe ich eine ziemlich große Anzahl stattlicher, 40 bis 60 Zentimeter hoher Holzskulpturen erworben, die allesamt Frauen aus der großen Völkergruppe der Mavia, Makonde und Wamatambwe darstellen; die Figuren sind merkwürdig gut gearbeitet und geben den Frauentypus vortrefflich wieder, vor allem auch die später noch zu schildernde Verschönerung des Körpers mit Ziernarben. Über Zweck und Bedeutung ihrer Werke befragt, wußten die Künstler nichts Plausibles anzugeben, oder aber, was ich heute für wahrscheinlicher halte, sie wollten nicht. Also:

Was man sich nicht erklären kann,Das sieht man als ’nen Fetisch an.

Was man sich nicht erklären kann,Das sieht man als ’nen Fetisch an.

Was man sich nicht erklären kann,Das sieht man als ’nen Fetisch an.

Was man sich nicht erklären kann,

Das sieht man als ’nen Fetisch an.

Ehrlich gestanden, ich habe diesen ins Ethnographische variierten alten Vers beim Empfang jener Figuren laut in den sonnendurchglühten Tropentag hinausgesprochen, aber ich habe wohlweislich nicht danach gehandelt. Einstweilen mußte ich mich mit der kargen Angabe eines der Künstler begnügen, die Figuren gäben lediglich das „nembo“wieder, die Körperverunstaltung durch Lippen- und Ohrscheiben und Ziernarben. Mit der Adamsschen Sage jedoch rücken diese Figuren ohne weiteres in ein anderes Licht, sie sind doch mehr als zwecklose Kostümpuppen, ja man darf dreist annehmen, daß sie, wenn auch der Mehrzahl der heutigen Makonde unbewußt, Darstellungen jener Urmutter sind. Diesmal wäre der alte Vers also doch angebracht gewesen, denn die Urmutter gehört ebenso in den Kreis des hiesigen Eingeborenenkultus wie die Ahnen überhaupt.

Auf die Vorgeschichte des Volkes bezieht sich in der Stammessage unzweifelhaft zunächst der Hinweis auf den Abstieg von Mahuta hinunter zu den Wassern des Rovuma, sodann der andere auf die Wanderung über die Hochländer bis in das Tal des Mbemkuru; beide Wanderungen des Urelternpaares bedeuten in Wirklichkeit wohl Wanderungen des Volkes selbst. Der Abstieg in das nahe, an seinen Rändern außerordentlich fruchtbare und wildreiche Rovumatal ist ohne weiteres verständlich; doch auch das Überschreiten der Lukuledisenke, der Aufstieg zum Rondoplateau und der erneute Abstieg zum Mbemkuru liegen durchaus innerhalb des Bereichs der Wahrscheinlichkeit, denn alle diese Gebiete weisen genau dieselben Naturbedingungen auf wie der äußerste Süden.

Nun kommt aber etwas gerade für unser „bakterielles“ Zeitalter höchst Interessantes. Die Ur-Makonde sind in den sumpfigen Flußniederungen ihres Lebens nicht froh geworden, Krankheiten waren bei ihnen an der Tagesordnung, und viele starben; erst nachdem sie wieder nach Mahuta in die Heimat zurückgekehrt waren, besserte sich der Gesundheitszustand des Volkes. Wir sehen im Neger gern und mit Vorliebe den naturfremden und naturfürchtigen Dümmling, dem alles Ungemach von bösen Geistern und Naturgewalten herrührt. Viel richtiger wird es sein, hier anzunehmen, daß die Leute malariadurchseuchte und malariafreie Gebiete sehr bald haben unterscheiden lernen. Diese Erkenntnis schlägt sich dann nieder in der Warnung des Urvaters, nicht wieder in die Täler und an die großen Wässer zuziehen, denn dort wohne die Krankheit und der Tod. Um aber auch gleichzeitig vor den bösen Mavia auf der Südseite des Rovuma gesichert zu sein, wird noch bestimmt, daß jede Siedelung um einen Minimalabstand von jenem Steilrand abliegen solle. So wohnen sie heute noch.

Sie wohnen so auch ganz gut, jedenfalls besser und geschützter als die Makua, die modernen Eindringlinge des Südens, die hier auf dem Westrande des Plateaus in ziemlich breiter Zone Fuß gefaßt haben. Von der Stattlichkeit der Yaohäuser unten in der Ebene und besonders in Massassi, Susa und Chingulungulu hat weder die Behausung der Makua, noch die der Makonde etwas an sich. Jumbe Chauro, ein an der Barrabarra nach Mahuta unweit Newala gelegener Makondeweiler, ist von allen mir bisher bekannten Siedelungen des Stammes noch der bei weitem stattlichste; seine Hütten sind auch recht geräumig. Doch wie ruppig ist ihre bauliche Ausführung gegenüber den fast eleganten Palästen der Elefantenjäger in der Ebene! Das Dach ist noch verwahrloster, als es in der Trockenzeit hier überall Usus ist; an den Wänden nur hie und da die kümmerlichen Anfänge oder die kläglichen Reste eines Lehmbewurfs; das Innere aber eine wahre Hundehütte; Schmutz, Staub und Unordnung überall; von Zimmereinteilung ist nur in wenigen Hütten etwas zu merken, und dann ist sie auch nur durch ganz liederlich zusammengeflickte Bambuswände hergestellt.

Nur in einem habe ich hier einen Fortschritt feststellen können, in der Methode des Hausverschlusses. Diese ist im ganzen Süden bei aller Einfachheit sinnreich; die Tür besteht stets aus derben Stangen von Bambus oder Holz, die mit dem uns schon bekannten Bindemittel des Baumbastes an zwei Querriegel gebunden werden; auch die Drehung um den einen Türpfosten erfolgt in zwei Schleifen, und zwar nach innen. Will der Bewohner sein Haus verlassen, so nimmt er zwei derbe Stangen her, oberarmdick und etwa 1,5 Meter lang. Die eine lehnt er von innen schräg gegen die Mitte der Tür, so daß sie einen Winkel von 60 bis 75 Grad mit dem Erdboden bildet; dann nimmt er die andere Stange, dreht sie horizontal und drückt siemit aller Kraft auf die erste Stange hernieder. Dabei helfen ihm zwei andere kräftige Pfeiler, die in einigem Abstand einwärts von den Türpfosten stehen; sie sind das Widerlager für die Horizontalstange. Der Verschluß ist absolut sicher; nur läßt er sich natürlich nicht bei beiden Haustüren, der Vorder- und Hintertür, ausführen. Denn wie sollte der Besitzer sonst in das Haus hineingelangen? Ich bin aber einstweilen noch nicht über den Hintertürverschluß unterrichtet.

Der allgemein übliche Türverschluß.

Der allgemein übliche Türverschluß.

Das ist also der Universalverschluß. Derjenige der Makonde von Jumbe Chauro ist viel feiner, gediegener und origineller. Auch hier ist in bezug auf die Tür alles wie sonst, nur steht an ihrer Innenseite ein einzelner Pfahl etwa 15 Zentimeter von der Türkante ab frei im Hüttenraum; in der Hüttenwand aber befindet sich an dieser Stelle ein Loch, gerade groß genug, um den Arm hindurch zu stecken. Der Tag ist heiß gewesen, nun aber will es Abend werden; still und verlassen liegt das Makondedörfchen im dichten Busch verborgen da. Es ist vollständig menschenleer, denn die ganze Einwohnerschaft ist zu Schmaus und scharfem Umtrunk ins Nachbardorf geladen. Jetzt nahen sich schlürfende Schritte, der Hausvater und die Seinen kehren zurück; sie sind zum nicht geringen Trost für alle diejenigen Blaßgesichter, die aller Abstinenzbewegung zum Trotz noch immer gern ihr Gläschen Bier genehmigen, in keiner anderen Verfassung, als man sich nach einer schweren Sitzung auch bei uns befindet. Nur singt der Makonde nicht;Africa non cantat; in dieser Beziehung wird er also nie ein guter Deutscher werden! Jetzt kommt das Knifflige. Der Negerpapa hat natürlich die Pflicht, das Haus zu öffnen. O ihr Göttinger Semester, wie klar steht ihr wieder vor meiner Seele mit eurem unermeßlichen Hausschlüssel, für den kein Schneider die Taschen groß genug machen konnte, für dessen Last selbst die hintere Hosenschnalle eigens verstärkt werden mußte! Größer als du, unerläßliches Requisit froher Scholarenzeit, ist das Format auch kaum, das der alte Neger aus irgendeinem Versteck zum Vorschein bringt, nur Gestalt und Material sind andersals am Leinestrand. Eisen ist eine plebejische Erfindung fremder, hergelaufener Völker, der Makonde bleibt nach wie vor beim Holz; und wirklich geschickt findet er sich damit ab: der Schlüssel ist ein etwa 30 Zentimeter langer, etwas geschweift gearbeiteter Stab mit abgesetztem Griff; der Bart hat drei derbe Zapfen, die gleich lang sind und in ein und derselben Ebene liegen. Etwas unsicher — auch wiederà laGöttingen — sucht Papa das Schlüsselloch, pardon, das Loch in der Wand. Das hat er vermöge seiner Größe bald entdeckt. Mit nicht unberechtigtem Stolz wagt er einen schüchternen Blick nach hinten, wo Mama, den unvermeidlichen Sprößling im Rückentuch, geduldig — sie ist ja heute mitschuldig — der Lösung des Problems harrt. Diese ist wirklich nicht ganz leicht, die Pombe war gut und der Tag war heiß; merkbar zittert die sonst so ruhige schwarze Hand, als der alte Herr beginnt, die Öffnung für den Schlüssel zu suchen. Schon hebt sich, einem Entenschnabel gleich, die siebenzentimetrige Lippenscheibe der holden Gattin zu scharfer Aufmunterung, da ist das große Werk endlich gelungen, das feine, rechteckige Loch in dem freistehenden Pfeiler ist gefunden; rack, rack, rack, ein dreimaliges rasches Heben und Senken des Schlüssels, schon zieht er einen langen Riegel hinter sich her und quer durch den Pfeiler hindurch. Dieser Riegel hatte mit seinem kolbenförmigen freien Ende sich fest gegen die Innenseite der Tür gestemmt, sie dadurch hermetisch verschließend; jetzt ist derkluge Neger gekommen, hat mit seinem Schlüssel im Innern jenes Pfeilers in senkrechten Nuten laufende Klötzchen gehoben und hat damit den Verschluß gelöst; leicht und frei gleitet der Riegel zurück.


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