Chapter 2

Er war mit den Kleinen in das Haus eingetreten. Zu ebener Erde befand sich die Wohnung, in der die Kinder mit ihren Eltern wohnten. Er klopfte; Niemand gab Antwort. Die Thüre war nicht verschlossen; er öffnete, und hinter ihm stehend blickte ich in die leere, ärmliche Behausung.

»Ist denn Eure Mutter nicht zu Hause?« fragte der alte Graumann.

»Mutter is auf Wäsche in die Stadt,« gab das kleine Mädchen mit dünner, piepsender Stimme zur Antwort. Der alte Graumann ließ den Kopf niederhängen, und dann, mit der eigenthümlichen schweren Bewegung, die ich vorhin an ihm wahrgenommen hatte, drehte er das Gesicht zu mir herum; in seinen Augen brannte wieder das finstere Glühen, das ich an ihm kannte. »Sehen Sie,« sagte er mit unterdrücktem Laut, »so ist es nun. Solche Lümmel –« und er deutete mit dem Kopfe nach der Stadt zu –, »das geht nach Hause, und zu Hause zieht ihnen die Frau Mama trockene Stiefel an und trockene,warme Kleider, und dann, statt der Karbatsche, die sie verdient hätten, gibt's Kaffee oder Thee oder womöglich Choc'lade, und das hier muß in die alte, finstre Kabache kriechen, wo nicht Vater und Mutter und Niemand auf sie wartet, und Niemand ihnen einen anderen Rock gibt, und einen Schluck Warmes, und womöglich nachher noch Prügel.«

In diesem Augenblicke trat, den Schnee von den Füßen trampelnd, zur Hausthür die Wirthschafterin des Regierungsraths herein, die von ihren Nachmittagsbesorgungen kam. Ein Freudenschein ging über das Gesicht des alten Graumann.

»Sie kommen zur rechten Zeit,« sagte er. »Nu mal gleich hinauf und Kaffee gekocht! Aber ordentlich, eine ganze große Kanne voll! Hier sind zwei Herrschaften, die welchen haben wollen. Nicht wahr, meine Herrschaften? Wir wollen Kaffee haben?« Dabei faßte er die Kleinen unters Kinn und hob ihre blassen, verfrorenen Gesichter empor. Die beiden Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen staunend an. »Und dann zum Bäcker,« fuhr er zu der Wirthschafterin fort, »oder vielmehr nicht zum Bäcker, zum Conditor,über die Brücke, an der Ecke, Sie wissen ja, und Kuchen geholt, für eine ganze Mark; da haben Sie eine Mark. Hier sind zwei Herrschaften, die Kuchen haben wollen. Nicht wahr, meine Herrschaften, wir wollen Kuchen haben?« Wieder wurden die beiden kleinen Gesichter emporgehoben. Der Bruder sah die Schwester, die Schwester den Bruder an. Dann richteten sich beider Augen auf den unbegreiflichen alten Mann, und ein schüchtern-verschämtes, beinahe mißtrauisches Lächeln stieg in den Gesichtern auf und färbte ihre Wangen mit leiser Röthe. War es ein Traum, was sie erlebten? War das »der alte, böse Regierungsrath«, von dem man im Hause nur flüsternd sprach, weil das ganze Haus sich vor ihm fürchtete? Der alte Graumann hatte den Ausdruck in den Kindergesichtern bemerkt. Er winkte der Wirthschafterin, daß sie sich auf den Weg machen sollte, dann drehte er sich wieder zu mir herum.

»Sehen Sie,« sagte er halblaut, »so ist das nun mit dem Menschen. So verprügelt, daß er es gar nicht glauben kann, daß man ihm einmal was Gutes thun will. So trampeln sie auf einander herum, diese Menschen, diese Canaillen;so läßt Einer den Andern neben sich verkommen und erfrieren, bis daß er ein Eiszapfen wird!« Plötzlich trat er wieder auf die Kleinen zu. »Seid Ihr Schneemänner? Nein, Ihr seid doch keine Schneemänner. Seid Ihr kleine Menschen? Ja, Ihr seid doch Menschen! Das wißt Ihr doch, daß Ihr Menschen seid?« Die Kinder brachten keinen Laut hervor; die Freudigkeit war von ihren Gesichtern wie weggewischt. Jetzt, wo er so polternd auf sie einsprach, Dinge, die sie nicht verstanden, war es doch wieder der alte, böse Mann, zu dem sie furchtsam emporschauten.

Der alte Graumann legte seine beiden großen Hände auf die kleinen blonden Köpfe; seine dicken Finger trommelten leise auf ihrem Haar. Es war eine unbehülfliche, beinahe hülflose Bewegung. Was sie Alles zu sagen hatten, die schweren fingernden Hände! Wie wenn Jemand auf einem stummen Klavier spielt, so sah es aus, dem er Musik entlocken möchte, und das keine Töne von sich gibt. Was er Alles zu sagen haben mochte, der alte Mann, der über die beiden Kinderhäupter hin in die Ecke des Flurs starrte, mit einem so in sich versunkenen, so in das eigene Innere gerichteten trostlosen Blick? Ich konnte die Augennicht von ihm lassen. Was er Alles zu sagen hatte und nicht sagen konnte, weil er in lebenslanger Einsamkeit gewissermaßen die Sprache verlernt hatte, so daß sie nur noch stoßweise, in gewaltsamen Ausbrüchen, beinah im Gebrüll herauskam, den Hörer im Zweifel lassend, ob Haß oder Liebe, Zorn oder Güte aus ihm sprach!

An der Flurwand stand eine Bank, und auf diese ließ der alte Graumann sich niederfallen, indem er die Kinder zu sich heranzog. Er drückte ihre Stirnen an seine Schläfen, zur Rechten den Knaben, zur Linken das Mädchen; zwischen den beiden kleinen Köpfen hing sein großer, grauer, schwerer Kopf herab.

Er sprach zu den Kindern, aber weil diese lautlos blieben und keine Antwort hervorbrachten, war es wie ein murmelndes Selbstgespräch.

»Das ist Dein Bruder? Nicht wahr? Und das ist Deine Schwester? Also seid Ihr Geschwister. Habt Ihr Euch lieb? Ja, nicht wahr, Ihr habt Euch lieb. Alle Menschen müssen sich lieb haben. Aber Geschwister, das ist noch was besonderes, die müssen sich noch mehr lieb haben. Werdet Ihr daran denken? Ja, nicht wahr, Ihr werdet daran denken.«

Er hob das Haupt empor; wieder erschien der dumpfe, trostlose Blick von vorhin. »Geschwister, die sich nicht lieb haben, die kommen in die Hölle.« Und da er nach diesen Worten verstummte, auch Niemand anders sprach, entstand eine Stille, in der das düstere Wort nachzuzittern schien, das er da eben ausgesprochen hatte.

Die Hausthür klappte, die Wirthschafterin kam zurück, mit einer großen Kuchentüte in den Händen. Der alte Graumann erhob sich.

»Jetzt wollen wir Kaffee trinken gehen,« sagte er. Seine schweren Augen gingen zu mir herüber. »Trinken Sie vielleicht auch eine Tasse mit?«

Es würde mir unmöglich gewesen sein, nein zu sagen. »Gern, Herr Regierungsrath,« erwiderte ich. Er hielt mir plötzlich die Hand hin. »Danke Ihnen.« Und ich fühlte meine Hand mit einem Druck erfaßt, wie ich mich eines gleichen kaum zu erinnern vermochte.

Die beiden Kleinen trappelten die Treppe hinauf, uns voraus; wir folgten. Und im nächsten Augenblicke also stand ich in dem geheimnißvollen Raum, den das Gemunkel undGeflüster der Stadt wie die Behausung eines bösen Geistes umschlich.

Einer solchen aber sah die Wohnung keineswegs ähnlich; im Gegentheil. Ich hatte selten eine so zum Verweilen einladende Ausstattung gesehen, und das kam daher, daß die Wände von oben bis unten mit Bildern bedeckt waren. »Kupferstiche« hatte die Wirthschafterin in der Stadt verbreitet, aber ich erkannte, daß es keine Kupferstiche, sondern Radirungen waren, und auf Tischen und Stühlen lagen große Mappen, anscheinend mit ähnlichen, noch nicht eingerahmten Blättern gefüllt.

Der Dämmer, der im Zimmer herrschte, ließ mich zunächst nur einen allgemeinen Ueberblick gewinnen. Erst nachdem die Wirthschafterin die große Hängelampe angezündet und noch mehr Licht gebracht hatte, wurde es mir möglich, das Einzelne genauer zu erkennen. Es waren Alles Stücke von künstlerischem Werth, einige von älteren, die Mehrzahl von neueren Meistern, vorwiegend Landschaften, dann auch ganz phantastische Sachen, mit der zartesten Empfindung, mit dem feinsten Verständniß ausgewählt und zusammengestellt.

So etwas hier in der Stadt, an welcher der große, warme Strom der Kunst vorüberging in weiter, weiter Ferne, kaum vernommen und kaum gesehen! Ich war völlig verblüfft. Als ich mich umsah, stand der alte Graumann hinter mir. Er war unhörbar herangetreten; seine Augen ruhten auf mir.

»Gefallen sie Ihnen?«

»Ja,« versetzte ich; »ich hätte nie geglaubt, daß ich hier am Orte so etwas finden könnte.«

Ein grimmiges Lächeln huschte um seine Mundwinkel, als hätte er sagen wollen: »Das glaube ich«, aber er sagte nichts, sondern ließ den Blick schweigend neben dem meinigen über die Bilder wandern.

»Eine schöne Kunst,« sagte er nach einiger Zeit; »finden Sie auch?«

»Sie meinen – das Radiren?« Er nickte.

»Eine tiefe, stille, einsame Kunst,« fuhr er, wie in Gedanken zu sich selbst sprechend, fort. »Ganz, wie ich mir immer gedacht habe, daß Kunst eigentlich sein muß. So vor seinem Brett sitzen; erst das Bild sich herbeiholen aus seiner Phantasie; dann das Bild ausführen, Strich, Strich nach Strich, so voll Andacht, voll Liebe,voll Liebe. Und darüber Alles vergessen, was da draußen vor unseren Fenstern vorbeiläuft, das ganze Menschenvolk, das da draußen umherstrampelt, in seinen Alltagsgedanken und Eintagsgedanken« – er brach ab.

Es fiel mir ein, was man mir vom Weinkeller des Herrn Kurzer erzählt hatte und von der Figur der Löwenreiterin in dem Keller.

»Herr Regierungsrath üben die Kunst vielleicht selbst aus?« fragte ich.

Ein dumpfes Knurren, beinahe ein Fauchen war die Antwort.

»Wissen Sie nicht, daß ich Beamter gewesen bin? Beamter in Preußen und Kunst machen! Ja! Nicht wahr?« Er schlurfte mit weiten Schritten im Zimmer umher. Dann blieb er stehen. »Wenn ich nicht Beamter gewesen wäre – aber wer's einmal ist, der wird's nicht wieder los. Einmal vielleicht« – Abermals verstummte er, und wieder erschien der schwere, trostlose Blick, den ich schon öfters an ihm bemerkt hatte. Dann schlug er mit der Hand durch die Luft, als wenn er etwas abthun wollte, irgend eine Erinnerung.

»Sie sind Referendar?« fragte er nach einiger Zeit.

»Ich bin Referendar.«

»Wollen also auch Beamter werden.« Er zuckte mit den Achseln, er wiegte das Haupt. »Dann darf Ihnen so etwas« – er warf die Hand nach den Bildern hin – »eigentlich gar nicht gefallen. Liegt seitab vom Weg. Gibt's nicht, darf's nicht geben! Scheuklappen an den Kopf und vorwärts und geradeaus! Nicht rechts noch links gesehen! Vorwärts und geradeaus! Immer die Leiter 'rauf! Immer die Leiter 'rauf! Und das ein Lebenlang« – er fing wieder an auf- und abzugehen, und seine Worte verloren sich in einem unverständlichen Gemurmel, das fast wie Grunzen klang.

Inzwischen war der Kaffee fertig geworden. Die Wirthschafterin räumte behutsam die Mappen von dem großen Tische, der in der Mitte des Zimmers stand und setzte die dampfende Kanne, Tassen und Teller auf.

»Jetzt Kaffee, Kinder, Kaffee!« rief der alte Graumann. Er nahm das kleine Mädchen unter die Arme, setzte es auf einen Stuhl und rückte den Stuhl an den Tisch. Desgleichen den Jungen. Die Wirthschafterin schenkte ihnen die Tassen voll.

»Und jetzt einstippen, Kinder!« sagte er. Er schob ihnen den Kuchenteller zu, und als er sah, daß die Kinder zu schüchtern waren zuzulangen, steckte er jedem von ihnen ein Stück Kuchen in die Hand. Nun kam die Sache in Gang. Ich stand in der dunklen Ecke des Zimmers. Plötzlich faßte mich der alte Mann beim Arm. Mit einem Blick, als sollte ich leise sein, deutete er mit dem Kopfe nach dem Tische hin, an dem die Kleinen saßen, ihren Kuchen in den Kaffee tauchten und eifrig und immer eifriger zu essen begannen. Seine Lippen bewegten sich, so leise, daß ich ihn kaum verstand: »Wie das aufthaut! Wie das 'rauskommt aus dem Boden! Wie das Mensch wird!« Als wenn er ein Wunder gewahrte, so blickte er zu den Kindern hinüber. Das kleine Mädchen hatte ausgetrunken. Noch bevor die Wirthschafterin ihm zuvorkommen konnte, war der alte Graumann heran und schenkte ihr die Tasse wieder voll. Dann setzte er sich selbst an den Tisch, den Kindern gegenüber. Das Licht der Hängelampe fiel auf sein Gesicht; sein großes, plumpes Gesicht leuchtete.

»Schmeckt es, Kinder?« fragte er. »Schmeckt es?«

Die beiden kleinen Gesichter erhoben sich zu ihm. Ein glückliches Lächeln strahlte aus ihren Augen. »Ja – gut,« sagte der Junge mit einem Tone des gesättigten Behagens. Der alte Graumann wischte sich mit der breiten, flachen Hand über den Mund. »Und Dir? schmeckt Dir es auch?« wandte er sich an das Mädchen. »Ja, Herr Regierungsrath, sehr gut,« erwiderte die kleine, piepende Stimme.

Der alte Graumann lachte wie ein vergnügter Bär. Er sprang auf, nahm die kleinen Köpfe, einen nach dem anderen, in seine Hände und drückte sie. »Ihr Kinder!« sagte er, »Ihr Kinder!« Dann plötzlich stürzte er ans Fenster, schüttelte die geballte Faust nach der dunklen Straße zu, als stände da draußen Jemand. »Ihr Menschen,« brüllte er, »o Ihr – Canaillen!«

Die Kinder fuhren erschrocken auf. Vom Fenster kam er zu ihnen zurück; er streichelte sie, klopfte sie auf Kopf und Rücken.

»Habt Ihr Taschen an den Röcken? Nein –. Also packen wir den Kuchen wieder in die Tüte. Gehört Euch; nehmt Ihr mit zu Vater und Mutter.« Er raffte die Ueberbleibsel des Kuchensin dem Papier zusammen und gab sie dem kleinen Mädchen in die Hand. Die Kleinen hatten sich erhoben; er stand vor ihnen.

»Nächstens kommt Ihr wieder zu mir 'rauf. Wollt Ihr wieder zu mir 'rauf kommen? Trinkt Ihr wieder Kaffee bei mir. Wollt Ihr wieder Kaffee trinken?«

Die Kinder standen und blickten stumm und rathlos zu ihm auf. Dann mit unwillkürlicher Bewegung erhob der Knabe den rechten Arm und streckte dem alten Mann die kleine Hand hin. Der alte Graumann legte die kleine Hand in die Fläche seiner rechten Hand und deckte die linke darüber, als wenn er eine Kostbarkeit in seiner Hand verschlösse. »Wir bedanken uns auch schön,« piepte das kleine Mädchen.

Der alte Graumann ließ die Hand des Knaben fahren, drückte die Köpfe der beiden Kinder an einander und sein Gesicht darauf, so daß er beide mit den Lippen berührte. »Ach,« sagte er, »ach, ach, ach.«

Er richtete sich auf und drehte sich nach mir um. »Ich muß mit ihnen hinuntergehen,« erklärte er. »Sie wissen, wegen der Mütze. Sie schenken sich eine Tasse Kaffee unterdessen ein. Nichtwahr? Kuchen ist nicht mehr da. Aber eine Cigarre vielleicht?« Er stellte die Cigarrenkiste vor mich auf den Tisch.

»Gern,« sagte ich, denn ich fühlte, daß er mich noch haben wollte.

Der Regierungsrath trat zwischen die beiden Kleinen, nahm den Jungen an der rechten, das Mädchen an der linken Hand, so zu Dreien verließen sie das Zimmer.

Ich schaute ihnen nach. Wie sie neben ihm einhertrippelten, die kleinen Geschöpfe, immer noch befangen, kaum im Klaren darüber, was sich eigentlich mit ihnen begeben hatte, und doch vertrauensvoll, weil er wie ein Schutzgeist zwischen ihnen ging, der sie vor dem Zorn ihres Vaters bewahren würde! »Der alte, böse Mann« ihr Schutzgeist! Ich hatte Zeit, dem Gedanken nachzuhängen, denn ich blieb eine Weile allein. Wie merkwürdig das Alles! Gestern noch war er mir als eine Spukgestalt erschienen und heute so nahe und so lebendig. Und indem ich dieses Mannes gedachte, dieses sonderbaren, scheinbar aus Widersprüchen zusammengesetzten, erlebte ich, was man erlebt, wenn man zum ersten Male in die Atmosphäre eines ungewöhnlichen Menschen tritt:man bekommt ein unbestimmtes, aber starkes Allgemeingefühl von seiner Persönlichkeit. Ich fühlte, indem ich seiner gedachte, eine Wärme, beinahe eine Gluth; nicht anders, als wenn ein Ofen vor mir stände, in dem unausgesetzt ein mächtiges Feuer brannte. Alles, was mir die stummen, heißen Augen angedeutet hatten, wenn ich auf dem Spaziergang an ihm vorüber schritt, bestätigte sich: ein Mensch, der über seinem Innern stand wie über einem brodelnden Kessel; darin herumwühlend in unablässigem Sinnen; Erinnerungen heraus fischend, Gedanken daraus schöpfend. Und das alles stumm, in stummer, verschlossener Brust. Bis daß eine Stunde kam, da ein Mensch ihm erschien, der ihm Vertrauen einflößte. Und da wuchs der dunkle Strom, der sein Inneres durchwogte, wuchs und schlug an die Wände der Brust, als wenn er sie sprengen und durchbrechen wollte. Wie ein dumpfer Ruf erhob es sich aus dem dunklen Strom, wie ein Hülfeschrei: »Höre mich an!«

Sollte ich ihn nicht anhören? Ja – ich sollte, ich sollte.

Durch eine andere Thür, als durch die wir eingetreten waren, durch das Schlafzimmer, dasan den Vorderraum anstieß, kam er zurück. Ein Kopfnicken begrüßte mich, als er mich rauchend am Tische sah. Dann, seiner Gewohnheit folgend, durchmaß er ein paarmal schweigend das Zimmer.

»Einmal vor Jahren,« hob er an, »als der Oberpräsident der Provinz Brandenburg eine Inspectionsreise machte und sich seine Beamten vorstellen ließ, hat er mir die Hand gegeben. Eine kolossale Ehre, nicht wahr?« Er war stehen geblieben und sah mit höhnisch zwinkernden Augen zu mir herüber. »Und vorhin, sehen Sie, als der Junge seine kleine Pfote aufhob und nach meiner Hand langte, ist mir zu Muthe gewesen, als wenn mir eine zehnmal größere Ehre angethan würde als damals, wo der Herr Oberpräsident mir seine kalte, schwammige Hand zu drücken erlaubte. Mangel an Standes- und Beamtenbewußtsein – das haben sie mir in die Conduitenliste geschrieben, ich weiß es. Sehen Sie, die haben mich erkannt. Es ist wahr; in Preußen, wenn der Mensch Geheimrath wird, wird er bekanntlich klug. Schade, daß ich's nicht geworden bin; hätte vielleicht noch was aus mir werden können.« Unter innerlichem Lachennahm er seine Wanderung durch die Stube wieder auf.

»Die Menschen,« begann er von Neuem, »da schreiben sie dicke Bücher, haspeln sich die Seele aus dem Leibe in parlamentarischem Geschwätz, ganze Zeitungen schreiben sie voll, wie die Noth abgeschafft und der Menschheit geholfen werden kann. Ihr Dummköpfe und flachen Herzen! Steht's nicht geschrieben auf dem Gesicht Eures Mitmenschen? Könnt Ihr's nicht lesen, was da steht, das einzige Mittel, das helfen kann und helfen würde, das Jeder brauchen könnte, wenn Ihr's nur brauchen wolltet: Fülle Deines Nebenmenschen Herz mit Glück!«

Er hatte das so laut gesagt – »gebrüllt« würde der Weinhändler Kurzer gesagt haben –, daß ich mich unwillkürlich im Stuhle aufreckte. Mitten im Zimmer stand er, die glühenden Augen ins Leere gerichtet, den rechten Arm in unbewußter Bewegung emporgestreckt, wie ein Bußprediger der alten Zeit, mächtig, feierlich, ergreifend.

In schweigendem Staunen blickte ich auf den alten, wundersamen Mann. Langsam ließ er denArm sinken, langsam kamen seine Augen aus der Ferne zurück, zu mir herüber.

»Langweilt Sie das Alles?« fragte er mit schwerem Ton.

»Nein,« erwiderte ich rasch, »durchaus nicht.«

Seine Augen ruhten auf mir wie eine körperliche Last, seine Brust hob sich, er trat einen Schritt auf mich zu.

»Ich muß Ihnen etwas sagen, – Sie gefallen mir.« Dreimal, als wenn er das Wort bestätigen und bekräftigen wollte, nickte er mit dem grauen Haupte vor sich hin. »Wir sind uns manchmal auf dem Spaziergange draußen begegnet. Wenn wir uns begegnet sind, sind Sie immer anders gewesen als die Anderen. Die Anderen gehen ja fast niemals allein, immer wie die Dohlen, in ganzen Schwärmen, immer schwatzend. Wenn mir so ein Haufen begegnet, stoßen sie sich unter einander an: ›da kommt der verrückte alte Kerl‹ und dann grinsen sie, als sollten ihnen die Gesichter auseinander klappen. Kommt zufällig mal einer allein, dann grinst er, solange wir noch weit von einander sind, und wenn er nahe 'ran ist, macht er, daß er vorbeikommt, als wenn er sich fürchtete. Sie sind manchmal an mir vorbei gegangen, nicht wie ein flacher, leerer Mensch, der auf nichts Acht gibt, denn Sie hatten mich wohl bemerkt, das habe ich gesehen. Aber Sie haben es gemacht wie ein ernster, nachdenklicher Mensch. Haben nicht gegrinst und sich auch nicht gefürchtet. ›Wirst ihn nicht stören, den alten Kerl‹, so sind Sie an mir vorüber gegangen, aufmerksam und still und anständig. Ich habe das wohl bemerkt. Sie haben's vielleicht nicht gedacht, aber ich habe es bemerkt. Ich weiß, was die Menschen von mir sagen. Aber es ist nur halb richtig, wie Alles immer nur halb richtig ist, was sie sagen, die Menschen, die Alles immer nur von außen ansehen. Ich bin ein Grobian, das ist wahr; aber ich will Ihnen etwas sagen, – nur von außen, – innerlich vielleicht nicht.«

Bei den letzten Worten hatte sich seine Stimme beinahe zum Flüstern gesenkt. Dennoch hatte ich ihn verstanden, und indem ich ihm von der Seite zusah, wie er wieder auf- und niederzugehen anfing, und indem ich an Alles dachte, was ich heute mit ihm erlebt hatte, begriff ich, was er meinte, und gab ihm schweigend Recht.

»Und heute,« fuhr er, hin und her wandelnd fort, »bei dem, was heute geschehen ist, und wie Sie dabei gewesen sind, das hat mir gefallen. Ich muß es Ihnen sagen, hat mir gefallen. Sie hatten es mit angesehen, was sich da anspann mit den beiden Kleinen, die sich ihren Schneemann gebaut hatten, und den rüden Bengeln, die ihnen das Vergnügen störten. Hundert Andere wären einfach vorüber gegangen. Natürlich. Sind ja Kinder. Alles Kinderei. Wie wird sich ein vernünftiger Mensch um so etwas kümmern. Ihr Flachköpfe! Wer von den Kindern nicht lernt, von den Erwachsenen lernt so Einer gewiß nichts. Die Erwachsenen sind ja gar keine Menschen mehr. Jeder hat einen Beruf, und der Beruf, das wird seine Natur. Eine wirkliche Natur hat so Einer gar nicht mehr. Das Kind, das ist die Menschenpflanze, wie sie aus der Erde kommt, das hat noch gar nichts Anderes als seine angeborene Natur, das ist der Mensch. Wer darin zu lesen versteht, der kann Dinge erfahren – merkwürdige –, die er sein ganzes Leben lang nicht wieder vergißt.«

Wieder verloren sich diese letzten Worte in einem murmelnden Geflüster, und ich fing an zubemerken, daß dieses Flüstern immer da eintrat, wo seine Worte und Gedanken sich auf ihn selbst richteten. Durch die Schlafstubenthür, die bei seinem Wiedereintreten offen geblieben war, konnte ich in das Schlafzimmer hineinsehen. Auf einem kleinen Tische an der Hinterwand, mir gerade gegenüber, hatte die Wirthschafterin, indem sie davonging, eine Lampe aufgestellt, und diese Lampe beleuchtete ein Bild, das darüber an der Wand hing. Ein Oelbild, zwei Knaben darstellend, mit runden, rothen Wangen, mit feurigen Augen der eine, der größere, mit schmalem, blassem Gesicht, mit wehmüthig bittenden Augen der andere, der kleinere. Das Bild, von dem ich gehört hatte, das ihn darstellte, den alten Graumann, wie er ausgesehen hatte als Kind. Und der Andere – sein Bruder? Meine Augen hingen an dem Bilde. Die Dinge, »die man ein Leben lang nicht wieder vergißt« – ob sie im Zusammenhang stehen mochten mit dem Bilde da drüben?

Ob er es bemerkt hatte, daß das Bild meine Aufmerksamkeit fesselte, – ich weiß es nicht; jedenfalls sagte er nichts. Er setzte seine Stubenwanderung und sein Selbstgespräch fort.

»Sie haben es anders gemacht als die Andern,sind nicht vorbeigegangen, sind stehen geblieben, haben sich die Geschichte angesehen. Von meinem Fenster habe ich Alles sehen können. Das ist ein Mensch, habe ich mir gesagt, der nimmt die Kinder ernst; denn daß Sie nicht aus bloßer Neugier stehen geblieben sind, habe ich an Ihrem Gesichte bemerkt. Das muß ein Mensch sein, habe ich mir gesagt, der innerlich Zeit hat; denn wer Kindern zusehen will, muß Zeit haben. Darum kann es kein Streber sein, denn ein Streber hat nie Zeit. Das muß ein innerlich feiner Mensch sein, habe ich mir gesagt, denn wer Kinder ernst nehmen will, muß innerlich fein sein. Und das eben ist das Unglück,« – er brach plötzlich wieder in seinen Donnerlaut aus – »daß es so gräßlich wenig innerlich feine Menschen giebt! Wenn man so alt geworden ist wie ich, – es ist gräßlich, wenn man zurückdenkt und sieht, wie wenig innerlich feine Menschen Einem begegnet sind auf der Welt! Alles so gar nicht da für den Nebenmenschen! Alles nur immer vor sich hinstierend auf den eigenen Weg! So roh, so ordinär, so knotig! Ja, Knoten –, das sind sie, die Menschen, alle, wie sie gebacken sind, Beamtenknoten, Geldknoten, Berufsknoten! Und am knotigsten, wenn sie sichLackstiefel anziehen, einen Frack darüber hängen und womöglich ein paar Orden dran stecken und sich einbilden, jetzt wären sie fein. O Du Herrgott im Himmel, was für eiserne Seelen, was für erbarmungslose Gemüther laufen unter den schwarzen Fräcken und hinter den weißen Hemdenbrüsten umher! Weil sie eine Hornhaut über ihrem Inneren haben, die immer dicker wird, je weiter sie hineinkommen in das Leben! In dieses Leben, das gar kein eigentliches Leben mehr ist, sondern so eine Art von Wettlauf zwischen zwei Reihen von Schutzmännern, die Acht geben, daß Keiner dem Andern das Portemonnaie aus der Tasche holt und den Andern todtschlägt. Und unterdessen wird das da drinnen, was man die Seele nennt, die Menschenseele, was etwas so Schönes ist, wenn es aus Gottes Händen zur Erde herunter kommt, etwas so Zartes, Empfängliches und Empfindliches –, das wird nun immer härter und holziger, bis daß es zur Borke wird, zur fühllosen Borke! Da giebt's keine Augen mehr für das blasse Gesicht, das neben uns hergeht, keine Ohren mehr, wenn etwas neben uns seufzt; da wird zugegriffen, und wenn man dabei einem Andern ins Herz greift, – seine Schuld, warum ist er mir inden Griff gekommen. Da wird drauf los gegangen, und wenn man dabei einen Andern unter die Füße tritt, – seine Schuld, warum ist er mir in den Weg gekommen. Und wenn das zufällig ein Kind war, – ja, Du mein Gott – es ist ja so etwas Kleines; wer hat denn Zeit, auf so ein Pflänzchen zu achten. Und wenn es wirklich einen Tritt abbekommen hat, – na, mein Gott – wird ja nicht dran sterben, ist ja noch so jung, das wächst sich ja Alles wieder aus.«

Er war stehen geblieben.

»Und das ist eben der Irrthum! Das ist nicht wahr! Es wächst sich nicht wieder aus. Es gibt Seelen, die können Fußtritte nicht vertragen. Wenn die einmal wund geworden sind, bleiben sie wund, ihr Lebenlang; ihr Lebenlang.«

Er war an den Tisch getreten, an dem ich saß. Er stützte die Hände auf; das Licht der Lampe spiegelte sich in seinen Augen. Seine Augen gingen über mich hinweg; seine Brust arbeitete, als wühlte darinnen ein Entschluß. Wie ein Gefäß sah er aus, wie ein übervolles, aus dem der Inhalt heraus will, und auf das man den Deckel niederdrückt, weil nichts heraus soll. Ich gab keinen Laut von mir. Verstohlen, vonder Seite blickte ich ihn an. Mir ahnte, daß, wenn ich ein Wort spräche, ich die Seele, die da vor mir kämpfte und rang, stören würde, zurückschrecken und wieder stumm machen würde, diese merkwürdige Seele, die hinter Borsten und Stacheln der Außenseite versteckt lag wie ein Geheimniß, weich, beinah hülflos wie ein Kind.

»Sie sind ein Mensch,« fing er wieder an, »der innerlich Zeit hat. Mit solchen Menschen kann man sprechen. Solche Menschen können zuhören. Wollen Sie zuhören?«

Er hatte mich nicht angesehen, indem er sprach.

»Wenn Sie sprechen wollen,« erwiderte ich, »gern; wirklich gern.«

Wieder, wie er vorhin gethan hatte, nickte er dreimal mit dem grauen Haupte vor sich hin. Er sah mich auch jetzt nicht an. Vom Tische trat er zurück, in die dunkle Ecke des Gemaches, hinter mich. Ob er stand, ob er sich setzte, ich weiß es nicht. Ich fühlte, daß er nicht angesehen sein wollte; ich sah mich nicht um. Und aus der dunklen Ecke hinter mir, so wie ich es hier wiedergebe, mit allen Kreuz- und Quersprüngen und Sonderbarkeiten, kam nun das, was ermir an dem Abend erzählte, der alte Graumann.

»Es waren einmal zwei Kinder. Zwei Knaben. Brüder. Geschwister. Die Kinder hatten Eltern.

Wenn man so von Eltern spricht, dann klingt das immer, als wäre das so ein Ding, gewissermaßen ein Mensch. In Wahrheit ist das ganz anders. Vater und Mutter sind jedes ein Mensch für sich, und die Menschen sind verschieden. Sehr. Der Vater also von den Beiden war ein Beamter. Ein Jurist. Und Juristen sind noch mehr Beamte als Andere. Was ein guter Jurist sein will, das muß denken können wie ein Mathematiker, ganz unkörperlich, was man so abstrakt nennt. Und wer ein ganzes Leben lang so abstrakt denkt, wird es zuletzt selbst; und dann sieht er die Welt wie ein Schachbrett an und die Menschen darauf wie Schachfiguren, die jede ihre vorgeschriebene Gangart haben, im Uebrigen aber sich nicht unterscheiden, weil sie alle von Holz oder von Elfenbein oder von irgend einer Masse überhaupt sind. Und wenn so eine Schachfigur einen anderen Gang gehen will, als die Regel befiehlt, dann – dann geht das einfach nicht. So eine ist abgeschmackt. Ist abgeschmackt – es gibt ja schlimmere Worte– aber wenn er so vom Gericht kam, die Acten unterm Arm, in seinem schwarzen Gerichtsfrack – denn damals trugen sie ja noch Fräcke – und unzufrieden war mit irgend etwas, dann kam das: »es ist abgeschmackt«, und das war dann jedesmal, als wenn Eis zerhackt würde, und die Eissplitter flogen umher und trafen, wohin es war, in das Gesicht, in die Augen, aber immer dahin, wo es wehe that.

Er war nämlich ein Rath am Gericht, an einem Oberlandesgericht, und ein sehr angesehener, ein Senatspräsident.

Vielleicht wäre er gern Gerichtspräsident gewesen, und es wurmte ihn heimlich, daß er's nicht war. Denn er war ehrgeizig und stolz und eigentlich furchtbar leidenschaftlich. Aber er zeigte das nicht, hatte sich immer in der Gewalt, wie wenn er immer am Tische säße als Senatspräsident, schluckte Alles in sich hinein. Und so etwas ein Leben lang. Das ist wie eine Feuersbrunst in einem Bergwerk, wo man die Schächte zubaut, damit sie erstickt. Inwendig frißt das doch weiter, und einmal, bei Gelegenheit bricht das doch heraus, und dann wird so etwas fürchterlich.

In seiner Jugend mußte er ein stattlicherMann gewesen sein, schlank und groß; daher wird es sich erklärt haben, daß er solch' eine Frau bekommen hat, wie er sie gehabt hat. Denn die Frau – das war eine herrliche Frau.

Ich weiß nicht – daß heißt, ich habe es immer scheußlich gefunden, wenn Menschen von ihrer »schönen Mutter« sprechen. Ein Muttergesicht ist ganz etwas Anderes als schön, das ist heilig. Ich bin jetzt nahe an die siebzig Jahre und wenn ich denke, wie lange das her ist, daß sie nicht mehr da ist, dann ist mir, als wäre es eine Ewigkeit. Aber noch jetzt, wenn ich so einsam für mich hingehe oder des Nachts liege und nicht schlafen kann, dann sehe ich ihr Gesicht. Dann ist mir wie an dem Tage, als das Bild da gemalt wurde, von den beiden Brüdern. Das war an einem Sommertag. Und da setzte sie sich uns gegenüber, damit wir hübsch still hielten. Ihren Strohhut hatte sie an den Bändern – denn damals banden die Frauen die Hüte noch unterm Kinn zusammen – um den Arm gehängt und eine Häkelarbeit vorgenommen. Und immer über die Arbeit sah sie zu uns hinüber und freute sich und sah so glücklich aus wie später niemals wieder, niemals wieder.

Daß nämlich das Bild gemalt wurde, das war ihr Werk gewesen, das hatte sie durchgesetzt, während er es eigentlich gar nicht hatte haben wollen. Wenigstens, daß auch der ältere von den beiden Jungen auf dem Bilde war, daran lag ihm nun schon gewiß gar nichts, denn –

Aber wie gesagt – denn ihren Willen hatte sie auch; nur daß es eine ganz andere Art war als wie der seine. So eine Art warmer Südwind, bei dem die Geschöpfe aufleben, gegen einen harten, kalten Nordost, der Alles erfrieren macht.

Aber mit dem Bilde, das hatte sie durchgesetzt. Das war ihr ein Bedürfniß gewesen. So etwas liebte sie. Wie sie denn überhaupt gar nicht abstrakt war. Sondern sie hatte etwas, was er nicht hatte, wovon er keine Ahnung hatte, was er gar nicht verstand, Phantasie! Phantasie! Phantasie!

Und damals, als das Bild gemalt wurde, war überhaupt Alles noch gut. Wenigstens so ziemlich. Da saßen die beiden Brüder noch einträchtig beisammen und hatten einander lieb. Während später – aber das ist eigentlich nicht richtig – denn der Kleine hat den Andern immer lieb gehabt, auch später. Aber der Andere –– An dem Tage aber war auch der Andere dem Kleinen noch gut und hielt ihn an der Hand und sagte: »Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen, sonst kann der Maler Dich nicht malen.« Und da lachte der Kleine. Und wenn er lachte, das war immer so rührend anzusehen, weil es immer aussah, als thäte ihm das Lachen eigentlich weh. Und es sah auch gar nicht bloß so aus, sondern wahrscheinlich war es wirklich so, weil der arme, kleine Junge innerlich krank war, was der Andere damals freilich noch nicht wußte. Das hat er später erst erfahren, und als er es später erfuhr, war es zu spät; da war Alles vorbei – Alles vorbei.

An dem Tage aber, als er sagte: »Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen,« da war der Kleine ganz glücklich. Denn er hörte es so gern, daß der Bruder ihn Schnudri nannte; denn das war ihm ja ein Zeichen, daß ihm der Bruder gut war. Und mehr wollte er ja gar nicht. Nur gut sollte er ihm sein; denn es war eine so zärtliche Seele in dem kleinen Jungen, eine so feine!

Und daß er an dem älteren Bruder hing, das kam vielleicht auch daher, daß er ihn bewunderte.Denn der konnte alles Mögliche, was er nicht konnte. Der war größer und stärker als er und hatte runde, rothe Backen und eine breite Brust, und er hatte schmale Backen und eine eingesunkene, kleine Brust. Wenn sie neben einander her gingen, konnte der Schnudri kaum Schritt halten mit dem Anderen und fing an zu keuchen. Und dann nahm ihn der Andere an der Hand und ging langsamer. Das heißt, das that er früher; später nicht mehr. Später, wenn er hörte, daß der Kleine neben ihm einher keuchte, that er, als hörte er es nicht, gab ihm auch nicht die Hand und ging nicht langsamer. Weil er ein Hund geworden war und schlecht, eine Canaille!

Aber das allein, daß der Bruder größer und stärker war als er, das war es nicht, was das Brüderchen an ihm bewunderte. Sondern es war noch etwas Anderes. Nämlich der Andere wußte immer sehr schöne Spiele anzugeben, die sie zusammen spielten. Immer fiel ihm was Neues ein, und das dachte er sich dann im Stillen so aus, und dem Kleinen – das war merkwürdig – fiel nie etwas ein. Sondern wenn sie zusammen hinaus gingen in Wald und Feld, oder auch wenn sie bei schlechtem Wetter zu Hausespielten, wartete er immer ganz still und geduldig, was der Andere heute Neues angeben würde. Und wenn der es ihm dann gesagt hatte, leuchteten ihm die Augen, und dann mit dem allergrößesten Eifer machte er sich daran, daß er das neue Spiel nur ja recht genau ausführte und so, daß der Bruder zufrieden war.

Da wurde alles Mögliche gespielt. Zum Beispiel »Kaufmann«. Dazu gingen wir am See entlang, an dem unsere Stadt lag. Und an einer Stelle des Ufers lagen eine Masse Kieselsteine. Unter denen suchten wir uns welche aus, und jeder Kieselstein bedeutete ein Geldstück: einen Silbergroschen, ein Fünfgroschen-, ein Zehngroschenstück – damals gab's noch keine Markrechnung – und die schönsten waren Thaler. Dann wurde gezählt bis Hundert, und wer bis dahin die schönsten Kiesel zusammen gesucht hatte, der war der reichste Kaufmann und hatte gewonnen. Und zu Hause hatten wir einen kleinen Verkaufsladen; den hielt die Mutter unter Verschluß. Da war alles Mögliche drin: Mandeln und Rosinen, Pfeffermünzkügelchen und Lakritzenstangen und Mehlweißchen, was so eine Art Pfefferkuchen war; und mit unseren Kieselsteinen kauften wir uns dannvon der Mutter aus dem Laden. Denn die Mutter, die spielte mit uns, aber der Vater nicht. Sondern wenn der dazu kam, störte er uns.

Zwar für gewöhnlich ging er nur ganz rasch durch das Zimmer hindurch, um an seine Acten zu kommen. Aber einmal kam es vor, da blieb er stehen und erkundigte sich, wie das Spiel wäre, und was es für Regeln hätte. Und weil nun, wie das gewöhnlich der Fall war, der Aeltere von den Beiden mehr Kiesel gefunden hatte und also mehr kaufen konnte als der Kleine, so sagte der Vater: »Das ist ja abgeschmackt; natürlich ist da der große Bengel dem Kleinen voraus.« Und dabei griff er ohne Weiteres in den einen Kasten, wo die Rosinen und Mandeln waren, und gab dem Kleinen eine Hand voll. Darauf machte der Kleine ein ganz langes Gesicht und sah sich ganz ängstlich nach dem Bruder um, als ob er es nicht annehmen wollte, weil er fühlte, daß das doch alles Spiel zerstörte. Dann aber, wie ihn der Vater unters Kinn faßte und sagte: »Na, was besinnst Du Dich denn, Hänschen« – denn in Wirklichkeit hieß der Schnudri Hans – da nahm er die Rosinen und Mandeln und fing an, davon zu essen. Dabei aber sah er sich immerwieder nach dem Bruder um. Und im Augenblick, als der Vater hinaus war, lief er auf den Bruder zu und legte ihm die Arme um den Hals und sagte ihm ganz hastig ins Ohr: »Das gilt ja nicht; das weiß ich ja; ich habe auch nur ganz wenig Rosinen gegessen und will Alles gleich wieder hinein thun.« Und damit lief er auch wirklich zu dem Kasten und that Alles wieder hinein, was ihm der Vater gegeben hatte. Alsdann so blieb er an dem Kasten stehen, ganz verschüchtert, als hätte er ein Unrecht begangen, und wie er den Bruder so mitten im Zimmer stehen sah und sah, daß der Bruder mit keinem Auge zu ihm hinsah, sondern immer nur an den Boden vor sich hin, da fragte er ganz kleinlaut: »Wollen wir denn jetzt nicht weiter spielen?« Darauf aber schüttelte der andere den Kopf und sagte: »Nein! Und ich will überhaupt gar nicht mehr spielen!«

Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz still, und dann mit einem Male fing er an zu weinen, bitterlich, und lief zu der Mutter hin und steckte den Kopf in ihren Schoß und sagte: »Ich kann doch nichts dafür! Ich kann doch nichts dafür!«

Und der Andere – der Andere – wenn er damals gewußt hätte, der Andere, was er jetzt weiß – daß er den Ton, mit dem es heraus kam, das: »Ich kann doch nichts dafür!« hören und wieder hören würde, ein Leben lang und auch jetzt noch, da er an die siebzig Jahre alt ist, in so mancher, mancher schlaflosen Nacht – dann würde er gekommen sein und weiter mit ihm gespielt haben und gesagt haben: »Nein, nein, Du kleine, Du feine, Du kluge Seele, Du bist nicht schuld, und ich will Dir nicht weh thun und Dir nicht noch mehr aufladen als Dir schon zu tragen gegeben ist.« Aber weil er das Alles damals nicht wußte, kam er nicht und spielte mit ihm nicht weiter. Und auch als die Mutter ihn rief und mit den traurigen Augen ansah und sagte: »Sei doch nicht so häßlich gegen Deinen kleinen Bruder; sieh doch, wie er sich grämt« – auch da kam er nicht, sondern schüttelte den Kopf und lief zur Stube hinaus. Wie ein Hund lief er hinaus, wie ein böser, verstockter. Denn es war ihm auch zu Muthe wie einem Hunde, der einen Fußtritt bekommen hat. Und das war das Wort, das er vorhin gehört hatte: »Natürlich ist da der große Bengel dem Kleinen voraus!« und derTon, mit dem das Wort heraus gekommen war, der kalte, scheußliche Ton, der ihm jetzt auch noch immer wieder kommt, wenn er Nachts nicht schlafen kann, wie ein Splitter von zerhacktem Eis, mitten hinein ins Herz!

Neben dem »Kaufmannsspiel«, von dem ich gesagt habe, gab es aber noch andere: »Pascher und Grenzsoldat«, »Jagd« und »Post und Reise«, was der Schnudri sehr gern hatte, weil er dabei immer in einem kleinen Wagen gefahren wurde. Und an bestimmten Stellen, wo die »Post« an Hindernisse kam, schmiß der Wagen um; und weil das immer die nämlichen Stellen waren, wußte der Kleine schon vorher, wo er umgeschmissen werden würde, und fürchtete sich immer ein bißchen, aber er freute sich doch noch mehr und bereitete sich vor, und jedesmal gab es dann ein Gequietsche vor lauter Vergnügen.

Das schönste von allen Spielen aber war das »Matrosenspiel«, das konnten wir aber nicht alle Tage spielen, sondern immer nur, wenn der Wind wehte; und je mehr Wind, um so besser. Dann ging es in den Wald hinaus. In dem Walde stand eine alte, große Linde; und auf die klettertenwir hinauf. Die Linde, das war unser Schiff. Darum, wenn wir in die Nähe von dem Baume kamen, commandirte der Aeltere: »Alle Mann an Bord!« und dann krähte der Kleine hinter drein: »Alle Mann an Bord!« und lief, so schnell er laufen konnte, daß er an den Baum und hinauf kam. Aber das wurde ihm jedesmal etwas schwer. Denn obschon die Zweige der Linde ziemlich tief ansetzten, war es doch für den kleinen Jungen zu hoch; darum mußte ihm immer der Andere, der vorauf geklettert war und schon in der untersten Gabel stand, die Hand hinunter reichen, und an seiner Hand zog er sich dann hinauf. Alsdann so hieß es: »Matrosen in die Toppen!« und der Schnudri krähte wieder nach. Dann wurde weiter hinauf geklettert, und der Baum war jetzt unser Mast. Und wenn der Wind den Mastbaum packte und herüber beugte und hinüber, dann war das ein herrliches Vergnügen. Wenn die Aeste durch einander rauschten und aneinander schlugen, dann hieß es: »Die Taue knarren!« und: »Die Taue knarren!« wiederholte der Kleine. »Es ist ein mächtiger Sturm« – »es ist ein mächtiger Sturm.« Dann holten wir unsere Taschentücher hervor und faßten die Zipfel zusammen und hielten sie so,daß sich der Wind hinein setzte und sie aufbauschte wie kleine Segel. »Jetzt segeln wir!« sagte der Aeltere; »jetzt segeln wir!« sagte der Kleine. »Hü – wie das geht!« »Hü – wie das geht!«

Und wenn wir dann eine Zeit lang gesegelt waren, ging es noch einmal den Baum hinauf, immer höher, beinahe bis in die Spitze. Da war es am schönsten. Da zweigten sich mehrere Aeste nach rechts und links, so daß eine ziemlich große Gabel entstand. Und wenn wir uns dicht zu einander drängten, konnten wir beide in der Gabel sitzen. Das war die Cajüte. Und da setzten wir uns dann hinein, und der Kleine, weil er sich immer ein bißchen fürchtete, hielt sich mit seinem einen Arm an den Aesten, mit dem anderen schlang er sich um den Bruder, ganz eng, ganz eng. Und wenn er sich so an mich drückte, dann konnte ich sein Herz an meinem Leibe schlagen fühlen; das ging immer so rasch: puck, puck, puck; beinahe als wenn es flatterte wie ein kleiner Vogel, oder als wenn es das Pendel einer Uhr gewesen wäre, die zu rasch lief, zu rasch. Aber das Alles habe ich mir erst später gesagt, als die Uhr abgelaufen war und das Pendel stand. Damals gab ich nichtAcht darauf. Damals war ich ja selbst noch ein Kind, und daran, daß ein Kind sterben könnte, daran denkt ein gesundes Kind nicht. Wenn also nun die Beiden in ihrer Cajüte saßen und der Wind sie wiegte herüber – hinüber, herüber – hinüber, dann nach einem Weilchen fing der Schnudri an und fragte: »Wo fahren wir denn jetzt?« Denn er wußte, daß er so fragen mußte, weil das zum Spiel gehörte. Und dann sagte der Andere: »Jetzt fahren wir an Spitzbergen vorbei nach dem Nordpol« oder: »Jetzt fahren wir nach Ostindien.« Und jedesmal wußte der Schnudri, was er darauf zu sagen und zu thun hatte, und das that er auch immer wie am Schnürchen. Wenn es hieß: »Nach Spitzbergen!« dann fing er an zu schnattern, als wenn ihn fröre, und rief: »Na ja, darum wird es ja auch so kalt! Puh! Und da kommt ja schon ein Eisbär gelaufen! Den müssen wir schießen. Puff – da liegt er.« Dagegen, wenn es hieß, daß wir nach Indien führen, dann fing er an zu schnaufen wie vor Hitze: »Na ja,« sagte er dann, »da sehe ich ja schon die große Stadt Calcutta. Und da kommt ja auch schon der Großmogul. Guten Morgen, Herr Großmogul, wie haben Sie geschlafen?«Und jedesmal, wenn er den Großmogul begrüßte, war ihm das so komisch, daß er lachte, lachte, daß sein magerer, kleiner Körper an meinem Leibe schütterte. Und das Alles hatte sich der Aeltere ausgedacht. Immer fuhr er mit dem kleinen Bruder durch die weite Welt, immerfort erzählte er ihm, und Alles, was er erzählte, stand ihm immer ganz leibhaftig vor Augen. »Jetzt fahren wir durch den indischen Ocean,« hieß es; »der ist so blau, daß, wenn man die Hand hinein taucht, kommt sie wieder heraus, als wenn man sie in blaue Tinte gesteckt hätte. Der ist so tief – wohl zwanzigtausend Meilen tief. Und ganz, ganz unten ist es wunderschön. Da sind große Wiesen, aber die sind nicht grün wie die hier oben, sondern ganz blau. Und auf diesen Wiesen gehen die Meermänner spazieren und auf die Jagd. Und wie man hier oben nach Hirschen und Rehen jagt, so jagen sie da unten nach Fischen. Aber natürlich nicht mit Flinten; die würden ja im Wasser nicht losgehen, sondern mit Spießen. Und die Spieße sind ganz von Gold und haben Spitzen von lauter Diamanten. Und jetzt steigen wir aus,« hieß es weiter, »und jetzt sind wir in China. Da laufendie Chinesen herum, und die sind so gelb, daß ihre Köpfe aussehen wie Citronen, und die Augen darin sind so klein wie kleine, schwarze Rosinen. Jetzt kommen wir an die große Mauer. Und auf der großen Mauer da laufen immerfort die Wächter auf und ab und lassen Niemanden heraus und Niemanden hinein, wenn er nicht die Parole weiß. Und die Parole, die heißt: ›Plumpudding‹.«

Und jedesmal, wenn der Schnudri das hörte, wurde er ganz schwach vor Lachen und drückte seinen Kopf und sein Gesicht an den Bruder und stöhnte zuletzt, weil er nicht mehr lachen konnte: »Oh – oh – oh!«

»Und weil wir die Parole gewußt haben,« erzählte der Andere weiter, »sind wir durch die große Mauer durchgekommen, und jetzt sind wir in einem Wald, der ist so groß, daß er gar kein Ende hat; so groß wie ganz Asien. Und in dem Walde sind alle Thiere, die man sich nur denken kann: Löwen und Tiger, Hirsche und Rehe, Elephanten und Giraffen, und dann noch eines, das ist das merkwürdigste von allen, ein Thier, das es sonst gar nicht weiter giebt, das Einhorn.« Und jedesmal, wenn der Kleine von dem Einhorn hörte, machte er ganz große Augen und hörte ganz lautloszu. Und der Andere beschrieb es ihm dann so genau, als hätte er es eben erst gesehen: »Das ist ein Thier ungefähr wie ein Pferd und ganz weiß. Aber nicht wie ein Schimmel so weiß, sondern viel weißer noch, wie es sich gar nicht beschreiben läßt. Auf der Stirn hat es ein Horn, aber nicht ein so krummes wie das Nashorn eins hat, sondern ganz grade und lang und so spitz wie eine Lanze. Von seinen vier Hufen ist der eine von Gold, der andere von Silber, der dritte ist so schwarz wie eine Steinkohle und der vierte wie einer von den blauen Steinen, wie Mama welche um den Hals trägt.« Unsere Mutter trug nämlich einen Halsschmuck von Amethysten.

Und das Alles sich auszudenken und zu erzählen, machte dem Anderen solches Vergnügen, daß er oft gar nicht aufhören konnte und es manchmal beinahe schon dunkel war, wenn sie von ihrem Baume herunter kletterten und alsdann – was hast Du, was kannst Du – machten, daß sie nach Hause kamen. Und mit dem Allen, was er gehört hatte, war der Kleine dann immer so voll geladen wie eine kleine Kanone, daß er es gar nicht aushielt, sondern losschießen mußte gegen irgend Jemanden. Das war dann gewöhnlich dieMutter. Auf die lief er mit ausgebreiteten Armen zu und prustete vor Lachen: »Mama, Mama, weißt Du, wie die Parole heißt, damit sie Einen durchlassen durch die große Mauer? ›Plumpudding! Plumpudding!‹«

Und weil die Mutter sich immer freute, wenn der Kleine vergnügt war, nahm sie ihn dann manchmal auf den Schoß und ließ sich noch mehr von ihm erzählen, und wenn sie dann hörte, was sich ihr Aeltester Alles ausgedacht hatte, schüttelte sie manchmal leise den Kopf und sah sich nach ihm um und lächelte. Das war dann jedesmal so merkwürdig anzusehen, halb traurig, halb freudig, aber Alles zusammen so sanft, so schön, so – so – Aber einmal wieder, als der Schnudri auf ihrem Schoße saß und ihr gerade erzählte, was er von dem Einhorn gehört hatte, da erschien der Vater auf der Schwelle von seinem Arbeitszimmer. Es hatte ihn Niemand kommen sehen, und erst als er plötzlich sagte: »Von wem hast Du denn all' das dumme Zeug?« da merkten wir, daß er da war.

Alsdann, wie der Kleine stumm wurde, wie er das immer wurde, wenn der Vater zu ihm sprach, faßte er ihn wieder unters Kinn undsagte: »Wer hat Dir denn das Alles erzählt, Hänschen?« Darauf drehte der Schnudri ganz ängstlich das Gesicht zu dem Bruder herum, und der Vater zuckte die Achseln, wie wenn er sagen wollte: »Na ja! – Das ist doch die Abgeschmacktheit in der Potenz,« sagte er darauf zu dem Anderen, »daß Du Deinem kleinen Bruder solchen Unsinn vorerzählst! Besser, als daß Du Dich mit Einhörnern und solchem Zeug abgiebst, wäre es, wenn Du Dich mit Deinen Rechnenaufgaben beschäftigtest. Deine Censur im Rechnen und Mathematik ist wieder einmal miserabel ausgefallen.«

Darin hatte er nun recht. Denn Mathematik, und was damit zusammenhing, wollte dem Jungen absolut nicht in den Kopf. Darum, als der Vater die Thür wieder hinter sich zugeworfen hatte, stand er wie vor den Kopf geschlagen da. Er schämte sich. Aber nicht darüber, daß er im Rechnen und Mathematik nichts taugte, sondern es war eine ganz andere Scham in ihm, eine viel tiefere, schlimmere. Wie ein heißes Feuer stieg sie in seinem Innern auf und ging ihm über den ganzen Leib, daß er feuerroth wurde von Kopf zu Füßen. Kein Feuer, das den Menschen erleuchtet, sondern im Gegentheil ein rauchiges, dasAlles dunkel machte da drinnen. Und der Rauch, der sich damals in der Seele des Jungen entwickelte – wenn ich überlege – ganz hat er sich eigentlich nie wieder verzogen, bis heute, siebzig Jahre lang.

Denn das Schlimmste war, daß er eigentlich nicht sagen konnte, warum er sich schämte. Denn er war ja noch ein Kind. Zwar dem Kleinen gegenüber hieß er ja immer »der Große«. Aber er war noch nicht groß, war auch noch ein Kind.

Immer, wenn er dem kleinen Bruder erzählte von dem indischen Ocean, von dem großen Wald und dem Einhorn im Walde, war ihm das so gegenwärtig gewesen, daß er zuletzt gar nicht mehr fragte, ob es wahr sei oder nicht. Und weil das Alles so etwas ganz Anderes war als das, was er in der Schule zu lernen und zu arbeiten hatte, versteckte er es wie eine geheimnißvolle Sache, beinahe wie eine verbotene in sich. Nur dem kleinen Bruder erzählte er es, und dem band er es auf die Seele: »Du darfst Niemandem davon sagen, höchstens der Mama.«

Und nun war doch Alles an den Tag gekommen. Und im Augenblick, als es heraus kam, war auch gleich so hineingefahren worden. Alleswar dummer Unsinn! Darum schämte er sich. Denn er war damals noch zu klein, um sich gegen den Verstand zur Wehr zu setzen, der ihm da gegenüber stand; er wußte damals noch nicht, daß gar nicht Alles Unsinn ist, was solch einem kalten, abstrakten Juristenverstande so erscheint.

Seine Erzählungen, das war ihm immer gewesen wie eine andere Welt, in der er sich vor seinem Vater versteckte und vor seinem Mathematiklehrer. Und nun war das Alles aufgedeckt und gab's kein Versteck mehr. Darum war der schwarze Rauch in ihm, von dem ich gesagt habe; und er grämte sich, grämte sich.

Zwar am nächsten Tage stieg er wieder mit dem kleinen Bruder auf den Baum, und als sie in der Cajüte saßen, wollte er wieder anfangen, zu erzählen. Im Augenblick aber, als er den Mund aufthat, war es ihm, als hörte er das von gestern: »Das ist ja die Abgeschmacktheit in der Potenz« – ganz deutlich, mit dem kalten, verächtlichen, gräßlichen Ton – und das Wort brach ihm vom Munde ab; er sah nichts mehr vom indischen Ocean und vom Wald und vom Einhorn, sondern nur noch die graue Schiefertafel zu Hause, wo er ein Exempel zu rechnen hatte.Und als der kleine Bruder ganz schüchtern fragte: »Fahren wir denn heute nicht?« sagte er kurz und wild: »Nein – kann nicht mehr,« und stieg vom Baum hinunter, der Kleine ganz stumm hinter drein, und ging mit ihm nach Hause und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort, denn in seinem Herzen war die Verzweiflung.

Und an dem Allen – daß das Alles so gekommen war, das hatte ihm doch eigentlich der kleine Bruder angerichtet. Zwar, wenn er gerecht gewesen wäre, hätte er sich ja sagen müssen, daß der Kleine gar nicht schuld daran war. Der Mama hatte er es erzählt, und das hatte er ihm ja selbst erlaubt, und hatte nicht gemerkt, daß der Vater hinzugekommen war. Weil er sich vor Freude gar nicht zu lassen vermochte, hatte er Alles ausgeschwatzt, aus lauter Bewunderung. Das Alles hätte er sich sagen müssen, wenn er gerecht gewesen wäre. Aber er war nicht gerecht. Er hatte vom Vater das Temperament geerbt, das böse, heftige, während der Kleine sanft war, wie die Mutter. Darum wurde Alles stumm in ihm, was da zum Guten reden wollte, und nur der Groll blieb lebendig, der finstere, verstockte. Der kleine Bruder war doch an Allem schuld.Und von dem Tage an nistete sich in seinem Herzen etwas ein, etwas Schreckliches, so eine Art von Haß gegen den kleinen Bruder.

Eine Art von Haß, mit Neid vermischt. Denn was er schon lange dunkel gefühlt hatte, das wurde ihm nun immer deutlicher: daß der Kleine dem Vater lieber war als er. Vielleicht eben, weil der Vater in ihm das nämliche Temperament spürte, wie in sich selbst, das ihm wahrscheinlich böse Stunden bereitete, von denen er Niemandem etwas sagte; während der Kleine, wie ich schon gesagt habe, ganz das sanfte, liebe Temperament von der Mutter hatte. Auch in der Schule war der Kleine ganz anders als der Andere; ein viel besseres Lern-Kind; schrieb eine viel sauberere Handschrift, rechnete viel besser, ja sogar sehr gut; brachte auch immer sehr gute Censuren nach Hause. War mit seiner Kleidung viel ordentlicher, überhaupt in Allem viel gründlicher, so daß es eigentlich gar nicht zu verwundern war, daß der Vater ihn lieber mochte als den Andern.

Aber das ist eben das Leiden in den Kindern, daß sie keine Vernunftgründe haben, um ihrem Gefühle aufzuhelfen, wenn es verwundet wird. Und darum – wer ein Kind in seinem Gefühleverwundet, der begeht ein Verbrechen – ein – ein –

Und darum, weil der Junge fühlte, daß sein Vater häßlich gegen ihn war und lieblos, fing er an, seinen Vater zu hassen. Und in dem Vater auch den kleinen Bruder, den der Vater mehr liebte als ihn. Darum, wenn der Kleine mit ihm spazieren ging und mit ihm spielen wollte, sagte er bei sich: »So – also? Zu Hause bist du schon der Verzug und Hahn im Korbe, und nun bin ich Dir gut dazu, daß ich Dir auch noch zu Gefallen sein soll?« Und dann, wenn der kleine Bruder nach seiner Hand griff und sich daran hängen wollte, zog er die Hand zurück und gab sie ihm nicht. Wenn der Kleine mit den stummen Augen zu ihm aufsah, ob er ihn nicht wieder einmal »Schnudri« nennen würde, nannte er ihn »Hans«, und wenn er wartete und lauschte, ob sie nicht wieder einmal auf den Baum und in die Cajüte steigen und durch die Welt reisen würden, biß er die Zähne auf einander und spielte nicht und erzählte ihm nichts.

Und nun weiß ich nicht, ob der arme, kleine Junge sich dessen bewußt war, was in der Seele des Bruders vorging; aber das Eine weiß ich,daß er stiller wurde und trauriger von einem Tage zum andern. Er war ja krank, und solche kranken Kinder – das ist ja, als wenn sie schon vom jenseitigen Licht etwas in den Augen hätten, daß sie wie kleine Hellseher Dinge sehen, allen Erwachsenen verborgen. Wohl möglich darum, daß er wohl geahnt hat, was für ein Wurm an dem Herzen des Bruders fraß. Und wenn er es gefühlt hat, was muß sie dann gelitten haben, die arme, stumme Seele, die kleine! Da er doch fühlte, daß er nicht schuld war und nicht ändern konnte, nicht helfen!

Damals habe ich erfahren, daß die Seelen der Menschen einander ansehen können, ohne daß sie die Augen, mit einander sprechen können, ohne daß sie den Mund brauchen; habe erfahren, daß der Mensch für den Nebenmenschen ein Kraut ist, an dem er sich das Leben essen kann – oder den Tod.

Ja, es gibt solche Seelen, in deren Nähe wir aufblühen; und was man die großen Menschen nennt, sind eben solche, an deren Seele tausende aufblühen, während an dem gewöhnlichen Menschen nur eine oder ein paar. Und es giebt dagegen Seelen, von denen der eisige Frost zu uns herüberweht,so daß wir an ihnen verkommen und verwelken. Und so ist es damals gewesen, daß der kleine Junge verwelkt ist an der Seele seines Bruders, neben der er herging wie ein armer, kleiner Bettler, weil er sie brauchte, und die der Andere vor ihm zuschloß wie ein hartherziger Schuft!

Ich habe das Leben kennen gelernt seitdem und Dinge verstehen gelernt, die ich damals nicht verstand. Ich habe es mir wiederholt, tausend und tausendmal, daß er krank war, der Kleine, und gestorben sein würde so wie so. Aber in der schlaflosen Nacht, in der schrecklich geheimnißvollen Stunde, wo uns die Dinge gegenüber treten, so, wie sie sind, wo kein Tageslärm die Stimme des Gewissens übertönt, und kein Sonnenlicht das Nachtgesicht der Reue verdunkelt, da ist das Bewußtsein über mich hergefallen und hat zu mir gesprochen: »Es ist nicht wahr, was Du Dir einredest. Er ist verwelkt und verkommen an Deinem bösen, finstern, harten Herzen, Dein kleiner Bruder, Dein armer, weicher, kleiner Bruder!« Und daß er mir das später ins Gesicht gesagt hat, der Mann – er – der Eishacker – so wie er mir Alles sagte, ins Gesicht hinein,ohne alle Rücksicht, das hat einen Riß zwischen uns gemacht, über den ich nicht wieder hinweg gekommen bin, hat mir mein Leben vergiftet; denn das Leben eines Menschen ist vergiftet, der in Feindschaft seines Vaters gedenkt.

Als nun die Eltern merkten, daß der Kleine immer blässer wurde und immer elender, da natürlich schlossen sie ihn immer zärtlicher in ihr Herz. Und weil sie anfingen, sich um ihn zu sorgen, so forschten sie nach, woher es kommen möchte, daß es so bergab mit ihm ging. Aber zunächst bekamen sie es nicht heraus, denn der kleine Junge sagte nichts. Allen Gram, den ihm der Bruder bereitete, verschloß er in seinem stummen Herzen, und davon wurde das kranke, kleine Herz natürlich noch kränker. Er wollte den Bruder nicht verrathen. Immer, wenn der Vater so hart zu dem Anderen sprach, dann sah man, wie der Kleine darunter litt, weil er doch den Bruder so lieb hatte. Dann zuckte es ihm durch den ganzen kleinen Körper, und sein Gesicht wurde ganz lang und sah gar nicht mehr wie ein Kindergesicht aus, sondern wie das eines alten Menschen. Und das war jedesmal ein so jämmerlicher Anblick, daß die Mutter es gar nicht mehr mit ansehen konnte;und darum kam es vor, wenn der Vater so heftig, beinahe wüthend gegen den Anderen losfuhr, daß sie aufstand und sagte: »Aber Graumann« – denn das war merkwürdig, daß sie ihn nie beim Vornamen nannte –, »aber Graumann, denk doch an Hänschen! Sieh doch Hänschen an!« Und dann brach der Vater in seinem Strafgericht ab und nahm Hänschen unters Kinn und streichelte ihn und ging hinaus. Aber dem Anderen gönnte er darum doch kein gutes Wort, so daß alsdann die Mutter aufstand und den Kopf des Anderen in ihre Arme nahm und ihn küßte. Und dabei weinte sie – weinte, – denn sie fühlte, was sich da anspann zwischen Vater und Kind; daß das etwas Böses, etwas Schreckliches war. Und von da an wurde auch die Mutter immer stiller und immer trauriger.

Eines Tages aber, als der Kleine mit der Mutter allein war, muß ihm doch das Herz übergegangen sein, und er muß der Mutter erzählt haben, wie es zwischen ihm und dem Bruder stand. Und ob der Vater wieder dazu gekommen ist – ich weiß es nicht – aber soviel ist sicher, er hatte es auch erfahren. Und sobalder es erfahren hatte, muß ihm gleich die Wuth zu Kopfe gestiegen sein, denn mit einer Stimme, daß das ganze Haus erdröhnte, rief er den Anderen herein. Und wie der nun vor ihm stand und ihn nicht ansah, weil er ihn nicht mehr ansehen konnte, sondern den Kopf zur Erde senkte, da muß er sich jedenfalls gedacht haben, daß es ein böser, schlechter, verstockter Bube sei, mit dem man nicht anders sprechen dürfe, als mit äußerster Strenge. Und vielleicht, wenn er in dem Augenblicke sanft und freundlich zu ihm gesprochen und ihm vorgestellt hätte, wie unrecht das war, was er an dem kleinen Bruder that, vielleicht, daß dann Alles geschmolzen wäre, was sich in der verrauchten Seele zu verhärten angefangen hatte, daß Alles noch gut geworden wäre; aber statt dessen ging es gleich in einem Tone los, als wäre jedes Wort ein Peitschenhieb gewesen, der den Jungen zusammenhauen sollte. »Und jetzt auf der Stelle gehst Du mit Deinem kleinen Bruder! Und gehst ordentlich, langsam mit ihm spazieren! Und wenn Ihr nachher nach Hause kommt, erkundige ich mich. Und wenn Du's anders gemacht hast, sprechen wir uns anders!«

Und damit wies er uns hinaus. Und ichmußte den Schnudri an der Hand nehmen, und die kleine, magere Hand zitterte in der meinigen. Sie zitterte! Die Hand des Brüderchens zitterte in des Bruders Hand! Und der Bruder fühlte es, er sah die eingefallenen Wangen und die Augen darüber, mit dem hohlen Blick. Und in seinem Herzen war keine Mahnerstimme, die ihn warnte, vorsichtig zu sein mit dem gebrechlichen, kleinen Geschöpf, in seiner Seele kein Mitleid, kein Erbarmen, sondern nur Gefühl für das eigene Leid und die eigene Beschimpfung und die eigene Kränkung. Und jetzt hatte er es ja vor Augen, daß es der kleine Bruder gewesen war, der ihm das eingerührt hatte. Darum gewann der Teufel Macht über ihn, und in seiner verwilderten Seele stieg ein scheußlicher Gedanke auf: Rache! Er nahm den kleinen Wagen mit, den sie brauchten, wenn sie »Post und Reise« spielten, und sprach kein Wort, und der Kleine ging lautlos neben ihm her. Als sie ins Feld hinaus gekommen waren, sagte er: »Wir wollen Post und Reise spielen, setz' Dich ein«. Und obwohl man dem Kleinen ansah, daß er sich fürchtete, wirklich fürchtete, that er doch ganz gehorsam, was ihm der Andere befohlen hatte, und setzte sich still in das Wägelchen.Nur mit den Händen hielt er sich fest an den Seiten des Wagens, beinahe krampfhaft. Aber das hatte der Andere wohl bemerkt, die Canaille, und er dachte bei sich: »Das soll Dir doch nichts helfen«. Darauf nahm er die Deichsel des Wagens in die Hände und fing an zu laufen und den Wagen hinter sich her zu ziehen, immer schneller, immer toller, immer wilder. Und wie das so über Stock und Stein ging und gar nicht den gewohnten Weg, da fing der Kleine an zu merken, daß das gar kein Spiel mehr war wie früher, sondern ganz etwas Anderes; er fing an zu weinen und dann zu schreien, ganz laut, ganz kläglich. Aber der Andere that, als hörte er es nicht, und plötzlich an einer Stelle, wo der Kleine es sich nicht versah, mit einem Krach warf er den Wagen um, so daß der kleine Kerl hinausflog und mit Kopf und Gesicht auf die Erde schlug. Und so, mit dem Gesicht an der Erde, blieb er liegen, eine lange Zeit, eine merkwürdig lange Zeit, daß es fast unheimlich wurde. Und als er sich dann endlich aufrichtete, da hatte er eine dicke Beule an der Stirn. Denn an der Stelle, wo der Andereihn umgeworfen hatte, lagen Steine, und auf einen davon war er mit der Stirn aufgeschlagen.

Als der Andere das sah, bekam er einen Schreck, und so niederträchtig er auch schon geworden war, so that ihm das Brüderchen in dem Augenblick doch leid. Darum wollte er ihm die Erde vom Gesicht abwischen und ihm gut zureden.

Aber inzwischen hatte sich der Kleine aufgesetzt und die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf auf die Kniee gesenkt und schluchzte vor sich hin. Und wie der Bruder herantrat und ihn trösten wollte, schüttelte er den Kopf, als sollte er nicht kommen, sollte nicht kommen. Und wenn er in dem Augenblick aufgestanden wäre und dem Anderen eine Strafpredigt gehalten hätte wegen seiner Schändlichkeit, so wäre es nicht halb so schrecklich gewesen wie der kleine, stumme Kopf, der immer hin und her ging, hin und her, so traurig, als wären die Gedanken darin so trostlos gewesen, daß kein Mund sie aussprechen konnte. Darum blieb der Andere stehen, wo er stand, und getraute sich kein Wort zu sagen und wartete, bis daß der Kleine von selbst aufstand und anfing, nach Hause zu gehen. Und auf demNachhauseweg gingen sie neben einander her; der Kleine faßte nicht nach der Hand des Bruders, sah nicht zu ihm auf, und der Andere sah nicht zu ihm hin, und das Schweigen, das zwischen den Brüdern war, redete eine Sprache – eine Sprache –

Zu Hause natürlich wurde die Beule sogleich entdeckt, und es kam auch heraus, wie er zu der Beule gekommen war, und es dauerte nicht lange, so wußte auch der Vater, was geschehen war.

Und da zeigte es sich, wie das ist, wenn ein Mensch seine Leidenschaft immer hinunterschluckt, und die Leidenschaft eines Tages sich nicht mehr halten läßt, sondern herausbricht. Denn für gewöhnlich hatte er so kalte Augen und Züge wie von Stein. Aber an dem Tage, als er gehört hatte, was geschehen war, wurden die Augen – ganz gräßlich wurden sie, – die Glieder flogen ihm am Leibe, und wenn nicht in dem Augenblicke die Mutter dazwischen gefahren wäre – mit einem Schrei kam sie zwischen beide – so glaube ich, er hätte den Jungen am Halse genommen und erwürgt. Weil aber die Mutter dazwischen kam, blieb er stehen und wollte etwas sagen. Dennzuerst konnte er nicht sprechen, so furchtbar war die Aufregung in ihm und die Wuth. Und endlich sagte er: »Solch ein niederträchtiger Lümmel!« Und als der Junge das hörte und den Vater vor sich stehen sah und fühlte, wie der Vater ihn haßte, da kam etwas über ihn, – als wenn er verrückt geworden wäre in dem Augenblick – als wenn ein wildes Thier in seinem Leibe gesessen hätte und plötzlich heraus kam. Da vergaß er, daß der Mann ihm gegenüber sein Vater war, daß der Mann ein starker, erwachsener Mann war, der ihn mit einem Streich in Grund und Boden hätte schmettern können. Er hob beide Fäuste auf und ballte sie und stieß damit in die Luft nach dem Vater hin und schrie, – so laut er konnte, schrie er: »An dem Allen bist Du schuld! Du! Du! Ich habe eine Menge mit dem Schnudri gespielt. Und die Spiele haben ihm immer sehr gut gefallen. Und dann hast Du uns alle Spiele zu nichte gemacht. Und aus unserem Laden hast Du die Mandeln und Rosinen genommen. Und hast gesagt, ich wäre ein großer Bengel. Und hast sie an den Schnudri gegeben. Und was ich dem Schnudri erzählt habe von dem Einhorn in dem großen Walde, das wärealles Unsinn, hast Du gesagt. Und darum kann ich ihm nichts mehr erzählen. Und weiß nicht mehr, was ich mit ihm spielen soll. Und daß das Alles so gekommen ist –«

In dem Augenblick aber stürzte sich die Mutter auf den Jungen. Wie eine Verzweifelte stürzte sie sich auf ihn und hielt ihm die Hände, beide weiche Hände, vor den Mund, – ja – es sind sechzig Jahre her, – und noch jetzt fühle ich, wie weich die Hände waren, die sie dem Jungen vor den Mund drückte. Und als der Junge die Hände an seinem Gesicht fühlte, fing er an zu weinen, zu heulen. Denn er fühlte, was er an dem kleinen Bruder gethan hatte, und fühlte, wie gräßlich das Alles war, daß er so sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen, nicht helfen. Und als er so zu heulen anfing, drückte die Mutter seinen Kopf an sich, fest, als wenn sie ihn ersticken wollte mit seinem Weinen. Und ihren Shawl – denn es fror sie damals schon immer so, und darum trug sie auch in der Stube immer einen Shawl – ihren Shawl, den wickelte sie förmlich um dem Jungen seinen Kopf, als wenn sie ihn verstecken wollte. Vielleicht, weil es ihr graute, ihn anzusehen, vielleichtauch, weil sie ihn schützen wollte. Und zu dem Allen sprach sie kein Wort. Nur das Keuchen konnte ich hören, mit dem ihre Brust ging, als sie mich an sich drückte, so fest, so fest, so fest. Dann riß sie ihn fort, aus dem Zimmer hinaus. Als sie mit ihm auf den Flur gekommen war, ließ sie ihn los. Aber es war nicht, als wenn sie ihn freiwillig losließe, sondern die Arme fielen ihr herab, wie von selbst. Und auf dem Flur stand eine Bank. Auf die setzte sie sich. Aber es sah wieder nicht so aus, als ob sie sich freiwillig setzte, sondern als ob sie darauf niederfiele. Ihr Kopf fiel hinten über an die Wand. Sie machte beide Augen zu, ihr Gesicht wurde so blaß, als wenn gar kein Blut mehr darin gewesen wäre, und der Mund ging ihr halb auf, so daß sie aussah wie eine Todte. Als der Junge, der vor ihr stand und immer auf sie hinblickte, das sah, wollte er wieder anfangen zu schreien und zu heulen. Aber da that sie die Augen auf, riß sie auf, und die Augen waren so verstört, so verstört. Und wollte etwas sagen, konnte aber nicht sprechen, sondern winkte ihn heran. Und da kniete der Junge vor ihr nieder, zwischen ihren Knieen, und umfaßte ihre Kniee mit seinen beiden Armen.Und sie beugte sich auf seinen Kopf, legte die Hände auf seinen Kopf, faltete die Hände auf seinem Kopf. Auf die gefalteten Hände drückte sie das Gesicht. Und dann kam ihr das Weinen. Und so furchtbar weinte sie, so furchtbar, daß ihr ganzer Leib sich schüttelte und zuckte. Und während sie so weinte, sprach sie immer vor sich hin, sie murmelte nur, so daß der Junge nicht verstehen konnte, was sie sagte. Aber es klang, als wenn sie betete. Und sicherlich war es auch so; sicherlich hat sie in dem Augenblick gebetet für die Seele ihres Kindes, für die arme, verlorene Seele. Sicherlich hat sie vorausgesehen in dem Augenblick in die weite, weite Zukunft, in die Zeit, wo sie nicht mehr da sein würde, um ihm zu helfen, um die Einzige zu sein, die ihn noch liebte, und hat geahnt, was für eine Zeit das für ihn sein würde, was für ein Leben! Was für ein Leben!


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