Nachdem sie alsdann zu weinen aufgehört hatte, that sie die Hände vom Kopfe des Jungen und legte sie um sein Gesicht und zog seinen Kopf zu sich herauf, so daß sie ihm ins Ohr sprechen konnte, und dann sagte sie: »Weißt Du denn nicht mehr, was ich Dir gesagt habe? DaßKindern, die nach ihren Eltern schlagen, die Hände aus dem Grabe wachsen? Wie konntest Du denn nur die Fäuste gegen den Papa erheben? Warum bist Du denn jetzt so? So häßlich und böse gegen Deinen kleinen Bruder? Siehst Du denn nicht, wie er sich grämt? Weil er Dich doch so lieb hat! Hänschen ist doch so schwach; also solltest Du doch doppelt gut zu ihm sein. Und statt dessen wirfst Du ihn mit dem Wagen um, so daß er sich Beulen an den Kopf schlägt. Weißt Du denn nicht, daß Du Deiner Mutter das Herz brichst, wenn Du so bist? Willst Du denn das? Hast Du denn Deine Mutter gar nicht ein bißchen lieb?«
Und indem sie so sprach, hielt sie den Kopf ihres Jungen an ihre weiche Brust gedrückt, ein so milder Hauch ging von ihr aus, von ihrem Kleide, ihrem Munde, ihrem ganzen Wesen, beinahe, wie ein Duft von Blumen, und doch noch anders, noch lieblicher, und indem der Junge die holde Luft athmete und ihre sanften, traurigen Worte hörte und daran dachte, wie er sie da eben hatte sitzen sehen, so blaß, beinahe als wenn sie todt gewesen wäre, und eine Ahnung ihm kam, daß das Alles, was er da umfaßt hielt, die Güte,die Liebe, die Mutter, daß ihm das Alles einmal verloren gehen könnte und er dann nichts mehr haben würde, nichts, da kam ihm die Reue, der Kummer, der Jammer, und all' der Neid, der sein Herz verbittert hatte, all' die Verstocktheit, die seine Seele verhärtet hatte, all' das Böse, Schlechte, Niederträchtige wurde noch einmal weich, und er wurde noch einmal wieder gut; denn von Haus aus war er nicht schlecht, war es nicht, – nur Fußtritte konnte er nicht vertragen. Darum, statt daß er vorhin geheult hatte, fing er jetzt an, bitterlich zu weinen, und küßte die Mutter ins Gesicht, immer wieder und noch einmal.
Und weil sie eine so feine Seele war, eine so kluge, eine, wie ich gesagt habe, daß die Menschen daran aufblühen und warm und lebendig werden, so mochte sie wohl fühlen, daß es jetzt nicht gut gewesen wäre, wenn sie dem Jungen noch mehr zusetzte, sondern daß es am besten war, wie es jetzt war. Darum streichelte sie ihm das Haar und küßte ihn und sagte nur: »Und morgen, nicht wahr, gehst Du wieder wie früher mit Hänschen? Und spielst mit ihm? Und bist gut zu ihm? Bist wieder mein lieber Junge?«
Und darauf nickte der Junge, – Alles wollte er thun, Alles.
Und alsdann ging sie in die Stube zurück und kam dann wieder heraus und führte den Kleinen an der Hand mit sich. Dem Kleinen hatten sie inzwischen, der Beule wegen, den Kopf verbunden; und wie das kleine Gesicht unter dem weißen Verbande beinahe verschwand, sah das so jämmerlich aus, so jämmerlich, daß der Andere wieder zu weinen anfing. Aber da sagte die Mutter: »Hör' nur jetzt auf zu weinen; morgen ist Hänschens Kopf wieder heil, und dann ist Alles wieder gut. Nicht wahr, Hänschen?« Darauf hing sich der Kleine an ihr Kleid und sah zu der Mutter auf und dann auf den Bruder und dann wieder auf die Mutter und sagte: »Post und Reise will ich nicht wieder spielen.« Und die Mutter drückte ihn an sich, ganz vorsichtig, daß sie ihm nicht wehe that, und sagte: »Nein, nein, er wird etwas Anderes mit Dir spielen. Ihr habt ja noch eine Menge anderer Spiele. Aber jetzt gebt Euch die Hände, gebt Euch die Hände.«
Aber da sah es so aus, als wenn der Kleine sich fürchtete, und es zuckte ihm durch denLeib, wie es immer geschah, wenn der Vater zu ihm sprach, vor dem er sich auch immer fürchtete. Darum nahm die Mutter seine kleine Hand in ihre Hand und winkte den Bruder heran und sagte: »Komm her und gib Hänschen die Hand und sag ihm, Du wirst ihm nie wieder weh thun.« Und unter Stocken und Schluchzen nahm der die Hand des Brüderchens und sprach nach, wie die Mutter ihn geheißen.
Alsdann so setzte sie sich auf die Bank, auf der sie vorhin gesessen hatte; den Schnudri nahm sie auf ihren Schoß, und den Anderen winkte sie heran, daß er sich zu ihr setzen sollte, an ihre andere Seite. Mit dem rechten Arme hielt sie den Kleinen an sich, den linken hatte sie um den Anderen geschlungen, und so saßen die Dreie, und keines sprach ein Wort, so daß eine tiefe Stille entstand. Und weil es schon Nachmittag gewesen war, als das Alles geschah, und im Flur noch kein Licht angezündet war, so wurde es immer dunkler. Und wie die Mutter so zwischen den beiden Brüdern, ihren Kindern saß, mit dem Kopfe zurückgelehnt an die Wand, immer vor sich hin denkend – wer weiß, was sie da Alles gedacht haben mag –, da schimmerte ihr Gesicht durch das Dunkel ganz weiß, fast schneeweiß, so daß es dem Jungen,indem er zu ihr aufblickte so erschien, als säße da ein Engel zwischen ihnen, wie er sich immer vorgestellt hatte, daß die Engel aussehen müßten, schneeweiß von Kopf zu Füßen und im ganzen Gesicht. Und endlich, nach einer langen Zeit seufzte sie auf, und das klang, als wenn sie fort gewesen wäre, weit fort, und nun zurück käme. Dann richtete sie den Kopf von der Wand auf, legte die rechte Hand auf den Kopf des Kleinen, die linke auf des Anderen Haupt und drückte sie zueinander, daß ihre Stirnen sich berührten, ganz leise, damit es dem Kleinen nicht weh' that, und auf die beiden Köpfe drückte sie die Lippen, so daß sie beide zugleich berührte, und dann sprach sie, mit einer Stimme, die ganz anders klang als gewöhnlich, so wunderbar, so tief: »Meine Kinder, meine Kinder, denkt daran, was der Herr Christus gesagt hat, der so gut war und ohne Neid – Menschen müssen nicht neidisch sein auf einander, alle Menschen müssen sich lieben. Aber Geschwister noch mehr als alle Anderen, die müssen sich noch mehr lieben. Und wenn Geschwister sich nicht lieb haben, kommen sie in die Hölle.«
So sagte sie. Und der Ton, mit dem sie das sagte, der war so wunderbar, so feierlich,daß mir in dem Augenblick war, als spräche Gott selber vom Himmel herab, so daß ich das Wort nie wieder vergessen konnte, sondern es behalten habe, sechzig Jahre lang, ein Leben lang. Und in den sechzig Jahren habe ich erfahren, daß es die Wahrheit gewesen ist, was sie damals sprach, die Wahrheit! die Wahrheit!
Von da an gingen die beiden Brüder wieder mit einander spazieren, neben einander und Hand in Hand, so daß es aussah wie früher. Aber es war doch nicht mehr, wie es früher gewesen war. Denn obgleich Keiner es dem Anderen sagte, so war es doch so: sie fürchteten sich vor einander. Der Kleine – das merkte man ihm an und daran konnte man sehen, was für eine feine Seele in dem Kinde war – der Kleine zwar wollte den Anderen vergessen machen, was geschehen war, und hing sich an seine Hand und bemühte sich beinahe, Unterhaltung zu machen, wenn er den Bruder so stumm vor sich hingehen sah. Aber wenn der Andere eine plötzliche Bewegung machte oder ein heftiges Wort sprach, dann zuckte er unwillkürlich zusammen, durch den ganzen Leib, wie er es früher nie gethan hatte. Und das Alles sah der Andere, und er merkte daran, daß der Kleine sichzwang, und daß im Grunde seiner Seele das Mißtrauen saß. Und darum war es ihm, als ginge in dem kleinen Bruder sein böses Gewissen neben ihm her, und er getraute sich nicht mehr, die Spiele mit ihm zu spielen, die sie früher gespielt hatten, weil er immer dachte, daß das Brüderchen sich vor ihm fürchten würde. Und an das Erzählen, wie früher in der Cajüte, dachte er schon gar nicht mehr; denn auf seiner Seele lag es jetzt immer wie eine Centnerlast, wie ein Alb.
Und trotz alledem – wenn damals – denn die Seele eines Menschen, in der es so hergegangen ist, die ist ja wie ein umgestürzter Acker, wo es nur darauf ankommt, was hineingesät wird – wenn damals ein Säemann gekommen wäre, ein kluger, wahrhaft kluger, herzenskluger, und die Saat gestreut hätte, aus der das Heil für die Menschen aufgeht, einzig und allein, Vergebung, Vergebung, Vergebung, statt des tauben, todten Zeugs, was so schöne Schulmeister-Namen hat, Zucht und Ordnung, heilsame Strenge, und wie es heißt – es hätte damals – auch damals noch, Alles – aber –
Und die Gelegenheit war eigentlich so günstig.
Denn dieses Alles, was ich da gesagt habe, hatte sich im Winter zugetragen, nicht allzu lange vor Weihnachten. Und jetzt rückte die Weihnachtszeit heran. Weihnachten aber, das ist eine so wunderbare Zeit. Da werden die Menschen ein paar Tage lang besser. Kinder, die krank gewesen sind, werden gesund, und Kinder, die nicht mehr kindlich gefühlt haben, lernen wieder fühlen, daß sie schließlich doch Alles nur durch die Eltern haben. Denn in der Zeit werden ihnen die Eltern heilig, weil sie mit dem Weihnachtsmann sich unterhalten, der doch eigentlich Niemand anders ist als der liebe Gott.
Und so, als der heilige Abend heranrückte, ging es auch den beiden Kindern, den verstörten. Die Erwartung und die Freude ging in ihren Herzen auf, wie ein Licht; erst nur leise, dann aber immer heller, zuletzt wie ein brennender Lichterbaum, der da drinnen angezündet war, lange vor dem wirklichen. Und vor dem Freudenlichte ging aller Schatten, alles Dunkle aus ihren Seelen, das da hinein gekommen war, und es war, als ob sie sich in dem hellen Lichte wieder fänden, daß der Aeltere den Schnudri wieder erkannte, und der Schnudri den Anderen.
Statt hinauszulaufen ins Feld, gingen sie jetzt durch die Straßen der Stadt spazieren. In den Straßen war es ja jetzt viel schöner, als da draußen. Da waren die vielen Läden mit den herrlich erleuchteten Schaufenstern, und in den Schaufenstern all' die wundervollen Sachen. Namentlich die Spielwaarenläden. Vor denen blieben die Beiden schier stundenlang stehen, und Einer machte den Anderen auf die einzelnen Herrlichkeiten aufmerksam. Und in ihren Köpfen machten sie sich förmlich ein Verzeichniß, so daß sie am nächsten Tage immer genau wußten, was alles neu hinzu gekommen war.
Da kam auch dem Aelteren die Lust wieder, sich Geschichten auszudenken und sie dem kleinen Bruder zu erzählen. Wenn sie eine Eisenbahn im Schaufenster stehen sahen, setzte er sich mit dem Schnudri im Geiste hinein, und dann fuhren sie, fuhren immer durch ungeheuer lange Tunnels, wo es pechrabenschwarze Nacht drin war, so daß den Kleinen das Gruseln ankam und er sich an dem Bruder drückte. Oder durch alle Hauptstädte der Welt. Und wenn sie nach Paris kamen, fuhren sie gleich bei einem »ganz berühmten« Hotel vor, wo sie sich ein Mittagessen von mindestens zwanzigGerichten auftischen ließen. Und wenn sie alsdann nach Haus gingen, sagte der Schnudri: »Jetzt sieh nur, was ich für einen dicken Bauch gekriegt habe; so colossal haben wir in Paris in dem berühmten Hotel zu Mittag gegessen.« Dabei zeigte er auf seinen Leib, und der kleine Leib war so mager, so mager – denn obschon der Kleine jetzt wieder ganz vergnügt geworden war, wollte es doch körperlich gar nicht wieder mit ihm werden, aber auch gar nicht.
Und eines Tages, als sie wieder an die Spielwaarenläden kamen und vor das Schaufenster traten, thaten beide zu gleicher Zeit einen Schrei, ja geradezu einen Schrei, obschon sie sich gleich darauf Mühe gaben, ihre Aufregung zu unterdrücken; so ungeheuer war die Wirkung von dem gewesen, was sie da im Schaufenster angekommen sahen: das war nämlich eine Kürassieruniform, Küraß, Helm und Säbel, und sogar noch eine Trompete dazu. Wie das so vor ihnen hing und flimmerte und blitzte, da wurden beide ganz lautlos und standen, und standen, und endlich, wie betäubt, gingen sie nach Haus.
Zu Hause aber – wie das die Art des Kleinen war – lief der Kleine gleich wieder mitausgebreiteten Armen auf die Mutter zu: »Mama! – Mama!« – Und dann kletterte er ihr auf den Schoß und erzählte ihr ins Ohr, was sie da gesehen hatten von der Kürassieruniform. Und dabei zitterte er vor Aufregung am ganzen Leibe, so daß die Mutter ihn wieder an sich drücken mußte und »rege Dich nicht so auf, Hänschen,« sagte, – »rege Dich nicht so auf.«
Am nächsten Nachmittage aber gingen die Eltern zusammen in die Stadt. Und da zog der Kleine den Anderen in die Ecke der Stube und flüsterte ihm zu: »Paß auf, was ich Dir sage, sie gehen und kaufen den Kürassiergeneral!« Denn daß die Uniform nur für einen General sein könnte, das stand für den Kleinen fest.
Und von dem Augenblick an wurde die Kürassieruniform geradezu der einzige Gedanke in den Köpfen der Beiden, so daß sie sogar des Nachts davon träumten. Der Aeltere aber faßte den Plan zu einem großartigen Spiele, und als er es dem Schnudri erzählte, wurde der ganz Feuer und Flamme.
Mit einigen von ihren Schulkameraden – natürlich sollten das nur ihre besten Freunde sein, und sie wurden auch gleich namentlich allefestgestellt – wollten sie sich am ersten oder zweiten Feiertag, je nachdem das Wetter sein würde, zusammenthun zu einem Spiel »Pascher und Grenzsoldat«. Sobald der Kleine das gehört hatte, fing er vor Entzücken an, auf einem Beine herumzutanzen. »Famos! Und Du bist der General von den Grenzsoldaten.«
Das hatte sich der Andere im Stillen auch schon so gedacht; denn die Kürassieruniform war ja, wie es schien, nur einmal vorhanden, also konnte nur Einer von ihnen beiden sie bekommen. Aber der Schnudri war doch eigentlich zu schwach dafür und zu klein, während er sich im Geiste schon sah, wie er mit geschwungenem Säbel durchs Feld galoppirte und seine Soldaten gegen die Pascher anführte. Und dem Schnudri leuchtete das auch gleich so ein, daß ihm gar kein anderer Gedanke kam, zumal doch der Andere es wieder gewesen war, von dem der Gedanke zu dem famosen Spiele ausging. Darum war das Einzige, was er sagte, nur, daß er fragte: »Bei welcher Partei soll ich denn aber sein? Pascher oder Grenzsoldat?« Worauf der Andere erwiderte: »Natürlich bist Du auch Grenzsoldat, und ich gebe Dir die Trompete, und dann bistDu der Trompeter von den Grenzsoldaten und galoppirst immer neben dem General.« Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz taumelig vor Freude, und galoppirte durch das Zimmer, legte die hohle Hand an den Mund und machte »tütü! tütü!«, als wäre es schon die Trompete. Und obschon die Trompete doch eigentlich nur etwas Jämmerliches war im Vergleich zu der ganzen herrlichen Kürassieruniform, die der Andere bekommen sollte, war der kleine Junge doch ganz zufrieden damit, und es schien ihm bloß ganz natürlich, daß der Andere die ganze Herrlichkeit bekam, und es war kein Hintergedanke in ihm, keine Bitterkeit, sondern in dem kleinen Leibe war ein Gemüth größer, als das manches Erwachsenen, in dem armen, kranken Körper eine Seele, so schön, so gesund, so rein, und ohne die Krankheit, an der die Menschen kranken, ohne Neid. Ohne Neid! Ohne Neid!
Und so rückte nun der heilige Abend immer näher, und es waren bis zu ihm nur noch wenige Tage, und täglich standen die Beiden vor dem Kalender und zählten, wie viel Tage noch dazwischen waren. Und der Aeltere sagte zu dem Schnudri: »Siehst Du,« sagte er, »das sindjetzt die kürzesten Tage vom ganzen Jahr. Weißt Du, warum sie so kurz sind? Weil sie wissen, daß sie eigentlich ganz überflüssig sind und dem heiligen Abend bloß den Weg vertreten. Darum machen sie, daß sie so schnell aus der Welt kommen als nur möglich.« Und wie der Schnudri an den Späßen des Anderen immer ein großes Vergnügen empfand, so auch an diesem. Darum lief er schnurstracks wieder zu der Mutter und wollte sich ausschütten vor Lachen: »Mama, jetzt gib mal Acht, weißt Du, wer ich bin? Einer von den kürzesten Tagen. Siehst Du, die sind so kurz – ›guten Morgen‹ sagen sie und dann gleich darauf ›gute Nacht.‹« Und damit machte er der Mutter eine Verbeugung und gleich darauf noch eine und lief davon. Aber es war merkwürdig – die Mutter, die sonst immer so froh dreinschaute, wenn sie ihr Kerlchen vergnügt sah, blieb heute ganz ernst, beinah traurig. Ja, es sah beinah so aus, als ob sie verweinte Augen hätte, so daß ich immer bei mir denken mußte, sie hätte da still in ihrem Zimmer über ihrer Arbeit gesessen und vor sich hin geweint. Worüber denn nur? Und dann fiel es mir ein, daß heute Morgen, bevor der Vater auf das Gericht ging,da hatte ich Vater und Mutter so laut mit einander sprechen hören, beinah heftig, als wenn sie sich zankten. Als die Thür aufging, und der Vater heraustrat, hatte ich noch die letzten Worte der Mutter gehört: »Doch nur jetzt nicht! Nur jetzt nicht!« Aber der Vater hatte sich nicht mehr umgesehen, sondern mit dem Hut auf dem Kopf war er davon gegangen, zum Hause hinaus, den Kopf so gesenkt und die Augen in die Erde gebohrt, was immer ein Zeichen war, daß irgend etwas wieder »abgeschmackt« in der Welt war, daß es in dem Bergwerke da drinnen brannte, brannte, brannte. Und ich weiß nicht – aber von dem Augenblick an legte es sich dem Jungen auf das Herz – wie ein Vorgefühl, eine Ahnung, wie etwas Schweres, das ihm das Herz erdrückte, so daß er sich gar nicht mehr freuen konnte, wie er sich bisher gefreut hatte.
Dann endlich, wie nun der Tag gekommen, an dem Abends beschert werden sollte, weil da die Kinder in das Zimmer nicht hineindurften, wo aufgebaut wurde, drückten sich die Beiden im Hause herum; der Kleine immer am Schlüsselloch, um in die Weihnachtsstube hineinzugucken, der Andere aber still in irgend einer Ecke. Darauf,als die Mutter aus dem Zimmer heraustrat, und als sie merkte, daß der Schnudri durch das Schlüsselloch geguckt hatte, drohte sie ihm mit dem Finger und lächelte. Aber es war ein so schwaches Lächeln, gar kein recht freudiges, sondern als ob traurige Gedanken dahinter ständen. Und wie sie den Anderen so dahinten stehen sah, in der Ecke, blieb sie stehen, als überlegte sie etwas, und dann ging sie hin zu ihm, legte den Arm um ihn und ging mit ihm hinaus, in ein anderes Zimmer, wo sie mit ihm allein war. Da ging sie mit ihm auf und ab, sagte erst gar nichts, und endlich fing sie an, und man hörte, wie schwer es ihr wurde.
»Heut ist nun Weihnachten,« sagte sie, »und das, was ich Euch neulich gesagt habe, als ich mit Euch auf der Bank saß, nicht wahr, das hast Du behalten? Daran wirst Du denken? Nicht wahr? Und mein lieber Junge sein? Daß Menschen nicht neidisch sein sollen auf einander? Und Hänschen ist noch so schwach; ein krankes kleines Kind. Und so einem armen kranken Kinde dem thut man doch gern etwas besonders Gutes an. Und das begreifen die Anderen. Nicht wahr?« Dann schwieg sie. Und es war,als wenn sie eigentlich noch mehr hätte sagen wollen, als ob sie aber nicht recht gewußt hätte, ob sie es sagen sollte. Beinah als wenn sie sich davor fürchtete. Und weil der Junge auch nicht wußte, was er erwidern sollte, so gingen sie noch eine Weile stumm mit einander auf und ab. Und dann blieb sie stehen, nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn auf den Kopf. Ganz schwer drückte sie die Lippen darauf, und es war ein so langer, langer Kuß – beinah, wie wenn man Jemand küßt, den man vor einer schweren Gefahr weiß, oder von dem man Abschied nimmt. Ja – wie wenn sie Abschied nähme – so war es. Denn während ihm sonst immer zu Muthe war, als küßte ihn das Leben selbst, wenn die Mutter ihn küßte, ging es heute wie ein kalter Strom von ihren Lippen durch ihn hin, vom Kopf bis zu den Füßen.
Und nun endlich, als es dunkel geworden war, kam die Mutter und kleidete die Beiden zur Bescherung an, in ihre Sonntagssachen. Der Vater war im Zimmer geblieben, und aus dem Zimmer erscholl jetzt eine Klingel, was so viel heißen wollte als: »Jetzt könnt Ihr kommen.« Und die Klingel, die tönte so kurz, so grell und garnicht wie eine freundliche Einladung, sondern wie ein Befehl. Darauf nahm die Mutter die Beiden an der Hand, und so mit ihnen ging sie hinein.
Als wir eintraten, war das ganze Zimmer ein Meer von Glanz. Alle Lichter brannten. Aber vor dem strahlenden Baume stand es wie ein Schatten; das war der Vater in seinem langen, schwarzen Gehrock. Er war ja von Natur lang und groß, heute aber sah es aus, als wäre er noch länger gewesen als gewöhnlich. Die Mutter ließ die Hände ihrer Jungen los und ging auf die andere Seite des Zimmers hinüber, die Beiden aber blieben auf der Schwelle, weil sie sahen, daß der Vater zwischen ihnen und dem Baume stehen blieb. Er wollte ihnen zuvor noch einige Worte sagen, und das that er denn auch. »Bevor Ihr an Eure Tische tretet,« sagte er, »wünsche ich, daß Ihr Euch überlegt, was Weihnachten bedeutet. Weihnachten bedeutet das Ende eines Jahres, und wenn ein Jahr zu Ende geht, sollte sich ein Jeder Rechenschaft geben, wie er sich im Laufe des Jahres verhalten hat, ob er Anlaß zur Zufriedenheit gegeben hat oder zur Unzufriedenheit. Und ob das Erstere oder das Letztere derFall gewesen ist, das wird ein Jeder an dem erkennen, was er am Weihnachtsabend geschenkt bekommt. Und darnach möge dann ein Jeder sich für das nächste Jahre einrichten und ernste, feste Entschlüsse fassen, damit, wenn im abgelaufenen Jahre nicht Alles so gewesen ist, wie es hätte sein sollen, dieses im nächsten Jahre anders und besser wird.« Und während er beim Beginn seiner Ansprache die Beiden angesehen hatte, als spräche er zu beiden gemeinsam, richtete er die letzten Worte ganz ausschließlich an den Aelteren, an den Großen. Und unter seinen Worten stand der Junge mit gesenktem Haupt; die Worte gingen über ihn hin wie ein eisiger Strom, und trotz der Wärme, die von dem brennenden Baume kam, fing er an zu zittern, wie im Frost. Denn hinter all' dem Licht und dem Glanz stieg ihm die Erinnerung wieder auf an all' die schrecklichen Dinge, die da gewesen waren, die da untergetaucht waren unter der Erwartung, der Freude, und die nun wiederkamen, wie etwas, was immer da sein würde, vor dem es kein Entrinnen gab.
»Und nun kommt heran,« sagte der Vater, und damit trat er auf die Seite.
Im Augenblick aber, als er zur Seite trat und die Aussicht auf den Baum frei machte, kam ein Jubelschrei, als ob das ganze Zimmer bersten sollte. Von dem Schnudri kam das her, und es war geradezu merkwürdig, daß der Kleine so viel Kraft in der Lunge hatte, um solch einen Laut von sich zu geben. Unter dem Weihnachtsbaume flimmerte, funkelte und blitzte es; das war der Kürassiergeneral, Küraß, Helm und Säbel; auch die Trompete fehlte nicht, und das Alles lag auf dem Kleinen seinem Tische. Solch ein Entzücken nun wie damals an dem kleinen Jungen habe ich mein ganzes Leben lang bei keinem Menschen gesehen. »Der Kürassiergeneral,« schrie er, »der Kürassiergeneral!« Dann galoppirte er rund um die Stube, flog auf den Vater zu und kletterte an dem hinauf, lief auf die Mutter zu, sprang ihr auf den Schoß und küßte sie, wie nicht gescheidt. Und von der Mutter zu dem Bruder, den er mit seiner Umarmung anlief, als wenn er ihn umreißen wollte. Er hatte eben gar nicht an die Möglichkeit gedacht, daß er die Uniform bekommen könnte, darum war seine Ueberraschung so ungeheuer groß; der Andere würde sie bekommen, so hatte er gedacht. Und der Andere hatte sie nichtbekommen. Auf dessen Tisch lagen ein paar Bücher, die er für die Schule brauchte; auch eine Reisebeschreibung, eine vernünftige, in der vom Einhorne nichts stand, dann noch einige nützliche Gegenstände – und weiter nichts. Von Spielsachen nichts.
Und vor dem Tische stand er nun, und das weiße Tischtuch, das von den paar Büchern kaum zugedeckt wurde, sah ihn an wie ein blasses, weißes, leeres Gesicht, in dem nur eins zu lesen war: Vorwurf, Vorwurf. Er konnte sich kaum entschließen, eins der Bücher zu berühren. Endlich that er es doch, weil er den Blick des Vaters auf sich gerichtet sah, weil er sich fürchtete und sich schämte. Denn die schreckliche Scham von damals war wieder in ihm; das rauchige Feuer, das Alles dunkel in ihm machte, dunkel. Und unterdessen sah er, wie der kleine Bruder schier närrisch vor Freude herumtanzte. Und da kam ihm ein ganz sonderbares Gefühl, – als gehörte er gar nicht mehr mit dem kleinen Bruder zusammen, als wären sie gar nicht Brüder mehr, als wäre der Kleine das Kind seiner Eltern, er aber nicht mehr, sondern als wäre er ganz fern von dem Allen hier, ganz wo anders, ganz dadraußen, ganz allein. All' diese Gedanken, all' diese Vorstellungen, das ging ihm durch den Kopf, als wenn schwarze Flügel ihm um die Ohren schlugen. Darum fühlte er zunächst kaum einen Kummer, überhaupt nichts Bestimmtes, sondern nur eine dumpfe Betäubung.
Und wie er so stand und gar nicht wußte, was er mit sich anfangen sollte, fühlte er, wie sich von hinten zwei Arme um ihn legten, das waren die Arme der Mutter, und wie sich ein Gesicht an sein Gesicht schob, das war wieder die Mutter, und sie flüsterte ihm ins Ohr, so leise, als ob Niemand außer ihm es hören sollte: »Du bist mein lieber Junge – das weißt Du – nicht wahr?« Aber er regte kein Glied, er konnte nicht, denn zum ersten Mal im Leben war ihm auch die Mutter fremd geworden, und nichts war in ihm als eine Angst und ein kaltes Grausen. Darum, als die Mutter ihm weiter sagte: »Komm mit mir, der Vater erwartet, daß Du Dich bedankst,« setzte er keinen Widerstand entgegen, sondern ließ sich führen, ganz willenlos, ganz mechanisch – ja – mechanisch – denn heute noch fühle ich, wie das war, als er die paar Schritte da hinüberging zu dem langen, schwarzenMann in dem langen, schwarzen Rock. Wie wenn Einem die Füße eingeschlafen sind, so daß man sie gar nicht fühlt, sondern immer denkt, sie müßten unten Einem abbrechen wie Stücke Holz, so war das.
Der Vater hatte sich in den Armstuhl gesetzt und die Zeitung vorgenommen. Als nun die Mutter mit dem Jungen zu ihm herantrat, ließ er die Augen nicht von der Zeitung, drehte sich auch nicht herum, sondern sagte nur: »Nun?« Darauf sagte die Mutter für mich: »Er will sich bedanken.« Der Vater las in seiner Zeitung weiter und zuckte mit den Achseln, und das sah so aus, als wollte er sagen: »Das glaube ein Anderer.« Alsdann, nach einiger Zeit ließ er die Zeitung sinken, wandte sich herum und sagte: »Daß Du im Rechnen kein Held bist, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen. Trotzdem, was ein Defizit ist, das wirst Du doch wohl wissen? Und dann wird es Dir auch klar sein, daß dieses Jahr mit einem gehörigen Defizit abschließt. Laß Dir das jetzt als eine heilsame Lehre dienen für das kommende Jahr und sorge dafür, daß das nächste Jahr besser abschließt.« Und nachdem er das gesagt hatte, nahm er seine Zeitung wieder auf undfing an, weiter zu lesen. Der Junge aber, als er hörte, daß der Vater nicht weiter sprach, richtete das Haupt auf, das er bis dahin gesenkt gehabt hatte, und als er sah, daß der Vater ihn nicht mehr ansah, sah er ihn von der Seite an, und da war es ihm, als ob es nie auf Erden ein menschliches Wesen geben würde, vor dem er solches Entsetzen empfände wie vor dem Manne, der da saß, und der sein Vater war. Darum, ganz still ging er in eine Ecke, hinter dem Baume, und setzte sich dort hin und sah auf den Lichterbaum und in der Stube umher und auf die Menschen da vorn, und es kam ihm vor, als wäre das eine ganz andere Stube als früher, als wären das Menschen, die er gar nicht kannte, und als wäre das Alles, was er erlebte, ein gräßlicher, gräßlicher Traum.
Von seiner Ecke aus sah er dann, wie die Eltern dem Schnudri den Küraß anlegten, den Säbel umschnallten und den Helm aufsetzten. Aber der Körper des kleinen Jungen war viel zu mager und dürftig für die Sachen, so daß sie ihm alle nicht paßten. Der Helm rutschte ihm beinahe über das kleine Gesicht, der Küraß und das Säbelkoppel waren zu weit; die Sachenwaren eben auf einen größeren Jungen berechnet. Und als er sah, daß der Kleine ein betrübtes Gesicht machte, freute er sich. Den Kummer des kleinen Bruder zu sehen, das war an dem heiligen Abend seine Weihnachtsfreude.
Aber die Mutter wußte der Sache abzuhelfen. Sie holte rasch ein paar alte Zeitungen herbei, stopfte davon einen Ballen in den Helm, ein paar Ballen unter den Küraß, dann holte sie einen Hammer und einen runden Nagel und schlug damit noch ein paar Löcher in den Riemen des Säbelkoppels und als nun die Sachen dem Schnudri wieder anprobirt wurden, saß Alles wie angegossen, und der kleine Kerl stand mitten im Zimmer und strahlte vor Wonne und Vergnügen, daß sein Gesicht fast noch heller glänzte als der Küraß, in dem die Lichter spiegelten. Und wie er da stand – unterm Weihnachtsbaum – so froh, so glücklich, ohne eine Ahnung, daß Jemand es ihm mißgönnen könnte, weil er selbst von Neid nichts wußte, so sehe ich ihn stehen, immer noch, heute noch, nach sechzig Jahren noch, den Kleinen, das Brüderchen, dem er seine Freude nicht gönnte, – seine unschuldige Freude, die auch seine letzte sein sollte – in seinem armen, kleinen unschuldigenLeben – der Andere – die Canaille, der Satan, der Hund!
Und bis dahin war der Kleine so von der eigenen Freude erfüllt gewesen, daß er noch an gar nichts Anderes hatte denken können. Erst nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, fiel ihm der Bruder wieder ein, und er ging an dessen Tisch, um zu sehen, was der Schönes bekommen hatte. Und als er vor dem Tische stand und sah, wie traurig der aussah, wurde er ganz still, und sein Gesicht wieder ganz alt, und über den Tisch hin blickte er in die Ecke, hinter dem Baume, wo er den Anderen sitzen sah. Da wurde er ganz rathlos; das konnte man an seinem Gesichte wahrnehmen. Es fiel ihm ein, was zwischen ihm und dem Bruder verabredet worden war, daß sie mit den Schulkameraden »Pascher und Grenzer« spielen wollten, und daß der Andere der General hatte sein sollen – und nun war es so gekommen, und das Alles war doch nicht mehr möglich.
Was sollte denn nun werden? Er wußte sich keinen Rath. Er grämte sich für den Bruder – das sah man ihm an. Daneben aber konnte er doch die Freude nicht unterdrücken, daß er die Uniform bekommen hatte – das sah man ihmauch an. Und plötzlich, weil er den Drang fühlte, irgend etwas zu thun, trat er hinter den Baum, zu dem Bruder, und ohne ein Wort zu sagen, bot er ihm die Trompete an, die er in Händen trug. Die wollte er ihm schenken; so hatte er doch etwas. Und nun war das ja von dem Kleinen so gut gemeint, wie nur möglich, aber es kam zur unrechten Zeit. Denn dem Anderen, der auch daran gedacht hatte, wie er als General den Kleinen zu seinem Trompeter hatte machen wollen, und der schon zu den Schulkameraden geprahlt hatte, wie er morgen als Kürassiergeneral erscheinen würde, kam es vor wie eine furchtbare Beschimpfung, daß er nun vorlieb nehmen sollte mit dem elenden Ding da, der Trompete. Wie ein Almosen erschien es ihm, das der Kleine, der Alles bekommen hatte, ihm hinwarf, wie einem Bettler. Darum, als der kleine Bruder ihm die Trompete hinhielt, riß er sie ihm aus der Hand, – wie ein böser Affe riß er sie ihm aus der Hand. In seinem Herzen war eine Wuth, ein Haß und ein Neid – mit beiden Händen packte er die Trompete, um sie zu zerbrechen, und weil er sie nicht zerbrechen konnte, verbog er sie, so daß sie einen Knick bekam und nicht mehr zu gebrauchenwar. Das Alles geschah ganz lautlos, so daß die Eltern nichts davon hörten und sahen. Nur der kleine Bruder sah es, und der wurde leichenblaß, als er es sah, und wollte aufschreien. In dem Augenblick aber kam dem Anderen das Bewußtsein, was er gethan hatte, und die erbärmliche Angst vor dem Manne im langen, schwarzen Rock, und unwillkürlich sah er hinüber, wo der saß, ob der auch nichts gesehen hätte. Und als der kleine Bruder den Blick gewahrte, schluckte er den Schrei hinunter, den er hatte thun wollen. – Solch ein Kind war das! Solch eine Seele war in dem kleinen Kind! Schluckte den Schrei hinunter, schluckte Alles hinunter, Schreck, Kummer, Jammer und blieb ganz still, ganz lautlos, und nahm die verbogene Trompete rasch wieder an sich und stopfte sie irgendwohin, versteckte sie, daß Niemand sie finden, Niemand sehen sollte, was der Andere gethan hatte, Niemand den Bruder strafen sollte! Nur sprechen konnte er an dem Abend mit dem Bruder nicht mehr, kein Wort, kein Wort. Mit dem Bruder nicht mehr, und überhaupt mit Niemand mehr, sondern er wurde ganz still; lachte nicht mehr und freute sich nicht mehr, und so blaß, wie er in dem Augenblick gewordenwar, als der Andere ihm die Trompete verbog, so blieb er den ganzen Abend. Nur von Zeit zu Zeit sah er nach der Ecke hin, wo der Bruder war, und immer, wenn er es that, war eine Angst in seinen Augen, eine Angst –
Und, wie gesagt, das blieb den ganzen Abend so, ja, es wurde eigentlich immer schlimmer. Wie ein armes, kleines Thier, das den Raubvogel über seinem Kopfe sieht, oder irgend etwas Schreckliches wittert, das nach ihm blinzelt, so war es mit dem Kinde, so daß er am ganzen Leibe zitterte, als die Mutter ihm sagte: »Jetzt, Hänschen, denk' ich, gehen wir zu Bett!« Und als sie ihm den Helm abnahm und den Küraß und den Säbel, fing er plötzlich an, lautlos zu weinen. Lautlos, wie solche kranke Kinder weinen. Und als die Mutter ihn an sich drückte und fragte: »Warum weinst Du denn, Hänschen?« sagte er: »Aber morgen gehört sie mir doch wieder?« Darauf lächelte die Mutter, und als sie fühlte, wie er zitterte, setzte sie sich und nahm ihn auf den Schoß: »Wem soll sie denn sonst gehören? Freilich doch gehört sie Dir. Meinst Du denn, es wird Jemand kommen, sie Dir wegnehmen?«Und so etwas Aehnliches war es gewiß, was er meinte; aber er sagte es nicht, sondern drückte seinen kleinen Kopf an die Mutter, und allmählich hörte er auf, zu weinen.
In der Nacht aber – die Brüder schliefen nämlich in einem und demselben Zimmer, und für gewöhnlich schliefen sie ein, sobald sie sich hingelegt hatten – in dieser Nacht aber konnte der Andere nicht einschlafen, weil ihn die bösen Gedanken wach hielten. Und wie er so wach dalag, merkte er, daß auch der Kleine nicht schlief, sondern es war, als wenn er immerfort lauschte und horchte. Als wenn er immerfort in Angst gewesen wäre, daß plötzlich etwas Schreckliches geschehen würde, daß Jemand kommen und ihm seine Uniform wegnehmen würde, so war es. Und als es ganz tief in der Nacht und im Hause Alles ganz still war, da muß in dem Weihnachtszimmer irgend eine Thür aufgestanden und zugeklappt, oder irgend etwas gefallen sein, – es kam von dem Weihnachtszimmer ein Geräusch.
Im Augenblick also, wie das Geräusch kam, war der Kleine in seinem Bette auf und aus dem Bette heraus, und so, wie er war, im Hemd und ohne Schuh und Strümpfe, lief er aus demSchlafzimmer hinaus, auf den dunklen, kalten Flur hinaus und in das Weihnachtszimmer hinüber. Gleich darauf kam er dann wieder, und wie er ging, klipperte und klapperte etwas, und da war es der Helm, der Küraß, der Säbel, die ganze Kürassieruniform, die er mit sich schleppte und die er auf sein Bett legte und zu sich unter die Decke nahm, als wenn er gemeint hätte, daß er anders nicht sicher gewesen wäre und doch Jemand kommen und sie ihm fortnehmen würde.
Und dieses Alles machte er so leise, als er nur konnte. Kaum einen Laut gab er von sich. Nur als er wieder in sein Bette kroch, konnte man hören, wie es ihn schauderte und fror, daß ihm die Zähne im Munde klapperten. Und dieses Alles hörte der Andere, und weil das Laternenlicht von der Straße ins Zimmer schien, konnte er es auch sehen. Und auch er gab keinen Laut von sich. Unter seiner Decke lag er zusammengeringelt wie ein böses Thier, und Alles, was er dachte, war nur, daß es kindisch war, was der Kleine that, kindisch und lächerlich. Und wenn er voraus hätte sehen können in die Zukunft, so würde er gewußt haben, daß einmal eine Zeitkommen würde, wo er sein halbes Leben dafür hingegeben hätte, wenn er in der Nacht aufgestanden wäre und dem kleinen Bruder gesagt hätte: »Fürchte Dich nicht! Ich will Dir Deine Sachen nicht nehmen. Und wenn Du Dich vor mir nicht zu fürchten brauchst, brauchst Du es vor keinem Anderen. Denn alle Anderen gönnen Dir ja Deine Freude.« Aber er kam nicht und sagte nichts, sondern in seinem Herzen war nur der giftige Neid, als er sah, wie der Kleine das Alles zu sich ins Bett nahm, wonach er verlangt hatte, weil es dem Kleinen gehörte und nicht ihm, dem Anderen.
Darauf nun, am nächsten Tage, was der erste Weihnachtsfeiertag war, kamen die Schulkameraden, mit denen sie sich verabredet hatten, daß sie zusammen »Pascher und Grenzer« spielen wollten. Der Schnudri hatte seine Kürassieruniform angelegt, denn es machte ihn doch ungeheuer stolz, sich so zeigen zu können. Für den Anderen aber, als er sah, wie die Jungen sich erstaunten, als sie den Kleinen mit der Uniform sahen und nicht ihn, für den war das ein fürchterlicher Augenblick. Sie fragten ihn ja nicht geradezu, aber er las es doch in ihren Augen: »Warumhast denn Du sie nicht gekriegt?« Erklären konnte er ja nichts; dazu hätte er Dinge erklären müssen, die er selbst kaum verstand. Darum, wie nun ein allgemeines, verlegenes Schweigen entstand, ging ihm wieder die Scham über den Leib, vom Kopf bis zu Füßen, daß er blutroth wurde. Ihm war, als wenn man ihn mit der Faust auf den Kopf geschlagen hätte, so daß er den Kopf gar nicht erheben konnte. Und so zogen sie denn ins Feld hinaus und waren alle ganz still.
Als sie hinausgekommen waren, blieben sie alle stehen, als wenn sie sich berathen wollten, aber Niemand wußte etwas zu sagen. Alle sahen auf die beiden Brüder, namentlich den Aelteren, was der sagen würde, weil er es doch immer war, der bei den Spielen Alles angab; aber weil der nichts sagte, sagte auch kein Anderer etwas.
Endlich fragte Einer: »Aber, wer soll denn nun General sein?« Darauf zeigte der Aeltere auf den Kleinen und sagte: »Na, wer? – Da steht er ja.« Das sagte er aber nicht in gutem Sinne, sondern aus Bosheit, weil es ihm wie ein Hohn vorkam, daß der Kleine der Anführer sein sollte und weil er wußte, daß die Anderen es auch so aufnehmen würden. Und so war es auch. Dennder Schnudri war ja beinah der kleinste und schwächste von Allen. Darum erschien es den übrigen Jungen wie eine Beleidigung, daß er sie kommandiren sollte. Und außerdem erschien es ihnen überhaupt ungerecht, daß er solch eine schöne Uniform bekommen sollte. Denn unter den Jungen war es eine allgemeine Ansicht, daß der Kleine ein verzogenes Muttersöhnchen wäre, weil sie doch nicht wußten, daß er krank war. Oder, wenn sie es gewußt hätten, würden sie vermuthlich doch keine Rücksicht darauf genommen haben. Denn darin sind ja die Jungen wie die Thiere in einer Herde; wird ein Stück krank, so gehört es nicht mehr zu ihnen. Aber Rücksicht darauf nehmen – das giebt es nicht.
Darum, als der Andere gesagt hatte: »Da steht er ja«, wurde ein allgemeines Gemurmel unter den Jungen, und der Eine, der vorhin gefragt hatte, sagte: »Na, das wäre mir auch ein schöner General.« Und wie er das gesagt hatte, wurde aus dem Gemurre ein allgemeines Gejohle, und der Kleine stand ganz verdonnert mitten unter den Anderen, weil er merkte, daß sie alle gegen ihn waren, und weil er doch auch fühlte, daß er zu schwach war, um sie anzuführen. Undwie er so dastand und den Kopf hängen ließ, trat Einer auf ihn zu und sagte: »Weißt Du, was Du thun solltest? Deine Uniform solltest Du ausziehen, und sie Deinem Bruder geben; denn für den paßt sie doch viel besser als wie für Dich.« Darauf stimmten alle die Uebrigen mit »ja! ja!« dem bei. Der Kleine aber verzog das Gesicht, als wenn er zu weinen anfangen wollte, und drückte die Hände über der Brust zusammen, wie um seinen Küraß fest zu halten, weil er doch um alle Welt die schöne Uniform nicht hergeben wollte. Der Andere aber, wie er gehört hatte, was für ein Vorschlag gemacht worden war, und daß der Schnudri die Uniform hergeben sollte für ihn – mit einem Mal kam ihm ein Gedanke, und er sagte: »Jetzt will ich Euch sagen, was wir spielen wollen: Rebellion! Der Hans also ist der General, und wir Anderen sind die Soldaten. Und die Soldaten also machen Rebellion gegen den General. Und der General will ihnen entwischen, und die Soldaten verfolgen ihn. Und dazu kriegt er zwanzig Schritte Vorsprung. Und wenn er bis da oben auf den Berg rauf kommt« – in der Mitte der Ebene war nämlich ein Hügel – »dann hat er gewonnen.Wenn er aber vorher eingeholt wird, dann haben die Soldaten gewonnen, und dann wird dem General seine Uniform weggenommen.«
Das war denn ein Vorschlag, der sofort zündete. »Ein famoses Spiel! Ein famoses Spiel!« Feuer und Flamme waren sie gleich alle mit einander. Aber Höllenfeuer war es, und von dem Teufel angezündet, der einstmals dem Kain zugeflüstert hatte: »Schlage deinen Bruder Abel todt.« Wenn er hinauf kam bis auf den Berg, dann sollte ihm seine Uniform gehören dürfen – jawohl – aber sie wußten, daß er nicht hinaufkommen würde, daß sie ihn vorher einholen und berauben und vergewaltigen würden, den armen, schwachen, kleinen Kerl.
Ein Spiel nannten sie das, – und es war kein Spiel, sondern etwas Ernsthaftes, Furchtbares, Gräßliches, ein Stück Menschenniedertracht, die sich einen unschuldigen Mantel umhing, wie sie das immer thut, weil sie sich schämt und fürchtet vor dem Gottesauge dadrinnen in der Seele; Neid, höllischer, verdammter, verfluchter Neid, der sich Spiel nannte, während er in Wirklichkeit die Jungen, so, wie sie waren, in Wölfe verwandelte, in habgierige Bestien. Und daß soetwas vorging, daß er plötzlich umgeben und umringt war wie von Wölfen, das muß er gefühlt haben, der kleine Junge; das sah man seinem Gesicht an, wie er umhersah, so kläglich, wie er nach seinem Bruder sah, seinem großen Bruder, ob ihm der nicht zu Hülfe kommen würde. Aber der – von dem ging ja die ganze Geschichte aus; und in dessen Seele war jetzt wahr und wahrhaftig der Teufel los, daß er nichts Anderes mehr denken konnte, als daß die Uniform, nach der er sich so rasend gesehnt hatte, ihm nun für einige Zeit wenigstens doch gehören würde, doch!
Darum sah man dem Kleinen an, wie ihm die Sache unheimlich wurde, und wie er dicht am Weinen war, und wie er am liebsten gar nicht mitgespielt hätte, sondern fortgegangen und weit davon gewesen wäre, weit davon. Aber das Alles war nun nicht möglich, und die Jungen würden ihn auch gar nicht davon gelassen haben. Sondern sie sagten ihm: »Hier, wo wir jetzt sind, bleibst Du also stehen. Wir gehen jetzt zwanzig Schritt zurück. Dann wird gezählt eins – zwei – drei – und bei drei fängst Du an zu laufen, nach dem Berge hin, und wir hinterher.«Und damit so ging der ganze Haufe von ihm fort, zurück, und indem sie gingen, zählten sie laut ihre Schritte, bis daß sie zwanzig gezählt hatten; und alsdann so machten sie wieder Kehrt, und Einer zählte ganz laut eins – zwei – drei. Und im Augenblick, als das »Drei« heraus kam, fing die ganze Meute an zu laufen, zu laufen – und Jeder schrie, so laut er schreien konnte: »Fangt den General! Fangt den General!« Und wenn in dem Augenblick ein Erwachsener vorübergegangen wäre und es mit angesehen hätte, dann, in der Art, wie die Erwachsenen über die Kinder denken, würde er wahrscheinlich gesagt haben: »Sieh' Einer, wie die munteren Jungen sich amüsiren«, – und nicht geahnt würde er haben, daß das, was er für ein Vergnügen hielt, in Wahrheit ein Wettlauf war um Leben und Tod. Ja! Um Leben und Tod! Denn wie er die Meute losbrechen sah, fing auch der Kleine zu laufen an, so schnell die kleinen Beine vermochten. Aber gleich bei den ersten Schritten muß er gefühlt haben, daß es eine verlorene Sache war, daß sie ihn einholen würden. Wie er das Geschrei hinter sich hörte, muß es ihm gewesen sein als käme eine Indianerhordehinter ihm drein, die ihm die Kopfhaut abziehen würde, so daß ihn die Todesangst ergriff und die Verzweiflung. Darum gleich nach den ersten Schritten fing er an zu schreien, ganz gellend, ganz kreischend. Was es war, konnte man nicht verstehen, aber es klang, als wenn er »nein! nein! nein!« schrie. Sie sollten ihm das nicht thun, sollten nicht so gegen ihn sein. Aber natürlich hörte Keiner darauf, sondern die Hetzjagd ging weiter. Der Helm flog ihm vom Kopfe. Wie er zur Erde rollte, waren gleich drei, vier darüber her, aber der Andere stieß sie alle fort; Keiner außer ihm sollte den Helm haben und die Uniform. Er setzte sich den Helm auf; und dann mit einem »Hussah« weiter und wie ein wildes Thier hinter dem Kleinen her. Denn wie ein toller Hund, so war er gerade, der nichts mehr von Allem weiß, was er früher gescheut und geliebt hat, sondern nach Allem schnappt und beißt. Die Uniform! die Uniform! Das war das Einzige, was er noch denken konnte und fühlen. Wie eine Fackel, die ihm der Teufel vor die Augen hielt, so war das. Und darauf, wie der Kleine die Schritte immer näher hinter sich hörte und das keuchende Laufen und die Stimmen,die schon ganz heiser geworden waren von dem rauhen Geschrei, blieb er plötzlich stehen, lief nicht weiter, blieb stehen, gab Alles verloren, warf sich zur Erde, ganz platt, streckte beide Arme von sich und drückte das Gesicht in das feuchte, graue, kalte Wintergras. In dem Augenblick waren sie über ihn her, und allen voran der Andere, der Bruder über den Bruder.
Die Schnallen, mit denen der Küraß an den Schultern des Kleinen fest gemacht war, schnallte er auf. Das Säbelkoppel, das der Kleine um den Leib hatte, schnallte er ihm ab. Alles rack – rack – rack. Alles mit ein paar Griffen. Alles so rasch, obschon ihm die Hände vor Leidenschaft flogen, wie ein Räuber, der Jemanden überfallen hat und ausplündert. Und dann eben so rasch den Küraß an die eigenen Schultern, das Säbelkoppel um den eigenen Leib. Und dann den Säbel herausgerissen. Und »hurrah« – jetzt war er der General! Und »hurrah«, jetzt hatten sie einen Anführer, wie es sich gehörte. Jetzt konnten sie spielen. Jetzt wollten sie spielen, »Pascher und Grenzsoldat«, gehörig, so daß man sich am Kragen kriegte und raufte und prügelte; denn sie waren Alle wild geworden,wild, wild. Zwar der Kleine lag noch immer an der Erde, die Arme ausgestreckt, das Gesicht ins Gras gedrückt, und schluchzte und wimmerte, daß der kleine Körper gegen den Erdboden stieß. Aber – ach was – das Muttersöhnchen! Es war ihm ja gar nichts geschehen. Er würde sich schon beruhigen und, wenn er sich ausgeheult, aufstehen und nachkommen. Alles war doch ein Spiel; und Spaß muß doch Jeder verstehen. Darum jetzt nur fort von hier und vorwärts, daß wir zum Spiel kommen! Fort – denn ob es den Anderen so ging, wie ihm, daß sie eine Art Grauen fühlten, als sie den Kleinen nicht aufstehen sahen – ich weiß es nicht – aber wahrscheinlich war es so. Wahrscheinlich war es so, daß sie fühlten, sie hätten da etwas gethan, was sie lieber nicht hätten thun sollen, nicht hätten thun sollen.
Und so wurde denn nun losgespielt, so wild und toll und wüthig wie nur möglich. Eine Stunde lang, und noch eine, und immer weiter. Und endlich kam dann eine Pause, und in der Pause ein Umhersehen, ein Hälserecken, ein Fragen von Einem zum Anderen – war denn der Kleine nicht nachgekommen? Nein – der Kleine warnicht nachgekommen. Also in einem Hui ging es nach der Stelle zurück, wo vorhin, – aber die Stelle war leer. Er war nicht mehr da – war fort – wo denn hin? Und darauf, als nach all' dem Lärm und Geschrei eine Stille eintrat, eine ganz lautlose, allgemeine, kam Einer damit heraus – er glaubte – er hätte gesehen, wie der Kleine ganz allein übers Feld gegangen wäre – nach der Stadt zu – nach Hause zu. – Und da mit einem Mal – wie wenn Jemand in einem wüsten Rausch gewesen ist und plötzlich zur Besinnung kommt – so ging es dem Betreffenden, so war ihm zu Muthe. »Nach der Stadt zu wäre er gegangen?« – »Ja! – Als ob er eins getrunken gehabt hätte – ganz taumelig – und die Hände am Kopf.«
Wie ein eiskalter Strom ging es dem Jungen über den Leib und sauste und brauste ihm in den Ohren. Keinen Laut konnte er hervorbringen. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Ohne ein Wort zu sprechen, knöpfte er sich den Küraß ab, und den Säbel ab, nahm den Helm vom Kopf. Nichts vom Spiel mehr; das Spiel war ihm verleidet. Die Uniform, nach der er so wüthend verlangt hatte, sie war ihm verleidet. Am liebsten hätteer sie von sich geworfen, fort. Aber das ging doch nicht; es war doch dem Kleinen sein Eigenthum. Also mußte er sie dem Kleinen wieder bringen, nach Haus. Und indem er das dachte – nach Haus – war ihm, als wenn eine Hand in seiner Brust gewesen wäre, mit langen, eisernen Fingern, die sich um sein Herz legten und sein Herz zusammendrückten, langsam wie eine Schraube.
Keiner von Allen dachte mehr ans Spielen; Keiner sprach ein Wort. Wie eine Herde von stummen Thieren zogen sie nach der Stadt zurück. Es war ein grauer, nebeliger Wintertag. Kein Strahl von Sonne, auch keine Ahnung davon. Wie sie nun in die Nähe der Stadt kamen und die Stadt vor ihnen lag und der graue Himmel über den Dächern, den Ziegeldächern, auf denen die rothen Ziegel ganz rostbraun aussahen vor Alter, so daß Alles in einander verschwamm, so öde, so grau in grau – wie er das Alles sah – da war es ihm – da überkam es ihn – als wenn da etwas Todtes vor ihm läge – wie ein todtes Gesicht, das er früher gekannt, das ihm zugenickt und gelächelt hatte, und das nun gestorben war und die Augen auf ihn richtete, erloschene, in denen nie wieder Licht sein würde,nie wieder. Und nicht wie ein Gesicht nur – wie ein großer, stummer, todter Leib, so sah es aus, daß er denken mußte, so müßte es aussehen, wenn die Mutter vor Einem läge, kalt, stumm und todt. So war ihm zu Muth; und so stark fühlte er das, so furchtbar, daß er nicht weiter gehen konnte, sondern stehen bleiben mußte. Und dabei schlugen der Küraß und der Helm und der Säbel, die er in den Händen trug, an einander, und gaben einen leisen Klang, beinah wie eine ferne, ferne Glocke. Und da war es ihm, als wäre irgendwo, wo er sie nicht sehen konnte, eine Uhr, eine große Uhr, und als schlüge die Glocke in der Uhr mit einem Tone, wie er nie einen gehört, so tief, so dumpf, so schwer. Und heute, da sechzig Jahre um sind seit dem Augenblick, weiß ich, wo die Uhr war, die er damals nicht sehen konnte – in seiner Seele – und was die Uhr damals schlug: Schicksal, Schicksal, Schicksalstunde.
Eine solche Angst war in ihm, solch' ein Grauen, daß er am liebsten gar nicht in die Stadt zurück und nach Hause gegangen wäre, sondern in die Welt, irgend wohin – vielleicht noch lieber in den See, in das kalte Wasser hinunter undden Tod. Ja – so war ihm, so war ihm zu Muthe. Aber die Sachen des Kleinen, die ihm in den Händen wie Blei lagen, weil er sie dem Kleinen genommen hatte, geraubt, gestohlen, er mußte sie doch zurück bringen an den Kleinen. Darum mit den Anderen ging er in die Stadt, und als sie in die Stadt gekommen waren, wandte er sich in der Richtung, wo das Haus der Eltern lag. Als er aber an die Straße kam und das Haus von ferne sah, packte ihn das Grausen wieder so, daß er nicht darauf zu gehen konnte, sondern umkehrte und in eine Nebenstraße ging und aus der in eine andere und wieder in eine andere, immerfort, die ganze Stadt entlang, wie sinnlos, wie betäubt, wie ein verwildertes Thier, das vom Hofe gelaufen ist und sich nicht wieder zurück getraut. Essen und Trinken – Hunger und Durst – danach fragte er nicht, daran dachte er nicht, davon wußte er nichts. Erst als es dunkler und immer dunkler, zuletzt fast ganz dunkel wurde, und weil er doch nicht auf der Straße bleiben konnte in der Nacht, und weil er so müde geworden war, daß er kaum mehr gehen konnte, sondern beinahe hingefallen wäre und liegen geblieben auf dem Pflaster, schlich er nach Hause,ganz langsam, leise, ganz leise. Und nun hatte er sich vorgestellt, wenn er in die Nähe von dem Hause käme, dann würde darin ein Lärmen und Toben sein, und bis auf die Straße hinaus würde er die Stimme hören, vor der er sich so fürchtete, die Stimme des Vaters, die mit dem Tone, den er kannte, mit dem schrecklichen Tone durch das ganze Haus donnerte: »Wo steckt der Bengel? Wo bleibt er?« Und als er nun an das Haus heran kam, lag das Haus so dunkel, so still, und kein Laut war rings herum zu hören, kein Laut. Eigentlich hätte ihm das ja lieb sein müssen – aber dennoch war es ihm nicht lieb, sondern – er wußte selbst kaum, warum – unheimlich, unheimlich.
Also klinkte er die Hausthür auf, ganz vorsichtig, ganz leise, und dann auf den Fußspitzen, wie ein Verbrecher schlüpfte er hinein. Und im Hause war Alles dunkel, und so, wie es draußen gewesen war, so war es drinnen, ganz still Alles, daß man keinen Laut hörte, fast todtenstill.
Kein Mensch war zu sehen, nicht der Vater, nicht die Mutter und der Kleine erst recht nicht. Darum tappte er sich über den Flur nach dem Zimmer hin, wo er mit dem kleinen Bruder zusammenschlief; da wollte er hinein, ins Bett und sich verstecken. Im Augenblick aber, als er die Thür ergreifen wollte, kam ein Lichtschein, und den Gang herauf, der nach der Küche führte, kam Jemand, und die da kam, das war die alte Köchin. Sie hatte ein Licht in der Hand, und weil sie gehört haben mochte, daß Jemand da herum schlich, blieb sie stehen und hielt die Hand vor das Licht, damit sie erkennen konnte, wer es war – und wie sie da stand und das Licht ihre Stirn beleuchtete, die so alt und voll Runzeln und Falten war, das sehe ich noch, daß ich es malen könnte, so genau. Darauf, als sie erkannt hatte, wer es war, ließ sie die Hand herab und sagte – und auch das, wie sie sprach, höre ich heute noch ganz deutlich und genau – und sagte – kein Vorwurf war in dem Ton, wie sie sprach, nicht einmal ein Erstaunen, sondern nur etwas so Schweres, als wenn sich die Worte aus ihrem Munde heraus schleppten – und sagte: »Wo bist denn Du gewesen? Weißt Du denn nicht, was hier geschehen ist? Und daß Hänschen im Sterben liegt?«
So sagte sie, und als sie so gesagt hatte, war dem Jungen, als würde ihm ein Nagel,ein ganz langer Nagel vom Kopf herunter durch den ganzen Leib geschlagen und nagelte ihn am Fußboden fest. Und was man den kalten Schweiß nennt, damals in der Stunde habe ich das kennen gelernt.
Darauf, wie ein Rasender wollte er auf und in die Stube der Eltern hinein, aber da faßte ihn die alte Köchin am Arm und sagte, und diesmal sprach sie ganz hastig, ganz flüsternd, ganz angstvoll: »Nein, nein, da darfst Du nicht hinein, Vater und Mutter sind ja da bei ihm drin, und Niemand darf hinein.« Und dann, wie der Junge am Thürpfosten lehnte, selber so starr und steif wie ein Stück Holz, machte sie die Thür zu dem Zimmer auf, wo die Brüder schliefen und leuchtete hinein und sagte: »Geh Du nur jetzt und leg Dich zu Bett, da ist nun nichts mehr zu machen.«
Und als sie so hinein leuchtete und er hinein trat in das Zimmer, da sah er, daß das Bett, in dem der Kleine sonst lag, nicht mehr da war, und an der Stelle, wo es gestanden hatte, war ein leerer Fleck. Und was damals in dem Zimmer war, das ist seitdem in seinem Herzen geworden, ein leerer Fleck. Ein leerer Fleck!Sechzig Jahre sind hingegangen seitdem, und der leere Fleck ist geblieben, nichts hat ihn ausgefüllt; nur ein Schattengesicht, das mich ansieht mit traurigen Augen, an dem kein Leib mehr ist, kein Leben, das mich ansieht in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann!
Dann bewegt es die Lippen, dann hör' ich's: »Kann nicht mehr spielen mit Dir, nicht mehr sitzen mit Dir in der Cajüte und den Arm um Dich schlingen und zuhören, wenn Du erzählst von dem großen Wald und dem Einhorn und den Thieren darin. Nie mehr – nie mehr – –«
Die Erzählung brach ab.
Aus der Ecke hinter mir, von wo die Erzählung gekommen war, kam es hervor; mit schwerem Schritt kam der alte Graumann hervor. Auf einen Stuhl fiel er nieder; auf den Tisch daran ich saß, warf er die Arme, auf die Arme fiel sein graues Haupt. »O Bruder! O Brüderchen! O armer, kleiner Bruder!«
Ein Stöhnen durchschütterte ihn. Wie ein alter Baum sah er aus, den Sturmwind schüttelt, als wenn er ihn brechen wollte.
»Und am nächsten Tage« – aber er vollendeteden Satz nicht. Vom Stuhl, auf den er niedergesunken war, sprang er auf. »Aber das kann ich nicht erzählen! Kann ich nicht erzählen!« Im Zimmer stürmte er auf und ab. »Wie er an der Thür stand, an der Thür des Zimmers, wo sie ihn hinein getragen hatten, den Kleinen, in seinem Bett. Wie er hinein wollte und nicht hinein konnte, weil die Thür von innen verriegelt war. Wie er an der Thür klinkte und hinein wollte, mit Gewalt. Bis daß wieder die alte Köchin kam und ihn am Arme nahm und zurückzog und sagte: ›Mach doch keinen solchen Lärm. Es darf ja kein lautes Wort gesprochen werden im Haus.‹ Wie er dann stehen blieb auf dem Flur, immer die Augen auf der Thüre und sein Schluchzen verschluckte und seine Thränen, daß ihm ein Geschmack im Munde wurde und in der Kehle, als wenn er Gift hinunter würgte. Und wie die alte Köchin immer wieder kam und versuchte, ihn von der Stelle fortzubringen und wie er nicht fortzubringen war, sondern auf den Küraß zeigte und den Helm und den Säbel, die er den ganzen Tag nicht aus den Händen ließ, und sagte: ›Ich muß ihm doch seine Sachen wieder bringen, seine Sachen wieder bringen.‹ Worauf dann die Alte sagte: ›Ach laß doch dieSachen; was soll er denn damit? Er weiß ja von nichts mehr etwas.‹ Worauf es ihm erst ganz klar wurde, wie es um den kleinen Bruder stand, und daß er ihn vielleicht nie wieder sehen würde. Und so kam es auch. So geschah es auch. Aber das Alles kann ich nicht mehr erzählen! Was ich keinem Menschen erzählt habe, das habe ich Ihnen erzählt. Aber das kann ich nicht, das können Sie nicht verlangen! Sechzig Jahre lang hat das Alles begraben gelegen da drinnen in mir. Sprechen muß der Mensch. Nicht nur zu sich selbst; wenn er immer nur zu sich selbst spricht, das macht verrückt. Sprechen muß der Mensch zu einem anderen Menschen. Sechzig Jahre lang habe ich keinen gefunden, – Sie sind ein weicher Mensch, ein guter Mensch, ein feiner Mensch, – zu Ihnen habe ich gesprochen. Darum habe ich das Grab aufgebrochen, worin die alten Geschichten liegen, die schrecklichen Geschichten. Nun sind sie wieder wach geworden, die Todten wieder lebendig geworden. Nun ist es wieder da, und ich wieder drin, mitten drin, in der Hölle! In der Hölle! Und das Wort ist wieder da – hier in meinen Ohren – das gräßliche, das er nachher mir gesagt hat, derMann von Stein, der Mann von Eis – ›Daran, daß Dein kleiner Bruder gestorben ist, daran – bist –‹, und der Schrei ist wieder da, mit dem die Mutter sich dem Manne entgegen warf, als er das sagte – mit einem Gesicht – wie ich es nie an ihr gesehen – so verzerrt, so – so – gar nicht mehr das Gesicht meiner Mutter, meiner sanften, süßen Mutter – wie sie den Arm gegen ihn ausstreckte, ganz lang: ›Es ist nicht Dein Kind nur, sondern meines auch! Und meinem Kinde das Leben vergiften – das sollst Du nicht! das darfst Du nicht! das – das –‹, und wie sie dann – krach – zur Erde fiel, ganz starr, ganz weiß, wie mit einem Schlage, bevor Jemand sie aufzufangen vermochte, – das Alles erzähle ich Ihnen nicht, erzähle ich nicht. Wie soll ein Mensch das erzählen, ein Mensch von Fleisch und Blut, – wie kann er das? Aber zeigen will ich Ihnen – kommen Sie mit –, Ihnen, dem ich Alles gesagt, Ihnen will ich zeigen, was kein Mensch gesehen, – kommen Sie mit.«
Er nahm die Lampe auf, die auf dem Tische stand, und wandte sich nach dem Schlafzimmer. Als er bemerkte, daß dort bereits eine Lampestand, setzte er jene wieder nieder. »Kommen Sie.« Er schritt mir voran; ich folgte ihm. Indem ich aufstand, fühlte ich, daß mir die Glieder so schwer geworden waren, daß ich Mühe hatte, mich zu erheben.
In dem Schlafzimmer, an der Wand, dem Bette gegenüber, war ein Vorhang von schwerem, dunkelgrünem Stoff. Es fiel mir ein, daß man mir von einem solchen erzählt hatte.
Der Vorhang war geschlossen. Er trat heran, und mit einem Griff schlug er ihn auseinander. Das Licht der Lampe, die unter dem Bilde der beiden Brüder stand, fiel auf die Stelle; an der Wand, im stillen Lichte leise blinkend, hingen die Stücke einer Kinderuniform, einer Kürassieruniform, ein kleiner Helm, ein Küraß, ein Säbel und eine verbogene Trompete, – wie so etwas ausgesehen hatte vor sechzig Jahren.
Keiner Bewegung fähig, wortlos stand ich da. Diese armen, kleinen Ueberbleibsel lang vergangener Zeit, diese Erinnerungszeichen an Dinge und Menschen, von denen auf Gottes weiter Welt nur ein Mensch noch, ein einziger, etwas wußte, – so hatte dieser Mensch sie festgehalten undbewahrt in seinem liebeverlangenden, liebeberaubten, tiefen, unglücklichen Herzen!
Zwischen der Lampe und dem Vorhang, mitten im Zimmer, stand ein Stuhl; auf diesen Stuhl hatte er sich gesetzt, beide Arme auf der Lehne, das Gesicht in die Arme gedrückt, so daß das graue Haupt gerade vor mir war. Eine unwillkürliche Regung erfaßte mich, ich beugte mich nieder und drückte die Lippen auf sein graues Haar. Er blickte nicht auf, er nickte nur, und es sah aus, als hätte er gesagt: »Ja, nicht wahr? Ja, nicht wahr?«
Als ich sah, daß er keine Bewegung machte, aufzustehen, und weil ich fühlte, daß er für heute nichts mehr zu sagen hatte, beugte ich mich zu seinem Ohr. »Lassen Sie mich jetzt gehen,« sagte ich, »aber wenn Sie erlauben, komme ich wieder!« Statt aller Antwort griff er nach meiner Hand, und seine Hand sagte, was sein Mund nicht aussprach: »Komm wieder! Laß mich nicht allein! Komm wieder!«
Geräuschlos verließ ich ihn. Ueber die dunkle Treppe tappte ich mich hinunter. Die Hausthür war geschlossen; ich mußte den Vater der Kinder, durch die ich heute die Bekanntschaft des altenMannes gemacht hatte, herausklopfen, damit er mir aufschloß. Am Nachmittag war ich gekommen – als ich über die Brücke zur Stadt zurück ging, schlug es von den Thürmen Mitternacht. Tief, dumpf und schwer kam der Klang über das Wasser. Ich blieb stehen. An die Uhr mußte ich denken, von der er mir gesagt hatte, die unsichtbare, die in seiner Seele Schicksal, Schicksal, Schicksalsstunde geschlagen hatte. Ueber das Brückengeländer sah ich hinunter in den winterlichen Strom, auf dessen grauem Rücken die Eisschollen dahin rauschten. Von der Strömung getrieben, stürmten sie, wie ein angreifender Haufen, gegen das Ufer, auf dem die Häuser der Stadt lagen. Aber das Bollwerk stand fest; machtlos prallten sie dagegen, und zerschellend setzten sie ihren Lauf fort. Gegen die Elemente hat der Mensch Schutzwehr und Dämme gefunden – wer schützt den Menschen wider den Menschen? Wer schützt ihn gegen sich selbst? Der Stern, der in Jahrtausenden immer einmal aufgeht aus einem göttlichen Herzen, der heilige Stern, den wir Liebe und Vergebung nennen, wann endlich bleibt er am Himmel, um nicht wieder unterzugehen? Das Wort, das ich heutevernommen hatte, als letzten aus sechzig Jahren qualvoller Erfahrung gekelterten Lebensspruch, wann endlich wird es Gebot für jeden Einzelnen – »Fülle das Herz Deines Nebenmenschen mit Glück?«