The Project Gutenberg eBook ofNeidThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: NeidAuthor: Ernst von WildenbruchRelease date: July 14, 2014 [eBook #46270]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from scannedimages of public domain material from the Google Printproject.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NEID ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: NeidAuthor: Ernst von WildenbruchRelease date: July 14, 2014 [eBook #46270]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from scannedimages of public domain material from the Google Printproject.)
Title: Neid
Author: Ernst von Wildenbruch
Author: Ernst von Wildenbruch
Release date: July 14, 2014 [eBook #46270]Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from scannedimages of public domain material from the Google Printproject.)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NEID ***
Neid
Eine Erzählung
von
Ernst von Wildenbruch
Fünfzehntes Tausend
Berlin
G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
1903
Das Recht der Uebersetzung wird vorbehalten.
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Neid
A
An den Ufern der Lahn, oberhalb Ems, nicht weit davon, liegt ein Ort, der sich Arnstein nennt. Ein Bach geht zwischen den Häusern entlang; über den Häusern steigt ein Hügel auf, und auf dem Hügel, weit sichtbar, erhebt sich eine prächtige Kirche.
Einmal, vor Jahren bin ich in der Kirche gewesen.
Ein Bild hängt darin, ich glaube, nur ein einziges; und dieses Bild hat es bewirkt, daß ich die Kirche nie wieder vergessen habe, und den Tag, an dem ich die Kirche besuchte.
Nicht, daß es ein besonderes Kunstwerk gewesen wäre – im Gegentheil, eine mittelmäßige Schilderei, vielleicht aus dem siebzehnten Jahrhundert. Aber der Gegenstand! Ein Mann ist im Brustbilde dargestellt. Der Mann ist unbekleidet; Flammenumlodern ihn, zur Rechten und Linken, mit großen, rothen Zungen, so daß er mitten im Feuer zu stehen scheint. Zwei Schlangen ringeln sich über die Schultern des Mannes, zwei große, dicke Schlangen: die eine hat sich in seine Brust verbissen, da, wo in der Brust das Herz schlägt; die andere sperrt den Rachen auf, um gleichfalls hinein zu schlagen in das unbeschützte Fleisch. Gerade weil man dem Bilde ansieht, daß es dem Maler nicht auf die Malerei angekommen ist, sondern auf den Vorgang, wirkt dieser Vorgang so gräßlich. Mit der einen Hand hat der Mann die beißende Schlange gepackt, als wollte er sie von sich losreißen; aber es hilft ihm nichts; das Unthier haftet fest. Und so muß er aushalten in der Höllenqual. Denn daß es Höllenflammen sind, die ihn umlecken, Höllenqualen, die ihn zerreißen, das sieht man seinem Gesichte an, dem fahlen, aschgrauen, das in Verzerrung dem Beschauer in die Augen blickt. Um den oberen Rand des Gemäldes läuft eine Inschrift, ein Distichon in lateinischer Sprache. Ich kann mich des Wortlautes nicht genau mehr erinnern, nur den Inhalt habe ich behalten: »Der Du mich anschaust und fragst, was mich in diesen Höllenpfuhl gestoßen, wisse, es warder Neid.«Invidia– so lautet das lateinische Wort.
Wie tief mich der Anblick der unheimlichen Schilderei gefesselt, merkte ich daran, daß ich die Beschließerin der Kirche ganz vergessen hatte, die hinter mir stand und jetzt leise mit ihrem Schlüsselbund klapperte.
Ich drehte mich um. »Was hat es für eine Bewandtniß mit dem Bilde da?« fragte ich. »Wie kommt es her? Wen stellt es dar?«
»Das ist das Bild,« erwiderte die Frau, »von dem Mann, der die Kirche hier gestiftet hat und hat bauen lassen.«
Merkwürdige Art, den Stifter einer Kirche zu verewigen, indem man sein Bild in solcher Gestalt in seine Kirche hängt!
»Wer hat das Bild von ihm malen lassen?« forschte ich weiter.
»Er selber hat sich so malen lassen und bestimmt, daß das Bild für alle Zeit da hängen sollte.«
»Er selber – wer war der Mann?«
Das wußte die Frau nicht.
»Was hatte er gethan?« Das wußte sie auch nicht.
Düsteres Geheimniß. Wir waren allein in der Kirche, ich, die Beschließerin und der da auf dem Bilde. Und in meiner Vorstellung erschien es mir, als stände hinter dem Bilde etwas auf, etwas Dunkles, irgend ein grauenvolles Ereigniß, eine furchtbare That. Niemand wußte mehr, was es gewesen. Die Zeit hatte alles in Schweigen begraben, die That und das Opfer. Nur Einer war übrig geblieben, ein Zeuge, der das Schreckliche aus nächster Nähe mit angesehen hatte, aus allernächster, der Thäter selbst. Und der hatte dafür gesorgt, daß sein Andenken der Nachwelt erhalten blieb in solcher Gestalt. Was für eine Art von Mensch mußte das gewesen sein. Meine Gedanken tasteten an dem verzerrten Gesichte herum, das auf mich herabblickte.
Ein Mensch, in dem ein furchtbares Blut furchtbare Leidenschaften geheizt hatte, dem das wilde Blut keine Ruhe gelassen hatte, bis daß er die That vollbrachte, und in dessen Seele, nachdem die That geschehen war, mit der gleichen elementaren Gewalt des bösen Antriebs der Rückschlag gekommen war, die Reue.
Ein Schauer überlief mich. Der Angehörige der modernen Zeit, der nervenschwachen, willensschwachenund gefühlskranken Zeit beugte sich unwillkürlich vor einer Vergangenheit, in der es keine Nervenleiden, aber Seelenschmerzen gab, in der man so schrecklich zu thun und so schrecklich zu bereuen vermochte.
Wie sie ihn gepackt haben mußte, die Reue! Wie sie ihn geschüttelt, zerrissen und zerfleischt haben mußte!
Mir war, als sähe ich ihn, wie er zum Beichtiger in den Beichtstuhl kniete, mit heulenden Thränen sein Bekenntniß stammelnd, mit klappernden Zähnen sein: »Was soll ich thun? Was soll ich thun?« herausfragend.
»Faste, bete, kasteie Dich,« kam die Antwort, »und baue eine Kirche.«
Und er fastete, betete, kasteiete sich und baute eine Kirche. Eine große Kirche, eine mächtige; je mächtiger, desto besser, wie eine Riesenlast, die er auf den Wurm wälzen wollte, der an seiner Seele fraß, daß sie den Wurm erdrückte.
Und als die Kirche erbaut, war Alles umsonst; der Wurm war nicht erdrückt, lebte immer noch und nagte und nagte.
Da, als er fühlte, daß sein Leben zum Ende ging, ließ er einen Maler an das Bett rufen,auf dem er versiechend lag und hieß ihn sein Bild malen. Nicht ein Bild, das ihn darstellte in Kraft und Gewandung seines Lebens – denn offenbar war es ein reicher und mächtiger Mann gewesen – sondern so, wie er sich in seinem Jammer fühlte, als armen Sünder, in aller Naktheit der schuldbewußten Seele, von Flammen gebrannt, von dem Schlangenrachen der Reue zerfleischt.
Er selber gab die Inschrift an, die man auf das Bild setzen sollte, und bestimmte, daß es aufgehängt würde in der Kirche, die er selbst gebaut, sein eigenes Ich im eigenen Werke eingesperrt, sein Schatten, den er von Grabesruhe und vom Frieden des Vergessens ausschloß, damit es dort hinge wie der graue Aschenrest einer schrecklichen Feuersbrunst, wie der fahle Widerschein eines mit Blut gemalten Vorgangs, so lange die Kirche stehen würde, Jahrhunderte lang, immer und für alle Zeit. Immer wieder, so oft die Augen zukünftiger Menschen sich auf das Bild richten würden, den Schauder erweckend, der mit tastenden Fühlfäden hinunter langte in das Grab, wo der Verbrecher lag, und für immer, wenn kein Besucher in der Kirche war, mit sich allein in der furchtbarenEinsamkeit, Jahre lang, Jahrhunderte lang, mit sich allein und der Erinnerung an das, was einstmals gewesen.
Ich riß mich los und wandte mich hinaus. Seinen Namen hatte er den kommenden Menschen nicht genannt. Warum? Weil er gewollt hatte, daß nichts übrig bleiben sollte als nur der Schatten des Vergangenen? Sein körperloses Ich? Seine Seele? Oder vielleicht, weil, wenn man seinen Namen nannte, er sein Geschlecht zugleich an den Bußpfahl gekettet haben würde? Sein Geschlecht, seine Familie, die doch nicht schuldig war an seiner That, die es ja eben gewesen war, gegen die seine That sich gerichtet hatte. Denn ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß es eine Frevelthat gewesen sein mußte von Familienangehörigen gegen Familienangehörige, von Bruder gegen Bruder.
Und indem meine Vorstellung hieran arbeitete und knetete, nahmen meine Gedanken plötzlich ihren eigenen Gang, weit fort von der Stelle, wo ich mich befand, aus dem Westen Deutschlands in den fernen Osten, und mit einem Male wußte ich, warum es eine That von Bruder gegen Bruder gewesen sein mußte. Eine Geschichtefiel mir ein, die ich dort einmal gehört hatte, in der alten Stadt am breiten Strom, der schweigend durch den Osten Deutschlands geht, wie die schweigende Lahn durch den Westen.
In der alten Stadt, von der ich spreche, wohnte ein alter Mann, ein einsamer.
Einsam durchs Leben gegangen, ohne Frau und Kinder, war es jetzt doppelt still um ihn geworden, seitdem er sein Amt niedergelegt, den Abschied genommen, und seitdem hierdurch auch der Verkehr mit den Kollegen aufgehört hatte, mit denen er, dienstlich wenigstens, in Verbindung gehalten worden war.
Er war Regierungsrath gewesen, der alte Graumann; jetzt war er pensionirter Regierungsrath außer Diensten.
Gleich in den ersten Tagen, als ich die Stadt bezogen, hatte ich seinen Namen gehört. Er war ja gewissermaßen eine Sehenswürdigkeit des Ortes, und als solche war er mir genannt worden. Damit aber hatte es sein Bewenden gehabt; man wußte eigentlich nichts von ihm. Er selbst erzählte nichts, er verkehrte ja beinahe mit Niemandem; vielleicht gab es auch nicht viel zu erzählen. Er war eben Beamter gewesen wie hundertAndere auch und auf der actenstaubigen Straße des preußischen Beamtenthums zum Regierungsrath hinauf geklettert und dann, nach Jahren, an die Thür gelangt, aus der es wieder hinaus geht aus dem Beamtenthum, durch den Abschied in das Außer-Dienstthum.
»Jetzt fängt meine gute Zeit an,« so berichtete die Stadtchronik, hatte er zu einem Kollegen gesagt, als er zum letzten Male vom Amte kam, »jetzt falle ich dem Staate zur Last.«
Recht höhnisch, beinahe teuflisch sollte er gelacht haben, indem er das sagte, wie die Leute denn überhaupt geneigt waren, in dem alten Sonderling etwas Unheimliches zu sehen, Etwas, wovor man sich eigentlich in Acht nehmen mußte. Schrecklich heftig konnte er werden, so erzählte man sich, wenn irgend Etwas ihm in die Quere kam, und fürchterlich grob, wenn Menschen sich berufen fühlten, ihn seiner Einsamkeit zu entreißen, und die Menschen ihm nicht paßten. »Man brauchte ihn ja nur anzusehen – er sah ja so böse aus.«
Inwieweit dieses zutraf, hatte ich bald Gelegenheit festzustellen, denn ich begegnete ihm oftmalsauf dem Spaziergange. In dem hohen Kiefernwald, der sich, stromaufwärts, auf sandigen Hügeln erhebt, sah ich ihn zum ersten Male, dann, mit Unterbrechungen, gingen wir öfter und öfter an einander vorüber.
Gingen an einander vorüber – denn indem ich ihn daher kommen sah, die Hände auf dem Rücken, den großen, schweren Kopf, den kurz geschorenes, graues Haar einfaßte, vornüber hängend, den abgebrauchten, schwarzen Cylinderhut in den Nacken gerückt, die Augen zur Erde gesenkt, nicht rechts noch links blickend, fühlte ich, daß da ein Mann an mir vorüber ging, der nicht angesprochen sein wollte, weil Ansprache Störung gewesen wäre, Störung in dem, was ihn beschäftigte.
Denn er war immer beschäftigt, das sah man dem verwitterten Gesicht an, in dessen derben, beinahe plumpen Zügen ein beständiges Regen und Bewegen war – beschäftigt mit seinen Gedanken, mit sich selbst. Manchmal auch gewann das stumme Mienenspiel Laute und Töne; seine Lippen zuckten, er sprach vor sich hin. Ich hörte es, indem mich mein Weg an ihm vorüber führte. Meistens nur ein Murmeln und Flüstern, dann und wann zusammenhängende laute Worte, diepolternd und grollend heraus kamen, und manchmal auch ein Lachen, »ein recht höhnisches, beinahe teuflisches«, würden die Leute gesagt haben, das aus einem grimmig lächelnden Munde herausbrach.
Als wäre er immer von Menschen umgeben gewesen, mit denen er sich unterhielt, so sah es aus – Menschen, die vielleicht noch jetzt lebendig umher gingen wie er selbst, ohne daß er mit ihnen zusammen kam; Menschen auch vielleicht, die einstmals gewesen und jetzt nicht mehr da waren.
Jedenfalls ein Mann, der manches gesehen, erlebt und wohl auch gelitten hat, dieser alte Graumann, so sagte ich zu mir; einer jener Menschen, die man ja in Deutschland trifft, die unscheinbar, fast unsichtbar durch die Welt gehen und in ihrem Innern eine solche Fülle des Lebens, eine so reich bevölkerte Welt verschließen, daß sie davon zehren können, wenn es Abend im Leben wird, daß sie sich mit ihren Gestalten unterhalten können, ohne daß sie das Geplauder und Geschwätz der umgebenden Gesellschaft brauchen. Vorausgesetzt freilich, daß sie die Gabe besitzen, die das Entlegene nahe bringt, das Vergangene gegenwärtig, Todte wieder lebendig macht, Phantasie.
Ob ihm diese Gabe innewohnte? Seitdem ich ihm in die Augen gesehen hatte, glaubte ich es.
Einmal nämlich, nachdem wir schon manchmal an einander vorüber gegangen waren, und als wir uns wieder begegneten, bemerkte ich, daß er auf mich Acht gab. Der Unbekannte, der ebenso beharrlich und einsam wie er selbst die Gegend durchstreifte, mochte ihm aufgefallen sein. Er kam den Weg zurück, den ich hinaus ging: als wir nahe bei einander waren, wandte er das Haupt zur Seite und sah mich an. Er that nichts weiter, er grüßte nicht, sprach nicht, aber mir war, als hätte Jemand gesprochen. Solch' ein redender Blick war in den Augen gewesen, die mit dunkel glühendem Feuer unter buschigen Brauen hervor schauten. Wie das Nachglühen eines innerlich bewegten Lebens, das nicht zur Ruhe kommen, nicht im Vergessen einschlafen will, sondern im Erinnern weiter lebt und weiter. Ich konnte den Blick nicht vergessen, und ungefähr zu derselben Zeit, als unter Bekannten das Gespräch auf ihn kam, hörte ich etwas, das meine Vermuthung bestätigte, das ihn mir als einen Menschen erscheinen ließ, den mehr und Anderesbewegte als die wirkliche Alltagswelt, die ihn umgab. Wundervolle Bilder, so hieß es, hätte er an den Wänden seiner Wohnung hängen. Wer sie gesehen haben sollte, da eigentlich Niemand zu ihm kam, war schwer zu sagen; aber die Kunde war da und behauptete sich. In der Vorstadt, jenseits der Brücke, bewohnte er eine Wohnung von einigen Zimmern; eine alte Wirthschafterin, die des Morgens kam und des Abends ging, besorgte ihm die Wohnung. Wahrscheinlich war sie es, von der die Nachricht ausging. Wundervolle Bilder, und in seinem Schlafzimmer ein ganz besonderes, in Oel gemaltes, während in den Vorderzimmern Kupferstiche hingen; ein Bild, auf dem zwei Kinder dargestellt waren, zwei Knaben. Und der eine von den beiden Knaben, so hieß es flüsternd weiter, das wäre er selbst, wie er damals ausgesehen hätte, der jetzige Regierungsrath außer Diensten, der alte Graumann.
So wurde erzählt, theils laut, theils flüsternd; und dann ganz leise wurde noch etwas hinzugesetzt: in dem Schlafzimmer, wo das Bild mit den zwei Knaben hing, da wäre an einer Wand, so hieß es, ein Vorhang und unter dem Vorhang etwas, das Niemand kannte, Niemand gesehenhatte, weil keine Hand den Vorhang lüften durfte. Auch die der Wirthschafterin nicht.
»Bei Todesstrafe?« hatten einige Spötter gefragt. Nun – vielleicht nicht gerade bei Todesstrafe, aber beim Zorn des alten Graumann, und der konnte bös sein; man wußte davon in der Stadt zu erzählen.
Also forschte man nicht weiter und ließ dem Vorhang sein Geheimniß.
Aber das mit dem Kinderbild? Ja, das war vorhanden, und »solch ein schönes Bild« sollte es sein, hatte die Wirthschafterin erzählt. »Ein schönes Kind müßte er einmal gewesen sein, der Herr Regierungsrath! Ein paar Augen im Kopf! Eigentlich schon damals ganz die Augen, die er noch jetzt hätte, nur viel freundlicher, und nicht solche Zotten und Borsten von Augenbrauen darüber, wie er sie jetzt hätte.«
»Und der andere von den beiden Knaben?«
Ja – von dem wußte die Wirthschafterin nichts zu sagen, hatte ihn nie gesehen und gekannt. »Aber es sähe so aus, als müßte es wohl ein Bruder von dem Herrn Regierungsrath gewesen sein, ein jüngerer; denn so eine Art von Aehnlichkeit mit dem älteren, was der HerrRegierungsrath wäre, könnte man schon darin finden. Nur viel zarter und magerer und schwächlicher. Und so ein liebes Gesichtchen, aber so traurig; wie solche Kinder eben aussehen, die nicht lange leben sollen.« Denn daß er gestorben sein mußte, schon lange Zeit, das nahm die Wirthschafterin für bestimmt an. »Er würde doch sonst wohl einmal von dem Bruder gesprochen haben, der Herr Regierungsrath, und das that er nie.«
Das Alles kam mir so nach und nach und stückweise zu Ohren, und als von dem Kinderbilde gesprochen wurde, ging das Gespräch weiter, zu den Kindern überhaupt, und da erfuhr ich denn, daß er eigentlich ein Kinderfreund sei, der alte Graumann. »Aber freilich in seiner Art,« setzte der Erzähler lachend hinzu.
»Wieso, in seiner Art?«
»Je nun,« hieß es, »so, daß man ihn schließlich hat auffordern müssen, seine Freundschaft für die Kinder lieber für sich zu behalten.«
In der Stadt nämlich, so wurde erzählt, bestand eine Anstalt, von ein paar wohlthätigen alten Damen geleitet, in der alle Jahre zu Weihnachten armen Kindern aufgebaut und beschert wurde.Gaben und Geschenke wurden mit Dank entgegengenommen, und natürlich stand es den Gebern frei, der Bescherung beizuwohnen. Zu diesen gehörte auch der alte Graumann, der sich regelmäßig am heiligen Abend mit einem ganzen Haufen von Paketen und Päckchen einzustellen pflegte. Eigentlich hätten, der Hausordnung gemäß, die Geschenke schon vorher abgeliefert sein müssen, um von den Damen nach bestem Ermessen vertheilt zu werden. Aber der alte Graumann war nicht der Mann, sich irgend einer Hausordnung zu fügen. Seitdem er den Regierungsfrack ausgezogen hatte, wollte er die Ellenbogen frei haben nach allen Richtungen. Wollten die Damen seine Geschenke haben, so mußten sie ihn gewähren lassen. Also ließ man ihn gewähren.
Und nun eben kam das Verrückte:
Spät erst, wenn der Baum schon längst angezündet war, und die Kinder ihre Tische und Gaben in Empfang genommen hatten, erschien als letzter Geschenkgeber der alte Graumann. Wie der Knecht Ruprecht selber sah er aus mit seinem alten, verwitterten Gesicht, und die Schätze, die er sorgsam verhüllt unter den Armen trug, erweckten sogleich eine athemlose Spannung, eineSpannung, die in hellen Jubel ausgebrochen sein würde, wenn sich die Kinder nicht eigentlich ein wenig vor ihm gefürchtet hätten. Denn wenn er nun so dastand im erleuchteten Raume, zunächst die kleinen Köpfe stumm überzählend, ob er auch keinen übergangen hätte, und dann, wenn er sah, daß Alles stimmte, in sich hinein lächelnd, geheimnißvoll, beinahe listig, ohne ein Wort zu sprechen, dann überkam nicht nur die Kinder ein seltsam schauerndes Gefühl, sondern auch die Erwachsenen gestanden sich, daß er doch wirklich anders sei als alle anderen vernünftigen Menschen.
Einen Stuhl rückte er sich dann heran; mitten unter seinen Päckchen und Paketen, die er auf den Erdboden gelegt hatte, setzte er sich nieder, ganz ernsthaft jetzt, beinahe feierlich, und nun, langsam, langsam begann er eins der Pakete aufzuknüpfen und dann ein zweites. Lautlose Stille begleitete sein Thun, und all' die jungen Augen hingen an ihm, wie wenn sie auf einen alten Zauberer blickten. Noch einmal ein Blick über die lauschende Schar, dann mit erhobenem Zeigefinger winkte er zwei von den Kindern heran, zwei Knaben. Die letzte Hülle sank von dem Paket – und ein allgemeines »Ah!« des entzückten Erstaunensathmete aus jungen Kehlen auf – was war da für eine Herrlichkeit zu Tage gekommen! Ein Schaukelpferd oder so etwas Aehnliches. Und das glückselige Jauchzen dessen, der das schöne Geschenk in die Hände bekam! Daß sich der andere von den beiden Jungen vor Ungeduld kaum zu lassen wußte, begreift sich; das für ihn bestimmte zweite Paket war ja freilich viel kleiner als das erste, aber der Inhalt würde schon nicht schlechter sein, das verstand sich doch von selbst. Und langsam, langsam schälte sich auch die zweite Gabe aus ihrer Papierhülse heraus, und – ein allgemeines Verstummen sprachloser Verblüfftheit – ein ganz minderwerthiger Gegenstand, der sich mit dem ersten gar nicht vergleichen ließ, kam zum Vorschein. Die Augen dessen, der das zweite Geschenk erhielt, schielten unwillkürlich über die eigenen Hände hinweg, zu denen hinüber, in denen sich das Schaukelpferd befand, und es fehlte nicht viel, so hätten sie sich mit Thränen gefüllt.
Und während sich dieses begab, saß der alte Graumann regungslos auf seinem Stuhl; seine großen, runden, glühenden Augen ruhten unverwandt auf dem enttäuschten Gesichte des Kindes, forschend, prüfend, mit einem ganz sonderbaren,tief bekümmerten Ausdruck, und wenn er sah, wie das kleine Gesicht unter verhaltenem Weinen zuckte, streckte er den Arm aus und zog den Knaben an sich, beugte sich zu ihm, und leise, so leise, daß Keiner von den Anwesenden es verstand, flüsterte er ihm ein Wort ins Ohr. Und dann kam ein anderes Paar von den Kindern an die Reihe.
Jetzt waren es zwei kleine Mädchen, die er heranwinkte. Wieder, wie vorhin, nestelten sich zwei Pakete auf; wieder erschien aus dem einen eine prächtige Gabe, eine schön gekleidete Puppe oder so etwas Aehnliches, und wieder aus dem anderen ein Gegenstand, der sich mit dem ersten kaum vergleichen ließ. Abermals dann der Vorgang wie zuvor, die kleine Enttäuschte wurde herangezogen, und so wie vorhin dem Knaben flüsterte er dem kleinen Mädchen, indem er ihm traurig und zärtlich das Köpfchen streichelte, ein Wort ins Ohr, das kein Anderer verstand.
Und so ging das weiter. Immerfort abwechselnd entzücktes Staunen und schweigende Verdutztheit; stammelnde, jauchzende Freude bei den Einen, betrübte Niedergeschlagenheit bei den Anderen. Und mitten in all' dem Wechsel von Gefühlen, von Freude und Leid der alte Graumann,wie das verkörperte Schicksal, seine Pakete auswickelnd, seine Gaben vertheilend, bis daß die letzte verschenkt war. Die letzte war immer die schönste, und merkwürdiger Weise, in jedem Jahre wiederkehrend, dieselbe: ein blitzblanker Kürassierhelm, ein Küraß und ein Säbel mit Säbelkoppel.
Die zappelnde Wonne, die ein solches Geschenk jedesmal hervorrief, läßt sich denken, aber nicht beschreiben, und kaum beschreiben auch läßt sich die Enttäuschung, die jedesmal die Gegengabe erweckte, eine magere, kleine Blechtrompete, die wirklich erbärmlich gegen die Kürassierausrüstung abstach. Das Merkwürdigste aber bei diesem Vorgange, der gewissermaßen den Gipfel aller vorherigen Absonderlichkeiten bildete, war immer der alte Graumann selbst, der jedesmal, wenn die letzte Gabe heran kam, wie in einen Zustand der Erstarrung, in einen Traum mit wachen Augen zu versinken schien. Seine großen, runden Augen weiteten sich über ihr gewöhnliches Maß und blickten starr vor sich hin, über die Köpfe der Kinder hinweg, in die leere Luft, und es sah aus, als müßte er zu sich selbst zurückkommen, bis er endlich den Kleinen heranzog und ihm, wie den Anderen vorher, sein leises Wort ins Ohr raunte.
War dieses dann erledigt, so erhob er sich, griff nach seinem alten, widerhaarigen Cylinderhut, verneigte sich schweigend vor den Anstaltsdamen, und ohne ein Wort zu sagen, ging er hinaus. Den Anstaltsdamen blieb es dann überlassen, die erregten Gemüther der Kinder wieder zur Ruhe zu bringen, und leichte Arbeit war das natürlich nicht.
»Was hat der Herr Regierungsrath Dir denn ins Ohr gesagt?« so wurde, vom Ersten anfangend, gefragt. – »Er hat mir gesagt,« hieß es: »›wer neidisch ist, kommt in die Hölle; sei nicht neidisch, Du lieber, kleiner Junge.‹« – »Und Dir? Was hat er Dir gesagt?« – »Er hat gesagt:›wer neidisch ist, kommt in die Hölle; sei nicht neidisch, Du liebes, kleines Mädchen.‹«
Beiden also wörtlich das Nämliche. Und als die übrigen Kinder, in gleicher Weise befragt, ihre Lippen aufthaten und feierlich, wie wenn sie als Zeugen vor Gericht ständen, aussagten, was ihnen der alte, unheimliche Mann anvertraut hatte, da stellte es sich heraus, daß es immer und jedesmal dasselbe geheimnißvolle Wort, dieselbe Mahnung gewesen war, die jedes von ihm empfangen hatte. Das wiederholte sich, wie gesagt, zwei oder drei Weihnachten, und dann hatten es die Anstaltsdamensatt. Solch ein böser, alter Mann! Er machte ihnen ja die Kinder geradezu aufsässig und zerstörte alle Weihnachtsfreude. Und das absichtlich; denn daß er mit wohlüberlegter Absicht verfuhr, das war ja klar; hätte er es sonst einmal wie das andere Mal gemacht?
Darum, als zum vierten Male Weihnachten heranrückte, erhielt der alte Graumann eines schönen Tages von den Anstaltsdamen einen Brief, worin ihm höflichst für die liebevolle Gesinnung gedankt wurde, die er ihren Schützlingen bisher erwiesen hatte, in dem ihm aber zugleich zu erwägen gegeben wurde, ob er in Zukunft seine Geschenke nicht lieber vor der Bescherung einsenden wollte, damit sie von den Damen vertheilt würden. Die ethisch-erzieherische Methode, nach der er seine Gaben vertheilte, wäre ja den Erwachsenen durchaus einleuchtend und auch dankenswerth, aber er würde sich ja wohl selbst sagen, daß Kinder noch nicht fähig wären, eine Methode, die solche Selbstüberwindung forderte und so harte Proben auferlegte, gebührend zu würdigen, und darum möchte es vielleicht besser sein – der alte Regierungsrath hatte verstanden; seit dem Tage hat man ihn in der Anstalt nie wieder gesehen.
»Die Damen hätten es anders einrichten sollen,« hörte man später den Weinhändler Kurzer sagen, »hätten den Herrn Regierungsrath nicht so zu ärgern brauchen; denn geärgert hat er sich schmählich.«
Der Weinhändler Kurzer war nämlich der Mann, der einen Weinkeller unweit des Marktes besaß, einen Keller mit schönen Spitzbogengewölben. Und in dem Keller erschien an jedem Nachmittag, pünktlich wie nach der Uhr, zu einer Zeit, wo sonst Niemand anwesend war, der alte Graumann, um einen kräftigen Schluck zu trinken.
Ob es die Gesellschaft des Herrn Kurzer war, die ihn lockte? Oder das Spitzbogengewölbe? Man erzählte sich, daß es noch etwas Anderes war, und das war wieder einmal solch' eine Schrulle des tollen alten Mannes. In dem Keller nämlich, in einer Ecke, von Staub bedeckt, stand eine aus Thon geformte Figur, ein Weib auf einem Löwen reitend. Halb und halb erinnerte das Ding an Dannecker's Ariadne; es war eine noch ganz unfertige Arbeit, offenbar von Händen angefertigt, die sich zum ersten Male an so etwas versucht hatten; noch unfrei in der Erfindung, noch ungeschickt in der Gestaltung. Trotzdem –wer es für der Mühe werth gehalten hätte, das sonderbare Gebilde näher anzusehen, würde vielleicht entdeckt haben, daß sich in all' dem Unfertigen etwas regte, das dermaleinst hätte fertig werden können. Aber es hielt es Niemand für der Mühe werth – ausgenommen Einen – den alten Graumann. Er, so hieß es, war geradezu verliebt in die Stümperei. Es knüpfte sich auch eine Legende an die Figur: in der alten Stadt war vor Jahren ein junger Bursche gewesen, der Sohn armer, achtbarer Eltern. Sein Vater war Actuar am Gericht gewesen, und durch Fleiß, der nicht einen Tag aussetzte, durch darbende Sparsamkeit, die sich nicht einen guten Tag gönnte, hatte er es durchgesetzt, daß sein Sohn so viel gelernt hatte, daß er auch Unterbeamter werden konnte, Unterbeamter an der Regierung. Und für das Alles hatte ihm der Schlingel übel gelohnt; er that als Beamter nicht gut. Nicht, daß er getrunken hätte oder eigentlich liederlich gewesen wäre, aber er hatte den Kopf voller Flausen. Zum Künstler, hatte er behauptet, wäre er geboren; ein Bildhauer steckte in ihm, das fühle er, und das sollte hervorkommen.
Natürlich war er fürchterlich ausgelacht worden,und der alte Vater empfand schier tödtlich den Schimpf, den ihm der Sohn bereitete. Denn boshaft, wie die Menschen nun einmal sind, versäumten sie nie, wenn sie des alten Actuars ansichtig wurden, ihn zu fragen, wie es seinem Sohne, »dem Bildhauer«, ginge, ob er Fortschritte machte, und was dergleichen Scherze mehr waren. Und während alle anderen vernünftigen Leute der Stadt es als ihre Pflicht erkannten, dem jungen Menschen zur Vernunft zu reden, war Einer, der das Gegentheil that, der ihn in seinen Abgeschmacktheiten durch Zureden bestärkte. Das war unrecht von dem Einen, und dieser Eine war Niemand anders als der Herr Regierungsrath Graumann. Man erzählte sich, daß er dem jungen Menschen die Erlaubniß gegeben habe, ihn zu besuchen; daß dieser oft Stunden lang bei ihm verweilte, daß der Regierungsrath ihm seine Bilder zeigte, sich mit ihm über seine Pläne unterhielt, ihn sogar mit Geld unterstützte. Lauter Dinge, die aller Vernunft und gesellschaftlichen Ordnung doch geradezu ins Gesicht schlugen. Und natürlich hatte es denn auch zu keinem guten Ende geführt. Eines schönen Tages war der »Bildhauer« verschwunden gewesen, fort von der Regierung, aus der Stadt,und fort von seinen Eltern. Einfach durchgebrannt; Niemand wußte, wohin. Niemand wußte es und hat es je erfahren. Denn seit dem Tage blieb er verschollen, und kein Mensch hatte je wieder von ihm gehört. Ob vielleicht der alte Graumann? Möglich – aber der sagte nichts.
Bei dem Weinhändler Kurzer nun hatte »der Michelangelo der Ukermark«, wie ihn einer von den Regierungsreferendaren, ein junger, besonders geistreicher Mann, betitelt hatte, eine Rechnung. Er hatte dort manchmal ein Glas Wein, und mehr als eins, getrunken, aber keins bezahlt. Wahrscheinlich war es auch wieder dieser alte Sünder, der alte Graumann, gewesen, der den Herrn Kurzer zu so sträflicher Nachsicht veranlaßt hatte. Wenige Tage dann, bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwand, hatte er dem Weinhändler seine Löwenreiterin gebracht, gewissermaßen als Bezahlung. »Vielleicht würde er sie später einmal verwerthen können,« hatte er gemeint. Bis jetzt war es freilich nicht geschehen.
»Wird auch wohl so bald nicht kommen,« meinte mit resignirtem Schmunzeln der Herr Kurzer, wenn das Gespräch darauf kam.
Am Nachmittag des besagten Weihnachtsabendswar also der alte Graumann im Weinkeller erschienen. Statt einer halben Flasche, die er für gewöhnlich trank, hatte er sich sogleich eine ganze bestellt, eine ganze Flasche schweren Burgunder. Ueberhaupt war er dem Herrn Kurzer ganz besonders aufgeregt erschienen.
»Gehen Sie denn heute Abend nicht zur Bescherung ins Stift?« hatte Herr Kurzer gefragt; darauf aber war der Herr Regierungsrath gleich sacksiedegrob geworden.
»Soll ich in ein Haus gehen, wo man mich 'rausschmeißt?« Und dann hatte er die Geschichte mit dem Briefe erzählt. Furchtbar schien ihn die Geschichte aufgeregt zu haben. So wie an dem Tage hatte Herr Kurzer ihn noch niemals gesehen. Eine ganze Weile hatte er sich schweigend mit seinem Burgunder unterhalten, dann war er mit einem Mal aufgestanden, hatte die Figur aus der Ecke geholt und sie, ohne ein Wort zu sagen, mitten auf den Tisch gestellt.
»Ganz staubig ist das Ding gewesen,« berichtete Herr Kurzer, »so daß ich es erst habe abklopfen müssen.«
Alsdann hatte der Alte davor gesessen und kein Wort gesprochen und immerfort das Ding angeschaut– immerfort, »eigentlich nicht anders als wie ein Verrückter,« hatte Herr Kurzer gemeint. Und dann hatte es angefangen, in seinem Gesicht zu arbeiten. »Sie wissen ja, wenn er so mit sich Unterhaltung macht;« diesmal aber hatte es ausgesehen, als ob er sich mit der Löwenreiterin unterhielte oder vielmehr mit dem, der die Löwenreiterin gemacht hatte. Immerfort in die Luft hätte er vor sich hin gesprochen; lauter sonderbares Zeug. Herr Kurzer, der mit ihm am Tische saß, hatte Einiges davon verstehen können.
»Dir haben sie es auch nicht gegönnt! Darum bist Du um die Ecke gegangen. Und nun bist Du zum Teufel. Daß so etwas hier hat geboren werden können, in dem Nest! Wie sie ihm das Herz abgefressen haben, immerfort, bis er nicht mehr gekonnt hat, nicht mehr ausgehalten hat! Nun ist er zum Teufel. Sie haben ihn auf dem Gewissen. Haben ihm das Herz abgefressen. Mit ihrem ewigen dummen Gelache und Gehöhn. Mit dem sie sich so klug vorgekommen sind, die Dummköpfe, die gottserbärmlichen, die Strohköpfe, die Banausen!«
Was er dann weiter sagte, hatte Herr Kurzernicht verstehen können, weil es ein dumpfes Murren gewesen war. Dann aber hatte er wieder ein Glas hinunter getrunken, mit der flachen Hand, wie es seine Gewohnheit war, sich den Mund gewischt und dann plötzlich mit der Faust auf den Tisch geschlagen, daß Flasche und Gläser geklirrt hatten und die thönerne Figur, als sei die Seele ihres Verfertigers für einen Augenblick in sie zurückgekehrt, einen dumpfen Klang von sich gegeben hatte. Zu Herrn Kurzer hatte er sich herum gewandt »mit ein paar Augen, daß ich doch gleich denke, der Teufel selber guckt mich an.« – »Nicht gegönnt haben sie's ihm,« hatte er Herrn Kurzer angeschrieen, »das ist der Kern von dem ganzen Pudel! Neid ist die ganze Geschichte gewesen. Nicht vertragen haben sie's können, daß da mitten unter ihnen so Einer gekommen ist, der was Anderes gewesen ist als sie, mehr gekonnt hat als sie! Ist ein Liederjahn – hat's geheißen; ist nicht wahr, er war kein Liederjahn. Kartoffeln sind sie gewesen, Alle mit einander, und er war eine – eine – was soll ich sagen – mitten unter den Kartoffeln eine Ananas.«
»Das ist sehr gut,« hatte Herr Kurzer rasch eingeschoben, indem er einen verunglückten Versuchmachte, der Sache eine scherzhafte Wendung zu geben. Einen sehr verunglückten, denn der Herr Regierungsrath hatte ihn angesehen – noch schrecklicher als vorhin.
»Gut nennen Sie das?«
»Ich meinte nur, was Sie da eben gesagt haben, von den Kartoffeln und der Ananas,« beeilte sich Herr Kurzer zu seiner Entschuldigung anzubringen.
Darauf aber hatte der alte Graumann lange Zeit gar nichts gesagt, sondern schweigend das Haupt in die Hand gestützt wie Jemand, der ganz in sich und seine Gedanken hinein kriecht. Endlich war er wieder heraus gekommen und hatte die Hand auf Herrn Kurzer's Arm gelegt.
»Herr Kurzer,« hatte er gesagt, »kennen Sie die Geschichte von dem Apostel Johannes, der sich, als er ein alter Mann geworden war, immer in die Kirche tragen ließ und immer nur ein Wort und nichts als das sagte: ›Kinder, liebt Euch unter einander?‹«
Herr Kurzer glaubte sich zu erinnern, daß er so etwas einmal gehört hätte.
»Mein lieber Herr Kurzer, sehen Sie, das war ein alter Mann, und ich bin auch ein alterMann. Der hatte das Leben erfahren, sehen Sie, und wußte, was er sagte, und hatte recht. Einmal wird die Zeit kommen, da werden auch Sie sagen: der alte Graumann hat doch recht gehabt. Sehen Sie, mein lieber Herr Kurzer, da sind nun unsere Prediger. Alle Sonntage, die Gott werden läßt, klettert das auf die Kanzel und sabbert den Leuten eine Stunde lang was vor und nachher, wenn's zu Ende ist, gehen die Leute hinaus und sind genau so klug wie vorher. Wissen Sie, was sie thun sollten? Auf die Kanzel sollten sie steigen, ihre Bücher zu Hause lassen und den Leuten ein einziges Wort sagen, aber so, daß die Leute es hören: ›Seid nicht neidisch!‹«
Herr Kurzer hatte sich unwillkürlich umgesehen. So fürchterlich gebrüllt hätte der Regierungsrath, als er das sagte, daß er doch wirklich geglaubt hätte, die Vorübergehenden würden von der Straße herunter kommen, zu fragen, was da unten los sei.
Den alten Graumann aber hatten solche Befürchtungen offenbar nicht angefochten.
»So sollten sie sprechen, die Prediger,« hatte er fortgefahren; »›ich kenne Euch,‹ sollten sie zu den Leuten sagen, ›ich kenne Euch Alle, dieIhr da vor mir sitzt; durch Eure andächtigen, scheinheiligen Gesichter sehe ich hindurch, bis in Eure schwarzen Herzen. Ja, guckt mich nur an; denn in Euren Herzen ist es finster, finster, schwarz. Ein Höllenhund sitzt in Euren Herzen, in jedem einzigen, der Neid! der Neid! Der verdammte, verfluchte Neid!‹«
Bei diesen Worten, so erzählte Herr Kurzer später, war der Herr Regierungsrath aufgesprungen und im Keller auf- und abgegangen, auf und ab, so daß es ihm beinahe ungemüthlich zu Muthe geworden wäre und er gar nicht mehr gewußt hätte, was er eigentlich machen sollte. Endlich hatte er sich ermannt und noch einmal den Versuch gemacht, die Geschichte von der humoristischen Seite zu nehmen.
»Da würden die Herren Prediger ihre Kirchen wohl bald schön leer haben,« hatte er bemerkt.
Ein Geknurr war die Antwort gewesen. »Glaub' ich selber. Habe Ihnen ja den Brief gezeigt; haben es gehört, wie's Einem geht, wenn man den Menschen die Wahrheit sagt, daß sie Neidhämmel sind. Zum Hause schmeißen sie Einen 'raus. Denn sie fühlen, daß man recht hat, und weil sie's fühlen, wollen sie's nicht Wort haben. Natürlich.Wenn man unter Kranken steckt, darf man von der Krankheit nicht sprechen; ist nicht angenehm, wenn man daran erinnert wird. Denn krank sind die Menschen allesammt, und ihre Krankheit, wissen Sie, wie die heißt? Der Neid.«
»Es wird doch aber Ausnahmen geben,« hatte Herr Kurzer einzuwenden gewagt; aber ein Lachen – »Sie wissen ja, so ein recht höhnisches, beinahe teuflisches« – war von dem alten Graumann gekommen. »Ausnahmen« – und damit hatte er sich wieder zu seinem Burgunder gesetzt, »wie soll's denn Ausnahmen geben, wenn die ganze Welt aufgebaut ist auf dem verfluchten Gesetz: Seid neidisch auf einander! Was einem Andern gehört, gehört nicht mir; und daß es nicht mir gehört, sondern einem Andern, das ist nicht recht, und darum ist der Andre mein Feind. Das ist die Weltordnung, diese – diese famose, von der die Prediger von den Kanzeln erzählen. Haben Sie's einmal angesehen, wenn man Spatzen füttert? Da werfen sie einen Brocken hin – surr, ist ein Sperling da. Noch einen Brocken – rutsch, kommt ein zweiter. Was thut der erste? Von seinem Brocken, an dem er herum pickt, läßt er los und fährt über den zweiten her, warum? Bloßdamit der andere Spatz nicht auch etwas abbekommt. Die Canaille! Wenn die Menschen so etwas sehen, lachen sie. Schämen sollten sich die Menschen, statt zu lachen, sollten sich sagen, daß sie's genau so machen wie die Spatzen, aber ganz genau! Sind Sie einmal durch einen Wald gegangen? Haben Sie's gesehen, wie das Gestrüpp und das Unterholz aufwächst und sich breit macht zwischen den hohen Bäumen? Sie denken: das macht sich so von selbst, das ist eben die Natur. Jawohl ist's die Natur, aber in der Natur steckt der Teufel. Neidisch ist das Unterholz auf die hohen Bäume und möchte sie am liebsten ersticken. Würde sie auch ersticken, wenn der Mensch sich nicht darüber hermachte und das Unterholz kappte. Ja, der Mensch – dem Gestrüpp gegenüber hat er ein Einsehen, aber wenn man ihm sagt: seht in Euch selber hinein, rodet es aus, was da drinnen bei Euch wächst, das Wucherzeug, die Wasserpest, dann schmeißen sie Einen zum Haus hinaus. Herr Kurzer, ich bin Beamter gewesen, bin lange Zeit Beamter gewesen, viel zu lange. Ich habe es zu nichts gebracht. Nicht einmal das haben sie mir gegönnt, daß sie mir den ›Geheimrath‹ gegeben haben. Warum? Soll ich'sIhnen sagen? Weil ich ein Esel gewesen bin mein Leben lang, ein Dummkopf; weil ich auf meinem Weg immer zur Seite gesehen habe, was sich da neben mir begab, statt daß so ein tüchtiger Beamter, verstehen Sie, so ein Streber, immer mit Scheuklappen seinen Weg gehen muß, immer nur vorwärts sehen muß, vor sich hin und hinauf, damit er hübsch vorwärts kommt. – Aber ich will Ihnen etwas sagen, Herr Kurzer: wenn sie so an mir vorbei avancirt sind, mit so einem halb mitleidigen Lächeln, weil ich immer hinter ihnen geblieben bin, bewundert habe ich sie nicht und beneidet um ihre Orden, mit denen sie klunkerten, auch nicht. Denn in meiner Dummheit bin ich klüger gewesen als sie und habe etwas gewußt, was sie Alle nicht gewußt haben, daß sie krank sind, Einer wie der Andere, neidisch, der Eine auf den Anderen, und weil ich nichts gewollt habe, bin ich nicht neidisch gewesen.«
Und nach diesen Worten war der Herr Regierungsrath wieder stumm geworden, hatte vor sich hingesehen und dann mit einer Stimme, »gerade als wenn er aus dem Grabe heraus spräche«, gesagt: »Ich habe es mir abgewöhnt.«
Was er damit hatte sagen wollen, vermochteHerr Kurzer nicht anzugeben. Es hatte so ausgesehen, als wenn sich der alte Mann an etwas erinnerte, an etwas, das vor langer Zeit einmal geschehen war, vielleicht damals, als er noch ein Kind war; denn plötzlich war er dann auf die Kinder gekommen.
»Ja, die Kinder,« hatte er wieder angefangen, »wenn man solch ein Kind ansieht – es ist doch so etwas Schönes. Das glaubt noch an einen ›lieben Gott‹, weiß noch nichts von all' dem Dreck, durch den man patschen muß, wenn's nachher ins Leben geht, Streberei, Kriecherei, Heuchelei, und wie die Teufelseier alle heißen. Und sehen Sie, Herr Kurzer« – und dabei hatte er den Arm des Herrn Kurzer zwischen seine Finger gepreßt, als wenn er ihm den Knochen zerdrücken wollte – »sehen Sie, Herr Kurzer, neidisch ist das darum doch. So ist der Mensch! Neidisch sind solche Würmer auf einander auch schon! Schenkt man Einem was, so sieht's nicht auf das, was es bekommen hat, sondern nach dem, was das Andere gekriegt hat; und wenn ihm das schöner erscheint und besser gefällt, dann geht der Teufel in ihm los. Das, was ich nicht habe, das gerade möchte ich bekommen haben. Und dasitzt man nun vor solch einem kleinen Geschöpf, solch einem armen, kleinen Ding und sieht, wie das Gift in ihm zu kochen anfängt, und wie das Pflänzchen krank wird, weil es die Krankheit eingesogen hat und angeerbt, die aus dem Boden kommt, aus dem es wächst, der Welt, die so schön eingerichtet ist, der – der schlechten, schändlichen, verfluchten Welt! Und über das Alles sieht man in die Zukunft hinaus, wenn das Kinderpflänzchen einmal ausgewachsen sein wird und ein Strunk geworden sein wird, ein dicker, grober, knotiger Strunk. Dann wird es gerade sein wie all' die Strünke, die vor ihm gewesen sind, so hart, daß man Andere damit todtschlagen kann. Und das Alles muß man mit ansehen und kann nichts thun, es zu ändern; denn wenn man es ändern will, dann kommen die Erwachsenen und schmeißen Einen zum Hause hinaus. Sie haben den Brief gehört, Herr Kurzer – schmeißen Einen zum Hause hinaus!«
Ueber diesem Gespräch, berichtete Herr Kurzer, war es mittlerweile spät geworden, der Weihnachtsabend angebrochen. Durch das Kellerfenster hindurch sah man in dem gegenüberliegenden Hause bereits einen flammenden Lichterbaum. Da hinüberhatte der Herr Regierungsrath gesehen, mit einem Ausdruck im Gesicht, meinte Herr Kurzer, daß man recht gefühlt hätte, was für ein einsamer alter Mann er eigentlich war. Dann hatte er gesagt: »Sie werden nun wohl auch Ihren Keller zuschließen und bei sich zu Hause aufbauen wollen, Herr Kurzer; darum will ich nur gehen.« Und damit war er aufgestanden, und Herr Kurzer hatte ihm geholfen, den Mantel anziehen. Und als er schon den Mantel angezogen und den Hut in der Hand hatte, war er noch einmal stehen geblieben und in Gedanken versunken.
»Weil ich jetzt also den Kindern nichts mehr schenken soll,« hatte er gesagt, »will ich Ihnen etwas lassen, Herr Kurzer. Wenn Sie wollen, können Sie's wegschmeißen: Erfahrung, Herr Kurzer! Darauf, daß der Mensch Erfahrung macht, darauf kommt es an!« Und indem er so sagte, hätte der Herr Regierungsrath die Hand, darin er den Hut hielt, emporgehoben und ausgesehen – »gradezu feierlich,« meinte Herr Kurzer.
»Man muß etwas erlebt haben, Herr Kurzer, und das, was man erlebt hat, behalten. Aber nicht im Kopf, verstehen Sie, sondern da, da drinnen im Herzen. Ein Herz muß man haben,das sich erinnern kann. Und daran eben fehlt es bei den Menschen; denn wenn man etwas aufbewahren soll, dann muß man einen Raum haben, wo man es hineinthun kann; wenn man sein Leben mit sich tragen soll im Herzen, muß man ein Herz haben, wo Platz dafür da ist. Und das eben haben die Menschen nicht, sondern ihre Herzen sind wie flache Teiche, wo ihre Strebergedanken drin herumschwimmen wie gierige Fische mit dummen Glotzaugen, die nichts Anderes denken können, als daß sie danach umhersehen, ob nicht irgendwo ein Brocken herunterfällt, den sie aufschnappen können. Nein, Herr Kurzer, nicht wie ein Teich muß das Herz des Menschen sein, sondern wie das Meer. Sind Sie schon einmal am Meere gewesen, Herr Kurzer? – Da werden Sie gesehen haben, daß das Meer nicht die Farbe annimmt von dem Tage, der grade darüber scheint, sondern daß es seine Farbe für sich hat, und daß die Farbe immer bleibt, einen Tag wie alle. Woher erklären Sie sich denn, daß das kommt? Das will ich Ihnen sagen; es kommt daher, daß das Meer immerfort den ganzen Himmel widerspiegelt, bei Tag und bei Nacht, Sonne, Mond und Sterne, heute hell undmorgen dunkel, und das Alles, was da immer von oben hinuntersieht, bleibt aufbewahrt in dem tiefen Meere, und davon bekommt das Meer seine gleichmäßige Farbe. Ist der Himmel, der darüber liegt, wie das bei uns da oben im Norden zu sein pflegt, meistens grau, so wird auch das Meer grau; ist er hell und blau, wie da unten im Süden, wird auch das Meer blau. Und so wie mit dem Meere, sehen Sie, so ist es mit den Herzen der Menschen. Denn was der Himmel für das Meer, das ist das Leben für den Menschen, das immer über ihm liegt mit seinen Erlebnissen und Erfahrungen und Schicksalen. Nicht immer nur den heutigen Tag muß man in sich hineinschlucken, sondern alle Tage müssen dem Menschen gegenwärtig sein, die er schon gelebt hat. Und nicht immer zappeln und streben muß man nach dem, was morgen etwa kommen wird, sondern erinnern muß man sich, erinnern, erinnern! Aber damit man sich erinnern kann, dazu gehört, daß man eben ein tiefes Herz hat, so tief wie das Meer. Und daran eben fehlt es bei den Menschen. Und wenn sie solche Herzen hätten, dann stände es besser um die Welt; dann würden sie eine Ahnungdavon bekommen, was das eigentlich sagen will, wenn es heißt, daß vor Gott hundert Jahre sind wie ein Tag. Denn das ist ein merkwürdiges Wort, Herr Kurzer, viel merkwürdiger, als die Menschen es sich träumen lassen, die es gar nicht verstehen. Einer hat es einmal verstanden, und das ist der alte Apostel Johannes gewesen, von dem ich Ihnen gesagt habe. Als der alt geworden ist, sehen Sie, da hat Alles vor ihm gelegen, was er jemals erlebt hatte, an sich und an Anderen. Und weil er ein alter Mann geworden war, der sich tragen lassen mußte und wahrscheinlich auch nicht viel mehr sprechen konnte, hat er bei sich überlegt, wie er Alles das, was er gesehen und mitgemacht und erlebt hatte, in ein einziges Wort zusammendrücken könnte, das sie alle verständen, und da hat er kein besseres gefunden, als das, was ich Ihnen gesagt habe: ›Kinder, liebet einander‹. Und er hätte auch kein besseres finden können; denn damit hat er Alles gesagt, was den Menschen noth thut, und was sie heilen kann von ihrer niederträchtigen Krankheit, und es ist wirklich ein schönes Wort gewesen, ein schönes, schönes.«
Und damit hatte der Herr Regierungsrath den Hut auf den Kopf gesetzt und war hinausgegangen,und es hätte ausgesehen, meinte Herr Kurzer, als hätte er vergessen gehabt, daß Herr Kurzer oder sonst noch Jemand auf der Welt gewesen wäre.
Möglicher Weise war es bald nach dieser Unterhaltung des alten Graumann mit dem Weinhändler Kurzer, jedenfalls in einem Winter, als ich seine nähere Bekanntschaft machte.
Eine sonderbare Begebenheit bot den Anlaß dazu:
Vom Nachmittagsspaziergang zurückkehrend, ging ich den hohen Damm entlang, der die Straße der Vorstadt, in deren Zeile die Wohnung des Regierungsraths lag von tief gelegenen Wiesen auf der anderen Seite trennte. Der vorüberfließende Strom überfluthete das flache Gelände; die Wiesen bildeten das Schlittschuhlaufgebiet der Stadt. An jenem Tage lag tiefer Schnee; die Eisbahn aber war glatt gefegt und wimmelte von fahrendem Volk.
Das Haus, in welchem der alte Graumann wohnte, lag etwas von der Straßenflucht zurückgerückt; ein Vorgarten befand sich davor, und in diesem Vorgarten sah ich, indem ich näherkam, zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, damit beschäftigt, einen Schneemann zu bauen. Je lauter von der Eisbahn her das Gewirr undGelärm vergnügter Stimmen ertönte, um so stiller ging es auf dieser Seite zu, wo die beiden Kleinen, offenbar armer Leute Kinder, emsig und wortlos ihrem Werke oblagen.
Der weiße Mann war schon so ziemlich fertig; zwei Kohlenstücke waren als Augen in seinen Kopf gesteckt; mit schwarzer Kohle war ihm eine Nase und ein Mund gezeichnet, und aus dem Munde ragte, eine Cigarre andeutend, ein Stück Holz. Aus dem Hause wurde ein Besen geholt und ihm in den linken Arm gegeben. Und nun schien das Werk vollendet. Brüderchen und Schwesterchen standen bewundernd davor. Nur eins noch fehlte; Meister Schneemann hatte noch keine Kopfbedeckung. Eine flüsternde Berathung der Geschwister, und dann lief der Junge abermals ins Haus, um das fehlende Bekleidungsstück zu holen.
Im Augenblick aber, als er den Platz verließ, erschien von der Eisbahn her eine Schar von Knaben, die Schlittschuhe über den Arm gehängt, in ihrer Mitte, gewissermaßen den Kern bildend, zwei auffallend hübsche, aber dreist blickende, dunkeläugige und dunkellockige Burschen von etwa elf oder zwölf Jahren, die Jedermann in der Stadt kannte, weil es die Söhne eines derreichsten und angesehensten Kaufleute des Orts und einer überaus zärtlichen Mutter waren, »die die Rangen«, wie man sich in der Stadt zuflüsterte, »kolossal verzog«. Immer sah man die Beiden zusammen und als Dritten im Bunde stets einen großen, gelb-weißen Bernhardiner, den der Vater ihnen geschenkt hatte, und der sie auf Schritt und Tritt begleitete. Auch heute war der Hund mit ihnen auf der Eisbahn gewesen, und mit der dicken Schnauze im Schnee wühlend trabte er der Schar voraus.
Sobald nun die Jungen den Damm erstiegen hatten und des Schneemanns drüben ansichtig geworden waren, entstand ein jauchzendes »Halloh«, und im nächsten Augenblick war der ganze Schwarm vom Damm herab, über die Straße hin, am Stacketenzaun des Vorgartens, mitten unter ihnen der Bernhardiner, der sich auf den Hinterbeinen aufgerichtet hatte und die Vorderpfoten auf den Zaun aufstützte.
Anfänglich begnügte man sich damit, den Schneemann, der einige Schritt weit vom Stackete entfernt stand, schweigend zu bewundern; bald aber wurde das langweilig, und die beiden Anführer griffen in den Schnee, machten sich Schneebälle,die Anderen folgten ihrem Beispiel, und im nächsten Augenblick eröffnete sich ein Bombardement von Schneebällen auf den weißen Mann.
»Nicht schmeißen! Nicht kaput machen!« schrie das kleine Mädchen, das allein auf dem Platze war, aber ein höhnendes Gelächter erstickte ihren Ruf, denn gerade jetzt hatte ein wohlgezielter Wurf die Cigarre aus dem Munde des Schneemannes geschleudert, und im nächsten Augenblick hatte er nur noch ein Auge.
Jetzt kam der kleine Bruder aus dem Hause zurück. Von der Schwester, die schon nah am Weinen war, auf das Unheil aufmerksam gemacht, das ihrem Kunstwerk drohte, besann er sich nicht lange, steckte dem Schneemann wieder die Cigarre in den Mund, das ausgeschossene Kohlenauge wieder in den Kopf, stülpte ihm die alte, große Mütze, die er mitgebracht hatte, auf den Kopf; dann griff auch er in den Schnee, und klatsch – hatte der eine von den Angreifern einen Schneeball mitten im Gesicht.
Das gab dem »Ulk« eine neue Wendung; ein Schneeballkampf entstand, und es dauerte nicht lange, so war der arme kleine Bursche da drinnen im Vorgarten so mit Würfen und Schüssen zugedeckt,daß er mit dem Schwesterchen, das er an der Hand nahm, bis an die Hausthür flüchten mußte; für den Schneemann gab es nun keine Rettung mehr; das ausdrucksvoll gemalte Gesicht war bald nur noch eine unförmliche Masse, und alle Anstrengungen der Angreifer richteten sich darauf, ihm die Mütze, die immer noch nicht herunter wollte, vom Kopfe zu schießen. Endlich war »der große Wurf gelungen«, ein Schneeball hatte die Mütze getroffen, ein zweiter, dritter schlug an der gleichen Stelle ein; ein Triumphgeschrei erhob sich, und in das Geschrei der Knaben mischte sich das tiefe, vergnügte Gebell des Bernhardiners. Der Hund wollte auch dabei sein und sollte es auch. Im Augenblick, als die Mütze vom Kopfe des Schneemanns herabglitt, packte einer von den beiden wilden Burschen den Bernhardiner am ledernen Halsband, und indem er auf die Mütze zeigte, die dunkelfarbig vom weißen Schnee abstach, rief er: »Allons, apporte, Nero! Apporte!« Mit gellendem Jubel wurde der Gedanke aufgenommen; »apporte, Nero, faß' Nero!« Der Hund, von allen Seiten angefeuert, gebärdete sich wie rasend und machte die verzweifeltsten Anstrengungen, über den Stacketenzaunhinüber zu kommen. »Wir müssen ihm helfen,« hieß es; sämmtliche Knaben vereinigten ihre Hände unter dem Leibe des Hundes, und indem sie das schwere, mächtige Thier emporhoben, verschafften sie ihm die Möglichkeit, hinüber zu gelangen. Ein letztes, aufgeregtes Geblaff, und dann, halb selber springend, halb geschleudert, flog der Bernhardiner über den Stacketenzaun in den Schnee des Vorgartens, in dem er sich überschlug. Im nächsten Augenblick stand er hochaufgerichtet an dem Schneemann, in den er seine breiten Pfoten einschlug, während er mit dem Maule nach der Mütze schnappte, die auf der Schulter des Schneemanns liegen geblieben war. Jetzt aber, aller Furcht vor etwaigen Schneebällen vergessend, kam der kleine Junge wieder nach vorn gerannt. Die Mütze war offenbar die eines erwachsenen Mannes, wahrscheinlich die seines Vaters, die er sich, während der Vater außer Haus war, eigenmächtig geholt hatte. Wenn sie in den Zähnen des Hundes entzwei ging, standen dem kleinen Kerl die bedenklichsten Folgen in Aussicht. In voller Verzweiflung warf er sich daher dem Hunde entgegen, um die Mütze zu retten. Aber es war zu spät; der Hund hatte sie schon gepackt, undnun griff der Junge zu, um sie dem Thier wieder zu entreißen. Ein Ringkampf entstand zwischen beiden, zum brüllenden Ergötzen der Burschen draußen, die vor Entzücken über ihr gelungenes Thun jauchzten und quietschten. Der Bernhardiner, nicht bösartig von Natur, aber tollpatschig, wie solche große Hunde sind, mochte glauben, daß der Knabe mit ihm spielen wollte; je mehr der Gegner an der Mütze zog, um so fester packte er sie mit den Zähnen. Beide Kämpfer drängten sich in den Schneemann hinein; der Schneemann kam ins Wanken, und plötzlich, wie ein Schneeberg, fiel er über sie, beide für einen Augenblick unter seiner Masse begrabend.
Der Jubel da draußen, den dieses Schauspiel hervorrief, artete zu einem wahrhaft höllenmäßigen Lärm aus, und in den Lärm mischte sich das Zetergeschrei des kleinen Mädchens, das jetzt auch herangekommen war und sich, unter strömenden Thränen, bemühte, den Bruder zu befreien, der prustend, selbst wie ein kleiner Schneemann aussehend, unter der Lawine hervorgekrochen kam.
In diesem Augenblick jedoch erscholl ein Laut, der sowohl den Freudenlärm wie das Zetergeschrei jählings verstummen machte. Auf dem Balkonseiner Wohnung, der sich über dem Hauseingange befand, war der alte Graumann erschienen. Und mit einer Stimme, die wirklich furchtbar, wie die eines angeschossenen Bären, klang, brüllte er in den Kampf hinunter.
»Ihr Schlingel, Ihr infamen,« schrie er zu den Jungen hinüber, die draußen am Stacketenzaun standen, »was macht Ihr da? Wollt Ihr gleich Euren Köter fortrufen, Euren verfluchten!«
Die Erscheinung des alten Mannes, der sich, blauroth vor Zorn im Gesicht, über die Brüstung des Balkons gebeugt hatte, und der Ton seiner Stimme wirkten so erschreckend, daß für einen Augenblick allgemeine Stille eintrat und die von Winterluft und Aufregung glühenden Gesichter der Knaben erblaßten. Dann aber, von den beiden Rädelsführern ausgehend, erhob sich ein höhnisches Flüstern und Kichern, »der olle Graumann! der olle, verdrehte Graumann!« Ob das Gekicher bis zu ihm hinauf drang, vermag ich nicht zu sagen; jedenfalls aber richtete sich der Alte plötzlich auf, und indem er die Glasthür des Balkons schmetternd hinter sich zuwarf, verschwand er im Innern seiner Wohnung. Kaumeine Minute darauf kam er durch die Hausthür unten wieder zum Vorschein, eine große Lederpeitsche in den Händen, mit der er sich sofort, unter wüthenden Hieben, auf den Bernhardiner stürzte. Der Hund stieß ein klägliches Geheul aus, und mit eingezogenem Schweif floh er rund um den Garten, von dem alten Graumann unablässig verfolgt.
Aus dem, was als ein Spaß begonnen hatte, schien jetzt bitterböser Ernst werden zu wollen. Die Jungen draußen, namentlich die beiden Besitzer des Bernhardiners, geriethen auch ihrerseits in eine wilde Erregung, und als der Alte jetzt dicht am Stacket vorbei kam, schrie ihn der eine der beiden Buben, indem er wüthend beide Fäuste ballte, kreischend an: »Herr Graumann, ich werde es meinem Vater sagen, wenn sie unseren Hund schlagen! Sie dürfen unseren Hund nicht schlagen, Herr Graumann! Und ich werde es meinem Vater sagen!«
Der alte Mann blieb jählings stehen, und mit einer schweren Bewegung drehte er das Gesicht zu dem Jungen herum. »Deinem Vater wirst Du es sagen? Du rotznäsiger, frecher, infamer Schlingel! Erst werde ich mit Dir einWort sprechen, Du –« und mit den Worten griff er über den Zaun hinweg, nach dem Kragen des Jungen, der sich nur durch einen schnellen Sprung vor dem Griffe zu retten vermochte.
»Ihr Canaillen,« donnerte der Regierungsrath, indem er dicht an den Zaun herantrat, »das, was Ihr verdient, das ist die Karbatsche!«
Er schwang auch wirklich die Peitsche empor, als wenn er mitten unter die Knabenschar hineinhauen wollte, und bei der Aufregung, in der er sich befand, würde er sein Vorhaben sicherlich ausgeführt haben, wenn nicht in diesem Augenblick eine Frauenstimme ertönt wäre, die seinen erhobenen Arm langsam niedersinken ließ. Es war die Mutter der beiden »Rangen«, die heraus gekommen war, ihre Söhne von der Eisbahn abzuholen, und die sie nun hier in einem solchen Conflict vorfand.
»Aber Herr Regierungsrath« – die ohnehin energische Stimme der Dame klingelte förmlich in gellender Erregtheit –, »ich würde es doch nicht für möglich gehalten haben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, daß Sie auf offener Straße mit der Peitsche nach meinen Knaben schlagen!« Der alte Graumann verneigte sich mit höhnischer Beflissenheit, indem er die grüneSammetkappe lüftete, die er auf dem Kopfe trug: »Und ich würde es nicht für möglich gehalten haben, gnädige Frau, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, daß sich Ihre Musjehs von Söhnen auf offener Straße wie Strolche und Einbrecher benehmen würden.«
»Wie – Einbrecher?« Die Dame brachte es beinah mit einem Schrei hervor, indem sie fragend die Augen auf ihre Jungen richtete. Jetzt drängten sich diese an die Mutter, und indem der Rückschlag der bisherigen Aufregung eintrat, brachen sie in Thränen aus. »Es haben welche einen Schneemann gebaut,« berichteten sie, »und ihm eine Mütze aufgesetzt, und die Mütze ist heruntergefallen, und dann ist Nero über den Zaun gesprungen und hat die Mütze apportirt.«
»Lüge nicht, Du Galgenstrick!« donnerte der alte Graumann dazwischen. »Nicht heruntergefallen ist die Mütze! herunter geschmissen habt Ihr sie, mit Euren Schneebällen!«
»Aber ist denn das ein so himmelschreiendes Unrecht,« hob die erzürnte Vertheidigerin ihrer Sprößlinge wieder an, »wenn Kinder mit Schneebällen nach einem Schneemann werfen?«
»Jawohl, gnädige Frau!« – der Alte schrieihr seine Worte jetzt ohne alle Höflichkeit ins Gesicht – »jawohl ist es ein himmelschreiendes Unrecht, wenn ein Paar Bengel, die von ihrer Mutter wie Chenille-Affen verzogen werden, die Alles geschenkt bekommen, was sie sich nur denken können, und viel mehr, als ihnen gut ist, wenn solche Bengel einem Paar armer Kinder, die nichts von all' dem haben, wassiehaben, das arme, kleine bißchen Vergnügen stören und zunichte machen, was solche arme Kinder haben! Jawohl, gnädige Frau! Eine Niederträchtigkeit, das ist es, was Ihre Musjehs gemacht haben! Daß solch ein Schneemann keine große Kostbarkeit ist, das weiß ich; jawohl, gnädige Frau, ich bin so frei, es zu wissen. Aber darauf kommt es nicht an. Denn der Schneemann gehörte den beiden Kleinen, und darauf kommt es an. Gehörte nicht Ihren Musjehs, gehörte den beiden Kleinen, die ihn sich gemacht hatten! Ihre Jungen haben Schlittschuhe und Schlitten und einen Hund, so groß wie der Chimborasso, und die Kleinen haben nichts. Und daß Ihre Jungens ihnen nicht das einmal gönnen wollen, das ist eine Niederträchtigkeit! Daß sie ihren großen Köter auf die Kleinen hetzen, das ist eine Niederträchtigkeit!«
»Aber, wer hat denn mit Hunden gehetzt?«
»Ihre Herren Jungens, gnädige Frau. Jawohl, gnädige Frau, bin so frei; Ihre Herren Söhne haben den Chimborasso auf die Kleinen gehetzt! Und dafür soll sie der Teufel fricassiren, gnädige Frau! Bin so frei, Ihnen das zu sagen.«
Die Augen der beleidigten Dame verdrehten sich förmlich und richteten sich abermals auf die Knaben.
»Nicht gehetzt,« schrieen beide wie mit einem Munde. »Nero ist von selber über den Zaun gesprungen!«
Jetzt kam die Reihe, die Augen zu verdrehen, an den alten Graumann, und er that es so, daß man nur noch das Weiße darin sah.
»Ihr – Lügenbolzen,« sagte er keuchend, »Ihr habt ihn nicht gehetzt? Von selber ist er gesprungen? Mit Euren eignen Händen habt Ihr den Köter aufgehoben, Ihr sammt Euren Cumpanen, und ihn hinüber geworfen über den Zaun!«
»Herr Regierungsrath« – unterbrach die Dame. Aber der Alte ließ sich nicht unterbrechen.
»Das habe ich gesehen! Mit meinen eigenen Augen gesehen!«
»Herr Regierungsrath,« – wiederholte die Dame, und sie bemühte sich, ihren Worten den scharfen und kühlen Ton zu geben, mit dem man im Weltverkehr Ungebildeten den Unterschied zwischen ihnen und den Gebildeten klar macht, »Ihren Behauptungen stehen die Worte meiner Söhne entgegen, und meine Söhne lügen nicht.«
Der Alte ließ sein bekanntes, beinah teuflisches Lachen hören. »Vielleicht interessirt es Sie, gnädige Frau« – und er machte abermals seine höhnische Verbeugung –, »zu erfahren, daß Ihre Herren Söhne lügen wie gedruckt.«
»Sie irren sich! Meine Söhne lügen nicht, Herr Regierungsrath!« Das Taschentuch wurde aus dem Pelzmuff gerissen und fuchtelte in zuckenden Bewegungen in der Luft herum. Der alte Graumann trat so nahe an den Stacketenzaun heran, als er vermochte. »Gnädige Frau,« – und er bohrte die großen, runden, glühenden Augen in das aufgeregte Gesicht der Frau, – »Sie hören, daß ich es Ihnen sage, und ich bin ein alter Mann, und« –
»Und das sind meine Söhne, und meineSöhne sind anständiger Leute Kind und lügen nicht, und Sie –« die Stimme der Frau, die beinah zum Ueberschnappen gestiegen war, brach ab.
»Und ich?«
»Und Sie – Sie müssen mir das nicht übel nehmen, Herr Regierungsrath, alle Welt weiß das – Sie – sind ein aufgeregter alter – Mann.«
In diesem Augenblick trat ich heran. Ich hatte den Wortwechsel vom ersten bis zum letzten Worte mit angehört. Ein Gefühl sagte mir, daß ich eingreifen mußte, wenn etwas Unangenehmes auf offener Straße vermieden werden sollte.
»Erlauben Sie einem Unparteiischen das Wort, gnädige Frau, der, vom Zufall geführt, den Vorgang von Anfang bis zu Ende mit angesehen hat.«
Die Augen aller Kriegführenden richteten sich in überraschtem Schweigen auf mich.
»Ich habe den Vorgang, wie gesagt, in allen Einzelheiten verfolgt und muß bestätigen, daß es sich genau so zugetragen hat, wie Herr Regierungsrath Graumann gesagt hat. Der Hund ist nicht von selbst gesprungen; die Knaben haben ihm miteigenen Händen über den Zaun geholfen und ihn auf die Mütze gehetzt, die der Schneemann auf dem Kopfe trug.«
Eine Stille trat nach diesen Worten ein, als wenn eine Granate geplatzt wäre und Alles sich umsähe, wer verwundet und todt und wer noch am Leben sei. Dann, mit einem Griff, faßte die lautlos gewordene Mutter ihre beiden Söhne an der Hand, drehte sich herum, daß die Schleppe ihres schwerstoffenen Kleides wie ein zorniger Drachenschweif durch den Schnee fegte, und ohne Wort und Gruß, nicht einmal mit einem Kopfnicken, trat sie mit ihren Jungen den Rückzug nach der Stadt zu an. Der alte Graumann sah ihr nach, öffnete die Thür des Gartenzauns, jagte den Bernhardiner, der sich immer noch hinter ihm herumdrückte, zum Garten hinaus, und dann, als er sah, daß auch ich meines Wegs gehen wollte, streckte er mir über den Zaun die Hand hin.
»Bitte, kommen Sie doch herein.«
Ob es nur mein Dazwischentreten in seiner Streitsache oder was es sonst war, das ihn zu der Aufforderung veranlaßte, ich weiß es nicht. Ebenso wenig war ich mir klar darüber, was ich bei ihm sollte und wollte; aber der tiefe Klang seinerStimme, die von der Aufregung heiser geworden war, hatte etwas Gebieterisches. Ich trat ein.
Im Vorgarten standen die beiden Kleinen, dicht an einander gedrückt, die Mütze in Händen, auf die sie unter stummen Thränen niederblickten. Der alte Graumann nahm ihnen die Mütze aus der Hand. »Hm! Ist wohl kaput gegangen?« fragte er.
»Es is Vatern seine,« erwiderte schluchzend und stockend der kleine Junge, »und wenn Vater nach Haus kommt –« »Dann gibt's Prügel!« ergänzte der alte Graumann, indem er sich zu mir wandte. Er klopfte dem Jungen den Schnee ab, der noch immer, wie ein weißer Ueberzug, an seinem Rock und in seinen Haaren klebte. »Ihr hättet die Mütze von Eurem Vater nicht zu so etwas gebrauchen sollen,« sagte er, indem er sich zu den Kindern niederbeugte; »denn was für die Menschen ist, das ist doch nicht für die Schneemänner, nicht wahr?« Er stand zwischen den Beiden, indem er sie mit dem rechten und dem linken Arme an sich drückte. »Aber laßt nur jetzt das Weinen sein,« fuhr er fort, »Ihr seid nicht schuld dran, daß die Mütze entzwei gegangen ist, das werde ich Eurem Vater sagen, und dannwerde ich Vatern eine neue Mütze kaufen, und dann ist Alles wieder gut, und er wird Euch nichts thun.«