Was war mit ihm? Vorstellung von Klarheit, Helle, Heiterkeit, heidnischer Ablehnung der Feminität stand nicht mehr im Mittelpunkt, sondern entfernte sich wie ein Stern, der die Kulmination überschritten hat, stand seitlich. Und doch, wenn er an Thomas Schreiner oder die Russen auf dem See dachte, wußte er, daß seine Grundstellung den Dingen gegenüber bleiben würde — was also lag vor?
Ein Zustand kam in dieser Nachmittagsstunde über ihn gleich der Selbstversenkung eines Buddhisten; Zeit und Raumgefühl hoben sich auf wie im Schlaf — daerkannteer das Gesetz, nach dem er lebte: Rückkehr in die gestaltete Welt war der Preis, durch den er sich den Aufenthalt in der anschauenden Sphäre stets neu erkaufen mußte; und sie war die Rechtfertigung dieses Aufenthalts. Dauernder Aufenthalt, ein für allemal feststehendes Philosophiesystem hätte den menschlichen Angelegenheiten entfremdet: er mußte sie von Zeit zu Zeit so restlos miterleben, als gebe es nur diese Arena.
Das Seltsame war, daß dieser Wechsel seinem Willen sich entzog; das Gebot stieg aus dem innren Kosmos,war nichts als eine Meldung der bereits vollzognen Verschiebung — nie hatte er das Geheimnis der Vitalität stärker empfunden, fast war ein Grauen, als niste da unten in ihm ein zweites tierhaftes Lebewesen.
Und er ahnte, daß das Bewußtsein, auf die Dauer doch den Ideen, denen er sich nun hingeben mußte, überlegen zu sein, ihm nichts von den Kämpfen, nichts von den Qualen ersparen würde, die von denen, die er die Femininen nannte, erlitten wurden. Suveränität war ein Regulativ, kein dauernder Zustand des rotierenden Himmelskörpers Mensch. Ein Gefühl stellte sich ein ähnlich dem, als er von der Militärmaschine im Augenblick, als er die rettende Grenze hatte überschreiten wollen, gepackt worden war, Gefühl des Zwangs und vergewaltigender Monate, die unentrinnbar waren.
Suveränität war nicht behaglicher Landsitz eines, der klüger als die war, die sich in den Städten mühten; nicht Vorteil eines, der die andren für Narren erklären konnte, weil sie sich mit den Ideen herumschlugen; triumphierender Egoismus war nicht erlaubt.
Während Lauda sich zum Abend umzog, vernahm er im Garten die Stimmen der Gäste; man redete englisch, französisch und deutsch in reiner, schweizerischer und fremdländischer Aussprache. Als er ans Fenster trat, bemerkte er Graumann, den Mann, von dem Hannah geschieden war, so beleibt und lebhaft wie ehemals in München. Er war froh, ihn zu sehn, er hatte ihn gern, und es war ein bekanntes Gesicht.
Graumann unterhielt sich mit einem untersetzten Herrn, der Schweizer Dialekt sprach und aussah, als sei er gewöhnt, vor Volksversammlungen auf der Rednertribüne zu stehn, nicht eben wählerisch in Gesten und Argumenten. Da öffnete sich das Gebüsch, in dem d’Arigos Büste stand, und es trat ein junges Paar heraus, gleich durch herrenhafte Schlankheit — Volk mußte empfinden: sie sind schön.
Das Mädchen war Miß Lilian, die Lauda geentert hatte, der Mann gab ihm ein seltsames Wort ein: Bruder, nicht im übertragnen Sinn, sondern im physischen. Er sah seinen eignen Kopf, vielleicht war das Profil geschnittner, kameenhaft griechisch, und der Körper durch Sport durchgearbeiteter, aber am ähnlichsten der Hauch einer Geistigkeit, die untertan zu werden ablehnte — fast hochmütig bei diesem und in dem kleingeformten Kopf viel Eigensinn. Er vermutete, daß es d’Arigo war, und sich erinnernd, daß Miß Lilians Jacht Caramba hieß, reimte er Beziehung von ihr zu dem Künstler,von dem Hannah gesagt hatte, daß er Deutschspanier sei.
Lauda ging hinunter, begrüßte den Mann, der an dem Tag, an dem er mit Hannah auf dem bayrischen See gewesen war, den Browning vor ihn gelegt und gesagt hatte: „Damit könnte ich mich erschießen, oder Sie, oder erst Sie, dann mich, keins von den drei, ich hatte nur daran gedacht.“ Zeichen seiner Sachlichkeit auch, daß er im Haus seiner Frau verkehrte. Hannah trat hinzu, nahm Laudas Arm, ihn mit den Gästen bekannt zu machen.
„Es ist, Lilian als Freundin d’Arigos für sich gerechnet, eine einzige Frau dabei,“ sagte sie, „dort das ältliche Mädchen, Madeleine Betz, Elsässerin von deutscher Mutter, eingebornem Vater; solches Mischverhältnis bestimmte sie, war ihr vor dem Krieg Glück und Vorzug, jetzt ist es ihre Qual. Sie war in Paris und Berlin zu Haus, fand ihre Aufgabe darin, Fäden zu knüpfen, wurde als Pazifistin in Deutschland nur von literarischen und einigen bürgerlichen Kreisen aufgenommen, in Frankreich höflicher und mondainer behandelt, Männer der Öffentlichkeit schätzten sie dort.“
Lauda ließ Hannah ausreden, aber Madeleine Betz war ihm bekannt. Er empfand sich selbst nicht als Elsässer, obwohl er in Straßburg aufgewachsen war, vor der Auswandrung des Vaters nach Holland. Noch einmal danach hatte es eine Zeit gegeben, wo er sich für elsässische Möglichkeiten interessierte, und was Madeleine Betz zu einem Programm erhoben hatte, war für ihn Versuchung gewesen: Vermittlung zweier Völker zu dienen. Er hatte damals, ein Semester opfernd, die Straßburger Gesellschaft studiert; aber was er vorfand, war eine Bourgeosie, die Inzucht trieb, ein verblaßtes Salonideal pflegte, geistig in den Ideen aus der Zeit vor der Amputation lebend, sie durch gelegentliche Reisen nach Frankreich bestärkend.
Er hatte geurteilt, dieses Kleinbürgerland ohne eigne Tradition, von je dazu verurteilt, von einem Erobrer verwaltet zu werden, sei nicht geeignet, Pfeiler der Brücke von Frankreich nach Deutschland zu sein — Urteil, das vielleicht voreilig war, aber ihn bestimmte: er hatte darauf verzichtet, Wirkung in der Provinz zu werden, und war nach Berlin gegangen.
„Auch ein Lothringer ist anwesend,“ sagte Hannah, wies auf einen untersetzten Mann, der mit dem gleichgebauten Schweizer redete, „hast du Blick dafür, daß sie nicht nur dasselbe Format haben, sondern auch Gleichheit der Bewegungen und der lauten Sprache? Sie sind beide Sozialisten, beide Volksredner von erprobter Wirkung, die weniger geistig als elementar ist. Der Schweizer ist Doktor Nüßli vom Züricher Blatt, augenblicklich ein wichtiger Mann, weil er sich bemüht, die Partei für die Taktik der heimreisenden Russen zu gewinnen.
Der Lothringer ist Virgile Spieß, Vertreter eines Industriebezirks im Reichstag, wandte sich am vierten August sofort gegen den Beschluß der deutschen Sozialisten, die Kredite zu bewilligen, kam über die Grenze, erklärte, der Frankfurter Vertrag sei hinfällig geworden, Elsaß-Lothringen werde zu Frankreich zurückkehren — der erste Deserteur aus Grundsätzlichkeit, den du siehst. Um die Sozialisten gleich zu erledigen, ist noch Thomas Schreiner da, der zu den Unabhängigen gehört und schwankt, ob er nicht Kommunist im Sinn Kropotkins sei, dessen Bücher seine Bibel sind, sodann Doktor Shiller, ein Deutschamerikaner, der nun in Zürich Fühlung mit Mitgliedern der deutschen Opposition sucht, und Mitrofan, einer der heimreisenden Russen, der ohne Einladung kam, mit dem Auftrag, darüber zu wachen, daß ich mich meinem Versprechen nicht entziehe.“
Es war weder schwer, den blonden Amerikaner herauszufinden, noch den Russen mit dem Popenhaar. Bliebenzwei Herrn, der eine magrer Methodist, der andre kleine ein Poet romanisch melancholischer Prägung.
„Der wie ein Methodist aussieht,“ sagte Hannah, „ist Fünfkorn, ein deutscher Journalist, der seiner Gesandtschaft unbequem ist, er ließ sich, um der drohenden Einziehung zu entgehn, von der militärischen Nachrichtenstelle hierher schicken, warf alsbald die Maske ab, machte Enthüllungen über diese Spionageeinrichtung, wurde Spezialist in den verschiednen Weiß- und Gelbbüchern, wies, Antipode Davids in Berlin, die Schuld Deutschlands am Krieg nach, vertritt bedingungslos die Ansicht, daß die Entente die Sache der Gerechtigkeit führt, wünscht Fortführung des Kriegs, bis der deutsche Militarismus wie ein Reptil ausgerottet ist, beginnt Mittelpunkt aller Bestrebungen zu werden, die ein Organ für nicht kaiserliche deutsche Demokraten schaffen wollen, und wird es vermutlich mit Hilfe Shillers, das heißt amerikanischen Propagandagelds gründen. Der Poet, wie du sagst, ist neben d’Arigo der einzige, der der Politik ganz fern steht, Haupt einer neuen Gruppe, von der ich dir neulich sprach, den sogenannten Ungegenständlichen. Er ist Portugiese, nennt sich Lisbao, und wird nach seiner Gewohnheit aus dem Manuskript vorlesen.“
Die Gastfreunde Hannahs blieben acht Tage versammelt, selbst Nüßli kehrte nicht in die Züricher Redaktion zurück, er ließ sich seine Post schicken. Da auch die andren Politiker die Verbindung mit der Welt organisierten — Graumann hatte seine Sekretärin mitgebracht und stellte sie und ihre Maschine zur Verfügung — konnte Virgile Spieß sagen, man habe sich zu einer dritten, privaten Zimmerwalder Konferenz vereinigt; die Tage waren mit Debatten gefüllt.
Spieß war der einzige, der sich den Ideen von Zimmerwald und Kiental von allem Anfang an entgegenstellte und ihre Notwendigkeit leugnete. Für ihn bedurfte dieHaltung der französischen Sozialisten, bei denen er, die deutschen verlassend, Anschluß gefunden hatte, keiner Rechtfertigung: sie hatten die Kredite zur Landesverteidigung bewilligt, und Landesverteidigung im klaren, eindeutigen Fall eines Angriffs war, seit es Sozialismus gab, von allen Parteiprogrammen und Parteitagen anerkannt worden; er berief sich aufJaurès, mit dem er bei ungezählten Pariser Aufenthalten verkehrt und jene Formel ausgearbeitet hatte, daß Frankreich auf den Revanchegedanken verzichte, wenn Elsaß Lothringen deutscher Bundesstaat mit allen Rechten der Autonomie werde.
Die deutschen Sozialisten, waren für Spieß nicht in der gleichen moralischen Lage wie die französischen; wohl wurde ihr Land von Rußland bedroht; aber es hatte die letzte Möglichkeit einer Verständigung vereitelt, weil es von dem Gedanken eines Präventivkriegs hypnotisiert war, und die Partei hatte die Kredite bewilligt, trotzdem sie bereits von dem Einfall in Belgien, also einer Völkerrechtsverletzung ersten Rangs, wußte, und sie hatte bedingungslos bewilligt, während die Minderheit der französischen Genossen sich nur bis zu dem Augenblick band, wo der Feind aus dem Land vertrieben war.
Spieß sah keine Notwendigkeit, eine Konferenz einzuberufen, um die Frage zu besprechen, wie die zerrißne Internationale auf neuer Grundlage wiederhergestellt werden konnte. Es gab für ihn neben der großen Schuldfrage eine sozialistische Schuldfrage; ihre Anerkennung durch die deutsche Partei bedeutete die Beilegung des Bruderzwists — sein Programm für die Zeit nach dem Krieg.
Er war den Argumenten unterlegen, die von den in der Schweiz lebenden russischen Sozialisten aufgestellt worden waren. Lenin, Trotzki, Radek, denen dann auch Axelrod zustimmte, erklärten, die Schuldfrage interessiere klardenkende Sozialisten nicht, der Krieg sei zugleichProdukt des Kapitalismus und Mittel ihn zu zersetzen. Die Zeit sei gekommen, die Antwort auf die alte Grundfrage, Evolution oder Revolution zu geben, sie heiße Revolution, saubre Abgrenzung der sozialistischen Gedankenwelt gegen die bürgerliche, zu der es keine Brücken gebe — radikale Gegnerschaft, Unversöhnlichkeit.
Daß das absolutistisch-kapitalistische Deutschland über das demokratisch-kapitalistische Frankreich siege oder umgekehrt, sei gleichgültig, auch die Landesverteidigung gegen einen Angreifer liege außerhalb des sozialistischen Denkens. Ob die Kosaken an der Oder ständen oder die Ulanen bei Noyon, habe nur den Sinn, daß jedes Mittel recht sei, um die Verhältnisse auf die Spitze zu treiben, Verteidigungs- oder Angriffskrieg sei für Sozialisten schlechthin Krieg, das Abzulehnende. Proklamation der abstrakten Idee, hinter der nicht mehr Weltfremdheit stand, sondern im Gegenteil die schärfste, logischste Berechnung, der entschlossne Wille, alle Wirren der bürgerlichen Welt auszunützen, das Ziel auf dem direktesten Weg zu erreichen.
Die Beschlüsse der Konferenzen hatten mit einer Verurteilung der französischen und deutschen Genossen geendigt und mit der Ablehnung des Prinzips der Landesverteidigung, diene sie zur Abwehr eines erfolgten Angriffs (Frankreich) oder der Wahrung der Neutralität (Schweiz). Dieser Proklamierung der nur revolutionären Taktik trat, zwischen Zimmerwald und Kiental, der schweizerische Parteitag von Aarau bei, erstaunlicher Beschluß, wie Spieß nun in Diskussionen mit Mitrofan ausführte.
Spieß war schlagfertig, angreiferisches Temperament, und in seinem Kopf stand mit erstaunlicher Klarheit jedes Datum, jeder Zeitungsartikel, jede grundsätzliche Äußrung eines der führenden Sozialisten gebucht, war gegenwärtig. Er trieb Mitrofan in die Enge, indem er nachwies, daß auch Lenin bei irgendeiner Gelegenheitdas Selbstbestimmungsrecht anerkannt, der Schweizer Grimm, Präsident der Konferenzen, nach Kriegsausbruch die Verteidigung der Neutralität empfohlen hatte, der Schweizer Parteitag in Aarau sich über die Folgen seiner Resolution nicht klar war, in allen Hirnen Widerspruch herrschte, jeder zwischen der Frage Evolution oder Revolution hin- und herschwankte, die französische Minderheit, von Zimmerwald heimgekehrt, die Kredite weiter bewilligte.
Mitrofan gab sich nicht besiegt. Was er nicht leugnen konnte, leugnete er nicht, zog sich auf den Standpunkt zurück, daß eben eine radikale Umformung des Denkens begonnen habe, schöpfte aus diesem Gedanken Kraft, stieß vor, fanatisierte sich, entwickelte den ungeheuren Gewinn an Energie, wenn jede Verbindung mit dem evolutionistischen Prinzip aufgegeben wurde, ließ die Schönheit und Geschlossenheit logischer Kettenreihn aufblitzen: das Ziel ist alles; die Mittel nicht zu wollen, bürgerliche Sentimentalität; die Macht in der Hand des Proletariats die wahre Grundlage eines lückenlosen Aufbaus der neuen Gesellschaft.
Für Lauda ergab sich folgendes Bild: straffe Rotation um eine als Achse dienende Idee bei Spieß, dasselbe bei Mitrofan; die andren zersetzt in der Mitte. Fragte sich, welcher von beiden Ideenkosmen die Zukunft hatte. Spieß vertrat die alte Taktik, glaubte nicht, daß der Krieg nötige, sie zu ändern. Es war aber nicht schwer zu ahnen, daß dieser Krieg, ungeheuerste Erschüttrung bestehender Welt, nicht ohne Wirkung vorübergehn werde. Der Entschluß der deutschen Partei, sich mit dem kaiserlichen System zu verbünden, bedeutete eine Verschiebung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte, und Lauda zweifelte, sich an Liebknechts Prozeß erinnernd, nicht daran, daß die Mehrheitssozialisten das von Spieß geforderte Bekenntnis zur Schuldfrage ablehnen würden.
Es vollzog sich in ihm, auf seine Weise, gereinigt, aber darum doch verwandt, dasselbe, was sich in Menschen vollzieht, wenn Feststehendes und Vertrautes angegriffen wird — Mensch geht zum Neuen über. Und er empfand die Lockung, die in der Proklamierung der absoluten Idee enthalten war. Ein Krieg mußte kommen, um das zu erleben; Ideologie wurde Möglichkeit, zum ersten Mal unternahm der Geist den Versuch, die Umwege der Natur abzuschneiden, langsame Entwicklung, die sich nach dem Gesetz des Gegensatzes vollzog, souverain zu überspringen. Er sprach mit Mitrofan, erfuhr, daß es die Partei der Bolschewiki schon seit Beginn des Jahrhunderts gab, wünschte zu hören, wie sich die heimreisenden Russen die Verwirklichung dachten.
„Es ist kein Zweifel,“ sagte Mitrofan, „daß wir Kerenski stürzen. Wir benutzen dabei einfach die Tatsache, daß er das des Kriegs müde Volk zwingt, den Krieg weiterzuführen. Eine Revolution, die den Zar stürzt, übernimmt nicht den vom Zarismus begonnenen Krieg. Ist die Macht in unsrer Hand, dann schließen wir Frieden um jeden Preis, es kann uns gleichgültig sein, ob Polen und die Ostgrenze an die Deutschen fällt, denn wir warten ab, bis diese Gebiete und mit ihnen Europa von unsrem Beispiel fortgerissen wird. Dieser Friede wird sehr einfach sein: dank unsrer Propaganda werden die Soldaten die Gräben verlassen und nach Hause gehn.
Danach, dritte Etappe, ordnen wir die neue Gesellschaft nach dem strengsten Zentralismus, womit ich natürlich den der Idee meine, die den der Verwaltung nach sich zieht. Wir sind nicht wie der Bourgeois oder mit ihm verbündete Nationalsozialisten an gegebne Verhältnisse gebunden, wir schaffen sie neu. Es ist klar, daß solche Erschaffung einer Welt nicht etwa aus dem Nichts, sondern, was schwerer ist, aus der Anarchie der kapitalistischen Privatwirtschaft, freien Konkurenz, Ständeverschiedenheit, nicht möglich sein wird ohne eineÜbergangszeit der Diktatur, deren Sinn darin besteht, der Idee der Einheitlichkeit und der Ordnung zum Sieg zu verhelfen. Das Ziel heißt Abschaffung der Klassen, das Mittel ist, der bisher rechtlosen und zahlreichsten Klasse, also der Majorität, die Gewalt zu übertragen — eine Paradoxie, die doch nur das Mittelstück zwischen Vergangenheit und Zukunft darstellt. Wir werden also die Bürger entwaffnen, die Arbeiter und Bauern bewaffnen, und das Provisorium so lange durchführen, bis der Bürger freiwillig oder gezwungen die neuen Verhältnisse anerkennt.“
„Werden Sie die Nationalversammlung berufen?“ fragte Lauda.
„Es steht auf unsrem Programm, aber ich will Ihnen offen gestehn, daß ich nicht zu denen gehöre, die glauben, daß die kapitalistischen Kreise ohne Gewalt zu gewinnen sind.“
„Was würden Sie in diesem Fall tun?“ sagte Lauda und war auf die Antwort gefaßt, aber nicht auf die schneidende Unerbittlichkeit, mit der sie gegeben wurde und die für seine Vorstellungskraft wie ein Licht war, das rückwärts auf die Diskussion derer fiel, die, noch in der Fremde, schon in dem Augenblick lebten, in dem sie die Nachfolger des Zaren wurden — märchenhafter Wechsel im Schicksal hungernder Verbannter.
„In diesem Fall,“ antwortete Mitrofan, „werden die andren sich wie ich entschließen müssen, noch einmal die Mittel des alten Machtstaats zu benutzen, um den Staat der durchgeführten Gerechtigkeit zu gründen: Belagrungszustand, Armee und Terror. Für Schonung ist kein Raum, verwirklichen wir die Idee nicht, ist sie für hundert Jahre erledigt. Jetzt oder nie. Fühlen Sie, welcher Abgrund uns von Leuten wie Spieß trennt? Unsre Hirne sind verschieden wie zwei Weltkörper, in ihnen lebt das neue nicht, in uns erzeugt es Ketten von Assoziationen, es ist die größte geistige Stimmung, die je in Menschen war.“
Lauda verstand. Assoziationen bilden, mathematische Reihen entwickeln, Logik triumphieren lassen, war für das Lebewesen, dessen Hirn an die Kausalität geschmiedet war, der tiefste Genuß, so tief wie die Lust, die Achse Gott zu finden, um die seinMikrokosmos schwingen konnte. Es kam vermutlich, Folge des Kriegs, eine Zeit, in der der Kausalitätsrausch elementar durchbrach, die freigewordnen Körperchen des alten Kosmos — als Beispiel eines solchen bot sich immer der preußischmilitaristische an — mit der Inbrunst von in das All geschleuderten Atomen den neuen Kristallisationspunkt suchten: religiöser Vorgang mit dem Triumph aller derer, die nicht in sich kreisen, sondern nach dem Zwang, dem Druck, dem Gebot ungeheurer Atmosphären lechzen.
Und schon fanden sie den Gott: die Logik, die zum Dämon wurde, stärker als sie, ihnen Gewalt antuend. Grundgesetz im Reich der Ideen: das Hirn erzeugt sie, der Gezeugte wächst dem Zeuger unter den Händen zum Herrn, ist er Herr, wird er Dämon; wer Ideen nicht mehr besitzt, wird von ihnen besessen. Die Zeit kam so der Beseßnen, in denen die dynamische Wut des in die Existenz schießenden Weltwillens war. Man konnte Weltuntergangsstimmung haben. Und in der Tat, die Mutation war Weltuntergang.
Es war nicht richtig, den Begriff Mutation auf die kleinen Störungen, fünfhundertmal am Tag, anzuwenden, die jedesmal eintraten, wenn der geringste Eingriff der Außenwelt in unsre Welt erfolgte — diese Schwankungen wurden rasch überwunden. Mutation war eine Störung der Lagrungsverhältnisse.
Wenn diese Russen die Macht erlangten, dann brach ein religiöser Wahnsinn aus, den die Psychologen nur darum nicht erkennen würden, weil das Wort Gott nicht fiel, dem aber alle zuströmten, die nicht so selbständig waren, daß sie auf den Krampf der Demut und Unterordnung verzichten konnten, alle, in denen die unterirdischenSpannungen zerrten — und wer war ohne solche Spannung, von der Hannah gesprochen hatte? Jakobiner, Terroristen, Inquisitionshenker, sie waren die Religiösen im primären Zustand, Zurückgekehrte zur Zeitlosigkeit vor aller Zivilisation.
Mitrofan und Lauda saßen sich an Hannahs türkischem Rauchtischchen gegenüber; es zog jeder, Auskunft erteilt, Gespräch beendet, seine innren Kreise. Madeleine Betz kam vom Klavier, wo sie Mitrofans Rede angehört hatte, zu ihnen; melancholisch ihr Versuch, den Pazifismus zu retten, für sie genügendes Heilmittel der kranken Menschheit.
„Pazifismus,“ sagte Mitrofan, „ist eine rein bürgerliche Angelegenheit; seine Ohnmacht besteht darin, daß dieselbe Gesellschaft, die aus der kapitalistisch-imperialistischen Idee der unbeschränkten Machtvergrößrung geboren ist, in Verabredungen einwilligen soll, die eine Hemmung dieses Triebs bedeuten. Jeder starrt in Waffen, aber man will vereinbaren, daß sie nicht benutzt werden; man will die auf Raub und Gewalt gegründete Existenz von Staaten verschiednen Rangs in einem gegebnen Augenblick zum status quo erklären: wer viel hat, behält es, wer wenig hat und klein ist, begnügt sich damit. Eine Horde hungriger Hunde kommt überein, friedlich nebeneinander zu leben — glauben Sie, daß Mißtrauen und Raubtiergelüste plötzlich unterdrückt werden können? Was machen Sie mit den Offizieren, den Diplomaten, dem ganzen Geist, mit dem die Gesellschaft durchsetzt ist? Fühlen Sie denn nicht, daß diese Ändrung so radikaler, grundsätzlicher Natur wäre, daß sie gar nicht durch materielle Verabredungen, sondern nur durch Auflösung der seelischen, moralischen Verfassung erzeugt werden kann?
Es ist seltsam, daß die Menschen immer flicken, immer überleiten wollen. Wenn sie noch eingeständen, daß sie so aus Angst vor der Unbequemlichkeit und der Schädigungpersönlicher Interessen argumentieren — nein, sie stellen die Kulissen großer Ideen auf, sagen, Gleichheit und Gerechtigkeit verlangten, daß niemand Zwang erleide, die Ändrung freiwillig vollzogen werde. Da aber niemand freiwillig auf Macht und Geld verzichtet, so bedeutet das demokratische Prinzip der Friedlichkeit in Wahrheit nichts, als daß nichts Ganzes geschieht, alles beim alten bleibt. Reformen innerhalb der kapitalistischen Welt sind möglich, sogar Deutschland kann republikanisch werden, aber sie werden kapitalistisch bleiben. Ersetzung des kapitalistischen Fundaments durch das sozialistische ist nur durch das Eisen des Pflugs möglich.“
„Sagen Sie ruhig, durch Blut und Eisen,“ antwortete Madeleine Betz, „warum scheuen Sie, die Formel Bismarcks zu gebrauchen? Das Mittel, das Sie wählen, ist nichts andres als dervariierte preußische Militarismus, das Ziel, das Sie wollen, nichts andres als eine Abart des zentralistischen Zwangsstaats, schlimmer als der Bismarcks.“
„Ich kann Ihnen zynisch zugeben, daß Sie recht haben, aber ich kann mit einem Herzenston der Not sagen, daß es keine andre Möglichkeit gibt, die Wirklichkeit nach einer Idee zu formen.“
Lauda dachte: „Wie, wenn bei diesen Dingen der Sozialismus, die Republik, die Demokratie, der Kapitalismus, also praktische Fragen, gar nicht Kern, sondern Projektion, Symbol, Veranschaulichung sind? Wenn es sich um ganz etwas andres handelt, um den Kampf dynamischer und unmaterieller Energien? Mit dem materiellen Begriff Atom kommt Wissenschaft nicht mehr aus, sieht sich widerwillig genug gezwungen, in ihnen, die doch das sichtbare System der Elemente ergeben, raum- und zeitlose Phänomene rein dynamischer Natur zu sehn.
Es ist erlaubt, in Ideen eine Analogie zu den sichtbaren Körpern zu ahnen, sie Manifestation von Kräfteverhältnissen,ihren Kampf Manifestation von Kräftekämpfen zu nennen — wir (als Körper) ein Vorwand unbekannter Vorgänge, unsre Ideen Vorwand von Machtkämpfen zwischen Entfeßlung und Bindung. Mitrofan sagt: der radikale Sozialismus und glaubt, er wolle damit das Glück der Gesellschaft, aber in Wahrheit muß er einem Gebot seines innren Kosmos gehorchen, der offenbar der geschloßnen Rotation widerstrebt, auf der Suche nach einer neuen ist. Madeleine Betz sagt: ungewalttätige Entwicklung und drückt damit aus, daß sie den elementaren Explosionen ausweicht. Ich von mir stelle fest, daß ich nach einigen Minuten gar nicht auf den materiellen Inhalt ihrer Worte acht gebe, sondern die Schwingungsvorgänge in ihnen empfinde, Gravitationsgesetze in ihnen fühle — meine alte Definition, daß Phantasie Fähigkeit ist, die Lagrungsgesetze eines fremden Organismus zu empfinden.
Welch eine phantastische und mehr, grauenhafte Sache ist also menschliche Geschichte und Geistigkeit: einer sucht den andren zu überzeugen, daß man zur definitiven Lagrung durch Entfeßlung des rasenden Drehns gelange, der andre ihn, daß man nur vorsichtige Modifikation vornehmen dürfe — Illusion beides, denn die Welt ist, als Schauplatz der rasenden Partikelchen, nie definitiv, Rasen ist Selbstzweck. Es steht frei, die beiden und mit ihnen alle andren, mich eingeschlossen, nach Belieben als arme Narren oder tragische Helden zu betrachten.“
Er hörte Madeleine Betz zu Mitrofan sagen:
„Wenn Sie so zu mir sprechen, funkelnd vor Energie, verbissen vor Entschlossenheit, empfinde ich etwas, was Sie nicht verstehn werden, die Abneigung der Frau vor der Vitalität des Manns, dieser triumphierenden, zu sinnlichen Herausforderung. Ich sah Offiziere auf Urlaub im Familienkreis, sie waren gütig gegen die Ihrigen, höflich gegen Fremde, aber wenn die Rede auf gewisse Augenblickeihrer Tätigkeit im Feld kam, auf Exekutionen fremden Lebens, grauenhafte Verletzungen, dann trat in ihre Augen das Unheimliche: die Freimaurerei der Männer, die das Morden betreiben, von der sie zu den Frauen sagen: es ist nichts für euch. Dieser Ausdruck ist auch in Ihren Augen, Mitrofan, wenn Sie von der revolutionären Tat sprechen, und das beweist, daß Sie, Sozialist, für den es keinen Unterschied der Geschlechter gibt, männlicher Freimaurer sind, die Sphäre der männlichen Grausamkeit vor mir abschließen und das heißt vor allen, die menschlich sind.
Was Sie Diktatur zugunsten einer Idee nennen, ist der diktatorische Wille schlechthin, Sie richten nicht auf das neue Reich, sondern variieren nur das alte, in dem es Herrn und Sklaven gibt. Was Sie Paradoxie nannten und worin Sie eine eminente Überlegenheit sehn, ist nur die Volte, die Sie schlagen, um Ihr Spiel nicht aufzudecken, vor andren und vor sich. Menschen glauben so überlegen zu sein, daß sie den Punkt bestimmen können, wo eine Idee verabschiedet wird, in Ihrem Fall die Idee der zum letztenmal angewandten Gewalt — die Idee wird Ihnen über den Kopf wachsen, Sie immer weiter treiben, und am Ende werden Sie so blutbefleckt dastehn wie ein preußischer General, der in einem Dorf zweihundert Menschen niederschießen ließ. In Ihnen werden die Iwane Ihrer Geschichte wiedergeboren werden.“
Zum Berg steigend sah Lauda Fräulein Betz auf einer Bank, beobachtete, wie sie ein Buch öffnete, wieder sinken ließ.
„Ich kann nicht mehr lesen,“ sagte sie, „alles ist Lüge oder alles gemacht. Wer garantiert, daß in diesem zarten Dichter, den ich in der Hand halte, nicht wie in Mitrofan die Bestie erwacht, deren Triebe um so grausamer werden, desto geistiger die Form ist, in der sie auferstehn?“
Lauda gestand sich, daß sie zu den Frauen gehörte, die er unter gewöhnlichen Umständen nicht aufgesucht hätte. Physischer Charme der Frau fehlte ihr, es blieb nur übrig, den geistigen zu suchen. Daß nur Zufall dazu bewog, empfand er als Ungerechtigkeit, die sie gewohnt sein und dank ihrer Intelligenz festgestellt haben mußte. Er erriet Bitterkeit in ihrem Urteil über Leute, von denen sie sprachen; Bitterkeit wurde nicht selten zu kleiner Gehässigkeit, die ihr Genugtuung verschaffte — es war nebensächlich, er war sich unklar, welcher Grad von Energie dazu gehörte, so einsam zu sein, auf Herzensbeziehung zu verzichten, sie bei andren Frauen zu beobachten, Altjüngferlichkeit entgegenzusehn. Hinter solcher Energie stand wohl viel Güte, Glaube an Vermenschlichung, der nun durch den Krieg auf härteste Probe gestellt wurde. Er erinnerte sich, Artikel von ihr gelesen zu haben, Melancholie und Zähigkeit seltsam vermischt, geheime Ermahnungen an sich selbst, nicht verbittert zu werden.
Es war nicht leicht, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie mochte mit differenzierten und mißtrauischen Nerven empfinden, daß Mann, der nicht ganz vom Reiz des Geschlechts absehn konnte, falsch vor ihr war, sein Interesse das einer Stunde.
„Die Welt ist vom Mann gemacht,“ sagte sie, „kein Vorwurf feministischer Art, Vorwurf erst, wenn er die Wahrheit leugnet. Männlicher Geist ist dem Götzen Tat untertan, er will durch Handlung und Umwandlung der Zustände reformieren. Nutzloses Beginnen, Umweg bloß, die Ändrung ist nur durch Umwandlung des Herzens möglich. Hängt das Glück der Menschheit vom Triumph des Sozialismus ab? Ich komme Ihrem Einwand zuvor und frage mich selbst, hängt es vom Pazifismus ab? Nicht vom äußren der Verabredung, nur von der innren Vorbereitung und Bereitwilligkeit, deren Symbol danach die Tat ist, nicht mehr. Sind Männer, männlicheMänner, zu solcher Geistigkeit fähig? Ist Geist Wirkung des weiblichen Teils im Menschen? Wer sieht klar? Wir wissen nichts von den Mischungsverhältnissen in uns. Ist es überhaupt erlaubt, von einem weiblichen und männlichen Prinzip zu sprechen?“
„Gewiß nicht, es wäre ein Dualismus, der zwei absolute Regulative annimmt, eins ist schon zweifelhaft.“
Weitergeführtes Gespräch enthüllte das, was man die Stimmung nennen konnte, die diese Frau von sich selbst hatte. Sie stand in der internationalen Frauenbewegung, referierte, saß vor, schrieb, gehörte zur führenden Schar. Für ihre angelsächsischen Kolleginnen lag das Problem einfach, war praktischer Art: die Frau wurde von der Gleichberechtigung künstlich ferngehalten, es galt sie zu erzwingen, Zweifel über eine geistige Verschiedenheit der Geschlechter fochten nicht an. Die Kontinentale, Mitteleuropäerin, fühlte anders. Die Verschiedenheit war da, es war nicht nur Zufall oder Böswilligkeit, daß der Mann die Geschichte gemacht hatte. Sie gab es zu, aber was besagte es? Nichts. Sie war überzeugt, daß der Mann, der der eigentliche Schöpfer war, dieses Schöpferische von den Müttern erhielt, den Trägern des namenlosen und wesentlichen Funkens; nicht die Energie war geistig, sondern die Erregbarkeit, die Fähigkeit, beunruhigt zu werden, weiterzudenken, Sehnsucht zu haben, Phantasie und Vorstellungskraft im weitesten Sinn.
Die Frau war der stille Triumphator der Welt, nicht anerkannt, anonymer Mächtiger, Salz des Bluts. Es aussprechen, unendlich schwer, weil Aussprechen die Einheit zerstörte, mit dem Gegensatz arbeitete, denn Aussprechen hieß auch: angreifen, einen Gegner erfinden. Nah lag, solches Wissen um das Wesen der Frau wie ein schönes, tiefes Geheimnis zu hüten, aber das Leben zwang, aus der Anschauung in die Arena der Fordrung zu treten. Widerstreben in Madeleine, manchmal Müdigkeit angesichts der Worte und Proklamationen, und Einsamkeitin der, die kompliziert fühlte, vereinfacht handeln sollte.
„Die Liebesbereitschaft,“ dachte Lauda, „spricht so in ihr, sie möchte selbst Mutter sein, den Funken weiter geben. Es bleibt ihr versagt, weil — ihrem Arm und Busen ein paar Rundungen fehlen.“
Aber wenn man sich ganz in einen Mensch versenkte, stieß man immer auf den einen Grundkonflikt: Verhältnis von Tat und Beharren, Handeln und Sein; dieses Verhältnis war kein andres, als das primäre von Erzeugen und Erzeugtwordensein; das Erzeugte verlangte, etwas für sich zu werden, dem Prinzip, durch das es Leben erlangt hatte, Widerstand zu leisten, aus dem Kreislauf auszuscheiden.
Was wir Güte nannten, war die Anerkennung des Rechts auf eigne Existenz, von einem Lebewesen ausgesprochen, das doch keinen Einfluß auf die Tatsache seiner Existenz hatte. Wer Güte sagte, ging von der vollzognen Existenz aus; wer Energie sagte, von der noch nicht vollzognen.
Wer wie Mitrofan Energie, Rücksichtslosigkeit, Diktatur, Machtwille sagte, ging von der Tatsache des Urwillens aus, der Existenz erst schafft; darum war in ihm die Grausamkeit und Mißachtung der Einzelexistenz, dieses bereits selbständig Gewordnen.
Was war eine Lehre, die über die Einzelexistenz hinwegging, andres als ein Einbruch des Elementaren in das Geordnete: Ruhe einer Generation, Wunsch einer Generation, ihr kurzes Leben nicht selbst zu zerstören, wurde für nichts erachtet und die Natur, allerdings nur eine der Natur untergeschobne Absicht, künftiges Glück genannt, über den Augenblick gesetzt. Der letzte, äußerste Glaube dieser russischen Diktatoren mußte sein, sie seien Träger der Natur, Bevollmächtigte mit der Verfügung über Leben und Tod — Cäsarenstimmung, alle Mittel erlaubt um des höhren Zwecks willen.
Verborgenster Gedanke, von Lauda längst gesucht, begann sich zu enthüllen: das Leben, dort betrachtet, wo es in die Erscheinung schoß, verurteilte sich zu einem unlösbaren Konflikt: um sich zu manifestieren, brachte es Existenzen hervor, die ihm also nur Vorwand, Kristallisationspunkt, waren; die Existenzen wurden selbständig, waren da, traten in Gegensatz zu ihrem Erzeuger, dem nur an unaufhörlichen Weitermanifestationen gelegen war.
Banal ausgedrückt trat die Unvereinbarkeit von Tod und Leben ein, philosophisch ausgedrückt der Gegensatz von Monismus und Dualismus — dieser von jenem erzeugt. Wo ein unversöhnlicher Gegensatz war, war Leid, das Leben war Leid, Leid philosophisch erwiesen; die Paradoxie der Existenz ward sichtbar, was man auch so ausdrücken konnte, daß der „Wille“ sich selbst aus der Hand gab; die Tat war etwas andres als der Drang zu ihr.
Abends, allein, kam er auf die Auffassung zurück, die Fräulein Betz von der Frau und der Mutter hatte. Geistigkeit als femininer Zustand, das erinnerte ihn an Gedanken, die gelegentlich in ihm aufgetaucht waren. Aber Geist war auch nichts als verwandelte Energie, also das männlichste aller Phänomene. Dies wies darauf hin, daß die Unterschiede der Geschlechter nicht primärer Natur sein konnten. Zwei Gegensätze lösten sich auf, wenn man sie als Differenzierung eines dritten ansah, das besser das Erste, vor der Spaltung Gelegne genannt wurde.
Ging man davon aus, daß die Welt nur ein Ding im Fluß war, dann verschwand der letzte Rest jener Theologie, die zwei Extreme als feste Pole ansah — es gab nur Bewegung nach den Polen hin, nicht die Pole selbst, wie es nicht Seele, sondern nur Seelenhaftes gab.
Die Pole waren höchstens sekundärer, geschichtlicher Natur. Männlich und weiblich konnten nur Aggregatzustände sein, wie Wasser, Dampf, Eis Variationen waren,unterschiedlich nur an Dichtigkeit. Erhob sich die heikle Frage, ob Weiblichkeit der flüssigere oder komprimiertere Zustand war. Ohne Zweifel der undichtere, das paßte zu Laudas eigner Definition, daß Geist das Symptom einer Beunruhigung, das heißt einer Mutation zwischen zwei vorläufig definitiven Lagrungen war.
Soweit schien diese Frage gelöst. Wenn er nun daran dachte, wie er Mitrofan ideell, als energetischesPhänomen sah, wie ihm die männliche Energie in diesem Phänomen gerade Zerstörung des komprimierten Aggregatzustands war, dann schien sich Ja in Nein zu verwandeln, und die Tatsache, daß Frauen, noch eben Trägerinnen des Geistigen und Undefinitiven, konservativer, beharrender waren, verwickelte das Problem noch mehr.
Der Widerspruch war nur scheinbar, bot nur Schwierigkeit, wenn man dualistisch Weiblich und Männlich als getrennte Elemente behandelte. Man mußte den Begriff der Tat untersuchen, die Madeleine Betz dem Mann zuschrieb. Tat entsprang dem rasenden Trichter der Energie, ihr Ziel war, einen Zustand zu schaffen, das heißt ein Definitivum, die Ruhe; die Tat, das Geschaffne, suchte zu beharren, aber die nicht abstellbare Energie, dieser Taumel und Trieb zur ewigen Variation ihrer selbst, zersetzte das Produkt der ersten Tat, drängte zu neuen Lagrungen mit neuer Achse der Rotation. Die Überwindung der Trägheit verlangte eine äußerste Anstrengung der Energie, diese Anstrengung war genau so groß wie die Urenergie; nannte man die Fähigkeit zum Maximum dieser Energie männlich, so war verständlich, daß ein Mann mit derselben Kraft die erste Tat zersetzte, mit der er sie geschaffen hatte. Der undichtere Aggregatzustand des weiblichen Organismus erklärte dann sowohl dessen undefinitivre Lagrung, aus der das Unruhephänomen Geist geboren wurde, als seine größre Trägheit, wenn es galt, sich in Bewegung zu setzen.
Zunächst war der Mann beharrender, weil er komprimierter war (Energieleistung), dann wurde er Zerstörer (ebenfalls Energieleistung); zunächst war die Frau fluktuierender (geringre Energie), dann wurde sie konservativer (schwerere Trägheitsüberwindung).
Der erste Schritt zur innren Mathematik, zur dynamischen Geographie war getan, die Stadt des Hirns, schon längst Kosmos des Hirns geworden, begann ihre Pforten zu öffnen, hinter denen die Metaphysik lag, so nah.
D’Arigo hielt sich ein wenig fern; er lag den ganzen Tag mit Lilian auf dem See. Lilian war es, die zuerst entdeckte, was Lauda so stark empfunden hatte, daß d’Arigo ihm wie Bruder sei. Sie nahm an, Verwandtschaft des Äußren lasse auch Verwandtschaft der Ansichten vermuten, bemühte sich, sie zusammenzubringen, liebte es, beide nebeneinander sich gegenübersitzen zu sehn, zog Lauda in den Umkreis des auf den Freund gerichteten Lächelns ein, eines erstaunten, knabenhaften Lächelns, in dem immer Erwartung irgendeiner unerwarteten Handlung war — sie wußte wohl allein nicht viel mit ihrer Zeit anzufangen, brauchte Gesellschaft andrer dazu, den Ablauf von Spaziergang Rudern Teestunde Flirt; rätselhaft für Lauda die Nötigung zum Hochschulbesuch — Geheimnis der amerikanischen Seele. Reizend ihr Tailormade über den gotischen Hüften, leises Pariser Parfum darin, und siehe, die schmalen Puritanerlippen kannten den Rotstift.
D’Arigo war in Madrid aufgewachsen. Die Stadt: katholische Vergangenheit, die Schule: englisches Internat, das Haus: kosmopolitische Modernität — Gang durch sie drei wie Gang durch drei verschiedne von Dingen geworfne Schatten. Der Vater Spanier aus Ehe mit einer Norwegerin, die Mutter Deutsche. Die Elemente einer Seele schienen offen zu liegen, Verführung zu Konstruktion: Gestalt und Blondheit von der nordischenGroßmutter oder der deutschen; Künstlertum im Sinn der Velasquez Greco Loyola vom Vater, die formale Energie darin durch englische Willenserziehung gestärkt bis zum Starrsinn: der Bildhauer erklärte sich und Gentleman mit Training.
Jugend zwischen zwanzig und dreißig ward in Paris und England verbracht, wo, in Salon und Landgut, gleiche Resultanten aus großer Vergangenheit und nervenbestimmender Schulung lebten, die Europäer, die Späten. Er trieb Sport, jeden denkbaren, empfand dabei Geistiges, Konzentration und Willen zur Bändigung. Ging von der Jacht zu Picasso ins Atelier, der gerade von seinen wunderbar gekonnten und aus Überlegenheit leidenschaftslosen Figuren den Vorstoß in die neue Welt des abstrakten Dahinter unternahm — keine Figur mehr, keine Landschaft, nichts vom Mensch, nur wunderbar gekonnte Statik aus Gerade, Tangente, Kreisabschnitt; Realität durch drei Spiegel gesehn, durch zehn gebrochen, mathematische Vegetation, aus Überlegenheit leidenschaftslos bis zur Zärtlichkeit.
Hier erhob sich erstmalig in d’Arigo die Stimme des Anteils deutschen Bluts; solche Vortreibung der Kunst in Sphären, die jenseits des Seelischen lagen — wenn man Seele die Sphäre nannte, woraus das Geschöpf Nahrung für seine Individualität, Trost, Erschüttrung, Rührung, Sehnsucht bezog — solche Neuerung war für germanisches Gefühl Überzüchtung, Artistentum, äußerster Gegensatz zu Rembrandts Menschlichkeit.
Der Lateiner in ihm widersprach, vermochte willig mitzugehn, empfand stolz die größre Geistigkeit, die späte Reife dieser Kunst, die nicht religiöse Kommunion mit dem All, sondern Florettstoß in das Herz des Erschaffnen war. Er schloß sich in seinem eignen Atelier ein, formte die Statue eines Gladiators, in dem nichts mehr vom anatomischen Muskelspiel des Modells war, nur vier in die Luft gestoßne Stümpfe, Muskellianen,in der Mitte ineinandergedreht um die Mutterfalte des Nabels; Mannequinkopf, Holzspeck des Nackens.
Ausstellung ergab die Paradoxie, daß dieselbe Gesellschaft, deren Verfeinerung Voraussetzung solcher nicht mehr realen Kunst war, hilflos nur den Maßstab der Salonkunst hatte, und ein Deutscher, in dessen Blut keine Tradition zu Greco führte, die Statue kaufte, den Künstler einlud, Aufträge gab. Als d’Arigo in Deutschland war, kam der Krieg. Ihm blieb der Sturm des Enthusiasmus fremd, aber es wuchs wie in einem versetzten Strauch ein Trieb nach; er empfand es als zweite Jugend, Bereichrung. Er begann Musik zu lieben; er, Anbeter des Sichtbaren, Künstler durchs Auge, stieß in den deutschen Kontinent vor, ward verwirrt, ging in die Schweiz, Klärung zu suchen — die deutsche Lockung blieb stärker. Er kehrte zur Gestaltung des weiblichen Körpers zurück und suchte wie alle, die Gegensätzliches in sich tragen, Ausgleich, indem er die Form, mit romanischster Männerhand herausgearbeitete, durch deutsche Musikalität beseelte.
D’Arigo betrachtend, während er von sich erzählte, empfand Lauda die Stockung, mit der es geschah, wohl als herrischste Straffheit, Willen zur Form, und empfing doch noch unbestimmten Eindruck einer der Produktion gefährlichen Verbissenheit, Ausgleich erzwingen zu wollen, etwa als überließe d’Arigo sich nicht fessellos genug dem deutschen Gefühl, führe zu früh die Bändigung ein.
Und die Zurückhaltung, mit der jener von der zärtlichen Keuschheit sprach, die er nun seinen Frauen zu geben versuchte, schien Lauda selbst Keuschheit zu sein, neue, unvereinbar mit diesem antiken Kameenkopf und den Liebeserfahrungen der Pariser Gesellschaft. Wie, wenn die deutsche Bereichrung nur eine Rückbildung war, zersetzend frühere Klarheit? Er wußte es nicht, hatte nur den Eindruck der Möglichkeit. Was hatte d’Arigo zu Lilian geführt, die neue Lockung oder die alte? Undsie selbst, auch zwischen die Rassen Gestellte, was war sie, Sweegirl, durch Paris Gegangne?
Manchmal begegnete man Lisbao, und das war, als sei man nicht in einem Privathaus, sondern im Hotel; er nickte unmerklich, ging weiter. Er schien flüchtige Bekanntschaften unter den Gästen zu haben, aber nie redete er sie an, sie nur ihn. Kleine, zierliche Gestalt, blasser Teerosenteint unter schwarzen Haaren, die Stimme so leise, daß sie unvernehmlich war, zwanzigjähriges Kind, gestern noch Kind in einem Stift mit mönchischen Brüdern.
„Er sieht aus,“ sagte Lauda, „als besinge er den Mond und die verheiratete Geliebte unzugänglich.“
„Sprich mit ihm,“ antwortete Hannah mit einem feinen Lächeln, „er liebt zwei Dinge nicht, Politik und Philosophie.“
Lauda tat, wie ihm geheißen war, bat Lisbao, ihm eins seiner Bücher zu leihn. Lisbao hatte kein Buch herausgegeben, kein Verleger war zu finden gewesen. Er veröffentlichte seine Gedichte in italienischen Zeitschriften, war Gast bei Futuristen, obwohl er die Achseln über sie zuckte, sie waren Naturalisten, denn sie stellten Fordrungen auf, mit dem Schmutzigen verbunden, dem Krieg, den sie als befreiende Barbarei priesen, kämpften gegen den Bürger und genossen seinen Zorn, wenn sie ihm vorschlugen, den Schatz der Sentimentalität, die Museen mit Inhalt von Raffael bis Tizian an noch Sentimentalre, die Amerikaner, zu verkaufen. Gegen den Bürger führte man nicht Krieg, der Bürger bestand nicht — Vakuum, über das man hinwegsah; die Welt der Realität war Vakuum.
Es beschäftigte sich diese Welt mit: Geschichte, Pädagogik, Philosophie, dreimaligen Sisyphuserfindungen, das Nichts der Hirne auszufüllen. Geschichte: man durchwühlte die Vergangenheit, das Gesetz der Kausalität zufinden. Kausalität bewies ihnen, daß ihre Existenz Zweck hatte — Geburt des Freisinns, der den Enkeln vermitteln will, was Väter erschaffen hatten, Zeugungskette von Wilhelm Tell bis Gottfried Keller. Wilhelm Tell war ihm Guillaume tel et tel, was ging er ihn an. Von allem, was gewesen war, gedacht, geschrieben, übernahm er einen Satz des Descartes: Ich will nicht einmal wissen, ob es Menschen vor mir gegeben hat, der Rest war ihm Papyrus, unverständliche Hieroglyphe, wohltätig tot — Tod war die einzige Gerechtigkeit, die es gab, das Gesetz, mit dem man sich identifizieren konnte, der große Würger: recht so, drücke mit zwei Knochenfingern die Kehle des Menschen zu, wie der Mensch die eines Vogels, écrasez l’infâme.
Pädagogik: denn Mensch in seiner Feigheit und Armseligkeit verwandelte sein Hirn in ein System von Schubladen, Apotheker des Daseins, der das sinnlos Seiende in sinnvoll Seinsollendes umzuschaffen glaubte, wenn er kann, soll und muß aufklebte. Verwesender Pedant, der durch Erfindung der Ideale Unsterblichkeit zu erlangen meinte, Schulmeister, der sich durch Gase des Gefühls aufblies und doch nur ein Ballon war, mit nichts gefüllt. Kunst die unreine Seßhaftigkeit in den eignen Exkrementen, statt daß er sie über Bord warf, leicht und vegetativ zu sein; Seele, die Selbstzufriedenheit der verseuchten Hure vor dem Spiegel, wenn sie sich schminkt und dreht. Vernahm er die Worte Ideal und Wissenschaft, vernahm er das Bumbum des großen Kalbfells der Jahrmärkte.
Es gab keine andre Kunst als die, die Beschäftigung mit sich selbst war, saubre, reinliche Angelegenheit, die andre nicht bekehren wollte. Es saß im Irrenhaus der Welt jeder in seiner Zelle — Korridor davor, auf dem man sich begegnen konnte, wenn er zugleich erlaubte, sich zurückzuziehn, und in der Zelle saß jeder, spann aus seinem Nabel. Kunst tat niemand weh, und wer sich damitabzugeben wußte, erfuhr Angenehmes und gute Gelegenheit, das Land der Unterhaltung zu bevölkern. Kunst war Privatangelegenheit, genau wie wenn einer Knöpfe sammelte oder Kaktus mit der Birne pfropfte — falls es ihm Spaß machte? Aber Kunst der Ausstellungen und Museen, Lehrstühle und Kritiker — o Freunde. Er löschte aus, was von Praxiteles bis vor Picasso gestaltet war, mit Picasso begann das Neue, darin nicht mehr Belehrung, Moralität, Gottsuchen, Gegenständlichkeit war. Philosophie war Bildungstrieb, Vermehrung der Qualligkeit des Hirns, das tönende Pathos, Sentimentalität, Rührung des armen Teufels über sich selbst.
„Und Sie wollen heute Abend,“ fragte Lauda, „Manifest und Verse vorlesen, die diesen Auffassungen entsprechen? Warum tun Sie das? Wenn der Bürger eine schleimige Kröte ist, bösartig, seßhaft in seinen Büros, vom eignen Gift vergiftet, wendet man sich nicht an ihn. Warum tun Sie es also? Denn selbst die hier Anwesenden, die sich für die fortgeschrittensten Europäer halten werden, da sie ja ebenfalls der Bourgeosie Todfeindschaft geschworen haben, sind für Sie nichts andres als Narren ihrer Ernsthaftigkeit, Moralisten und Pädagogen.“
„Um sie herauszufordern,“ antwortete Lisbao.
„Das Epatez le bourgeois ist nun ein Jahrhundert alt, die deutschen Romantiker übten es zuerst, die französische Boheme formulierte es.“
„Ein Stachel in ihrem Fleisch zu sein, ihre Sicherheit zu beunruhigen, aus sonst einem Grund, ich weiß es nicht, ich bin nicht Psychoanalytiker.“
Einem bürgerlichen Betrachter standen zur Erklärung eines Phänomens wie dieses Ungegenständlichen verschiedne Schlagworte bereit: Weltschmerz der zwanzig Jahre; Artistentum; geistige Ratlosigkeit gegenüber dem Ansturm des ersten Denkens; Irrsinn.
Weltschmerz war pathetischer Genuß des Leids, das nicht ganz der Überzeugung entsprach — in Lisbao waroffenbar Haß gegen Pathos und eine Stimmung vom letzten her, als sei Seele ein Geschwür, krebshafte Wuchrung in entarteten Organismen. Ob damit ein Gott getroffen werden sollte oder er selbst, blieb unklar.
Die andren Erklärungen waren nicht wesentlicher; Vorwurf des Artistentums traf nicht, denn hier galt nur noch die kleine Sphäre, in der sich ein Individuum einspann, aus seinem Nabel zu spinnen. Warum aber verwarf er nicht auch diese letzte Beschäftigung? Um dem in der Zelle Eingesperrten nicht das letzte Vergnügen zu rauben, oder weil er eben persönlich — Künstler war? Es wäre ihm nichts übrig geblieben, als sich zu erschießen. Irrsinn, wenn auch nur in der mildren Form der Dämonie? Es gab Kunst, die Stammeln der unter dem Griff Aufstöhnenden war, oder Anklage der Gepeitschten, Flamme, die aus denen schlug, die verbrannten; aber das portugiesische Kind war von einer Ruhe, die eine sinnliche Empfindung gab: Körper wie der eines Pelztiers in Wärme gebettet, ruhig atmend in dieser Wärme. Radikalismus, der sich mit Ruhe verband, war hohe Geistigkeit, ja man konnte Geistigkeit schlechthin so definieren.
Lauda folgte Lisbao auf sein Zimmer, die italienischen Zeitschriften zu sehn. Er fand auch französische, spanische und erfuhr, daß ungegenständliche Kunst sich als eine übernationale Bewegung zu dokumentieren begann, der erweiterten westlichen, lateinischen Hemisphäre. Ein Vorstoß war bis Neuyork gedrungen, wo das erste Heft einer Zeitschrift erschienen war, das zweite darauf in Barcelona. Das war wie das Aufflackern anarchistischer Attentate — Gleichnis nur, durch irgendeine dem Wort Barcelona entspringende Assoziation bei Lauda sich meldend, aber im selben Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke, diese Bewegung, die den Strich unter das Bürgerliche setzte, berge einen kalten Fanatismus, der dem der bolschewikischen Russen verwandt sei an Ursprung und Energie, gleich ihm vielleicht die Welt überziehn könne.Aus der Mutation des europäischen Kosmos, Weltkrieg genannt, brachen zwei Entladungen, elektrische Ströme, die über den Ball griffen, die soziale und die geistige Revolution.
War nicht in dem Haß gegen den Selbsternst des Bürgerlichen und seine gepachteten Domänen Kunst, Wissenschaft, Politik Möglichkeit eines Lachens, das im Zeitalter der Weltorganisation unbekannte Formen annehmen konnte? Lisbao lachte nicht, aber der nächste aus seinem Kreis schärfte vielleicht schon des Florett, das auf andre Art den Stoß ins Herz der Dinge führte.
Am Abend las Lisbao. Es war, als trete in einem Hotel der Herr, den man schon gelegentlich sah, auf und enthülle den Zweck seiner Anwesenheit, Engagement. Er las Italienisch, Französisch und Deutsch; seine eignen Arbeiten waren französisch geschrieben. Sein Manifest wandelte die Gedanken ab, die er Lauda vorgetragen hatte.
Ich suche, las er, eine Bezeichnung für unsre Auffassung, ein zugleich täglicheres und fanfarenhafteres Wort für das, was wir zu feierlich ungegenständlich nennen, ich habe es noch nicht. Nennen wir es vorläufig X, so lauten meine Sätze, die dem Ekel gewidmet sind, folgendermaßen:
Alles, was geeignet ist, das Ideal der Familie zu zerstören, ist X.
Protest mit allen Fäusten der Energie gegen tätliches Handeln ist X.
Abschaffung der Logik, Tanz der Ohnmächtigen ist X.
Ausschneiden des Gedächtnisses mit dem Messer der innren Chirurgie: X.
Verabschiedung der Propheten, der Zukunft und der geistigen Schubladen: X,
Freiheit, Taumel, der Widerspruch ist X; nur unkonsequent sein. An nichts glauben, auch nicht an X, ist X.Jeder schreie hinaus: es ist eine große Arbeit zu tun, ganz Negation: Wegfegen, Säubern, Ausmisten.
Moralisten sind Bauernfänger, Söhne Eisenbarts. Seht ihr den Jahrmarkt der menschlichen Gesellschaft, Pferch für Herdenvieh, von einem Kranz von Tribünen eingezäunt: darauf stehn sie im Kreis. Kopfbedeckung Magisterhut, rote phrygische Mütze, Schlapphut der Philosophen, demokratischer Zylinder, Berliner Sozenkappe, Pfaffenkrönchen, Frauenrechtlerins Strohhut mit der Nadel, und reden aus den zehn Ecken des ersten Mai auf das Vieh, ihm die Pillen des Glücks aufzuschwatzen, pinkpink bummbumm. Wer von Glück redet, ist ein Schwein, seien wir doch Schweine ohne Glück, nur Schweine, über die ich weine, es gibt im Koben kein Unten und Oben, kein Jenseits und Droben.
Er hatte unbewegt vorgetragen, den Blick aufs Manuskript gesenkt, als gehe ihn der Gegner, den er angriff, nichts an. Schreiner sprang auf, drängte mit geballten Fäusten auf Lisbao; Lilian lächelte ungläubig, das Unerwartete war eingetreten; d’Arigo gebot dem Portugiesen in seiner Heimatssprache zu schweigen; Madeleine Betz saß mißbilligend angewidert, der Schweizer schlug aufs Knie und begann zu jodeln, als Lisbao weiterreden wollte.
Ein Äderchen groß wie ein Regenwurm trat aus der Schläfe Lisbaos, er stieß den Stuhl zurück, schrie fast:
„Ich weiß, werte Herren, daß ich ein Majestätsverbrechen an dem Ernst Ihrer Würde begangen habe, bin bewußt, vor mir die Creme der europäischen Gesinnung zu haben. Nicht wahr, der Krieg, über den Sie zu Gericht sitzen, Sie segnen ihn im geheimen, denn er erst hat Sie zu Halbgöttern gemacht, Schiedsrichtern über Tölpel und Barbaren. Eure Selbstherrlichkeit reizte mich; wenn ihr so hoch steht, laßt mich unten im Staub euch in die Zehen beißen, kratzt euch und redet weiter vom Glück.“
Er setzte sich erschöpft, Augen waren Kohlenstückchen in Teerosenblätter gewickelt. Lauda trat zu ihm, roch den Atem eines jungen Kinds, sagte:
„Lesen Sie andres, nicht Manifest, Verse,“ gab ihm den Band in die Hand, der vor ihm lag. Lisbao schlug auf, las die Hymne Rimbauds auf die Vokale, nahm ein andres Heft und sagte:
„Hören Sie etwas Deutsches, Gedichte meines Freunds Hans Arp; wenn Sie nicht böswillig sind, werden Sie empfinden, wie rein, von Seelenproblemen unbeschwert, phantastisches Spiel hier die Welt geworden ist, ausgeschaltet Kausalität, übersprungen Zwischenglieder, gleichzeitig alles, Silberkugeln auf Fontänen.“