III

Obwohl der mond mir wie ein spiegel gegenüberhängt schmerzt mich der engel im auge / auf den tischen laufen die sämereien auf und pochst du an die pflanzen so springen ihre blumen hervor / die löwen verenden vor ihren schilderhäusern mit gießkannen voll diamanten zwischen den krallen / die führer tragen schürzen aus holz die vögel tragen schuhe aus holz die vögel sind voll widerhall / unaufhörlich rollen ihnen die eier aus ihren kleinen herzen / ihr scheitel trägt den himmelsmast ihre sohlen stehen auf schreitenden flammen / reißt die schneekette so rufen sie den herrgott an / senkt sich das himmelsrad so treten ihre hufe auf schwarze körnerdie nachtvögel tragen brennende laternen im gebälk ihrer augen / sie lenken zarte gespenster und fahren auf zartadrigen wagen / der schwarze wagen ist vor den berg gespannt die schwarze glocke ist vor den Berg gespannt die toten tragen sägen und stämme zur mole herbei / aus den kröpfen der vögel stürzen die ernten auf die tennen aus eisen / die engel landen in körben aus luft / die fische ergreifen den wanderstab und rollen in sternen dem ausgang zuverschlungene knaben blasen das wunderhorn / engel in goldenen schuhen leeren säcke voll roter steine in jedes glied / schon bilden sich maste und sternbilder / die schwestern zeigen spuren von luftschlössern geldkatzen findlingen dampfkuhbissen gesattelten hasen frisch gepolsterten löwen / auf flammenden speichen rollen vögel über den himmel sterne niesen aus ihren wachsnasen blumengarben / betrunken sind mann und maus und schwimmen an weichen Fingern / brennende löwen sausen über zitternde birken / wer einen schwanz hat bindet sich eine laterne daran / die ganze nacht wird auf dem kopf gestanden rittlings auf drachen getanzt / stangenklettern und leiblicher Ringkampf erfüllen die nacht mit wauwauDie seraphim und cherubim steigen die weißen bauleitern auf und ab und wissen nicht warum / auf wattekugeln schreiten die starken tiere sie sieben glühende kohlen auf die betten werfen speere nach den befiederten höckern und häufen steine über die wegweiser / die kinder ziehen ihre totenstiefel an und warten auf die zeit die in kleine schwarze schlitten und kisten zerfällt und warten auf den kosmetischen Löwen mit dem schwanz aus dünnem draht voll feiner knötchen / in den schattensesseln sitzen die gekalkten toten sie klatschen in die hände und bellen / riesenvögel röhren in den holzschluchten keiner findet mehr die spur von seinen kinderschuhen / die pistille fallen aus den sternen die sterne verzucken in ihren volieren die sterne spalten sich und speien atrappen / die muskeln in den Sternen reißen entzwei die knochenlosen prinzen fließen wie Teig um die räder der mitternacht / in dem metallenen zelt aber sitzt die riesin eisenkopf mit den falschen waden die litfaßsäule und der uhu / die riesin stülpt sich ihren feuerzylinder ihren rauchzylinder aufs haupt verbeugt sich und spricht fröhlich fröhlich fröhlich / also wird der erdball durchsichtig und wie in einemfischglase schweben die magistri horti deliciarum darin / die welttore schlagen auf und zu die wachspuppezeit zerfließt unaufhörlich das übernichts das wohllautei beschießt.

Obwohl der mond mir wie ein spiegel gegenüberhängt schmerzt mich der engel im auge / auf den tischen laufen die sämereien auf und pochst du an die pflanzen so springen ihre blumen hervor / die löwen verenden vor ihren schilderhäusern mit gießkannen voll diamanten zwischen den krallen / die führer tragen schürzen aus holz die vögel tragen schuhe aus holz die vögel sind voll widerhall / unaufhörlich rollen ihnen die eier aus ihren kleinen herzen / ihr scheitel trägt den himmelsmast ihre sohlen stehen auf schreitenden flammen / reißt die schneekette so rufen sie den herrgott an / senkt sich das himmelsrad so treten ihre hufe auf schwarze körner

die nachtvögel tragen brennende laternen im gebälk ihrer augen / sie lenken zarte gespenster und fahren auf zartadrigen wagen / der schwarze wagen ist vor den berg gespannt die schwarze glocke ist vor den Berg gespannt die toten tragen sägen und stämme zur mole herbei / aus den kröpfen der vögel stürzen die ernten auf die tennen aus eisen / die engel landen in körben aus luft / die fische ergreifen den wanderstab und rollen in sternen dem ausgang zu

verschlungene knaben blasen das wunderhorn / engel in goldenen schuhen leeren säcke voll roter steine in jedes glied / schon bilden sich maste und sternbilder / die schwestern zeigen spuren von luftschlössern geldkatzen findlingen dampfkuhbissen gesattelten hasen frisch gepolsterten löwen / auf flammenden speichen rollen vögel über den himmel sterne niesen aus ihren wachsnasen blumengarben / betrunken sind mann und maus und schwimmen an weichen Fingern / brennende löwen sausen über zitternde birken / wer einen schwanz hat bindet sich eine laterne daran / die ganze nacht wird auf dem kopf gestanden rittlings auf drachen getanzt / stangenklettern und leiblicher Ringkampf erfüllen die nacht mit wauwau

Die seraphim und cherubim steigen die weißen bauleitern auf und ab und wissen nicht warum / auf wattekugeln schreiten die starken tiere sie sieben glühende kohlen auf die betten werfen speere nach den befiederten höckern und häufen steine über die wegweiser / die kinder ziehen ihre totenstiefel an und warten auf die zeit die in kleine schwarze schlitten und kisten zerfällt und warten auf den kosmetischen Löwen mit dem schwanz aus dünnem draht voll feiner knötchen / in den schattensesseln sitzen die gekalkten toten sie klatschen in die hände und bellen / riesenvögel röhren in den holzschluchten keiner findet mehr die spur von seinen kinderschuhen / die pistille fallen aus den sternen die sterne verzucken in ihren volieren die sterne spalten sich und speien atrappen / die muskeln in den Sternen reißen entzwei die knochenlosen prinzen fließen wie Teig um die räder der mitternacht / in dem metallenen zelt aber sitzt die riesin eisenkopf mit den falschen waden die litfaßsäule und der uhu / die riesin stülpt sich ihren feuerzylinder ihren rauchzylinder aufs haupt verbeugt sich und spricht fröhlich fröhlich fröhlich / also wird der erdball durchsichtig und wie in einemfischglase schweben die magistri horti deliciarum darin / die welttore schlagen auf und zu die wachspuppezeit zerfließt unaufhörlich das übernichts das wohllautei beschießt.

Er las vor, wie man nach Laudas Gefühl vorlesen sollte, monoton, ohne Akzente von Erfassung oder Verarbeitung, nur das Material liefernd, nicht das Werteverhältnis, das dem Zuhörer überlassen blieb — nichts war so fern von der Konfektionstätigkeit des Schauspielers, der fix und fertig den Complet liefert, wie man in der Schneiderbranche sagte. Diese Einförmigkeit entsprach auch der Grundstimmung den Erscheinungen der Welt gegenüber: sie waren Erscheinungen, nicht mehr, rollend aus dem Ärmel das Magiers mit dem Zauberhut, stürzend in den Wasserfall der Zeit, drängend einander auf den Fersen, Foetuszug, keiner dem andern die Zeitspanne gönnend.

Nüssli war der einzige, der den Unterschied nicht merkte, wie beim Manifest zu jodeln versucht war; in den andren haftete wohl das eine oder das andre Bild aus phantastischer Verschlingung von Milchstraße und Baum, aber sie waren befremdet und fragten, welchen Wert solche Kunst habe für Denken und innre Not.

„Es sind Märchen,“ sagte d’Arigo, „aber schwaches Fundament für Revolutionierung der Kunst, und selbst die Phantasterei verliert sich fortschreitend in bloßen Worteinfällen ohne Beziehung.“

„Ganz recht,“ antwortete Lisbao, „Beziehungslosigkeit ist eine unsrer Fordrungen. Die Bilder, die mein Freund malt, denn er ist Maler, beziehn sich nicht mehr auf das, was abzumalen überflüssig ist, weil es ja schon existiert. Hängen Sie seine Bilder an die Wand, suchen Sie umsonst Kuh und Nymphe darauf. Halten Sie sich für bedeutender, ernster, weil Sie von dreißig bis siebzig unermüdlich Spargel und Mädchen malen? Ist das einemännlichere Beschäftigung? Spargel und Mädchen haben einen ganz andren Zweck, als in Ihrem Öl aufzuerstehn — gegessen und beschlafen zu werden. Welch eine Existanz führen Sie denn inmitten arbeitender Bürgerlichkeit? Wäre der Bürger nicht ein so feiger Dummkopf, dann würde er ehrlich sagen, was er von Ihrer Lebensweise hält: daß Künstler Tagediebe sind, vorredend, die Ölspargel seien so wichtig wie die echten und deshalb sei es nötig, Akademien zu unterhalten. Die Gesichte meines Freunds wollen wenigstens nichts sein als Spiel, ihm so ernst wie Ihnen der Pan im Garten, aber eben auf ihre Philosophie betrachtet Spiel, anmaßungslos, ohne das bedeutsame Mundzusammenkneifen.“

„Wo lebt er, wie?“ fragte Lauda.

„In Zürich, so reinlich, daß es im Zeitalter von Büro Bank Börse unwahrscheinlich ist, er hat keinem Kritiker einen Besuch gemacht, diniert nicht mit Sammlern, Einladung mit Schmeichelei abzahlend, liest Laotse und Jakob Böhme, hat Hände und Füße wie eine Frau, sein Organismus ist so unbrutal, daß er Ausschlag bekommt, wenn er Fleisch ißt.“ Zu d’Arigo gewandt: „Was ahnen Sie, was wissen Sie? Nichts, nicht einmal wie eingesponnen Sie in die kapitalistische Lüge der Kunst sind. Wenn ein Konsumverein Ihnen den Auftrag gibt, auf sein Verwaltungsgebäude die Symbole von Arbeit Handel Friede zu stellen, meißeln Sie Mann mit dem Hammer, Magd mit dem Rocken und als drittes wieder Mann oder Weib mit irgendeinem Spießeremblem — er täte es nicht, das ist der Unterschied. Und wenn der Kommerzienrat sich anmeldet, lassen wir nicht das Atelier aufwaschen, darum liefern wir ihm auch nicht Nymphen unter die Zimmerlinde zu stellen.“

D’Arigo maß ihn kalt, sagte: „Daran erlaube ich mir zu zweifeln. Mag sein, daß Ihr ein paar Jahre weder vom Konsumverein noch vom Kommerzienrat Bestellung erhaltet. Kommt sie aber, dann werdet Ihr verlogen, wieIhr im Innersten seid, denn Ihr beeilt Euch zu liefern, was man verlangt. Darin sind wir ehrlicher, denen der Bürger die Akademie bezahlt.“

Er ließ ihn stehn und ging zu den Männern, die von dem sprachen, was sie interessierte. Lisbao blieb allein, sein Vortrag hatte keinen veranlaßt, ihn einzuladen. Da sah Lauda, der bei Hannah stand, daß Fräulein Betz zu Lisbao ging, ihm Gesellschaft zu leisten. Hübsch von ihr, er trat selbst hinzu, neugierig zu hören, was sie sagte:

„Wenn ich Sie recht verstanden habe, leugnen Sie, daß ein Künstler sich mit irgendwelchen Dingen abgeben soll, die den Mensch beschäftigen, Problemen, Konflikten?“

„Durchaus, ich lehne ab Theater Museen Konzerte.“

„Und lesen nicht, was vor Ihnen Geister gedacht und gestaltet haben?“

„Nein, es ist sich jeder selbst genug, die Geister vor mir interessieren mich nicht.“

„Selbst angenommen, Sie wären so reich, daß Sie sich selbst genügen können, glauben Sie nicht, daß Sie durch solches Prinzip zu einem Hochmut kämen, der Dürre würde? Sie hören nicht Musik, lesen nicht Bücher — wie bequem Sie sich die Verwerfung der andren machen. Oder: wenn Sie die Beschäftigung mit Fragen, die uns alle angehn, ablehnen, warum lassen Sie nicht den andren das Recht, sich mit ihnen zu beschäftigen? Sie sind ja genau dem verfallen, was Sie bekämpfen, dem Schulmeistern, dem Moralisieren, denn Sie wollen die Menschen dazu zwingen, die Welt mit Ihren Augen zu sehn. Proklamation des Egoismus erschiene mir nur in einem Fall zulänglich: wenn man schwiege und kein Manifest verfaßte. Manifeste sind Symptome des Pädagogischen. Sie wenden sich damit an Gleichgesinnte? Also wollen Sie eine neue Schule gründen, also sind Sie wie alle. Und drittens: wenn Sie den Menschen Theater Bücher Museen nehmen, was geben Sie ihnen dann? In welcheVerdummung stürzte die Welt, wenn man jedem einredete, er brauche nichts mehr zu lernen. Sie schütten ihnen ja alle Quellen zu, Kunst ist nicht nur eine absolute Angelegenheit, sondern auch eine soziale in dem Sinn, daß sie die Menschen vor der Langeweile schützt. Ich sehe lauter Widersprüche in Ihnen.“

„Der größte ist,“ sagte Lauda, „daß die Theorie des Ungegenständlichen nur relativ standhält. Denn nicht nur Kuh Spargel Nymphe sind gegenständlich, auch die mathematischen und statischen Gesetze, deren direkte Darstellung Sie versuchen, sind es; sie sind Realität im philosophischen Sinn. Kunst, überhaupt alles, was aus dem innren Kosmos kommt, ist Nachahmung bestehender Zustände. Man kann wohl variieren, aber nicht neu erfinden. Man kann Menschen mit Fischschwänzen, Pferdeleibern und Flügeln erfinden, aber nichts Neues schaffen, das Groteske ist eine Variation des Seienden, nicht mehr.

In den Gedichten Ihres Freunds ist eine außerordentliche Phantasie: ‚unaufhörlich rollen den Vögeln die Eier aus den kleinen Herzen, ihr Scheitel trägt den Himmelsmast, ihre Sohlen stehn auf schreitenden Flammen, senkt sich das Himmelsrad, so treten ihre Hufe auf schwarze Körner.‘ Das sind freie Assoziationen über der Realität, aber die Elemente sind aus der Realität genommen; es sind Kombinationen, bei denen die Kausalität zärtlich ironisiert wird — bei andren wird sie vielleicht herausfordernd ironisiert. Ich vermute, daß Sie trotz Ihres Hasses auf überlieferte Kunst den ganzen unausgesprochnen Hochmut des Künstlers haben, schöpferischer als der Bürger zu sein, Absolutes zu fühlen — ich habe ihn nicht mehr, die Kunst legt sich in den Weg, wenn wir das Absolute suchen, ich bin entschloßnerer Empörer als Sie. Sie lassen Rimbaud gelten, rechnen ihn wohl mit Picasso zu ihren Vätern — Rimbaud ging, nachdem er Paris mit dem Ruhm seiner zwanzig Jahregefüllt hatte, zu den Barbaren, fortan ein Anonymer; das war Tat, so fern den Manifesten. Ich würde Sie ganz verstehn, wenn Sie auch die Kunst auf die Liste setzten, über der steht Mes Haines.“

„Europa ist dekadent,“ sagte Shiller, „wenn es Erscheinungen wie diesen kleinen Portugiesen hervorbringen kann.“

Lauda hatte ihn beim Croquet beobachtet. Es gab in Hannahs Haus nichts dergleichen, keinen Spielplatz, keine Stöcke, keine Kugeln; Shiller hatte den Platz eingerichtet, Material in Interlaken telephonisch bestellt, danach zog er Fräulein Betz, Doktor Nüßli und Fünfkorn zu Partnern, nicht unlebhaft, aber zäh. Dem kindlichen Spiel oblag er mit einer Ausdauer, die wie Hypnose war, Hypnose des Willens, der ein Ziel sieht, es erreichen wird. So einfach wie die Spielregeln war Bild der Welt in ihm. Die Wahrheit hieß Demokratie, der Friedensstörer und Bedroher der Völker Preußen; die amerikanische Demokratie, ausgebildetste von allen, nahm den Kampf auf, würde ihn bis zum Sieg durchführen. Daß er Sozialist war, wurde für die Zeit dieser Aufgabe nebensächlich, zuerst galt es, die Demokratie in allen Ländern einzuführen.

Er war Sohn eines Achtundvierzigers, sprach Deutsch, war nach Europa gekommen, um die Opposition der deutschen Demokraten gegen das kaiserliche System zu organisieren. Sein Lieblingsdichter war der, dessen Namen er führte, ohne mit ihm verwandt zu sein, Schiller; bei Schiller war die Begeistrung für redliche Ideale, das Temperament des Redners, der große Massen führt, die Dreieinigkeit des Guten Schönen Wahren. Lauda erinnerte sich der Amerikaner, die er in Brüssel gesehn hatte; dieser gab ihm dieselbe Empfindung der großen Menschenmaschine jenseits des Ozeans, die gleichförmige Hirne in Millionen Exemplaren hervorbrachte — Banalitätund prachtvolle Jugendlichkeit, zähe Frische, die die Welt nach ihrer Absicht formen wird.

Aber er konnte nicht mit Shiller sprechen. Klang das, was er sagte, nach dem Sinn des Amerikaners, war er sein Mann, Übereinstimmung der Ansichten auf der ganzen Linie; paßte es nicht in die Idee Shillers, hatte er einen Gang zu bestehn, in dem jener heiß und unbefangen mit den größten Gemeinplätzen argumentierte, wahre Boxerschläge austeilte. Sie sprachen vom preußischen System. Lauda, fern jeder Billigung, suchte klarzumachen, daß es eben ein System war, als solches geschlossen, klar, bewundrungswürdig durchdacht. Solche geistige Betrachtung eines Augenblicks war Shiller unverständlich, er wollte widerlegen, was nicht widerlegt zu werden brauchte, sprach Leitartikel.

Hinter ihm stand Geldkraft, er kam mit Vollmachten. Sein Plan war, eine deutsche Zeitung zu gründen, die Gefangnen in den Lagern mit diesem Blatt von ihrer Blindheit zu befrein. Herausgeber sollte Fünfkorn sein. Es kamen die ersten Korrekturen, Lauda las den Eröffnungsartikel Fünfkorns. Er war logisch und es war erlaubt, daß jemand, der aus Überzeugung glaubte, daß Deutschland die Schuld am Krieg allein trug und die Entente, selbst zugegeben, daß auch sie vom Imperialismus herkam, die Sache des Rechts vertrat — es war logisch, daß dieser Deutsche soweit ging, mit der Entente in einer und derselben geistigen Front zu kämpfen; aber es widerstrebte zu hören, daß er sich das Geld zu diesem Kampf von ihr geben ließ, von ihr Unterhalt bezog.

Diese Auffassung vertrat auch, mit aller Deutlichkeit, Graumann. Spieß ließ sich den Bundesgenossen gefallen, Mitrofan und Nüßli zuckten die Achsel über das bürgerliche Unternehmen. Fünfkorn hatte sich nicht auf das Studium der verschiednen Weißbücher beschränkt, er hatte auch gelesen, was in den Pariser Blättern über dendeutschen Geist gesagt wurde, daraus nach dem Gesetz des Gegensatzes die französische Auffassung von Zivilisation kennengelernt.

Das Ergebnis war ein Versuch, das Gedankengebäude der deutschen Geistigkeit zu konstruieren, wie es seit der Reformation über Hegel bis zu Marx und Lassalle errichtet worden war. Die Reformation war der Abfall vom Prinzip der selbstgewählten Bindung des Menschen durch eine überreale Idee, sie war, im Keim, die Proklamierung der Souveränität des Denkens. An Stelle Gottes war der Begriff des Staats getreten, der profanen Bindung, die Freiheit war also illusorisch, die irdische Autorität schlug den Freigelaßnen in neue, härtre Bande — Geburt der deutschen Subalternität. Hegel erklärte sie als Geist der Weltgeschichte, Marx und Lassalle waren nicht minder protestantisch, bereiteten das Bündnis von 1914, zwischen dem Sozialismus, autoritärem Mikrokosmus im preußischen Makrokosmus, und dem Militarismus vor.

Ernsthafte These, aber sie schwenkte ab zu dem, woran Fünfkorn gelegen war, der Empfehlung des französischen Systems als der einzig möglichen Methode, Gesellschaft aufzubaun. Für den denkenden Geist war das deutsche System ein Versuch der Lösung, das französische ein andrer, wie Hellas, die mittelalterliche Kirche Lösungsversuche gewesen waren. Die Grundidee eines Systems bedingte seine Größe und seine Beschränktheit. Man durfte innerhalb des praktischen Daseins von einem System sagen, es führe zu Konsequenzen, die unerträglich waren; man durfte nicht im absoluten Sinn, wie Fünfkorn tat, von ihm sagen, es beruhe seit nun vier Jahrhunderten auf Betrug, Lüge, List. Die Geschichte eines Volks war nie Betrug, sie war Schicksal.

Die Unfähigkeit, diese zwei Betrachtungsweisen der praktischen Wertung und der ideellen Anschauung auseinanderzuhalten, die Kleinlichkeit der Beweisführung,die nicht verschmähte, aus Boulevardblättern das Argument zu übernehmen, Goethe habe im Faust das Recht des sinnlichen Genusses gepriesen (Beweis für die Minderwertigkeit der deutschen Seele), die Empfehlung französischer Geister dritten Rangs, die als Ersatz für Kant und Hegel genannt wurden, verstärkte Laudas Abneigung, in Fünfkorn den geeigneten Führer anzuerkennen.

Graumann zog Lauda in die Whiskyecke und bot ihm eine Importe an, Zeichen, daß er sich etwas vom Herzen reden wollte.

„Sehn Sie,“ sagte er, „es ist bedauerlich, daß wir nicht die Kraft haben, unsrer Regierung den Krieg ohne fremde Subsidien zu erklären. Die Schwierigkeit liegt weniger auf finanziellem Gebiet — ich ließe mit mir reden — als auf geistigem, oder soll ich sagen moralischem. Ich lebe nun sein Jahren unter den Intellektuellen, komme aber selbst aus ganz andren Schichten, war Kaufmann, machte Geld — Geld gemacht, suchte ich es vernünftig anzuwenden, für mich und andre. Man war bereit, mir dabei zu helfen, gab mir die Rolle des Mäzen. Ich ließ es mir gefallen und suchte inzwischen den, der, mit schriftlichem oder gesprochnem Wort begabt, das ausführen konnte, was ich meine. In allen diesen Jahren wurde ich mit einigen Dutzend Künstlern und Literaten bekannt, es waren nicht alle Schwätzer, aber keiner so überlegen, daß man empfand: diesem ist Gabe des Geists ein anvertrautes Gut, für andre zu handeln — es war ihnen allen ein persönliches Gut, Ehrgeiz zu befriedigen.

Da ist dieser Fünfkorn. Er legte seine Militärbehörde ordentlich hinein, guter Anfang, werbende Handlung — warum zum Teufel läßt er sich nun von den Fremden, die ihre eignen Zwecke verfolgen, die Mittel geben? Warum wandte er sich nicht an mich, den Deutschen? Sie werden sagen, ich hätte vielleicht nicht genug durchblickenlassen, daß ich bereit sei. Aber eben das, dieser Mangel an Instinkt oder an Mut verrät seine Beschränkung. Nun geht er hin und verpfuscht eine schöne Sache. Die Geistigen kommen mir wie Gäule vor, die darauf brennen, Galopp zu laufen, aber sie haben Scheuklappen an den Augen. Ich lerne allmählich skeptisch denken vom Zustand der Geistigkeit. Da ist der kleine Lisbao: schöner Haß gegen bürgerliche Bequemlichkeit, aber können Sie daraus irgendeinen Hebel machen, die Verhältnisse aus den Angeln zu heben? Es ist alles bei ihm Nein, müßte er dieses Nein in Energie verwandeln, die man dem Ja zuführen kann, würde er jämmerlich versagen.

Ein tüchtiger Mensch ist Madeleine Betz, aber Frau, ungeeignet zur Führung von Männern. Spieß hat sich der Wirkung auf Deutsche begeben, bleibt hübsch innerhalb der französischen Partei, denkt an die Nachfolge von Jaurès. Mitrofan wälzt in seinem Kopf die europäischsten Gedanken, aber er schenkt sich die Mühe, die Zukunft aus den gegebnen Verhältnissen zu entwickeln. Bleibt Schreiner. Ich bin indiskret, wenn ich verrate, daß er sich seit Jahren von mir nährt, er kommt von Zeit zu Zeit, sagt: der Kapitalismus ist hündisch, enteignet ihn — und enteignet mich um zehntausend Mark oder Franken, je nach dem Land, in dem wir weilen. Der eine, der sagte: ich muß monatlich dreihundert Franken haben, Minimum des Lebens, alle andre Kraft und alles andre Geld sollen der Idee zugute kommen, auf den warte ich vergeblich.

Resultat: ich langweile mich und gerate in Gefahr, meine Bereitwilligkeit zu verlieren. Der dicke Graumann mit dem Spruch leben und leben lassen ist auf dem Weg, eine tragische Figur zu werden. Hätten Sie nicht Lust, dieselbe Sache in die Hand zu nehmen, die Fünfkorn nun verdirbt? Sie gefallen mir. Man muß, wenn man gegen die andren denkt, erst aus ihnen heraus denken können;man muß sie nicht niederknüppeln, sondern zum Leben zwingen. Überlegen Sie es; wenn Sie mir etwas vorschlagen, sage ich nicht nein.“

„Wie könnte ich Fünfkorns Rolle übernehmen?“ antwortete Lauda, „es wäre nicht weniger unanständig. Ich war gestern noch in einem deutschen Büro, bin nur beurlaubt. Griffe ich sie an, würden sie sagen, ich sei gekauft. Erst muß ich mich lösen, dann in das Neue hineinwachsen.“

„All right, so ist es richtig,“ sagte Graumann, „besuchen Sie mich in Zürich, Frau Hannah ist kein Hindernis, außerdem reist sie ab.“

Dies Gespräch fand am letzten Abend statt. Am nächsten Tag fuhren alle nach Zürich, Hannah und Mitrofan setzten die Reise zur Grenze fort, um durch Deutschland nach Rußland zu fahren. Wie sie sich einen Paß verschafft hatte, war ihr Geheimnis.

Lauda wohnte in Miß Lilians Pension. Auf seinem Tisch lag die Karte Zürichs, Erleichtrung der Besuche, die er machte. Sooft er eine neue Straße nachsah, zog er die Linie von der Pension zu ihr; die Karte bedeckte sich mit einem Netz. Dieses Netz, sagte er, ist wie einer der Schlüssel, die man auf Geheimschriften legt; es bildet eine Figur, unter der sich die fremde Siedlung einmal in der Erinnrung darstellen wird; es ist so persönlich und einmalig wie die Linien meiner Hand. Immer und überall legen wir solches Netz auf die Erscheinungen; auch das Bild, das ich von einem Mensch gewinne, ist nicht anders, ich stecke Momente ab, durch die er sich enthüllt, und dieses konstruktive Gebilde nenne ich dann seinen Charakter. Verkehre ich nicht viel mit ihm oder treten nicht Situationen ein, in denen er bestimmte Stellung nehmen muß, so bleibt es noch unvollkommner, als selbst das der Stadt, ohne daß doch ich, wir alle, den Hochmut aufgeben, zu glauben, man kenne einen Mensch. Wir wissen wenig vom andren, wir können ehrlicherweise nur feststellen, wie er uns in einem bestimmten Fall erschienen ist, Klarheit über ihn ist Schwindel.

Wie Bestätigung war der erste Besuch, den er machte, bei Fräulein Betz. Sie empfing im Schlafzimmer; der Schreibtisch und die Bücher standen darin, obwohl sie eine kleine Wohnung hatte; man konnte entweder sagen, sie habe in das Schlafzimmer allen Besitz von Wert und Liebe gebracht, die Teppiche, die Felle, die auf Reisenerworbnen Gegenstände, oder sie habe in einen Raum, der diese Dinge enthielt, auch noch das Bett gestellt, es kam auf dasselbe hinaus, Mittelpunkt und Sinn war das Bett. Es war ein kühler Abend, und im Kamin brannte ein Feuer.

Er hatte sie für ein etwas altjüngferliches Mädchen gehalten, nun wurde sie durch die Dankbarkeit, mit der sie vom Bett sprach, das Ruhe, Wärme und denkende Lage spendet, und die Unbefangenheit, mit der sie es tat, mütterlich. Es gab ihr Realität, hier war sie nicht mehr die ein wenig melancholische Einsame, durch die Welt irrende Geistige; in diesem Bett hatte ihre Mutter sie geboren und war gestorben — etwas von solcher Frauenatmosphäre war nun um sie selbst, und darin wiederum ein Hauch vergangner französischer Jahrhunderte, denn es war ein abstehendes Himmelbett, wie es Montaigne gepriesen hatte, mit einer richtigen Bettgasse, der Ruelle, wie sie sagte; fast konnte man sich die Geschichten Brantomes hier erzählt denken. Die Altruistin, die die Welt nicht mehr begriff, weil sie sich zerfleischte, hatte ihre kleine Welt, in der sie Genügen fand; die Pazifistin, die ruhelos als Wanderapostel umherreiste, verstand sich auf sich selbst zurückzuziehn, und wenn es Resignation war, in dieser Zeit an einem Schreibtisch für die Idee weiterzuarbeiten, enthielt die Resignation doch die Möglichkeit des letzten zähen Willens: bis zu einem Tischchen in die Enge getrieben, nahm er daran Platz. Sie trug ein loses Hauskleid, man sah ihre Gestalt, zarte, so viel mädchenhaftre als das Gesicht mit den nie durch Erleben entspannten Zügen.

Sie stand am Kamin, vor ihr, im Sessel, saß Lilian und schaute mit blauen Augen, das hartnäckige amerikanische Kinn gehoben, verzückt zu ihr hinauf, denn Fräulein Betz sprach von Amerika. Lilian stieß kleine Schreie der Freude aus, zum erstenmal sah Lauda sie bewegt. Madeleine erzählte, wie sie an dem Eiswasser des Hotelsmagenkrank geworden war: Begeistrung Lilians für ihr Land.

Lauda hörte aufmerksam auf die Worte des Mädchens, den augenblicklichen Sinn und den tiefren, aussagenden, der vielleicht in ihnen verborgen war — doch was sie sagte, war plaudernde Nichtigkeit, Freude am Belanglosen; Unterhaltung über rückwärts gelegne Dinge verhalf ihr zu der Illusion, gesehn und erlebt zu haben — dumme kleine Puppe, hübsche schlanke Puppe mit den gotisch vorgewölbten Hüften.

Sie schlug die Beine übereinander, und wenn sie wechselte, war es wie die Bewegung zweier Arme, die sich öffnen, um an sich zu ziehn — unmöglich, daß sie sich der erregenden Gebärde nicht bewußt war. In ihm ein Hin und Her. Ihre Harmlosigkeit und Dankbarkeit, reden zu dürfen, rührte ihn, die junge hilflose Sinnlichkeit, die an den Exhibitionismus kleiner Mädchen vor Fremden zurückdenken ließ, verstärkte dieses Gefühl, aber danach war alles Auslegung, sowohl: sie ist ein Mensch, der geschont sein will, ein Recht auf Leben hat, als auch: sie ist ein Mensch, der nicht geschont sein will, mir wider meinen Willen, dank einer Deutlichkeit, die ihre Angelegenheit ist, diese vergewaltigende Vorstellung der zweiten Arme und des geheimren Munds mit schwellenden Lippen gibt. Suche ich mir ein Bild von ihr zu machen, bleibt alles ungeformt, wenn ich an ihre „Seele“ denke; Bestimmteres, Züge stellen sich erst ein, wenn ich von der sinnlichen Seite sie betrachte, da erst bieten sich Vorstellungen ihres möglichen Temperaments, Warten auf Angriff, Provokation, die dann vielleicht in Empörung umschlägt — das heißt, daß man ihr zu einem moralischen Faktum verhelfen soll, das ihr erlaubt, endlich eine klare Haltung einzunehmen.

Ihr dazu zu verhelfen, sind andre nötig: Auffordrung an andre, den Dienst zu erweisen. Erweisen sie ihn, werden sie vermutlich abgelehnt — was ist das? Not,verständlich und zugestanden; aber auch Unmoralität im Sinn von Undankbarkeit und Unaufrichtigkeit. Vielleicht tat er ihr unrecht, er wußte es nicht, aber er war nun geneigt, sie in die Sphäre Masochs zu stellen.

Widersprechende Empfindungen auch Madeleine gegenüber. Es rührte ihn sowohl, sie in ihrer frauenhaften Häuslichkeit gesehn zu haben, als sie mit Lilian menschlich, fast mütterlich plaudern zu hören, doppelte Einsicht in Güte; aber als sie das Gespräch mit dem Mädchen abbrach, erhielt er einen Blick von ihr, der Achselzucken über die Trivialität der Amerikanerin war, mokanten einer schmallippigen Schulleiterin, die sich durch Abhören einen Einblick in die Reife eines Zöglings verschafft hat. Es deprimierte ihn; von Natur aus war stärkre Neigung in ihm, das „Gute“ im Menschen zu sehn als das Egoistische, gut im Sinn von Duldung, Gerechtsein, Existierenlassen ohne Urteilen und Verwerfen. Stand sie mit dem Rücken gegen ihn, sah er die zarte Gestalt; sah er das Gesicht, las er darauf die in die Jahre wachsende Verbittrung. Er kannte die Versuchung, aus einem Mensch einen Charakterzug herauszunehmen und als wesentlich hinzustellen, so gut aus seinem Handwerk und dem der Schriftstellergefährten; es war so bequem. In Wirklichkeit mußte man neben den einen Zug viele andre setzen und darauf verzichten, die Einheitlichkeit zu geben — Mensch war vielleicht nur ein Nebeneinander von Zügen, Wesen in der Zeitlichkeit.

D’Arigo wurde erwartet, kam nicht, Lauda ging mit Lilian allein nach Haus. Der Weg führte über den Zürichberg, entlang dem Wald, der einst bis zum See hinabgestiegen war, jetzt nur noch auf der Höhe die geregelten Irrlichter der Stadt umkränzte.

Ein Ton drang herauf, Lauda blieb betroffen stehn. Es war ein wiederkehrender Klagelaut, wie wenn Wind durch eine Aeolsharfe zieht, er hatte ihn einst vor Paris aus derbewohnten Ebne gehört und Stimme der Ebne, des geheim lebenden Geschöpfs genannt — nun schwebte er über der Stadt am See.

„Auch die Dinge aus Stein sind belebt,“ sagte er, „Städte sind Himmelskörper, wesenhaft. Paris ist eine Frau, bereit, jedem, der zu ihr kommt, Südamerikaner Schweden Tonkinesen, Erlebnis zu werden — ein wenig kokottenhaft mag es sein und doch so fröhlich, jung. Paris ist die einzige Stadt, die Gegenwart hat, die andren haben Zukunft oder Vergangenheit.“

„Neuyork oder Berlin hätten keine Gegenwart?“

„Materielle wohl der Arbeitsstätte; sie sind Stadium einer Jagd nach Geld und Macht; geistige Gegenwart, Wissen um den Sinn des Augenblicks haben sie nicht. Daß man in der Zeitlichkeit lebt, einmal nur, fühlt man auch anderswo, aber dann ist es immer ein losgelöstes Gefühl, für sich gedanklich existierend — in Paris ist es wie ein Duft in das unbedingte Ja gemischt, ein Hauch von Geist und Geistigkeit im Treiben der Materialität. Verstehn Sie, Miß Lilian, was ich sage?“

„Ein wenig, nicht sehr, freimütig gesagt nein, in Amerika philosophiert man nicht,“ antwortete sie. Er sagte spöttisch:

„Nein, das tut man dort nicht. Die einzige Form von Vergeistigung des Sinnlichen, die ich bei Amerikanern kenne, ist der Flirt, und er allerdings hält von dem nahliegenden Urteil ab, sie seien eine junge Rasse. Sie sind darin älter als die Deutschen, die von der Raffiniertheit des Flirts nichts wissen. Lieben Sie ihn?“

„Sehr.“

„Warum wohl?“ forschte er.

„Weil er hübsch und kurzweilig ist.“

„Weil er eine Einrichtung ist, die allen Vorteil der Frau gibt.Siefordert heraus,siebestimmt die Grenze, die erstaunlich weit gesteckt ist, undsiemacht den erregten Mann reif zu dem, wonach sie verlangt, der Heirat,einer Heirat, die ihr erlaubt, auch jetzt noch die Prinzessin zu sein, verwöhnte in Luxus.“

„Ich weiß, die deutschen Männer lieben es nicht, die Frau zu verwöhnen.“

„Wenn es das allein wäre, warum nicht? Aber es ist eine Lüge in dieser Verherrlichung der Frau. Theoretisch ist Flirt wundervoll, weil er kühn die Sinnlichkeit in den Verkehr schon der jungen Leute einstellt und ihr nicht gestattet, mehr als ein Spiel zu sein. In amerikanischer Praxis aber wird er ein Mittel, den Mann zum Knaben zu machen, seine Kenntnisse der Frau zu verfälschen, die vollkommenste Gynokratie einzuführen. Was weiß er von euch? Nichts, er ist euer Schemel. Er wird gelockt, aber danach soll er anbeten. Es ist nicht eine einfache Moralität, die ihn zum Heiraten zwingt, sondern eine komplizierte, die die weiblichen Versprechungen nicht scheut; es ist die Verheißung der Amazone, die im Oberleib männlich ist, aber in den Hüften Weib. Wenn ihr nach Europa kommt, erfüllt ihr die Männer mit bösen und harten Gelüsten, mit einem schlimmen Wunsch, euch zur Eindeutigkeit zu zwingen.“

„Sie sprechen wie d’Arigo.“

„Wie stehn Sie mit ihm?“ fragte er und war neugierig, wie sie solche Frage aufnahm.

„Ich lernte ihn in Paris kennen, er war sofort rücksichtslos wie Sie, verlangte, ich solle ihm stehn. Er besuchte mich bei meiner Familie in Trouville, reiste über Nacht ab. Er bot mit halbem Wort die Ehe an, zögerte vor dem ganzen. Dann traf ich ihn in Zürich wieder.“

„Und hoffst, daß er das ganze doch finden wird,“ dachte er, „gute Lilian, wo der Flirt versagt, bleibt dem Mädchen aus der neuen Welt nichts übrig, als wie das der alten auf die Initiative des Manns zu warten.“

Aber warum ging sie nicht nach Amerika zurück, einen der jungen Leute zu heiraten, die in Hemdsärmeln undSchweiß des Angesichts arbeiteten, damit die Frau keinen Finger zu rühren nötig hatte?

Die Antwort enthüllte private Bedingungen ihrer Existenz. Solang sie studierte, empfing sie Unterhalt; kehrte sie ohne Examen zurück, wäre ihr nichts übrig geblieben, als Sekretärin zu werden.

„Aber das ist ja das Sprungbrett zur typischen Prinzessinnenkarriere Amerikas,“ sagte Lauda.

Gleichwohl, es war unsicher, und sie zog vor, als Dame zurückzukehren. O, sie hatte ihre Wünsche, Passivität verband sich mit Anspruch, belohnt zu werden, daß man hübsch war und Männer gern mit einem durch die Straßen gingen. Aber wie andeutungsweise, ungeformt das alles in ihr ruhte; wie gering jene Beunruhigung durch das Bewußtsein, Widersprechendes in sich zu tragen, aus der das Temperament entspringt — Temperament war die moralische Manifestation dieses Bewußtseins, der tapfere Entschluß, sich durch Erlebnis zu ordnen. Hätte er ihr von der Sweetgirllüsternheit gesprochen, die er in ihr vermutete, von der sinnlichen Vorstellung, zu der sie ihn vorhin im Zimmer herausgefordert hatte, wäre sie nicht weiter mit ihm gegangen; hätte er ihr gesagt, daß man die Verpflichtung habe, solche Elemente im Blut selbst einzugestehn, durch Tat so oder so blühn zu lassen oder auszuscheiden, würde sie ihn nicht verstanden haben. Hirn im Stadium des Ungefähr, Egoismen verankert im Anspruch auf Recht zu existieren, und vermehrt durch Bewußtsein der Jugend und dessen, was man in Deutschland Holdheit eines jungen Mädchens nannte. Sweet girl, warum soll ich sentimentalistisch dieser Holdheit untertan werden und übersehn, daß du von der Kokotte das Lippenrot adoptierst, um ihre Sphäre unverbindlich zu streifen? Du gibst mir Barbarengedanken ein, Männergedanken, dich zum Bekenntnis zu zwingen, durch Gewalttat das erste wirkliche Faktum in dein Leben zu setzen, unpersönlicherRächer zu sein, denn es ist nicht erlaubt, unverbindlich zu bleiben.

Er wagte es die Hand um sie zu legen, die negative Brust, die positiven Hüften, und Mephistowunsch, sie zur Tatsache dieser Hüften hinzuleiten, ward stark. Sie standen an einem Gartenpförtchen, dahinter eine dunkle Tür, die in ein Zimmer führte. Da ward Licht angedreht, und sie sahn in den Raum hinein, es stand ein Bett ohne Leinenzeug darin, im übrigen war es unmöbliert, nur Stickereien an der Wand. Drei junge Leute, brüderlich durch Knabengröße, hüpften auf und ab, als hingen sie an Fäden von der Decke und würden angezogen, die grotesk troddelhaften Bewegungen eines Grizzlitanzes auszuführen — es schwankten die Köpfe hin und her wie schwere Birnen an zu schwachem Stiel.

„Ich bin dreihundert Jahre zu spät geboren,“ sagte der mittlere, „wäre Hofnarr in ernster Zeit gewesen. Meine Mutter trug mich nicht aus, die zwei letzten Monate sollte ich in der Organisation des Zeitalters unterrichtet werden, da kam sie nieder, bin der Organisation nicht gewachsen.“

„Lieber Mitembryo,“ sagte der zweite und hob eine Stickerei von der Wand, „erinnerst du dich, wie wir in der Nacht des Schoßes vom gegensätzlichen Licht träumten, blauen Tagen mit rauschendem Birnbaum und roten Tomaten? Das Licht langweilt mich nun, ich träume mich in den Schoß zurück und sticke seine Landschaft, die grünblaugelben Stränge, Korallen des Bluts, Flechten der Schleimhäute, Hälften der Niere.“

„Kunst ist Traum der innren Geographie, Nach-traum der Vorgeburt,“ sagte der dritte, in dem Lauda Lisbao erkannte, „Uterus stellt sich selber dar, Land der vegetativen Existenz, da noch nicht Individualität ist, und noch nicht Lüge. Ich sehe zehntausend Embryos in ihrer Zelle, Händchen ohne Finger spielen mit dem Nabelstrang, dem wahren Band der Totalität.“

Sie lachten, drehten Auftritt abgestellt das Licht aus, verließen das Haus, man hörte die Stimmen sich bergabwärts entfernen.

Lauda lenkte Lilian zu dem Pförtchen, als sei das der Weg, führte sie ins Zimmer. Ihr Fuß sieß sich an die Wand.

„Mein Gott, wo sind wir?“ schrie sie auf.

„In der Mitternacht, der erste Schlag hebt aus. Bis der zwölfte verklingt, ist mir Freiheit vor mir selbst, Erlaubnis dem Dämon gegeben, der, wenn er Salambo sieht, die Begierde fühlt, das goldne Kettchen zu sprengen. Sie sind feig, Lilian, denn sie gehn zum Spiel, ohne den Einsatz bereitzuhalten.“

Der zwölfte Schlag verklang, aber eine andre Uhr hob aus, und Lilian lächelte im ungewissen Licht der Tür wie ein Kind, das schlau Dialektik treibt — war sie ihm willig?

„Habe ich denn auch mit Ihnen gespielt,“ sagte sie, und es konnte heißen, daß sie nicht widerstand. Aber die Frage dämpfte seine Rücksichtslosigkeit; nein, ihn hatte sie nicht herausgefordert; er sagte sanft: „Wir sind auf falschem Weg,“ und führte sie zurück. Zu spät, die Tür ward aufgerissen, und vom Revolver Lisbaos gedeckt, schaltete der knabenhafte Erste das Licht ein. Sein ängstliches Gesicht hellte sich auf, als er Lilian sah, schnell gefaßt beugte er ein Knie und sagte:

„Schöne Blancheflor, ich bin entzückt, daß Ihr zum Stelldichein mit diesem Ritter mein Haus gewählt habt. Wisset, daß Ihr bei Puck seid, dem aus dem Sommernachtstraum; es tut mir leid, daß ein Eigentumsdünkel, den Ihr dem Jahrhundert zuschreiben wollt, mich einen Augenblick an Diebe und Mörder denken ließ. Verzeiht, wir ziehn uns zurück und bedauern nur, das Lager nicht mit Euch zukommenden Rosen geschmückt zu haben.“

Er machte Miene, die Freunde hinauszudrängen. Lauda sagte: „Miß Lilian wurde von einem Unwohlsein befallen,ich hatte vorhin Herrn Lisbao gesehn und nahm an, es sei sein Haus.“

„Allrigt, so wollen wir die Schwäche mit Kognak lindern,“ antwortete Puck und führte in die vordre Stube, niedre eines Bauernhauses, Tafelwerk; es stand ein Tisch, kondensierte Milch, Papiere drauf, drei Stühle, eine Kiste; Adresse daran wie auf den Briefen: Puck, Dr. phil.

„Doktor Puck, der Zeit entsprechend,“ sagte er, „das erstaunt Sie? Im übrigen fühle ich mich voll und ganz, wie die Deutschen in ihren Reden sagen, als aus dem Märchenstamme Pucks entsprossen. Sehn Sie mich an, neunundneunzig Pfund schwer, das ist fast engelhaft und gibt Gedanken ein an Fliegenkönnen; bartlos wie ein Chinese und die Hasenscharte in der Lippe Stigma der kleinen Dämonie. Es wundert Sie, daß ich kaum zwanzigjährig schon den Doktor habe? Little Puck war ein Wunderkind, schlüpfte im siebten Monat aus und erweckte alle Hoffnungen, spielend das Reich der Realität zu meistern, drei Tanten suchen nun Erbinnen für ihn aus — die Brüder fallen im Krieg, die Erbinnen steigen. Hehe, Puck wird nicht heiraten, will das Lachen organisieren, Hofnarr der ernsten Zeit. Erlauben Sie, daß er seine Gehilfen vorstellt: Lisbao, der düstre Poet, Hans mit den opalisierenden Augen, in dem ein pflanzenhafter Elementargeist wohnt; Fleisch ist ihm ein Greuel, hat noch nie einen Pfennig verdient, nie einen Feind gehabt, sein Gutsein ist negativ, weil ihm die positive Energie fehlt, und positiv, weil Gutsein immer sieghaft ist — Sie haben vor sich das Triumvirat der Drei im feurigen Ofen dieser Zeit: sie verbrennen nicht, denn es ist keine Materie in ihnen, die dem Staub der Zeit verwandt wäre, sie schießen nicht, töten nicht, spekulieren nicht in Aktien, sie sind Vorboten der metaphysischen Welt, darum lacht der eine über die Realität, der andre fällt sie grimmig an, der dritte bestaunt sie hilflos und verwundert.“

„Lieber Puck,“ sagte Lauda, „das sind große Worte, sagen Sie nun, was Sie tun.“

„O, hängen Sie der Tat an? Hören Sie?“

Er setzte eine Hornbrille auf, nahm am Tisch Platz und las aus einem Buch, langsam, laut, als öffne sich die Wand und die Arena senke sich bis zum See. Das Schalksgesicht war demütig ernst, geglättet quecksilberne Beweglichkeit. Er las:

Die Welt erobern wollen durch Handelnich habe erlebt daß das mißlingt.Die Welt ist ein geistiges Dingdas man nicht behandeln darf.Wer handelt verdirbt siewer festhält verliert sie.Denn die Geschöpfe gehen voran oder folgensie seufzen oder schnaubensie sind stark oder schwachsie siegen oder unterliegen.Also auch der Berufene:Er meidet das HeftigeEr meidet das ÜppigeEr meidet das Großartige.

Die Welt erobern wollen durch Handeln

ich habe erlebt daß das mißlingt.

Die Welt ist ein geistiges Ding

das man nicht behandeln darf.

Wer handelt verdirbt sie

wer festhält verliert sie.

Denn die Geschöpfe gehen voran oder folgen

sie seufzen oder schnauben

sie sind stark oder schwach

sie siegen oder unterliegen.

Also auch der Berufene:

Er meidet das Heftige

Er meidet das Üppige

Er meidet das Großartige.

„Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf — als ich das las, beging ich zum einzigen Mal in meinem Leben eine Nachahmung, ich wollte wie Laotse tun, der nach Westen ritt, zum Reich hinaus. Dem Wächter an der Grenze gab er sein Buch; aber mich hätten sie festgenommen und unter die Soldaten gesteckt, das ist der Unterschied. So blieb nichts übrig, als das zweite zu tun, was er empfiehlt, aus der Stadt aufs Land zu gehn, da fand ich dieses Haus. Es ist noch der Schweißgeruch des Bauern darin, heiliger Geruch, weiser Geruch. Es einzurichten ist unnötig; wer ein Haus schmückt, wird sein Sklave, in ihm leben ist genug; zweimal am Tag wird es mir lieb: wenn ich es verlasse, um den Berg hinab zu den Menschen zu gehn, und wenn ich den Berg ersteige,müde der Stadt. Hans tut nichts im handelnden Sinn, er sitzt in einem andren Haus und zeichnet mit schwarzer Tusche die innren Gebilde auf gelbliches Reispapier; an der Wand kauern Mädchen und sticken mit seidnen Fäden die innren Gebilde; sanfter Pascha schläft er nicht mit den Mädchen. Lisbao tut nichts, er spinnt um seinen Nabel Wortfäden, den Strang der Totalität. Nichtstuer sind wir im Sinn derer, die im Reich des Geschehens leben; die einzige Lüge ist, daß wir von Vätern, Onkeln das Geld nehmen, so müßig zu gehn. Ihr Entgelt, daß sie uns verachten dürfen; aber früher, als Blancheflor geheiratet hat, wird die Zeit kommen, da das Geschehn draußen zusammenbricht und die Menschen der Tat überdrüssig werden — unsre Zeit, wir die Verkünder des Geists, der Anschauung ist.“

„Es drängt sich auf,“ sagte Lauda zu Lilian auf dem Heimweg, „daß alle Elemente des Geistigen jederzeit vorhanden sind. Seit mich die Unvereinbarkeit von Tun und Anschauung beschäftigt, begegne ich auf Schritt und Tritt Menschen, deren ganzes Sinnen auf dieses Problem gerichtet scheint. Wäre ich nicht selbst nun darauf eingestellt, würde ich die drei vielleicht nur Narren heißen, heute bin ich versucht, sie zwar nicht die Nornen der Zeit, aber ihre Kobolde zu nennen. Sahn Sie je eine so seltsame Übereinstimmung der Figuren, des körperlichen Formats? Das Geschlecht derer, die nicht das Format der Tat haben, kommt aus den Höhlen, wird Wirkung werden; das Geschlecht auch derer, die leiden und die Vergewaltigung durch einen Gott suchen, bereitet sich aufzustehn, der Krieg hält sie noch nieder, der Krieg wird sie entfesseln.“ Er dachte an Schreiner.

„Wer ist Blancheflor?“ fragte Lilian.

„Hat es Ihnen Eindruck gemacht? Die Schöne aus den Epen, die Junge, Zarte, die in ihren Gliedern den Gral trägt.“

Er fand den Namen selber gut, und als hätte es nur seiner bedurft, ward er empfänglicher für das Süße, dasdie gotischen Hüften des Mädchens bargen. In den Hüften aller Frauen ruhte es; so gleichgültig, daß es der einen oder andren, vielen, an Intelligenz gebrach; die Zärtlichkeit ihrer Bewegungen, lautloser, weicher, war wesentlicher; Zärtlichkeit war die vermenschlichte Form des Ansichlockenden, Saugenden, des Urdämons, dem auch in gemilderter Gestalt jeder gehorsam war. Nun sah er, in zweiter Morgenstunde, Lilian ganz als Bergerin des Zarten, bis zur Unkenntlichkeit den Begriff von ihr verändert, und war froh, ihr nicht Gewalt angetan zu haben.

Es gewollt zu haben, war wie Auslösung einer Hemmung, Überwindung eines Hindernisses zwischen ihm und ihr — Geburt freundschaftlicher Bereitschaft. Und als fühle sie dasselbe, zog sie den Schleier von sie quälenden Gedanken. Sie verstand, was die Männer, in Paris zuerst, von ihr verlangten, Einsatz der ihr anvertrauten Weiblichkeit; Furcht in ihr, Vergleich mit der Bequemheit heimatlicher Ehe, Scheu auch vor d’Arigos Halsstarrigkeit, dessen Bedingung sie nun bekannte: sie sollte zu ihm kommen, bedingungslos und mit gesprochnem Wort Feigheit eingestehn.

„Es mag rechthaberische Fordrung eines Hartnäckigen sein,“ antwortete Lauda, „gleichwohl hat er in tiefrem Sinn recht, er verlangt die Tat. Verwerfung der Tat, wie sie der Kleine aussprach, hat Wert nur nach der Tat, in der denkenden Sphäre, als Aufhebung, Setzen des Gegenteils. Was ist Puck? Ein Literat, jemand, der an der einen Seite zieht, ermangelnd der Polarität.“

„Und wo führt Tat hin die Frau?“ klang Lilians Frage an sein Ohr, im Zwiegespräch, das jeder nach seiner Bedingung führte, „was ist Tat? Der erste Schritt auf einem Weg, der zum Glück zu leiten verspricht, von ihm entfernt.“

„Tat ist die Sphäre des Leids,“ nahm er das empfangne Wort auf, „das Reich der Kausalität, des Dämons Logik, des hetzenden Gotts, der Erlösung verheißt, sie schonverriet, als er sich zur Existenz entschloß. Tat ist Dämonie des Bösen, darum ist alle Religion Feind der Tat und weiß nicht, daß sie den Gott lästert, den sie sucht, denn er war aktiv. Der Kreis schließt sich, ich bin bei Pucks Deklamation wieder angelangt; Ja ist so wahr wie Nein, gleich unverbindlich, gleich falsch. Gute Nacht, Lilian, wir sind zu Haus. Morgen gehe ich zu d’Arigo, vielleicht, daß er mir erlaubt, von Ihnen zu sprechen, denn in mir ist erstmalig Wunsch, einem andren Mann Bruder zu sein — ungewiß ob er das Angebot annehmen wird.“

D’Arigos Atelier stand in einem Hof; auf Hinterfrontbalkonen wurden die Betten der Bürger und darauf gezeugte Kinderbrut gelüftet.

Häßlich wie der Anblick des Nutzbaus war der innre Raum; auf Holzpostamenten standen die Figuren, von ihnen abgekratzter Staub puderte den Zementboden, Ofenrohr ging durch die Decke, kein Diwan zur Verführung von Damen. So arbeiten verdiente Arbeit genannt zu werden, Lauda empfand: stoischer Bruder, verzichtend auf Stimmung. Betrachtend die Figuren, fand er weiterhin: es stellt ein Künstler sich selber dar, die Proportionen seiner Glieder sind die der von ihm Geschaffnen, der Schlanke formte keinen Untersetzten.

Es standen drei Akte derselben Frau, die in verzückter Innigkeit die Arme senkrecht streckte, die Finger wagrecht spreizte, Gebärde der Demut, nackt zu sein, und des keuschen Muts. Auffassung betreffend standen zwei sich nah, es war die eine die Bearbeitung der andren mit Glaspapier und Spachtel: Werkzeuge schmallippiger Energie hatten die Rundung der festen Schenkel und des weichen Bauchs auf ein Äußerstes reduziert, so daß aus Rundung und Nervigkeit ein granitnes Fleisch entstand, überstreckt, gedreht in Geistigkeit, exzessive Gotik, Inbrunst sublime, oben nochmals aufgenommendurch das geschwellte Lächeln und die runde Engelsstirn.

Die dritte Figur war Rückbildung zur primitiven Gotik, die das Willenserlebnis Loyolas noch nicht kannte, nordisch, deutsch, seelenhafter, darum materieller. Da sagte d’Arigo:

„Sie irren sich, es ist die mittlere Figur die frühere, die nordische die jüngste.“ Und Lauda erinnerte sich, was er von d’Arigos Entwicklung, dem Rücktritt aus der geistigen Sphäre, gehört hatte.

„Was haben Sie erreicht?“ fragte er, „den Verlust Ihrer Überlegenheit, die Bindung durch einen Einzelfall, denn diese Frau ist Individuum, Ihr Werk Porträt, das unbedingt Problematische, in die Niedrung der Existenz, die Nachahmung, Ziehende; es ist gemilderter Realismus, die gewalttätige, schöne, suveräne Energie ersetzt durch Tasten, Unterordnen, Demut, Sehnsucht, Anbetung, Dinge, die dualistisch sind, weil sie zwingen, einerseits dem sinnlichen Reiz gerecht zu werden, andrerseits ihn seelenhaft erscheinen zu lassen — vorher wurden beide in höhrer Einheit gebunden.“

„Ich bedaure,“ antwortete d’Arigo, „Sie Einblick haben gewinnen zu lassen; es stört mich. Sie verstehn mich nicht, es sind in Ihnen nicht die Voraussetzungen des Religiösen, wie ich es erlebte. Sie sind irreligiös. Sie sind im besten Fall katholischer Lateiner, Augenmensch.“

Lauda: „Und Sie, in dem der Fanatismus des Ignatius brennt, wenden sich dem Protestantischen zu, empfinden es als tiefer, was sich vielleicht behaupten läßt; aber das ist eine andre Frage, wichtiger bleibt, daß Sie Ihrem Naturell Gewalt antun, Ihr Blut zersetzen — warum, um eine Individualität zu formen? Fühlen Sie nicht, wie arm, belanglos Individualitäten sind, wie sehr alle Eigenschaften, also das, was man die persönlichen Züge nennt, dem Religiösen widersprechen? Denn Religiosität ist Sehnsucht, von der Individualität erlöst zu werden, die Sphäre des Gestalteten zu verlassen.“

D’Arigo: „Ich habe mich gefragt, warum mir alle Einzelexistenzen so teuer werden, daß ich mein frühres Leben, das sich unbekümmert über den Mensch hinwegsetzte, nun Sünde nennen muß; und als Antwort fand ich, daß jede Einzelexistenz eine Seele hat, unsterblich als Seele ist. Ich glaube heute inbrünstig an die Unsterblichkeit der Individualität, des Ich, des Einmaligen, des anvertrauten Guts.“

Lauda: „Wenn das Ich einmalig ist, was wird dann nach dem Tod aus ihm, wo war es vor der Existenz? Unsterblichkeit und Einmaligkeit widersprechen sich.“

D’Arigo: „Das ist Dialektik, triumphieren Sie nicht zu rasch. Es ist nicht anders möglich, als daß mein Ich fortwährend durch die Zeiten andren Existenzen überwiesen wird, und ich glaube an die moralische Ordnung dieses Überweisens. Die Vielheit der Menschen hätte keinen Sinn, die Tatsache, daß es unter ihnen grobe, gemeine, stumpfe Individuen ohne Zahl, daneben reinere, reinste, schwankende, entschlossen gütige, halbsinnliche, ganz entsinnlichte gibt, hätte keinen Sinn, wenn diese Existenzen nicht Rangklassen, Betätigungssphären wären, die in aufsteigender Linie geordnet sind. Der Sinn heißt: Läuterung.“

Lauda: „Also eine moralisch begründete Seelenwandrung.“

D’Arigo: „Ja, und es ist mir unbegreiflich, daß sie unter den Dogmen des Christentums fehlt.“

Lauda: „Sie fehlt nicht ganz, Fegfeuer, Hölle, Paradies bringen denselben Gedanken zum Ausdruck; nur die indische Fassung fehlt, weil das Hauptgewicht ganz auf das Jenseits gelegt wurde. Sie dürfen ruhig sagen, daß Sie gläubiger Christ im Schulsinn sind, Anschaulichkeitsmensch durch und durch, jeder philosophischen Differenzierung bar, Anthropomorphist durch und durch — wenn ich Wortspiele machen wollte, würde ich sagen Anthropomorphinist, es gäbe einen Sinn.“

D’Arigo: „Worin bestände philosophisches Denken, wenn nicht in demütiger Beschäftigung mit den höchsten Fragen?“

Lauda: „Ich könnte antworten: in dem Ausscheiden der Demut, denn Fragen stellen heißt undemütig sein; ich sage besser: in dem Versuch, das, was Sie Gott, Seele, moralischen Sinn des Ganzen nennen, als Anschauungsformen Ihres Ich, genauer Ihrer Grundanschauungsform, der Kausalität, zu erklären. Gott, Seele, moralischer Sinn sind Varianten der Kausalität, es sind Projektionen der Logik, der Teleologie. Sie sprechen von der Unsterblichkeit des Ich, der persönlichen Seele; für mich sind diese Worte unerträglich an Banalität, sentimentalische Eifrigkeiten.

Sie legen zu großen Wert auf den Begriff Eigenschaft, Seele ist philosophisch betrachtet eigenschaftslos, in allen lebenden Wesen gleich, unindividuell. Eigenschaften sind Phänomene der gestalteten Welt, der Sphäre des Geschehens oder der Manifestation, Akzidenzien sekundärer Art, Resultate des Aufbaus von Organismen. Es ist vielleicht nicht richtig, zu sagen, daß mit dem Zerfall des Organismus die Eigenschaften erlöschen, sie können latent in den kleinsten Zellen weiterbestehn, so daß Vererbung nicht an den elterlichen Organismus gebunden wäre; aber nicht darauf kommt es an, sondern darauf, ob, was Sie persönliche Eigenschaften eines Ich nennen, eine grobe oder feine, gute oder egoistische Art des Handelns, eine bestimmte Tendenz des Denkens, die Ihnen eigentümlich ist, wie Farbe und Geruch der Pflanze — es kommt darauf an, ob man von diesen Eigenschaften annehmen kann, daß sie ursprünglich sind oder im Verlauf der Differenzierung entstanden, anders ausgedrückt, ob sie in der absoluten Sphäre existieren. In ihr löst sich mir alles in Vitalität, Dynamisch-Primäres auf, und Unsterblichkeit wird selbstverständlich, Individualität aber ohne Sinn, denn Sinn hätte ja nur ihre Bewahrung mitHaut und Haar, den Lastern und der erreichten Erkenntniskraft. Der Naturwissenschaftler, der von Erhaltung der Energie sprach, war der Wahrheit näher als Sie Christ, der seine Zeitlichkeit retten will.

Ihrem Glauben an Seelenwandrung kann ich nur ein Zugeständnis machen: es wäre denkbar, daß auch nach Auflösung eines Organismus, zum Beispiel Mensch, die Zellenkerne, als eigentliche Träger der reizbaren Energie, von seiner Individualität imprägniert blieben — gleichsam kleine ausgesetzte Minen mit eingestelltem Zünder, mit einem Vorzeichen geschlüsselt, Zellen,die ihr Erlebnis hatten; sie würden milliardenfach von den Späteren auf dem Nahrungsweg verschlungen und wären an dieselbe Bedingung wie etwa krankheitserregende Bazillen gebunden, den günstigen Boden, Prädisposition zu finden: Zellenkerne des Plato sind unwirksam im Organismus des Cortez, wirksam in dem des Paracelsus. Voraussetzung wäre, daß diese Zellenkerne nicht durch Verdauung zerstört würden, das wird in der Tat behauptet. Sie also würden eine Art seelischer Wandrung ermöglichen, Erinnrung des Plato keimte in Paracelsus auf, wird weitergegeben an Kant, und Existenz wäre eine ewige Wiederholung von typischen Kernen, die in einer fernen Vorzeit ihre „Eigenschaft“ adoptiert hätten, wie Tiere und Pflanzen, heute im wesentlichen unverändert, früher einmal erste Eigenschaften annahmen. Aber diese Theorie ist wie eine Einlage in der Symphonie der monistischen Phänomenologie, und keine Stärkung Ihrer ethischen Seelenwandrung, die hilflos an ihrem Dualismus zugrunde ginge, wenn Sie klar dächten.“

D’Arigo nahm einen gelben Band, den Lauda nun schon kannte, und las:


Back to IndexNext