Der Sinn den man ersinnen kannist nicht der ewige Sinn.Der Name den man nennen kannist nicht der ewige Name.
Der Sinn den man ersinnen kann
ist nicht der ewige Sinn.
Der Name den man nennen kann
ist nicht der ewige Name.
Lauda: „Wie dunkel muß die Weisheit Laotses sein, wenn so verschiedne Naturelle wie Puck und Sie sich auf ihn berufen. Aber was Puck ansteht, steht Ihnen nicht an. Lassen Sie mich alles rücksichtslos sagen: betrachte ich Sie, Ihre Herrengestalt, lasse ich die Schwingungen auf mich wirken, die von Ihrer hagren, verschloßnen Energie ausgehn, dann bedaure ich, daß Sie, geboren sich in allen Störungen der innren Rotation zu behaupten, das neue Erlebnis der Demut nicht organisch verarbeiten, nicht gleichsam dosieren, sondern alles Feste, Nervige durchsetzen und zersetzen lassen. Jeder neue Gedanke, der in uns aufkeimt, ist Störung und wird Wuchrung, wenn wir ihm nicht aus unsrer Gesundheit heraus Schutzstoffe entgegensetzen; verdünnen wir ihn nicht, vergiftet er uns. Es gibt eine geistige Schwängrung, der auch der Mann erliegt, es ist die Vergewaltigung durch die Seele; sie erfolgt immer dann, wenn in die Sphäre des Ich, des Einzelnen, die Vorstellung der andren oder der Totalität einbricht.
Sie sagen, ich sei nicht religiös. Ich verzichte nur darauf, das zu vereinigen, was sich nicht vereinigen läßt, die Sphäre des Ich und die der andren, oder die Sphäre des Geschehens und die des Absoluten, ich bewege mich in beiden, nacheinander, der Brückenlosigkeit bewußt, und bin so, Sucher des Zugleich und der Einheit, doch im praktischen Gebrauch reiner Dualist. Sie aber grenzen den Fremdkörper, der in Sie getreten ist, nicht ab — vielleicht ist er eine Frau, diejenige, die Sie porträtieren.“
D’Arigo begann die Figuren mit nassen Tüchern zu bedecken; symbolische Handlung, Bedeutung Laudas, daß Freundschaft nicht sein werde.
Sie gingen zusammen zur Stadt, vor einem Garten gab d’Arigo die Hand, sagte: „Leben Sie wohl, hier ist Sellos Atelier, ich werde erwartet.“
Absicht war deutlich, Lauda sagte ruhig: „Wenn es möglich ist, nehmen Sie mich mit, es ist erwünschte Gelegenheit, ihn kennen zu lernen.“
Sellos Statuen der triumphierenden Nacktheit schmückten Brunnen und Hallen, auch war er Liebling der Kunstzeitschriften.
Sello war bei der Arbeit; straff, mit geschloßnen Schenkeln, die Arme rückwärts gestreckt, damit die Kuppel des Bauchs, die Fanfare der Brust sieghafter sei, stand in Lebensgröße das Weib. Sie stand und schritt doch entgegen den Blicken, furchtlos vor Männern, Spitzen der Brüste gegen sie gerichtet; im archaisierten Blick letzte Erinnrung an junge Astarten.
Sello sagte: „Es ist mir etwas begegnet, wovon ich nicht weiß, ob es mich entzückt oder stutzig macht: dieses Geschöpf (er wies auf die Statue), Produkt der innren Energie, Überhöhung der Wirklichkeit, lebt, sie war heute morgen hier und stand neben der Figur, ihre Kopie. Sie wird mich zwingen, meinen Stil zu ändern, ich wäre nur noch Modellnachahmer. Es ist eine junge Tessinerin, im ersten Jahr der Hetäre, die wiedererstandne Renaissancekurtisane, von einer ältren Schwester begleitet, die sie einführte. Die Grenzen sind geschlossen, sonst wäre sie die Sensation Roms; statt mit jungen Fürsten lebt sie mit den Zürcher Kriegsjuden. Sie ist sich ihrer Karriere bewußt, erlaubt königlich, daß man sie La Putana nennt, als sei es der Name einer großen Schauspielerin.“
Sello, umgänglicher Mensch, lud Lauda ein zur Zunft; einmal in der Woche trafen sich die einheimischen Künstler in der Trinkstube einer historischen Hotellerie, darin seit den Tagen der Humanisten jeder Europareisende von Rang abgestiegen war. Sie waren trinkfreudiger als Literaten, Malerei war sinnlichres Handwerk, Malerei hielt die Berührung, mehr, die Verbindung mit Scholle Gebirge Landschaft aufrecht; Malerei verwies auch auf die bodenständige erste Derbheit der Erscheinungen — so war um jeden etwas von der Philosophie des ebenfallsmit der Realität verwachsnen Gottfried Keller, mannhafter Freisinn bäurischer Färbung, sozialen Instinkts.
Dazu kam nach Wahl ein Akzidenz fremdländischer Reizung, Italiensehnsucht wie bei Sello, vergnügte Erinnrung an Münchner Treiben, Pariser Aufenthalt. Man war bei aller Freiheit eingeordnet in seßhafte Wirklichkeit, fand Aufträge und konnte sich darauf verlassen, daß das Organ deröffentlichen Meinung, die große Zeitung der geistigen Hauptstadt, gewissenhaft von Zeit zu Zeit den Namen druckte, kurz man durfte ruhig wie der Steuerzahler am Nebentisch seinen Veltliner trinken, man war nicht mehr als er, man war gut demokratisch soviel wie er.
Für Stimmung solcher Existenz und des Gewordnen, das sich auf Erden einrichtet, war Lauda nicht unempfänglich, und Herzlichkeit der Aufnahme verpflichtete menschlich; aber daß künstlerisch hier das Geruhige galt, sie alle in überkommner Atmosphäre lebten, nicht eine neue bildeten, war klar. Hier war noch Farbenfreude, Lust an der Unerschöpflichkeit der sichtbaren Dinge; sie malten Spargel Engadinsee Kuh, und Duft stand höher im Wert als Auflösung in Geometrie, Renoir höher als die Mathematik Picassos. Irgendwie bestand Zusammenhang, grundsätzlicher, beleuchtender, zwischen der Behaglichkeit des Stammtischs und der Überlegung Sellos, ob sein Stil nun gefährdet sei, weil in der Realität ein Modell aufgetaucht war, das ihn zum Kopisten machte. Daß solcher Zufall möglich wurde, bewies, wie gering Umformung war, die er mit der Natur vornahm.
Und was war von der Antwort zu halten, die d’Arigo gab, als Sello sich anbot, ihm La Putana zu schicken, damit er ihren Akt studiere — die Antwort war, er dürfe sein Werk nicht gefährden. Lauda bekam Sehnsucht, die Jungen, andren zu sehn, in denen Revolte war gegen die dumme Existenz einer Malerei, die nun seit vierhundert Jahren sich in der Sphäre der Realität eingerichtethatte, den Zugang zur absoluten nicht anders fand als durch die Dialektik, Abbildung der Erscheinung ziele auf das Absolute hin, gemaltes und gemeißeltes Geschöpf lobe Gott.
Nein, das war in mittelalterlicher Kunst gewesen, als Geschöpf noch nicht dualistisch Selbstzweck war, sondern nur Schmuck und Lobpreisung in den dem Schöpfer gebauten Räumen. Nie sah er unmittelbarer die Sinnlosigkeit einer Beschäftigung, die inmitten einer bürgerlich fronenden Welt Weiber in ein Atelier führte, um sie auszuziehn und zu malen — kein Unterschied auch, wenn andre die Staffelei in die Landschaft stellten, Schönheit von Weidenbaum und Wiese einzufangen. Das alles war tragisch irreligiös in dem Maß, wie es religiös zu sein behauptete, letzte Verbeugung der Zivilisation vor dem verlornen Elementaren.
Er verließ die Zunft und ging dorthin, wo man die Jungen traf, ins Kaffeehaus. Die in der Trinkstube mißachteten das Café, nannten es die Börse der Heimatlosen. Die Literaten blieben nichts schuldig, hießen sie ihrerseits Bürger — es lag dieser Feindschaft objektiv eine Tatsächlichkeit zugrund; gemeinsame Norm, an der sie sich beide maßen, war das Verhältnis zur Realität, als welche philosophisch Sphäre der Existenz, des Sichtbaren, Getrennten, praktisch Bürgerlichkeit, Bejahung, Wille zum Positiven hieß. Kein Zweifel, wo die größre Geistigkeit war: bei den Literaten; sie warfen doch wenigstens wie der religiös, grundsätzlich denkende Mensch die Frage nach dem Wert der Bejahung auf, erklärten die Sphäre der Tat mitsamt ihrer optimistischen Philosophie des Du sollst Dich regen und bürgerlich voranbringen, als problematisch — Antwort auf diese Frage war also nur bei ihnen zu erlangen, und wenn sie hundertmal Nichtstuer, in der Luft Schwebende waren, sie waren diejenigen, die den Mut hatten, das Prinzip des Geists dem der Tat radikal entgegenzustellen, und es war klar, daß, wennnach dem Krieg die Revision aller Grundlagen begann, das Prinzip der reinen Intellektualität gleichberechtigt neben das des Positivismus treten würde.
Die braven Maler waren Leute des Kompromiß, die Literaten Radikale der Idee. Bei ihnen allein war eine Parallele zum System der Geometrie zu finden, die, von gewissen letzten Abstraktionen ausgehend, eine Welt der Statik und Konsequenz errichtete. Das Werk Picassos war eine solche Parallele: die ersten Konzeptionen waren ganz, wie der Bürger und die Kritiker sagten, künstlich, ohne Beziehung zu seelischen Nöten und Bedürfnissen, aber das künstliche Gebilde begann zu sprossen und zu blühn, alle Vitalität und Säfte ließen sich ihm zuführen, so daß es ein Kosmos wurde wie ein andrer; das verstanden in deutschen Ländern die Leute nicht, klagten befremdet, daß in dieser Kunst nichts von Trost für ihren Seelenhunger sei, nicht Anhalt für ihre Ehe- und Gottprobleme.
So falsch. Sie wollten in der Kunst noch einmal die gegenständliche Welt sehn, in der Meinung bestärkt werden, daß diese Sphäre für sie das Wichtigste sei, ohne zu erkennen, daß sie nur Projektion einer absolutren Sphäre war, nur Vorwand, um deren Gesetze, Proportionen, Stoß, Gegenstoß, Mischungsverhältnisse sichtbar zu machen: sie wußten nicht, daß das reale Geschöpf nur ein Kristallisationszentrum für dynamische Kräfte war — Ausgangspunkt jenes Grauens, das Lauda bisweilen angesichts der Rührigkeit und des Optimismus des menschlichen Treibens überfiel; denn das nur als Vorwand dienende Geschöpf, dieseHemmung, an der die absolute Kraft sich brach, differenzierte, Eigenschaften gewann, sichtbar wurde, neu sammelte, hielt sich für selbständige Individualität, baute sein innres Leben aus, sprach in groteskem Mißverständnis von einem Gott, der ihm gutgesinnt sei.
Der Abend war warm, Gang die Kais entlang zum Café schön, aber er spürte das Grauen in allen Haarspitzen,hörte das böse Lachen aus der Lüge der Schöpfung und verstand, daß in dieser neuen Kunst, die nicht mehr die äußre Erscheinung der Gegenstände, sondern ihre innren Rotationsfiguren darzustellen begann, so seltsam neben den ernst Arbeitenden die Höhnenden, Überdrüssigen, Verwerfenden auftraten — aus gemeinsamer Wurzel entsprang der Geist der Demut und der Dissonanz, der bejahten Kunst und der Ironie.
Er fand Lisbao und Puck, Miß Lilian und Hans in einen Kreis unbekannter Menschen, aber es ward ihm nicht erlaubt Platz zu nehmen, Puck ging ihm entgegen, sagte:
„Wir brechen auf, zwei Autos warten, kommen Sie mit, zum ersten Versammlungsabend aller Ungegenständlichen und zur Besichtigung ihres Ausstellungshauses, das kein andres als mein eignes ist.“
Das Haus war in dem einen Tag umgestaltet worden, nicht wiederzuerkennen. In jedem Zimmer lag ein Teppich, an jeder Wand hingen Bilder — nur dadurch möglich, wie Puck sagte, daß jeder Künstler seinen Teppich mitgebracht und seine Werke selbst aufgehängt hatte. Da die Ausstellungshallen verweigert worden waren, hatten die Maler Selbsthilfe beschlossen. Hans führte Lauda vor seine Arbeiten in Tusche, Holz und Wolle.
„Auf morgen,“ sagte er, „sind die Kritiker geladen. Sie werden vor meinen Stickerein feststellen, daß ich ein begabter Kunstgewerbler sei, denn sie werden zwar begreifen, daß man in Wollfäden nicht Zwerge und Häuschen sticke, sondern abstrakte Flächen und Wertverhältnisse, aber sie werden nicht fühlen, warum ich das für höher als Malerei achte, für reiner. Denken Sie sich diese Komposition hier, die gleichnishalber wie ein Querschnitt durch die innren Organe, ihre Aufeinander- und Nebeneinanderlagrung ist, in Öl: es wäre zu direkt, die Farbe zu brutal, es wäre der wirkliche Querschnitt durch die geöffnete Bauchhöhle. Dadurch, daß ich dieFarbe an ein Material binde, vergeistige ich sie, rücke sie hinaus; in uns, in mir wenigstens, ist eine Abneigung gegen die Heftigkeit der Farbe, ihre triumphierende, vergewaltigende Sinnlichkeit.“
„Mir ist es verständlich,“ antwortete Lauda, „vorhin, als ich zu Ihnen ging, dachte ich, daß die Energie, um sichtbar zu werden, Materie braucht, Materie ihr Kristallisationspunkt ist; Sie fügen eine neue Phase hinzu: daß, zum zweitenmal vollzogen, die Materialisation die Energie vergeistigt; die von der Materie auf den Künstler ausstrahlende Energie bedarf abermals der Kristallisation, Kunst ist durch zwei Instanzen von der primären Energie entfernt, Phantasie ist also Brechung und Hemmung, ein Widerstand — wessen? Offenbar des Individuums, des von der Totalität Getrennten, gegen die Totalität. Das erlaubt mir, die oft erhobne Forderung der Suveränität zu begründen und zugleich festzustellen, an welchem Punkt sie kunstfeindlich wird: wenn der Widerstand andauert, nicht nur dazu dient, die Materie prismatisch zu zersetzen; Suveränität ist also der durchgeführte Widerstand des Individuums gegen die Totalität, Kunst nur der kurzfristige.“
„Wir sollen nicht dauernd widerstehn,“ sagte Hans mit einer Herzenshöflichkeit, die aus dem Gefühl geistiger Begegnung kam, und Lauda empfand: mit ihm wird Freundschaft möglich sein, Ablehnung d’Arigos ward hier Milde.
Sie traten vor eine Tuschzeichnung Hans’. Lauda sagte:
„Durch Ihre von Lisbao vorgelesnen Gedichte bin ich dem Verständnis näher. Es ist eine phantastische Ballade, Märchenelemente darin, die Totenbarke Dantes oder die Versammlung der Bremer Stadtmusikanten; es steht frei, Marhaftes und Tierhaftes anklingen zu fühlen.“
„Ja, es ist der Niederschlag der Stimmung eines bestimmten Tags. Man kommt nach Hause; Erinnrungan Wald, Spuk, Barke im Licht, Gespanntes in sich und andren, Quälen, Gutzueinandersein zieht noch einmal aus dem innren Schacht, gleichzeitig, nebelhafter Schwaden abgeschiedner Gespenster: hier sind sie, in Schwarz gebannt, unmateriell, unaufdringlich; nicht Unterschrift und Legende darunter, sondern dem Beschauer überlassen, sie nach seinen eignen Erlebnissen auszulegen; denn auch diese, seine Erlebnisse, reduzieren sich auf Spannung, Härte, Weichheit, Atomverbindungen des Temperaments.“
„Wissen Sie auch,“ antwortete Lauda, „daß das, was Sie eben sagten, dazu nötigt, mit dem Begriff abstrakte Kunst vorsichtig zu sein? Sie geben den Niederschlag IhrerStimmung, Ihres Temperaments, in ihrem Fall eines unheftigen, pflanzenhaften, weichen Temperaments, Sie sind also nicht radikal abstrakt im philosophischen Sinn, denn dann wären Sie ganz unsinnlich, sondern nur mild sinnlich, annähernd abstrakt im anschaulichen Sinn eben der Kunst. Sie geben nicht reine Geometrie, sondern nur gereinigtes Gefühl wie im Lied des Musikers. Es ist aber theoretisch denkbar, daß ein Künstler auf die Stimmung verzichtet und nur Geometrie darstellt, er würde die Farbe, die Sie ja auch haben, ganz meiden, nur Linien gelten lassen, und sie wären nur noch die Verbindung von Punkten, durch Gerade oder Kurve.“
„Es ist nicht nur theoretisch denkbar, es hängt praktisch hier,“ sagte Hans lächelnd und führte ihn vor die Zeichnungen eines Hispanofranzosen. Es waren Querschnitte durch imaginäre Maschinen, die Kurve eines Beckens endete in einem Läutwerk, Bleigefäß mit Spirale, und um sich verständlich zu machen, hatte er gleichgültig oder herausfordernd längs der Kurve geschrieben: vagin brillant, schlüpfrige Scheide.
„Warum zeichnet er noch überhaupt, warum verzichtet er nicht? Er hat die Grenze der Kunst überschritten, muß Zyniker oder ganz Müder sein.“
„Sie erraten ihn gut, er spricht mit grenzenloser Gleichgültigkeit von Kunst, schleppt heute sein einst hart angreifendes Temperament müde durch die Welt, ein reisender Mylord, der zu träge ist, zu gehn, er nimmt eine Kutsche am Bahnhof, wenn das Hotel gegenüber liegt.“
Lauda: „Warum zeichnet er also noch?“
Hans: „Letzte Zuneigung, auch wenn er höhnt, letzte Illusion einer Beschäftigung, ich weiß es nicht, nur erträglich, weil wir frühere Sachen von ihm kennen, die ihn als Berufnen der Farbe auswiesen.“
Lauda: „Alle Künstler des Abstrakten werden diesen Weg sich öffnen sehn, der aus der Kunst führt. Sie werden more geometrico auf das Religiöse stoßen und den Pessimismus des Religiösen. Wer bis zum Religiösen vorstößt, wird unbrauchbar für die Sphäre der Realität, wo alles einzeln, von seinem Bruder getrennt ist; ich weiß heute, daß das es war, was mich der Existenz als Künstler entfremdete. Für mich steht abstrakte Kunst mit der gegenständlichen in der Sphäre des Anschaulichen; beidezielenauf das Primäre in den Erscheinungen, sie erreichen es nicht. Kunst, in welcher Gestalt sie auch auftritt, ist nicht vollendete Geistigkeit, nur angewandte; sie ist immer Veranschaulichung. Ist wirklich der Unterschied zwischen einem Maler, der unter Beibehaltung der menschlichen Gestalt einen in Farben rotierenden Organismus zusammensetzt, und dem, der ohne diese Beibehaltung Farbenwerte ausbreitet, so groß, daß er grundsätzlich wäre? Nein. Der Unterschied besteht nur darin, daß jener verführt wird, die Gestalt als Selbstzweck zu wollen und zu vergessen, daß sie bloß Kristallisationspunkt, Hemmung, Widerstand ist, und daß dieser dem Absoluten näher kommt, der Vorstoß in die Sphäre des Primären deutlicher, also die religiöse Ahnung unmittelbarer wird. Der vollkommen religiöse Zustand aber wäre passiv, buddhistisch — Kunstunterscheidet sich von Religion durch ihren Gehalt an Aktivität, Kunst ist Wille, Religion ist Sein, Kunst ist optimistisch, wie alle Tat optimistisch ist, Religion ist pessimistisch, Rückkehr zur unpersönlichen Totalität.“
Hans: „Daß Religion pessimistisch sei, ist meinem Gefühl unerwartete Behauptung. Meine Stimmung der Welt gegenüber ist religiös, aber sie ist gerade darum duldsam, nachsichtig, von einem aus Komik und Liebe gemischten Mitfühlen, voll des Wunschs, daß jeder der kleinen oder großen Narren seinen Willen habe.“
Lauda: „Wie sehr bestätigen Sie mit diesen Worten meine eignen. Mitleid, Komik, Duldsamkeit sind Ausstrahlungen des Pessimistischen, gemildert durch das Jasagen, das sich mit der Tatsache, daß wir nun einmal existieren, abfindet. Ihre Stimmung ist also eine Mischung — ich fälle die Mischungsteile und erhalte als den primären Teil: das Nein.“
Hans: „Ich will Ihnen einen andren unsrer Maler zeigen, den religiösesten, in dem die Sehnsucht nach Gott so wenig pessimistisch ist, daß sie sich ganz mit Ethik, Gutsein identifiziert; er ist nah daran, an den persönlichen Teufel als das Prinzip des Bösen zu glauben, und quält sich in von uns allen nur geahnten Kämpfen, ihn durch Zucht des Willens zu überwinden — er ist in die Netze der Christian Society geraten und spricht wie ein Buddhist davon, daß es keine Krankheit gebe, wenn man den Willen zum Guten nur so steigre, daß er sie besiegt. Als sein Bruder neulich, abgestürzt und zerschmettert, auf den Tod lag, beschwor er den Ohnmächtigen, seine Lebensgeister zusammenzuraffen, und raufte in biblischer Verzweiflung die strähnigen Indianerhaare, weil seine eigne Kraft nicht groß genug war, den Sterbenden der Lockung des Tods zu entreißen.“
Lauda: „Erscheint Ihnen das als Widerspruch? Das Verständnis stellt sich ein, wenn Sie von seinem Glauben an den Dämon Teufel ausgehn. Der Wille zum Jasymbolisiert in ihm das pessimistische Grundgefühl, kämpft gegen es an, und der Glaube an das Gute ist nichts als ein diktatorischer Versuch, das Ja stärker als das Nein sein zu lassen. Außerdem sind Güte, Mitleid, Duldsamkeit ein Ausweg, um sich trotz des Wissens um die Sinnlosigkeit des Geschehns in der Sphäre des Geschehns einzurichten, sie sind die suveränste Leistung des ausgesetzten Geschöpfs — fast gelingt es ihm, sich von seiner tragischen Hilflosigkeit frei zu machen; sie sind rührende Illusion, die über die Grausamkeit des Existierenmüssens hinwegtäuscht.“
Sie traten vor die Bilder dieses Malers, da winkte Hans Obrecht selbst herbei — gleich wesentlich der Eindruck des Menschen und des Werks. Er war bäurisch, in einem andren Sinn als die Genossen jener Zunft, mit der Materie verbunden durch Heiligung; Fron in ihrem Dienst war auferlegte Last Gottes, Sphäre des Schweren und Sündigen durch Denken und Demut zu überwinden; er sah auf den ersten Augenblick alt aus, das Gesicht in Rinnen zum Mund komponiert, der nicht die Schwingung der Frohen noch der Sinnlichen hatte; Böswilliger konnte sagen, es sei ein Karpfenmund, und es hätte nichts besagt.
In den Bildern viele franziskanische Farben, Gold, Weiß und Braun. Als Längsachse eine weibliche Figur auf der Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Zersetzung; ein Verzauberter konnte so träumen, daß ein lebendes Geschöpf vor ihm in seine Elemente zurückzuwachsen begann, und die Elemente waren bausteinhafte Quadrate. Haube der Madonna wurde zum Rundbogen, aufgeteilt in Schrägsteine einer Rustica; dieses Prinzip übertrug sich auf die ganze Ebne des Bilds und zerlegte sie in eine Summe von Vierecken, deren jedes wieder eine grathafte Mittelachse herauszutreiben begann: die Kristallisationsachse, die Widerstandslinie, an der sich Licht brach und Farbe wurde, Eigenschaftannahm — gleichzeitige Wiedergeburt der Energie in vielen Feldern und Vergeistigung von Licht und Farbe, wenn Vergeistigung Einschaltung eines Widerstands bedeutete. Großer Eindruck von Heiligung der Farbe, des zu Sinnlichen, brünstige Glut der Farbe in demütige Glut verwandelt. Lauda sagte:
„Ich fühle, Herr Obrecht, nachdem ich abtrünnig war, langsam, unmerklich Lust zu eigner Arbeit, Lockung des eignen Könnens wieder nahn, Ihre Bilder sind wie neue Ermutigung, daß es möglich ist, mit dem Mittel der Anschaulichkeit eine Stufe der fast vollendeten Anschauung zu erreichen — jenes Fast und Beinahe, das den Ehrlichen genug sein wird.“
Es bot ihm Obrecht eine Madonna zum Geschenk; zwischen zwei der Aufteilungsfelder gebrochen stand Neumondsichel in einem gründurchhauchten Blau, in das ein Matt stieg wie Nebel aus einer Sommernacht; Körper der Frau wie durch zwei Spiegel gesehn, so fern.
Sie gingen weiter; ein andrer hatte ein Gebilde gemalt, wie wenn man aus dem photographierten Meßwerk des Sternenhimmels ein Stück Milchstraße vergrößert hätte und dieses Stück Himmel wäre der durchs Mikroskop gesehne Querschnitt durch die Rotation eines Pflanzenleibs gewesen — Mondkraterlandschaft als Blütenreigen gedeutet, Scheibenbild von vergrößerten Blutkörperchen, den schwingenden Zellchen, den kreisenden Tierchen: wo war der Unterschied zwischen Blume, Tier, Mond, Sternenmeer? So nahliegend, den Querschnitt durch einen Baumstamm, einen Stein ergänzend heranzuziehn, so selbstverständlich.
Und es hatte ein andrer, die Wand zweiteilend, neben Photographien von Schmetterlings-, Käfer-, Seesternornamenten die eignen Variationen dieser Rhythmen gehängt: er lehrte Lauda die Ornamente der Natur lesen. Folgendermaßen erklärte er den Schmuck eines Schmetterlingsflügels:
„Links unten sind in zehn wagrechten Parallelen gewellte Linien: der Stoß, der Satz im musikalischen Sinn. Er endet in einem senkrechten Strich, der Zäsur. Von rechts oben kommend, eine verworfne Scholle, dasselbe System: der Gegensatz. Zwischen beide eingeschlossen eine Variation der in jenen Wellen enthaltnen Themen, nämlich der Kurve, des Kreises, der Geraden, als Schema von kleinen Kugeln, die durch Stangen verbunden sind: das ist die Fuge. Links oben eine tiefschwarz nächtliche Partie, konturlos wie Öffnung einer Höhle: die Antithese des Gestalteten, der Kontrapunkt des Ja. Und nun das Tiefste: da wo die Fuge an den zweiten Satz stößt, ein vereinzelter roter Fleck, der deutlich gesetzte Akzent, die Dissonanz und doch Zentrum der Mathematik des Ganzen. Was ist das alles? Eine Kunstform der Natur? Richtiges und nichtssagendes Wort. Es ist die Manifestation der innren Energiegesetze, Abbild der rasenden Seismographie, des in die Existenzschießens, der Hemmungen, Abreagierungen (Kurve, die Grundfigur der Natur). Wer die Geburt der Kräfte, die Rhythmik des Bluts, das Geheimnis des Wachsens studieren will — hier ist sein Objekt. Mir gab die Beobachtung dieser Rhythmen den Mut, meine eignen nach meinem Naturell zu zeichnen, die Isobaren meiner Erregung, die Wetterkarte meines Tags.“
Doch waren diese Seelenkarten maßvolle Variation der studierten Natur, und dieses Temperament fand Genüge in der kunstgewerblichen Anwendung; es hingen Beutel, standen Gläser, Töpfe. Anders ter Brink, der Holländer; er hatte ohne Studium der Natur die gleichen Grundgesetze von Satz und Fuge gefunden, und die Pädagogik kam aus ihm selbst: als fanatische Pedanterie sich äußernd. Lauda sah einen ausgehöhlten Mensch, der in zwei Jahren Bergeinsamkeit sein Gehirn zuschanden gegrübelt hatte, um als Beckmesser der neuen Kunst die Tafeln und Weisen zu hüten, aufrechterhalten von derfixen Idee, in seiner Mappe die Kompositionslehre der Zukunft zu tragen und berufen zu sein, den Zeichenunterricht der Schulen umzugestalten. Dieser war der erste, der auf der Ausschau nach einem Mittel, das ihm die pädagogische Macht in die Hand spielen konnte, auf die Diktatur des Proletariats rechnete: dann würde er als roter Kultusminister die Säle mit den Gipsmodellen zertrümmern und die abstrakte Kunst als Staatskunst einführen. Stellt euch mit mir gut, scherzte er — es war wenig Scherz darin, er sandte lauernde Blicke und notierte jakobinisch Gegnerschaft. Er war früher recht und schlecht Maler gewesen, Landschaft abwandernd, und damals hatte er eine Frau genommen und in einem nicht zu schlimmen Reisezigeunertum gelebt. Als der neue Geist über ihn gekommen war, quälte er die kleine Frau, vorwerfend, sie erkenne seine Messiassendung nicht genug. Sie kam weinend zu Freunden, ohnmächtig, weil er es für nichts erachtete, daß sie sich mit dem Verlust der Einnahmen abfand und mit ihm hungerte. Hunger war ihm die Wollust des Märtyrers, Stigma seiner Größe.
Um die Frau willenlos zu machen, ihr die zitternden Nerven der Empfänglichkeit zu geben, die anzubeten bereit ist, setzte er vor ihren Augen den Revolver an die Schläfe, sprang dann die Treppe hinauf, um im abgeschloßnen Stockwerk über ihrem Kopf stundenlang auf- und abzugehn, bisweilen stehnbleibend und den Hahn der Waffe knackend — sie wand sich unten in Angst; danach kam er blöde lächelnd wieder zum Vorschein und ließ sich streicheln. Der Hunger trieb ihn wie ein Tier im Winter vom Dorf hinunter, die Frau ging zum Konsulat, er nach Zürich, in Nachtkaffees Klavier zu spielen; Biographie Leid von Künstlers Erdenwallen, falscher Strindberg ganz. In Lauda entstand beim Anblick des Überwachten Abwehr, wie in einem Europäer, der in chinesischen Spelunken einen aufgegebnen Weißen sieht; harte Empfindung, doch ganz elementar: man hat keinRecht zum Leid, wenn man unzulänglich ist, sich darin spreizt. Leid ist Vorrecht derer, die die unpersönliche Demut haben, Reinigung erleben werden.
Im letzten Zimmer hingen die Gipsreliefs eines Rumänen. Sie waren bestimmt, als Fläche in die Fläche einer Wand eingemauert zu werden, Überwindung des törichten plastischen Schmucks, der sich aus der Mutterebene gelöst hat und stolz selbständig geworden ist, Überwindung des Angeklebten, Daraufgestellten, Aufgehängten: es kehrte einer zur Einheitlichkeit der alten Kunstvölker zurück, die noch nicht dualistisch Bau und Schmuck zerrissen. Unnötig zu sagen, daß auch diese Reliefs nicht schon existierende Körper noch einmal verwandten (Definition von Schmuck, dem schlimmen Wort), sondern aus der Idee der Fläche der Fläche entsprechende Motive gestalteten, ausstrahlende Linien, das Spiel von Kante und Schatten darunter. Es gab der, der die Schmetterlingsflügel photographiert hatte, die grundsätzliche Erklärung, er sagte:
„Der Mensch versteht den Sinn des Ornaments nicht mehr. Niemals in der Natur werden Sie finden, daß irgendein Geschöpf, Tier, Pflanze oder Stein, die Gestalt eines andren bestehenden Geschöpfs als Schmuckmotiv verwendet, der Schmetterling ein Blümchen oder gar den Zwerg — das tut nur der Mensch auf seinen Lampenschirmen. Das für sich abgeschloßne Geschöpf kommt als Motiv nicht in Betracht, denn es ist andrer Art; jedes Geschöpf findet seinen Schmuck aus sich selbst, das heißt aus seiner körperlichen Form; ist sie ein Kegel etwa, wie man sie am Seestrand findet, laufen von der Spitze zum Kreis der Basis Rillen, seien sie punktiert, seien sie zwei parallele Linien. Europäische Kunst von heute ist unorganisch, das ist ihre Lüge. Der Maler, der die Kuh malt, der Plastiker, der die Nymphe meißelt, ist so Pfuscher, wie es ein Schmetterling wäre, der auf seine Flügel Putten setzte.“
Puck sagte: „Ich kann Ihnen die Bestätigung vor Augen führen, sie liegt in meinem Hof.“
Man ging hinaus, er richtete das Licht einer Taschenlampe auf Holzstämme, die auf die Säge warteten, und wies eine Stelle, wo die Rinde gelöst war. Man sah die Gänge, die der Borkenkäfer zwischen Stamm und Rinde gebohrt hatte, sie waren eingegraben in Stamm und Rinde. Rillchen lag neben Rillchen, zitternd gewellte Parallelen, durch Querstückchen miteinander verbunden — das war das einzelne Feld. Feld stand mit Feld durch Hauptgänge in Beziehung, Hauptgänge strahlten in den Mittelpunkt. Entscheidend aber wurde, daß als Ganzes genommen dieses Rillensystem nichts andres war als der Längsschnitt durch die Ebne des Käfers selbst, so geschlossen und rund wie das Wappen eines Heraldikers — das Tier hatte sich selbst reproduziert, der Idee nach, als Gerüst sowohl wie als innre Anatomie.
„Gut,“ sagte Puck, „wir ziehn unsre Berechtigung aus der Natur selbst, und wenn wir so praktisch demonstrieren, können wir das Publikum überzeugen. Dürfen wir das Geheimnis verraten? Wir würden zu neuen Naturalisten werden. Meine Herren, ich stelle in uns auch noch einen andren Trieb fest, einen diesem Jasagen, diesem realistischen Ernst entgegengesetzten. Wir wollen eine Diskussion eröffnen, ich will nicht verschweigen, daß in einigen unter uns eine Opposition gegen die Religiösen besteht, wenn wir religiös Obrecht, Hans und die den Kunstformen der Natur Anhängenden nennen.“
Wieder im Haus, stehend vor den Sitzenden, entwickelte er:
„Laßt uns die Kräfte überschaun, die uns zu Gebot stehn. Vorfahren sind deutsche Romantiker und Pariser Bohemiens, die einen erfanden die romantische Ironie, Aufhebung des Ernsts, die andren das Den-Bourgeois-Ärgern. Beides bleibt zu benutzen, ist nicht genug. Gegner ist die Realität, der Bürger; wir können ihn nur schlagen,wenn wir ihn mit seiner eignen wundervoll zum Existenzkampf ausgebildeten Waffe bekämpfen, der Organisation, auf die er so stolz ist. Auch denkt er bereits in Kontinenten, erdballkosmisch, international. Organisieren wir den Welthumor, schärfren, höhnenderen als den alten. An zehn Stellen muß die Bewegung auftauchen — Ansätze sind ja da — und in einem Gewand auftreten, daß er sie für ernst nimmt. Wir suchen ihn in seinem Lager auf, benutzen seine Publikationswege, Zeitung Reklame Prospekt und Straße, sie alle ad absurdum führend, ohne daß er es merkt. Fortwährend durch selbstverfaßte Notizen in den Blättern stehn, den Nobelpreis für uns verlangen, wenn er fällig wird, die eigne Todesanzeige in die Zeitung setzen und sie behaglich im Morgenblatt lesen, um acht Uhr früh Extrablätter der „Neuen Zürcher Zeitung“ herausgeben, daß Japan und Mexiko auf die deutsche Seite getreten seien, und um neun die Kursbeßrung ausnutzen, das heilige Vertrauen der Bürger in die Presse stören, gefährlich sein, das Tamtam der Heilsarmee an etwas wenden, was der Nachhilfe gar nicht bedarf, weil es schon in allen Köpfen sitzt; ein nicht existierendes Genie durch tägliche Bulletins berühmt machen; die Sensationslust der Menge wie ein Geschäftsmann gewordner Psychoanalytiker berechnen und, ist der Fisch an der Angel, ihm die Schuppen der Überzeugungen vom lebendigen Leib ziehn.“
Obrecht erhob sich, sagte schwer:
„Ich bin kein Redner, man soll das Wort sparen für heilige Dinge, das Wort kommt vom Geist. Sprudelt es hervor wie bei Doktor Puck, lachend zu tanzen, kommt es vom Bösen. Wir sind Künstler, das sind Suchende, Hüter und Heger des Anvertrauten. Wir malen anders als Rembrandt und Delacroix, sind sie darum weniger als wir? Ich nenne sie Brüder.“
Lisbao erregt zu ihm: „Sie malen besser als Sie philosophieren, warum philosophieren Sie? Sie machen Kunstzu einer sozialen Angelegenheit, es fehlt nicht viel, so definieren Sie sie als Hilfe, die wir den andren bringen. Kunst ist die asozialste Angelegenheit, die egoistischste, die es gibt, Traum des Ego in der Höhle der Individualität von sich selbst. Kunst treiben und den andren verekeln, sie treiben und vor sich selbst verekeln, anders ist sie nicht erträglich.“
Der letzte, den Lauda nicht kannte, stand auf und sagte kühl:
„Warum also, Freund Lisbao, sie überhaupt noch treiben? Aus Paradoxie, Abneigung gegen Konsequenz? Ich schlage in diesem Fall doch vor, logisch zu sein und nicht mehr zu dichten und zu malen. Sie sehn in mir den, der mit dem Ehrgeiz begann, schrieb, wirkte, las und stritt, an einem schönen Tag das große Manuskript verbrannte, seither anonymer Gentleman, der ruhig durch die Leute geht und seine Freude an ihrer Dummheit hat, klar, bestimmt, gepflegter Egoist. Laotse ist mir nicht nötig, ich forme mein Brevier mir selbst.“
Er hieß Siriwan. Bei seinen ersten Sätzen glaubte Lauda sich selbst zu hören, und dieser ward ihm wie ein hingehaltner Spiegel, sich zu sehn. Der Gentleman als Variation der sich selbst genügenden Weisheit, der geringste Einschlag von Religiosität oder Aktivität mit höflicher Bestimmtheit abgelehnt, seltsam, wo die Durchbrüche des Geists mündeten; auf jeden wartete eine schon längst gestaltete, banale Form. Causeur mit Frack und Orchidee, war das sein, Laudas, Ergebnis? Ihm war, als habe er den äußersten Punkt erreicht, Fuß halte zögernd an, für Umschlag sei die Zeit gekommen.
Der Rest des Abends war lärmende Diskussion, es sprach ein jeder von sich selbst. Ideen der andren lösten die eignen, und von allgemein gültigen Gesetzen redend, setzte man als Norm ausschließlich sich. Hans, der ihn nach Haus begleitete, sagte:
„Immer wenn ich wie eben Zeuge theoretischer Gespräche bin, denke ich an Wiesen, auf denen Tiere weiden,jedes ruhig, schweigsam, eine Tatsächlichkeit, und ketzerische Gedanken steigen auf, welch ein besondres Tier der Mensch sei: als wäre er verdammt,zwischenden Typen zu weilen, nicht fest, nicht flüssig, ohne endgültigen Aggregatzustand; als ob ein Dämon Rache an ihm genommen, Strafe auf ihn gelegt hätte. Warum sind wir nicht wie die Tiere — weil wir denken? Also ist Denken Zersetzung, Krankheit, Verlust der Sicherheit? Es gibt viele, die sicher scheinen, aber dieses Nichtschwanken ist Erstarrung, und es ist nicht absoluter Natur, sondern bürgerlicher: Macht der Verhältnisse. Ich verstehe Obrecht, den ich liebe, aber ich verstehe auch Lisbao, den Empörer, und selbst Siriwan, der das Bequemste gewählt hat, Zuschauer mit dem scharfen Auge zu sein. Ekstase ist Dämonie, müssen wir dämonisch sein? Ich wäre so gern kindlich; kindliche Dämonie finde ich wunderbar; vor den dunklen Sturm, der aus uns weht, eine Sourdine der Milde setzen oder eine kleine Maschine aus dünnem Stoff, farbigem Papier, die nun zu fächeln und zu glühn beginnt. Stolz der andren, heftig zu sein, ist so fern.“
Lauda dachte an Siriwan, fragte Hans, was er von ihm wisse; Hans sagte:
„Man weiß nichts von ihm. Fragen nach seiner Nationalität beantwortet er mit einem gut pointierten Scherz. So kommt es, daß diejenigen, die sich für solche Realitäten interessieren, allerlei Vermutungen haben, weshalb er nicht dient. Er geht durch alle Kreise; so kommt es, daß der eine, dem er im Hotel in Gesellschaft begegnete, ihn einen schlanken Diplomaten nennt, Freund bürgerlicher Damen oder aristokratischer; der andre, der ihn nachts um zwei Uhr in einer verrufnen Schenke sitzen sah, von ihm als jemand spricht, der den Straßenmädchen Geld abnimmt — Cafégeschwätz, Legendenrankung um die Maske, die Siriwan trägt. Er hat ihrer ein halbes Dutzend, es sind seine Gesichter.“
„Das alles,“ sagte Lauda, „klingt merkwürdig literarisch; man sucht in der Erinnrung, in welchem Stück man dem Gentleman begegnet ist, der durch alle Kreise geht und Masken trägt — es war die kitschige Symbolisierung der tiefen Wahrheit, daß wir Gesichter tragen, um ein Gesicht zu haben, und der noch tiefren, daß wir in verschiednen Gestalten leben müssen, um einigermaßen dem Wirrwarr unsrer Wünsche und Auffassungen gerecht zu werden. Was aber spielt sich dahinter ab, im Zentrum dieses Menschen? Ist sein Denken schmerzlich oder nur obenhin? Ist seine Abneigung gegen Kunst, Reden, Tat geistige Haltung, Mittel naiv zu bleiben und sich Illusion zu wahren? Beruht sie auf einer Energieleistung, denn den Widerstand durchführen, ist eine Leistung, und ihr Sinn kann heißen: es darf sich nicht hingeben, wer sich behaupten will. Wer aber mitdenken, mitleben, mitfühlen will, muß sich öffnen, unlöslicher Widerspruch. Wie löst man ihn annähernd? Durch Nacheinander, durch Rückkehr aus dem femininen Stadium in das männliche, durch Kampf um die Selbstbehauptung, nicht durch ihre Proklamation. Deshalb ist der Gentleman im geistigen Bereich so verdächtig, er wird Systematiker und kalter Verneiner. Es ergibt sich: Aufhebung ist eine Methode, nicht ein Dogma, und das entspricht ihrem Wesen — sie muß sich selbst aufheben. Man darf nicht die produktive Tätigkeit des Künstlers verwerfen, wenn man nicht selbst produktiv ist. Ich werde mit diesem verkehren, er ist mein Spiegel.“
In dieser Nacht blieb Lauda auf und nahm aus dem Koffer die seit zwei Jahren nicht mehr berührten Manuskripte. Legitimes Gefühl, zwei Jahre geschwiegen zu haben, reinlich wie Enthaltung vom Weib und stärkend wie sie.
Er las das Stück durch, dessen letzten Akt er damals abgebrochen hatte, und es strömte zu: Reichtum derVorstellungen. Er nahm Platz, schrieb, und der Akt ward gehoben in die Sphäre des Jenseits. Nachdem ihm Geistigkeit zwei Jahre lang Zersetzung der in den Erscheinungen wirkenden Energien gewesen war, wurde sie Zusammenballung der Kraft. Ersparte Energie löste aus die verschwendende, vermehrt um den Willen zur Formung: gestaltete Energie. Gespräch mit Hans vor den Bildern hatte finden lassen, daß Kunst Energie ist, der Sphäre des manifestierten Willens angehört (Irrtum Schopenhauers). Phänomen der Anschaulichkeit, war sie von Anschauung getrennt durch die Aktivität.
Das war ihm keine neue Erkenntnis, wohl aber neue Fordrung. Also lag ihm nichts mehr daran, Anschauung erreicht zu haben? Es lag ihm nicht daran, in ihr zu verweilen — auch sie verlangte, aufgehoben zu werden, der Strom floß als Kurve in sich zurück. Entweder man sagte radikal zu allem, was sich in der Sphäre der Tat bewegte und vollzog, Nein und löschte sich aus Ekel oder Erkenntnis aus, oder man kehrte in diese Sphäre zurück, die die Arena des Einsatzes war. Nannte man Anschauung den religiösen Zustand, dann war Rückkehr zum Ja Abschwächung des Religiösen — Schicksal, das noch jede Religion erlitten hatte, als sie sich in der als Reich der Sünde und des Leids verworfnen Welt doch einzurichten begann.
Im Garten schwoll, von einem Augenblick zum andren, die Ekstase der den Morgen verkündenden Vögel auf. Er trat ans Fenster. Schwer starrten die Kronen, er empfand wieder die Düsterkeit des prangend Sinnlichen, Astarte in der Anadyomene des jungen Lichts, die nur Nordländern mit dem weißen Blut das Mädchen der knospenden Brüste war. Und als er den Gang zum See antrat, war Morgenrot über den Bergen nicht nur rosiges Erglühn — auch brennende Flamme. Gleichwohl — Glühn oder Glut, ob sie Mensch kosten oder fraßen, sie waren Fanfare des Ja, und Wind, ob er der Holden oderder Grausamen vorausging, war Kind des Morgens; wen er anwehte, ward stark, so froh, erfüllt mit dem Hunger nach Tat.
An der Seemauer stand ein Mädchen, wandte sich um, als die Schritte des Einsamen hallend herabkamen, erwartete ihn, sagte:
„Helfen Sie mir ein Boot lösen, fahren Sie mich hinaus.“
Er erkannte sie, nachdem er sie in Stein gesehn, und tat, was La Putana hieß. Auf dem See löste sie das Gewand, sprang in die Flut, schwamm, er tat ein Gleiches. Danach stand sie am Mast, furchtlos vor Männern, im ersten Strahl die Haut trocknend; das Wasser zerrann wie Öl auf wölbenden Flächen. Er sah in den Raum, das Leere, gestellt: die Form, das Bestimmte, den Akzent der Energie, das von Grenzen Umschloßne — Gefäß des Dämons Tat. Er sah im funkelnden Blick, der entzündeten Kohle, und in geschürzten Lippen: den Dämon Tat.
Bericht des Morgenblatts, ein deutscher Flieger sei über die Grenze geflüchtet, besagte nichts; aber als Lauda am Abend die Villa Graumanns betrat, sah er unter den Politikern den Arzt, der ihm während seiner Militärzeit das Attest geschrieben hatte, durchblicken lassend, es werde nicht mehr lange Wert haben. Dieser Arzt war der Deserteur, er hieß Wendling.
Der Konflikt war ausgebrochen, als er darauf bestand, einen Epileptiker zu entlassen, der Hauptmann neue Bestimmungen entgegenhielt. Dann sind die Bestimmungen verbrecherisch, sagte der Arzt; die militärischen Erfordernisse gehn vor, der Offizier. Es fiel das Wort Pflicht, Wendling stellte das Primat der menschlichen auf, machte eine Bemerkung über Gewissenlosigkeit des Arztes, der denselben Patient, den er in seiner Sprechstunde für schwerkrank erklärte, im Revier als Simulant behandeln mußte, ward angezeigt. Hunderte dachten wie er, dieser eine sprach aus, ausgesprochnes Wort entfesselte die Lawine der Folgrungen. Er wurde entlassen, um danach als Gemeiner eingezogen zu werden — Hölle des Diensts, jeder Vorgesetzte erkundigte sich nach dem Mann mit den Säbelnarben, vernahm, verhärtete sich.
In Bewegung versetztes Denken verwarf Schritt für Schritt Auswüchse des Militärsystems, Militärsystem als solches, deutsches Bürgertum, das in den Mittelpunkt seiner Geistigkeit die Kriegsbereitschaft stellte, deutschen Staat. Als ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet wurde,weil er Aufsätze veröffentlicht hatte, ohne sie vorzulegen, vollzog er den Schritt vom Persönlichen zum Grundsätzlichen, floh.
Führer des Flugzeugs war Rudolfi, ganz junger Mensch. Dieser hatte sich begeistert aus der Schule zum Heer gemeldet, die Erfahrung gemacht, daß er nicht befördert wurde, weil er zu zaghaft war, um sich ins Licht zu stellen: er galt bei den Offizieren für unfähig, Mitmenschen als Herr entgegenzutreten, bestand die Probe der Brutalität nicht. Verwirrung in dem Religiöserzognen, nicht Ruhe gebender Gegensatz zwischen Erinnrung an Abende der Mutter, die Schubert sang, und Brüdern, die als Schlachtfeldandenken Todesarten photographierten: erschütternd Gesichter, über die wie bei bitterlich weinenden Kindern ein Rinnsal lief, aber es war schwarz verbrannt, die ausgelaufnen Augen. Ein Gespräch mit Wendling, und das Grundsätzliche trieb auch diesen Knaben zum Tun.
Nun stand er, der mädchenhafte Zwanzigjährige, im Kreis der Abtrünnigen, und suchte verstört nach einem, der ihm noch einmal zuredete, daß er recht getan hatte; die Kameraden daheim kämpften, waren treu geblieben, er wurde steckbrieflich verfolgt.
Man beriet, wie Beschäftigung für ihn zu finden sei; Fünfkorn schlug ihm vor, als Volontär in seine neu gegründete Zeitung einzutreten, das nunmehr durch das Geld Shillers ermöglichte Organ der deutschen Opposition. Der Knabe konnte nicht, als er das Programm entwickeln hörte. Da bot Graumann an, für seinen Unterhalt zu sorgen, er brauchte einen Chauffeur. Madeleine Betz widersprach, der Junge sollte, was er getan hatte, ganz tun, die Idee, die ihn geleitet hatte, nicht verleugnen; mochte das Blatt mit amerikanischem Geld gegründet sein — was für Fünfkorn hätte unerlaubt sein müssen, war es nicht für den Unverantwortlichen.
Ausfall auf Fünfkorn erregte Shiller, Graumann trat auf die Seite der Elsässerin, plötzliche Scheidung derGeister. Fünfkorn hoffte einen Trumpf auszuspielen, fragte Wendling, ob er für sein Blatt arbeiten werde. Der Arzt lehnte ab, Fünfkorn und Shiller verließen das Zimmer.
„Da wir symbolisch zurückgeblieben sind,“ sagte Fräulein Betz, „laßt uns überlegen, wie wir die Einheit der Anständigen sichtbar machen. Gegen unsre Regierung aufzutreten, ist Pflicht, der Wille ist da, es fehlt: das Geld.“
„Das Geld fehlt nicht,“ sagte Lauda und sah Graumann an, „es fehlen die Leiter, es sei denn, daß Herr Wendling, der am ehrlichsten von uns Männern den Untertanengehorsam gekündigt hat, bereit ist, die Redaktion zu übernehmen. Seine Flucht, sensationeller Akt der Anschaulichkeit, ist gegebner Augenblick.“
Man begann zu verhandeln. Wendling stellte die Bedingung, daß Graumann sich als Geldgeber nannte und ein zweiter als Mitherausgeber. Lauda schlug Fräulein Betz vor, sie ihn, Wendling sie und Lauda. Graumann hatte damit zu rechnen, daß sein deutscher Besitz beschlagnahmt werde, erbat sich Bedenkzeit; dieselbe Lauda.
Seine Stellung war zweideutig; der zweimal verlängerte Urlaub lief ab, aber zwischen diesem Termin und seiner Ankunft lagen nun drei Monate, Erklärung möglicher Wandlung. Er suchte am nächsten Tag Graumann auf, entschlossen anzunehmen, wenn dieser die Bedingung Wendlings erfüllte. Die Entscheidung wurde ihm in der Form mitgeteilt, daß Graumann einen anwesenden Deutschen als ersten Mitarbeiter vorstellte, Doktor Schmitts. Er war Dozent für Geologie an der Konstantinopler Universität gewesen und von der Regierung nach Armenien geschickt worden, um Minerale für die Kriegswirtschaft zu erschließen. Dort war er Zeuge der Systematik geworden, mit der eine ganze Nation, Mensch für Mensch, ausgerottet werden sollte.
Lauda erfuhr zum erstenmal von den amerikanischen Greueln, der entsetzlichsten aller Wellen von dampfendem Blut, die jemals über diese Entsetzliches gewohnte Gegend gerollt waren. Früher hatte man Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht, im Zeitalter der Organisation wurde der Plan gefaßt, ein Millionenvolk bis in sein letztes Glied verschwinden zu lassen. Und die erste Million ward getötet. Man mordete an Ort und Stelle, man schickte Züge von Frauen und Kindern in die südliche Wüste, man rief die Kurden. Im Tal von Musch sah Schmitts einen Platz, wo die Kurden zweitausend Frauen geschändet, danach verstümmelt, danach mit Petrol übergossen und verbrannt hatten — in den Überresten wühlten sie dann, weil das Gerücht ging, die Christinnen hätten Geld und Perlen verschluckt, um sie zu retten. Schmitts’ levantinisches Weib hatte seiner Nation, die das geschehn ließ, geflucht, und der erregte Mann zitterte wieder, als er von diesem Augenblick sprach; er wollte nicht mehr Deutscher sein.
Fluchszene, biblischer Erinnrung, weckte Mißbehagen, männlicher Entscheid sollte nicht von Tränen einer Frau abhängig sein, und Moralität, die aus zusammenbrechenden Nerven kam, enthielt von Sentimentalität ein Gran, das auch in der breitren Anhängerschaft des Pazifismus zu finden war — gleichwohl, man durfte über das christianisierte Naturell allzuberedter Männer hinwegsehn, es galt: die Sache. Die Sache hieß: Kampf ansagen dem deutschen Block aus Stahl und Willen, mit Worten des Hasses in seine Fuge dringen — ob sie sich sprengen ließ.
„Wir haben Thomas Schreiner vergessen,“ sagte Lauda, „er gehört in unser Komitee.“ Es erwies sich, daß Schreiner keinen Wert darauf legte, mehr als Mitarbeiter zu sein.
„Was Sie tun,“ sagte er, „ist bürgerlich, ich bin russisch geschult, Sozialrevolutionär, Anhänger der direkten Propaganda an der Front und in den Fabriken.“
„Wie vermögen Sie zu wirken,“ fragte Lauda erstaunt, „wenn Sie fern in der Schweiz leben.“
Schreiner lächelte geheimnisvoll, deutete an, daß es von der Schweiz aus möglich war, die Soldaten zu erreichen.
„Durch Flugblätter, die Sie von der feindlichen Seite her in die Gräben bringen?“
„Vielleicht, und durch Schulung der Gefangenen in den Lagern, dort läßt sich die Avantgarde der Revolution ausbilden.“
„Dies ist Fünfkorns Plan,“ sagte Lauda, „Sie arbeiten mit den Amerikanern.“
„Ja, insofern ich sie benutze; nein, insofern mir ihr Sieg so verhaßt wäre wie der preußische. Ich stehe außerhalb Ihres Reinlichkeitskonflikts, mein Ziel ist: die allgemeine Revolution.“
„Mit einem Wort das russische Programm. Wo ist der Unterschied zwischen Sozialrevolutionären und Bolschewisten?“
„Er wird sichtbar werden oder verschwinden, ich weiß es nicht.“
Graumann räumte der Redaktion das Dachstockwerk seiner Villa ein; nach kurzem zog Lauda in sein Haus, Wendling siedelte nach Bern über; es war nötig, dort einen Vertreter zu haben.
Ich bin, dachte Lauda, den Dingen der Realität fremd geworden, es wird notwendig, alle Energie des Denkens auf sie zu richten; hier ist Rhodus der Tat, hier springe. Er stellte angesichts jedes einzelnen der vielen Menschen, mit denen er zu unterhandeln begann, dieselbe leise Befremdung fest, der ihn Schmitts und Fünfkorn ausgesetzt hatten: der Eifer, mit dem sie Politik trieben, erschien ihm eng, ihr Fanatismus banal. Demokratie, Wort, das sie wie eine goldne Münze liebkosten, trug ihm Altersspuren der Abgegriffenheit; Teilung, die sie zwischen demdeutschen Block und dem der Entente vollzogen, jener Hürde der schwarzen Schafe, dieser der weißen, begegnete in ihm einem warnenden Instinkt.
Was Lisbao derb mit dem Wort bezeichnete, Schweine sind sie auf beiden Seiten, und Mitrofan mit dem andren: sie sind beide Verbrecher, formte sich in ihm als Einsicht, daß die Staatsform, die sich ein Volk gab, nicht Schuld war, sondern Schuld wurde. Es konnte sich höchstens um Entwicklungsstufen handeln und nur die Feststellung erlaubt sein, daß das eine System besser geeignet sei, bestimmte Grundfordrungen des staatlichen Lebens, etwa gleiches Recht und gleiche Verantwortlichkeit des Einzelnen zu verwirklichen, als das andre.
Er ward sich klar, daß diese Betrachtung die der reinen Anschauung war, die nur feststellt, nicht wertet. Er ward sich danach auch klar, daß, wer nicht wertet, sich von der Sphäre der Tat ausschließt — unmoralischer Vorgang im Sinn eines unhygienischen, denn es verlangt die Energie, die die Erscheinungen schafft, Betätigung, Einsatz, Rotation, Umwandlung — alles Ersatzworte für den einen Grundbegriff: Gehorsam gegen das Gesetz, das Stillstand untersagt.
Der Begriff der Mutation war es, der ihm die moralische Wertung des Phänomens des deutschen Militarismus und die Anerkennung von Regulativen des Gesellschaftlichen erlaubte. Unterhaltungen mit Wendling brachten eine große Überraschung: es deckten sich die Ideen. Der Arzt hatte unternommen, den Begriff Krieg wissenschaftlich zu zergliedern, nicht a priori setzend, daß Krieg eine Degeneration der natürlichen Anlage, sondern durch Zivilisationen hindurch ihr adäquater Ausdruck sei; aber was ursprünglich natürlich war, wurde mit fortschreitender Vermenschlichung und wachsender Suveränität Atavismus.
Genau das war im Begriff Mutation enthalten: neue Ideen bedingten eine neue Achse des gesellschaftlichenZusammenlebens; neben den Begriff Einer und Ego, trat der des Bruders — unethisch, rein rationell ausgedrückt, der der Organisation. Der Natur gehorsames Tier bedurfte keiner Regulative; der Natur sich entwöhnender Mensch bedurfte ihrer; Ethik war nur der Imperativ, der von einem Präsens in ein Futurum führte.
Die Form, die sich der deutsche Organismus gegeben hatte, war wohl Schicksal, unentrinnbar kausal verkettet; aber die deutsche Schuld begann da, wo Widerstand geleistet wurde gegen eine deutliche Mutation der ganzen Menschheit, die daran arbeitete, Macht durch Reglung zu ersetzen. In einem Augenblick, wo sich aus dem Denken des Erdballs der Gedanke des höheren Regulativs bereits hervorrang, hatte Preußen noch einmalalle Energie darauf verwandt, ein Instrument der Macht zu schaffen, jede Äußrung geistigen Lebens, Philosophie und Wissenschaft zum Trabantendienst zu zwingen — Schuld hieß hier: eine alte Methode als größte Tatsache Europas aufzurichten.
Selbst der Vergleich mit England war nicht richtig. England war wohl durch dieselbe Methode groß geworden, aber in der Blütezeit dieser Methode, und von England war zu sagen, daß es Bereitwilligkeit zeigte, den neuen Fordrungen sich anzupassen, es war der Mutation gehorsam. Schuld Deutschlands war, daß es sein Schicksal ohnmächtigen und durch ihr Machtgefühl verdorbnen Menschen überließ, die Parolen ausgaben, wo sie Rechenschaft hätten ablegen müssen, ihren Dienern Befehle erteilten, wo sie Männer hätten zu Rat ziehn müssen — Deutschlands Schuld war der unbeschränkte Freibrief, den es seinen Regierenden gab.
Wenn Demokratie einen Sinn hatte, dann den, daß der christliche Gedanke, wir seien alle Menschen hilflosen Hirns und darum gleichberechtigt und gegenseitig zur Hilfe verpflichtet, in ihr eine grundsätzlich politische Form gefunden hatte. Möglichkeit der Mitbestimmungund der Kontrolle; wurde Schicksal gemacht, so trugen es alle. Man konnte zugeben, daß in den westlichen Demokratien dieses Kontrollrecht noch nicht rein ausgebildet war, durch Demogogie befleckt wurde: worauf es ankam, war, daß dort gleichwohl dieses Recht aufgerichtet stand, sein Sieg nicht bezweifelt werden konnte, die Idee gefunden war.
Überall in den Demokratien wurden die Ideenträger als Hüter, Bahnbrecher, geistige Elite angesehn, Pazifist war nicht verächtlich, heißblütiger Wächter über garantierten Rechten galt als Mann von Adel und Herz — in Deutschland wetteiferten die Intellektuellen, eine irrationale Philosophie zu treiben, die dem Herrn sein Herrenrecht bewies, oder standen lustlos zur Seite — Mangel an Noblesse, die wacht, eintritt, kämpft.
Daraus ergab sich ihm die Aufgabe, der vielfache Gegner: die Feigheit der deutschen Geistigen, die triumphierende Selbstunterordnung der deutschen Menschen unter die Herren, die Anbetung eines nicht mehr lebensfähigen Prinzips. Und es ergab sich die Möglichkeit, diesen Dreifrontenkrieg, obwohl er nur mit dem Wort, dem Abgegriffnen, Verhurten, operierte, reinlich, straff zu führen, ohne die Geschwätzigkeit derer, denen die Welträtsel gelöst waren, weil sie den Freisinn hatten.
Die Aufgabe gestellt, brach er die Brücke zur Sphäre des Absoluten entschlossen ab, stand in der der Tat, der wertenden, streitbaren; Energie des Totalen durfte nur Florett sein, den Stoß zu führen. Kein Zweifel, nur Glaube, keine Zersetzung, nur Konzentration. Er fühlte die Grausamkeit der Tat in sich strömen, Sphäre des Geschehens war die des Hasses, der täglich wachsenden Feinde, des Hohns, der unterdrückten Liebe, der sich suchenden Männer. Traf er Elena, die sich La Putana nennen ließ, sah er im Schwung ihres Munds denselben Trieb, sich vom Blut der andren zu nähren, denselben Triumph, zu sein und Schicksal für Menschen zu werden;und sich mit ihr verstehn, war wie Kommunion des Irdischen; Sinnlichkeit des einem Zweck dienstbar gewordnen Geists und die des Fleisches, das Macht suchte, waren eins.
Sie verschwand auf Tage, Wochen, das Goldnetz aus ihren Opfern zu spinnen, aber wenn sie zurückkehrte, suchte sie ihn auf, bei dem sie unausgesprochne Bestätigung der Idee ihrer Erdentage fand. Was er schrieb, verstand sie nicht, aber die Gemeinsamkeit aller Dinge, die aus dem Willen kommen, gab ihr: das Brudergefühl.
Fräulein Betz hatte ihn mit Elena gesehn; sie riet, vorsichtig zu sein.
„Warum?“ fragte er, „weil der Agent des Konsulats, den ich nun wie einen plumpen Schatten hinter mir beobachtete, mir zu einem Aktenvermerk verhilft, in dem neben ‚Landesverräter‘ steht ‚Verkehrt mit einer Dirne‘? Wie hilflos man gegen solche abstrakten Charakteristiken ist (und fügte in Gedanken hinzu: sie fallen ins Gebiet der Bewertungen, Beweis wie brutal dumm diese sein können, wie infiziert vom Unrecht des Urteilens).“
„Nicht darum allein handelt es sich,“ antwortete Fräulein Betz, „Sie sind der Bewegung, die Sie vertreten, Rücksicht schuldig, und Sie dürfen den schweizerischen Detektiven, die mit den deutschen Agenten in Verbindung stehn, nicht Gelegenheit geben, ihrerseits einen Aktenvermerk zu machen. Sie sind doppelt rechtlos, man wird Sie hetzen; sobald Ihre Regierung Vorstellungen über Ihre Tätigkeit erhebt, werden Sie der politischen Polizei lästig. Sie müssen auf Leumund bedacht sein, dürfen nur als politischer Idealist, demokratischer Vorkämpfer gelten. Es ist wahrscheinlich, daß unter der Klientele des Mädchens auch Parteigänger oder Spione der Entente sind: eine Denunziation des deutschen Überwachungsdiensts, und Sie geraten in den Verdacht, Mittelsmann zu sein.“
„Das sind Winke,“ sagte er, „an die ich nicht gedacht hatte; aber sie gehören zu denen, die man nur zu erhaltenbraucht, um ihre Realität einzusehn — alles Gemeine, Egoistische, Lieblose, das man von der Realität erfährt, leuchtet ein; es ist, als wachse man sofort als vollgültiges Mitglied in sie hinein und trage das Wissen um sie als eingebornen Besitz in sich.“
Danach besprachen sie die Aufgabe, die Madeleine Betz bei dem Blatt zufiel. Sie war Frau, ihr Wirkungskreis war die Frau. Es kam weniger darauf an, für ihre staatsbürgerlichen Rechte und Politisierung einzutreten, als ihre natürlichen Instinkte, die gegen Krieg und Gewalt standen, zu wecken, es galt, ihr die Augen zu öffnen, wie erbärmlich es war, daß sie dem Mann nachsprach, was er zur Rechtfertigung des harten Geschehens vorbrachte, und in Lazaretten seine Wunden heilte, damit er wieder an die Front ging.
„Ich lese,“ sagte Fräulein Betz, „die Schriften jenes einzigen Indiers, der uns bekannt ist, Tagore. Es ergreift mich, wie ein Asiate, der der Verwalter des Geists Buddhas ist, Europa vom Osten her sieht. Was wir wohl sagen, aber nicht Erschüttrung werden lassen, daß der Europäer der Materialität verfallen ist und wie ein mißbrauchter Sohn des Bösen die Eingeweide der Mutter in Eisen und Chemie verwandelt — er fühlt es unmittelbar, schmerzhaft; er sieht es legendenhaft wie einen Aufmarsch von Urprinzipien; Europa muß ihm der Fluch heißen. Was kann, für ihn, grauenhafter sein, als daß unsre Frauen Granaten drehn, Hochöfen speisen, Bahnen baun? Der Orient, der die Frau in ihrer Passivität niederhält, muß ihm doch als Hüter der Weisheit und der mütterlichen Kräfte erscheinen, die weibliche Passivität als der große ewige retardierende Faktor, Gegenstück des von seiner Aktivität verzehrten männlichen.“
Am Abend dieses Tags durchblätterte Lauda, während Elena auf seinem Divan lag, Zeitschriften. Blickte er auf, sah er die hohe Kurve ihrer Hüfte, und an Madeleines Worte sich erinnernd, dachte er: Verkleide sie dort aufdem Diwan in die orientalische Tänzerin, nicht mit Stoffen behängt, mit Rubinen, Smaragden, Steinen, spitz wie ihre Brüste, und sie ist ein Tempelmädchen, mühlos zur noch symbolischeren Astarte erhöhbar — auch das ist indisch, fern dem mütterlichen oder auch nur lotussanften Mädchenhaften.
Nicht Indisch und Europäisch sind Gegensätze, sondern Zart und Hart, Mild und Grausam; nur die Dichtigkeitsunterschiede sind Prinzipien. Gretchen und Astarte, Lotusmädchen und Messalina sind erst dann auf den gemeinsamen Nenner Frau, Attila und Christus auf den des Manns zu bringen, wenn man statt in den Frauen Passivität, in den Männern Aktivität zu sehn, in ihnen allen den Kampf zwischen Passivität und Aktivität erkannt hat; erst das Vorwiegen, der Sieg, der vielleicht auf einem winzigen Mehr beruht, bestimmt den Gesamtcharakter. Die Aktivität Messalinas ist zunächst primärer als die Christi, unendlich stärker als sie; das ganze Temperament des in die Existenz schießenden Willens ist darin, die Urenergie vor aller Geschlechtsdifferenzierung ist darin.
Was macht den Unaktivren gleichwohl zum Überlegneren, was befähigt ihn zur Handlung, wenn man die Ersinnung einer Religion Handeln nennt? Etwas Sekundäres: das Vermögen, Vitalität in Geistigkeit zu verwandeln, die Einschaltung eines Widerstands, an dem die Sinnlichkeit sich bricht und als Gedanke ausstrahlt. Primäre Sinnlichkeit braucht sich auf, bleibt Phänomen, findet keine Projektion; verwandelte wird Wirkung über das Individuum hinaus.
Aber nun erhob sich die Komplikation, die Madeleine schon einmal ausgesprochen hatte: die Widerstandsfähigkeit, diese Voraussetzung des Denkens, wurde von den Müttern vermittelt, war Gabe der Frau an die von ihr Gebornen, das Männlichste wuchs aus dem Weiblichsten. Trägheit — Passivität — Widerstandskraft, in dieserAtomkette lag das Geheimnis. Praktisch gesprochen: wie in der Sphäre der Existenz alle Erklärung dualistisch operierte, waren Gretchen und Lotusmädchen das eigentliche Weib, und Madeleine durfte sagen, daß die Frau, die hütete und hegte, wenn sie sich nicht astartehaft selbst verbrannte, der ewige große und retardierende Faktor war, der die Instinkte der Liebe und Güte ausbildete. Liebe, diese Liebe, was war sie, wenn man sie nicht als ein moralisches Faktum ohne präzise Definition hinnahm, sondern auf das letzte Prinzip der Energie zurückführen wollte, andres als ein Hemmungsphänomen, das der rein vitalen Wut des Sinnlichen und noch nicht Gestalteten die Idee des Gestalteten, das Recht des Einzelnen und Vereinzelten auf Selbständigkeit entgegensetzte?
Hier ward faßbar: die Geburt eines Gedankens aus dem Sinnlichen, einer Idee aus dem Gefühl der Totalität, eines Verständlichen aus dem Vitalen, eines Herzlichen aus dem Energetischen, eines Moralischen aus dem Egoistischen: esmußteerlaubt sein, Phantasie und Verstand gleichzustellen, weil die Gleichstellung auf ein Drittes, Übergeordnetes zielte.
Er schaute, während er dachte, Elena in die Augen, unbewegt; sie beobachteten sich wie Tiere, deren Blick durch die Dinge geht, weil die Dinge nicht Widerstand für sie werden. Was war Denken, von der Physis und in ihr gesehn? Ein Dunst aufsteigend aus der innren Landschaft, wie Regen aus der der Täler und Berge aufsteigt, ein Niederschlag des Bluts, des Fleischs, des ganzen Organismus, der sie rotierend ausschied, wie kreisende Erde die Atmosphäre; ein Duft gleich dem der Pflanze war Denken, so sehr, daß von der unsterblichen Seele nicht mehr zu sagen war als von der der Pflanze.
„Sie träumen,“ sagte Elena und lenkte ihn ab. In der Zeitschrift blätternd sah er ein Bild der Duse; sie stand in einer Szene der „Toten Stadt“ am Turm, ihre Schlankheit in schwarzen Kleidern parallel zu der des höheren,aber der Kopf war zurückgelegt und sie schaute hinaus. In diesem Blick alle Zartheit, die gebrochen worden war und doch sich behauptet hatte, alle Tragik, die erlebt hat und doch demütig stolz ist, ewige Bereitschaft, weiter zu dulden und stolz zu sein, die vollkommenste Frau, Barbaren zur Huldigung zwingend, Siegerin über den, dessen eitler Kopf neben ihr abgebildet war und der sie in die Bücher gebracht hatte. An ihr ward klar der tiefe schöne Inhalt, mit dem sich das Wort Passivität der Frau erfüllen konnte; diese Frau am Turm war Hüterin des Retardierenden, der Liebe, Gestaltung des Gedankens des Indiers, große Europäerin.
Am vierten Jahrestag des Kriegsbeginns ging Lauda durch die Bahnhofsstraße, um fünf Uhr sollten die Straßenverkäufer die erste Nummer der Wochenzeitung ausbieten. Er sah ein Gedränge, hörte Schreie; ein Polizist warf einen knabenhaften Mensch in eine Kutsche, drückte neben ihm sitzend seine Hände nieder, den Vergewaltigten schüttelte ein Lachkrampf, es war Puck. Lauda dem Wagen nachgehend ward von Lisbao angehalten. Lisbao sagte:
„Wir saßen, Miß Lilian, er und ich, beim Tee im Hotel; er war wie sonst, beobachtete die Menschen, kleidete die Reizung in die ihm eigentümlichen preziösgewundnen Worte, so daß man empfand, die Menschen ziehn an ihm wie Marionetten vorüber, jeder am Draht seiner Eitelkeit, Lüsternheit und gespreizten Wichtigkeit. Langsam begann er anzüglicher zu reden; wenn Frauen vorübergingen, zeichnete er die Kurve ihrer Sinnlichkeit auf dem Tischchen nach, ekelte sich, hob die Hand gegen Lilian und sagte: ‚Blancheflor, ich habe einen Augenblick des Muts, den ich zu Haus nicht finde, entlassen Sie mich aus Ihrem Dienst. Wenn wir uns ansehn, finden wir uns beide bleich, uns ist Frau Minne Flagellantin. Ich sehe eine Wand, den Totentanz darauf und ich und Sie darinFiguren. Mir graut —‘ und bei diesem Wort machte er einen Satz gegen die Fensterscheibe, als wolle er durch sie springen. Sie war hochgezogen, er stürzte draußen auf die Kniee, Auflauf, Abtransport ins Irrenhaus.“
Sie gingen ins Polizeigebäude, es war unmöglich, zu Puck zu gelangen. Er hatte, als er Uniform und Gitterfenster sah, sich widersetzt, den Agent in die Hand gebissen, sich selbst zu einer Beobachtungszeit beim Psychiater verurteilend. Lauda ging mit Lisbao in die Stadt zurück. Als er an einem Stand seine Zeitung kaufte, hielt ihn Lisbao fest und zeigte auf ein Heft:
„Wir hängen nebeneinander, Herr Lauda,“ sagte er spöttisch, „wir sind am gleichen Tag herausgekommen, Ihr ernstes Blatt und unser unernstes. Vielleicht ist Puck über der Redaktion verrückt geworden, es wäre die schönste Reklame, vielleicht ist er nur überarbeitet, wir haben alles selbst in einer Winkeldruckerei gesetzt.“
Sie gingen in ein Café, die Blätter zu lesen. Das Pucks enthielt Manifeste Siriwans und Pucks, Verse Lisbaos und Hans’. Wenn nun Puck es bei sich trägt, dachte Lauda, wird es sein, als finde man bei einem des Mords Verdächtigen Besitztum des Getöteten.
„Was erwarten Sie von diesem Blatt?“ fragte er.
„Nichts. Sie wollten einmal wissen, warum ich noch Verse mache, wenn ich das Wort Kunst hörend nur eine Grimasse ziehn kann. Sie haben recht, Kunst ist nicht einmal das, was ich antwortete, Zeitvertreib. Als wir das Blatt vorbereiteten und zwischen Schreibmaschine und Setzkasten tätig waren, erfaßte mich der Rausch der Geschäftigkeit, nun ekelt mich davor. Was erwarten Sie von Ihrem Blatt?“
„Die Durchführung einer Idee, zu der ich mich entschlossen habe. Sie sichtbar machen, alle Energie an sie wenden, alle Konsequenzen tragen, ist auch Zeitvertreib, Ausfüllung des großen Nichts, in das wir stürzen, wenn wir vom Absoluten her das Leben betrachten. Der Unterschiedzwischen uns ist, daß ich mir zum Aufbau meiner Geometrie, dieser Illusion mit saubren, klaren Gesetzen, eine Idee wähle, die mich von mir, einem Anlaß zur Selbstvergiftung, fernhält und Mitmenschen erlaubt, ihre Energie ihrerseits mit meiner zu vereinigen. Verziehn Sie nicht das Gesicht, Mitmensch ist Tatsache neben mir und Energiebetätigung ist so sehr Gesetz, daß sie unterbinden heißt, an Stauung sterben. Der tiefste Gedanke, auf den praktisches Denken stoßen kann, ist hygienischer Art: gehorsam sein der Kraft, die uns erzeugte. Sie ist blind, sie ist aber auch Mutter — sehn Sie, wie das rein Phänomenologische ins Gefühlsmäßige übergeht? Was istdieseLiebe? Gehorsam, Aufgeben des Widerstands gegen die Tatsache der Existenz. Sie hassen Moralität? Warum? Vorausgesetzt, daß man sich nicht auslöscht, hat man die vernünftige Pflicht, sich mit der Existenz abzufinden, und sich abfinden hat zur Folge, daß man nicht grämlich Ja sagt, sondern energisch, klar; nicht leidet, sondern seine Aufgabe erledigt. Es bleibt Ihnen erlaubt, Kunst eine fixe Idee zu nennen, aber eine fixe Idee, an die man seine Energie setzt, wird Inhalt.“
„Geben Sie acht,“ sagte Lisbao, „daß Sie nicht Wanderprediger des Optimismus und des Maximums an Glück werden.“
„Angst vor Banalität? Haben Sie noch nicht erlebt, daß Gedanken, die Ihnen seit Wochen unerhört erschienen, mit einem Durchbruch in längst gesagte Banalität endeten, wie man, sich verirrend, nach Visionen mittelalterlicher Verzauberter, auf der wohlbekannten Ebne vor der Stadt herauskommt? Wissen Sie, wo wir alle enden, wenn wir Himmel und Hölle durchschritten haben? Bei dem Gedanken, daß es gut ist, die Heranwachsenden zu erziehn und den Erwachsnen durch Kunst, Wissenschaft, andres ein wenig Glück zu geben, auch dabei, das Haus des Menschen, die Gesellschaft, vernünftig zu baun.
Das ist die praktische Form von Souveränität, alle andren, die sprengenden und grundsätzlich revoltierenden, werden auf die Dauer Leidensformen. Was ist Puck? Ein Psychopath, einer, dessen Nerven schwächer sind als die Säule der Existenz, die auf ihnen lastet. Jeder ist Psychopath, der schwächer als die Ideen ist, die in ihm nisten.“
„Heute morgen,“ antwortete Lisbao, „dachte ich allerdings wie Sie. Siriwan und ich wohnen im selben Hotel. Um sechs verlangte ihn ein Paar zu sprechen, eine erschöpfte Frau, ein mitgenommner Mann, zwei österreichische Revolutionäre, die ersten, die dem russischen Vorbild nacheiferten und zum Streik gegen den Krieg aufforderten. Der Mann der Frau wurde verhaftet, sie flüchtete mit dem Genossen über Hochgebirge und Schnee, zu Fuß von Innsbruck bis Zürich. Siriwan sollte sie unauffällig mit Nüßli in Verbindung setzen, sie bringen Botschaft von den Russen. Sah man sie, Fanatismus war größer als Erschöpfung, dachte man: sie sind arme Tiere, von einer Idee gehetzt, die ihnen alles gibt, was Menschen zu innrer Nahrung zu brauchen scheinen, Gefühl der Wichtigkeit, des Mehr als-andre-Seins, des Geheimnisses, des Schmerzes, der ein süßer Druck ist, des Hasses, der den Druck verstärkt, der Beredsamkeit, in der die Spannung entströmt, und der Tat, die sie, wie eine vergiftete Katze die Droge, in sich tragen.“
„Ganz recht,“ antwortete Lauda, „so gesehn ist das Bild real und objektiv.“
„Also mein Ekel berechtigt.“
„Doch nicht. Denken Sie scharf. Der Ekel ist etwas, was Sie hineintragen. Sie finden ihn nicht im Bild, dem betrachteten Material. Er ist subjektiv, durchaus Auslegung. Sie müssen sich, wie ein neuer Kant, fragen: welches sind seine Grundlagen, realen Bedingungen? Und hier ergibt sich, daß wir mit der gleichen Legitimität zwei Auffassungen haben können, eine so begründbar wie dieandre, Nein und Ja, deren jede aber die Pflicht enthält, die Konsequenz zu ziehn. Sehn Sie in allem Treiben nur das Sinnlose, das Leid, das Abrollen einer Vitalität, die um ihrer selbst, nicht um unsrerwillen da ist, dann vollziehn Sie, als Imperativ gesagt, den Akt der Souveränität und der Ablehnung, den Selbstmord. Erklären Sie sich einverstanden mit dem unverlangten Geschenk der Existenz, dann erklären Sie die Autonomie des von der Urenergie ausgesetzten Geschöpfs und verhelfen Sie ihm zu einer saubren Ordnung, dem wohnlichen Haus, proklamieren Sie das Glück an Stelle des Leids; und Glück heißt Beherrschung der Kräfte, Überlegenheit den Geschehnissen der Existenz gegenüber. Glück ist Waffenstillstand, den innren Vorbehalt des Wissens berührt es nicht. Das ist die Souveränität des Ja, wie der Selbstmord die des Nein ist. Was Sie, Puck, Siriwan tun, ist Halbheit, ihr schleppt die Existenz weiter und hebt euch nicht aus dem Leid.“
„Sie raten mir also kurz und klar, mir eine Kugel durch den Kopf zu schießen?“
„Nur konsequent zu sein. Löschen Sie sich aus, so halte ich Ihnen eine unbefangne Nachrede; Feststellung darin, daß Sie nicht gesund genug waren, wird Ihnen gleichgültig sein. Denn von Gesundheit darf man reden, weil jedes Geschöpf die vorwärtsdrängende Sinnlichkeit mitbekommt, und wenn Sie wollen, ist diese Mitgift das einzige Prä, das das Ja vor dem Nein hat.“
„Wie banal.“
„Durchaus, wenn auch Gesundsein nicht besagt, daß man nichts von dem Ekel verspüre, den die Feststellung der überall existierenden Sinnlichkeit auslöst. Mich verläßt das Wissen um sie keinen Augenblick, ich sehe sie im Glanz der Augen, der Kurve der Wangen, höre sie im Mezzosopran der Sängerin, notiere sie halb zynisch, halb gelassen, und wenn ich wie ein Tier über der Frau bin, denke ich, wir ordnen das alles in unser Dasein ein,wissen darum, verhöhnen damit den Gott, dem wir für das Leben danken sollen — es sei. Was Ihnen und Ihresgleichen fehlt, ist das Mitleid, das annähernd Aufhebung des Leids ist. Auch ich bin nicht gütig, aus mir wird nie das Bekenntnis der großen Liebe brechen, mit dem man am bequemsten zu einer repräsentativen Stellung gelangt; aber ich mische in mein Denken genau die Dosis Mitleid, die real und objektiv ist: Mitleid gründet sich auf die Tatsache, daß Einzelgeschöpfe neben mir sind und, noch metaphysischer, daß das Individuum, an sich nur Vorwand der Energie, sein eignes Dasein auszubauen unternimmt, sich der Totalität entzieht; mein Mitleid ist Gerechtigkeit.“