V

Die Saaltöchter begannen die Tische zu decken, nach französischer Manier wandelte sich die Galerie des Cafés zum Speisesaal. Hans und Siriwan tauchten auf, erklärten, fünfzig Franken zusammengelegt zu haben, um sich den Abend der Illusion zu schenken, Kommunion mit der Grundtatsache essender Körperlichkeit und ihrer nach dem Geistigeren ausgreifenden Derivate, als da waren Flirt, Musik, Gespräch, Blick auf Kristall und in Taft entblößte Schlankheit von Armen.

Hans, sparsam lebend, feierte solchen Abend selten, Siriwan, als kenne er keine andre Art, zu Tisch zu gehn; Hans empfing von jedem, der um ihn saß und kam, die Schwingung, Siriwan sah nichts, sagte alles zu wissen.

„Was denken sie,“ fragte Hans, „die geldmachenden Männer mit den blaurasierten Wangen und die Weiber, die sie vom Goldschmied hierher führen? Vielleicht, daß es so in der Ordnung sei; aber vollzieht sich nicht in jedem von ihnen, hinter seinem Bewußtsein, fortwährend eine Art religiöser und philosophischer Auseinandersetzung? Kreisen sie nicht ununterbrochen um den Grundgedanken von Ja- und Neinsagen? Es schlechtes Gewissen zu nennen, wäre zu viel, aber sie alle operieren mit dem Gegensatz, dem Reiz, daß draußen andre hungern,schlecht verdienen, nutzlosen und verachteten Ideen des Altruismus nachhängen.

Als ich das letztemal hier war, wurden plötzlich die eisernen Läden herabgelassen, weil Streikende demonstrierten, Steine gegen die Scheiben warfen. Eine Sekunde erblaßten sie, dann wandten sie sich um so breiter dem Genuß zu, und in dieser Nacht umarmten sie ihre Weiber gesteigert in Befriedigung, die zugleich Bewußtsein war, das richtige Weltbild zu haben, mit der Sinnlichkeit identisch zu sein — ja ein Gehorsamkeitsgefühl ist in ihnen, das ‚Lebt! — So wollen wir leben.‘ Und dafür gestehe ich ihnen zu: das Brudergefühl. Seht, wie sie stopfen und schütten, wie die Brillanten sprühn.

Suche ich zu überlegen, was die in diesem Raum Versammelten an diesem einen Tag an List, Niedrigkeit, Raub, Lüge begangen haben, die Frauen an Verkauf ihrer selbst, Betrug, Habgier, die Musiker und Angestellten an Eifersucht, Neid, dann ist es, als sei die Existenz, durch die ich gehn muß, die brennende Stadt der Apokalypse, die über mir zusammenschlägt. Ich erkläre so den Traum von der brennenden Stadt, der oft in meinen Nächten wiederkehrt. Ich glaube, daß wir uns in jeder einzelnen Sekunde mit dem Leben auseinandersetzen, eingehüllt in einen Dunst, der aus uns steigt, oder in erregteren Momenten ein Gleichnis für es suchend.“

„Sie haben recht,“ antwortete Lauda, von Freundschaftlichem zu ihm bewegt, „es kann nicht anders sein, als daß der Kosmos, der keine Sekunde ohne Rotation und ohne Wärme ist, jederzeit auch eine Bewußtseinssphäre um sich legt, aus der alles steigt, was wir Traum, Denken, Fühlen nennen. Der Schmarotzer dort mit den kauenden Backen fühlt sich selbst, seine Stellung im All, die Nähe der andren, den Gegensatz zu ihnen, der nur ein andres Wort für Einheit mit ihnen ist. Wir atmen Denken, und man könnte sich vorstellen, daß wir allejederzeit gegen einen Mittelpunkt der vollkommnen Bewußtwerdung vorrücken, wie die Himmelskörper nach einem Zentrum der Rotation.“

„Ist es erreicht —“

„Werden die einen sehn die vollkommne Harmonie, Summe der Verkettungen, Sphärenklang, die andren die grauenhafte Entsieglung des sinnlosen Geheimnisses, Rasen, Wüten, Ablauf, Sturz in die Zeit, Asche der sich selbst verbrennenden Energie. Ob Anfang, Mitte, Ende der Zeit, es ist jeden Augenblick gleich erlaubt, Ja und Nein zu sagen, Widerstand zu leisten und ihn aufzugeben, Welt zu regulieren und von der Illusion der Regulative zurückzutreten. Höre ich in mich hinein, vernehme ich das Geschrei des jüngsten Tags so gut wie den geordneten Gesang der Chöre, die Zeiten und Räume zusammenfassen.“

„Ich habe über Ihre Theorie des Widerstands nachgedacht,“ sagte Siriwan. „Widerstand ist das Prinzip, aus dem Sie die Geburt der Existenzen erklären, weiterhin im Mensch die Entstehung von Idee und Gefühl; und es ist gewiß überraschend, wenn Sie Liebe ein Phänomen des Widerstands nennen. Die Gesamtheit der Widerstände ergibt den Zustand der Souveränität, der Leid nicht leugnet, aber bändigt. Also ist derjenige, der leidet, widerstandslos. Wie aber kann er leiden, wenn nicht deshalb, weil er Widerstand leistet? Und der Souveräne, der sich mit der Tatsache der Existenzen abfindet, gibt er Widerstand nicht auf?“

„Beweis, daß jeder Entschluß, genauer die Verwirklichung einer Idee, uns auf die andre Seite setzt — wir finden uns staunend auf dem jenseitigen Ufer. Tat ist ein Prisma, das die Strahlen der Ideen im rechten Winkel zum Einfall bricht. Tat ist Aufhebung der Idee, obwohl von ihr erzeugt. Im übrigen unterscheiden Sie nicht scharf genug zwischen Leiden und Erleiden. Wenn man eine Idee Dämon in sich werden läßt, der von Konsequenz zu Konsequenz treibt, erleidet man, und diesesWort ist nur eine vom Beobachter ausgesprochne Wertung; macht man den Versuch, Widerstand zu leisten, so leidet man, und das ist bereits ein subjektives Gefühl oder ein objektiver Zustand. Man leidet, weil man nicht radikal Widerstand leistet; radikaler Widerstand heißt Souveränität; sie besteht darin, den Widerstand mühelos sowohl ein- als ausschalten zu können. Deutsche Bücher sind schwächlich, weil sie, wie ein französischer Dramatiker auf die große Szene, auf den Augenblick zueilen, wo der Held endlich seine endgültige Weltanschauung erreicht haben wird, meist die der Harmonie, unter Leugnung und Vergessen der vorher erlebten Verneinungen. Es sind Bücher ohne Aufhebung.“

„Das Kaffeehaus wird zum Anschauungsunterricht,“ sagte Siriwan und wies auf die Nische, „der perfekte Harmonist sitzt neben uns, Nachtwächter der Ethik an einem Tagblatt, Umwechsler des geistigen Pfunds in Leserkurant, Abteilungschef für Literatur im Warenhaus zur öffentlichen Meinung, kurz ein Feuilletonredakteur, von allen Soldstellen des Kapitalismus die anrüchigste, weil ihm freie Meinung gelassen wird, vorausgesetzt daß Abonnent sich nicht beklagt. Schrieb er nicht heute im Abendblatt vom Glück bei Gelegenheit irgendeines Franzosen, der die Freuden der Familie empfiehlt, weil sie die vollkommenste Kombination von Sorge für sich und Sorge für andre ist? Da haben Sie einen Deuter Ihres Glücksbegriffs.“

„Einen bürgerlichen,“ antwortete Lauda. „Ich verstehe unter Glück die Energie, nicht im Zustand des Erleidens zu beharren, stärker zu sein als Vorgänge in uns. Das ist eine dynamische Angelegenheit, was hat sie mit dem Glauben an die moralische Weltordnung zu tun? Nichts, es sei denn, daß sie versteht, wie Menschen dazu kommen, einen Gott zu erfinden.“

„Verstehn ist Abschwächung des Urteilens. Sie billigen mein Urteil über den Redakteur nicht?“

„Ich müßte erst die Not kennen, die Sie dazu führt, einen Mensch radikal zu verwerfen, radikal böswilligen Dummkopf zu nennen. Ich kenne von Ihnen nur Urteile, die absolut verwerfen — ich müßte fühlen, durch welche innre Katastrophe oder Neulagrung Sie in den Gegensatz zur Welt geraten sind; ich müßte Atmosphäre um Sie spüren. Sie werden antworten, daß Ihnen alles Tun, Wollen, Sichregen der Menschen eine Verirrung ist, daß sie sich spreizen und blähn. Aber dann wäre die Konsequenz unerläßlich: daß Sie unter diesem Zustand des Menschen leiden, sich nicht ausschließen. Das Recht auf Urteil wird durch Miterleiden erkauft, durch Aktivität. Urteil und nur Urteil ist rein passiv. Urteil, das nicht aus der Wärme des eignen rotierenden Organismus kommt, ist kalt, Urteil, das diese Wärme in sich trägt, ist entweder Haß oder Liebe oder, wenn es das Hoffnungslose feststellt, Trauer. Ich kann nur sinnliche Urteile gelten lassen, alle andren gehn der wichtigsten Frage: Und du selbst? aus dem Weg.“

Am nächsten Morgen gelang es Lauda, Puck zu sprechen; er wurde gebeten, sich danach bei der Assistentin des Psychiaters, selbst Ärztin, zu melden. Puck, lustiger Gnom, saß auf einem Stein und suchte einem frei umhergehenden Melancholiker zu erklären, daß inzwischen draußen der Weltkrieg ausgebrochen war.

„Was ich auch an Zahlen ersinne,“ sagte er, „um auf die Depression dieses Alten die letzte Last zu legen, es bleibt Wirklichkeit; der zwanzig Millionen Streiter müde, suchte ich ihn zu überzeugen, daß die sämtlichen Kriegsschulden abgetragen werden können, wenn die Steuer auf Liebesfreuden eingeführt wird: fünf Pfennig, Rappen, Heller pro Umarmung, der Kavalier zahlt willig, Damen bleiben steuerfrei. Ich war gerade dabei, auszurechnen, wieviel eine Stadt wie Zürich in einem Tag einbrächte, was meinen Sie? Auch die Vermutung über die einträglichsten Stunden ist ergötzlich.

Der Sprung durch die Fensterscheibe? Mein Lieber, ich sah ja, daß sie hochgezogen war. Allerdings, die Stimmung war ernst, ich kann nicht mehr Lilian zu Willen sein. Ich will Ihnen ein Märchen erzählen. Es war einmal ein armer Junge, der gern mit seinem Wissen prahlte, aber von freiwilliger, geheimer Zärtlichkeit der Frauen wenig wußte. Niemand starrte ungläubiger als er, als Blancheflor an einem Sommerabend die Gewänder löste und ihn an sich zog. Es werden wohl auf den weißen Altar, der aus dem dämmernden Zimmer leuchtete, Tränen getropft sein. Er glaubte, nun sei die Hemmung, die vor die Entrückung gelegt ist und die er so gefürchtet hatte, ausgelöst, warum hätte sie sonst sich ihm angeboten? Da erwies es sich, daß er die größte und unerwartete noch zu besiegen hatte. Keine Liebkosung, kein Gespräch über das, was ihn Liebe suchen ließ, kein Lachen und keine Güte konnte ihr die Erregung des Eros geben; statt geborgen zu sein, stieß er auf eine Aufgabe, die ihn abscheulich dünkte — durch Brutalität, Bisse, Schmerzzufügen ihr zur Lustvorstellung des männlichen Tiers zu verhelfen. Sie lag, die Härte erwartend, den Rücken zugekehrt, was er zuerst für eine Geste der Laszivität hielt, undgebotihm ungeduldig, weh zu tun.

Er ward ganz schlaff, das Gefühl, um das Schönste betrogen zu sein, formte sich in harten Worten; die trank sie gierig, lächelte verzückt und — war willig. Seither wurde er gehorsamer Schüler, lernte gewünschte Energie, staunte über die Phantasie der doch Unberührten, die sich schuf, was sie brauchte, verließ sie jedesmal um einen Grad elender. Ich kann nicht mehr, dem Frau das Heimlichste, Zärtlichste ist, Wärme ihres Körpers Güte des Bergens. Arme Kleine, warum verfiel sie auf mich, da ihr Lustmörder und Fleischergeselle das süße Grauen geben? Was tun? Es blieb nichts, als durch das Fenster zu springen. Immerhin ist zu sagen: in diesem Augenblick war ich so durchaus Schauspieler,daß Grenze zwischen Lüge und Wahrheit verschmolz; in fünf Minuten steigre ich mich in jeden Wahnsinn, begehe jede Tat, finde für jede Verwandlung die sie erschaffenden Worte. Was ist Phantastik? Die Fähigkeit, die Assoziationsbrücken von irgendeiner Vorstellung zu der entferntesten und nicht verwandten herzustellen, also nachzuweisen, daß doch Verwandtschaft ist. Ich bin der blaue Funke des Hirns, der die Bahnen überspringt.“

„Haben Sie dem Arzt das alles erzählt?“

„Die Ärztin hielt mich ab, sie ist scharfsichtiger als er, ich mache ihr nicht das Vergnügen, mich zu durchschaun.“

„Und doch entgehn Sie nur so der Drohung, Sie acht Tage lang zu beobachten.“

„Was machen sie mir aus, sie sind mir willkommen. Wolke voll erregenden Leids hat sich auf mich gesenkt, ich will durchaus in ihr weilen, bis sie sich wieder hebt. Darüber schwebt, auf der Sichel, Maria, zaghaft leise begehrt, weil sie Königin und Mutter ist, gelästert, weil sie Frau ist. Lassen Sie mich, es formen sich Verse, Gedicht einfach im Schmerz des Geschundnen.“

Lauda suchte den Arzt auf, wurde ins Zimmer der Assistentin geführt. Es standen alte kräftige Möbel mit Grün bezogen, lag Teppich, Raum war Mischung aus Sachlichkeit und Frauenhand. Die Frau trat ein, Blick auf sie ward Huldigung vor Persönlichkeit — schöne Frau, ganze Frau. Flut von Adjektiven drang auf ihn ein: groß, fest, üppig, gesund, dunkel an Kraft, hell an Wirkung; zugreifend, braunäugig, warm; bisweilen derb, im ganzen königlich. Wie sie komponiert war, wie sie vor ihm stand; aus straffen Säulen der Beine kam die mächtige Kurve des Beckens, bog in die Wölbung des Rückens ein, floß über die Schultern in die der Büste. Farbe des Gesichts war wie bei dunklen Keltinnen, die er in Vogesentälern gesehn hatte, von Welle des Blutserzeugt, das zurückweichend weiße Höfe ließ — Stoß des Bluts durch die ganze Frau.

Puck, den er um Barbaras willen nun öfter besuchte, sagte:

„Es ist eine groteske Situation. Wenn sie eine Brille und schlechtsitzende Röcke trüge, würde es mir ein Vergnügen machen, ihr einen Indianertanz von Irrsinnigkeiten vorzuführen. Ich kann es nicht, ihre Augen, in denen ein schlaues und lustiges Bewußtsein von Energie ist, würden es nicht dulden. Die Ärztin anzuerkennen weigert sich Männliches in mir. Es bliebe nichts übrig, als mich in sie zu verlieben, nach dem Rezept, daß Liebe eine Schutzhandlung und Abgang mit Ehren ist, aber es wäre aussichtslos und — sie macht mir Angst. Es ist eine Vitalität in ihr, eine Fülle des Bluts, der ich nicht gewachsen wäre.

Sie versetzt mich in denselben Furchtzustand wie Lilian, einen andren und doch den gleichen, daß Frauen Raubspinnen seien, die meine Kräfte aussaugen wollen. Freund Lauda, unsre Sehnsucht, bei einem Weib geborgen zu sein, ist ein übler Trick der Natur. Ich merke es, wenn ich meine Stunden Maria auf der Sichel schenke. Wie raffiniert ist diese Fiktion: Wolke und Sichel schweben dicht über unsrem Kopf, damit wir die Himmlische gerade noch mit unsren sinnlichen Wünschen erreichen können. Manchmal überfällt mich eine tolle Lust, ihr, das Auge am Saum ihres Rocks, die deutlichsten Zynismen zu sagen; dann, um die Abendstunde, kommt die namenlose Melancholie, so schwer, daß sie sich wie ein Block von Leid in das Gelatinemeer des Geschehens senken möchte, in ihm die eine feste, große Tatsache.

Was die Ärztin betrifft, so habe ich mit offnen Karten gespielt und ihr zu verstehn gegeben, daß ich von selbst in Ordnung komme, wenn man mich hier ein paar Tage in Ruhe sitzen läßt — es ist so gut zu schreiben, wenn ringsum die schweren Fälle heulen und einem auf demGang der Mann begegnet, der von einem andren erzählt, daß er in seiner Manie alle Türen öffnen müsse — er macht es einem vor, und er ist dieser Mann selbst.“

Nach acht Tagen wurde Puck nach Hause geschickt, er brachte ein Manuskript mit und sagte spöttisch:

„Positive Arbeit, die einzige, die ich geleistet habe. Nun kann ich sie drucken lassen, so beweist man seine Prinzipien. Es ist keine Spur von Humor in den Versen, dieweil ich mich der Welt als Humorist angekündigt habe. Aber ich gebe mich nicht besiegt. Was tut man mit Versen, wenn sie gedichtet und gedruckt sind? Falsch bescheiden warten, bis einer sie aufgreift? Das ist unanständig, dann schon lieber selbst nachhelfen, tun, als ob man etwas geleistet hätte, und ein Vergnügen daran haben, daß man vom Produkt von acht Tagen ein Jahr lebt — ich werde das Heilsarmeetempo, das wir an irgendeinen fiktiven Einfall wenden wollten, an mich selbst wenden, auch das ist Ironie.“

Größre Ironie war, daß der Redakteur, den seine Freunde verachteten, ihn entdeckte. Aufsatz des Kritikers war Posaunenstoß, es folgte Einladung der literarischen Gesellschaft zu lesen, Vorstand des Gottfried-Keller-Bunds drückte ihm die Hand, Auffordrung erfolgte aus Berlin, ein Stern war aufgegangen.

Lauda, der Vorlesung beiwohnend, fand ihn liebenswert, Kind mit der ernsthaften Brille bemühte sich zu zeigen, daß Erfolg es nicht verschlingen werde.

„Warum,“ fragte er ihn, „verbergen Sie Ihren Kern, der Stärke des Leids ist, Demut des Schmerzes?“

„Ich komme nur auf Brücken der Lustigkeit zu ihm, lassen Sie sie mir. Soll ich mich als Dichter des großen Pathos etablieren, Firma eingetragen in das Register der Literaturgeschichte? Wer andrer als Sie sprach von Aufhebung?“

„Das konstruieren Sie nachträglich. Ich wollte sagen, daß Sie selbst nicht wußten, was in Ihnen Kern ist, Sie sollen ihn nicht leugnen.“

„Noch verläßt mich das Schauspielergefühl nicht, von dem ich Ihnen erzählte, aber seltsam ist, daß es mir selbst nur Verkleidung zu sein scheint, der Kunstgriff eines Gotts, der mich in eine Bahn drängt, gegen die ich mich sträube. Niemand kann begreifen, wie befremdend es ist, sich auf dem andren Ufer wiederzufinden. Es sprang einer durch eine hochgezogne Fensterscheibe, Akt reinen Bluffs, und ward durch ihn zum Bürger.“

Lauda hatte versucht, den jungen Rudolfi zu seinem Gehilfen zu machen. Gehilfe hieß Kamerad, es lag ihm nichts daran, einen Angestellten zu haben. Zwanzigjährige Jugend und deutsche Weichheit, die an Schubert dachte, wenn Brüder von Krepierten sprachen — doppelte Möglichkeit. Wenn er erreichte, dem Knaben Straffheit, dem Musikalischen einen Tropfen lateinischer Bestimmtheit zu geben, ihn zu lehren, daß, wer wirken will, klar von einer gegebnen Stellung aus entwickeln muß, den Gegner ohne Relativität und Gefühlsbrücken als Gegner sehend, dann gelang Synthese, auf die es ankam, aus Geistigkeit und politischem Willen.

Der geistige Mensch, wie er ihn empfand, Herrscher in der absoluten Sphäre, in der es keine Wertung mehr gibt, konnte nur dadurch brauchbar für die reale Sphäre gemacht werden, daß er seine fluktuierende Energie, die dazu diente, die Berechtigung aller Standpunkte kausal zu erklären, entschlossen auf ein ordnendes Prinzip verdichtete, die Hochspannung in den Transformator eines ethischen Postulats leitete.

Jeder Deutsche trug eine irrationale Philosophie in sich, war nicht praktisch wie Engländer, noch ironisch-doktrinär wie Franzose. Soweit überhaupt vitale Kraft in ihm war, leitete er, wie alle dem Religiösen Zugänglichen, der Idee des Staats Metaphysik zu. Gesellschaft ohne Achse der Rotation, ohne übergeordnetes Regulativ, war Sphäre des Chaos — der Organismus eines Volksmußte unter Druck gehalten werden, damit er sich ballte und einheitlich kreiste: solchen Druck ermöglichte die Idee des preußischen Systems, das seine Herkunft aus dem Protestantismus nicht leugnete. Und Protestantismus, so fest er in der Irdischkeit stand, den Mensch recht eigentlich auf seine Souveränität verwies, kam doch, da er Religion war, im letzten aus dem Pessimismus: es gab eine Verwandtschaft der preußischen Herrenkaste mit dem katholischen Priester, für den die Existenz das Reich der Sünde war, das Befehl und Gebot brauchte. Die Junker waren Menschenkenner: entfesselt das Individuum und es weigert Arbeit; unterstellt es der Idee des Gehorsams und es wird nutzbare Energie, sich und dem Ganzen Inhalt schaffend.

Vom Absoluten her war dieses System nicht materialistisch, es wurde es erst, weil es alle Kräfte dem Irdischen zuführte und die Verwalter zu Ausnutzern machte, während katholischer Priester Diener blieb und von ihm gepredigte Ordnung nicht in Marschleistung von Bataillonen umgesetzt wurde. Es geschah nicht ohne Grund, daß selbst die edler denkenden Geister in Deutschland am preußischen System festhielten, sie waren nicht alle, Fünfkorn und den Mittelmäßigen unter den Demokraten zufolge, verlogen und böswillig; ihr unverzeihlicher Fehler war, daß sie zur Idee zurückgriffen, wo sie die Tragik ihrer Überspannung sehn mußten. Schicksal von Ideen war romanhaft wie das von lebenden Menschen, man konnte vom Verfall eines Ideensystems wie von dem einer Familie reden und seinen Roman schreiben.

Klarblickender sah den Punkt, wo ein geistiges Prinzip religiöser Färbung durch zeitliche Entfernung von der religiösen Quelle ins Gegenteil umschlug, Hebel in der Hand der an die Spitze gesetzten Familien wurde — Dämonie auch das einer Idee, die Herrschaft gewonnen hat, statt reguliert zu werden. Axiom: Regulative bedürfen der Regulierung; Lehrsatz: sich zum Tun entschließen,heißt die radikale Energie regulieren, nicht zerstören, sondern beaufsichtigen, nicht hinnehmen, sondern selbst verwalten. In Rotation gesetzt, kreiste der deutsche Kosmos nun um die Idee der zentralisierten Monarchie, bis er zerschellte. Aufgabe war, unter den Denkenden solche zusammenzurufen, die durch Einfluß und Menge der Anhänger stark genug waren, eine Gegenbewegung oder Hemmung zu erzeugen; gelang das nicht, dann einige zu retten für den Augenblick der Katastrophe und die Zukunft.

Das war die Rechtfertigung seiner Opposition, daraus entsprang auch sein Wunsch, mit dem Jungen ein Experiment zu versuchen. Letzter Beweggrund war, wie bei allem, was Mensch tat, der eigne Gewinn, für sich wollte er die Fordrung, Mutation in das deutsche System zu bringen, sichtbar machen. Und da es klar war, daß Sprung in die Sphäre der Tat nichts bedeutete, als sich vom Egoismus der Anschauung den andren zuzuwenden, begann ihn das ihm selbst Unerwartetste und Fernste zu beschäftigen, die Möglichkeit, dereinst Erzieher zu werden. Bejahte man die Tat und stellte Regulative der Ordnung auf, erhielt der Ablauf des menschlichen Geschehns einen selbst gesetzten Sinn, dann war die vornehmste dieser Illusionen die Pädagogik, Vermittlung der Energie an die Nachwachsenden.

Wie mit einer Frau, die zum steilen Flug der Entrückung entfesselt wird, suchte er mit Rudolfi dem neuen Land der Ideen zuzueilen. Tempo der Flucht im Flugzeug war noch in dem Knaben; als er den Rhythmus seines eignen Bluts wiedergefunden hatte, kam die Hemmung. Eine geistige Bastion mit stürmender Hand nehmen, war nicht deutsch, an Stelle des strahlenden Siegs trat das schrittweise Ringen. Ungeduld Laudas, er bezwang sie, sich erinnernd, wie er selbst in diesem Alter gewesen war, von Erdbeben geschüttelt, wenn er sah, wie verschiedenartig Menschen dieselbe Sache betrachteten;aber es war der Loyolawille dagewesen, in Quadern zu bauen.

Rudolfi war schwerfällig, Namen der Mitarbeiter machten ihm Mühe; Vorstellung mit ihnen zu verbinden, größre; Ideen so klar wie Bildhaftes zu sehn, die größte. Lauda schlug den Umweg über die Anschaulichkeit ein, führte Rudolfi in Gesellschaft, so abendliche wie die der Straße. Dem Knaben fiel die besondre Art der Schweizer auf, sie schien ihm von bäurischer Gleichartigkeit zu sein, niemand trat aus der Masse hervor. Lauda half die Linien nachziehn: bestimmtes Bekenntnis zu einer Anschauungsform wie der des deutschen Beamten und Offiziers wurde hierzulande vermieden; man fühlte nicht unmittelbar, daß alle Kräfte eines Lands von einem Willen zusammengehalten wurden, sich um ihn lagerten, in jedem Augenblick des Privatlebens von ihm Bestimmung erhielten; das Bewußtsein großer Aufgaben, der Ausblick auf den Welthorizont des deutschen Lebens fehlte. Deutscher war straffer in Umrissen, großzügiger in Ideen, an ein anschauliches, repräsentatives Zurschautragen der das Volk durchsetzenden Energie gewohnt, in der Schweiz blieb alles anonym. Lauda sagte:

„Es ist zunächst der Unterschied der Größe zweier Länder. Das kleine war von je darauf bedacht, Existenz zu wahren; Ehrgeiz, wie ein Sonnensystem zu wachsen, benachbarte Zellen in seine Rotation zu ziehn, fehlt vollständig. Es wurden nicht ausgebildet Kräfte der Konzentration noch das gefährliche und, wenn es sich mit Klugheit verbindet, schöne Schauspiel der Vitalität. Daher das Gefühl, das man unter Schweizern immer hat, daß sie mißtrauisch und schwerstirnig, bäurisch wie Sie sagen, importierte Ideen der Fremden abweisen, froh sind, wenn sie unter sich bleiben können. Das Positive dieses Zustands ist schwerer zu erfassen, darum nicht weniger wertvoll: kein Hochmut der Kaste, keiner vonOffizier Polizist Beamten, es ist menschlich, unter ihnen zu leben, Anonymität wird wohltätig.“

„Auf mich wirkt unser System stärker, seine Idee ist verständlicher, weil jeder Gebildete sie zur Schau trägt. Auch Sie verwerfen ja nicht, wie ich eigentlich gedacht hätte, den Willen eines Volks zur Expansion. Warum also billigen Sie den Deutschen nicht zu, was Franzosen und Engländern erlaubt ist?“

„Ich wäre gern national,“ antwortete Lauda, „weil ich alles liebe, was Kristallisationspunkt für Energie wird, abgegrenzte Wirkungsfelder schafft, Differenzierung in die Welt bringt. Ich kann nicht national sein, weil es mir verwehrt wird, man duldet nur hochfahrend ergebne Diener. Auch ist Expansion und Wachsen in Größe nicht dasselbe; jenes nur die brutale, materialistische, herrische Spielart. Bildung eines großen Kosmos darf nicht auf Kosten andrer Rotationssysteme erfolgen, die schon ihre endgültige Lagrung gefunden haben. Einbeziehung Belgiens in das deutsche System ist nicht Verschmelzung, sondern Einbruch, Diebstahl, Gewalt. Die Kosmen der zivilisierten Nationen, kleine und große, müssen nebeneinander rotieren, es ist ihnen nur eine höhere Form des Ausgleichs erlaubt, die der Verträge, des Handels, des geistigen Tauschs. Keine Dialektik kann das Verbrechen ungeschehn machen, daß man die beschworne Neutralität Belgiens brach. Jedes Gefühl, das mir befähle, trotzdem zu meinem Volk zu stehn, da es nun einmal um seine Existenz kämpft, ist Dialektik. Anerkennend die Vitalität des deutschen Systems und das Recht auf sie, verwerfe ich bedingungslos ihre Methode.“

Aber in dem Knaben war dieses Gleichwohl und Trotzdem stärker. Heimweh ward stärker, wuchs zur Sehnsucht, die deutsche Atmosphäre, bekannte, zu atmen, Befehle zu empfangen, die vorstellbar waren, weil Blut der Väter sie schon empfangen hatte. Es kam der Tag,wo Rudolfi Reue gestand; siegreicher als die Moralität auf sich selbst vertrauender Gegnerschaft wurde die Gewissensqual, Kameraden im Stich gelassen zu haben.

Lauda ging aufs Konsulat, erreichte, daß in Berlin Straflosigkeit zugesagt wurde, eröffnete Rudolfi, daß er heimkehren könne. Weinender umarmte ihn, fuhr an die Grenze, um sühnend im vordersten Graben zu sterben.

Lauda hatte nicht mit dem Widerspruch der politischen Freunde gerechnet, seine Stellung wurde so erschüttert, daß nur der Fahndungsbrief, den das Generalkommando gegen ihn erließ, ihrem Argwohn ein Ziel setzte.

Heftigste Vorwürfe hatte Justus erhoben, Mitglied des Redaktionskomitees, Veteran des demokratischen Gedankens. Die meisten waren erst im Krieg zu Bekennern geworden, er seit 1885, Jahr, in dem er das Deutschland Bismarcks verlassen hatte. Er war in Paris mit den Politikern des Republikanismus verwachsen und Zeuge gewesen, wie schwer, langsam, zuerst nur äußerlich, der Gedanke von 1870 sich durchgesetzt hatte: Erschüttrungen und Rückschläge kamen, bis er zu den letzten Wurzeln der nationalen Existenz vordrang, Macht auf die Erziehung der Jugend, Heer, Kirche gewann.

Die Überwindung der Tradition, in Fleisch und Blut nistender, die Ausscheidung noch immer kreisender Säfte, die innerste Umschichtung, die Entstehung einer neuen Vitalität, die letzte große Krise des Dreyfusprozesses, das Schritt für Schritt, die Energie, ein Ideal der Zukunft sichtbar und sieghaft zu machen, das war Justus die Größe der Männer von 1890, und er hatte bewundernd die Geschichte der bürgerlichen Führer geschrieben, die ein größres Werk als die Sozialisten vollbrachten die theoretische Fordrung gänzlich andrer Grundlagen schien ihm banal, der zähe Kampf mit realen Interessen, die Mutation der Realität war Leistung. Und Lauda verdankte ihm Einsicht, was es heißen wollte, in den lebendenKosmos eines Volks einzugreifen und Mutation zu erzeugen. Es war die Zeit, da in Deutschland die Parole der Neuorientierung ausgegeben wurde, demokratische Vertreter Anteil verlangten, fühlend die Katastrophe.

„Machen Sie sich keine Illusion über die Ohnmacht dieser Ansprüche,“ sagte Justus, „das ist, als hätten vor 1870 die französischen Demokraten die Republik im Bund mit Napoleon dem Dritten einrichten wollen. Frankreich hatte ein Jahrhundert republikanischer Tradition, es hatte Temperamente und Charaktere ohne Zahl hervorgebracht, und doch bedurfte es einer von uns nicht gekannten und nicht begriffnen Größe der Anstrengung, um die Idee zu sichern. Der Deutsche versagt vor der Schwierigkeit dieser Fordrung, er ahnt die Problemstellung nicht einmal, ist ohne Sinn für die Noblesse derer, die, was sie tun, ganz tun, die Lösung einer Aufgabe nicht den Beamteten überlassen, sie wie eine Leidenschaft bis zum Ende erleben und nicht auf halbem Weg zur bequemen Hausfrau zurückkehren. Dieser Mangel an radikalem Anstand ist von allen Lastern das deutschste und für mich das verächtlichste — was hilft die innre Freiheit, die gefunden zu haben, Deutsche sich rühmen, sie ist nur Feigheit und Flucht vor Realität.“

Bei Ausbruch des Kriegs erlangte er Erlaubnis, zu bleiben, wurde im zweiten Jahr vom schützenden Minister gebeten, ihn der Aufgabe zu entbinden, ging nach der Schweiz, mittellos, Opfer des Sequester. Er ernährte sich von Unterricht, Zeitung, Arbeit der zu schneidern beginnenden Töchter und Sparsamkeit der Frau, kleinbürgerlicher Französin — Demokratie ward Märtyrertum, fanatisch getragnes; Züge des Alternden wurden scharf; bitter und tröstend die Stimmung eines verspäteten Achtundvierzig.

Lauda war bei ihm zu Gast, sah, in wie engem Bezirk ein Mensch leben kann, Grenzen des Käfigs waren die der Welt. Es durchwanderte der Alte diesen Bezirkunermüdlich, hatte Wege angelegt, alles eingeteilt: wer nicht böswillig war, brauchte sie nur zu begehn und schaute die in Demokratie geordnete Welt. Sie war die Wahrheit, es gab keine andre; noch größer als Erregung über Nichtbereitschaft der Geister war Staunen — darüber grübelnd, fand er neuen Beweis, fügte ihn ein, nun war die logische Kette geschlossen. So war einer Freidenker — er selbst war Freidenker, Priester hieß Pfaffe, König Tyrann. Justus gestand, einst Romane und Verse geschrieben zu haben, Thema des Romans: Kampf gegen Vorurteile, Verse: Epigramme, darin einer die Welt am gesunden Verstand maß. Die Welt hatte sie nicht gelesen, ihr Schade.

Lauda, dem er der rationalistische Mensch schlechthin war, reines Extrem, klar zu überschaun, folgte der Einladung, wiederzukommen, begegnete plötzlicher Herzlichkeit und dem Geständnis eines entbehrten Ideals: Verkehr aufrechter Männer, zweimal in der Woche, Schachspiel zur Übung der Hirnkräfte und Kegeln zu der des Körpers; Gemütlichkeit bei Bier und einfachen Sitten. Er entwand sich höflich, Justus kam ihn mit seiner Familie besuchen, Prinzip der Gegenseitigkeit. Mensch, den er als Mensch gelten lassen wollte, ward lästig, zwang dazu, Beschränktheit lieblos zu benennen, Abstand mit allen Mitteln zu setzen, und aus einem Freund ward Feind, der ihn geheimen Anhänger des preußischen Systems nannte, weil er von dessen Philosophie sprach.

Es kam der Augenblick, wo Justus vor den Versammelten aufsprang, sagte: „Er ist nicht das, was uns nottut, Politiker, er ist der Geistigen einer, die alles verstehn, mit jedem Gedanken huren; sie werfen ihre Leidenschaft auf ein Objekt für drei Monate wie ein Schauspieler seine unehrliche Glut für drei Stunden in eine Rolle. Denkt er ans Volk? Er denkt an sich, er will nicht Zustände ändern, sondern Ideen klären“, und mitgerecktem Zeigefinger dastand, als fordre er das Volk auf, zu steinigen.

Lauda war versucht, für einen Augenblick hinauszugehn, nicht wiederzukehren — es hätte jener recht gehabt. Blick in das verzerrte Gesicht des Manns gab ihm das skrupellose Argument unbefriedigter Ehrgeiz, und er war gehorsam dem Gesetz der Realität, Angegriffner wehre dich. Danach ekelte ihn vor erlangter Kenntnis, was ein Tribun sei, Beredsamer in Geste der Treuherzigkeit.

Ruhiger geworden, sprach er mit Hans von dem leisen Grauen, dem Widerwillen im Hintergrund, die er empfand, wenn wieder die Bekanntschaft eines Menschen durchlaufen war. Zuerst, war er noch neu, sah man das Tüchtige in ihm, seine Energie, das, um was er kämpfte, die durchdachten Ideen; dann, schattenhaft, verschob sich das Bild, es traten hervor die Banalität, die fixe Idee, die Grenzen, die Enge; zuletzt wies er die Zähne des Egoismus, verteidigte den Käfig, in dem er saß und den er nannte Leuchtturm der Wahrheit.

„Was schwerer wiegt,“ sagte er, „und was zu lähmen droht, ist der Widerstreit in mir, wie ich solchen Menschen, jeden, werten soll. Wertung ist nicht nur Anmaßung, sie ist auch durchaus willkürlich, denn wir tragen keine andre Norm in uns als selbstfestgesetzte, eine von vielen. Wonach aber setzen wir fest? Nach Interesse, nach einem politischen oder gesellschaftlichen Standpunkt, von dem ich wenigstens weiß, wie relativ er ist. Was habe ich ausgesagt, wenn ich Justus einen Dummkopf nenne — gestern hatte ich Respekt vor ihm, morgen werde ich mit ihm zusammenarbeiten. Klarheit ist nur, wenn ich jemand liebe oder hasse, Urteil ausscheide oder einschalte. Alle scharfen Urteile sind diesseitig; in der Welt, in der jede Existenz von der andren getrennt ist, kann es nur Urteile des Hasses, des Gegensatzes, der Trennung geben. Aber in sie spielen fortwährend dieUrteile des Absoluten hinein, die skeptisch gegen Benennung sind, weil sie religiös sind, die Getrennten vereinen und, nun nicht mehr pessimistisch, Nachsicht, Milde, Duldung gebieten. Nicht darum zuletzt ist die Sphäre der Realität die der Qual, des Hin- und Hergezerrtseins — man könnte, man sollte ein neues Lehrfach der Erziehung finden: Unterweisung in Grundtatsachen der Existenz; Zwiespalt, Unversöhnlichkeit der Prinzipien würden gelehrt, Ableitung daraus einer großen Klarheit, einer Kenntnis der Maschinerie in uns, einmündend in die Nachsicht mit ihrer Ohnmacht und das Suchen nach Überwindung der Ohnmacht — erkannte Gesetze werden Schalter mit spielenden Gelenken. Der Mensch hat noch nicht denken gelernt, weilt noch im Stadium des geistigen Manchestertums, wo die Welt der Empfindungen ein Haufe durcheinander kriechender Schlangen ist.“

Sie saßen am Kai, Wellen des Sees schlugen nach den Bänken. Barbara ging mit einem Mädchen vorüber, grüßte. Lauda stand auf, Barbara sagte:

„Wir wollen segeln, meine Schwester und ich, wir haben Platz, schließen Sie sich an?“

„Darf ich meinen Freund mitnehmen?“ fragte er, wandte sich nach Hans um und sah ihn verzückt das Mädchen anstarren.

Barbara richtete die Segel selbst, die Kleine ließ sich schelten, weil sie Handreichung verschmähte, lächelte nur aus so dunklen Augen, daß die Pupille nicht sichtbar war. Andres Temperament, innigeres, derb schaltende Herzlichkeit Barbaras gedämpft durch Süße.

„Wenn ich hätte tun können, was Gefühl mich hieß,“ sagte Hans nachher, „würde ich wie mit einer kleinen Insulanerin ein zärtlich-lehrhaftes Gespräch über mein Entzücken auf den ersten Blick und seine Gesetze, die Gesetze in ihr selbst, begonnen haben. Denn es gibt Gesetze unsres Naturells und wir müssen ihnen nur gehorsamsein, um ohne Vorbehalt und Lüge zu lieben. Fast immer entschließen wir uns unter Vorbehalt und Lüge zur Werbung: Zufall führt mit einer Frau zusammen, die uns fast ganz, aber doch nicht ganz gefällt, Gelegenheit ist günstig, man ist des Suchens müde, und das übrige tut die Frau, sie fühlt, daß wir zur Anpassung bereit sind und holt sich, was sie haben will.

Ich, der kleine feste Körper ohne differenzierte Nerven anbetet und auf die Entdeckung der heimlichen Fülle um der sichtbaren willen verzichtet, bin immer von Schlanken, Nervösen erobert worden, selbst zu underb und hilflos, um zu widerstehn. Das war die Untreue gegen das erste Gesetz, das mich kräftigere Körper, als meiner ist, lieben heißt. Das zweite hebt die Gegensätzlichkeit wieder auf und verlangt, daß ganz zarte, heimliche Wärme in ihnen ist, ohne Dämonie oder kaporalhaftes Temperament. Wie ein kleines warmes Tier schaute sie aus Mantel und Muff heraus; die Eigenwärme des Geschöpfs ist das Herrlichste.“

Wie Puck es gesagt hatte, in den Augen Barbaras war ein schlaues und lustiges Bewußtsein von Energie. Sie konnte nicht untätig sein, und sie ertrug es nicht, wenn ihre Patienten untätig der Mattheit in sich selbst zuschauten. Indem sie bei denen, die Kranke des Willens waren, das Gefühl, dem Leben nicht gewachsen zu sein, nicht duldete, hatte sie große Erfolge, heilte durch persönliche Kraft, selbst Heilfaktor; es geschah aber bisweilen, daß einer unbesiegbar sich vor ihr verschloß, ihrer zu deutlichen Gesundheit die Verachtung des Differenzierten entgegensetzte.

Lauda beobachtete, daß es ihr dann nicht darauf ankam, die bei jenen erprobte Macht bei diesem bewußt zu versuchen, indem sie sie in weibliche Reizung verwandelte, Wünsche erregte, Wunsch erlaubte. Auf die stumme Frage des Zeugen gab sie gleichsam die Antwort: was macht es, daß einer mich nachts in seine Träume zieht?

War das königlich, oder mütterliche Klugheit, die um den erotischen Untergrund aller Wirkung wußte, oder ein hetärischer Anflug? Was war prachtvoll an ihr? Daß sie alles Komplizierte und Getrennte mit optimistischer Energie hinwegschob — aber um diese Geste war ein Schleier zu wenig. Ihre beste Zeit, dachte er, wird sein, wenn sie in reifem Alter steht, noch immer eine schöne große Frau, die erlauben wird, gewisse Dinge sehr deutlich zu benennen, nicht prüde, erfahren, unverwüstlichan Spannkraft, von jener Klugheit des Nahen, die Beschränktheit des Fernen ist, und Derbheit durch Würde gebunden. Gegenwärtig ist sie eine Frau, die noch nicht selbst erlebt hat, erregte Wünsche noch nicht erfüllt.

Konnte sie sie erfüllen? Ihm nicht, dem sie zu der erstaunten Feststellung verhalf, daß sie, Gefäß des drängenden Bluts, ihn nicht in Versuchung führte. Sah er sie an, wünschte er seiner nächsten Geliebten ihre Gestalt, die Erfüllung der Sehnsucht war, im Körper der Frau das Symbol des Kosmos zu umfangen, der mühlos rotiert, denn alles ist fest, reich an Energie, voll Spannung, nicht nur eben lebensfähig, Nerven gebettet in Fülle — und blieb doch kalt bei so viel Wärme, weil sie den dunklen süßen Schmerz nicht gab, Hauch der Bitterkeit nicht kam; zu positive Frau.

Und da er Zeuge des fast knabenhaften Idylls wurde, in das sich Hans mit der heimlich getroffnen Schwester spann, verzückt vom Glück des kleinen straffen Puppenleibs, dem innigen Dunkel lächelnd hingegebner Augen sprechend, ward das Bedauern, nicht selbst die volle Summe notwendiger Bedingungen erfüllt zu sehn, zur Trauer, daß es ihm versagt sein werde, sie je erfüllt zu sehn. Ein neuer Typus ersehnter Frau ergriff von ihm Besitz, der königlicher, üppiger als der frühere war — gesunder Körper, der machtvoll in sich ruhte, sieghaft, stark.

Vorstellung war es, die parallel auf der ganzen Linie vorrückte. Tag brachte Geschäftigkeit in Fülle, Wirken durch Wort, Einsatz von Mut, der die Folgen des Bekennens nicht mehr scheute, Umgang mit Menschen. Nachtstunden waren der eignen Arbeit zugewandt — Energie wuchs aus Energie, er sah sich ganz versetzt in die Arena der Tat, und die Zeit, da er bei allem die Frage nach dem Wert des positiven Treibens aufgeworfen hatte, lag fern zurück, entglitt; er fühlte wohl, daß er ein Seil verlor, an dem sich entlang zu tasten gut gewesen war, aber erkonnte es nicht halten, neue Jugend war stärker als vergangnes Alter. Es zog ihn zu den Menschen, über deren Ohnmacht, Egoismus, Sentimentalität, sich eingeschlossen, er keine Illusionen hatte. Gleichwohl, ein Rest blieb, der durch Scheidewasser nicht aufzulösen war, ein radiumhafter, unerschöpfliche Potenzen schleudernder Kern, mystisch und zäh, und war wohl die vitale Energie an sich, das sieghafte Ja, das triumphierte, sobald man nicht die letzte Konsequenz des Nein zog, die Selbstaustilgung.

Und dieser Kern war mit einer bestimmten Eigenschaft positiv geladen, die zu benennen es ihn nun drängte: mit einer seltsam süßen Zärtlichkeit. Bei Barbara stellte er negativ fest, daß diese Eigenschaft irgendwie existieren müsse. Eines Abends ging er durch die Bahnhofstraße, sah vor einem Kürschnergeschäft eine Frau stehn, auch sie königlich, ganz in Biber gehüllt. Er fühlte den elektrischen Schlag, trat neben sie, es war Elena. Abermals Bedauern in ihm und in unmittelbarer Reaktion Erkenntnis jener Eigenschaft, nach der er sich sehnte: die Vitalität durfte nicht zu direkt ausströmen, mußte einen Widerstand passieren, der die Scham der Frau gebar, die in sich lauschende Innigkeit.

Nicht zu positiv sein, nicht als Frau herausfordernd zur Schau tragen, daß in ihrem Schoß die Quellen springen, es in Geheimnis hüllen, das nur ein andres Wort für Demut ist — Demut enthielt noch immer den Bestandteil Mut; aber Elena hatte nur den Mut, nicht die Wärme des Bergens. Schauend in die Auslage, wo kostbarer Pelz ausgebreitet lag, hatte er die Vision einer Frau, von der dieses Rauchwerk fallen könnte: sie stand gleichwohl in Wärme, Wärme war Ausstrahlung des in sich geschlossnen Kosmos, dessen Wesen ist: Hüten, Hegen.

Jene Eigenschaft des vitalen Kerns war also, um in seiner Sprache zu reden, nicht primäre Eigenschaft, erst sekundäre, erworbne, Produkt eines Widerstands gegendas Elementare, und es fiel ihm ein, daß er schon einmal Güte und Liebe als Widerstandsphänomen empfunden hatte. Widerstand wessen? Des vom Primären erzeugten Geschöpfs, das nun selbständig geworden ist, dem Elementaren nicht mehr willenlos untertan sein wird. Hier war die Geburt der Menschlichkeit.

Elena war ihm nie Geliebte gewesen: Brudergefühl, das er, Geistiger, ihr, der Hetäre, gab, war wie eine Kameradschaft, heterogen und parallel — nun geschah es, daß er auf dem Umweg über das luxushafte Restaurant mit ihr nach Hause fuhr; aber zum erstenmal Gast in ihrem üppigen Gemach, der stolz selbstbewußten Verwertung ihr verliehner Reize, wußte er, daß er es nicht mehr betreten werde, sehnsüchtig nach leisrer Weiblichkeit. Und Claire, fragte es in ihm, ist sie nicht von dieser Art? Auf der innren Szene stand die Ferne, Halbvergessne, alles Licht auf ihr vereint, und siedend stieg das Gewissen auf. Aber welchen Wert hätte es gehabt, zu leugnen, daß Gewissen nur Macht über ihn hatte, wenn die Zeit gekommen war, daß er selbst, aus sich, auf den Mensch neben ihm stieß?

Im Anfang hatte er nicht geschrieben, weil Sinn der Trennung war, jeden sich selbst zu überlassen, abzuwarten, unter welchen Umständen er sich dem andren wieder zuwenden werde; danach nicht, weil schriftlicher Verkehr ihm gesperrt war. Er wußte nur, daß Claire Brüssel verlassen hatte, als er nicht zurückkehrte, und in Berlin lebte. Er schrieb ihr, Graumann erbot sich, den Brief auf geheimem Weg, der der direkteste des Botschaftskuriers war, zu besorgen.

Suchend den Mensch, begann er, im ersten Schimmer die Frage zu sehen, die wie ein verhülltes Bild dort stand, wo der Weg der letzten Erkenntnis sich verlor, scheu gemieden, immer umkreist — die Frage nach der Freiheit des Willens.

Wer tätig war, wer an Einwirkung glaubte, wer irgendwie Erzieher sein wollte, mußte die Mutationsfähigkeit des menschlichen Kosmos bejahn. Es stand ihr gegenüber die reine Anschauung, die keine Wertung, nur Abrollen der Dinge kennt.

Glaube an die Mutationsfähigkeit war Widerstand des Optimistischen gegen den religiösen Pessimismus, der Tat verwarf, wie er den Eintritt des Willens in Existenz verwarf, weil Teilung der Totalität Untreue der Totalität gegen sich selbst war. Das von der Totalität hinausgeschleuderte Geschöpf trug ihre Energie in sich, verwandte sie dazu, in der Existenz seßhaft zu werden — aber die Energie drängte zur Totalität zurück, erreichte sie durch den Tod. Konnte nun das Geschöpf einen Teil der Energie dazu benutzen, um sich ihrem eignen Ablauf entgegenzustellen, wie man vom hochgespannten Strom einen Teil für den Hausgebrauch ableitet? Ohne Zweifel, die Tatsache des Widerstands stand fest, Zeitlichkeit, das heißt Tat, verhielt sich zum Elementaren wie Hausstrom zur Hochspannung. Das war die eine Wurzel des freien Willens.

Der Mensch richtete sich in der Existenz ein, als sei er nicht sterblich, schuf die eigne Domäne und erfand Regulative, die nichts waren als Hemmung des Triebs, sich und nur sich zu manifestieren, den man Egoismus nannte. Die geteilten Existenzen, von Natur aus Todfeinde, einander zur Nahrung brauchend, erkannten das Recht des Bruders an — freier Wille war Spaltung des Willens, Aufruhr des Gezeugten gegen den Vater, ein Widerstandsphänomen.

Barbaras Umgang mit den Patienten beobachtend, fragte er: „Woher nehmen Sie diesen positiven Glauben an die Mutationsfähigkeit des Organismus, aus der Wissenschaft oder Ihrem Naturell?“

Sie verstand die Problemstellung nicht, er erläuterte: „Soweit die Medizin Wissenschaft ist, arbeitet sie mitmaterialistischen, das heißt passivistischen Auffassungen. Der Organismus ist das Gegebne, ein Gegenstand mechanischer, chemischer, physikalischer Einwirkung, nicht aber seelischer, über die nichts ausgesagt wird, weil der Begriff Seele nicht objektiv erfaßbar ist. Der Wille entzieht sich dem Mikroskop, also geht man ihm aus dem Weg. Haben Sie schon einen Wissenschaftler gesehn, der den Mut hätte, etwas über die Freiheit des Willens zu sagen, es sei denn, daß er zu den Psychoanalytikern gehörte? Deren große Leistung ist dieser Mut, Angriff auf die Materie von der vitalen, lebenden Seite her und Glaube an Mutationsfähigkeit — sie dringen von dem, was nur Manifestation des Willens ist, dem Körper, zu dem vor, was primär ist, dem Willen. Die große Frage lautet: ist Wille, sobald er einmal eine körperliche Form gefunden hat, an ihre Struktur gebunden, oder kann er Einfluß auf sie gewinnen, das heißt sie und das heißt doch wieder sich selbst ändern? Sehn Sie die Tiefe des Problems?

Was ist ein schwächlicher Mensch, einer Ihrer Psychopathen? Zunächst Manifestation eines bestimmten Zustands der vitalen Kraft, der zwar auf erblichem, historischem Wege bedingt worden ist, uns aber durch und durch bestimmt. Können diese Bedingungen geändert werden? Wie kann ein solcher schwächlicher Wille dazu gebracht werden, von sich selbst frei zu werden? Das ist nur denkbar, wenn man ein rein philosophisches Glied einfügt: daß in allen Existenzen, mindestens derselben Gattung, der gleiche Grad von Energie gebunden sei und daß diese Bindung sich irgendwie wieder lockern lasse. Wodurch? Gewiß nicht durch den freien moralischen Willen, den die Dualisten annehmen, sondern eben durch Lockrung, mit andren Worten durch zähe, langsame Einwirkung, Erziehung, Absolvierung unendlicher Stadien und Zwischenglieder.

Grundsätzlich sind ein plumper Realist und ein differenzierter Ideenmensch durch nichts getrennt als durchverdickte Ebnen, die aufgelockert werden können; Genie und Durchschnittsmensch durch noch nicht überschrittne Zwischenglieder. Es eröffnet sich eine wunderbare und ungeheure Demokratie der Existenzen, und sie ist, nebenbei, die metaphysische Begründung der politischen Demokratie.

Aber kehren wir zu dem Schwächlichen, am Willen Krankenden zurück. Wissen Sie in Ihrer Gesundheit, wie dumpf, matt, stündlich aussetzend das Hirn eines blutarmen Menschen funktioniert? Was werden Sie als Ärztin tun? Die Blutarmut durch Ernährung und andre Einflüsse beheben wollen. Gut, aber da Sie Frau sind, vital und praktisch, tun Sie noch mehr, als die Wissenschaft Sie lehrt, Sie suchen auf die Energie selbst zu wirken, das heißt, Sie üben aus, was ich theoretisch errechnete, die Gleichheit des Energiequantums in allen Menschen; Sie glauben instinktiv an die Mutationsfähigkeit, Sie arbeiten mit einem unwissenschaftlichen Prinzip, dem Willen, der in das Gebiet der Metaphysik gehört, und — berichtigen die Wissenschaft.“

Danach machte er die alte Erfahrung, daß Einstellung auf einen Gedanken genügte, um ihn auch bei allen andren, in jeder Stunde des Tags, zu finden. Es war Schreiner, mit dem er die nächste Diskussion hatte. Schreiner schrieb alles Elend, Verbrechen, geistige Dumpfheit den Verhältnissen zu — ändert die Verhältnisse und es wird kein Verbrechen mehr geben, der Mensch ist von Natur aus gut; belehrt ihn, er wird gütig sein; versetzt eine Schar Proletarierkinder in lichte, warme Sphären, und ich mache mich anheischig, so tüchtige, talentierte, geniale Menschen aus ihnen zu machen, wie das wohlhabende, studierende, herrschende Bürgertum sie stellt; Erziehung ist alles.“

„Erziehung ist viel,“ sagte Lauda, „sie ist sogar alles, vorausgesetzt, daß man sie weit genug nimmt. Wir betreten ein Gebiet, wo äußerste Differenzierung der Behauptungennötig wird. Zunächst ist zu sagen, daß der Mensch nicht gut ist, sondern gut werden kann, in dem Sinn, daß das Regulativ des Guten sich in ihn wie eine Achse senken läßt, um die sein Kosmos rotieren soll. Gut sein ist eine Korrektur des natürlichen Egoismus, wird nie mehr sein, es ist eine Idee über der Wirklichkeit, nicht Wirklichkeit selbst. Ferner ist zu sagen, daß keine Erziehung das Verbrechen ganz aus der Welt schaffen wird, denn das Verbrechen ist nur vom Standpunkt der Gesellschaft und des Brudergedankens aus verwerflich; neben dem Bruder wird es immer das Ego geben, und hier ist Verbrechen eine Manifestation der primären Energie des Ego, es ist eine ganz tiefe und so reale Erscheinung, daß man es metaphysisch nennen kann, es ist unmittelbare Aktivität, Widerstand des Ego gegen Gesellschaft und Bruderidee, es ist das Leben selbst; würde die Gesellschaft je ganz licht organisiert und Armut ausgeschaltet, das Verbrechen würde als Reaktion gegen die Sanftmut und Banalität dieser Ordnung auftreten, denn Verbrechen ist Aufhebung der Idee der Ordnung, wie diese ihrerseits Aufhebung der Idee der egoistischen Einzelerscheinung.“

„Worte,“ sagte Schreiner.

„Nein, Metaphysik.“

„Erbärmliche Worte, weil ich nach der Konsequenz fragen muß, die Sie aus dieser Anerkennung des Verbrechens ziehn. Sie reden wie ein Ästhet, der die sogenannte Schönheit und Wildheit des sich zerfleischenden Lebens nicht missen will; es soll alles bleiben wie es ist, denn das soziale Elend erzeugt eine Differenzierung und eine Zerlegung des Daseins in Milieus, die ihm wohlgefällig sind, weil er Romanstoffe daraus gewinnen kann.“

„Mögen Sie das dem Ästheten sagen, nicht mir,“ antwortete Lauda. „Richtig ist, daß es auf die Konsequenz ankommt, die man zieht. Die meine heißt, daß die Einsicht in den ewigen, elementaren Charakter des Verbrechensder Idee der Güte ihre Größe und ihre idealistische, das heißt relative Eigenschaft gibt. Güte ist Setzung, nicht Wahrheit, souveräne Leistung, nicht Gehorsam. Ohne das Hintergrundsgefühl ihrer Künstlichkeit ist sie sentimental — der moralische Optimismus der deutschen Pädagogen ist sentimental, weil er bekehren und zum Guten zurückführen will, während es gar keinen Punkt gibt, wo das Gute tatsächlich existiert. Rousseau suchte diesen Punkt und fand ihn in der paradiesischen Vergangenheit; auch Sie sind rousseauisch und darum bolschewistisch, denn bolschewistisch sein heißt, durch Zwang zum Normalguten zurückführen wollen.“

„Leugnen Sie,“ fragte Schreiner, „daß durch Verpflanzung in günstiges Erdreich verkümmerte Arbeiterkinder zu Menschen werden können?“

„Niemand leugnet es, obwohl ich jede Präzision dessen vermisse, was Sie in diesem Satz unter Menschen verstehn. Leute, die freier von Neid, Haß, Bitterkeit, reicher an Würde, Selbstbewußtsein, Unbefangenheit sind? Ohne weiteres zugegeben. Aber Ihre Meinung scheint zu sein, daß solche entlasteten Kinder auch besser, gütiger hilfsbereiter sein müssen. Es wäre ein Irrtum. In dem ungeduckten Mensch wird Energie frei, die er nicht mehr zur kümmerlichen Behauptung seiner Existenz braucht — er wird sie sofort seinem primären Egoismus zuführen, mehr Macht, Geld, Genuß erreichen wollen; das in günstige Verhältnisse gestellte Proletarierkind wird Unternehmer, Beamter, Offizier, so banal wie irgendein Bürger werden, wenn Sie nicht den Druck der Not, unter dem es stand, durch einen andrenersetzen, denn das tiefste Geheimnis des Menschen ist, daß sein Kosmos nur dann Dichtigkeit besitzt und rotiert, wenn er unter einem atmosphärischen Druck gehalten wird. Statt daß das Proletarierkind durch die bloße Befreiung gut werde, wird es entfesselt werden, es sei denn, daß Sie ihm das Regulativ einer Idee setzen: das ist der Sinn der Erziehung,und dieses Regulativ ist jener Druck — das heißt, genügt nicht, den Menschen zu befreien, es ist erforderlich, ihn danach zu leiten. Energie braucht Form; befreite Energie zerstört die Form. Druck durch Not, eine ausnutzende Kaste, irgendwelche andre materielle Faktoren: das ist niederträchtig; Druck durch eine Idee, ein Erziehungsideal: das ist notwendig.

Deshalb halte ich nicht viel von dem Angebot des Sozialismus, Ersatz für Religion zu sein. Er meint, es genüge, die materiellen Bedingungen des Arbeiters zu ändern, um bereits den bessren Mensch zu erhalten; er ist ganz optimistisch, es fehlt ihm jener Einschlag von Pessimismus, der weiß, daß der Mensch Bindung, Gebot, übergeordnete Ziele braucht — die Herrenkasten, die Konservativen wissen es, auch die Kirche, die darum so gern das Bündnis mit den Regierenden eingeht. Sozialismus ohne eine pessimistisch abgeleitete, optimistisch orientierte Erziehungsarbeit, mit andren Worten Sozialismus ohne das Verhältnis zu Ja und Nein, wird sich als kraftlos erweisen, wenn je der Augenblick kommt, wo er die Macht erhält.“

Aber hier begann erst das Problem, das ihn interessierte: war Naturelländrung durch Einwirkung möglich? Das Proletarierkind, um bei diesem Beispiel zu bleiben, brachte, Befreiung vollzogen, doch sein Naturell mit, das in einem bestimmten Verhältnis zwischen freier und gebundner Energie bestand — es hatte Eigenschaften, die Zellen waren von den Eltern, der Vorgeburt her, imprägniert. Konnte ein Unzuverlässiger zuverlässig, Jähzorniger beherrscht, Eitler sachlich, Zögernder und Unschlagfertiger rasch und bestimmt werden? Hier, in der mitbekommnen Form des Ich, lag die zweite Wurzel des freien Willens und war nur die angewandte Form der ersten, daher man auch fragen konnte: ist Lockrung der Form des Ego, Ändrung des Verhältnisses von freier und gebundner Energie, Verstärkung des Quantums an freier, also Verwendung der Reserven, möglich?

Antwort lautete: unaufhörliche Schläge lösen das festeste Gefüge, sei es, daß der Wille zur Lösung von dem an seinem Naturell leidenden Individuum selbst oder von Erziehern ausging. Lauda erinnerte sich seines Vaters. Dieser war ein weicher, impulsiver, schwankender, ruheloser, unbefriedigter Mensch gewesen, der eines Tags freiwillig schied, als der Ausweg verstellt war, eine zu spät überlegte Handlung Konsequenzen zeigte, wie ein Gläubiger den Schuldschein präsentiert. Er war im Kampf des Willens gegen das Naturell unterlegen, aber er hatte dessen Gefüge so gelockert, daß der Keim des Sohns von diesem Willen neue Richtung, den mystisch elektroiden Stoß erhalten hatte. Was er selbst nicht erreichte, erreichte er generativ: der Nachkomme, gezeugt in einem Augenblick von Energieanstrengung, die für den Vater ein Maximum und doch nicht genügend war, vollzog die Mutation durch einen verhältnismäßig leichten und in frühe Jahre fallenden Kampf — Erinnrung Laudas an Selbstbehauptungskrisen um das zwanzigste Jahr.

Man konnte die Mutation auch in sich selbst dadurch erreichen, daß man zwischen zwei extreme Zustände unendlich viele Zwischenglieder einlegte, fort und fort die unmerklichen Schritte vollzog; doch das war nur denen gegeben, die in sich selbst den Gegner sahn, sich nicht hinnahmen, sondern Widerstand leisteten. Für die Masse galt, daß der freie Wille die Generation zu Hilfe nehmen mußte, und das wurde Lauda die Begründung des sich ihm anbietenden Erziehungsgedankens. Das Individuum genügte nicht; wer das Ja aussprach, wurde dazu gezwungen, in Generationen zu denken; Gestaltung einer Idee, Formung eines Charakters griff in die Zukunft über den Einzelnen hinaus. Errichtung des vollkommnen Staats durch Festsetzung eines Termins und durch die lebende Generation selbst wurde sinnlos: Ablehnung des Terrors von der energetischen Auffassung des freienWillens her, der darin bestand, daß neue Kristallisationsachsen des Kosmos Mensch gefunden wurden.

Aber für seine Person stand er nun tief im Land der gestalteten Welt. Gemeinschaft griff nach ihm, drängte den einst am fernsten liegenden Gedanken der Erziehung im Sinn der Umschichtung auf, wie andre in dieser Zeit sich in den Gedanken der Macht gedrängt sahn — wurde Erziehung die für ihn eigentümliche Form der Tat?

Schreiners Tisch und der Laudas im Café standen nebeneinander, bei Lauda saßen Hans und Siriwan. Seitdem in Rußland Lenin und Trotzki Kerenski gestürzt hatten, war Schreiner in ungeheurer Erregung; ihre Ablehnung des Kriegs bedingte, daß sie den Widerstand gegen die Deutschen einstellen mußten — die Frage war, ob sie Frieden mit ihnen schlossen oder einfach die Operationen abbrachen. Ihm war nur der zweite Fall denkbar: sie würden zurückweichen, die Deutschen einmarschieren und sich in dem ungeheuren Land verlieren lassen.

Das Abendblatt wurde ausgerufen, Schreiner stürzte hinaus, als er wieder eintrat, stierte er in die Zeitung:

„Ungeheures geschieht, sie verhandeln.“

So groß war sein Glaube, daß er sich bezwang und sagte:

„Sie wissen, was sie tun, wir übersehen ihre Pläne nicht. Der Friedensschluß des Partners wird in den Völkern der Entente das gleiche Verlangen, der Widerstand der Regierungen die Revolution erzeugen, zwischen zwei Revolutionen wird Deutschland nicht kaiserlich bleiben; es ist im Marsch: die Weltrevolution. An Neujahr ist Europa sozialistisch.“

„Was ist dann?“ fragte Lauda hinüber, „es beginnt die Epoche der äußersten Irdischkeit, der großen Materialität, der souveränen Macht des Staats. Ich leugne nicht, daß es der grandioseste Versuch sein wird, Wirklichkeitnach der Idee zu formen, ganz schöpferisch zu sein — ich stelle nur die Frage, was wird geschehn, wenn Ihre Erwartung nicht eintrifft, daß alle großen Staaten gleichzeitig diesen Willen haben? Im System der kapitalistischen Staaten kann System der sozialistischen nicht bestehn — es kündigt sich an, was der an die reine Idee Denkende vergißt, die Frage der Überführung von Idee in Form. Werden die russischen Arbeiterheere die Revolution nach Europa tragen? Schon daß sie sich bilden, ist Negation der Idee, Rückfall in das von ihnen verworfne Prinzip der Gewalt. Sozialismus darf keine Heere bilden, auch nicht zu Kreuzzügen.“

Danach begab es sich, daß Puck eintrat und erzählte, daß vor der großen bürgerlichen Zeitung Streikende demonstrierten: Steinwürfe fielen auf die herabgelassnen Läden, Patrouillen wurden bedrängt.Schreiner sprang auf, sagte:

„Jetzt fünf Minuten zu ihnen reden können, die russischen Nachrichten vor ihnen verlesen, sie anfeuern zum Glauben, daß heute die Umwandlung der Welt beginnt.“

Er zog seinen Mantel an, ging zur Tür, kam zurück und bat Hans, ihm seinen Überzieher zu leihn, unscheinbaren, sein eigner war mit Pelz gefüttert, ungeeignet unter Demonstrierenden getragen zu werden. Und er vertauschte die Mäntel.

Das war Wirklichkeit gewordner Vorfall aus einem Pamphlet „Der Revolutionär im Pelz,“ dessen grober Ironie man Anerkennung versagt hätte, weil sie zu direkt gewesen wäre. Puck lachte schallend, Siriwan sagte befriedigt: „Der Revolutionär hat sich entschleiert“ und schien nicht erstaunt zu sein; Hans erklärte:

„Die Menschen sind erstaunlich, und es ist mir immer wieder im Innersten fremd, was sie treiben. Warum soll einer, der die Lage des Volks verbessern will, nicht einen Pelz tragen; heißt denn Sozialist sein, den Sansculotten spielen? Statt zu denken: jeder, der im rauhen Wetterzu tun hat, soll einen Pelz besitzen, trägt er den seinigen mit schlechtem Gewissen.“

„Aber er trägt ihn, und darauf kommt es an,“ antwortete Siriwan, „und schlechtes Gewissen besagt nichts andres, als daß er zwischen den Gesinnungen steht, mutlos, unaufrichtig, verlogen, der Intellektuelle, der Schaumschläger des großen Worts, begierig auf die Führerrolle, die nie dem Könner, immer dem Hetzer oder Schmeichler übertragen wird. Tat, Tat schreit er sich und den Geistigen zu und weiß nichts andres darunter zu verstehn als Demagogie. Was ist er? Einer, der die Bequemlichkeiten des Bürgers kennen gelernt hat und zu schätzen weiß, sein Instinkt sagt ihm ganz richtig, daß Aufstieg immer eine Vermehrung von Komfort ist.“

„Nehmen wir zu seinen Gunsten an,“ sagte Lauda, „daß er nicht nur subjektiv unklar zwischen den Lagern steht, sondern objektiv in einem Konflikt ist, gern das Recht auf den Pelz aussprechen möchte, vorläufiges Mißverständnis fürchtet.“

Aber die Verteidigung war matt: auch wenn man statt von Schreiner vom radikalisierten Intellektuellen sprach — die Lüge des Intellektuellen blieb, der nicht so identisch mit seiner Idee wurde, daß er als Proletarier unter Proletariern lebte.

Als Lauda an dem kleinen Hotel der Gasse vorüberging, in der seit Jahrhunderten fahrendes Volk, Varietéleute, Jodler, Soubretten über den Bierhallen des Erdgeschosses hausten, fiel ihm ein, daß Lisbao darin wohnte und bettlägrig war. Er stieg hinauf. Das Zimmer hatte keinen Ofen, es standen Bett, Tisch und Becken; hinter dem Vorhang des Wandschranks hing ein einziger Anzug, den zweiten trug Lisbao im Bett, die Wärme fehlender Decken zu ersetzen. Franziskanische Armut des Poeten — wäre er Poet im alten Sinn gewesen, Dachkammer mit Versen des klagenden Kinds verbrämend, er hätte auf die Dauer Besitz von der Vorstellungskraft des Bürgers ergriffen.

Daß er kein Wesen von dieser Dachkammer machte, gewann ihm Respekt Laudas, dem er die Hand lächelnd entgegenstreckte. Melancholie der leisen Stimme war natürliche Haltung eines, der Rimbauds Flucht aus Paris liebte, ganz anders war, nur Kaffeehaus und die Druckerei kannte, in der er seine Hefte selbst setzte, zwischen Winkelhaken und Holzschnittpresse jeden Handgriff übte. Nie hatte Lauda ein Wort der Intrige von ihm gehört, in einem Milieu von Künstlern und Literaten, dessen Spannungen sich täglich durch Intrige lösten.

Vielleicht vermied er deshalb, Einblick in seine arme Privatexistenz zu geben, weil sich um ihn, den Entfernten und Angreiferischen, für Entfernte und Nacheifernde ein Nimbus wob — es hielten ihn manche für einen Alten und Weisen. Auch konnte man sicher sein, daß, wenn er an den Tisch im Café trat, seine Brieftasche mit Zeitungsausschnitten gefüllt war, in denen das Wort Lisbao blau angestrichen — jeder Charakterzug eines Menschen, dem innren Anstand entsprungen, diente zugleich seinen egoistischen Interessen; es stand ganz in der Willkür des Urteilenden, welche Seite er sehn wollte.

Der Typus dessen, der den Blick für die egoistische Seite hatte, saß neben dem Bett Lisbaos, Brause, Literat aus der deutschen Hauptstadt, Typus in allem, berlinerischer Sprache, Schußfertigkeit des Urteils, Zurstreckebringen. In zehn Minuten war der Kranz der Zeitgenossen durch die unterrichtete Zunge entblättert, es stand die Misere deutscher Geistigkeit in erschreckender Nacktheit. Daß er selbst in einem Propagandaamt saß, war Handlung des Zwangs mit dem jesuitischen Vorbehalt des Klügren. Seinen Einfluß zu beweisen, erbot er sich, Lisbao und Freunde in Berlin berühmt zu machen, genaustes Programm. Halb ward Lisbao verlockt, halb fürchtete er nationalistische Ausnutzung, schädigend in französischen Kreisen. Lauda tröstete ihn, Brause würde hinter der Tür vergessen, was er im Zimmer versprochen hatte.

Heimkehrend fragte er sich, in welche Schicht er selbst gehörte, den Literat nicht liebend, der sich wichtig nahm, nicht den der Bildung und Erziehung hingegebnen deutschen Idealisten, der unfähig war, die Idee des pädagogischen Positivismus zwar zu setzen, aber zugleich durch äußersten Vorstoß des Denkens aufzuheben, und nicht das bürgerliche Lager, das seßhaft in Existenz war und Geistiges zum Schmuck degradierte.

Keine Frage war das, die ihm Qual bereitete; unbedingt abgelehnt nur der Literat, Entfeßler des Worts und Pathetiker der heroischen Geste; möglich das Verhältnis zu Idealist und Bürger — der eine Mitarbeiter, der andre Feld des vor Lauda tretenden Missionsgedankens. Der zu sentimentale Idealismus konnte ersetzt werden durch den, der Synthese aus Ja und Nein war, und das Bürgertum, die Irdischen, war der Boden, aus dem die Jugend wuchs, die Zahl derer herkam, denen man die Idee bringen mußte — eine Verwandtschaft bestand zwischen diesem Boden und dem Mütterlichen, das um einen Grad heiliger als alles andre Leben war.

Es erzeugte das Wort Erziehung, mit dem er nun zu operieren begann, Mißbehagen in ihm. Erziehung war ein zu positiv geladnes, pathetisch moralisches Wort, eifervoll, sentimentalisch. Erziehung bezeichnete nicht das, was er wollte, eine Auffassung, die Komponente aus zwei Gegensätzen, bedingtes Ja war, das seine Bedingtheit nicht fortwährend zur Schau trug, alle Energie des bedingunslosen Ja enthielt, aber durch das Hintergrundsgefühl des Nein straffer, gereinigter wurde. Erziehn wollen war Anmaßung; Erziehen schlechthin, Da-sein, Wirken, Daseiendwirken, mit andren und für sie denken, wäre die Umschreibung des fehlenden Worts gewesen.

So verhielt es sich auch mit dem Begriff Religiös. Er konnte ihn nicht umgehn, denn das Verhältnis von Ja und Nein, Aufhebung von Irdischkeit und Zeitlichkeit durch Totalität war religiös — es war die Quintessenz,wenn man die gemünzten Konkreta Gott und Seele einschmolz und den Stimmungsgehalt ausdampfen ließ, so daß nur die reale Abstraktion, präzise, übrigblieb. Und abermals verhielt es sich so mit dem Begriff Güte; sie war wie Religiös moralisch gerichtet, als Eigenschaft, Besitz, Gebot bestimmt, und sollte von diesen stimmungsmäßigen Beimischungen frei sein.

Diese Fordrung, empfand Lauda, ist nicht Willkür. Die Selbstbespieglung des Menschen in der gewählten Idee der Güte war das, was er Sentimentalität nannte — sie war die Lust, einen Gott gefunden zu haben, in dessen Hände man sich geben konnte: edelste Form der Sentimentalität, aber doch Rührung über sich selbst; das Bewußtsein fehlte, daß dieser Gott Geschöpf des Menschen, Symbol, nicht Wirklichkeit war. Es bestand ein Unterschied, ob man sich unter denDruckbegab aus dualistischem Unterordnungsbedürfnis, oder aus einem Entschluß, den man letzthin hygienisch nennen konnte, weil man für seinen Kosmos einen Zustand suchte, in dem er am leichtesten rotieren konnte — Demut des Moralischen wandelte sich in Anpassung an energetische Gesetze um, Mensch trat aus der ethischen Sphäre in die mathematische und war nur so im Stand, Güte, so weite Macht er ihr einräumte, doch jederzeit zurückzuziehn.

Er brauchte nur zu bedenken, wie verschieden an den verschiednen Tagen in ihm, Lauda, der Grad an Güte, das freie Quantum an Güte war. Es gab Tage, an denen sie schlechthin alle seine Anschauungen und Handlungen bestimmte, andre, in denen sie wie ein dekulminierender Stern ein wenig, ziemlich weit, ganz weit abseits stand; und das Entscheidende nun war, daß er für diese Unterschiede keinen objektiven Grund fand, stets sich mit sich selbst im Einklang fühlte. Bereitwilligkeit — Zurückhaltung — Ablehnung; Verzicht auf Egoismus — Einschlag oder Triumph von Egoismus waren Aggregatzustände, so berechtigt und notwendig wie atmosphärischerNiederschlag, der bald Schnee, bald Wasser, bald leichter Morgendunst, verschwunden am Mittag, war. Die Freiheit, naiv atmosphärisch zu sein, darauf kam es ihm an — grundsätzliche Güte wäre Vergewaltigung, Zwangszustand gewesen.

Letztes Ziel, stärkster Trieb in ihm war in der Tat: naiv zu sein; nicht in dem Sinn, daß er Denken, Widerstand leisten, sich selbst Zersetzen je als Hemmung empfunden hätte, sondern in dem des rücksichtslosen Durchbruchs zum Wechsel der atmosphärischen Aggregatzustände.

So kam es, daß nach einem Tag, an dem er sich ganz etwa einer Frau gewidmet hatte, am nächsten dieselbe Frau lästig fiel, weil sie aus dem beglückenden Gestern den Anspruch auf das fortsetzende Heute ableitete. Nichts aber war so schwer, als ihr klarzumachen, daß seine veränderte Haltung heute nicht Verleugnung des Gestern bedeutete, nur Selbstregulierung und die gleiche Naivität wie gestern war: der Konflikt mit ihr wurde unvermeidlich, und es gab nur einen Ausweg — nicht Trost für sie — das Nacheinander der Zustände als Gesetz zu formulieren, das unvereinbar mit dem Wunsch nach Dauer war.

Eine der Bühnen der Stadt setzte sein letztes Stück an; eingeladen den Proben beizuwohnen, sprach er mit dem Regisseur, selbstbewußtem Mann, und enthielt sich darauf jeder Teilnahme, vorschützend die ungünstig gelegnen Stunden.

Einiges vom Gang der Einstudierung erfuhr er in der Folge von Graumanns neuer Sekretärin, Else Jakobi, deren Schwester Rutt Schauspielerin war und in einer Rolle des Stücks auftrat. Lob Graumanns ihrer Intelligenz, die er der jüdischen Rasse zuschrieb, veranlaßte Lauda, sie zur Aushilfe heranzuziehn, er hatte für den jungen Rudolfi, der nach Deutschland zurückgekehrtwar, noch keinen Ersatz. Sie arbeitete so gut, daß er Graumann vorschlug, sie ganz in die Redaktion zu versetzen. Graumann weigerte sich, da erbot sich Fräulein Jakobi, beide Aufgaben zu übernehmen — Andeutung, daß sie Grund habe, Arbeit zu häufen.

Der Grund war mühlos zu erkennen: Melancholie; ihre Augen starrten manchmal in Grübeln, und die Freizeit der Abende war ihr tot. Kleine Orientalin, warm und üppig, von Wesen ganz unaufdringlich. Sie kam aus einer großen Landstadt des Ostens, wohin die Söhne, Studium beendet, zurückkehrten, um mit der Praxis die Familie zu gründen, suchend unter den Töchtern nach Geldinteresse und dem Rasseideal, der vollbrüstigen Frau, die Vorstellungen befriedigt und gute Mutter ist. Unlust der Schwestern, so zu warten und gewählt zu werden, Provinz nie zu überschreiten, war in Rutt mit Temperament verbunden, in Else mit Ethik.

Als jene Schauspielerin wurde, entließen die Eltern auch diese, der Schwester zur Seite zu stehn. In Berlin liebte Rutt sich durch die Reihe der Schauspielschüler, in dem Augenblick alles wissend, wo sie sich entschloß, ganz wissend zu sein, und zahlte den Preis, um den Erlebnis erkauft wurde; aber Erlebnis war das Mittel, das der Stimme Fülle, den Gesten Bestimmtheit, dem Blut Macht über die Leute gab. Spannkraft wölbte Brücken über die Stationen; die letzte war das Tor, hinter dem die wenigen sich sammelten, die den äußersten Ehrgeiz kannten — vor ihnen die Ebnen der Städte, in denen Gold, Hermelin und der große Name warteten. Sie brannte auf die Fahrt in sie mit den Nerven eines Renners, gewiß anzukommen, und sparte sich nicht für den Grafen auf, gewiß ihn gleichwohl zu finden.

Else, Hüterin nach dem Willen der Eltern, verständigte sich mit der Schwester. Hüten, das war ein Begriff aus der Sphäre des Patriarchalischen, die Welt war anders geworden. Else sah dem Schauspiel zu, das die Schwestergab, nicht abgestoßen, der Verschiedenheit bewußt. Mochte sich auch für Rutt aus Geschehn und Geschehn eine Einheit formen, ihr eignes Wesen war: Einheit bleiben. Sie wurde von den blonden Schauspielern begehrt, die Naturell voraussetzten. Verkehrend im Kreis der Verwandten, fand sie, großstädtisch modifiziert die gleiche Welt, in der die Männer heirateten, klug Sinnlichkeit und Interesse vereinend; sie fühlten, daß dieses schwellende Mädchen mütterlich war, Anträge folgten sich wie die feststehenden Namen der Tage. Else floh; es zog sie nicht an, was diese bewegte, Praxis des Anwalts, des Kaufmanns Gewinn. Sie suchte ein andres Lager auf, in dem die Standarte der sich befreienden Frau wehte.

Wenn sie die überzeugten Worte vernahm, fühlte sie wohl dahinter die mächtige Idee, aber wenn sie die Idee aussprechen wollte, wurden ihr dieselben Worte platt im Mund. Was lag vor? Ein Mangel dieser Worte, die so nützlich klangen; doch sie verstand ihn nicht zu benennen. Andre mochten dasselbe empfinden, sie steigerten die Nützlichkeit in Fanatismus, Fanatismus donnerte gegen den Mann — war sie selbst dem Mann feind? Er gab das Kind, er gab Erlebnis, er war zum mindesten eine der Möglichkeiten der Frau, den eignen Mittelpunkt, das innre Kreisen zu finden — war das nichts?


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