Berge legten sich vor, ehe sie den Umkreis des Menschlichen überblicken würde, Gang eines Jahrzehnts. Ihn anzutreten, begann sie mutlos zu machen, denn manchmal war es, als sende das noch ferne vierte Jahrzehnt nach dem kaum beschrittnen dritten das aus, was es an Ergebnis barg — Enttäuschung.
Zurückkehrend in den Kreis Rutts begegnete sie einem, der ihr den Punkt, an dem sie stand, geheimes Zögern, Atemschöpfen vor dem Antritt der Reise, mit bestimmtesten Worten benannte; seine Geistigkeit Wirbel aus: Wissen um die menschliche Natur, Spott über die Angstvor Erlebnis, klarstem Befehl, Erlebnis zu suchen. Er galt als Wortführer unter jungen Literaten, die Beschleunigung des Tempos in Stil und Aussprechen verlangten, war über Nacht aus dem Nichts in das Getümmel gesprungen, schon war ihm eine Fahne zugefallen.
Er zog von Stadt zu Stadt, in jeder fand er eine Freundin unter den Töchtern der Bürger; als die erste Dekade erreicht war, begann er die Rundreise von neuem und zwang jene, sich damit abzufinden, daß ein jeder die Folgen einer Begegnung, Sehnsucht nach Dauer, Qual des Alleinseins, Konflikt mit Bürgerlichkeit für sich zu tragen habe; Sehnsucht, Qual, Konflikt waren in Energie zu verwandeln, die Denken und Gefühl in Bewegung setzte; Begegnung war Festtag, und Festtage sind Episoden. Die Konsequenz verlangte, daß es auch der Frau erlaubt war, sein System der Vielheit und des Nacheinander zu proklamieren; da es konsequent war, erkannte er es an.
Er kam nach Berlin und stand vor Else Jakobi — an ihr, den Sinn zu begreifen. Er strahlte wie ein junger Gott in Energie; störend die olympische Gebärde. Sie durchschaute ihn, empfand die Lockung, gab nach; er mochte recht haben, daß, wer den Sprung nicht wagt, den Schritt nicht findet. Woche der Entrückung, Meister lehrte die Novize, vollkommner Kurs, dann reiste er ab, nahm sie in die Zahl derer auf, die er Korrespondentin zu sein würdigte; seine Briefe waren wie neue Berührung mit dem elektrischen Kontakt.
Sie sprach, als Lauda ihr Vertrauen gewonnen hatte, ohne Verhüllung. Ihre Schildrung des Freunds war ironisch, aber auch von einem Fatalismus, der hellsichtig war. Was half es, den Selbstsichren moralisch zu werten? Erlebnissen durfte man nicht fluchen, selbst wenn ihr Gewinn nur Melancholie war — vielleicht hieß Melancholie der letzte Sinn? In guten Stunden erkannte sie an, daß er ihr viel erspart hatte, den Umweg des Herzens und dieQual, verlorne Unabhängigkeit mühsam wiederzugewinnen.
Hätte sie nur gewußt, was mit diesem Gewinn anfangen. Wohltat war, daß die Ländergrenze, schwer überschreitbar, zwischen ihm und ihr lag; da las sie in der Zeitung, daß er zu einem Vortrag kommen werde. Sie erbat Urlaub, um so lang in die Berge zu gehn, zog ihn dann selbst zurück; bleiben und ihm wieder auf acht Tage untergeordnet sein, war weniger feig als flüchten. Lauda gab ihr recht; sie gehörte zu denen, die sich selber heilen, indem sie austragen, was in sie gesenkt wurde, langsam Wandelnde, doch sicher.
Als der Freund kam, erhob er nicht viel Anspruch auf ihre freie Zeit, eine Zuhörerin lud ihn aufs Seegut ein. Dort traf er Rutt, entführte sie nach St. Moritz. Else kam nicht aufsBüro, am zweiten Tag suchte Lauda sie auf, fand sie in einem der Mietszimmer, in denen Frauen zu sehn bewegte; freudlose Wände, nicht der Mühe wert, weibliche Hand daran zu wenden.
„Es ist gut so,“ sagte sie, „er verhalf zur Krise. Das Entsetzliche war, daß ich immer fühlte, etwas müsse noch kommen, um die Erniedrigung voll zu machen; es selbst herbeizuführen, fehlte weniger der Mut, denn ich sehnte mich danach, als die Vorstellungskraft; ich grübelte und fand es nicht.“
Er fragte, ob er es verantworten dürfe, sie allein zu lassen; sie antwortete:
„Am Tag gewiß, die Nächte sind schlimm, aber dann sind Sie ohnmächtig. Gut, daß es Nacht gibt, in der man die Dinge, sich selbst absolut sieht, das Absolute ist die Sphäre des Tods.“
Er hielt sie an diesem Abend durch Beschäftigung hin, dann führte er sie hinunter ins Fremdenzimmer Graumanns, da zu schlafen. Sie nahm an, aber als sie erfuhr, daß er die Nacht durcharbeiten wolle, bat sie, bei ihm lesen zu dürfen. Er begann zu schreiben, legte die Blätterauf den Stuhl, sie griff danach, nach einer Weile bemerkte er, daß sie selbst schrieb. Als er aufstand, sah er, daß sie seine Arbeit abgeschrieben hatte.
„Warum tun Sie das?“ fragte er, „Abschrift hätte nur Sinn, wenn sie mit der Maschine in vielen Exemplaren angefertigt würde.“
„Ich weiß, ich wollte nicht Ihnen helfen, sondern mir. Geistiges vom Keim bis zur Ausbreitung zu verfolgen tut wohl, es gibt nichts andres, was standhält. Ich fing zuerst das Buch einer Politikerin an, dann kam der Wunsch, die stärkre männliche Energie zu spüren, stärker weil sie weiter und duldsamer ist. Liegt in der Tiefe nicht das Gefühl, daß alles auch anders sein könnte, als es ausgesprochen wird? In den Büchern der Vorkämpferinnen begegne ich ihm nie.“
Sie bereitete den Kaffee der zweiten Morgenstunde, danach sprachen sie von dem, was der Frau bleibt, die jenseits der Ehe getreten ist.
„Als die Frau noch aufs Haus angewiesen war,“ sagte Lauda, „gestern noch, war sie derjenige, der kraft des Gehorsams gegen die Tatsächlichkeiten von Geschlecht und Wirkungskreis, identisch mit ihnen zu bleiben vermochte, allein dauernde und reine Menschlichkeit erreichte, weil er duldend war. Herr bleiben, also identisch sein, diese Idee des Manns, ist nur eine Fiktion, ein künstliches Ideal. Jeder Mann ist nur eine Zeitlang, periodisch, identisch mit Sinnlichkeit oder Geistigkeit; zuletzt ekelt ihn immer vor sinnlicher Unverbindlichkeit, die Güte ausschließt, und vor Güte, die totale Befriedigung des Sinnlichen verbietet. Der Mann, nicht die Frau, war damals der ewig Zerrissne; er ist das Geschöpf, das die Bekehrungen, die Sinnesänderungen, das Nacheinander erfunden hat; er ist der Zerstörer der Bindungen.“
„Und heute ist die Frau wie er, zerrissner als er, weil selbst das Nacheinander nicht ihren Instinkt übertäubt, daß sie sich Gewalt antut. Wenn wir nicht krampfhaftsind, glauben wir nicht an die Illusion, die in den politischen und andren Freiheitsidealen liegen könnte. Keine von uns gibt zu, wie schwer es uns fällt, einsam zu sein, nur auf uns und Abstraktionen angewiesen; jede hat die Sehnsucht nach Bindung durch den Mitmensch, der Geliebter oder das Kind heißt. Als ich mich damit quälte, etwas zu tun, was mich zugleich ganz meinem Freund auslieferte und dann von ihm befreite, kam ich auf den Gedanken, ein Kind von ihm zu haben — sein Triumph, denn bereits proklamiert er die zwanzig Kinder, die von ihm zeugen sollen, und danach meiner, wenn ich ihn, Dienst erwiesen, gynokratisch verabschiedet hätte.“
„Warum haben Sie es nicht getan?“
„Weil er mir die Gelegenheit nicht mehr gab, sondern an Rutt Gefallen fand,“ antwortete sie mit einem Lächeln, das plötzlich in ein Lachen überging, helles, befreites.
„Ein wenig Kaffee,“ sagte sie, „ein helles Zimmer, und das Blut pulst mit einer Leichtigkeit, als könne es nie anders sein. Morgen früh werde ich es ebenso unbegreiflich finden, daß ich leicht war; nicht eine Spur des gegenwärtigen Zustands wird geblieben sein, selbst wenn ich ihn mit der größten Willensanstrengung suche. Was für ein barometerhaftes Gebilde ist ein Naturell — ich denke das oft, wenn ich eine Geschichte lese oder im Theater sitze: immer sind die Menschen der Literatur unveränderlich, als liefen sie, einmal in Bewegung gesetzt, auf Schienen. Ist das Wesen der Kunst oder Ohnmacht der Dichter?“
Lauda: „Fast immer Ohnmacht, ganz selten Stilisierung zum Zweck der Vereinfachung. Die Einheit von Zeit und Ort hat man längst aus dem Drama verabschiedet, die Einheit des Charakters ist noch unangetastet und macht die Dichtungen so unzulänglich. Von hier aus könnte man die ganze Welt der Kunst aus den Angeln heben — um am Ende die Einheit des Charakters doch wieder einzuführen, allerdings eine neue, härtre, gereinigte.“
Else: „Warum wird es mir morgen früh nicht gelingen, die Stimmung von jetzt zu verwerten? Glauben Sie, daß man es überhaupt könnte?“
Lauda: „Durchaus. Das ganze Geheimnis, das eines der wesentlichen ist, besteht darin, daß man einen neuen Gedanken, eine neue Willensrichtung hundertmal wiederholen muß, bis sie geläufig, vertraut, aktivistisch werden. Sich seiner augenblicklichen Stimmung, die nur ein andres Wort für Dichtigkeitszustand des innren Kosmos ist, entgegenstellen — das ist Widerstand der freien Energie gegen die gebundne. Nicht das Ich stellt sich entgegen, sondern im Ich ein kleines Quantum freier Kraft dem großen der unfreien. Verstehn Sie die Tragweite? Es ist eine Erklärung des Phänomens Ich. Ein Freund, d’Arigo, spielte diesen Vorgang, daß das Ich sich auflehnt, als Beweis der Seele aus und sah in ihr ein selbständiges X, das souverän die Körperlichkeit reguliert. Das ist natürlich dilattantischster Dualismus. Freier Wille heißt: das Quantum ungebundner Energie vergrößern und danach als Widerstand trainieren. Wenn irgendwo der Punkt ist, wo indische Willensreglung und das banale europäische Wie werde ich energisch sich decken können, dann hier.“
Else: „Sie sind gütig zu mir, warum?“
Lauda: „Weil Sie keinen Anspruch auf mich erheben, ich nicht an Sie. Darum besagt es auch noch nichts über meine wirkliche Fähigkeit zur Güte, und ich weiß nicht, ob ich sie frei machen könnte, wenn ich die Stelle Ihres Freunds einnähme. Güte trotz Verpflichtung ist etwas durchaus andres als Güte aus Stimmung.“
Und da es die Stunde der Vertraulichkeiten im nächtlich stillen Zimmer war, fügte er hinzu:
„Ihr Bericht seines Wesens wirkte auf mich wie mein Verkehr mit Siriwan — irgendwo schneidet auch Ihr Freund sich mit mir, und als Ihre Schildrung, nur durch Aneinanderreihung der Tatsachen, ungewollt ironischwurde, empfand ich, heiß und unbehaglich es wäre leicht, auch deine Gastspiele unter den Töchtern der Bürger in dieses Licht zu rücken. Unterschied mag da sein, als Verzicht auf die olympische Gebärde, von der Sie sprachen. Wenn ich etwas bin, so Antipode des Schauspielers, worunter ich den verstehe, der aus dem magischen Wechsel seiner Wallungen rasch irgendeine Form zusammenrafft in der zwitterhaften Absicht, zugleich Einheitlichkeit zu haben und auf die Tiefe seiner Verwandlungen schließen zu lassen; Eitelkeit ist Stolz auf Tiefe.“
„Geben Sie mir einen Rat, nennen Sie eine Idee, eine Tätigkeit, in die ich mich retten kann, wie man in ein fremdes Land geht, sich eine neue Existenz zu schaffen und — Abstand zwischen sich und die alte zu legen.“
Er betrachtete sie, sah ihre jüdischen Züge, sagte:
„Zuerst wollte ich Ihnen Frauenbewegung oder Pazifismus nennen, alle diese Bestrebungen haben den großen Illusions- und Beschäftigungswert — es kommt mir ein andrer Gedanke: arbeiten Sie im Zionismus. Er wird Wirklichkeit werden, wenn die Türkei zerschlagen ist und England sein Versprechen einlöst.“
„Was wissen Sie von ihm?“
„Nichts als daß er jede andre Idee, die auf Staatengründung ausgeht, durch seinen Gehalt an überrealen Gefühlswerten übertrifft, also religiöse Bindung ermöglicht.“
„So könnte ein Konservativer sprechen.“
„Wer sagt Ihnen, daß Konservativismus als Idee nicht weiser als jeder Radikalismus ist? Niemand kennt sich, auch ich nicht mich. Manchmal habe ich das Gefühl, von mir und nebenbei von allen, die die Bindungen lockern, daß wir wider unsren Willen in das scharfe, künstliche Licht des Rationalen schreiten, von einem Dämon gestoßen, der nur Verführer zu Erkenntnis ist. Wir können uns nicht anders verhalten und wir sollen es auch nicht,denn es liegt wohl ein Gesetz der nach irgendeinem Mittelpunkt vorrückenden Kosmen vor, und man kann nur ahnen, daß die Erkenntnis eine neue Naivität ermöglicht — immer wenn ich handeln muß, glaube ich sie schon zu haben. Temperament kann immer ungebrochen sein, gleichgültig, wieviel Hemmungen es durchschritten hat. Immerhin zeigt sich, daß das, worauf der Mensch seine ganze Energie konzentriert, der freie Wille, auch seine problematische Seite besitzt: Züchtung von freier Energie sprengt die Bindungen — ohne Bindung kann man nicht leben, und wenn ich mich als Kosmos, Bruder des Himmelskörpers Mensch empfinde, von Druck, Achse und Rotation spreche, denke ich nur ein andres Wort: Bindung, diese Legierung von Ja und Nein; denn gebunden wird das Nein, die Sehnsucht nach der Totalität und der tödlichen Rückkehr. Mit andren Worten, Bindung ist Demut, Gehorsam gegen den Zwang zur Existenz, Bindung ist Scheu vor dem zu Radikalen, von dem man sagen kann, daß es sich nur der Maske der äußersten Energie bedient und in Wirklichkeit Gehilfe des zerstörenden Tods ist. In diesem Sinn ist Bindung konservativ, in demselben Sinn konservatives Denken religiös.“
„Sie lösen sich vom Radikalismus, bevor er sichtbar geworden ist.“
„Darf man der Zeit nicht vordenken?“
„Man soll mitdenken,“ sagte sie.
„Ja, aber das einfügen, was überall eingefügt werden muß und die eigentliche menschliche, geistige Leistung ist, den Widerstand. Ist eine Betrachtung, die den Widerstand in den Mittelpunkt stellt, nicht konservativ?“
„Sie kann nicht umhin, auch dem verwirklichten Konservativen Widerstand entgegenzusetzen.“
„Nichts kann wahrer sein, Sie legen das System der Denkströme bloß, die Ebbe und Flut, lebende Vorgänge der Mensch genannten kleinen Welt sind. Das Nein, das die Positivismen des Lebens in Frage stellt, ist nur einPhänomen des Ja, das sich durch Widerstand verstärken will, und das Ja des Radikalismus ein Phänomen des Nein, das die Lockung des größten Glücks vorschiebt, um das Jasagen tödlich zu treffen.“
Sie hatten sich am nächsten Morgen kaum an die Schreibtische gesetzt, als Rutt gemeldet wurde.
„Ich komme,“ sagte sie, „weil ich mit dem Regisseur in der Auffassung meiner Rolle uneins bin, Sie sollen entscheiden.“
Sie berichtete; es erwies sich, daß das Tempo einer Figur nicht geändert werden konnte, ohne alle andren zu beeinflussen. Der Regisseur arbeitete mit Hebeln und mit Schrauben, holte die Sätze schwer hervor, ließ sie langsam zerfließen, starre Lava, und goß das Dämmer wechselnder Lichtmagie darüber. Lauda nahm das Buch, las den Partner, bat Rutt, ihre Rolle zu sprechen. Vollkommne Harmonie, rasch rollten die Szenen, leise gedämpft — Beschleunigung und Abstand waren die Absteckungen, zwischen denen zwei Stunden Geschehn sichtbar wurden, aufschwellend wie Kammermusik, danach nicht mehr. Schauspieler durfte nicht lebensgroß, wuchtige Materie sein; fern Pathos, Agieren; Gestaltensind, überflüssig, daß sie sich erklären; Probleme knüpfen sich, lösen sich wie eine Schleife, Lauda legte keinen Wert darauf, den Zuschauer durch sie aufwühlen zu lassen — Zuschauer sollte zuschaun. Zuschauer sollte bleiben, was er war, dem Schicksal Andersgearteter, Verstrickter beiwohnen.
Es gab andre Stücke, elementarere, wie es neben Kammermusik die heroische gab — dieses Stück war, wie es war, also galt es, seinen Stil einzuhalten. Rutt, die nervenzerrende Rollen liebte, hatte verstanden, daß sie hier Härte unter zarter Hülle und süßem Dunkel verbergen mußte — am Regisseur, gleichermaßen zurückzustellen, was er gelernt hatte, den großen Apparat, und sich unterzuordnen.
Lauda begleitete Rutt auf die Probe, griff ein, ließ von vorn beginnen, warf das Tempo von Grund aus um, reduzierte Kulissen auf ein Minimum. Konflikt mit dem Regisseur trat, dem Direktor anheimgegeben, in das Stadium, wo Ausgleich unmöglich wurde. Lauda verlangte die Regie für den Rest der Proben und den Abend selbst, drohte öffentlich zu widerrufen, drang durch, indem er dem Regisseur den nominellen Oberbefehl überließ, und sah sich auf zwei Wochen als unumschränkten Herrn über sechs Menschen und die Trabanten. Es war Vergewaltigung — wie immer beim Sprung in die Tat empfand er, daß, wenn er handelte, er ganz handeln konnte, Geistigkeit wie ein Fächer war, den man schloß und zum Dirigentenstab machte: kurzes Klopfen, Heben, — und die klirrende Symphonie begann.
Rutt sagte:
„Elses Freund und Sie sind absolute Gegensätze; er faßt die Energie in anfeuernde Formel, Sie üben sie aus, undenkbar, daß Sie an irgendeinen Gedanken Worte wenden.“
Er lachte, antwortete:
„Fragen Sie andre, sie werden Ihnen sagen, daß ich der sei, der den Entschluß durch Reflexion hemme. Weil sie weder Denken noch Tun des andren naiv nehmen, sondern die Dilettantenkunst des Schlüsseziehens üben, zwingen die Leute, fast selber Schauspieler zu sein, Denken und Tun wie eine Maske zu tragen. Ihnen gegenüber, Fräulein Rutt, werde ich allerdings nie philosophieren, nur handeln; Sie fordern heraus, zum Tun, zum Spiel der Klingen oder zum straffsten Gegenübertreten. Warum, fragen Sie? Weil Sie ganz im Vordergrund Ihres Wesens leben, zu bestimmt, zu unmittelbar Energie in Handlung umsetzen.“
„Was tun Sie denn andres,“ fragte sie erstaunt; „wenn man Sie auf den Proben sieht, zugreifend, jäh in eine Trägheit oder auch Verdrossenheit fahrend, leben Sie doch auch im Vordergrund Ihres Wesens.“
„Und mache doch nur Vorstöße aus seinen Hintergründen — nichts ist so sehr Instinkt in mir, als die Brücke nicht abzubrechen. Als ich noch die Form meines Naturells suchte, zog ich mich oft zu früh auf die Brücke zurück, war feig, ließ im Stich — man darf die Brücke nur in der äußersten Not benutzen, wenn man aus dem Absoluten dem Tun neue Kräfte zuführen muß.“
„Wie dem auch sei,“ antwortete sie, „Sie sind für mich so, wie ich Sie kennen gelernt habe, und manchmal denke ich, daß Sie der seien, dem ich einen Vorschlag machen möchte, einen nie ausgesprochnen, weil der Partner fehlte.“
Aber sie lenkte ab, als er ihn hören wollte.
„Wie seltsam ist Ihr Name,“ sagte er, „was ist Rutt, eine Abkürzung?“
„Eine Umwandlung aus Ruth. Mit dem Namen Ruth sind zu bestimmte Vorstellungen verbunden, als daß ich ihn hätte tragen können.“
Lauda machte Barbara mit Else bekannt, nur andeutend, daß es galt, einer schon wankenden Melancholie den letzten Stoß zu geben. Er fürchtete, der Optimismus Barbaras möge Else zu derb erscheinen — unnütze Furcht, er wurde Zeuge des Gemeinschaftsgefühls von Frauen, das ein Wissen um Nöte des Erlebens war. Barbara stellte Derbheit zurück, bis sie wagen konnte, die Männlichkeit jenes Freunds als die eines Tenors zu erklären. Und sie drang mühlos zum Kern des Mädchens vor, führte sie in die Sphäre des Kinds und der zu betreuenden Mütter.
Auch mit Hans machte er Else bekannt, ohne Absicht, sah unerwartet den Freund von der kleinen Schwester Barbaras zu der noch weiblicheren Orientalin übergehn, aber hilflos werden vor ihren geistigen Interessen, dieser Bereitschaft für praktische Dinge. Ahnend, daß sie Kummer erlitten habe, erkundigte er sich bei Lauda, faßte die Begegnung mit dem Berliner Freund so natürlichauf, daß ihm der Gedanke andrer, man müsse sich darüber hinwegsetzen, gar nicht kam; aber beim Versuch, mit ihr davon zu sprechen, hatte er nichts zu bieten, als die Empfehlung des Wechsels, Selbstquälerei des Zwischenstadiums für unnaives Übermaß an Seele erklärend — sie fand ihn täppisch. Der Ansatz zur Werbung scheiterte kläglich, er war vom Stamme derer, die sich die Frau selbst nimmt. Siriwan wirkte auf Else zynisch, auf Ruttals männlicher Kavalier; sah er sie an, trat in seine Augen der Blick, mit dem Männer Kokotten auf die Verheißung äußerster Dinge schätzen.
Es waren die Schwestern in allem Gegensatz, gleichwohl so jüdisch die eine wie die andre — wie war Einheit bei so viel Verschiedenheit möglich? Es gab zwei jüdische Typen, wie es sie unter allen Menschen gab, den in der zeitlichen Sphäre heimischen und den religiösen. Waren Menschen dieser Rasse materiell, so waren sie es ganz; für ihre Leistung im Reich des Absoluten erübrigte sich der Beweis. Temperament im weltlichen Sinn hatte nur der Bewohner der sichtbaren Sphäre, der andre hatte Stoßkraft, Vorstellungskraft, Ideenkraft. Wenn es rationalistisch gerichtet war, bewegte sich jüdisches Temperament leichter, sichrer, anmaßender als jedes andre auf der Oberfläche der Dinge, stets noch vermehrt um den Hunger nach dem Anteil, die egoistische Energie — sie schwammen in der Materialität wie Raubfische im Wasser; Lehrzeit und Verpuppungsstadium waren abgekürzt, sie sprangen wissend in die Arena, mit dem glänzenden Blick, die Frauen so eifrig wie die Männer, aber die Frauen dieser Art unbeschwert von der Melancholie der Männer, ganz Energie — geborne Trägerinnen des Radikalen, unfähig, jene Bindung zu finden, durch die die vitale Energie so tief versenkt wird, daß sie Geheimnis wird.
Versenkung der Energie und Befreiung der Energie, das bedingte den Unterschied von Vordergrundsmenschenund Religiösen — religiös nach Laudas Definition der, der Ja und Nein vereint. Und dieses Verhältnis von Versenkung und Befreiung erlaubte auch, die tiefre Gleichheit beider Typen zu behaupten, wie die aller menschlichen Wesen. Praktisch gesprochen, wies die Melancholie Elses darauf, daß ihr die geistige Sphäre zugänglich war, wie allgemein die Melancholie der jüdischen Menschen Ausstrahlung der stärkren Geistigkeit war — den rationalistischen Frauen fehlte sie, trat höchstens als Surrogat Fanatismus auf; wo auch das Surrogat fehlte, drohte Selbstverbrennung der Energie, die sich in den kleinen Explosionen der täglichen Verausgabung vollzog, siehe Rutts Mitreden, Dabeisein, sofortige Umsetzung jeden Impulses.
Ein paar Tage darauf erzählte ihm Else von Vorstellungen, die Rutt an die Person Laudas knüpfte, wünschend, daß Else den Weg zu ihm ebne, und den Wunsch verleugnend. Sie träumte von einem Bündnis zweier Energien und Intelligenzen, deren eine die ihrige war, die andre die des zu findenden Manns. Da sie Schauspielerin war, glaubte sie den Partner in dem Dramatiker gefunden zu haben; Ziel: die Erobrung der Zukunft, Mittel: kopulierter Ehrgeiz, Zusammenhalten, gemeinsames Arbeiten, Schaffung von Verbindungen und Benutzung einer jeden unter Schultergefühl; so steigen, wie es zwei klaren Willen möglich war, sehr hoch, ganz weit.
Lauda sagte:
„Ihr Freund, Fräulein Else, wäre der gewesen, den sie hätte wählen müssen; Tenor und Diva sind nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich von der gleichen Welt. Nichts könnte mir ferner liegen, als meinem Ehrgeiz durch Organisation nachzuhelfen. Wie ich naiv leben, nach innrem Gesetz bald denken, bald handeln, bald mich binden, bald mich befreien will, soll auch Wirkung auf andre naiv sich vollziehn; hat man Wirkung, ist es ein natürlicher Vorgang, bleibt sie aus, desgleichen. Niemandweiß, ob das, was er sagt, Wert hat, mag er es als noch so neu empfinden; man kann es nur feststellen. Reisender im eignen Ruhm sein ist so anrüchig wie den Leuten einen Fabrikartikel aufreden.“
„Wenn ich auch nicht Kaiser dieser Stadt bin, kann ich doch ihr Harun sein,“ sagte er, auf der Brücke Siriwan begegnend, an einem der Abende, an denen er durch Straße, Fabrikviertel, Restaurants der Reichen und Vorstadtkinos ging. Siriwan lächelte mit dem Blick des Augurn, wenn er Lauda so begegnete:
„Man muß methodisch, gründlich und immer allein streifen,“ sagte er, „es ist das wahre Kennzeichen des selbständigen Menschen, die andren werden schon feig, wenn sie fünfhundert Meter vom Zentrum sind.“
Noch einem dritten begegnete Lauda oft, Schreiner — diesem in den armen Vierteln und immer einem über die menschlichen Höhlen, die Schnapsschenken, die lieblosen Vergnügungsorte Stöhnenden. Ein vierter wäre denkbar gewesen, der, der aufsucht, sieht, leidet und nicht spricht, sich vorbereitend auf den Tag, wo Sprechen nicht mehr Wort, sondern Lehre ist — er hätte vielleicht gesagt, daß Partei, Organisation, Selbsthilfe nicht das Wesentliche seien, wie Christus nichts von diesen Dingen gesagt hatte. Was hätte er also sagen können? Daß wesentlicher sei, das Reich in sich zu suchen, die Bürde der Existenz in sich zu erleben? Was hätte es dem Armen, Ausgestoßnen, Schwachen, Mutlosen geholfen? Die Bürde des Existierenmüssens nicht vergessen: das war Mahnung an die, die irgendwie fest und geordnet lebten; der, der unter der Bürde stöhnte, verlangte andres, Lindrung, und Lindrung bot ihm die Partei, die Hoffnung auf Vergeltung und Umsturz.
Wie anders war die Situation als zur Zeit Christi; es ließ sich der Mensch nicht mehr auf die innre Zukunft verweisen; Resultat von zwei Jahrtausenden hieß: Mißtrauengegen die Lehre der Demut, denn Demut hatte zu dem System geführt, das von dem Besitzenden nur die Steuer des Almosens erhob, Kirche hatte ihren Frieden mit den Mächtigen gemacht.
Sinn dieser Streifzüge war Lauda, das zu erkennen, Tragik des Christentums zu fühlen, das gezwungen worden war, die Idee der Nichttat, des Religiösen, durch Tat zu verwirklichen. Mission für das Reich des Mehr-als-Irdischen treiben, hieß zu den Mitteln des Irdischsten, der Organisation greifen. Darum hatte, als das Christentum gescheitert war, der Sozialismus die Verwirklichung der Idee auf ganz materiellen Wegen unternommen: Organisation der Kräfte und Wille zur politischen Macht.
Kein Christus war mehr möglich, die Menschen hätten ihn gefragt: und was rätst du zutun? Man hätte ein Programm von ihm verlangt, und Programme sind irdischer als alles andre, so fern dem Pessimismus der Religionsstifter, der Mißachtung des Leibs und des Staats. So war das Zeitalter, in dem wir alle leben; unmystisch, unlegendisch, unreligiös auf immer. Staat war der Gott, Gesellschaft die Form, mit der sich jeder Gedanke, jede Energie verbinden mußte, wollten sie überhaupt Form annehmen und mehr sein als Rezept für Individualismus. Noch gestern, dachte er, lebte der letzte große Christ, Tolstoi, begann das Beispiel bei sich und dem kleinen Kreis, der um ihn war — die Ausdehnungskraft dieses Kreises, wie schwach blieb sie, auf das Gut beschränkt; Dorf, Provinz, Land, Staat konnte sie nicht erreichen — es war vergrößerter Individualismus, Nachfolge Christi als Angelegenheit des Privatmanns.
Keiner heute, keiner in Zukunft wird mehr lehren, mehr erreichen können als dieses „Beginne bei dir selbst“, Beispiel sein, Da-sein, nach seinen Kräften wirken, und das war der tiefste Sinn des Pädagogischen; aber welche Tragik darin — unsre Tragik, des Menschen Tragik, demIdeen, sobald sie aus der Sphäre des Elementaren in die der Materialität traten, zu Materie erstarrten, nützliches Handwerkzeug wurden.
Er hatte an diesem Tag das Buch einer Gruppe junger Dichter gelesen, Aufständiger gegen solche Irdischkeit. Haß darin gegen die sichtbaren Formen, in denen Weib nur Frau der gesitteten Welt, Mann nur Nutztätiger war. Dichtung ward als das Ewige und folgerichtig als Sprengung der bürgerlichen Regulative proklamiert; nicht weniger als drei hatten Frauen gestaltet, die sich, die einen aus Demut, die andren aus Sehnsucht nach dem Totalen, die dritten aus Fanatismus der Weibidee vielen, allen maßlos hingaben, keusch zuchtlos, schreiend brennend — was war es? Literatur, Ding für sich, denn alles blieb Literatur, was das Elementare absolut in die Welt des Existierenden werfen wollte; Existenz hieß Kontrolle des Elementaren; Existenz war Form, Form Rationierung des Elementaren.
Die Kritiker und die vom Bürgertum verehrten Dichter selbst hatten schon längst die Philosophie auf den Zwang gemacht, Elementar hieß ihnen Mildrung des Materiellen und Ewig Menschlichkeit — sie hatten das Pathos des Elementaren, nicht es selbst, sonst wären sie Zerstörer gewesen, denn das Elementare war, insofern es auf das schon Bestehende traf, Prinzip des Umsturzes, und es war, absolut betrachtet, doch zugleich die Ursache dieses Bestehenden; Entschluß des Urwillens zur Existenz war Selbstverurteilung zur Form.
Und er, Lauda, stürzte von neuem in den Abgrund, der sich zwischen ihm und Künstlertum aufgetan hatte, als es ihm feststand, daß Dichter und Künstler nur Leute waren, die das Elementare in maßvoller Dosis dem Materiellen zusetzten. Aber die Wirkung war heute anders; Ja war zu stark, denn starkes Nein hätte in drei Tagen zur selbstvollzognen Auslöschung geführt; Ja war zu stark, und es ergab sich Abfindung mit dem Gedanken, daß
Kunst Dosierung ist,Handeln Kompromiß,Leben Hut vor dem Elementaren,Alle menschlichen Angelegenheiten banale Tapferkeit, maßvolle Abfindung sind,Menschen sich nicht zerstören wollen, Lobpreisung der Kunst als einer Verschönrung und Beschäftigung Wert hat,Der Radikale, der vor dem Meer von Leid stehn bleibt, ohne sich zu töten, es mit der großen Geste an deklamierend, ein Lügner ist,Ein wenig Glück besser ist als die Ohnmächtigen nicht zur Ruhe kommen lassen,Alles Starke, Elementare, Kompromißlose sich auf die einsamen Stunden des Einzelnen beschränkt und der der Anständigste ist, der doch nicht zum Egoist wird, sondern dem Bruder das Recht gibt, ein wenig hilft, ihm den Glauben an die Allmacht von Ideen, Tat, Kunst und Gedichtetem nicht zerstört.
Kunst Dosierung ist,
Handeln Kompromiß,
Leben Hut vor dem Elementaren,
Alle menschlichen Angelegenheiten banale Tapferkeit, maßvolle Abfindung sind,
Menschen sich nicht zerstören wollen, Lobpreisung der Kunst als einer Verschönrung und Beschäftigung Wert hat,
Der Radikale, der vor dem Meer von Leid stehn bleibt, ohne sich zu töten, es mit der großen Geste an deklamierend, ein Lügner ist,
Ein wenig Glück besser ist als die Ohnmächtigen nicht zur Ruhe kommen lassen,
Alles Starke, Elementare, Kompromißlose sich auf die einsamen Stunden des Einzelnen beschränkt und der der Anständigste ist, der doch nicht zum Egoist wird, sondern dem Bruder das Recht gibt, ein wenig hilft, ihm den Glauben an die Allmacht von Ideen, Tat, Kunst und Gedichtetem nicht zerstört.
Er war nicht Schreiner, nicht Siriwan, nicht der vierte imaginäre, nie mehr wiederkehrende Christ aus Nazareth, er ging in diesen Nächten einfach auf die Begegnung mit Menschen aus,
Zu fühlen bei ihrem Sein und Tun die Verschlingung der beiden Ströme Ja und Nein,Dem Ja, in dessen Lichthälfte er nun getreten war, nicht so untertan zu werden, daß er streitbarer Optimist wurde,Von Leid, Elend, Schmutz sich ein Wissen zu wahren, denn der Mensch war ein Wesen, das, was es war, ganz war, nicht aus Stärke sondern aus Ohnmacht: das Hirn vergaß, suchte zu beharren.
Zu fühlen bei ihrem Sein und Tun die Verschlingung der beiden Ströme Ja und Nein,
Dem Ja, in dessen Lichthälfte er nun getreten war, nicht so untertan zu werden, daß er streitbarer Optimist wurde,
Von Leid, Elend, Schmutz sich ein Wissen zu wahren, denn der Mensch war ein Wesen, das, was es war, ganz war, nicht aus Stärke sondern aus Ohnmacht: das Hirn vergaß, suchte zu beharren.
Siriwan hätte Lauda nicht verstanden; Lauda sprach mit den Mädchen, die jener bei ihm gesehn hatte, nicht, weil er auf die Jagd nach der Nachtbeute ging, sondern weil sie die waren, die über den Weg liefen. Er erfuhrBiographien, so gleich an geschminkter Lüge und so verschieden an Zustand, Motiv und Herzenston, daß er, wäre er noch Autor gewesen, auf Material versessen, die weite Anlage des Werks Balzacs hätte planen können.
Das war so fern, die Zeit war derart beschaffen, daß es des Romanhaften zu viel wurde; die Zeit lockerte in solchem Maß das Feste, das gewesen war, daß sie Krepierende wie die See Fische auswarf; ein Angebot an Material, Schicksal, Variation fand statt, daß Überdruß in ihm entstand, Verzicht auf Material, das nicht mehr vom Dichter gesucht werden brauchte, sondern dem Zeitungsschreiber auf den Tisch flatterte.
Oft war zu helfen, er half oft, durch Graumanns Geld; gleichwohl, es wuchs ein Gedanke, der nur deshalb nicht Zynismus war, weil er bitter war: daß wichtiger als die schon Leidenden die noch nicht Leidenden seien, deren Jugend, sei es die physische, sei es die innre, sich noch durch Einwirkung, Lehre, Beispiel in Energie verwandeln ließ. Den schon Leidenden helfen, daß sie, in irgendeinen Winkel kriechend, schlecht und recht den Rest ihrer Jahre ablebten; aber diejenigenaufsuchen, die noch dem Existenzableben Existenzgestalten entgegensetzen konnten, der Passivität die Aktivität, die Wille zur Mutation war.
Welches Regulativ blieb, es den Menschen zu lehren, nachdem das größte gelehrt war, das sentimentalisch Güte, sachlich Anerkennung der Gleichberechtigung des Mitgeschöpfs hieß? Man konnte die Güte ihres dualistisch-theologischen Charakters entkleiden (denn sie war nicht jenseits des freien Willens als Imperativ in uns gelegt) und ihr statt der moralischen Färbung die tragisch-reale geben (die von Natur aus Feindlichen und vom Totalen her Getrennten verbinden sich gegen das dämonisch gleichgültige Abrollen, Brüder durch Widerstand); aber das war nur eine Reinigung des Begriffs Güte, der dadurch allerdings aus einem Sittengesetz zueinem Regulativ, einer der großen starken Künstlichkeiten wurde, mit aller Einsicht in ihr illusionistisches, idealistisches, nie zu verwirklichendes, nur den Egoismus modifizierendes Wesen.
Lauschte er in sich, schien es ihm, es gäbe noch andre, neue, nie ausgesprochne Formen des Widerstands, Keime einer künftigen Erziehungslehre. Sie lagen nicht auf der Linie der Radikalisierung, sondern der innren Energie, die in neue Kontinente des Hirns vorstößt, sie findend, indem sie sie erschafft, und nicht auf der Linie der Tat, die versklavt, sondern der geistigen Freiheit.
Als er nach Hause kam, fand er eine Mitteilung der Behörde vor, die ihm die weitre Herausgabe seines Blatts verbot; die deutsche Regierung hatte Vorstellungen wegen Verletzung der Neutralität erhoben. Auch Fünfkorn war das gleiche Schicksal widerfahren, aber die Entente hatte ihn geschützt. Da niemand hinter ihm stand, wußte Lauda, daß der Berner Entscheid unwiderruflich war.
Achtzehnhundert Meter über dem Meer lag der Ort, sechshundert über dem Ort das Hotel; steilste Leiter verband sie, die Zahnradbahn.
Mehr als zweitausend Meter über den Ebnen stehend, in denen sie töteten, weil sie nicht einig wurden, ob ein Streifen Land dem Reich im Westen oder dem im Osten gehören sollte, empfand er die Verlockung des Hochmuts, der die Menschen unter sich sieht. Jenseits des Tals öffnete sich die ewige Weihnacht des Gletschers, und in der Schußlinie einer Kette von Seen erblickte er das Dorf, in dem Nietzsche dem schwachen Körper die starken Gedanken abgerungen hatte.
Einsamkeit, ihm selbst einst lustvolle Vorstellung, gefüllt mit hundert Reizen, wie ein andrer sich Liebe der Kinder, heiligen Abend, Walten der Lebensgefährtin ausmalt; Einsamkeit, einzige Möglichkeit, um Gebot des Egoismus und gutes Gefühl für Menschen zu vereinigen, weil gerecht gegen Menschen nur ist, wer nicht die Personen sieht, einzige Möglichkeit auch, naiv zu leben, fern der Ungeduld über die Konsequenzen, durch die eine Begegnung getötet wird, Einsamkeit war nicht mehr Realität, nicht die ohne Zögern gegebene Antwort auf die bisweilen gestellte Frage, wie er die Zukunft des nächsten Jahrzehnts wünsche, sondern hatte sich in ein Ideal verwandelt, das verwirklicht matt geworden wäre.
Wer Verweilen in der Arena der Menschen verwarf, so entschlossen dem Absoluten sich zuwandte, daß erjenseits der Manifestationen des Absoluten stand, solches Heimweh nach der Totalität hatte, daß seine Antwort auf die Frage Ja-Nein dadurch bestimmt wurde — er mußte das Leben von sich werfen, es sei denn, daß er gläubig war und die Bürde als Geheiß seines Gotts trug.
Fehlte dieser Glaube und wählte er doch die Einsamkeit, dann log er, denn er suchte nur einen Annäherungszustand des Nein und ließ sich noch vom Ja bestimmen. Aus der Einsamkeit die großen Worte in die Ebne hinabsenden: hinüberschauend nach jenem Sils-Maria, ahnte er, wieviel nutzlos verbrauchte Energie dazu gehörte, das Pathos der Distanz durchzuführen — so viel, daß sie genügt hätte, in der Gemeinschaft der Menschen sich zu behaupten, teilnehmend an ihren Angelegenheiten, der Kausalität dieser Angelegenheiten nicht zu verfallen und souverän zu bleiben. Einsamkeit war der Mantel der Größe, in den sich der hüllte, dessen Widerstandskräfte versagten.
Sich nicht ausschließen, auch wenn das Verlangen nach Einsamkeit immer wieder durchbrach; es durch Aufhebung rechtfertigen und erkaufen, wenn es sich als stärker erwies; lieber Leid erfahren und Leid zufügen, als dem täglichen Verschwenden, sinnlichem wie geistigem Umgang Kraft entziehn, um sie dem Werk zuzuführen; verschwenden und doch sowohl genug Kräfte für das Werk als genug Energie für den Wechsel aufbringen; zuzeiten Asket sein, trotzdem man zu andern ganz in Hellas war, dem geliebten, heitren.
Der Pächter des Hotels war ein gebildeter Mann; in den Monaten zwischen den Fremdenwochen gab er sich der Familie hin, erzog die Kinder in aufrechter Frömmigkeit, versammelte sie abends zum Musizieren: Übungsstück war die Verdiarie, er am Klavier begleitend, der Knabe die rührend schwache Stimme der Geige führend, das Mädchen singend die Klage. Familiegründen, Kinder haben, für andre den Unterhalt verdienen, auch das war Bürde und mutig. Alles war wahr, was der, der Einsamkeit wählte, gegen die Fron der Familie sagte, und der Bürger darum doch tapfer.
Nun wäre die Zeit gewesen, Claire zu sehn; nichts war gekommen als ein kurzer Brief: „Du bist so weit, Unwiderrufliches ist geschehn, ich mag nicht schreiben, wenn man mich einläßt, besuche ich dich.“
Es war November, die Wintergäste noch fern, Lauda wähnte sich allein, da sah er am zweiten Tag, daß noch ein Gast da war, der allein aß, nach Tisch fortging, über die Kuppen wanderte, nachts wachte — hinter den Gardinen des Nebels schimmerte sein Fenster.
Lauda begegnete ihm auf Spaziergängen und im Haus, erfuhr, daß er Stein hieß, sah, daß er Jude war und das Stigma des geistigen Menschen trug; aber im Freien bog jener ab, sobald er ihn bemerkte, und im Haus senkte er den Kopf tiefer, um nicht grüßen zu müssen. Scheu in jeder Gebärde eines mißhandelten Tiers, das in den Winkel strebt, wo es still sein Leiden übersteht oder sterben wird, niemand weiß, was es dabei Düstres empfindet.
Eines Tags, als Lauda im Ort Else abgeholt hatte, sah er dort, wo das letzte Haus schon allein stand, eine Gruppe Menschen; seltsam schwarz und deutlich die Konturen im föhnenden Regentag. Sie alle hantierten wild erregt, bückten sich, warfen Dinge, die wie Kohlköpfe aussahn, zur Seite, aber es wurde geschossen, und nun blitzten Messer. Einer nur stand regungslos, im flatternden Mantel, Stein. Hinzutretend erblickte Lauda das Grauenhafte.
Im Innern dampfte ein Brühkessel, in den noch zuckende Schweine geworfen wurden; vor dem Kessel eine Blutlache, in der der Metzger, Stiefel bis zum Knie, stand und den Tieren den Hals durchschnitt. Hinter dem Haus wartete eine Herde Großvieh wieeine Kompagnie, die sich in Deckung hält, daraus führte man Stück für Stück an den Waldrand und erschoß es militärisch. Daneben ließ einer die Keule auf das Genick von Ziegen sausen, ein andrer hackte die Köpfe ab. Eine riesige monströse Grube war Abgrund von Blut, Wiederkäuermägen, Köpfen, Eingeweide, das mit fast ausgetragener Leibesfrucht verwachsen war — stinkend, verwesend vom gestrigen Schlachten; Chlorkalk schwamm darauf, übertäubte den Geruch nicht und nicht die schwarze Farbe.
Die Ställe waren verseucht, alles Lebende wurde ein Tal entlang geschlachtet, Weiber weinten, die Mienen der Männer waren finster, der Beamte des Veterinäramts zuckte die Achseln und überwachte. Das war die Erklärung, die Else erhielt, aber Stein sagte schneidend:
„Rauchen Sie eine Zigarre, wenn Sie den Gestank nicht ertragen, aber bleiben Sie, halten Sie dem Anschauungsunterricht stand. Der Mensch tut das, was ihm Gesetz und Lust ist, er mordet. Wo ist der Unterschied, ob er Stück für Stück zur Bank führt, oder Keule und Gewehr zu Hilfe nimmt? Entsetzt es Sie? Ich sah das gleiche dort, wo der Krieg ist, warf in die gleiche Grube Eingeweide, Köpfe, Arme von Menschen, manchmal stand ein Pfaffe dabei, manchmal keiner. Sehn Sie die Hände der Metzger an, sie eitern von der Blutarbeit; dieser Eiter ist das Geschwür, das alle im Innern tragen; bisweilen bricht es durch, wird sichtbar, es ist ihre Seele; Seele ist Stank und Eiter.“
Danach verließ er sie, stieg zum Hotel auf. Sie holten ihn ein. Ihre Schritte vernehmend, wandte er sich um, und Lauda sah seine Augen: da erkannte er, wie aus dem Tiefsten der Hohn jener Worte gekommen war, so tief, daß er Gift in den Wurzeln des Lebens sein mußte. Hier ging einer mit dem Gedanken um, die Konsequenz zu ziehn, und der Umgang war wohl stündliche, einzigeBeschäftigung. Es war nicht schwer zu erraten, daß diesen der Krieg zerstört hatte.
„Wenn Sie Zerstörung,“ antwortete Stein, „die Durchschmelzung der lebenschützenden Hemmungen nennen, die vor die Erkenntnis gelegt sind. Was heißt Zerstörung — ich habe die Realität wiederhergestellt, die so tief liegt, so sehr mit Sentimentalität, Optimismus, Zähigkeit überdeckt ist, daß man sie mit dem bequemen, unverbindlichen Wort Metaphysik bezeichnet und tut, als ob die davorliegenden Hemmungen schon die Realität seien.
Es gibt Philosophien, die ihr System auf dem Leid aufbauen; sie sind die relativ besten, die wir erdacht haben, und doch Schwindel, weil sie immer ein Hintertürchen aufmachen, durch das sie das Ja hereinlassen, die Liebe etwa, wenn sie gerührt die Vielheit der Menschen betrachten, oder den Anarchismus, wenn sie beim Ego haltmachen. Herr, es ist mir unmöglich, Ihnen zu sagen, bis zu welchem Grad des Entsetzens Einsicht möglich ist; es gibt eine verzweifelte Klarheit hinter dem mitteilenden Wort, die nur nocheinenBefehl enthält: vernichte dich, um überhaupt, ein einziges Mal, Moralisches getan zu haben.
In Wien tötete sich vor Jahren jung Weininger, als er die Siegel über dem innren Schacht soweit gelöst hatte, daß er das Verbrechen daraus aufsteigen fühlte, körperlich als ein grauenhaftes, in ihm lebendes und mit ihm fressendes Tier — er glaubte vielleicht noch, daß nur in ihm die Bestie rüttle, wie es in einigen Lebewesen Parasiten gibt, in andern jedoch nicht. Ich aber erkannte, daß sie in allen sitzt, ich sah sie in allen, und während sie ihm nur ein Abstraktum, das Verbrechen, war, sah ich sie konkret, und sie heißt Mörder, blutsaufender Dämon. Sein Ausweg war einfach, er hatte nur sich zu töten, aber nach mir greift der Wahnsinn, weil ich vergebens das Mittel suche, das die Existenzselbst, die sadistische Lebensgier selbst ein für allemal austilgen könnte.“
Stein war Wiener. Als man sich erbot, ihn als Literat im sichren Pressequartier unterzubringen, hatte er sich geweigert — man schickte ihn ins Feld. Nach seinem eignen Bericht war die Entwicklung seiner Gedanken folgende gewesen. Im Anfang spaltete er sich in Haß und Liebe; Haß denen, die Jünglinge und Wehrmänner dem hochmütigen Phantom opferten; Liebe den Geopferten, die verbraucht wurden, wie man Wasser verschüttet, nach der Laune, der Dummheit, der Ohnmacht, dem Ehrgeiz von Führern, deren niederträchtige Verwesung er kennenlernte, als der Zufall ihn zum Burschen eines Stabsoffiziers machte.
Ihrer zwanzig saßen in einem Schloß, zwanzigmal Pose Moltkes, Napoleons, weil sie unverzeihlich über Leben verfügten, deren keines ihnen mehr galt als das Streichholz, mit dem sie ihre Zigarette anzündeten. Haß stieg auf unsäglich über Verhältnisse, die zwanzig von Ehrgeiz Verseuchten Macht über den Mitmenschen gaben.
Danach sah er sich in die anonyme Herde der Frontsoldaten zurückversetzt, glaubend, er verlasse das Reich des gesättigten Tiers, um in dem der Armen zu weilen. Sie waren selbst Tier, feiges, das gegen den Stachel löckte, dem Stachel gehorchte, die tiefsten Kräfte der eignen Vitalität entfesselte, um sich zu behaupten, mitzutun; mordend, henkend, stehlend, triumphierend, wenn es Erfolg hatte, lüstern nach Gewalt, egoistisch bis in die letzte Faser, nachgeredete Phrasen auswerfend, wie das Meer Kadaver, und sich doch nicht reinigend; es nisteten die sentimentalen Gefühle wie Schleim in den innren Wänden.
Welche Menschenkenner waren die gewesen, die den einen die Macht, den andern den Gehorsam angewiesen hatten: es konnte Mensch nicht ohne Druck, Gebot,Anweisung leben, das gebändigte Raubtier. Aber Philosophie der Autorität so fern, Haß gegen die einen blieb, Mitleid mit den andern schlug in Verachtung um und ward Qual, Ende, Weigrung, noch fürder Mensch zu sein. Geistliche segneten die Mörder, Troß von Schwestern pflegte die Verwundeten, damit sie wieder töten konnten; in jedem Weib, das im Dunstkreis dieser Hölle weilte, schwelte ein Gemisch von Gefühlen, Idealen, Sinnlichkeit, so schauerlich verschlungen in unentwirrbarer Vielfältigkeit wie in den Männern.
Und er selbst nicht besser; was in ihm vom Geist Christi, des großen Juden, war, rang verzweifelt an, ward im Strudel fortgeschwemmt, tauchte auf, nicht mehr erreichbar, fern; helfen, bessern — wer konnte helfen und bessern, wenn sein Wesen sich in einen rasenden Trichter verwandelte, in dem der Brocken Güte im Schaum von Schmutz, Gier, Lüsternheit wirbelte?
In den Nächten brannten Feuerwerke aus Raketen, Gaswolken, Bomben auf, als begännen die Mondkrater phantastisch zu speien; in Stacheldrähten brüllten die Zerfetzten; da schickte man, am vierten Tag, den Strom durch sie. Ein Zug der Kompagnie kam zu spät zum Angriff, man ließ sie antreten, wählte den zehnten Mann, erschoß ihn, es waren aus dem Kampf Zurückkehrende darunter. Hunde, knirschte er und raste, bis er sich erbrach. Töte dich, schrie es in ihm, solange du es noch nicht aus Wahnsinn tust, solang es noch Einsicht, einzige moralische Handlung der Bestie ist — und tötete einen andern: beim Angriff der Italiener war er Zeuge, wie sein Leutnant, achtzehnjähriger, drei Mann, die nicht standhielten, mit dem Revolver niederschoß. Da knirschte er abermals: Hund, du Henker im Auftrag der Kaste, und stieß dem Knaben das Seitengewehr in den drohenden Mund, so fest, daß er ihn an den Boden spießte.
Er floh über die Schneejoche, ohne Bewußtsein des Wegs, war nun im Hotel, seine letzten Gedanken zu ordnen und, was aus den Nerven kam, abermals aus dem Hirn zu rechtfertigen. Starre war gelöst, es blieb der Entschluß aus stöhnender Seele.
So schlimm wie die Dämonie des Kriegs würde das Vergessen sein, die Rückkehr der Überlebenden zum Alten, die prangende Decke des Frühlings über dem Moder, die großen Worte der Geistlichen, Dichter und Zeitungsschreiber, rubriziert als: Triumph des Lebens.
„Daß sie am Ende aller Wenn und Aber immer wieder diesen Triumph des Lebens ausspielen, diese schlaue Weisheit des Geschöpfs, das wohl fühlt, daß es eine Kolonie fressender Zellen ist, dieses Sichabfinden mit der Tatsache, eine wimmelnde Welt von Raubmonaden zu sein, überzogen mit glatter Haut und lockender Rundung, diese Dynamik aus hundert Milliarden von Appetiten — das ist es, was mich das Grauen nicht vergessen läßt.
Nicht vergessen wollen, Widerstand leisten dem schamlosen Egoismus des Jasagens, das ist nun die mir eigentümliche Denkkonstellation geworden. Hören Sie einen Satz, den ich bei Hermann Bang las: ‚Ich sage dir, sähe ein einziger Mensch einem andern ganz bis auf den Grund der Seele, er würde sterben. Und wäre es denkbar, daß man sich selber auf den Grund seiner Seele sähe, man würde es als eine geringe, aber notwendige Strafe betrachten, ohne einen Laut sein Haupt auf den Block zu legen.‘“
„Und dieser eine wollen Sie sein?“ fragte Lauda leise, „ist das noch ganz Entschlossenheit des souveränen Menschen, der einmal, er wenigstens und für alle symbolisch, ehrlich sein möchte? Ist es nicht schon eine Lockung, Sehnsucht nach dem Martyrium, Hingabe an einen Dämon, ein gotthaftes Gebilde, dem Sie Aufenthalt in sich geben? Ist es nicht schon herostratischer Ehrgeiz,Spiel mit dem Gedanken, eine noch nie gefundne Methode entdeckt zu haben, um von den Menschen genannt zu werden? Ihr Leid hat sich schon verschoben, die Lockung des demonstrativen Tods ist vielleicht nichts als der erste Schritt der Heilung, weil sie nichts als eine unmerkliche Einschmugglung des nicht sterbenwollenden Egoismus ist.“
„Grund mehr, noch rechtzeitig den Riegel vorzuschieben, die Lockung zu morden, indem man sie befolgt.“
„Das ist Dialektik der Todesgedanken, nicht mehr Ehrlichkeit. Unsre äußerste Tragik ist, daß das Nein immer als Dialektik endet. Sie mußten sich töten, als Sie jenen Offizier getötet hatten, im Impuls. Was nicht Impuls bleibt, wird Dialektik. Sich töten, um nicht wahnsinnig zu werden, — das ist noch nicht die äußerste Leidensstation; diese heißt: erkennen, daß man sich nicht töten kann, weil man sofort wieder zum Aufbau verwendet wird, wahnsinnig werden, weil Wahnsinn nicht erlöst, das ‚Du mußt leben!‘ wie Donner hallt.
Es gibt nur eine Rettung: sich damit abfinden. Metaphysisch gesprochen: Was Sie leiden, ist die zu späte Frage des Urwillens, ob er recht getan hat, sich zu manifestieren; da er es tat, hat er seine Freiheit verloren, ist selbst in den Kreis der Tragik gestellt; wir sind verdammt ohne Rettung.
Aber real gesprochen: Haben Sie den Appetit der Tierkolonie in Ihnen, seien Sie die Dynamik ihres Zusammenschlusses, erbrechen Sie sich nicht in Gedanken an den Bodensatz in der Seele des Weibs neben Ihnen, nehmen Sie es und machen Sie ihm das Kind, lassen Sie sich von dem unsaubren Egoismus beflügeln statt zersetzen. Seien Sie schneidend hart, nie vergessend, und gleichwohl fröhlich, ein wenig nur, nur soviel als nötig ist, um das Leid zu ertragen.
Jede Philosophie endet mit dem Gehorsam, sei es der gegen einen außer uns existierenden Gott, sei es dergegen die Identität mit der Kraft, die uns zur Existenz verurteilt hat. Sich mit der Tragik abfinden, heißt sie niederhalten, sie trägt ihr Heilmittel in sich selbst; man muß lachen können. Lüge des Daseins wird Illusion, das Tragende; Bewußtsein, wie schmutzig wir sind und wie ohnmächtig, kann groß sein, größer als das Phantom von Pathos und Herrentum, das jener dort in Sils-Maria ersann, weil er selbst weich, gütig und physisch zu schwach war — wie idealistisch, das heißt, wie vorsichtig stand er mit Frauen. Seine Lehre der Härte war nur Symbol, er predigte das Maximum und meinte nur ein Minimum — gerade soviel Härte, als nötig ist, um sowohl vor dem Hochmut des Eifers als vor der Sentimentalität des Allheilmittels Güte zu bewahren.
Verstehn Sie mich? Ich spreche von der Tatsache, daß, wenn wir auf der Suche nach Rettung vor dem Tierischen die Güte finden, das Tierische und Egoistische vergessen oder als Feind betrachtet wird, während es darauf ankommt, aus Zynismus, Lebenshunger und Gerechtigkeit gegen die andern eine Synthese zu bilden, die uns ein neues kompliziertes, aber darum nicht weniger tragfähiges und unmittelbares Temperament gibt. Mensch, sei die Summe deiner Widersprüche, diszipliniere dich so, daß du mit vierzig Jahren der Massenerkrankung aller Reifenden, dem hemmungslosen Einbruch der Güte widerstehst. Wie viele in diesem Alter, glauben Sie, vermögen Widerstand zu leisten? Konnte es doch die ganze antike Kultur nicht, als sie alterte, sie zersetzte sich christlich. Widerstand leisten heißt nicht, die Dämonie eines neuen Gedankens leugnen; es heißt sie fühlen, aber nur in kontrollierter Dosis ins Blut aufnehmen.“
Und auf einem Gang über die Kuppen, als sie von der Möglichkeit der Erziehung sprachen, fuhr er fort:
„Wenn ich mich frage, ob es noch überhaupt neue Gesichtspunkte der Erziehung gebe, die über die Trivialitätder moralischen Forderungen hinweghelfen, finde ich diesen Gedanken: Erziehung noch mehr als auf Moralität, das Selbstverständliche, auf Überlegenheit anzulegen. Überlegenheit nenne ich den Entschluß, Einsichten über die Grundlagen unsrer Natur nicht wieder untersinken zu lassen, sondern festzuhalten. Ringsum vollzieht sich alle Entwicklung so, daß die Menschen den vorletzten Gedanken durch den letzten totschlagen, der Weltliche plötzlich asketisch wird, der Individualist Güte predigt. Dieses Nacheinander scheint das Gesetz der innern Vorgänge zu sein, aber es kann ersetzt werden durch das Zugleich. Nie vergessen, daß wir der Gott sind, der die Ideen und Gebote schafft, nicht dualistisch aus Ohnmacht werden.“
„Ja,“ sagte Stein, „das Entmutigendste und Sinnloseste ist, daß gewonnene Erkenntnis mit dem einzelnen zugrund geht, immer wieder der sentimentale, eifervolle, pathetische Prozeß von vorn beginnt — sie, die von Entwicklung der Menschheit reden, müßten darüber verzweifeln.“
„Nein, sie müßten die Erkenntnis sichern,“ antwortete Lauda, „und es wäre nicht unmöglich. Hier interessiert mich erst Erziehung, hier zeigt sich die höchste Aufgabe des Widerstands. Eine Propädeutik der Energie ist denkbar, fußend auf einem noch nicht geschriebnen Katechismus, darin von den Gesetzen des Denkens die Rede wäre, von seiner Halbheit und Mühseligkeit, von seinen Rückfällen, vom primären Nacheinander und späteren Zugleich, von dem Versagen des Widerstands und seiner Größe, von der innern Physik, der seelischen Mathematik und der Überwindung des Tods durch die Generation. Aller Aktivismus wäre darin, die ganze Lehre vom Willen zur Selbstbehauptung, der den zur Macht ersetzen soll und seine gereinigte, geistige Form ist.“
„Voraussetzung wäre der Glaube an den freien Willen, ich habe ihn nicht mehr — hätten Sie erlebt, was ich erlebt habe.“
„Ich könnte sagen, ich habe es, beschränke mich darauf, zu sagen: ich behaupte die Mutationsfähigkeit der Seele — sie ist eine Frage der Trainierung von Hirnmuskeln durch den Willen, der identisch ist mit Selbstbehauptung, leichtfüßiger Energie. Das Hirn ist ein Kosmos, in dem neue Erdteile angelegt werden können: ein so mystischer Vorgang wie das Phänomen des Denkens überhaupt. Wie ist es möglich, daß wir immer wieder an derselben Stelle Empfindungen haben, ohne daß die früheren den späteren den Platz fortnehmen? Nur dadurch, daß Seele oder Hirn eine Masse ist, durch die in beliebiger Wiederholung Ströme gehn: es empfängt sie, reagiert raum- und zeitlos, leitet sie ab, ist aufs neue bereit, magische Landschaft der blauen Phosphorblitze, wunderbare Gelatine, berstend von Erinnrungen und doch keine lokalisierend, willig jeder Zucht und Steigrung, freudig wie ein edles Tier, das sich als Künstler und adlig fühlt, wenn es Aufgaben bewältigen lernt.“
Warum war Else zu ihm gekommen? Sie sagte:
„Weil meine Gedanken dorthin folgen, wo ich jemand unbrutal und verstehend weiß.“
Daß sie solchem Menschenwunsch wie etwas Selbstverständlichem nachgegeben hatte, gefiel ihm; das war die ethische Regsamkeit von Jüdinnen, die entschloßner als andre sich von geistigen Werten bewegen ließen. Stolz der Christin, sich suchen zu lassen und nicht zu offenbaren, bis der Mann um sie warb, erschwerte das Bekenntnis, daß menschliche Angelegenheiten, Nöte, seelische Interessen überpersönlich, allen gemeinsam sind; das Geschlecht wurde weniger wichtig genommen; erhob es danach seine Ansprüche, war eine geistige Fundamentierung gelegt.
Auch zwischen ihm und ihr kam dieser Augenblick. Beisammensein des Tags ward an den Abenden fortgesetzt; schon hatte sich seit jener Nacht, in der siesein Manuskript abgeschrieben hatte, eine Gewohnheit gebildet; sie las, während er schrieb, und störte nicht. Stand sie dann auf, in ihr Zimmer zu gehn, fühlten beide, daß die unsichtbare Spinne Fäden um sie gewoben hatte, die zu zerreißen größren Entschluß kostete als, dableibend, sie bestehn zu lassen.
Aus Bemerkungen des Unwillkürlichen schloß er, daß sie diesen Augenblick bedacht hatte; sie stand allein, war ihm gut, hatte das Bedürfnis der Frau nach einem Gefährten bekannt. Aber er seinerseits glaubte die Tiefe dieser Sehnsucht, der die Melancholie des ersten Erlebnisses vorangegangen war, zu ermessen und ahnte, daß sie eine Bindung von ihm verlangen werde, die ihn, für das Mädchen, die Qualen spätrer Lösung scheuen ließ.
Er fühlte, Tag für Tag im Freien zubringend, wandernd, dem Champagnerrausch der Höhenluft ausgesetzt, so große schöne Beschwingung aller Energien, so straffen, frohen Hunger nach Begegnung, Mensch und Tat, daß er sich Auslösung nicht anders als unbeschwert durch Seelenhaftigkeit und die den Frauen teure Aussprache, Bestätigung, Feststellung denken konnte — er erkannte sich: wenn er ganz wahr war, zog er Frauen vor, die durch äußre und innre Bedingungen so selbständig waren, daß sie begegneten, ohne Häuser zu bauen. Und Else wußte es, aus dem Eindruck seines Naturells abstrahierend, er merkte es an der Wiederkehr ihres: Es ist gleich, was geschieht, dieses schmerzlichen und wagenden Fatalismus.
Während sie so, sich nachdenklich in die Augen sehend, einander zutrieben, geschah es, daß er zwei Tage das Zimmer hütete: sie wanderte allein, begegnete Stein und trat Lauda verändert entgegen.
„Als ich ihn das erstemal, mit Ihnen,“ sagte sie, „von dem Gebot reden hörte, sich zu vernichten, um einmal wenigstens Moralisches getan zu haben, ergriff es michwohl, aber meine Gedanken antworteten ihm schon aus denen Laudas heraus. Mit ihm allein, war es, als trete ein andrer Geist in mich, ihm und mir und unsrer Rasse Gemeinsames, ferner dem Ihrigen, mitleidvoller, wissender um das jüdische Leid. Sie, Lauda, setzen ihm entgegen, was Sie sind; mir scheint es möglich, ihm den Revolver zu entwinden, indem ich mich mit ihm identifiziere.“
„Das Resultat,“ sagte Lauda, „wird gemeinsame Ethik sein, der Ethik wiedergegeben, wird er in Flammen stehender Revolutionär werden, und er wird Ihre Mütterlichkeit nicht erfüllen, denn sie ist Wunsch nach Ruhe.“
Sie verstand, wie er es meinte, nicht abratend, man muß sein Schicksal erfüllen, sehend dem Konflikt entgegengehn, vor jeder neuen Bindung wissen, daß sie, auf andre Art, das gleiche bringen werde wie die frühren. Immerhin berichtete sie am nächsten Tag:
„Vielleicht erspart er sich und mir die Abbiegung in die revolutionäre Heerstraße, wählt eine kleinre, frohere Aufgabe: wir sprachen vom Zionismus. Er fühlt, daß die Zeit naht, wo der jüdische Geist wieder Anspruch erhebt, eine der Kräfte der Welt zu sein, neue Gestaltung oder Untergang sucht.“
„Man darf annehmen,“ antwortete Lauda, „daß er sowenig untergehn wird wie in der Vergangenheit. Die Rationalen werden die Anpeitscher der Revolution werden, um durch Zerstörung der Nationen Gleichberechtigung für die ihrige zu erlangen, die Religiösen den jüdischen Kosmos zu bilden suchen. Wird ein Palästina, mit Londoner und Pariser Bankiergeld saniert, Musterfarmen und Häuser mit Zentralheizung gründend, auf enges Gebiet beschränkt, sentimental längst verstorbne Rabbiner studierend, mehr als rationalistische Angelegenheit sein?“
Sie wußte es nicht und er nicht, es ging ihn nichts an.
Er ward überflüssiger Zeuge der zwei, erinnerte sich, einen Brief vom Personal Hannahs erhalten zu haben, der nahlegte, am Brienzer See nach dem Rechten zu sehn, blieb zuvor in Zürich drei Tage, seinen Überschuß Elena zutragend, in deren Zimmer er nun doch wieder saß, fatalistisch überzeugt, daß ihm Begegnung mit der zartren und innigeren Frau nie gewährt werde, weil er sie nicht suchte — Feststellung, die tragische Koketterie zu vermeiden hatte — und hielt mit seinen Koffern acht Tage vor Weihnachten Einzug im Landhaus jenseits des Brünig.
Er fand den Knaben gewachsen, und Funken der Intelligenz in seinem Auge entzündeten alsbald eine Assoziationskette, die über fünfzehn kommende Jahre hinweg zu einem jungen Menschen führte, den er erzogen hatte. Wunsch, Erkanntes und Errungenes weiterzugeben, nahm erste Gestalt an.
„Ein Schloß sprang ein,“ sagte er, „ich habe mich in die Generationsreihe gestellt: Die Schale weitergeben, nicht auf die Barrikade rufen; Erziehung ist die wirkliche Tat, Aufpeitschen nur Über-die-Tat-reden.“
Am Weihnachtstag, in Interlaken, wo er Geschenke gekauft hatte, legte sich, als er das Abendschiff betrat, eine Hand auf seinen Arm. Hannah, durchfuhr es ihn, so hatte sie ihn auf dem Brünig berührt. Aber als er sich umwandte, sah er Assenstand, jenen Patriziersohn aus Danzig, der in Brüssel am schmucklosen Tisch dem vor Chrisanthemen auf Pergament schreibenden Dichter gegenübergesessen hatte, selbst Dichter, einer andern, herrenhaften Prägung, und Hasser der demokratisierten Welt.
Lauda begrüßte ihn froh, da sah er die Zurückhaltung im Gesicht des einst Befreundeten — Assenstand sagte:
„Ich freute mich, Sie aufzusuchen, da erfuhr ich, daß Sie die Sache Ihres Volks aufgegeben haben, um nichtzu sagen beschimpfen. Es ist mir darum unmöglich, Ihre Gastfreundschaft anzunehmen, ich beschränke mich darauf, mich meines Auftrags zu entledigen. Lassen Sie uns in ein Café gehn.“
Aber das Schiff war das letzte des Tags, und Lauda nicht auf Übernachten vorbereitet.
„Sie nehmen nichtmeineGastfreundschaft an,“ sagte er, „sondern einer abwesenden Dame, die Eigentümerin des Guts ist, Frau Graumann.“
„Und trotzdem die Ihrige,“ antwortete Assenstand, folgte aber aufs Schiff, „denn ich komme, um Ihnen zu sagen, daß Sie ihr Erbe sind, ich verließ Petersburg am Tag vor ihrer Erschießung.“
Er erzählte. Er war als Dolmetscher nach Brest-Litowsk gerufen worden, im Verlauf der Verhandlungen fuhr er nach Petersburg. Man führte ihn in den Salon der Freundin eines der neuen Machthaber, Frau Hannahs. Sie stellten gemeinsame Bekanntschaft mit Lauda fest, er verkehrte bei ihr. Daß er einmal Lauda von ihr berichten werde, bewirkte, daß sie von sich sprach.
Wer in dieser Sphäre von Macht, Neid, Mißtrauen, Beaufsichtigung lebte, dem war nicht mehr erlaubt, sich zurückzuziehn. Sie dort waren auf Erfolg und Verderben miteinander verbunden, wie eine Goldjägerschar, die in den unbekannten Kontinent vordringt — kein Brudergefühl, Mißtrauen schlich um, Fieber derer die die Dünste des Bluts atmen. Aus dem Blut stiegen die Geister des Tödlichen auf und waren dämonisch Verwandlungen des verleugneten Gotts; unerbittlich, grausam, lauernd, wie sie ihn verlangten, wies er ihnen die Verschreibung des eignen Lebens vor, sie einzulösen.
„Wie die Augen der Menschen hier sind.“ sagte sie, „keiner erträgt ihren Blick, nicht der, dem er gilt, und nicht der, der ihn hat — er weiß von ihm; das unerträglich überspannte Leben haßt sich selbst darin und findet keine Erlösung, weil es kein Zurück mehr gibt.“
Das Geschlecht schützte nicht, aber es gab Frauen neben ihr, die mit herausfordernder Sicherheit ihren Weg gingen, männerantreibende, die fanatisch über der Revolution wachten, und männererregende, die geil gediehn.
Eines Tags fand er Hannahs Wohnung geplündert, von Soldaten besetzt; Gang zu ihrem Beschützer, dem selbst gefährdeten, war vergeblich — sie hatte einer vom Tribunal gesuchten Oberstentochter zur Flucht verholfen. Es gelang Assenstand, die Zelle zu betreten; sie wußte, daß es ihre letzte Nacht war. Warum hatte sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt?
„Einer,“ antwortete sie, „ist, der es versteht, ohne Erklärung, wir hatten ein Gespräch auf dem Brünig.“
Assenstand fühlte, daß Tage der Befreundung für nichts galten, sie öffnete sich nicht; in ihren Augen war ein Feuer, das er das Wunderbare nannte; sanfter Glanz der Ruhe, harter der Verachtung darin, abgeschloßnes Leben, zitterndes. Konnte eine Frau so sterben, edles Tier, das lautlos den Winkel sucht, edel wie der Mensch der Antike, der das Haupt verhüllend, sich in den Ablauf seines Lebens versenkte?
Welche Kraft, die durch keine Anerkennung, weder eigne noch andrer belohnt wurde, denn ob einer Großes oder Feiges in dieser Nacht dachte, es war im nächsten Frühlicht wesenlos. Und dann, daß sie beim Abschied aufstand, die Hände um seinen Kopf legte und ihn küßte — erschütternd, weil es eine Situation war, in der die Geste des äußersten Gefühls rein von Theater blieb: er hatte keine andre je erlebt. Sie löste das Angebot an Hannah aus, in seiner Kleidung zu fliehn, und das war pathetische Geste, denn sie war irgendwie Erinnrung an Gelesnes. Hannah schrieb in sein Notizbuch Worte für Lauda und Bestimmungen, dann ging er.
Lauda nahm das Heft in Empfang, schloß es ein, sagte:
„Um Frau Hannahs willen werden Sie vergessen, daß Sie nicht mein Gast sein wollten, als denkenderMensch sich sagen, daß Überzeugung so handeln lassen kann, wie ich gegen mein Land handelte.“
Sie blieben auf, sprachen von Europa. Es erwies sich, daß Assenstand den Glauben nicht teilte, daß der Friede mit Rußland Erleichtrung sein werde.
„Es ist zu spät,“ sagte Lauda, „Kraft, die an der Lüge dessen krankt, der behauptet, daß er sich nur verteidige und doch darauf brennt, seinen Willen aufzuzwingen, wird müde. Jener englische Minister, der von den Deutschen sagte, sie seien ein wildes Tier, das in seinem Käfig nur zu weiten Tatzenschlägen ausholt, wird Recht behalten.“
„Wenn es sich so verhält, wie ist es möglich, daß Sie so kalt zuschauen, wie das Tier sich verblutet? Von welcher Art sind Sie?“
„Von Ihrer eignen, die sauber sich entscheidet, Feind alles Verschwommnen, unsachlich Sentimentalen. Daß Sie das Aristokratische wählten, ich das scheinbare Gegenteil, ist vom Wesentlichen her kein Unterschied. Sind Sie noch wie in Brüssel der Überzeugung, daß der deutsche Junker die Manifestation einer Idee sei?“
„Daß Radikalisierung, Zerstörung jeder Bindung durch überpersönliche Hemmungen das größte Unglück ist, das die innre Ordnung treffen kann, steht seit den Petersburger Tagen so fest in mir, daß ich nicht nur religiöse Regulative, sondern sogar kirchliche wünsche.“
„Ganz recht, man könnte mit den stärksten Gründen belegen, daß Sozialismus seinen Sinn noch nicht gefunden hat, solang er weltliche Macht werden will, daß er vielmehr ein Akzidenz, geistiges Prinzip ist, das sich mit jeder zivilisierten Staatsform verbinden läßt — er wäre also nur Kontrolle, treibende Kraft, moralischer Faktor; aber ich muß meine Frage wiederholen: glauben Sie, daß die preußischen Konservativen ein Gran der Besonnenheit und Geistigkeit besitzen, die ihnen erlaubten, die sozialen Ideen zu binden und den Deutschen das zu geben, was sie nicht haben, Charakter?
Charakter nenne ich Ausgleich zwischen der Widerstandskraft gegen den Ansturm von Ideen und der Bereitwilligkeit, diese Ideen als ernstestes Gebot zu empfinden. Das ist unsagbar fern der Gier, sich die Macht ohne Gegendienst zu sichern — bei den Junkern finden Sie nichts als diese Gier. Haben Sie je gehört, daß Junker von der Notwendigkeit der Erziehung gesprochen haben, einer Erziehung, die radikale Fordrungen, statt sie als Verbrechen zu erklären, bereitwillig, sachlich, ohne Hintergedanken verarbeitet, weil sie das Recht auf Nachdenken und Bessrungsvorschläge grundsätzlich, aus Moralität, als menschlichste Angelegenheit anerkennt?
Ziel der Erziehung ist, Charakter geben, den Mensch mit geschickten und klugen Händen zur Selbstbehauptung führen, ihn das Schritt für Schritt lehren, das keinen Augenblick Stehnbleiben sein darf. Wie sind denn die Deutschen? Überhitzte Brutale als Konservative, feig als Demokraten, Leugner ihrer eignen Grundsätze als Sozialisten, weichlich in einer gepanzerten Hülle, schwankend, verschwommen, unfähig alles Präzisen, Unbeirrbaren, Durchdachten — sie sind das Volk ohne Charakter.“
„Nun gut,“ antwortete Assenstand, „es ist zwecklos zu leugnen, daß mich der Verkehr mit den deutschen Bevollmächtigten in Brest erschreckt hat: Man hatte das entsetzliche Gefühl, daß das Schicksal den mit Hochmut füllt, den es schlagen will. Ich verglich die Idee des leitenden Menschen, der der Masse Bindungen gibt, mit ihren Vertretern: es stieg siedend heiß in mir auf. Aber ich glaube so fest an diese Idee der Führer im Staat, daß ich keinen andren Weg sehe, als den, den ich bisher wählte. Sie sprechen von Erziehung. Ich bin ein Mensch, dem Einwirkung auf andre ganz fern liegt, man muß sich selbst finden. Die deutsche Sache von heute ist meine Sache, wir sind zu weit gegangen, als daß es ein Zurück gäbe.“
„So wird ihr Zusammenbruch Sie unvorbereitet treffen; was werden Sie dann tun? Revanche lehren? Es ist gut, sich vorzubereiten, denn dann wird es nur eine Aufgabe geben: in die Charakterbildung einzugreifen.“
„Und welche Methode werden Sie befolgen?“
„Ich weiß es nicht. Es gehört mir dieses Haus. Heute nacht dachte ich darüber nach, wie gut es wäre, eine Schar deutscher Knaben aus ihrer heimatlichen Atmosphäre zu versetzen und durch eine Zahl von Menschen erziehn zu lassen, die die Katastrophe der deutschen Menschlichkeit so stark in sich erlebt haben, daß sie auf alle deutsche Tradition verzichten und sich die Grundsätze einer neuen Pädagogik selbst zimmern. Deren Taktik wäre, die innre Mathematik, man könnte auch sagen Mechanik von Ideen und Gefühlen durchforschen, ihnen allen sich öffnen und nur ein Ziel im Auge behalten: die Demut nicht Schwäche werden zu lassen, sondern mit letzter Überlegenheit zu verbinden — es wäre diese Überlegenheit der Ausgleich aus Hingabe und Souveränität, ihre schwebende gegenseitige Aufhebung. Es sind auch andre Formen der Einwirkung auf Menschen denkbar — welche ich wähle, weiß ich nicht; gewiß ist nur, daß die höchste Illusion, die man Menschen bieten kann, diejenige Einwirkung ist, die vom Individuum zur Generationenfolge vorschreitet. Die Generation ist die dem Menschen mögliche Unsterblichkeit, sie allein erlaubt, Ideen zu erfinden.“
„Ihr Ziel ist also,“ sagte Assenstand, „Charakterbildung auf Grundlage des Widerstands, aber mit Ausschaltung des Religiösen im gläubigen Sinn. Wenn Sie eine neue Bindung durch Religion fänden, wäre Ihre Idee vollkommen.“
„Sie irren, sie würde Halbheit werden; es wird nie mehr neue sichtbare Formen des Religiösen geben, nur noch die gereinigte Idee des Verhältnisses zu Ja und Nein, die Gott nicht mehr kennt. Wie ist der Mensch?Er ist so beschaffen, daß er auch Gott stets und überall zu einem Mittel zur Befestigung seiner Machtgier erniedrigt; darum müssen wir soweit kommen, daß wir Gott weder bejahn, noch bekämpfen, sondern ganz frei von ihm sind.
In ferner Zukunft ist eine Zivilisation denkbar, die über Absolutes und Zeitliches, Bejahung und Verneinung, Idee und Tat, Geistigkeit und Materialität klare, weise, unpathetische und unsentimentale, durchdachte, bindende Vorstellungen hat. Diese Vorstellungen sind nicht mehr gefährdet durch Rückfälle in das Chaotische, weil das Chaotische nicht geleugnet, sondern als große primäre Macht benannt wird. Es ist die Verwirklichung dessen, was ich suche: eine gewisse Summe von Erkenntnissen nicht mehr untergehn zu lassen, sondern kraft der Energie und des Widerstands gegen Zeitlichkeit zu vererben.
Dem Charakter Form geben, ihm zugleich Widerstand und Einlaß des Radikalen lehren, so daß er das Maximum beider Ströme einschalten kann, wird die höchste Idee sein. Die Mutationsfähigkeit züchten, Leid durch Zersetzung vermeiden, Glück vermittels Steigrung der Kontrollfähigkeit vergrößern. Wissen ist uns noch Gegensatz zum Schöpferischen, und wir stehn ihm noch kritisch gegenüber, weil es das Ideal des Aufklärers, des Nuroptimisten ist: in der Zukunft liegt eine neue Möglichkeit, klare Energie in unmittelbares Temperament umzusetzen, eine neue Menschlichkeit, die nicht mehr wie die unsrige Feminität ist.