Und wieder zog er sie zärtlich an sich.
Sie aber entwand sich ihm und sagte, ihren jungen Lehrmeister seltsam traurig anblickend: »da mein Gatte sein Weihnachtsgeschenk, meine arme Ode so früh empfangen, so mag ich auch Eure Christgabe nicht länger zurückhalten. Nehmt sie denn hiermit, – 's ist ein schwacher Dank für die Mühe, so Ihr mit mir gehabt!« – Und sie zog aus ihrer Kleidertasche einen gedruckten Zettel, worauf zu lesen stand:
»Am zweiten Christtage wird allhier folgendes Stück aufgeführt werden, mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung:
»Der junge Gelehrte.«
Lustspiel in drei Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing. Folgende Personen werden darin vorkommen:
Der junge Dichter aber – den Zettel in der Hand – stand da wie ein beschenktes Kind und staunte die schöne Geberin an wie im Traume, – dann wieder die gedruckten Worte, – und hat in seinem Leben kein so seliges Christfest wieder gefeiert denn damals in dem Stübchen der Gottschedin am 22. December Anno 1746. –
Als aber später die Gatten wieder allein waren, und Victoria Adelgunde nach dem Grunde der so überraschenden Rückkehr Gottsched's fragte, – wagte er doch, ihren ernsten reinen Augen gegenüber, nicht die volle Wahrheit zu gestehn. Es war nur eine halbe Beichte, die er ihr da stammelte. Sie hatte jedoch mit dem feinen Gefühl der Frau Alles errathen, – und fühlte plötzlich einen scharfen Schmerz durch ihr Herz gehn. – »Meine Lehrstunden werden mit diesem Tage für immer enden,« sagte sie nach einer Pause ruhig, aber mit einem tiefen Seufzer, »dafür bitte ich Euch aber mir zu erlauben am zweiten Weihnachtstage dasTheater der Neuberin zu besuchen. Ich gestehe Euch hiermit, daßich selbstdiese Frau überredet, das Stück Lessing's aufzuführen, – aber auch die »Matrone zu Ephesus« des jungen Weiße soll Anfang Januar einstudirt werden, nachdem die Zieglerin sich vergeblich bei der Theaterdirectorin dafür verwendet. Ich denke, die Verzeihung für diesen Schritt und die Gewährung meiner Bitte sei eine geringe Belohnung für eine lateinischeOdeund eine gelinde Strafe für Euch für das, was Ihr von mir, Eurer Ehefrau, geglaubt!« – –
Und am zweiten Weihnachtstage wurde der »junge Gelehrte« wirklich aufgeführt, unter großem Beifall der Zuhörer. Die Schauspieler thaten ihr Bestes, und die versammelte heitere Menge schaute oft neugierig auf den Platz, den der Professor Gellert eingenommen. Hinter ihm saßen nämlich zwei Studenten, und man bezeichnete den Einen von ihnen als den Dichter des Stückes, mit der Bemerkung, »der da, mit den großen Augen und fliegenden Haaren, der ist's!«
Ephraim Lessing aber war in einer wunderbar gehobenen Stimmung. Er sah seiner Seele höchsten Wunsch erfüllt, – er sah seine Dichtung lebendig vor Augen, der Beifall der Hörer klang wieMusik in sein Ohr – es war ihm als lebe er ein Märchen. Und in seinem Herzen fühlte er sich so froh und leicht wie noch nie. Der Schleier, der noch vor Kurzem die Holdeste aller Frauengestalten umhüllt, lag nun zerrissen zu seine Füßen, in ungetrübtem Glanze lächelte Victoria Adelgunden's Bild zu ihm hernieder. – Die Erzählungen seines Freundes Weiße, von dessen Lippen jetzt der Bann des Schweigens genommen, hatten alle seine bangen Zweifel zerstreut. Welch reizende Lösung jenes Räthsels, das den jungen Dichter so sehr bedrückt. Durch Christian Felix allein hatte sich ja die Gottschedin das Manuskript des »jungen Gelehrten« verschafft, – und er war ihr Begleiter gewesen zur Neuberin, in derem Hause man die ersten Proben in Gegenwart der holden Schützerin Lessing's abgehalten. –
Ueber alle diese entzückenden Dinge sann der Dichter wieder und wieder nach, während auf der BühneseineWorte geredet wurden und die GestaltenseinerSchöpfungen sich vor seinen leiblichen Augen auf und ab bewegten. – Und als endlich der Vorhang fiel und die Zuhörer jubelten, da flog ein Lorbeerkranz auf die Bühne. – Wessen Hand hatte ihn wohl dem jungen Dichter gewunden? –
Am nächsten Tage aber nahm Victoria Adelgunde einen feierlichen Abschied von ihrem Vorleser und Lehrmeister und bat ihn ferner nur in Gesellschaft seines Freundes, nimmer wieder allein, und an fest bestimmten Abenden zu ihr zu kommen. Was sie ihm dann noch erzählt – was sie zu ihm gesprochen – was er ihr erwidert – Niemand weiß es, – aber die Beiden schieden in tiefster Erschütterung von einander und sahen sich fortan selten und immer seltner. – Und wie viele Späheraugen die schöne Frau und den Jüngling auch fort und fort beobachteten wenn man sie mit einander in Gesellschaften unter Andern sah, Niemand konnte in Haltung und Wesen der Beiden gegen einander auch die kleinste Ungehörigkeit entdecken. Denn das leise Zittern, das wohl auf einen Augenblick die Gestalt der liebenswürdigen Gefährtin Gottsched's durchflog wenn der junge Dichter eintrat, – fühlte zum Glück nursieallein, und das verrätherische BebenseinerStimme, wenn er mitihrredete, vernahm Niemand dennsieallein. Aber Beide erkannten aus diesen Zeichen doch daß sie – an einem Abgrund gespielt, wie Kinder, die Gefahr nicht ahnend, – und daß die Hand, die sie zurückgezogen, die Hand eines Mannes war, den Beide verehrten. – – Den Studenten Lessing jedochlitt es nicht mehr lange in Leipzig – –wasihn forttrieb hat wohl Niemand je erfahren.
Victoria Adelgunde aber schloß sich inniger an ihren Mann an, der nun auch nicht ermüdete ihr öffentlich wie unter vier Augen die Beweise einer zärtlichen und anbetenden Liebe zu geben. Es war als fühle er, daß er ihr Etwas zu ersetzen habe, und sie fühlte wiederum daß sie ihm Dank schulde. Wofür – wagte sie sich kaum zu gestehn. – Großes Aufsehn machte aber das Zurückziehn des berühmten Gelehrten von seinen Freundinnen. Gottsched besuchte plötzlich jene »himmlischen« Kreise nicht mehr, und brach allen Verkehr mit den Musen Leipzig's ab. Dagegen öffnete er nun sein Haus jedem jungen strebsamen Talent, und wandte sich jetzt mehr denn je der studirenden Jugend zu, was ihm viele dankbare Herzen erwarb, obgleich er nicht, wie der liebenswürdige Gellert, jenes mild ernste und doch warme Wesen zeigte, das die Jugend so unwiderstehlich anzieht und fesselt. – Victoria Adelgunde nun, fand den leitenden Faden aus dem Labyrinth ihrer aufgeregten Gedanken und Gefühle zunächst in derArbeit, die schon Manchen davor bewahrt Schaden zu nehmen an Leib und Seele. Sie hörte alle Privat-Vorlesungen ihres Gatten über Philosophie, Poesie und Rhetorik, an der verschlossenenThüre ihres Schlafzimmers sitzend an, – sie übersetzte aus dem Englischen und Französischen, sie wurde dem Gelehrten eine treue umsichtige Helferin bei all seinen ernsten Arbeiten, sammelte, sichtete, und stellte für ihn die verschiedenen Stoffe zusammen, überraschte ihn auch zu seinem Geburtstag, oder zum Christfest, regelmäßig mit einem kleinen Drama, wie z. B. »Die ungleiche Heirath,« »Die Hausfranzösin,« »Der Witzling« u. A. m. – Nur das Lateinische und Griechische hatte sie, seltsamer Weise, bei Seite geschoben und begraben, trotz aller leisen Mahnungen ihres Gatten. – Ihr Hauswesen dagegen hielt sie nach wie vor in musterhafter Ordnung, sah fleißig in Küche und Keller nach und zeigte eine ungleich lebhaftere Freude wenn ihr Gatte ein von ihr selbst verfertigtesGerichtdenn einGedichtlobte, und alle ihre Freunde wußten daß sie lieber über ihre Spitzen Bewundrung einerntete als über ihre Feder. –
Noch in ihren letzten schmerzensvollen Lebenstagen sagte sie lächelnd zu Gottsched: »Gottlob daß ich mein Bischen Latein und Griechisch jetzt völlig vergessen, nun darf ich doch sterben wie ich gelebt: eineungelehrteFrau!« –
Auf ihrem Schreibtisch fanden sich nach ihremTode – den 26. Juni 1762 – folgende rührende Verse:
Eine Sammlung ihrer bewunderungswürdigen Briefe gab eine ihrer Freundinnen, Frau von Runkel, in drei Bänden heraus. In diesen Blättern hat sich die geistvolle warmfühlende Frau das schönste Denkmal gesetzt, und sonnenklar bewiesen, daß nichtjedeFrau, die einmal die Feder zu andern Dingen in die Hand nimmt als um Tagesausgaben oder Waschzettel zu schreiben, dintengeschwärzte Finger, und nachlässige Kleidung zur Schau tragen, und eine schlechte Hausfrausein muß. Es sind reizende Briefe, das Abbild einer wahrhaft schönen Frauenseele, – der zu ihrer vollen Befriedigung vielleicht nurEinesfehlte: – das selige Gefühl Mutter zu sein. – DielateinischenUebungsbriefe, die Victoria Adelgunde an ihren jungen Lehrmeister schrieb, sind abernichtunter jenen gesammelten Blättern. Die hat der Lessingso wie jenen Lorbeerkranz, denihreHand damals für den jungen Dichter auf der ersten Stufe des Ruhmestempels niederlegte, – undso gutverwahrt, daß nureinAugenpaar sie erblickt: nämlich das der Erzählerin
Elise Polko.
(1859.)
Kein Dorfgeschichtenschreiber hätte eine hübschere Lage für die Heimath seiner Lieblingsgestalten erfinden können als die Lage der beiden Dörfer M. und N. Die niedern Häuser mit den rothen Dächern standen in dem Schatten von Obstbäumen, im Vordergrunde breiteten sich fette Wiesen und Kornfelder aus, im Hintergrunde zeigte sich ein frischer Laubwald, dem die dunkleren Parthien, kleine Tannengruppen, auch nicht fehlten, und den Horizont begrenzte jene malerische Bergreihe, die sich längs dem Rheinufer zwischen St. Goar und Bingen hinzieht. Jedes Dorf hatte einen schlanken Kirchthurm, auf dem einen schimmerte ein Kreuzlein, auf dem andern blitzte ein Wetterhahn. Die Kirchthüre in N. stand allezeit weit offen und trug die Inschrift: »Kommt her zu mir Alle, die ihr müheselig seid und beladen– ich will euch erquicken.« Ueber der Kirchthüre des andern Dorfes stand keine Inschrift, und der alte Küster, der zugleich Schullehrer war, schloß sie nur des Sonntags auf, oder zu Trauungen und Kindtaufen. In jener offenen Kirche waren buntgemalte Fenster, die einen warmen lieblichen Schein warfen auf die dunkelbraunen geschnitzten Betstühle und die Steine des Bodens; auf dem sinnig geschmückten Altar standen im Sommer frische Blumen, in silbernen Gefäßen, um das Crucifix, und brennende Kerzen, und inmitten der Kirche hatte man eine lebensgroße heilige Mutter aufgestellt, mit dem Jesuskind im Arme, in einem blauen Mantel, dessen Saum mit silbernen Sternen gestickt war. Die ewige Ampel schimmerte sanft, und graue Weihrauchwolken zitterten wie Nebelschleier durch den geweihten Raum. Kühl und würzig war die Luft in dem Kirchlein, denn die liebe Sonne kam durch die weit offene Thür mit den frommen Betern zugleich herein.
In der viel größeren Sonntagskirche waren die Wände recht hübsch weiß getüncht. Den Mittelraum füllten lange Reihen von braunen Holzbänken, mit braunen Holzwänden davor, die einen vorspringenden Rand hatten um die Gesangbücher daraufzu legen. An diesen Holzwänden, sowie an der Rücklehne der Bänke, waren viele grüne, rothe und blaue Schilder angebracht, worauf mit Goldschrift verschiedene Namen standen. Auf solche Schildplätze durfte sich Sonntags kein anderes Menschenkind setzen als jenes, so den Namen trug der darauf zu lesen war. – Der Altar hatte eine verblichene grüne Tuchdecke auf der die Bibel lag, zwischen zwei Leuchtern deren Kerzen niemals brannten. An der Wand hinter dem Altar war ein großes Bild eingefügt, Gott der Herr, strenges Gericht haltend über die Guten und die Bösen, und die Schafe sondernd von den Böcken. Der unbekannte Maler hatte am Ende des Bildes, mit bedeutendem Farbenaufwand, den leibhaftigen Bösen mit Hörnern, Ofengabel und ellenlangem Schwanz dargestellt, wie er eben mit frohem Grinsen seines feuerspeienden Rachens einige verstoßene Seelen aufspießt. Diese höllische Fratze hatte schon manche fromme Beterin in ihrer Andacht gestört, und sogar manche zu frühe Entbindung veranlaßt. – Die hohen trüben Fenster waren theilweise verhangen mit grauleinenem Zeuge, damit die andächtige Gemeinde nicht von den zudringlichen Sonnenstrahlen verhindert wurde den Herrn Pfarrer auf der Kanzel zu sehen.
Mit einem Worte – das eine Dorf war katholisch, das andere protestantisch, und das hätte man schon allein den Pfarrhäusern anmerken können. In dem protestantischen Pfarrhause in M. standen allezeit die Hausthür und die Hinterthür, die in den Hof und in den Garten führte, gegen einander offen, was einen argen Zug gab, in dem aber verschiedene muntere Knaben und Mägdlein aufwuchsen. Der hübsche Garten, in dem viel Gemüse gedieh, hing die ganze Woche voll Kinderwäsche, bunte Gardinen verhüllten die Fenster, und an den Sonnabenden pflegte der Herr Pastor, bei leidlich gutem Wetter, immer seine Predigt auf dem Spazierwege oder in der Fliederlaube zu memoriren, weil das ganze Haus sodann unter Wasser stand. –
Des andern Pfarrhauses breite dunkelgrüne Thür war immer wohl verschlossen, wer Einlaß begehrte, mußte an ein Seitenpförtchen klopfen, das man im grünen Weinlaube kaum sah. Blendend weiße Gardinen bauschten sich an den hellen Scheiben, sanft singende Vögel hingen in zierlichen Käfigen vor den Fenstern. Im Gärtchen, das so niedlich aussah, daß man es hätte gleich in einem Salon als Zierrath aufstellen mögen, blühten die schönsten Blumen in jeder Jahreszeit, der wohleingerichtete Küchengartenlag versteckt hinter üppigem Strauchwerk, in dem Hof und Hühnerstall sich umzusehen, war eine Lust, und das Taubenhaus sah einem hübschen Pavillon gleich. – Die freundliche alte Schwester des Pfarrherrn trug zwar nur Kattunkleider und weiße, eng anschließende Hauben, sie sah aber doch allezeit aus, wie die Leute im Dorfe meinten, wie eine »Weihnachtspuppe.«
Daß sich »die Herrn Collegen« von M. und N. niemals anders als mit einem sehr steifen Kopfnicken grüßten, und die Frau Pastorin und die »alte Mamsell« gar nicht, verstand sich von selbst. Die M'sche Pfarre war ausgezeichnet, aber der »Herr Pastor« sagte oft zu seiner Frau, daß er mit der Hälfte der Einnahmen zufrieden sein würde, wenn er die Katholiken nicht zu Nachbarn hätte. – Er war sonst, wenigstens nach seiner eignen Meinung, äußerst »tolerant,« nur gegen die »Katholiken« und gegen »Juden« spürte er eine kleine Abneigung, ähnlich jener, die er empfand, wenn ihm seine Frau einmal gelbe Rüben auf den Tisch brachte. – Wäre N. zehn Meilen von M. belegen gewesen, keinen katholikenfreundlicheren Mann hätte man sich denken können als den Pastor Müller. So aber kaufte man im Pfarrhause zu M. keiner Bäuerin aus N. etwas ab,auf strengen Befehl des Hausherrn, was der Pastorin oft schwer genug wurde, und jeder kleine Liebeshandel zwischen einem M'schen und N'schen Pfarrkinde wurde um so strenger vom Pastor getilgt, als der katholische Pfarrherr gegen dergleichen »Verirrungen,« wie er diese Verhältnisse mit seinem feinen Lächeln zu nennen pflegte, ziemlich nachsichtig war.
Der Herr Pastor richtete sogar seine Spaziergänge nie nach der Seite von N., weil er es nicht ertragen konnte, an Marienbildern, Kreuzen und Heiligen vorbei zu passiren. Sein steter Kummer war, daß die Post, die damals von Köln nach Frankfurt ging, zuerst durch N. kommen und anhalten mußte, während der Pfarrherr von N. ohne Neid es geschehen ließ, daß der Schwager auf dem Rückwege seine Pferde in M. fütterte. Weder gemeinsames Glück, nämlich reiche Ernten, noch gemeinsames Unglück, Mißwachs oder Hagelschaden, noch die alles gleichmachende Zeit vermochten hier die Verhältnisse zu ändern, und bewahrte man auch nach Außen hin einen gewissen Schein von Verträglichkeit, predigte man auch von den Kanzeln gewissenhaft das »liebet eure Feinde,« so hatte wenigstens der Herr Pastor seine »grillenhaften Stunden,« in denen er darüber nachsann, warum wohl der Herr nur in »grauen Zeiten«Schwefel und Pech vom Himmel regnen ließ – natürlich auf jene, die es verdienten! –
Als der Herr Pastor älter und in Folge des ewigen Zuges und vielen Scheuerns gar sehr von der Gicht geplagt wurde, bewilligte man ihm auf seine Bitte einen jungen Helfer, den er zu sich in's Haus nahm. Gottfried Berger, ein Theologe wie ihn empfindsame Seelen malen, nämlich »Johannesartig« mit blauen Augen und blondem Haar, war der hinterlassene Sohn der verstorbenen Schwester des Pastors. Er verstand sich trefflich in Onkel und Tante zu finden, und es wurde bald ein Lieblingsgedanke des Kränkelnden, sich diesen Neffen als Nachfolger und – Schwiegersohn dermaleinst in M. zu denken. Hatte er auch zur Zeit an dem jungen Manne noch vieles auszusetzen, vornehmlich daß er den Pfarrherrn von N. viel zu freundlich grüßte, auch seine Spaziergänge in jener von ihm stets vermiedenen Richtung machte und dergl. mehr, so hoffte er ihn doch durch seine unausgesetzten Ermahnungen auch in dieser Hinsicht auf den »allein richtigen« Weg zu leiten.
Die Nachmittagspredigt in der M'schen Kirche war vorüber. – Der junge Berger, der sie gehalten, ging eben langsam über den Kirchhof weg nach dem Pfarrhause. Einige alte Frauen verloren sich, die Gesangbücher in den Händen, zwischen den Gräbern, die Männer schritten grüßend an ihm vorüber. Kinder liefen ihm entgegen und boten ihm große Sträuße von Hollunder und Goldregen. Freundlich dankend nahm er sie und drückte sein Gesicht tief in die Blumen. Als er in den Hausflur trat, sagte die Magd, daß ihn der Herr Pastor bitten lasse, zu ihm in die Laube zu kommen, der Kaffeetisch sei allda aufgestellt. Er nickte und ging hinauf in seine Stube, sich umzukleiden.
Die Laube lag auf einer Anhöhe an dem äußersten Ende des langen Gartens. Im Sommer war sie recht dicht, fast kühl, denn die große Linde, die davor stand, stritt sich tagtäglich mit den Sonnenstrahlen herum, denen sie durchaus den Eintritt wehren wollte. Jetzt hingen nur einige grüne frische Ranken lose über das Gitterwerk, und die Linde selbst stand da, mit ihren jungen Blättern, wie unter einem durchsichtigen grünen Schleier, zitterte in der Frühlingssonne und dachte nicht daran Schatten zugeben. Auf die gelbliche Damastserviette auf dem Tisch fielen helle Lichter und zuckten hin und her.
Der alte Pastor saß in einem bequemen Sessel, den rechten etwas gichtischen Fuß auf einer gepolsterten Bank ruhen lassend. Es war ein hübsch geschnittener Kopf, von schlichtem Haar umgeben mit einigen Härten um Mund und Augen und einer eisernen Stirn. – Die Pastorin war einst schön gewesen, der bitterste Nachruhm für eine Frau, und sehr verwöhnt, als einziges Kind eines reichen Kaufmanns. Ihr Vater machte einen bösen Bankerott und erschoß sich nachher; die Mutter starb vor Schreck und Gram, und die kaum zwanzigjährige Armgard war froh, eine Gouvernantenstelle in einem gräflichen Hause zu erhalten.
Dort umgab sie doch wenigstens jener gewohnte Glanz und Comfort, den sie allein »Leben« nannte. Die Unlenksamkeit ihrer Zöglinge, die Zudringlichkeit des Herrn Grafen, und die Eifersucht der launenhaften Gräfin machten ihr aber im Laufe der Zeit das Dasein im Hause so schwer, daß sie – den Heirathsantrag des Gutspastors annahm, der jeden Abend mit den gräflichen Herrschaften Whist zu spielen pflegte. Gleich nach der Hochzeit erhielt Müller die Pfarrstelle in M., um die er sich insgeheim schonlange beworben, und siedelte mit seiner jungen Frau dahin über.
Ihre Ehe war wie tausend Ehen, wo eben beide Theile nur an das denken, was sie dem Andern geben, nie an das, was sie empfangen. – Armgard fühlte sich noch als die einzige gefeierte Tochter des reichen Bankiers, und Eberhard Müller fand es höchst anerkennenswerth daß ein wohlsituirter Pastor eine arme Gouvernante, »vom Fleck weg« zur Frau Pastorin erhoben. Die junge Frau versuchte Anfangs das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung früherer Zeiten. Wunderlicher Flitterkram wurde hie und da aufgestellt, der in keinem Zusammenhange stand mit der übrigen Einrichtung; sie selbst trug sich ziemlich auffallend und schleifte die seidenen Kleider zum Staunen der Gemeinde durch das Dorf. Wer hätte sich getraut an solche vornehme Pastorsfrau ein fragendes oder bittendes Wort zu richten! Eine Weile schaute der Pastor anscheinend geduldig zu. Als aber das erste Kind da war und das Tauffest vorüber, gab es einmal eine ernste Scene im Pfarrhause. Acht Tage lang sah die Magd die Pastorin mit verweinten Augen herumgehen, – nachher verschwand ein Zierrath nach dem andern, der Flitterputz dazu, – statt der langenseidenen, trug sie jetzt kattunene oder wollene Kleider ohne Schleppen, und an die Stelle der dünnen Zeugstiefelchen traten derbe Lederschuhe. – Fünf Kinder wurden im Laufe der Jahre im Pfarrhause geboren, und vier kleine Särge standen zu verschiedenen Zeiten in der Gartenstube. Da gab es Leid genug und Thränen, und in diesem Jammer näherten sich denn auch die Herzen der Gatten mehr als sie es je in der Freude gethan.
Ein einziges, das jüngste Kind wurde groß, es zählte jetzt volle 17 Jahre und führte den Namen Elisabeth. Der Pastor hatte zwar Anfangs viel gegen diesen Namen, er klang ihm zu katholisch, aber er war doch im Laufe der Zeit etwas nachgiebiger geworden gegen die Wünsche seiner Frau, und so wurde die Kleine endlich nach ihrer verstorbenen Großmutter mütterlicherseits, Elisabeth getauft. – Das Mädchen wuchs auf, nicht nur als ein einziges, sondern auch als ein allein übrig gebliebenes Kind, bewacht und gehütet Tag und Nacht. Sie war beider Eltern Abgott, obgleich immer der Vater die Mutter, und diese wieder den Vater beschuldigte der kleinen Elisabeth zu viel Willen zu lassen. Jedes bewachte heimlich das Andere und freute sich über jeden sogenannten »Streich« in Betreff der Verwöhnungdes Kindes, um ihn zu notiren und gelegentlich, bei irgend einem Angriff, als Vertheidigungswaffe zu gebrauchen.
So pflegte der Pastor als größten Beweis einer mütterlichen Schwäche zu erzählen, daß seine Frau lächelnd zugesehen, wie die Kleine ein Pastellbildchen – die schöne Armgard im Costüm einer Schäferin darstellend – so lange mit einem feuchten Schwamme bearbeitet, bis von den Farben keine Spur mehr vorhanden. Die Pastorin entschuldigte sich zwar damit, daß Elisabeth eben die Masern gehabt und der Arzt ihr befohlen, das Kind weder zu reizen, noch zum Weinen zu bringen, – ihr Mann lachte aber immer etwas spöttisch dazu. – Als Gottfried Berger später in's Haus zog, hatte ihm jedoch die Pastorin am ersten Abend gleich so viele Anekdoten von umgeworfenen Dintenfässern und zerrissenen Predigten vorgetragen, für welche Verbrechen das Töchterchen völlig straflos davon gekommen sei, daß dem jungen Kandidaten der Kopf schwindelte.
Mit jedem Jahre gestalteten sich die Träume der Pastorin in Bezug auf des Kindes Zukunft farbenreicher. Tausend Hoffnungen hingen an diesem jugendlichen Haupt. Sie verbarg aber dergleichen auf Goldgrund gemalte Bilder sehr sorgfältig vorden Augen ihres Mannes. Durch Elisabeth und mit ihr sollte ja ein neuer Tag kommen, der Tochter wünschte sie jenes reiche Leben, das sie selbst einst gelebt, – in der Tochter Glück gedachte sie sich zu sonnen. Elisabeth sollte keine Dorfpastorin werden,siewenigstens durfte nicht in dieser Einsamkeit zwischen Rüben, Kartoffeln und Kornfeldern verblühen. Wie das freilich zu verhindern überließ die Pastorin zunächst einigen Jugendfreunden, mit denen sie noch korrespondirte, und – der Zeit. Das Kind war ja noch so jung! –
Eben trat der Kandidat in die Laube. »Haben Sie Elisabeth nicht gesehen?« fragte die Pastorin. Sie nannte vorsätzlich den Neffen ihres Mannes, trotz aller Einreden, »Sie«. – »Sie war nicht in der Kirche!« antwortete der junge Mann und zog einen Holzstuhl an die Seite seines Onkels. »Soll ich mich nach ihr umsehen?« – »O nein! Das große Kind geht nicht mehr verloren – es ist mir nur um den Kaffee zu thun. Er wird kalt.«
»War unser Gotteshaus voll?« fragte der Pastor. – »Nicht sonderlich. Ein Dutzend alter Frauen, kaum eine Handvoll Männer, ein paar Wöchnerinnen, die den ersten Kirchgang hielten – das war alles.« – »Das alberne Volk wird der Prozessionnachgezogen sein. Heut haben sie ja wieder da Drüben so etwas. Ich weiß nicht, was für ein Fest es ist! – Wollte nur die Linde endlich einmal grün und voll werden, damit ich doch nicht auch von hier aus die Kirchthurmspitze sähe! – Nicht genug, daß mir diese Nachbarschaft die Pfarre verleidet und die Gemeinde verdirbt – sie verkümmert mir sogar meinen harmlosen Platz in der Laube.« –
Gottfried sah schweigend in seine Tasse.
»Ich begreife nicht, daß Du Dich nicht mehr über Deine leere Kirche ärgerst,« fuhr der Pastor fort. »Aber das soll und muß aufhören! Morgen in der Betstunde werde ich ein strenges Verbot erlassen. Wer sich untersteht –,« – »Da ist Elisabeth!« rief jetzt die Mutter mit froher Stimme dazwischen.
Den gelben Kiesweg herab, der zur Laube führte, kam schnellen Schrittes ein junges Mädchen in einem hellen Sommerkleide. Ein kleines Tuch von dunkelblauer Farbe hing ihr über dem Arm, den runden gelben Strohhut hatte sie abgenommen. Ein schönes etwas sonnenverbrannntes Gesicht lachte Allen einen Willkommen zu. »Wo warst Du so lange?« rief ihr der Vater in einem gereizten Tone entgegen; das abgebrochene Gespräch hatte ihn sehr verstimmt.
»Gleich zeige ich Dir's,« antwortete sie geheimnißvollund fröhlich zugleich. Dann befreite sie ihre Hände von der Last von verschiedenen Dingen, die sie auf den Tisch legte: – Blumen, Papierblätter, ein Buch, Zeichenstifte, Hut und Tuch. Jetzt erst schob sie die schweren braunen Flechten zurück, die sie noch immer wie in ihrer Kinderzeit um den Kopf geschlungen trug und die sich vom raschen Gange etwas in die Stirn gesenkt hatten. Ohne die Aufforderung der Mutter in Betreff des Kaffees und Kuchens zu beachten, rollte sie ein größeres Papierblatt auf. »Gottfried soll's zuerst sehn! Bitte, komm hieher, da ist das beste Licht.«
Ihre dunkeln Augen lachten ihn an; Gottfried war im Augenblick an ihrer Seite, etwas linkisch zwar und befangen wie immer, aber so schnell als möglich. Kaum hatte er aber einen Blick auf die Zeichnung geworfen, als er blaß wurde und ängstlich flüsterte: »zeige das jetzt nicht – nur heute nicht!« – Sie sah ihn erstaunt an, rollte jedoch langsam das Blatt zusammen und legte es bei Seite.
»Nun? Wirst Du mir Dein Meisterwerk diesmal vorenthalten wollen?« fragte der Pastor. – »Es ist noch nicht ganz fertig.« – »Gieb her, ich will es sehn, ob fertig oder nicht!« sagte der Vaterheftig. – Elisabeth zögerte. Die Mutter setzte ängstlich die Tasse aus den Händen. – Einem bestimmten Befehl des Vaters ungehorsam zu sein, das hatte die Tochter noch nie gewagt. Das Mädchen streckte auch jetzt mechanisch die Hand aus, um das verhängnißvolle Blatt zu ergreifen. Allein Gottfried kam ihr zuvor. Schnell wie ein Blitz hatte er das Papier aufgenommen und in viele kleine Stücke zerrissen, die nun der Wind nach allen Seiten davontrug.
Diese ungewöhnliche Handlung und rasche That eines sonst so scheuen stillen Mannes, machte in dem kleinen Kreise einen verschiedenen Eindruck. Das Gesicht des Pastors wurde sehr roth. – – »Was fällt Dir ein, Neffe,« rief er halb verwundert halb zornig. »Hast Du nicht gehört, daß ich die Zeichnung sehen wollte?« – »Sie war aber nicht des Ansehens werth!« lautete die ruhige Antwort. – »Nun, das wäre doch die erste schlechte Zeichnung die Elisabeth gemacht!« sagte da die Mutter gereizt. – »Sie war auch nicht schlecht!« murmelte jetzt das junge Mädchen und warf dem Vetter einen trotzigen Blick zu. »Du hattest wenigstens kein Recht sie zu zerreißen.« – »Du wirst eine bessere Zeichnung machen, Elisabeth!« antwortete er begütigend. – »O gewiß nicht! Inmeinem ganzen Leben habe ich noch niemals mit solcher Lust gezeichnet wie diesmal.«
»Und was war's, was Dich so gefangen nahm?« fragte der Vater milder und streckte den Arm aus, um die Tochter näher zu sich hinzuziehen. Die Zuversicht des verzogenen Kindes erwachte wieder in Elisabeth. Sie näherte sich dem Vater, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit heiterem Lächeln: »ich hatte die Prozession gezeichnet, wie sie vor dem Allerheiligsten auf den Knieen lag.«
Wie von einem Dolchstich getroffen sprang der Pastor auf. »Also mein eigenes Kind macht solche Dinge mit?« rief er bebend vor Zorn. »Und das muß ich erleben? Ich?« – Er schritt mühsam athmend auf und ab. – Keiner regte sich. – Da fragte die weiche Stimme des jungen Mädchens bebend: »War das denn ein Unrecht, daß ichBetendezeichnete? Ich habe sie ja nicht gestört, sondern kniete mitten unter ihnen, Vater!« –
Niemand antwortete. – Der Pastor preßte, gewaltsam nach Fassung ringend, die Lippen zusammen – wandte sich dann plötzlich um und schritt dem Hause zu.
– »Sie haben das Beste des Kindes gewollt, Gottfried,« sagte die Pastorin freundlicher als gewöhnlich,indem sie die Tassen zusammenräumte; »ich sehe das jetzt ein. Ihre Schuld war es nicht, daß der Versuch, das Kind aufmerksam zu machen, mißlang. Du hast Deinem Vetter den trotzigen Blick von vorhin abzubitten, Elisabeth!«
»Ich mag mich lieber schelten lassen vom Vater, als zusehn wie man mir meine Zeichnungen zerreißt,« antwortete sie mehr traurig als trotzig. »Daß es der Gottfriedgutmeinte, sehe ich ein.« – Dabei nahm sie aber ihren Hut und ihr Zeichenbuch und ging den Kiesweg hinab, schlug dann einen Seitenweg ein und stand nun vor der niedern Kirchhofmauer. Sie setzte sich auf den Rand des Gemäuers und sah hinüber in den stillen Garten der Todten, und wohl kein Lebender hätte jene Fragen beantworten können, von denen eben jetzt dies junge heftig schlagende Herz übervoll war.
Dies anscheinend unbedeutende Ereigniß hatte gewichtigere Folgen als Elisabeth träumte. – Von jenem Tage an durfte sie nämlich nicht mehr allein spazieren gehen. Der Vater erlaubte ihr nur im Garten, auf dem Kirchhofe oder im Hause zu zeichnen, ihre Spaziergänge unternahm sie fortan nur inseiner Begleitung und ohne ihr Zeichenbuch. Alle jene Heiligenbilder, die sie so gern in ihren kleinen Landschaftsskizzen anzubringen pflegte, wurden auf Befehl des Vaters daraus verbannt, selbst kein einfaches Kreuzlein am Wege duldete seine strenge Kritik mehr. Alles, was nur im Entferntesten an den Katholicismus erinnern konnte, sollte auf das Bestimmteste vermieden werden. Er hatte mit seiner Tochter nicht ein Wort über jenen Vorfall mit der Zeichnung geredet, ihr jedoch einfach gesagt, daß er selbst fernerhin ihr Begleiter sein werde auf ihren, sonst so zwanglosen, Spaziergängen.
Anfangs fühlte Elisabeth in dieser Neuerung einen unerträglichen Zwang, bald aber fügte sie sich in das Unabänderliche, und kurze Zeit darauf war sie wieder das heitere, lebensfrohe Mädchen das sie bisher gewesen. Auch ihr Verhältniß zu ihrem Vetter behielt nur wenige Tage lang eine eigenthümliche Spannung, dann warf sie ihm wieder, wie zuvor, ihren Blumenstrauß in's offene Fenster, wenn sie Morgens aus dem Garten kam, und quälte sich redlich, um keine Schelte von ihm zu bekommen, mit ihren französischen Aufgaben. Auch zeichnete sie ihn wieder, zu ihrer Uebung, wie schon hundertmal wenn er mit dem Vater Schach spielte, im Profil,en faceund Dreiviertel, und übte geduldig jeden Tag vierhändige Kirchenlieder mit ihm.
So ging ein Tag nach dem andern hin, die Morgen, Mittage und Abende sahen sich gleich wie ein Ei dem andern. Und dennoch fühlte Elisabeth nie Langeweile oder irgend eine Sehnsucht nach Abwechslung. Zuweilen hätte sie wohl gern einmal andere Bücher gehabt, als Friederike Bremer's Werke und Schiller's Geschichte des dreißigjährigen Krieges, – seine Dramen gab ihr der Vater nicht – und die verschiedenen Reisebeschreibungen, aus denen Vetter Gottfried Abends vorzulesen pflegte, machten sie oft gewaltig müde, es schlief sich aber auch um so besser darauf. Zudem drängte ein sonniger Tag oder eine Partie in den Wald diese Wünsche wieder für eine Weile in den Hintergrund. – Freilich standen dafür andere auf, wie z. B. das Verlangen jene alte Kapelle auf der buschigen Anhöhe einmal zu besuchen, wo ein wunderthätiges Marienbild stand, welchen Ort zu betreten ihr der Vater jedoch schon vor Jahren ein- für allemal streng untersagt.
Seltsam, seitdem jene Geschichte mit der Zeichnung vorgefallen, war eben dieser halb vergessene Wunsch plötzlich in ihr mit fast ungestümer Lebhaftigkeit wieder erwacht. – Sie träumte sogar dieNacht von jener stillen Kapelle mit den bunten Scheiben, und von den vielen Herzen von Wachs, die man der Maria geschenkt, wie ihr ein kleines Mädchen aus N., der sie einmal verstohlen einen Maiblumenstrauß abgekauft, erzählt hatte. – Mit der Mutter wagte sie schon eher über diesen Herzenswunsch zu reden – aber helfen konnte ihr die Pastorin auch nicht, sie ehrte in allen Dingen, die sich auf Religion bezogen, ihren Mann sehr, und bemühte sich nach Kräften der Tochter dies »tolle Verlangen«, wie sie es nannte, aus dem Kopfe zu bringen. – Dabei schien sie aber in der letzten Zeit häufiger denn je mit ihren fernen Freunden zu korrespondiren, und die eigenthümliche, halb frohe, halb sorgenvolle Art, mit der sie zuweilen ihre Tochter anblickte, gab dem ruhig beobachtenden Kandidaten viel zu denken.
Da kam eines Tages, Niemand schien sich dessen zu versehen, Besuch ins stille Pfarrhaus, nämlich ein entfernter Verwandter der Pastorin. Herr von Plessow, der Direktor der Malerakademie in F., war auf einer Badereise begriffen und sprach für wenige Stunden in M. ein, um die »liebe Cousine« zu begrüßen. Beide hatten einander viel zu fragen, sich so vieler Dinge und Personen zu erinnerndaß es beinahe nicht dazu gekommen wäre, Elisabeth's Skizzenbuch zu durchblättern, nach welchem der »Herr Cousin« doch sogleich gefragt. – Der ältliche freundliche Herr fand sehr viel Wohlgefallen an den artigen Bilderchen, noch größeres aber an der Zeichnerin selber und sagte endlich, im Beisein des Pastors, sehr ernsthaft: »ich möchte Dich wohl mit nach F. nehmen, Elisabeth, wenn ich aus dem Bade komme, – aus Dir kann eine tüchtige Malerin werden. Ueberlege Dir die Sache und schreibe mir nach T., wenn Du willst daß ich Dich abholen soll. Ein halbes Jahr lang unter einem tüchtigen Lehrer und Du würdest Bedeutendes leisten!« –
Ein Wort zu guter oder böser Stunde ist ein Samenkorn, – und der Wind weht selten es auf einen steinigen Boden. Es fällt in warmes Erdreich – es schießt auf – gepflegt in stillen Nächten, getränkt von heimlichen Thränen, und wächst empor, oft eine üppige Giftpflanze – oft ein Rosenstrauch voll Dornen und süßen Knospen – oft eine »blaue Blume,« jene mährchenhafte Blüthe, die demjenigen, der sie einmal erblickt, nie zu stillende Sehnsucht bringt.
Die Worte des Direktors aus F. ließen in dem Herzen des jungen Mädchens jene blaue Blume erwachsen. Eine leise Sehnsucht beschlich sie urplötzlichnach einem Etwas, das sie nicht hatte. – Sie vermochte selbst mit ihrer Mutter nicht darüber zu reden, – sie saß in tiefen Gedanken vor ihrem Zeichenbrettchen, – keine ihrer kleinen Schöpfungen wollte ihr mehr gefallen – und es geschah ihr nicht selten daß sie mitten im Zeichnen unlustig den Stift von sich warf und das angefangene Blatt zerriß. Es begab sich auch, daß sie in der Nacht erwachte und lange, lange schlaflos da lag, und mit ihren Gedanken weit wegflog über den Garten des Pfarrhauses – weit über Hügel und Wälder fort – »wohin – ach wohin?« – Nur einmal, auf einem Spaziergange mit dem Vater, gab sie ihren Gedanken Worte. Sie hatte sich einen Feldblumenstrauß gepflückt. Plötzlich blieb sie stehen, legte ihre Hand auf den Arm des Vaters und sagte, bebend vor Erregung: »Sieh, wenn ich diese Blumen da malen könnte, wie ich sie so vor mir sehe in ihren sanften köstlichen Farben, – ich glaube, ich wäre das glücklichste Geschöpf der Welt!« – Der Pastor lächelte über den Ausdruck strahlender Freude in ihrem Gesicht, antwortete aber nichts.
An einem Sonnabend Abend lehnte sie wieder, wie so oft, an der Kirchhofmauer und schaute hinüber auf die Gräber der Geschwister. Der Pastor ging in seinem Studirzimmer auf und ab, bei geöffnetemFenster seine Predigt memorirend, denn die Stube war in der Sommerwärme diesmal schon vollständig getrocknet. Die Pastorin stand auf einer kleinen Leiter an dem Pfirsichspalier und pflückte behutsam die ersten reifen Frühpfirsiche. Der Kandidat Berger kam eben von seinem Abendspaziergang zurück. Er trug einen Strauß von Waldblumen in der Hand, blieb erst einen Augenblick bei der »Frau Tante« stehn, ging dann weiter und setzte sich nahe zu dem jungen Mädchen auf die niedrige Mauer. Er reichte ihr den Strauß hin wie immer, sie nahm ihn freundlich nickend wie immer. – Eine Weile sah sie gedankenvoll in die Blumen, dann wandte sie sich plötzlich gegen ihn und sagte mit halberstickter Stimme und schnellem Athem: »ich kann es nicht mehr aushalten hier!« – –
In sprachlosem Erstaunen starrte er sie an. Ihr Gesicht war wie mit Purpur übergossen, ihre Augen standen voll Thränen. »Ja ja, es ist so!« fuhr sie fort und trat ihm näher, »ich weiß es jetzt ganz genau und Dir kann ich's auch zuerst sagen. Ich will nach F. und Malerin werden. In vier Wochen kommt der Direktor wieder hier durch und ich – werde mit ihm gehn!« – »Aber meinGott, welch ein Gedanke!« – »Und Du mußt mir helfen ihn auszuführen, Du mußt mir beistehen die Eltern zu bereden mich auf ein Jahr, – auf ein halbes vielleicht nur, – von sich zu lassen.« – »Ich, Elisabeth?« – »Eben Du. Warst Du nicht allezeit gut zu mir? Seit Du jene Zeichnung zerrissen habe ich das erst gewußt, aber nun vergesse ich's auch nimmermehr.« – »Aber es ist ja ganz unmöglich daß Du fortgehen kannst von hier!«
»Warum denn? Die Mutter braucht mich nicht so nöthig, sie liebt es gar nicht wenn man ihr im Hause hilft. Und der Vater – wird mitDirfortan spazieren gehen, bis ich wiederkomme. Du wirst der Einzige sein der mehr Last und Arbeit davon haben wird daß ich gehe, denn ich werde Dir allerlei Aufträge hinterlassen. Du mußt die Vögel füttern und nach meinen Blumen sehn und jede Woche einmal meine Epheuwand abwaschen. Daß Du die Eltern aufheitern mußt, versteht sich ganz von selbst.« – »Ich soll den Eltern rathen, Dich fortzulassen?« wiederholte er noch einmal wie im Traume. »Nein, Elisabeth, das thue ich nicht – das kann ich nicht!« setzte er fast heftig hinzu und richtete sich hoch auf.
Mehr betrübt als erstaunt über seine Weigerunghatte sie langsam ihre Hände zusammengelegt und sah ihn stumm und bittend an. – Es gibt Momente, in denen uns das Bild eines Menschen, wie er eben vor uns steht, plötzlich gleichsam in's Herz gepreßt wird. Die Seele nimmt ein Photographie-Portrait auf, und dies Portrait ist unverwischbar, wir sehen fortan diese Gestaltnurso wie sie uns in jenem Augenblick erschien, und weder Trennung, noch Alter vermag einen Zug in solchem Bilde zu verändern.
Wenn der junge Kandidat von dieser Stunde an des Mädchens gedachte, so sah er sie in einem blaßrothen weiten Sommerkleide, eine Epheuranke um die Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Gürtel, das kleine seidene Tuch, das sie eben vom Halse genommen, spielend um das Handgelenk geschlungen, mit dem wunderbaren Ausdruck von Sehnsucht und Erwartung in dem blühenden Gesicht, die Augen auf ihn gerichtet, deren lange dunkle Wimpern ihrem Aufschlag einen so eigenthümlichen Zauber gaben.
Da er nicht antwortete, so fragte sie noch einmal, aber ungeduldiger: »Und warum nicht?« Da zuckte es über sein Gesicht – sein Athem stockte – die Lippen öffneten sich – –
»Herr Neffe, wollen Sie mir den Korb heraufreichen? Elisabeth, der Vater verlangt nach einer neuen Pfeife!« rief die Pastorin. – Der junge Mann fuhr auf, wandte sich mechanisch und schritt auf das Spalier zu. – Elisabeth folgte gedankenvoll.
An demselben Abend, vor Schlafengehen, fiel die Tochter der Mutter um den Hals, und bat sie ihr zu erlauben das Anerbieten des Direktors aus F. anzunehmen. »Ich möchte gar zu gern eine Malerin werden!« sagte sie aufgeregt.
Die Pastorin war hocherfreut, obgleich nicht erstaunt – sie hatte ihre Tochter seit des »Cousins« Weggang wohl beobachtet und diese Bitte erwartet. Ihre Gedanken nahmen aber sofort einen hohen Flug. Sie sah für Elisabeth eine Zeit des Glanzes voraus wie sie sie selbst kaum einst erlebt. Wie groß war F., wie lebendig und interessant mußte das Haus des Cousins sein, besonders seit er sich zum zweiten Mal verheirathet! – Wie entscheidend konnte dieser Besuch für die Zukunft Elisabeth's werden! – Von alledem sagte sie aber kein Wort, sie küßte nur ihr Kind und meinte: »ich kann mir wohldenken, wie sehr Dich's verlangen mag eine ordentliche Malerin zu werden. Deine arme Mutter könnte Dich ja doch nicht weiter bringen im Zeichnen, Du hast sie schon längst überholt, und Du kannst nun viel zu viel um es liegen zu lassen. Als meinen Vater das Unglück traf, sollte ich eben auf Porzellan malen lernen – wer weiß, zu was mir das genützt haben würde! Laß mich mit dem Vater reden – und rede Du nicht eher mit ihm über Deinen Wunsch, als bis ich Dir einen Wink gebe.« –
Wie es die Beiden in den nächsten Tagen angefangen, den Pastor zu bereden – wer konnte es sagen? – Gewiß war nur, daß genau eine Woche nach jenem Gespräch zwei Wäscherinnen und zwei Schneiderinnen im Pfarrhause beschäftigt waren, und daß wenige Tage darauf noch eine Büglerin zu Hülfe genommen werden mußte. –
Die Pastorin aber nahm eines Morgens ihre Tochter mit herauf in eine abgelegene Kammer, schloß dort eine große Truhe auf, und zog vor den staunenden Augen des Kindes allerlei Schätze an's Tageslicht. Da kam ein hellblaues Taffetkleid zum Vorschein und ein dunkelgrünes, ein weißes gesticktes Mousselinkleid mit rosenrothen Schleifen, und ein buntschillerndesSeidengewand. Auch wunderliche Echarpen und Umhängsel, die ebenso unmodern aussahen wie die Kleider, zu denen sie getragen worden waren. Elisabeth jubelte aber über Alles. Sie hätte diese Ueberbleibsel aus der so oft beseufzten und betrauerten Glanzzeit ihrer Mutter am liebsten gleich so angezogen, trotz der bauschigen Falten, puffigen Aermel und kurzen Taillen, hätte es die Pastorin gelitten.
In kurzer Zeit aber waren alle diese Kleider durch die Hände der Nadelkünstlerinnen in die prächtigsten Toiletten umgewandelt worden, so meinten wenigstens Mutter und Tochter, – und mit wahrem Stolz packte die Pastorin eigenhändig die Koffer ihres Kindes, ehe noch die bejahende Antwort des Direktors auf die feierliche Anfrage des Pastors eingelaufen war. Elisabeth stand dabei und reichte ihr jedes Stück mit kindlicher Freude hin. – Das war eine anmuthige Arbeit. Zuletzt war aber alles fertig – Schneiderinnen, Wäscherinnen und Büglerin verschwanden, und es gab endlich nichts mehr zu thun als – auf den aus dem Bade Heimkehrenden zu warten. – Seine Antwort war längst da – er beabsichtigte, im Laufe der nächsten Woche in M. einzutreffen. »Es wartet sich doch gar schwer,« meinteElisabeth. Sie hatte nirgends mehr Rast noch Ruh, selbst nicht auf der Kirchhofmauer. – Die vierhändigen Kirchenlieder spielte sie längst nicht mehr, sie hielt keinen Takt, und der Vater wurde ungeduldig beim Zuhören, sie las auch nicht, – höchstens zeichnete sie dann und wann ein wenig. Am liebsten ließ sie sich von der Mutter von dem Leben und Treiben in F. erzählen, wie es die Pastorin, als sie noch die schöne Amgard Albert war, kennen gelernt.
Gottfried Berger ließ sich jetzt selten sehen, auch Abends zog er sich unter dem Vorwand dringender Studien in sein Zimmer zurück. Man vermißte ihn auch wenig oder gar nicht, denn Elisabeths Abreise war das fesselnde und unerschöpfliche Thema aller Gespräche. Der Pastor erinnerte sich dabei eines alten Universitätsfreundes nach dem Andern, der in F. leben mußte, und denen er sein Kind zu empfehlen gedachte. Der alte Herr hatte übrigens von jeher für das Zeichentalent seines Kindes eine Art von Bewunderung gefühlt, er war stolz auf seine Tochter, und seit jenem Besuche des Cousins war ihm selber der Gedanke gekommen, daß ja sogar die Bibel gebot: »Du sollst dein Licht leuchten lassen vor den Leuten.« Die Idee, sein Kind seivielleicht dazu bestimmt eine große Malerin zu werden, beschäftigte ihn lebhaft, so daß er sehr bald fest überzeugt war, es bedürfe nur eines Winteraufenthalts in der Stadt, um aus ihr mindestens eine zweite Angelika Kaufmann zu machen. Er blickte so recht eigentlich in Bezug auf Elisabeth in einen »goldenen Kelch« – wie das Volk so poetisch zu sagen pflegt – und in der Tiefe dieses Kelchs lag – eine Perle, ihr Talent, zwar ein Talent, an dessen Ausbildung er auch seinen Antheil zu haben glaubte. Hatte er doch dem Kinde erlaubt alle seine Papiere vollzukritzeln, selbst die Ränder seiner Predigt-Manuscripte! Brachte er ihr doch jedes leere Blatt, das er von eingegangenen Briefen abgeschnitten, und ließ ihr endlich gar ein Zeichenbrett zimmern! –
Obgleich ihm die Trennung von Elisabeth nahe ging, so war es ihm doch äußerst angenehm, sie dann in einer so protestantischen Stadt zu wissen wie eben F. – Es war ihm lieb, sie aus der Nähe der Marien- und Heiligenbilder, der Prozessionen und Kapellen für eine Weile verbannen zu können. Das Kind stand in einem gefährlichen Alter: – eben 17 Jahre alt! »Und was sie da drüben machen sieht sich mit siebzehnjährigen Augen ganz anders an als mit siebzigjährigen!« meinte er.
Als der Direktor der Malerakademie wirklich da war und der Wagen endlich vor der Thür stand, der Elisabeth, und ihren neuen Beschützer fortbringen sollte, da wurde ihr junges Herz mit einemmale centnerschwer. – Während die Andern beim Frühstück saßen, ging sie noch einmal wie im Traume durch's Haus, vom Boden bis zum Keller, öffnete alle Thüren und schaute hinein, besonders lange aber in des Vaters Studierzimmer, allwo die blaue Rauchwolke nimmer wich, die über dem Schreibtisch hing, und wo die vielen gottesgelehrten Männer unter Glas und Rahmen so grämlich dreinschauten, als hätten sie wenig Freude gehabt im Leben. Sie ging auch in die große düstere Küche, wo die alte, sonst so rauhe und zänkische Magd hinter dem Küchenschrank in Thränen zerfloß, weil die »Mamsell Lieschen« fort wollte. Im Gange draußen begegnete ihr die große schwarze Katze, die sonst nimmermehr ihr Liebling war, heute aber lockte sie das Thier und strich ihm sogar schmeichelnd über den Rücken. Draußen auf dem Hofe warf sie dem alten Kettenhunde, der nur noch bellen, nicht mehr beißen konnte, ihr Frühbrödchen zu, trat an ihn heran, nahm seinen rauhen Kopf in ihre Hände, und drückte ihre Wange einmal gegen ihn. Dannging sie nach der Kirchhofmauer und winkte den Gräbern der Geschwister den Abschiedsgruß zu.
Als sie auf dem Rückwege an der Laube vorüber kam, trat ihr Gottfried entgegen und sagte: »laß mich hier Dir Lebewohl sagen, Elisabeth!« Er sah sehr blaß aus, und die Hand, die er ihr gab, war eiskalt. – »Mache mir doch nicht mit Gewalt das Herz noch schwerer,« antwortete sie; »ich komme ja aus dem Abschiednehmen nicht heraus. Laß es doch in Einem hingehen, lieber Gottfried!«
Stumm ging er an ihrer Seite weiter – denn sie war nicht stehen geblieben. Mild und lieblich bat sie nach einer Weile: »sorge gut für die Eltern!« – Er gab keine Antwort, sondern fragte nur nach einer Pause gepreßt: »wirst Du oft schreiben?« – »So oft ich kann!« – »Wird auch ein Gruß in Deinen Briefen sein für mich?« – »Tausend für einen!« versicherte sie. »Aber weißt Du, ich könnte Dir wohl französisch schreiben, das wäre eine gar gute Uebung – und Du antwortetest mir dann auch so und schriebst mir was ich für Fehler gemacht. – Willst Du?« – Er nickte.
Sie waren bis an das Ende des Kiesweges gekommen. »So leb denn wohl!« brach er plötzlichhervor und die Thränen stürzten aus seinen Augen. – »Aber Gottfried! – Sei doch vernünftig!« bat sie – und seltsam – ihre weiche Stimmung verschwand plötzlich, als sie seine Thränen sah. – »Wenn Du Dich wunderst, daß ich weinen kann, so weißt Du auch nicht –« – »Was denn?« – »Wie unsagbar lieb Du mir bist!« – »Lieber guter Gottfried, ich weiß ja Alles – aber trotzdem sehe ich nicht ein warum Du weinst, wenn ich auf ein paar Monate weggehe, um etwas zu lernen was mich glücklich machen wird!« Sie hatte sehr ruhig gesprochen. – Er sah sie schmerzlich lächelnd an. »Glücklich machen wird!« wiederholte er. »Ja, so glücklich, daß Du –uns(mich hatte er sagen wollen) darüber vergißt!« – »Das thue ich nimmermehr! Da, meine Hand darauf,« sagte sie rasch und innig. »Und nun auf Wiedersehen im nächsten Frühling.«
Sie pflückte eine volle Rose von dem Bäumchen, an dem sie eben standen, und gab sie ihm. Aber als er die Blume ergriff und an sich zog, fielen die rothen Blätter auf den Boden. – Elisabeth sah es nicht mehr – sie hatte sich abgewandt und ging – sich ohne noch einmal umzuschauen, dem Hause zu.
Als aber eine Stunde später das junge Mädchenden Abschiedskuß und die Segensworte des Vaters empfing, weinte sie. – »Geh fleißig in unsere Kirche und berichte mir ausführlich über die Predigten meiner Collegen,« sagte der Pastor noch zum Schluß. »Geh nur fremdem Gottesdienst aus dem Wege, wenn Dir an meinem Segen noch etwas gelegen, – und meide sogar den Umgang mit Andersgläubigen. Enthalte Dich aller religiösen Gespräche und verschließe Deine Ohren vor den Worten der Spötter.« – »Vater, so hübsch wie Heute ist mir unser Pfarrhaus noch nie vorgekommen!« sagte sie als er sie an den Wagen führte. – »So ist's recht!« antwortete er leise. »Du sollst es auch lieb haben! Komm Du nur bald und gern wieder. – Es ist ja Deine eigentliche Heimath, denn so der Herr will, sollst Du Dein Lebenlang hier bleiben, aber nicht etwa als altes Jüngferlein, sondern als junge hübsche Pastorsfrau! – Der Gottfried würde dermaleinst ein prächtiger Ehemann werden! Nur garzu gut, fürchte ich, für Dich, kleiner Trotzkopf!« – Sie sah ihn überrascht an und blieb einen Augenblick stehen. Die Farbe wich von ihren Wangen. Dann aber lachte sie, wie ein junges Mädchen lacht das man eben geneckt, und meinte: »ja,derwäre wahrlich zu gut!«
Die Mutter, die mit dem Cousin vorausgegangen und bis jetzt sehr gefaßt gewesen, zerfloß nun doch in Thränen und ließ ihr Kind sehr schwer aus den Armen. Aber mitten im Schluchzen, als der Wagen schon sich in Bewegung setzen wollte, rief sie ihr noch zu: »merke es Dir, Elisabeth, das Blaue nur für Abendgesellschaften, das Grüne kannst Du aber jeden Sonntag anziehen! – Die gelbe Echarpe –!« Die Pferde zogen an – ein Winken herüber und hinüber – und Alles war vorbei.
Eine Weile nachher hatte Elisabeth schon die Heimath im Rücken und lachte recht herzlich über die lustigen Geschichten, die der »Herr Onkel,« denn so nannte sie ihn jetzt, ihr von seinen ersten Portraitversuchen erzählte. Zur selbigen Zeit ging der Pastor, von einer seltsamen Unruhe befallen, in seinem Studierzimmer auf und ab, und ließ ein über das andere mal seine Pfeife ausgehn – und in dem kleinen Schlafstübchen saß die Mutter auf dem verlassenen Lager der Tochter und weinte sich satt. – Aber draußen in der Fliederlaube saß Einer – der keine Thränen mehr hatte in seinem Leid.
Der Sommer und Herbst waren vorüber, am ersten November empfing Frau von Plessow wieder, und die Empfangsabende in ihrem Hause waren eben so besucht als amüsant, wie besonders die junge Welt behauptete. – Die verschiedensten Stände fanden dort ihre Vertreter, und wenn auch die Zahl der jungen Mädchen, denen man erlaubte in diesem Salon erschienen, nur klein war, so traf man desto mehr hübsche Frauen dort, mit denen sich's ja ohnehin nach der Ansicht der jungen Elegants, ungleich »bequemer« verkehrt.
Die hübsche Enfilade von fünf Zimmern war glänzend erleuchtet, die Einrichtung zeigte Comfort und feinen Kunstgeschmack. – Große Tische mit prächtigen Mappen und Büchern, davor bequeme Fauteuils und kleine Ottomanen, im Mittelsalon ein aufgeschlagener Flügel, halbversteckte Büffets mit Erfrischungen, und einer leise auftretenden Bedienung, – nirgends betäubend duftende Blumen, überall verschleierte Kugellampen, deren Licht für den Teint so vorteilhaft, überall Winkel zum Plaudern, und in keiner Ecke jene lästigen Nippes, die nur aufgestellt sind um angestoßen zu werden.
Die Räume waren schon ziemlich gefüllt von jungen und alten Künstlern, einigen wenigen Uniformenund ungewöhnlich vielen Frauen in glänzenden Toiletten.
Zu einer heitern Gruppe in der Nähe einer sehr schönen, kleinen Copie der Diana aus dem Louvre, in Marmor ausgeführt, die künstlerisch zwischen dunklem Grün aufgestellt war, trat jetzt der Hausherr. »Ich habe Dir einen angenehmen Gast anzukündigen, liebe Amélie,« sagte er zu einer zarten Frau in blaßblauen Tafft und langen blonden Locken, offenbar eine der elegantesten Erscheinungen im Salon; »Paul Albano ist von Griechenland zurückgekehrt, seit vorgestern, und wird sich selbst und einige seiner Skizzen diesen Abend wieder hier einführen.« – »Albano zurück?« rief Frau von Plessow ungewöhnlich lebhaft, und ihre aristokratisch bleiche Wangen überflog ein verrätherisches Roth. »Ich glaubte er würde den Winter über in Athen bleiben!« – »Wer weiß, welcher Magnet ihn zurückzog,« antwortete Plessow gleichgültig. »Er hat freilich zu Vielen den Hof gemacht, als daß man an eine »Einzige« glauben könnte der solche Macht über den Schmetterling verliehen.«
»Deßhalb also der ungewöhnlich reiche Damenflor!« flüsterte ein bekannter sarkastischer Portraitmaler dem Hausherrn ins Ohr. »Die Kunde seinerRückkehr hatte sich im Fluge heut in dem guten F. verbreitet. – Welche Macht ist nun ausgerückt den gefährlichen Feind zu bekämpfen.« – »Oder sich besiegen zu lassen!« lachte Plessow. »Seine Skizzen sind mir aber viel werth,« setzte er laut hinzu; »geistvoll und glühend ist alles was aus seinem Pinsel fließt. – Nicht so Amélie?« – Frau von Plessow, anscheinend sehr vertieft in ein Gespräch mit ihrer Nachbarin, der alten Gräfin Darschau, über die Eleganz der Hofmäntel, antwortete nachlässig: »meinst Du die Skizzenblätter Albano's,cher ami? Sie sind allerdings hübsch, aber zu unruhig und phanthastisch für meinen Geschmack. Wie könnten sie auch anders sein da der, der sie schafft –« – »Du hast nun einmal ein kleines Vorurtheil gegen ihn,« unterbrach Plessow die Rede seiner Frau, die in demselben Augenblick in vollendeter Haltung einigen ankommenden Gästen entgegen ging.
Man ging und stand umher, man empfing und theilte Huldigungen aus wie immer. – Die Frau vom Hause war sehr umringt – aber man wollte bemerken daß sie zerstreut war, und mehr als einmal sah man, daß ihre Augen sich auf die Thür richteten mit dem Ausdruck einer gewissen Unruhe. – Auch weigerte sie sich heut ihre graziösenMazurka's und Notturno's zu spielen, mit denen sie sonst zu brilliren liebte.
»Da ist Albano,« sagte plötzlich ein junger Mann in ihrer Nähe und trat zur Seite. Wieder flog jenes feine Roth über Frau von Plessow's Wangen, – einen Augenblick nachher begrüßte sie aber mit vollkommener Ruhe einen jungen Mann, der rasch durch den Salon geschritten war und ihr jetzt gegenüber stand. – Es war in der That der bekannte und vielgesprochene Landschaftsmaler, dessen Talent selbst in den allerhöchsten Kreisen die schmeichelhafteste Aufnahme gefunden, dessen reizende Skizzenblätter zu kennen zum guten Ton gehörte. Er hatte ein halbes Jahr in Griechenland verträumt, und war so plötzlich zurückgekehrt wie er aufgebrochen. Die Frauen beteten ihn an, nichtobgleich, sondern gradeweiler sie unbarmherzig behandelte. Ihn wirklich zu fesseln war noch Keiner gelungen, – an Versuchen dazu ließen es wenige fehlen.
Kurz vor seiner Abreise bezeichnete das Gerücht Frau von Plessow selbst als den ausschließlichen Gegenstand seiner flüchtigen Huldigungen. Seine Flucht gab aber damals kaum mehr Stoff zur Unterhaltung als eben jetzt seine unerwartete Rückkehr. – Unbarmherzige Augen waren von allen Seiten auf dieWirthin gerichtet, feine Ohren lauschten auf jedes ihrer Worte. Frau von Plessow war aber Weltdame genug um das zu wissen. – Vollkommen unbefangen rief sie dem Ankommenden scherzend entgegen: »willkommen im Winterquartier! Nicht wahr, unsere Kamine haben auch ihren Reiz?« – »Sagen Sie lieber, unsere Oefen, gnädige Frau!« antwortete er eben so und küßte ihre Hand. An dem Blick der über ihr Gesicht glitt, an dem conventionellen Lächeln das sie ihm zurückgab, konnte Niemand etwas aussetzen. Auch der übliche Handkuß konnte nicht flüchtiger ausgeführt werden. – »Weßhalb schon zurück, Unstäter?« fragte hinzutretend Plessow, dem Maler die Hand schüttelnd.
»Ich fror!« lautete die einfache Antwort. – Man lachte – eine halbe Stunde verging mit verschiedenen Begrüßungen, – endlich sah man, wie der junge Mann sich an der Seite der Frau vom Hause niederließ. Die Comtesse Feldern, die sich nur zögernd hinweg begab um, wie sie boshaft gegen einen Freund bemerkte, »das Pärchen nicht zu stören,« wollte gehört haben, daß Albano ein »Endlich!« geseufzt. – In Wahrheit sagte er aber in demselben Augenblick, in elegantem Französisch:»nun erzählen Sie mir, angebetete Freundin, wie man hier gelebt hat.«
Ehe sie zu antworten vermochte, kam ein junges Mädchen in einem etwas engen, etwas verblichenen, etwas unmodernen blauen Seidenkleide hastig zu ihr und fragte, nach flüchtiger Verbeugung vor dem Fremden, sichtlich freudig erregt: »liebe Frau Tante, erlauben Sie, daß heute getanzt wird? Herr von Winter will Tänze spielen, wir sind sechs Paare.« – Sie sah so ernsthaft bittend Frau von Plessow an, als hinge Leben und Seligkeit von ihrer Gewährung ab. – Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die schöne Frau: »mais mon Dieu– tanzt so viel ihr wollt! Nur erhitzen Sie sich nicht noch mehr – dasechauffementist für Sie nicht vortheilhaft.« – Aber das junge Mädchen war schon verschwunden, ehe sie die zweite Hälfte des Satzes völlig beendet, und mit einem Spottlächeln wandte sich Frau von Plessow wieder zu ihrem Nachbar. – Der aber war aufgestanden und folgte verwundert mit den Augen jener jugendlichen Erscheinung. Dann neigte er sich zu seiner Dame und fragte lebhaft: »Wer war denn dies wunderlich angezogene, reizende Mädchen das Sie »Tante« zunennen das Glück hat? Sie erzählten mir nie zuvor von dem Dasein einer Nichte.«
»Ich würde auch in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund von Uneleganz als zumirgehörig präsentiren zu müssen. Die Kleine gehört zur Verwandtschaft meines Mannes. Sie heißt Elisabeth Müller und ist ein Gänseblümchen vom Lande, abgepflückt aus dem Garten einer schlichten Pfarre durch Plessow's Hand. – Er wird sich freuen, daß Sie seinen Geschmack theilen. Die Kleine soll Malerin werden. Sie ist übrigens, glaube ich, ein gutes Kind. Seit September oder Ende August ist sie hier. – Wünschen Sie noch weitere Details?« – Sie sah ihn spottend an und lachte. Sie wußte, daß sie doppelt reizend war wenn sie lachte. – Albano setzte sich wieder.
»Erlauben Sie mir diese »Details,« für jetzt wenigstens, ausreichend zu nennen. – Wie schön kleidet Sie dies schelmische Lachen! – Das Lachen einer Frau ist doch tausendmal bestrickender als ihre Thränen. Ich möchte Sie nie weinen sehen, gnädige Frau!« – »Eine kluge Frau gönnt Euch wahrhaftig solchen Triumph auch nicht so leicht. Denn ein Triumph ist es ja nun doch einmal für einen Mann eine Frau zu Thränen zu bringen! Eine kluge Frauweint daher im Stillen.« – »Vielleicht nur weil sie weiß daß wir es ihren Augen dennoch später ansehen, und daß wir »Augen, die sich im Weinen übten,« um so heftiger lieben. Nur die Thränen selbst zu sehen lieben wir nicht – das wirkliche Weinen macht häßlich!« – »Mich dünkt, niemand verdiene weniger daß eine Frau um seinetwillen häßlich werde, als eben Paul Albano.« – »Sie mögen Recht haben. Ich verlange es aber auch von Keiner – und doch müßte es schön sein wenn eine Frau –.« – »Bitte, nur keine Ihrer alten Paradoxen! Ich vergesse sonst daß Sie sechs Monate fern waren, und also als ein eben Zurückgekehrter noch einigen Anspruch auf Nachsicht haben.« – »Sechs Monate, 15 Tage, 13 Stunden, gnädige Frau – ich rechne besser! – Aber – sagen Sie mir doch, wie lange soll denn jene Kleine in dem seltsamen Kleide bei Ihnen bleiben?« – »So lange wahrscheinlich, bis sie ein wenig pinseln gelernt. Mag sie – mich genirt sie nicht – sie hat ihre eignen kleinen Zimmer und erscheint, außer zum Diner und Souper, nur wenn ich sie rufen lasse.«
Eben trat Plessow heran. »Wollen Sie ein allerliebstes Genrebild sehen, Albano?« fragte er. »Werfen Sie einen Blick in den Tanzsaal dort.Es ist eine wahre Herzenserquickung Elisabeth tanzen zu sehen. Könnte ich ihr diese Freude am Leben doch erhalten!« Albano erhob sich sofort und bot der Frau vom Hause den Arm um sie in den Salon zuführen, wo die jungen Leute tanzten. Aber sie lehnte kühl ab, und trat rasch zu einer Gruppe von Damen, die sich um ein Album gesammelt hatten.
»Mein Gott wie schön ist dies Mädchen!« murmelte Albano, die Tanzende mit glühenden Blicken verfolgend, »wahrhaft leuchtend schön in ihrer Freude!« – »Und wie lieblich sind diese ungeschulten Bewegungen!« fügte Plessow hinzu.
Eben stand sie unfern von ihnen still. Sie bemerkte ihren »Herrn Onkel« und in überwallender Lebhaftigkeit ihm die Hand hinreichend, sagte sie so recht aus tiefster Seele: »ach ich bin so vergnügt! Wie schön ist's doch zu tanzen! Ich hätte es nimmer gedacht!« Aus dem Ton der Stimme klang der innere Jubel durch, ihre wunderschönen Augen, mit den Wimpern einer Murillo'schen Madonna, strahlten vor Glück, ihr reizender Mund lachte, und ihre junge Gestalt erschien wie getragen von Lust und Freude. – Albano beneidete plötzlich ihren Tänzer, er, der seit Jahren schon den Blasirten gespielt aufallen Bällen. Er bat Herrn von Plessow ihn seiner Nichte vorzustellen. – »Hatte das meine Frau nicht schon gethan?« fragte der verwundert indem er ihn zu Elisabeth führte. »Herr Albano kann jetzt Deinen Onkel ein wenig ablösen bei Dir, liebes Kind, und Dein Zeichnen und Malen überwachen. Er ist unser erster Landschaftszeichner. Du mußt ihn aber recht freundlich bitten daß er Dir helfe, er ist gewohnt gebeten zu werden,« setzte er scherzend hinzu.
Ein Schatten von Ernst flog plötzlich über die Stirn des jungen Mädchens. »Dazu hätte ich nicht den Muth, Herr Onkel,« antwortete sie. »Sie wissen, wie verzagt ich geworden bin mit meinem Zeichnen! Ich habe nie geträumt daß man soviel dabei zu lernen hätte. – Ach, ich kann ja noch gar nichts, und niemand wird so viel Geduld haben mit mir als Sie!« – »Sie erlauben, daß wir darüber zu einer andern Zeit ausführlicher reden,« sagte Albano verbindlich. »Morgen z. B., wenn ich meine Mappe bringe. Jetzt aber möchte ich Sie nur bitten den nächsten Tanz mit mir zu tanzen.« – »O! ich bin schon für den ganzen Abend versagt!« entgegnete sie plötzlich wieder in heller Freude aufleuchtend, mit einem triumphirenden allerliebsten Lächeln.
»Nun, dann muß ich eine Extratour haben!« bat er, sich zuerst vor ihr, dann vor ihrem Tänzer verneigend. Ueber und über erglühend nahm sie seine Hand. Wie lange hatte er nicht getanzt. In diesem Augenblicke dachte er daran, aber er empfand zugleich ein süßes Behagen, eine Wiederkehr längst entschwundener jugendlicher Lebenslust, als er seinen Arm um ihre schlanke Taille legte und ihre kleine, rasch pulsirende, Hand in der seinen fühlte. Wie leicht flog sich's mit diesem Kinde! Wie flüchtig berührt ein siebzehnjähriger Fuß den Boden! – Wie anmuthig waren die Bewegungen seiner jungen Tänzerin die noch nie den glatten Boden eines Tanzsaals betreten, ja die noch kein französischer Tanzmeister geschult!
Albano hatte früher für einen der besten Tänzer gegolten, er mühte sich in diesem Augenblick diesen Ruhm aufzufrischen, und als er seine Tänzerin an ihren Platz zurückgeführt, begriff er nicht warum er dem angenehmen Reiz des Tanzes so lange entsagt. »Sie tanzen gut!« sagte sie und sah mit ihrem Kinderlächeln dankend zu ihm auf. – Dies naive Lob entzückte ihn so daß er den Rest des Abends im Tanzsaal verbrachte, abwechselnd zuschauend oder mit Elisabeth plaudernd. Als diejungen Leute endlich aufhörten zu tanzen, und die jungen Damen sich um Elisabeth drängten – sie war ja die Nichte des Hauses wo man sich so gut amüsirte, und viel zu unelegant um ihnen zu schaden – da verschwand Albano.
»Modernisiren Sie doch Ihre artige Verwandte ein wenig, Liebe!« sagte die Gräfin Darschau bittersüß scherzend, als eben Albano zu Frau von Plessow herantrat um sich zu verabschieden. »Geben Sie ihr ein wenig Unterricht in jener Kunst, in der Sie unser aller Meisterin sind, – die böse Welt könnte sonst auf den Gedanken gerathen Sie fürchteten eine Nebenbuhlerin!« – »Unsere Darschau hat Recht!« setzte die überschlanke Comtesse Feldern hinzu. »Etwas mehr Stoff für das Kind, liebe Plessow – – mein Gott, das blaue Taffetfähnchen ist ja kaum vier Ellen weit!« – »Und dennoch ist Fräulein Elisabeth ganz unbeschreiblich reizend!« Mit diesen neckisch hingeworfenen Worten, und einer tiefen Verbeugung vor der Dame des Hauses, entfernte sich Albano.
Elisabeth konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen vor lauter Freude. Zwar hatte die »Frau Tante« sie ungewöhnlich unfreundlich entlassen zur guten Nacht, und sie ein tolles Landmädchengescholten, – es war aber doch schön hier. – Sie hätte nie gedacht, daß solche »soiréen« so angenehm wären. Köstlich lebte sich's in diesen schimmernden Räumen, unter diesen liebenswürdigen Menschen, die ja alle ein Lächeln für sie hatten. An all dieser Freundlichkeit hatte gewiß auch das schöne hellblaue Taffetkleid der guten Mutter seinen Theil – wie hübsch sah es doch aus am Abend! – Sie sah sich noch einmal aufmerksam im Spiegel an. »Wenn die Mutter mich gesehen hätte!« seufzte sie. »Die beiden Fräulein Warburg fanden es freilich nicht genug ausgeschnitten, sie meinten, die Schultern dürften nie bedeckt sein, das mache eine schlechte Figur. Und Alle trugen ein Blumenbouquet vor der Brust, das möchte ich wohl auch künftig tragen. Aber es könnte Flecken geben auf der schönen Seide. Wie habe ich das Kleid lieb – wie köstlich tanzte sich's in dem Kleide, aber am Besten doch mit – – mit wie hieß er doch?«
Seinen Namen hatte sie vergessen, aber seine Augen nicht. Schönere hatte sie nie gesehen! – Und sie träumte von diesen Augen und der Tanzmusik und dem blauen Kleide die ganze Nacht.
Am nächsten Tage, – Elisabeth saß in ihrem Stübchen und arbeitete an den Zeichenvorlagen die ihr Herr von Plessow gegeben, – rief man sie hinab in das Boudoir der »gnädigen Frau.« – Albano war da mit seinen neuen Skizzen. Das junge Mädchen begrüßte ihn erröthend und nahm an dem Tische Platz, worauf man die kostbaren Blätter gelegt. – Frau von Plessow, im Sammetsessel lehnend, in ihrem dunkelblauen Atlaskleide und coquettem Häubchen, wandte sich nur wenig nach ihr um und sagte vornehm nachlässig, indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte: »Berühren Sie diese Blätter nicht, Elisabeth – Sie verstehen nicht mit dergleichen Dingen umzugehen!«
Eine Purpurgluth überströmte das junge Gesicht. Albano, der in diesem Augenblick zu ihr herübersah, begriff nicht wie er sie gestern so bezaubernd gefunden. Wie übermäßig frisch sah sie aus, und wie unmodern war sie angezogen! – Dies abscheulich grüne Wollkleid mit dem schwarzen Moireegürtel, und diese dichten weißen Aermel mit den unächten Spitzen an dem Handgelenk! Und dazu eine stehende kleine Halskrause von einem dunkellila Bande zusammengehalten! –Quel horreur!– Wie konnten nur die Hände so ausgezeichnethübsch aussehen, die aus solchen Aermeln hervorsahen? – Er wunderte sich aber auch als er das offenbar gekränkte Mädchen jetzt so freundlich sagen hörte: »Sie irren, Frau Tante! Der Vater hat eine große Kupferstichsammlung, und ich weiß gar wohl, wie behutsam man dergleichen berühren muß!«
Albano reichte ihr ein Blatt hin und sagte: »ich bin nicht so ängstlich mit meinen kleinen Skizzen, mein Fräulein.« – Sie lächelte wieder und sah plötzlich in diesem Lächeln so hübsch aus, wie man in einem »abscheulichen grünen Wollkleide« nur aussehen kann. – Allein sie blieb still, während die Andern sehr viel und lebhaft von »Tönen – Tinten – Lichteffekten und Uebergängen« redeten, aber ihre ganze Seele war in ihren Augen, indem sie diese reizenden Farbenskizzen anblickte. – Als man das letzte Blatt in die Mappe gelegt, saß sie seinen Augenblick wie in tiefe Gedanken verloren, dann schlug sie plötzlich die Hände vor's Gesicht und Thränen drangen zwischen ihren Fingern hervor, während die junge Brust sich von unterdrücktem Schluchzen hob.
»Was soll diese Kinderei?« fragte unwillig Frau von Plessow, während ihr Mann einige mitleidige Worte an die Weinende richtete. – »Ach!« sagteElisabeth nach einer Pause mit der Stimme eines tieftrauernden Kindes dem man sein liebstes Spielzeug zertreten, »als ich diese Bilder sah, da wurde es mir erst klar, daß ich – dochnieeine rechte und ordentliche Malerin werden kann!« – »Liebe Kleine,« lachte die schöne Frau, »das hätte ich Ihnen schon früher sagen können. Eine Malerin wird nicht aus einer Jeden die ein bischen zeichnen kann, – und wenn auch vielleicht eine Malerin, doch sicher noch keine Künstlerin.« – »Die Tante scherzt,« sagte Herr von Plessow sehr mild; »Du zeichnest ganz artig und machst tüchtige Fortschritte. Mit den Farben hast Du es ja noch gar nicht versucht. Die Meister fallen nicht mehr vom Himmel, sie müssen sehr langsam zu Meistern werden.« – »Darf ich Herrn Albano bitten daß er einmal meine Skizzenbücher und Zeichnungen durchsieht?« fragte Elisabeth plötzlich sich aufrichtend. »Er soll mir sagen, ob ich – noch länger hier bleiben oder – nach Hause gehen soll. Ich weiß, er wird aufrichtig sein!« – »Hier meine Hand darauf!« antwortete Albano rasch, den diese Scene seltsam berührt hatte. »Lassen Sie mich Ihre Zeichnungen sehn und vertrauen Sie mir!« – Das junge Mädchen verließ das Zimmer. »Erwird aufrichtigsein?! –Pauvre enfant!« flüsterte Frau von Plessow mit einem Seitenblick auf den Maler. –