The Project Gutenberg eBook ofNeue Novellen

The Project Gutenberg eBook ofNeue NovellenThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Neue NovellenAuthor: Elise PolkoRelease date: June 9, 2020 [eBook #62358]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttps://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE NOVELLEN ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Neue NovellenAuthor: Elise PolkoRelease date: June 9, 2020 [eBook #62358]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttps://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)

Title: Neue Novellen

Author: Elise Polko

Author: Elise Polko

Release date: June 9, 2020 [eBook #62358]Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Credits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttps://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE NOVELLEN ***

von

Elise Polko.

Leipzig,Verlag von Bernhard Schlicke.1861.

»Dem Verfasser des Werkes:»Die Frauen in der Culturgeschichte«demOberbibliothekar und HofrathHerrnDr.G. Klemmwidmet diese »Frauennovellen«inherzlicher VerehrungElise Polko.

(Ein Skizzenblatt.)

(1860.)

»Euer Stück, Lustspiel benannt, scheint mir in der That nicht übel, junger Freund«, ließ sich der hochberühmte und vielgelehrte Professor der Philosophie und Dichtkunst, Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched zu Leipzig, vernehmen, und wandte sich zu einem jungen Studenten, der an seinen Schreibtisch getreten war, während ein Anderer in bescheidener Haltung an der Thür des Studirzimmers stehen geblieben. »Die Redeweise ist rein, die Figuren nicht verzeichnet, ich wüßte nichts Sonderliches gegen Euer Werk zu erinnern, nur muß ich Euch offen gestehn, daß mir ein Trauerspiel allzeit angenehmer denn ein lustiges Stück, und so gefällt mir auch schon aus diesem Grunde das Machwerk Eures Freundes, so er »die Matronezu Ephesus« benannt, weit besser. Auch schreitet es in Worten und Sätzen ruhig und feierlich einher, und ist ganz nach meinen Regeln aufgebaut, während Euer Stück ohne rechten Zaum und Zügel dahinläuft. Nun ist aber, meines Bedünkens, erst ein gesattelt und gezäumtes Roß zu Jedermanns Nutzen und Frommen da, während ein loslediges Füllen nur sich selber zum Vergnügen daherspringt. Damit Ihr Beide aber nicht die Meinung faßt, ichalleinwolle mich zum Richter aufwerfen über Eure Geisteskinder, so mögt Ihr Euch heute um die sechste Abendstunde in den Wohnstuben meiner Frau einfinden. Daselbst wird sich ein Kreis hochgebildeter Frauen und Männer versammeln, denen Ihr selbst Eure Stücke vorlesen könnt. Bringt also Eure Manuscripte wieder mit und seid pünktlich hier!« –

Nach dieser Rede erhob sich der Gelehrte ein klein Wenig von seinem Schreibschemel, grüßte mit der Hand, herablassend wie ein Fürst die beiden Studenten und setzte sich dann, ohne auf deren Abschiedsverbeugungen zu achten, zum Schreiben zurecht. – Die Thür des Arbeitszimmers schloß sich, und man hörte eine Weile Nichts als das Knirschen der Feder, die über das Papier schlich, denn der Professor Gottsched pflegte so langsam zuschreiben als er redete. Er mochte jedoch kaum eine Zeile zu Wege gebracht haben als die Thür sich wieder leise öffnete und ein schöner Frauenkopf hereinschaute. Dem Kopfe folgte eine hohe schlanke Gestalt, die etwas zagend auf den Schreibtisch zuschritt. Auf halbem Wege blieb sie aber stehn und sah ein Wenig furchtsam auf den berühmten Mann, der sich so eben umwandte, einen erstaunten Blick auf die Eingetretene warf und mit dem Ausdruck großer Verwunderung fragte: »Ihr seid es, Victoria Adelgunde, – und zu solch ungewohnter Stunde? Was bringt Ihr?« – »Nichts!« lachte sie heiter und stand mit einem Sprunge neben ihm, die Hand auf seine Schulter legend, »ich komme nur um Euch Etwas zu fragen – aber werdet mir nicht böse ob der Störung.« –

Es geschieht wohl zuweilen, daß eine mitleidige Seele einem armen Gefangenen einmal einen Frühlingsstrauß oder eine Hand voll Rosen in seine Zelle wirft, – just solchen Eindruck machte diese Erscheinung in der großen finstern Gelehrtenstube voll staubiger Folianten, wunderlicher Instrumente, und neben jenem ernsthaften steifen Mann mit der wohlgepuderten Perrücke, der da vor dem Schreibtisch saß. – Der Professor der Logik und Metaphysikselbst mußte, als er indiesFrauenantlitz sah, ein Wenig lächeln, er legte die Feder nieder und seinen rechten Arm um den schlanken Leib der Fragerin, freundlich wiederholend: »Was bringt Ihr – was wollt Ihr denn von mir?« –

»Sagt mir doch, bitte, wer die beiden jungen Leute waren, die da so eben von Euch gingen!«

»Studenten der Theologie – aus denen aber schwerlich etwas Rechtes werden wird, denn sie treiben allerlei Allotria.«

»Aber aus dem mit den großen Augen wird doch gewiß etwas Gutes – wenn auch vielleicht kein Pfarrer. Wie hieß er wohl?«

»Ziemt es sich für die Ehefrau des Professor Gottsched nach den Namen solcher junger Burschen zu forschen? Hat der mit den großen Augen Euch irgend ein Leid angethan?« scherzte der berühmte Mann.

»O nein! Er lief nur etwas hastig die Treppe hinab und ich kam just aus dem Keller, und so hätte er mich fast umgestoßen, er verlor sein Manuscript dabei, – die Blätter flogen um mich her – – und da mußten wir Beide lachen und ich half ihm die Blätter aufnehmen. – Der Andere, glaube ich, stand äußerst verlegen dabei und rührte keine Hand.«

»Wenn er hastig gelaufen, so war das zweifelsohneder Schlimmste der Beiden, nämlich der Studiosus Gotthold Ephraim Lessing aus Kamenz. Ihr hättet Euch den Andern lieber ansehen sollen denn ihn, Frau Victoria Adelgunde, der hat ein wackeres Trauerspiel geschrieben, und war des Ansehens werther. Sein Name lautet Christian Felix Weiße aus Annaberg. Es ist wunderlich daß der sanfte sinnige Mensch so mit Leib und Seele an dem unsteten Burschen, dem Lessing, hängt. Sie wohnen beisammen und sind unzertrennliche Gefährten bei Tag und Nacht. – Beide werden diesen Abend kommen um ihre Dichterversuche zu Gehör zu bringen, Beide haben Stücke geschrieben und hoffen, daß die Neuberin sie auf dem Theater aufführen läßt. – Ich würde aber, so ich mit dem genannten nichtswürdigen Weibe noch ferneren Verkehr pflegte, sicherlich nur dem Trauerspiel des Christian Weiße das Wort reden. Es führt den Titel: »die Matrone zu Ephesus«, – das Lustspiel des Andern heißt nur schlechtweg: »der junge Gelehrte.«

»Wer soll denn heute Abend zuhören?«

»Der Professor Gellert, und meine gelehrten Freundinnen, die berühmten Frauen Leipzig's.«

»Die Zieglerin wollt Ihr einladen?« fragte dieschöne Frau, und über ihr Gesicht flog etwas wie ein Wolkenschatten. »Diese Person soll in unser Haus kommen?« – Und heftig zog sie die rosenfarbenen Bänder der kleinen Haube, die oben auf der Spitze des leichtgepuderten Haars befestigt war, zusammen. »Habt Ihr vergessen daß eben sie sich gegen Eure Frau nicht so benimmt, wie es ihr zukäme sich gegen die Gefährtin eines Gottsched zu benehmen?«

»Seid nicht kleinlich, Victoria Adelgunde! Einer so hochberühmten Gelehrtin muß man mancherlei Sonderlichkeiten verzeihn. Sie ist meine Freundin, – und ich bitte Euch sie denn ummeinetwillenfreundlich aufzunehmen. Ihr seht ja sonst alle diese verdienstvollen Dichterinnen leider niemalen bei Euch, und begleitet mich zu meinem Leidwesen nimmer wenn ich zu ihnen gehe – heute Abend müßt Ihr, nun schon Eurem Eheherrn einmal die Liebe anthun, selbige bei Euch zu empfangen. Und nun laßt mich wieder allein, und sorgt, daß mich ferner Niemand störe.« –

Er stand auf, küßte ihr die Hand, geleitete sie feierlich bis zur Thür, und sie verließ ohne weiter zu reden das Zimmer. Ganz langsam und gedankenvoll schritt sie über den Gang der Treppe zu. – An dem Geländer blieb sie aber plötzlich stehn, schautehinab und murmelte dann mit dem Lächeln eines Kindes: »da – an der zwölften Stufe war's! – Es ist doch gut, daß ich den Ephraim Lessing schon kenne. Ich denke wir Beide werden heute Abend zusammenhalten. Er sieht ganz so aus als ob er sich auch – wie ich – vor gelehrten Frauen fürchten könne. – Wie wunderbar und fremd blickten aber seine Augen! – Mich dünkt, ich sah nie schönere – – außer den Augen meines Gottsched – –« setzte sie lieblich hinzu und ging dann die Treppe hinab in die Küche. –

Seit zehn Jahren war Luise Victoria Adelgunde, geborene Kulmus aus Danzig, die Gattin des berühmten Leipziger Professors, und bis zur Stunde fühlte sie sich nur in den vier Wänden ihres engen Hauses wohl und heimisch, nicht aber in der Stadt und in dem Bekanntenkreise ihres Mannes. Lange Zeit krankte sie an einem tiefen Heimweh nach ihrer alten düstern Vaterstadt, obgleich sie, außer zahlreichen Freunden, von ihrer eigentlichen Heimath nichts mehr dort fand als – die Gräber ihrer Eltern. Und dies Heimweh steigerte sich, je mehr Menschen sie sah, und von ihrem reizenden Gesicht schwanden die Rosen und das Lächeln wich von ihren Lippen. Stundenlang saß sie an dem Fensterihres Wohnzimmers in der Grimmaischen Gasse und starrte auf das finstere Thor und den seltsamen Thurm und wünschte sich Flügel, um weit weit hinwegzuflattern aus jener Lindenstadt, die sich Klein-Paris nannte. Die Menschen erschienen ihr so ganz anders denn daheim, so ernsthaft und gelehrt, oder so übermäßig geschäftig und zerstreut. Und doch hatte sie unter den Männern, die ihr hier in den Weg traten, bald mehr denn Einen gefunden, der ihr lieb und werth geworden und dessen Reden sie gern lauschte. Mit besonderer Innigkeit hing sie an dem freundlichen Professor Gellert, der auch seinerseits an der bildschönen kindlichen Frau großes Wohlgefallen bezeigte. Aber jene Frauen, die ihr Gatte seine »Freundinnen« nannte, und mit denen er täglichen Verkehr pflegte, verleideten ihr den ganzen Aufenthalt in Leipzig. So eindringlich Gottsched ihr solchen Umgang als einen besonders bildenden und belehrenden bezeichnet, sie konnte sich trotz aller Mühe, die sie sich gab, mit diesen Gestalten nicht befreunden, ja sie empfand eine Art Grauen vor ihnen und war in ihrer Nähe einem furchtsamen Kinde zu vergleichen. – Vor jeder Frage die eine oder die Andere jener Berühmtheiten an sie richtete, erschrak sie, und beantwortete selbige wie das schüchternsteMädchen nur mit einem »ja« oder »nein.« Um die Welt hätte sie all jene dichtenden Frauen nicht merken lassen, daß sie selber in ihres Vaters Hause so oft und mit voller Seele Poeterei getrieben, und bat fast auf den Knieen ihren Gatten, Keiner von ihnen jemals zu verrathen, daß sie schon als achtzehnjährige Jungfrau eine Ode verfaßt auf die Kaiserin Anna von Rußland, und die Schriften der Frauen Lambert und Gomez aus dem Französischen in's Deutsche übertragen. – Als die hochgefeierte Zieglerin, geborene Romanus, die am 17. October des Jahres 1733 von dem Decan der philosophischen Facultät zu Wittenberg, dem Pfalzgrafen Johann Gottlieb Krause, »Kraft der Kaiserlichen Macht und Gewalt und im Namen seiner Facultät« durch die Ueberreichung eines Lorbeerkranzes und Ringes zur kaiserlichen gekrönten Poetin erhoben worden, zum ersten Mal vor der jungen Gottschedin erschien, fühlte sich Victoria Adelgunde sofort auf das Entschiedenste von der berühmten Dichterin abgestoßen. Hochmüthig und kalt schaute die Leipziger Bürgermeisterstochter auf das Danziger Doctorskind, und hielt mit scharfen grauen Augen Musterung über die Erkorene des gefeierten Freundes Gottsched. Dann ließ sie sich zu der Frageherab: »haben die wertheste Gottschedin auch schon Etwas gearbeitet?« »Ja – ich habe mir alle meine Spitzen selber geklöppelt« stieß da die junge Frau ängstlich hervor, und mit einem siegenden Hohnlächeln wandte sich die Zieglerin an ihre, eben zum Besuch anwesende, Schülerin, die hübsche und anmuthige Hedwig Zäunemann aus Erfurt und sagte laut genug, daß Jeder der im Zimmer war, es hören konnte: »mich dünkt sie gehöre zu jenen Vögeln, deren Geschrei einstmals das Capitol errettet. Wir müssen sie fallen lassen!« –

Ein glückseliges Lächeln hatte damals, nach diesen Worten, die Lippen Victoria Adelgundens umspielt. Tief aufathmend murmelte sie: »O dem lieben Gott sei's gedankt, sie läßt mich fallen!« –

Und es geschah also. Keine der gelehrten und berühmten Frauen, die damals ihren Wohnsitz in Leipzig aufgeschlagen und in dem weltbekannten Pleiß-Athen aus- und einflogen, verkehrte mit der Gottschedin. Sie war erstens zu hübsch und zweitens zu »gering«, um der Ehre für würdig befunden zu werden in jenem Kreise Aufnahme zu erlangen. Man zuckte die Achseln über den wunderlichen Freund und hochgelehrten Mann, daß er eine so seltsame unbegreifliche Wahl getroffen, und tadelte ihn lautund leise, daß aucherein Mann wie alle Männer, und ein roth und weißes Lärvchen den höchsteninnerlichenSchönheiten vorzuziehen gewagt. – Man lud den Gelehrten nach wie vor zu jenen »himmlischen« Abenden ein, wo man, bei möglichst kärglicher irdischer Speise, mit Apollo und den neun Musen schwelgte,ohneFrau Victoria aufzufordern, an jenen Götterfesten Theil zu nehmen, und so sehr auch Gottsched seine Gattin liebte und hoch hielt, so schmeichelte es doch seiner Eitelkeit gar zu gewaltig, in einem Kreise gefeierter Dichterinnen angebetet und besungen zu werden, als daß er es vermocht sich von ihnen loszusagen, weil sie sich von der Frau seiner Wahl lossagten. –

Es war gar zu angenehm Orakelsprüche aus eignem Munde fallen zu lassen, und als unumschränkter Herrscher zu thronen. – Er hatte daher nichts einzuwenden, wenn seine Gattin sich ihr Klöppelkissen zu der Frau des Cantor Doles tragen ließ und in der Wohnung derselben, in der Thomasschule, plaudernd einige Stunden verweilte, oder mit dem Cantor selber Musikübungen anstellte, ihm auf der Laute vorspielte und jene reizenden Weisen mit wunderlieblicher Stimme dazu sang, die sie aus ihrer Vaterstadt Danzig mitgebracht. –Das waren heitere Abende für Victoria Adelgunde. Keine Gewalt der Erde hätte sie vermocht ihren Gatten zu seinen »Freundinnen« zu begleiten, so bitter es sie auch schmerzte, daß er solcher Gesellschaft fast täglich einige Stunden opferte. Sie zog es bei Weitem vor, mit irgend einer schlichten Bürgersfrau von den Preisen der Lebensmittel und den schlechten Mägden und ungehorsamen Kindern zu reden, denn ein Gedicht vorlesen zu hören von der Dichterin selber. Wenn sie ihre Uebersetzungen aus dem Englischen, welcher Sprache sie vollkommen mächtig war, in jenen Stunden nach Tisch unternahm, in denen Gottsched seine Mittagsruhe hielt, so konnte ein Kind, das an einem verbotenen Leckerbissen nascht, nicht erschreckter zusammenfahren denn Victoria Adelgunde bei dem Ton der Hausklingel, und im Nu waren Papier, Dinte und Feder verschwunden. Selbst von ihrem Gatten ließ sie sich nur ungern bei einer schriftlichen Beschäftigung überraschen, und erröthete dann wie eine Siebzehnjährige die man bei dem ersten Liebesbriefe ertappt. – Dagegen kannte sie kein größeres Vergnügen, als ihm bei seinen Arbeiten zu helfen, indem sie für ihn Wörter aufschlug, kleine Auszüge machte, oder ein Manuscript in's Reine schrieb. Wenn er sie zusolchen Hülfsleistungen in das Heiligthum seines Studirzimmers rief, vergaß sie sogar die Küchenschürze abzulegen, und wenn der Braten indiesemHaushalt einmal anbrannte, oder der Suppe das richtige Maß des Salzes fehlte, so trug nicht die Hausfrau, sondern lediglich der Herr Professor Gottsched selber die Schuld daran. – Victoria Adelgunde hielt ihren Hausstand in musterhafter Ordnung, wie man denn auch an ihrer eignen reizenden Person niemalen die kleinste Ungehörigkeit wahrnahm, weder eine zerdrückte Schleife, noch eine schlecht gewaschene Spitze, noch einen schief getretenen Schuh, oder gar lose hängendes Haar oder einen auffallenden Putz. Man konnte zu jeglicher Zeit die Wohnung des Professors der Logik und Metaphysik vom Boden bis zum Keller durchwandern, und die schärfsten Basenaugen würden weder Unordnung noch Staubwolken, aber eben so wenig irgend eine sinnlose Zierrath entdeckt haben. Dies Alles bewunderte nun der gelehrte Mann an der Gefährtin seines Lebens gar sehr – auch wußte er recht wohl, wie hell ihr Geist und wie empfänglich ihre Seele, aber es bekümmerte ihn doch im Grunde mehr denn billig, daß sie sich sogar nichts aus seinen gelehrten Freundinnen machte, und kein einzig Mal Verlangenzeigte zuzuhören, wie man ihn anbetete. – Da er aber den Verkehr mit den Musen Leipzigs nun einmal durchaus nicht entbehren zu können glaubte, so kam es, daß mit jedem Jahre der einsamen Stunden mehrere wurden für die schöne Frau. Einsamkeit ist aber eine gefährliche Freundin, und frommt solcher Umgang besonders keinem Frauenherzen, und dem Wärmsten just am Wenigsten. Da der Himmel dem Gottsched'schen Ehepaar keine Kinder bescheerte, so war es wohl natürlich, daß allmählich allerlei Wünsche und Gedanken aufstiegen in dem Herzen Victoria Adelgundes. – Dann kamen heimliche Thränen, die auf das Klöppelkissen fielen, und tausend halberstickte Seufzer wurden in die Spitzen gewebt – und endlich wählte man sich gar eine Vertraute, zwar zum Glück nicht von Fleisch und Bein aber immerhin gefährlich genug: die kleine Feder nämlich. Die schöne Frau arbeitete in jenen einsamen Stunden plötzlich fast anstrengend. Sie übersetzte Pope's Lockenraub, und Addision's Cato, und in eben dem Jahre, von dem wir just reden,Anno1745, beschäftigte sie sich mit einer sehr berühmten jesuitischen Streitschrift:la femme docteur, die sie in sehr zierlicher Weise in's Deutsche übertrug. – Wer von den »gelehrtenFrauen« hätte Solches von der kleinen »albernen« Gottschedin vermuthet. – Es stiegen aber trotz all dieser Thätigkeit in dem Herzen der jungen Frau doch auch hin und wieder Bedenken auf, ob sie ihrem Manne, den sie so schwindelnd hoch über sich erblickte, nicht vielleicht in der That gar zu einfach sei, und sann sie allen Ernstes darüber nach, was sie wohl lernen und beginnen könne, um ihm endlich jenen verhaßten Verkehr mit seinen »Freundinnen in Apoll« entbehrlich zu machen, und ihn bei sich zurückzuhalten. – Wie ein Lichtstrahl durchblitzte sie endlich ein Gedanke. – Die Zieglerin hatte einmal den Professor Gottsched in einer lateinischen Ode besungen, und Solches hatte einen mächtigen Eindruck auf den Gefeierten gemacht. Er äußerte, daß diese Arbeit das Höchste sei, was je eine Frau geleistet, die Ode lag stets neben ihm auf dem Schreibtisch, und er wiederholte oftmals, daß er um solcher fehlerlosen Dichtung Willen einer Frau anhangen würde, wenn sie auch das Urbild aller Häßlichkeit und Verschrobenheit. – – Victoria Adelgunde hatte es also gefunden: sie wollte ihren Gatten in einer Ode besingen, die mindestens noch einmal so lang als die der Zieglerin. – Dazu fehlte ihr nur noch eine Kleinigkeit: siemußte erst Latein lernen,heimlichlernen. – Aber wer wollte, wer konnte wohl ihr Lehrmeister sein? –

Am Abend brannten in dem Stübchen der Frau Gottschedin mehrere Kerzen, und seine für die damaligen Zeiten prunkhafte Einrichtung zeigte sich im vollsten Glanze. Die gestreiften Zitzbehänge der Fenster schimmerten rosig, und das harte, aber große, und mit demselben Stoff bezogene Sopha nahm sich gar stattlich aus. Hochlehnige, festgepolsterte Stühle standen um den mächtigen Tisch, und eine niedere Bank war an das Spinett geschoben, das in einem Winkel zwischen dem Fenster und der langen Wand seinen Platz gefunden hatte. Eine Laute hing darüber, mit tief herabhängendem, blauen Bande; die Gottschedin war eine Meisterin im Lautenspiel, aber das wußten kaum ihre nächsten Freunde. – Den Schmuck der Wand über dem Sopha bildeten die kerzengeraden Conterfeys der Eltern der jungen Frau. Der königlich polnische Leibarzt Johann Gottlieb Kulmus schaute gewaltig finster darein, und hatte die Unterlippe mehr als nöthig vorgeschoben,während seine Gattin, ganz Sanftmuth und Ergebung, mit einem matten Lächeln auf eine Rose schaute, die sie zwischen den spitzen Fingern hielt. Ein Schattenriß des Professor Gottsched, auf goldenem Grunde, war unter dem kleinen Spiegel angebracht, ein Kranz von Immergrün schlang sich um den Rahmen. Auf der steifbeinigen Kommode aber stand ein hohes Glas voll frischer Astern, denn es war eben im Herbst, die Abende wurden schon lang und die Stürme rüsteten sich zum Aufstehen. –

Die Stimme der Wanduhr verkündete schrillend die sechste Stunde. Der Herr Professor saß neben seiner Frau in seinem besten Anzug, gestickter Schooßweste, braunem Sonntagsrock und schwarzseidenen Kniehosen, und versuchte ihr zuzureden, sich nicht vor den erwarteten Gästen zu fürchten, wie man einem Kinde zuredet, wenn es sich sträubt, irgend einem bärtigen Onkel oder einer verknöcherten Tante die Hand zu geben. Das feine Gesicht der Gottschedin verlor auch bald genug jenen Ausdruck ängstlicher Spannung, den es seit Mittag zur Schau getragen. Die dunkelblauen Augen wurden wieder heiter und glänzten, und als mit dem Schlage der sechsten Stunde die Hausklingel ertönte, denn dazumalhielt man es für eine Pflicht, pünktlich zu sein, und der Hauswirth sich mit den Worten erhob: »wird wohl die Zieglerin sein mit ihrem Gaste, der berühmten Dichterin Anna Barbara Teuberin, verwitwete Knackrüggin, aus Augsburg« – lachte sie ihm schelmisch zu. Er aber setzte noch hinzu: »ich bitte Euch dringlich, seid freundlich zu ihnen, Herzliebste!« – Und die Herzliebste nickte, warf einen Blick in den Spiegel, drückte die Rose an dem linken Ohr fester in die gepuderten Locken, zupfte an der Spitzengarnitur am Halse und sah aus, als ob sie sich vor keiner gelehrten Frau der Welt mehr fürchte. – Die Stubenthür öffnete sich auch bald darauf, und herein zwängte sich eine rauschende Wolke von wunderlich gemustertem und verblichenem Seidenstoff, und selbige Gestalt blieb mit allerlei Spitzen und Schleifen an der Klinke hängen. Ein paar behandschuhte Hände von gewaltigen Formen zerrissen aber mit Manneskraft die hemmenden Fesseln, und eine sehr große, magere Frau in vorgerücktem Alter, mit weit entblößtem Busen und nackten Schultern, neigte sich drei Mal mit unbeschreiblicher Feierlichkeit vor dem Professor der Logik und Metaphysik, und reichte ihm dann die Fingerspitzen zum Handkuß. Auf den Fersenfolgte ihr eine schlichte Erscheinung, deren zerknittertes, braunes Gesicht aus einer tief in die Stirn gehenden, gesteiften Haube schaute, und die altmodisch geschnittene enge Kleider trug, dem Hauswirth derb die Hände schüttelte, sich jedoch gewaltig sträubte, als er bei ihr einen Handkuß versuchen wollte. »Es ist eine gar seltene Freude, zu Gaste geladen zu werden in dem Hause des berühmtesten Mannes zu Leipzig,« sagte die zuerst Eingetretene spöttisch, und verneigte sich vor der Gottschedin, »und haben wir solche hohe Ehre und Vergünstigung wohl nur meinem Gaste und meiner Seelengefährtin, der Anna Barbara Teuberin, verwitwete Knackrüggin, zu danken, welche allhier vor Euch steht.«

»Und welche wohl nimmermehr solcher Ehre genösse, so nicht die hochberühmte, gekrönte Dichterin Christiane Marianne Zieglerin, geborene Romanus, solch armselig Augsburger Gewächslein hierher getragen,« fiel die Teuberin ein und faltete demüthig die Hände, während sie der Hauswirthin einen kurzen Knix machte.

Die Zieglerin lächelte wohlgefällig, machte aber dennoch eine bescheidene Geberde der Abwehr, da flog wiederum die Thür auf und ein rundes, lautlachendesweißgekleidetes Etwas rollte dem gelehrten Manne, unter einem Schwall von zärtlichen Redensarten, an den Hals. Es war eine kleine üppige Frau mit kurzgeschnittenem, dunklem Haar, ziemlich freiem Ausschnitt des fliegenden Kleides, lustigen Augen, die ein Wenig schielten, einem hübschen Munde und großer Zungengeläufigkeit. Ganz Leipzig kannte sie, jeder Student grüßte sie, und die Thomasschüler blieben bei ihren Umzügen gern vor ihrem Hause stehn, da sie wußten, daß sie jeden Vers eines Chorals mit einer Flasche Bier zu bezahlen pflegte, und dazu auch allezeit zur Genüge frische Semmeln beigeschafft wurden. Es war die Dichterin Anna Helena Volkmann, geb. Wolffermann aus Leipzig. Schon im Jahre 1736 waren die Kinder ihrer heitern Muse unter dem Titel erschienen: »Erstlinge unvollkommener Gedichte, durch welche hohen Personen ihre Unterthänigkeit, Freunden und Freundinnen ihre Ergebenheit, vergnügten Seelen ihre Freude und Betrübten ihr Mitleiden erzeiget, sich selbst aber bei ihren Wirthschaftsnebenstunden eine Gemüthsergötzung gemacht: Anna Helena Volkmannin.«

Sie erschien niemalen in ganz sauberem Anzug, auch fehlte es selten an einigen Dintenspurenan den Händen, eben so war es schon vorgekommen, daß sie noch mit der Feder hinter dem Ohr in eine Gesellschaft getreten, aber ihre Bescheidenheit, Fröhlichkeit, und ihre witzige Zunge ließen dergleichen übersehen, wenigstens war die Dichterin trotz alledem bei Männern und Frauen beliebt. Eine sehr hübsche, jugendliche Frau wurde von ihr dem Hauswirth und der Hauswirthin vorgestellt, sie hieß Johanna Charlotte Unzer, geborene Ziegler aus Halle, Gattin eines ausgezeichneten Arztes, die auf ihrer Durchreise nach Hamburg, allwo sich ihr Gatte vor wenigen Wochen angesiedelt, einige Tage in Leipzig verweilte. Man rühmte von den Gedichten der Unzerin, daß sie sich durch ungezwungene Munterkeit auszeichneten, und nannte sie eine Schülerin der Volkmann. Was aber die Gottschedin für diese liebliche Frau zur Stelle einnahm, war der Ruf einer zärtlichen Gattin und Mutter, der ihr vorausging. Die Volkmann selbst konnte nicht müde werden, die beiden Frauen einander gegenseitig anzupreisen, wobei sie nicht verfehlte bald die Eine, bald die Andere heftig zu umarmen. Dann flüsterte sie der Gottschedin zu: »setzt Euch zu mir oder der kleinen Unzerin, und überlaßt den jungen Weiße der Zieglerin, sie ist nämlich inihn verliebt und er könnte doch beinahe ihr Enkel sein. Den Lessing setzen wir dann zur Augsburgerin. Das wäre zum Todtlachen!« – Damit schlüpfte sie fort und dem eben eintretenden Gellert entgegen, dem sie, ehe er sich dessen versah, einen Kuß auf die Wange gedrückt. – Dicht hinter ihm erschienen nun auch die jungen Studenten Ephraim Lessing und Christian Weiße. – Letzterer war seines sanften feinen Gesichts und seiner anmuthigen Manieren wegen von den Frauen sehr gern gesehen. Den Andern kannten nur Wenige, und diese Wenigen fanden seinen Blick zu stolz, sein Haar zu fliegend, seinen Gang zu kühn, seinen Anzug zu nachlässig, und insbesondere seine Redeweise, für einen jungen Studenten der Theologie, viel zu keck und frei. Während Christian Weiße nun Reihe um die Hände küßte, und Lessing hinter den Stuhl der Hauswirthin trat, huschte die Volkmann an ihn heran, zupfte ihn am Ohr und flüsterte ihm die Frage zu, wie ihm die Gottschedin gefalle. Ein flüchtiges Erröthen war die einzige Antwort des jungen Mannes, was ihm ein helles Gelächter der boshaften Dichterin eintrug. Als sie aber sich von ihm wandte, nahm er, nachdem er einige Worte mit dem Hausherrn gewechselt und alle Anwesendenmit einer stummen Verneigung begrüßt, hinter dem Stuhl der kleine Doctorsfrau aus Halle Platz, allwo er den ganzen Abend hindurch verblieb. – Warum hätte er ihn auch verlassen sollen? – Das reizende Bild, dessen Anblick er von seinem versteckten Sitze aus so ungestört genießen durfte, würde ihm ja dann entzogen worden sein, und welch reichen Stoff zum Denken und Träumen gab eben dies Bildchen, ein Frauenköpfchen auf dunklem Grunde. Von dem tiefbraunen Grunde eines Rockes, den der hochberühmte Professor der Dichtkunst, Logik und Moral, Christian Fürchtegott Gellert, trug, hob sich nämlich ein feines Frauenprofil ab. Die Linien waren so edel und rein, daß sich die Augen des jungen Studenten der Theologie nicht satt daran sehen konnten. Und zuweilen regte und bewegte sich dies Bild ein klein Wenig, das Profil verschob sich und zeigte das holdseligste Antlitz mehr als zur Hälfte, der köstlich geschnittene Mund lächelte, ein Grübchen in der Wange erschien, und die Wimpern des zweiten Auges tauchten auf. Und es kamen auch Momente, wo sich der kleine Kopf Victoria Adelgundens ganz zu ihm wandte und zwei dunkelblaue Augen ihn anschauten, halb fragend, halb schüchtern freundlich grüßend. –

Der Kreis hatte sich endlich unter lebhaftem Hin- und Widerreden geordnet, und der Professor Gottsched zwischen der Zieglerin und der Knackrüggin einen etwas engen Sophaplatz gefunden. Neben der Dichterin aus Augsburg saß der junge Weiße, dann folgte die Volkmann mit dem Professor Gellert, die Gottschedin mit der Unzerin, und der junge Lessing machte den Schluß. – Man schlürfte eine Schaale dünner Chokolade, aß allerlei Backwerk dazu und schickte sich allmählich an zuzuhören. – Ja, aber wem zuerst? – Die Zieglerin sprach nämlich laut und vernehmlich den Wunsch aus, zuvor einigeihrereignen neuesten Dichtungen vortragen zu dürfen, ehe die jungen Studenten ihre Schauspiele dem Richterspruch des »edlen Kreises« zu unterwerfen begannen, und setzte mit sauersüßem Lächeln hinzu, daß sie hoffe, ihre geliebten Schwestern in Apoll würden nachher desgleichen thun. »Wir wissen gar wohl, wir armen Frauenzimmer,« sagte sie mit einem wohlstudirten Augenniederschlag und tiefem Seufzer, »daß wir nicht mehr bestehen können, so einMannvorher seine Werke zu Gehör gebracht. Die Schöpfungen der Herren der Welt gleichen ja den Palmen, dieweil wir nur armseligeGänseblümlein bringen. Ist's nicht so, meine theuren Freundinnen?«

Die Knackrüggin senkte zustimmend das Haupt, die hübsche Doctorsfrau lächelte verstohlen die Hauswirthin an, die Volkmann aber rief: »ich will Nichts wissen von Gänseblümchen, und habe auch, so ich mich erinnere, im Garten der Poesie niemalen welche gepflückt! Die Unzerin und ich suchten nur allezeit nach Veilchen!«

Einen vernichtenden Blick warf die gekrönte Dichterin auf die schalkhafte Sprecherin, dann sagte sie, zu Gottsched gewandt: »Hochverehrter Freund, sintemalen doch Bescheidenheit die höchste Zier des Weibes, mögen denn meine armen Geisteskindlein diesen Reigen eröffnen, damit – –«

»DasBestegebührend zuletzt komme, meint Ihr sicher, liebste Zieglerin?« unterbrach hier lachend die Volkmann.

Die berühmte Frau fuhr auf, aber der Professor der Logik und Metaphysik zog sie mit einer ängstlichen Geberde auf ihren Sitz zurück und flüsterte: »bleibt würdevoll und ruhig, liebwertheste Freundin. Sie liebt es nun einmal, Jedweden weidlich zu necken, und weiß doch so gut als ich, daß Ihr die berühmteste Frau der Lindenstadt seid undbleibt.« – Die Gottschedin legte erschrocken ihre Hand auf den Arm Gellerts, der aber lächelte und sagte ruhig: »Ihr müßt Euch an dergleichen gewöhnen, schönste Frau, sie sind nun einmal Alle so unter einander und mit einander. Sie fahren sich aber dabei doch nimmer wirklich in die Haare und nennen sich trotz alledem gute Freunde.«

Und die Zieglerin zog geräuschvoll eine dicke Rolle beschriebener Blätter aus der Tiefe ihrer Kleidertasche und las, ohne viel zu wählen, mit erhobener Stimme, wie folgt:

»Auf ein paar schöne Augen.«

»Hört zu, Christian Weiße!« schaltete noch die Volkmann schnell ein.

»Wessen Augen habt Ihr dabei im Sinne gehabt, theuerste Zieglerin?« fragte die Volkmann sehr freundlich.

»Welche anders als dieEuren, geliebte Freundin!« lautete die höhnische Antwort.

»Ich danke Euch, und werde dagegen zum Beweis meiner Erkenntlichkeit Eure Rosenwangen und Perlenzähne besingen.«

»Habt Ihr noch ein so fürtreffliches Gedicht für unsere verzückten Ohren?« fragte da Gottsched rasch, denn die fast zahnlose Dichterin erglühte unter ihrer Schminke vor Wuth. Wie ein Balsamtropfen fielen aber diese Worte in die Wogen ihres Zorns, und sie las und las die verschiedensten ihrer größern und kleinern Dichtungen hastig und bunt durcheinander, wie z. B. »Das Bild eines wahren Christen,« und gleich darauf »die Unterkehle Celindens,« und die »höhnische Lisette« wobei sie während der Schlußstrophe:

einen bedeutsamen Blick auf ihre Lieblingsschwester in Apoll zu werfen nicht ermangelte, den die Volkmann jedoch mit dem zärtlichsten Nicken erwiderte. Auch die »Grabschrift eines Verliebten« trug die Unermüdliche vor, welche folgendermaßen lautete:

Als hierauf Gellert doch leise an die verrinnende Zeit zu mahnen wagte, las die berühmte Frau noch schnell ein Lied auf die »garstige Lorette«, einige »zufällige Gedanken über einen Mopsen«, ein geistlich Lied, und schloß dann mit den Strophen:

»Herrlich!« rief die Volkmann, klatschte in die Hände und sprang auf, um die Zieglerin zu umarmen, »man könnte euch allein schon lieben um der wunderbaren treffenden Wahrhaftigkeit willen in Euren meisterlichen Gedichten, Höchstverehrte! Aber nach Euch wage ich nicht in meine Leier zu greifen! Aber ich habe einige Kleinigkeiten unserer FreundinHedwig Zäunemannaus Erfurt mitgebracht, die, wie Ihr Alle wohl vernommen, vor vier Jahren, bei Arnstadt von einem Brückenstege fallend, eines kläglichen Wassertodes gestorben. Sie hat mir noch wenig Tage vor ihrem unerwarteten Sterben damals ein anmuthig Verslein über unsere Stadt Leipzig eingesandt, allwo sie sooft glückliche Tage verlebt, und das folgendermaßen lautet:

Ein ander Gedichtlein von ihr greift die Männer an, meine Freunde, und liest sich auch recht gut. Hört nur!

Ein heiteres Wortgespräch entspann sich nach diesem Madrigal, worin sich insbesondere Gottsched selber und die Volkmann hervorthaten. Aber die Zieglerin gönnte ihrer freundlichen Feindin nicht lange das Vergnügen die Gesellschaft durch ihrenWitz zu belustigen, und unterbrach die Debatte mit der dringenden Bitte: die theuerste Teuberin, verwitwete Knackrüggin, möge der Versammlung nun auch einige Proben ihrer herrlichen Kunst ablegen. Die würdige Matrone ließ sich auch nicht allzulange bitten, obgleich sie zuerst behauptete, Nichts bei sich zu haben. Der geschwollene Arbeitsbeutel aber bewies genugsam, daß sie auf den Fall, die »lieben Freunde zu erlustiren mit den Spielen ihres schwachen Geistes« vorbereitet war, und selbiger wurde denn auch mit manchem Scherzwort ausgeleert. Es kamen da allerlei unschuldige Betrachtungen hervor, wie zum Beispiel: »Gedanken bei des Sohnes erster Predigt,« »beim Gesindemiethen,« »beim Aderlassen,« »bei der Wäsche,« »Gedichte auf einen Donnerschlag,« »auf den Tod meines Gatten,« »auf die Tugend der Weiber,« mit welchem Verse sie auch endlich ihre gewaltig lange Vorlesung zu allgemeiner Zufriedenheit, folgendermaßen beschloß:

Es war spät geworden unter all diesem Lesen und Reden, und Christian Felix Weiße mußte nun sein Schauspiel: »Die Matrone zu Ephesus« ziemlich rasch lesen, was indessen nicht dazu beitrug das Stück sonderlich zu heben. Dabei hatte sich die Zieglerin obendrein dicht neben ihn gesetzt und schaute mit in das Manuscript. Gar häufig unterbrach sie den Lesenden durch allerlei Ausrufungen und Bemerkungen. Trotzdem sprachen sich Alle zu Gunsten des Stückes aus, als Weiße endlich zum Schluß gelangt war, und tief aufathmend, mit glühenden Wangen, sein Manuscript zusammenrollte. Die gekrönte Poetin aber nahm es ihm ab, las einzelne Stellen mit lauter pathetischer Stimme noch einmal, strich dann mit einem gewaltigen Bleistift, den sie allezeit bei sich führte, einige Worte, auch wohl ganze Sätze, schob dafür andere ein, und äußerte endlich mit vornehmer Herablassung, daß sie selbst sich bei der Neuberin verwenden werde: das Stück solle und müsse aufgeführt werden. »Mein herrlicher Freund und Gönner Gottsched steht jetzund mit dem anmaßenden Weibe nicht sonderlich, sonst würde ich nicht von meiner armen Fürsprache geredet haben,« sagte sie, »die Theaterdirectorin hat sich, wie Jedermann weiß, allzu frech benommen gegen den berühmtestenMann Leipzigs. Sie wagte es, einem »Cato« Gesetze vorzuschreiben über den Bau und Inhalt der aufzuführenden Stücke, und sogar schnöde Verspottung mußte unser Gefeierter von ihr erleben – –«

»Reden wir nicht davon,« unterbrach sie der Professor der Logik und Metaphysik mit einem Ausdruck von Verlegenheit und Aerger; »ich liebe das nicht!«

Während der letzten Verhandlungen und Besprechungen hatte die schöne Hauswirthin öfters gedankenvoll zu dem jungen Lessing hinübergeblickt, und zwei blaue und zwei dunkle Augen begegneten sich in mancher stummen Frage. Je länger und öfter Victoria Adelgunde das Gesicht des Studenten betrachtete, der nun seine Schöpfung diesem wunderlichen Kreise enthüllen sollte, je anziehender erschien ihr dasselbe. Es war ihr zu Muth, als sie diese klare, herrliche Stirn, ein Eiland des Friedens und der Wahrheit, betrachtete, als könne und dürfe sie sich dorthin flüchten mit ihren Augen und Gedanken aus diesem, für sie so unerquicklichen, Gewirr und Geschwätz. – Ihr eigner Gatte kam ihr so fremd und verwandelt vor in dieser Umgebung, und vor den Frauen empfand sie mehr als Furcht, die heftigste Abneigung.Nur zu der kleinen bescheidenen Doctorsfrau fühlte sie sich hingezogen. – Der Gedanke aber, der junge Lessing sollehierin diesem Kreise lesen, wurde ihr plötzlich unerträglich, und die Vorstellung, die Zieglerin werde auchseinManuscript, wie das des jungen Weiße, mit jenem dicken Bleistift bearbeiten, trieb ihr das Blut in die Wangen. Je länger sie darüber nachsann, je unmöglicher erschien es ihr, daß er seine DichtungdieserKritik unterwerfe. Ein seltsames Angstgefühl kam über sie, wenn sie sich seine weiche Stimme dachte, – die sie zwar nur einmal vernommen deren Ton sie aber nicht vergessen, – wie sie untertauchte in dem Geschwirr dieser scharfen Frauenstimmen. Sie hörte schon im Geiste wie sie über ihn herfielen, schon an dem Titel seines Werkes mäkelten, in jede Scene witzelnd oder tadelnd hineinredeten, um ihn am Ende zu zwingen sich unter den Schutz der Zieglerin zu stellen, die dann bei der Neuberin für ihn zu betteln versprechen würde. – Das sollte, das durfte aber nimmermehr geschehn! – Ein wunderlicher Entschluß stand in ihrer Seele auf. Sie wollte verhindern daß er las, selbst auf die Gefahr hin daß er sie für eine alberne, launenhafte Frau hielt. Um jeden Preis wollte und mußte sie ihm zahlloseKränkungen und Nadelstiche ersparen. Aber alle diese Gedanken, Empfindungen und Vorsätze erregten sie fast fieberisch, und die Farbe wechselte so jäh auf ihren Wangen daß Gottsched plötzlich in besorgtem Tone fragte: ob sie sich unpaß befinde. Mit einem schwachen Lächeln schüttelte sie den Kopf, und beruhigt wandte sich nun der berühmte Gelehrte zu dem Studenten Lessing und sagte: »so mögt Ihr lesen, junger Freund!«

Da aber erhob sich plötzlich die sonst so schüchterne Hauswirthin und antwortete statt des Angeredeten mit fester Stimme: »Ich bitte, daß Herr Lessingnichtlese, – – mein Kopf thut mir sehr weh, und der Abendimbiß verdirbt, da es schon gewaltig spät geworden.« – Eine glühende Purpurröthe folgte dieser ersten Lüge, die diese Lippen ausgesprochen. Man blickte einander theils verwundert, theils spöttisch an. Wie konnte man an solche Dinge denken, und gar von ihnen reden bei solchen Genüssen?! Wieder ein Beweis, wie erbarmungswürdig tief doch die Gottschedin stand. – Die Unzer und Gellert allein fanden einige Worte des Mitleidens, dann aber schlossen auch sie sich den Andern an, die näher zusammenrückend sich wiederum in ein Gespräch über die »Matrone von Ephesus« vertieften.Ephraim Lessing hatte sich während dessen langsam erhoben und trat jetzt zu der jungen Frau. Seine Stirn war lebhaft geröthet, eine feine Ader trat in der Mitten hervor, die Augen blickten finster, und um die vollen Lippen zuckte Schmerz. Das leicht gepuderte Haar mit einer heftigen Handbewegung zurück aus den Schläfen streichend, sagte er stolz: »Erlaubt, daß ich nach Hause gehe – da mein Bleiben allhier nunmehr seinen Zweck verloren.«

»Geht, wenn Ihr durchaus wollt,« antwortete die leise süße Stimme der Gottschedin, »ich mag Euch nicht zumuthen länger unter Fremden zu weilen. Aber Euer Stück müßt Ihr mir zur Aufbewahrung überlassen bis morgen Abend, wo Ihr vielleicht ein Stündchen Zeit finden werdet, es einer armen unwissenden Frau, die Euch keine Bleistiftzeichen auf die Blätter zu kritzeln versteht – sonder Störung vorzulesen. –«

Sie sah ihn ernst und doch voll milder Freundlichkeit an, als sie diese Worte sprach, und es flog plötzlich wie ein Lichtstrahl in seine Seele. – Sein Zorn war verflogen. – Er begriff und verstand wie gut sie es mit ihm gemeint, und sein Herz schwoll ihm vor Dank und Freude. –

»Nicht Morgen allein, sondern allezeit bis anmein Lebensende werde ich zu Euren Diensten sein, Gütigste der Frauen« sagte er fast leidenschaftlich – reichte ihr das Manuscript hin, küßte ihre Hand und flüsterte: »aber gehen werde ich doch – und jetzt erst recht!« verneigte sich stolz vor dem kleinen Kreise, wechselte noch einige flüchtige Worte mit Gottsched und ging. –

An jenem Abend, der mit einem frugalen Nachtmahl schloß, athmete die Gottschedin erst erleichtert auf, als der letzte Gast das Zimmer verlassen. Dann fiel sie ihrem Manne um den Hals und rief: »Thut mit mir was Ihr wollt, herzliebster Ehegemahl, Ihr dürft es ja auch, denn Euch ist die Macht gegeben über meinen Leib wie über meine Seele, – aber versucht nur nimmermehr eine Zieglerin aus mir zu machen!« – –

Als am andern Morgen, – an demselben Abend wagte sie's doch nicht recht, – Victoria Adelgunde ihrem Gatten ihre kleine List in Betreff des Studenten Lessing beichtete und ihn bat, mit ihr zu Gericht zu sitzen über das Werk ihres Schützlings, lachte der Professor, streichelte ihr die Wangen undsagte: »Ihr seid allzu mitleidig mit dergleichen Burschen, und werdet keinen Dank davon haben. Das Stück mag er Euch getrostalleinvorlesen, – ich habe es bereits durchgeblättert und dann – – dünkt mich, wolle sich's nicht recht schicken, wenn ein Professor als Zuhörer vor einem Studiosen sitze. –«

Am nächsten Abend sah es behaglicher aus in der Wohnstube der Gottschedin als am verflossenen. Es brannte zwar nur eine einfache Kerze, und auf dem Tische war kein Damasttuch ausgebreitet, sondern das Klöppelkissen lag darauf und davor saß eine heiter blickende Frau im Hauskleide, das gepuderte Köpfchen über die zierliche Arbeit der schlanken Finger geneigt. Gegenüber aber hatte der Student Ephraim Lessing Platz genommen, und las sein Schauspiel: Der junge Gelehrte. –

Der Vogel im Käfig schlief, der kleine Hund Gottsched's lag am Ofen und regte sich nicht, nur dann und wann, wenn vielleicht der Leser seine Stimme ungewöhnlich erhoben, blinzelte er schlaftrunken mit den Augen. Der Asternstrauß, den gestern kein Mensch recht angeschaut, stand heutemitten auf dem Tische im Kerzenlicht und glühte und leuchtete wunderbar, und die Blumen schienen sich zu regen, wie vom Winde geschaukelt. – Die schönsten Lichter und Schatten aber spielten auf dem Frauenantlitz dicht vor dem jugendlichen Lector, der heute so schlecht las wie noch nie in seinem Leben. Das war ein Blitzen und Gaukeln auf dieser mädchenhaften Stirn, auf diesen rosigen Wangen, in dem Grübchen am Kinn, auf Hals und Schultern, und dazu das rasche Spiel der Finger mit den zahllosen Klöppeln. Und wenn gar die Augen langsam aufblickten und auf den Leser sich richteten, und die Hände lässig in den Schooß sanken, weil Victoria Adelgunde das Arbeiten vergaß beim eifrigen Hören, – dann schien das Manuscript gar zu schwer zu entziffern, denn der junge Student gerieth aus einem Stocken in's andere. – Seine Zuhörerin mußte endlich laut darüber lachen, und wie lieblich lachte sie, und da konnte er nicht anders als ein Weilchen mitlachen. – Als das Stück endlich aus war, – der Poet dankte sich selber im Stillen zu tausend Malen, daß er's nicht länger denn zu drei Aufzügen gemacht, geriethen die Beiden unvermerkt so recht in's trauliche Plaudern. Lessing vertraute vor allen Dingen derjungen Frau sein innigstes Wünschen und Hoffen: daß nämlich die Theaterdirectorin Caroline Neuberin sich geneigt finden lassen möchte, dieses sein Lustspiel aufzuführen, und klagte ihr seine Sorge, daß die so vielfach Bestürmte wohl schwerlich das Erstlingswerk eines Studenten ohne gewichtige Empfehlung einstudiren lassen werde. Victoria Adelgunde versuchte ihn hierüber zu trösten, und sie redeten lange hin und her, auch über die bedauerlichen Zerwürfnisse zwischen Gottsched und der Neuberin. Der berühmte Mann hatte nämlich die volle Schale seines Zorns ausgegossen über die einstige Freundin, weil diese sich geweigert, ein Stück nach seiner Bearbeitung aufführen zu lassen. Gottsched war, in Folge dieser Weigerung, die Veranlassung gewesen daß sich eine zweite Truppe, die Schönemann'sche Theatergesellschaft, in Leipzig niederließ, die dann auch die Truppe der Neuberin bald vertrieb. Die energische Frau kehrte jedoch nach mancherlei Irrfahrten im Jahre 1744 nach Leipzig zurück, sprengte durch ihre reizenden Schauspielerinnen, die Lorenz und die Kleefelder, und die ausgezeichneten männlichen Mitglieder ihrer Gesellschaft, wie z. B. Koch und Heydrich, die Schönemann'sche Bande, und eine ihrer ersten Thaten war nun, ihren frühern Freund und Gönner,den Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, von der Bühne herab als Zerrbild dem allgemeinen Gelächter Preis zu geben. – Nun war an keine Aussöhnung mehr zu denken, so sehr sich auch die Neuberin, ihre Uebereilung bereuend, gar bald mühte den Schwerbeleidigten wieder gut zu machen. Gottsched verbot seiner Frau das Theater zu besuchen, und die ganze Stadt theilte sich in zwei Partheien, die Anhänger der Neuberin und die Gottsched's. Die Parthei der Theaterdirectorin war jedoch unbestritten die Stärkste, denn sie hatte, wenn sie wollte, die Lacher auf ihrer Seite. Victoria Adelgunde hatte sich alle Mühe gegeben, ihren Gatten milder zu stimmen gegen die verdienstvolle Frau, deren rasches entschlossenes Wesen, und große Wärme und Lebendigkeit, sie gar mächtig angezogen, – allein vergebens. Oft war sie sogar mit dem Vorsatz ausgegangen der Neuberin zu begegnen, um sie zu bitten, noch einmal dem Gekränkten ein reuevolles Wort zu sagen, aber seltsamer Weise war es ihr nie gelungen der Ersehnten habhaft zu werden. Die Neuberin zeigte sich auch selten allein, immer nahm sie ihre jungen Schauspielerinnen unter ihre Flügel, für deren Wohlergehn und guten Ruf sie in jeder Art wahrhaft mütterlich sorgte. – DieGottschedin war dann bei ihrem Herannahen allezeit schüchtern zur Seite getreten und hatte es bei einem verstohlenen Gruß bewenden lassen, statt sie anzureden. Die Zieglerin ließ es sich dagegen bei jeder Gelegenheit angelegen sein, den Professor noch mehr gegen die Neuberin aufzubringen, da ihr die Freundschaft des berühmten Gelehrten mit dieser Frau von allem Anfang an ein wahrer Dorn im Auge gewesen. –

Von all diesen Dingen redete nun Victoria Adelgunde mit dem jungen Studenten, – und die Zeit flog mit solcher Windeseile über ihre beiden Häupter hinweg, daß die junge Frau erstaunt aufblickte als Gottsched eintrat und nach dem Nachtessen verlangte.

»Habt Ihr die Zieglerin, die Ihr besuchen wolltet, nicht daheim getroffen?« fragte sie.

Er lächelte und antwortete: »volle vier Stunden habe ich ihres Umgangs genossen, von 5 Uhr bis 9 Uhr, und ich freue mich von Herzen, daß der Studiosus Lessing Euch in dieser Zeit so wohl unterhalten. Er muß aber nun dafür auch die Abendsuppe mit uns essen!«

Aber Ephraim Lessing dankte. Es war ihm zu Sinn als hätten die Götter eigenhändig ihn mit Necktar und Ambrosia gespeist, – wie sollteihm da irdische Kost munden? Auch konnte und wollte er sich den Suppenlöffel nicht in einer gewissen kleinen Hand denken, die ihm nur dazu geschaffen schien, Lorbeern und Rosen zu vertheilen, oder allenfalls beim Vorlesen mit schlanken Fingern Spitzen zu klöppeln. – Er stürzte also nach einigen wunderlichen Entschuldigungen fort, nachdem ihn Gottsched noch ungewöhnlich freundlich aufgefordert bisweilen des Abends seiner Frau ein Stündlein zu vertreiben durch erbauliche Lectüre, dieweiler»leider« mit seinen alten Freundinnen nicht brechen dürfe, sondern sie nach wie vor besuchen müsse. –

Während des Nachtessens fragte der berühmte Mann seine schöne Lebensgefährtin: »was haltet Ihr denn eigentlich von dem jungen Studenten und seinem Stück? Meint Ihr daß Beide etwas taugen?« –

»Das Stück verdient daß es die Neuberin aufführe,« antwortete sie lebhaft, »und ich gäbe viel darum wenn ich's zu Wege bringen könnte!«

»Er muß sich an die Zieglerin wenden!«

»Meint Ihr daßdieAlles könnte?«

»Ja!«

»Ich meine es aber nicht! Laßt uns das abwarten! – Und was den Lessing angeht, so istmir heute nur Eines klar geworden, daß aus ihm nämlich eben so wenig einPfarrerwird, wie aus mir – eine Zieglerin!«

Seitdem kam der Student Lessing wenigstens drei Mal in der Woche in das Haus des Professors der Logik und Metaphysik, las der jungen Frau vor, oder hielt eine Zwiesprache mit ihr über Alles was sein junges Herz bewegte und seinen Feuergeist beschäftigte. Und es war eine Welt von Fragen und Zweifeln, Träumen und Gedanken, die in diesem Jünglingskopf auf und nieder wogte wie die Wellen des Meeres. Da that es denn wohl Noth, daß solch eine Meerfey am Ufer saß und mit ihrer weißen Hand die wild rauschenden Wasser glättete, und zuweilen ein Zaubersprüchlein murmelte wenn es gar zu ungestüm hin und her und auf und nieder wallte. Und doch zögerte sie zuweilen jenes Wort zu sprechen, denn es dünkte sie gar wunderbar herrlich diesem Auf- und Abwogen zuzuschauen, und dem Gesang der Sturmgeister zu lauschen. So seltsam und erhaben klangen die Melodien, daß die Meerfey darein schaute mit schwimmenden Augen, und ein Entzücken empfand wienoch nie zuvor. – Zuweilen war es ihr als müsse es eine Seligkeit sein, sich in diese brausenden Wellen zu stürzen, sich heben und tragen zu lassen, mit zu kämpfen und mit zu ringen, wie dies junge Herz, diese mächtige Seele da vor ihr, – wie dieser Geist, dessen künftige Größe sie ahnend im Voraus empfand. – Die engen Schranken ihrer eignen Gedankenwelt stürzten gar bald zusammen, in diesem Verkehr mit dem seltsamen jungen Studenten, sie gewöhnte sich unvermerkt weit und immer weiter auszuschauen, die Augen thaten ihr Anfangs weh dabei, aber sie hob sie immer und immer wieder, und lernte allmählich die Fülle des Lichts ertragen, die sie überströmte. – Sie verlor auch nach und nach ihre mädchenhafte Schüchternheit ihrem neuen Freunde gegenüber, wagte einen Gedanken auszusprechen, urtheilte, vertheidigte und unterwarf sich. – Gottsched erstaunte oft, im Zusammensein mit seiner Frau überraschende Blitze freiesten Denkens und Empfindens an ihr wahrzunehmen. Victoria Adelgunde fing sogar, zu seiner großen Freude, an in Gegenwart anderer Männer, erröthend zwar, und in reizend weiblicher Weise, aber doch bestimmt und klar ihreignenAnsichten darzulegen. Ihr Gatte vermochte sein Entzücken darüber kaum zu bergen,und mit echt männlicher Eitelkeit schrieb er sich allein und seinem Einfluß diese wunderbare Wandlung zu. Wie hätte er auch ahnen können, der berühmte Mann, daß in jenen stillen Abendstunden, in denen sich seine Gattin mit dem »wunderlichen« Studenten aus Kamenz, aus »purer Gutherzigkeit« ohne Zweifel gewaltig »langweilte«, jene Blüthen getrieben wurden, deren Duft ihn jetzt berauschte. –

Und der junge Student selber? – Nun der lag unter einem Blüthenbaum, und neben ihm saß die Göttin Poesie selber, und streute Blumen auf ihn herab und flüsterte: »laß dich begraben Träumer!« – Aber das Grab war nur eine durchsichtige Blumendecke, – und darüber hing der blaue Himmel zweier wunderschönen Frauenaugen. – –

Dem Ephraim Lessing waren, seit er die Fürstenschule zu Meißen verlassen, – allwo schon seine große Selbstständigkeit in seinen Studien und Arbeiten kein geringers Aegerniß erregt, – und die Universität zu Leipzig bezogen, erst wenige Frauen begegnet, mit denen er länger denn fünf Minuten geredet. – Als Student der Theologie eingeschrieben, mit nur unbedeutenden Empfehlungsbriefen versehen, war er in wenigen Häusern und Familien bekannt geworden. Seine Neigung zu den Wissenschaften,zu den alten Sprachen, der Mathematik und Dichtkunst, gab ihm hinlängliche Beschäftigung in seinen Freistunden und bannte ihn in sein Stübchen, er las und schrieb viel, und beschäftigte sich überhaupt unablässig – nur nicht mit dem Studium der Theologie. Die zärtliche Freundschaft, die er mit dem weichen und – liebenswürdigen Christian Felix Weiße schloß, ließ ihn gar keinen andern Umgang vermissen. Das sogenannte schöne Geschlecht war ihm daher ziemlich gleichgültig geblieben, höchstens daß er einmal einem hübschen Mägdlein, das hinter Rosmarin und Rosen am Fenster hervorlugte, eine Kußhand zugeworfen, einem frischen Bürgerkinde die Wange gestreichelt, oder unter dem Fenster einer niedlichen Schauspielerin einige Male zerstreut auf und nieder gegangen war. – Jetzt befand er sich aber zum ersten Mal in einem zwanglosen Verkehr mit einer Frau der höhern Stände, und zwar mit einer eben so schönen als fein gebildeten Frau, die bei all ihrer, von ihm sehr bald erkannten, geistigen hohen Bedeutsamkeit, doch ihren höchsten Ruhm nur darin zu suchen schien, eine tüchtige Hausfrau und zärtliche Gattin zu sein.

Der Zauber ihres ganzen Wesens umspann ihn wie mit einem goldenen Netze, und jener eineAbend hatte ihn plötzlich in eine Sphäre getragen in der er noch nie geathmet, in der zu leben ihm aber wunderbar süß däuchte. Es war ihm zu Muthe wie einem Falter, der nach langem Umherflattern, zum ersten Mal, einer kaum erblühten Rose in den Schooß taumelt. – –

Gotthold Ephraim Lessing war in kurzer Zeit ein täglicher Gast geworden im Gottsched'schen Hause und Gottsched selber fand Gefallen an dem Jüngling, ließ sich wohl auch zu Zeiten herab längere philosophische Gespräche mit ihm zu führen, wunderte sich im Stillen über den Feuergeist, schüttelte aber dennoch den Kopf über die »freigeisterischen Gedanken« des jungen Burschen. Was nun Lessing's wiederholte dichterische Versuche betraf, so schenkte er diesen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit, und verwies ihn mit dergleichen »Kinderspielen« an seine Frau, indem er dieser jedoch wiederholt versicherte, daß in dem Felix Weiße ein ungleich größerer Dichter stecke denn in dem Studenten aus Kamenz. –

Mittlerweile aber erblühten unter dem Sonnenschein der schönen Augen Victoria Adelgunden's langsam und farbenfrisch dieAnakreontischenGedichte Lessing's, und zu ihren Füßen legte er diese reizenden Blumen nieder. –

Da geschah es aber eines Tages daß die junge Frau ihren Schützling bat ihr ein wenig im Latein fortzuhelfen, das sie bereits bei ihrem Vater in Danzig begonnen, – – die Anakreontischen Gedichte hatten sie plötzlich in eine seltsame Unruhe gebracht. – Mit großem Eifer erbot sich der junge Dichter zu dieser anmuthigen Arbeit, und dieser Eifer verdoppelte sich als Victoria Adelgunde den schüchternen Wunsch aussprach, diese Lehrstunden einstweilen vor Jedermann geheim zu halten. »Mein eigner Gatte soll nicht eher ein Wort von diesem Unterricht erfahren als bis ich meinem geduldigen Lehrmeister Ehre bringe« sagte sie lieblich lächelnd. –

Die Vorlesungen hörten also nun auf und ernste Lehrstunden nahmen ihren Anfang, die junge Frau athmete erleichtert – sie wußte aber doch nicht recht was sich ihr so schwer auf das Herz gelegt. – Es war ein anmuthiges Bild diesen Lehrer und diese Lernende einander gegenüber zu sehen. Er, dessen Kopf mit der Imperatorstirn und den Feueraugen einen mächtigen Eindruck auf Jedweden machen mußte, der ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete, sprach möglichst ruhig im belehrenden Ton, aber mit einem reizenden Schimmervon Glück um den Mund, zu jener Frau die bald schreibend, bald lesend, bald unter mädchenhaftem Erröthen irgend eine Frage beantwortend, sich nun seine Schülerin nannte. –

Victoria Adelgunde war ungewöhnlich lieblich. Ihre Züge waren so fein, ihre Gestalt von vollendeten Formen, ihr Lächeln bezaubernd, ihre Farben rosenfrisch und ihre Augen von wunderbarem Glanz und Ausdruck. – Armer Falter! – – Die junge Frau machte aber auch erstaunenswerthe Fortschritte, und nach kaum einem halben Jahre fing sie bei ihrem jugendlichen Lehrmeister das Griechische an, das sie ebenfalls mit großer Leichtigkeit faßte. Sie äußerte wiederholt ihre Freude bei dem Gedanken, ihren Gatten eines Tages mit dieser neuerworbenen Wissensfülle zu überraschen, ihn die Ode der Zieglerin vergessen zu machen, und lernte in dieser Hoffnung mit immer regerem Eifer, nur zu tausend Malen die Kürze der Zeit beklagend. – Da war es denn Ephraim Lessing selber der einstmals den Vorschlag machte, seine Schülerin möge, um die Zeit außer den festgesetzten Lehrstunden möglichst zu nutzen, lateinische Uebungsbriefe an ihn richten, die er dann am andern Tage wohlcorrigirt und mit allerlei belehrenden Randglossen versehn, ihr wiedereinzuhändigen versprach. – Victoria Adelgunde ging nach kurzem Zögern auch wirklich auf jenen nützlichen Vorschlag ein, und so nahm denn an jedem Abend der junge Student ein zierlich beschriebenes, und wohl adressirtes Blättchen mit heim, und legte es in der nächsten Lehrstunde, mit verschiedenen rothen Strichen und Bemerkungen versehn, der schönen Frau wieder vor. – Allmählich wurden der Striche weniger, aber der Blättchen mehr, – – und zuletzt gewöhnte sich Victoria Adelgunde daran, ein ausführliches Tage- und Gedankenbuch in lateinischer Sprache zu führen, das immer in die Hände ihres jungen Lehrmeisters wanderte, und – – immerseltenerin die ihren zurückkam. – Es mochten vielleicht der Fehler zu wenige darinnen sein, – oder der junge Student litt an Vergeßlichkeit und hatte versäumt jene Blätter einzustecken, – genug, die Briefe blieben bei ihm, aber ihr Inhalt wurde um so eifriger besprochen in den Lehrstunden, so eifrig, daß die junge Frau über all dem Hin- und Widerreden vergaß die Blätter zurückzufordern. –

In jedem Menschenleben giebt es eine Zeit, – oft ist's nur eine Stunde, – oft ein Tag – ein Monat – wo das Herz jene leidenschaftliche BitteJosua's nachstammelt: »o Sonne stehe still!« – Aber sie steht nicht still bei unserm Ruf sie eilt unaufhaltsam weiter – – und wenn wir im tiefsten Herzen dies Gebet kaum ausgesprochen – – – dann ist schon Mittag vorüber und – – es will Abend werden. –

Als die zweite Hälfte des Jahres zu Ende gegangen und der Herbst schon dem Winter Platz zu machen sich anschickte, da sann die Gottschedin allen Ernstes darüber nach, welche Freude sie wohl ihrem Lehrmeister bereiten könne zum heiligen Weihnachtsfeste. Und sie sann so viel, daß sie bisweilen in den Lehrstunden gar sehr zerstreut erschien, und somit den jungen Dichter oft genug aus der Fassung brachte. – Noch mehr als ihr verändertes Wesen beunruhigte ihn jedoch ihre Bitte, ihr einmal seinen Freund und Stubengenossen, Felix Weiße, herzusenden, und so zärtlich Lessing jenen treuen Gefährten liebte, so durchzuckte ihn doch ein bis zur Stunde nie gekanntes Gefühl des Neides und der Eifersucht, als er den Jüngling baldalleinzu seiner Schülerin gehen sah. – Seit jenem Besuche Weiße's schien auch die Zerstreutheit seiner Schülerin sichtlich zuzunehmen, das glaubte wenigstens Lessing zu bemerken, und gerieth deshalb in nicht geringe Aufregung. Inden lateinischen Uebungsblättern fanden sich bald Lücken vor, der Ton wurde unruhiger, die Gedanken springender. Kein Zweifel mehr: sie hatte ein Geheimniß vor ihm, – und Felix Weiße wußte um dies Geheimniß. – In der Woche vor dem Feste bat ihn Victoria Adelgunde sogar plötzlich, die Lehrstunden in den Nachmittag zu verlegen, da sie von nun an des Abends mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt sei. – Mit bedrücktem Herzen erfüllte er ihren Wunsch, – aber am Abend mußte er doch das Haus umstreifen, zu gewohnter Stunde, wie ein abgeschiedener Geist, der Sage nach, die Stätte seines einstigen Glücks umschwebt. – Und was geschah ihm da? – Allabendlich, um die siebente Stunde, öffnete sich nun – und das dauerte eine Woche lang – die Hausthür des Professor Gottsched, – und heraus trat, Ephraim Lessing glaubte zu träumen, seine Schülerin selbst, gestützt auf den Arm Weiße's, eine Magd mit einer Laterne leuchtete dem Paare voraus. Daß sie es war, wirklich und wahrhaftig, wer hätte daran zweifeln können, – keine Frau der ganzen Stadt hatte diese kleinen Füße, diese weichen reizenden Bewegungen, diesen schwebenden Gang. – Die Drei schlüpften allezeit sehr eilig im Schatten der Häuser dahin, über den Markt, dieHainstraße hinunter. Vor dem Gasthof zur Taube machte man Halt – pochte an die Thür, die sich dann sofort öffnete und das Kleeblatt einließ. – Lessing blieb zum ersten Mal wie versteinert stehn. – Allda wohnte ja die Neuberin! – Was konnte die Ehefrau Gottsched's zu seiner Feindin führen? – Und noch dazu in Begleitung Weiße's, dessen Stück die Zieglerin bei der Theaterdirectorin nicht hatte anbringen können?! – Wollte seine Schülerin etwa ein gutes Wort einlegen für die »Matrone zu Ephesus?« Warum hätte sie da nicht eben so gut sich für den »jungen Gelehrten« verwenden können, den bittend zu der Neuberin zu bringen der Dichter selber zu stolz gewesen, und der somit ruhig daheim im Pulte schlummerte. – Wunderliche Gedanken und Empfindungen bewegten den Wartenden, der kaum merkte, daß er wohl zwei Stunden draußen stand in grimmer Winterkälte. – Er verspürte damals eine ganz absonderliche Lust, irgend einen Jemand aus der Welt zu schaffen, aber er war noch nicht mit sich einig, ob den Weiße, die Gottschedin oder – die leuchtende Magd. Dabei wunderte er sich über die ausnehmend heiße Witterung, die ihm den Schweiß auf die Stirne trieb, – und nahm zuweilen eine Hand voll Schnee, um sich zu kühlen. – Als das Kleeblatt endlichwieder erschien, besann er sich jedoch so lange, auf wen er losstürzen solle, bis die Gottschedin mit ihrer Dienerin in ihrem Hause verschwunden, und ihr junger Begleiter sich mit einem äußerst devoten Kratzfuß von ihr verabschiedet. – Wie ein Balsamtropfen fiel aber ihr gleichgültiges: »Gute Nacht, werthester Herr Studiosus – auf Morgen denn –« um dieselbe Zeit in die erregte Seele des Lauschers, und er gewann es in Folge dessen über sich, ruhig nach Hause zu wandern, sich schlafen zu legen wie ein gewöhnlicher Mensch, um wieder – von seiner Schülerin zu träumen wie – er allezeit wachend und schlafend von ihr träumte.

Am nächsten Tage schaute er sie aber doch zuweilen seltsam forschend an, als er ihr wieder als ernster Lehrmeister gegenüber saß, – und wenn sie auch ihre Aufgabe ohne Stocken herzusagen wußte, und einen Akt aus den Trauerspielen des Aeschylos fließend übersetzte, so riefen diese Blicke doch ein Erröthen hervor auf ihren Wangen, und ihre Hand zitterte ein Wenig, als sie ihm die lateinischen Tageblätter gab. – –

»O Sonne stehe still!« – –

Es hatten sich aber mittlerweile gar böse Augen auf das junge Paar gerichtet, das da alltäglich bei einander war, und jene schlimmen Zungen begannen allmählichzu zischeln, von denen es in jenem alten Volksliede heißt:

Solche Zungen waren es nun, die ungehindert allerlei Uebles redeten von der Gottschedin und dem jungen Studenten. Wie durften auch eine schöne Frau und ein geistvoller feuriger Mannungestraftmit einander verkehren? Solcher Verkehr allein war schon eine himmelschreiende Sünde wider – jene häßlichen Schwestern, mit denen ebenkeinjunger geistvoller Mann verkehrte. – Und der arglose Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, erfuhr bald genug von den dünnen Lippen seiner Freundin Marianne Zieglerin, gebotene Romanus, eines Tages gar arge Dinge, – so arg, daß er urplötzlich auffuhr wie von einer Tarantel gestochen, und nach Hut und Stock griff, um spornstreichs nach Hause zu laufen, und zur Stelle die Wahrheit zu erforschen aus dem Munde der geliebten Treulosen selber. – Solches geschah am 22. December in der sechsten Stunde. Es war Licht in dem Stübchen der Frau Victoria Adelgunde, – – Gottsched schlich leise in's Haus und trat an die Thür der Wohnstube. Mit zitternder Hand schob er die Gardine vor dem kleinenrunden Fensterchen in der Thür zurück und schaute in's Zimmer. Da sah er denn die Beiden sitzen, die Lehrstunde sollte just geschlossen werden. Seine Frau las noch mit lauter Stimme. – Es war aber Latein, was sie las, – es waren Verse, – es war wahrhaftig eine Ode! – Und in welchem reinen Latein, – und wie correct las sie. Und die Ode, – – es schwindelte ihm, war anihngerichtet, er hörte deutlich seinen Namen. Sollte Victoria Adelgunde dies classische Gedicht selbst verfaßt haben?! – – Unmöglich, der Gedanke wäre gar zu schön! – Da verstummte die Leserin und er hörte nun den Studiosus Lessing sagen: »Fürtrefflich, hochgeehrteste Frau Professorin, es ist kein einziger Fehler in Eurem Gedicht!« –

Da riß der freudetrunkene Professor der Logik und Metaphysik die Thüre auf, stürzte mit dem Rufe: »habt Ihr wirklich diese lateinischen Verse gemacht?« auf die Erschrockene los und riß sie in die Arme. Und als sie halb unbewußt leise nickte, sagte er tief aufathmend mit ungewöhnlicher Hast: »Ich weiß zwar jetzt auch, daß ich Euch Nichts zu verzeihn, und daß die Zieglerin eine elende Lügnerin, aber ich gestehe Euch auch, daß ich um einerselbstgefertigtenreinenlateinischenOde Euch ganz gewaltig viel verziehn. O Victoria Adelgunde, ein schöneres Weihnachtsgeschenk hättetIhr mir nimmer machen können! – Euch aber, mein werthester Herr Lessing, danke ich zu tausend Malen, und werde Euch – hier habt Ihr meine Hand darauf – als Lehrmeister überall empfehlen, – nureineSchülerin muß ich Euch abnehmen, alldieweil ich sie nun gern selber weiter bringen möchte, und das ist diese hier, – meine geliebteste Ehefrau.« –


Back to IndexNext