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Am Frühnachmittag erreichten Mutter und Tochter Zürich. Den Hausrat Nicks stapelten sie bei einem Verwandten, einem ehrsamen Schuhmacher, auf den Dachboden. Nachher machten sie sich auf den Weg zu ihrem Vormund Bernhard Tappoli. Sie hatte ihn von ihren Kinderjahren her in angenehmer Erinnerung, den lebensfrohen Tierarzneischüler, der stets mit einem Vorrat von Feuerwerk in die Weinlese kam und es unter dem Jubel der Jugend über dem Rhein abbrannte. Doch auch ein anspruchsvoller Gast war er gewesen. Aus den Körben voll Trauben, welche die Bauern ins Pfarrhaus schenkten, hatte er die schönsten herausgenascht, den Apfelküchlein der Mutter unbescheiden zugesprochen, den Weg ins Speckkämmerlein genommen, so oft es ihm gefiel, und zum stillen Verdruß der Eltern heimlich manche verkorkte Flasche im Keller erbrochen. Ihr aber war er stets ein fröhlicher und gefälliger Kamerad gewesen. Wenn er nun an jene häufigen Besuche dachte, an so manches Geldstück, das der Vater Nicks ihm zugesteckt hatte, so mußte er sie liebreich aufnehmen, und es fiel ihm umso leichter, als er in den dazwischenliegenden Jahren durch einen Handel mit Bauland, den er neben seinem Berufe betrieb, ziemlich reich geworden war. Er wohnte in der Nähe der Eisenbahn, in einem Anwesen,in dem sich Einst und Jetzt stießen. Das schöne, alte Haus, das er sich erheiratet hatte, war umgeben von häßlichen Schuppen und Baracken.

Die Pfarrerin brachte der Familie zwei von den Honigtöpfen, die ihr gute Nachbarn zum Abschiede geschenkt hatten, und erregte damit bei Schwägerin und Tochter Freude. Das Einvernehmen dauerte bis nach dem Vieruhrkaffee, bei dem die Süßigkeit reichlich herhalten mußte. Dann kam Onkel Bernhard von einer Überlandfahrt nach Hause. »Herrgott, bist du groß und schön geworden!« rief er Nick entgegen. Er hatte aber nicht an die Empfindlichkeit seiner Tochter Babette gedacht, die, ein paar Jahre jünger als Nick, durch ein sonderbar ältliches Gesicht entstellt war. Die Eifersüchtige lief mit einem wütenden Blick auf den Vater aus der Tür, und ihre Mutter strafte ihn mit stummem Vorwurf. Er plauderte indessen unbefangen weiter und lud Nick zum Bleiben ein. Sie fühlte aber doch schon, daß sie in dieser Familie auf keinen Anhalt rechnen durfte.

Sie begleitete die Mutter, die noch an diesem Abend ins Oberland fahren wollte, auf den Bahnhof. Dort wurden sie von Dietrich, dem Studenten, erwartet. Er bat um einen Zuschuß zu seinem Taschengelde, das nach des Vaters Tode noch schmäler geworden war als zuvor. Die Pfarrerin gab ihm das letzte Entbehrliche. Was er vom Vormund sprach, war wenig ermunternd. Onkel Bernhard stecke so in Berufs- und andern Geschäften drin, daß er für die Anliegen der Verwandten keine Zeit finde; ein Geld- und Glücksjäger, besitze er von den Tappoli nur noch die liebenswürdigen äußerenFormen. Im Augenblick der Trennung wandte sich die Mutter aufschluchzend an Nick: »Ärmste! Wenn du dich nur mit deinem Schwager Ferdinand vertrügest! Er ist doch der einzige, der auch für dich ein Herz hat. Was wirst du in der Stadt Bitteres erleben! Ich darf nicht daran denken.«

Als Nick allein in die Familie Bernhards zurückkehrte, war ihr, sie trüge in sich die Schwere der ganzen Welt.

Am andern Morgen machte sie mit dem häßlichen Babettlein Einkäufe in der Altstadt. Da war sie mit dem Vater als Kind etliche Male gegangen, viele Erinnerungen erwachten, sie fühlte sich in den Gassen, Straßen und Plätzen nicht fremd, und der Blick in das Leben und Treiben hob ihren Mut. Nur die Empfindung, daß die junge Verwandte sie nicht möge, verdarb ihr die Stimmung. Sie wollte sich lieber einmal ein paar Stunden ungestört in der Stadt ergehen.

So schlenderte sie am Nachmittag allein der Limmat entlang und sah den Färbern zu, die aus schweren Kähnen vorgebeugt ihre Tücher darin wuschen. Sie kam zu dem wie ein italienischer Palast über den Fluß hinausgebauten Rathause, und bald flog ihr Blick hinüber zum Zunfthaus der Meise. Da gelüstete es sie, die Freundin Marie Junghans zu begrüßen und sie zu fragen, wie es denn ihrem Bruder Ulrich gehe. Sie wagte es nicht, ohne weiteres in die Wirtsstube hinaufzusteigen. Unschlüssig stand sie auf der Brücke, schaute bald hinab in die Wasser, auf denen sich eine Schar Möwen schaukelte, bald hinauf zum schweren Turm des Sankt Peter, an dessen Ziffernblatt die riesigen Uhrzeiger wanderten.Da kam der Dreiuhrschlag vom Turm. Ein unerwartetes Schauspiel begab sich. Die Möwen hoben sich schreiend über das Wasser empor, zogen mit scharfem Flügelschlag über Nicks Kopf nach den hellen, großen Fenstern der Meise und haschten durch die Luft geworfene Brotbrocken. Die sie fütterte, war Marie in ihrer Rafzerfeldertracht.

»Nick, Nick!« rief sie, kam auf die Straße heruntergeeilt und holte die Freundin hinauf in die große, eichengetäfelte Zunftstube. »Gerade zur rechten Zeit kommst du. Von drei bis fünf Uhr ist es bei uns immer still, nur der alte Literaturprofessor sitzt noch über seinen Kollegienheften in einer Ecke, geht aber auch bald.«

In der Tat erhob sich dort alsbald ein borstenhaariges Männchen, das die eine Schulter höher als die andere trug. Marie stellte ihm die Freundin vor. »Tappoli!« versetzte er und ließ hinter großen Brillengläsern die Augen sprühen. »Wie viel schöne Stunden habe ich mit Ihrem Vater verbracht!« Seine Blicke glitten wohlgefällig über Nick, dann aber lachte er väterlich Marie zu: »Ja, unser Rotbrüstchen haben wir lieb.« Ein herzliches Einverständnis schien zwischen dem Alten und Marie zu bestehen.

Nun war er gegangen. »Sind alle deine Gäste so lieb zu dir?« fragte Nick.

»Ich erlebe manches Schöne,« erwiderte Marie, »gerade mit dem Professor. Seine Vorträge hält er meist erst mir und nachher den Studenten. Ich habe aber auch sonst unter den Gästen gute Freunde, sie sorgen sich um mich wie um ein eigenes Kind.«

»Und bist du in einen verliebt?« forschte Nick.

»Wo denkst du hin? – Es ist mir wohl genug so.«

Ja, man sah ihr das gute Ergehen an. Gesicht und Gestalt waren fein erblüht, die ländliche Tracht ihrer Heimat, die roten Querstreifen im Mieder, die silbernen Röschen darumher und die blühweißen, gestreiften Ärmel stimmten wunderhübsch zu ihrer schlichten Erscheinung, die an die stillen Landschaften draußen erinnerte, an die Frische des Waldes, den Duft der Scholle, den Sonnenschein über den Hügeln. Kein Wunder, daß sie jedermann gefiel und daß die Gäste sie verwöhnten. Kaum eine andere Gestalt hätte in das Zunfthaus besser gepaßt als sie, wie ein Bild fügte sie sich darein und half mit, der Meise das ehrenfeste Wesen zu geben, in dem sich viele gebildete Zürcher wohlfühlten.

Die beiden Freundinnen sprachen ungestört über die kleinen Ereignisse der Heimat. Nach einiger Zögerung aber fragte Nick unsicher: »Wie geht es denn Uli?«

Ein Schatten flog über das Gesicht Maries. »Er steht immer noch in Nürnberg und befindet sich dort gut. Doch wundere ich mich über deine Frage. Du darfst es mir nicht übel nehmen: es schmerzt auch mich, daß er deinetwegen so unglücklich auf die Wanderschaft gegangen ist. Aber du konntest nicht anders, da du dein Herz schon vergeben hast, und deswegen bin ich dir über die Abweisung doch nicht böse. Er fragt in jedem Brief, wer wohl der Bevorzugte sei. Die Mutter meinte Wildholz, und so habe ich es ihm geschrieben; aber nun ist ja der Verweser auch wieder gegangen.«

Nick wußte nicht, wohin blicken vor Verlegenheit. Sienahm Maries Hand. »Dir will ich die Wahrheit bekennen. Mein Herz ist so frei wie je. Was ich Uli auf seine Werbung erwiderte, war die größte Lüge meines Lebens. Warum ich sie begangen habe, weiß ich selber nicht. Seine Erklärung kam mir wie ein Überfall. Daß ich aber noch frei bin, kannst du ihm schreiben.«

»Nein, Nick,« erwiderte Marie nachdenklich. »Wenn dir daran gelegen ist, tue du es selbst. Doch wozu? – Es sei denn, du schriebest ihm, du habest dich eines Bessern besonnen.«

Nick schwieg, seufzte und starrte vor sich hin. Da kam ein Gast, und sie verabschiedete sich.

»Wenn du Zeit hast,« bat Marie, »komm wieder zu mir.«

Die frühe Dämmerung fiel in die Stadt. Nick machte noch Besuche bei Verwandten und wurde gut aufgenommen, aber die Menschen, die so oft die Gastfreundschaft des Pfarrhofes in Eglisau genossen hatten, kümmerten sich nicht eigentlich um die Not ihres Lebens, um ihre Zukunft, sie sagten nur: »Wer wüßte dir bessern Rat als der Vetter Tierarzt?« Der ältere Onkel gab ihr ein Goldstück. Nun brannte sie das Geschenk. Wie billig ist es, sich mit etwas Geld von einer Herzenspflicht loszukaufen! Mit schweren Gedanken schritt sie wieder hinaus in das öde Quartier der Schuppen und Magazine. Sie dachte fast sehnsüchtig an Ulrich Junghans. Sonderbar! Der bescheidenen Messerschmiedsfamilie ging das Leben so blühend auf, das ihre aber verengte und verdunkelte sich mehr und mehr. Fröstelnd wandelte sie im raschelnden Nordwind. Kein sicheres Dach, keinsicheres Ziel. Sie, Nick Tappoli, die, solange der Vater gelebt, nichts von Sorgen gewußt hatte!

Am folgenden Tage gab sie dem Onkel Bernhard auf einem Geschäftsgange nach einem Bauerngehöft außerhalb der Stadt das Geleite. Sie merkte, daß sich in seiner Brust etwas wand, das er nicht gern zur Sprache brachte. Erst als sie ein gut Stück gegangen waren, begann er: »Ja, Nick, das Leben ist hart, und man kann nicht immer wie man will. Sonst würde ich dich herzlich gern im Haus behalten, schon aus Dankbarkeit für die vielen schönen Tage am Rhein. Du hast aber wohl bemerkt: das Babettlein hat Launen. Und ich kann den Frieden des Hauses nicht aufs Spiel setzen. Was nun anfangen? Du mußt selbständig werden. Mit deinen guten Umgangsformen taugst du wohl am besten als Verkäuferin. Nun habe ich deinetwegen mit meinem Freund, dem Spielwarenhändler Jean Groß an der Strehlgasse gesprochen. Er ist bereit, dich während des Weihnachtsmarktes als Aushilfe anzustellen. Es ist wenigstens eine leichte und saubere Arbeit.«

Er schwieg und wartete, was sie antworten werde. Sie ließ schweigend den Kopf sinken und ging etwas langsamer.

Da nahm er wieder das Wort: »Selbstverständlich lasse ich dich nicht im Stich. Du kannst mir, wenn du in Verlegenheit bist, stets um Geld schreiben, und ich werde es dir besorgen. Bloß dürfen Frau und Tochter nichts davon merken. Damit dich deine Schrift nicht verrät, gebe ich dir Briefumschläge mit, auf denen mein Name gedruckt ist. Dann glauben sie, es handle sich umeine geschäftliche Sache, und forschen nicht weiter nach dem Inhalt.«

»Ein so unfreier Mann bist du?« hätte Nick gerne gefragt, sie sagte aber nur: »Behüt' dich Gott, Onkel, ich gehe gleich in den Spielwarenladen.« Sie würgte das Weh der Verlassenheit, das in ihr aufsteigen wollte, hinunter, mietete sich kurz entschlossen bei einer Frau Gugolz ein und stellte sich mutig hinter den Ladentisch.

Die Krämerei, für die sie nie Neigung besessen, ging ihr leichter, als sie erwartet hatte, sie entdeckte dafür ein Talent in sich. Unter dem Besitzer aber litt sie, sowohl unter seiner Erscheinung wie seiner Art. Er wußte seine Vorteile gut zu wahren. Mit scharfem Auge überblickte er den Gang seines Geschäftes, aber es war an dem breitbrüstigen Mann etwas abstoßend Weibisches, namentlich an der zu hohen, sich oft überschlagenden Stimme. Dazu besaß er die üble Gewohnheit, die Angestellten mit »Du« anzusprechen und aus dem Namen irgendeinen Schnack zu machen. Nick hatte das Gefühl, er möge sie wohl leiden, jedesmal aber ging ihr ein Stich durch die Brust, wenn er ihr zupiepte: »Pfarrerstöchterlein, da bediene du!« Wozu das schmerzvolle Hervorheben ihrer Abkunft? Ihre Bitten waren umsonst. Er protzte mit ihr gerade vor den vornehmern Kunden. Zum Glück blieb er jeden Nachmittag bis gegen vier Uhr aus. In einer Gesellschaft, der auch Onkel Bernhard angehörte, spielte er um hohe Einsätze Karten und handelte um Häuser und Grundstücke. Sie hörte manches darüber flüstern.

Die Stunden seiner Abwesenheit waren für sie stetsdie Schönsten. Ihr rascher, höflicher Verkehr gefiel den Käufern und Käuferinnen, für die Kinder, die kamen, fand sie das rechte Wort und setzte ihnen den Gebrauch der Spielzeuge auseinander, der Puppen klein und groß, der gesamten Tierwelt, der Kirchen und Häuser, der Wägelchen und Boote, der grünen Pappeln und der Heere von Bleisoldaten. Dabei wurde sie für einen Augenblick selber wieder Kind, erregte Gefallen und machte für Jean Groß ein gutes Geschäft. Gegen Weihnacht wuchs der Andrang der Kaufenden, der Ladenschluß schob sich immer weiter hinaus, und dann war noch wieder Ordnung in die wirr aufgehäuften Waren zu bringen; aber wenn sie endlich mit müden Füßen durch die dunkeln Gassen heimwärts huschte, beherrschte sie doch ein schönes Gefühl. Wie manche frohe Mutter hatte sie tagsüber gesehen, wie viele strahlende Kinderaugen!

Je näher das Fest herankam, desto weniger ließ die Überanstrengung sie zum Denken kommen, und in ihrer Abspannung schmerzte es sie auch nicht so tief, daß die verschiedenen Glieder der Familie Tappoli ihren Dienst mißbilligten und sich von ihr zurückzogen. Wenn die Verwandten ihr die Möglichkeit nicht schufen, nach dem Ansehen ihres Namens zu leben, so sollte man sie doch selber ihr Brot verdienen lassen! Sie tat es ja in Ehren. Mit dem Onkel Tierarzt hatte sie auch keine Verbindung mehr. Die gedruckten Briefumschläge, von denen er gesprochen, hatte sie absichtlich vergessen, und vielleicht auch er. Selbst mit ihrem Bruder, dem blaubemützten, hübschen Studenten, lockerte sich das Verhältnis. Jedesmal, wenn er gekommen war, hatte er sie um Taschengeldgebeten, bis sie ihm die eigene Armut gestand. Nun sprach er kaum mehr bei ihr vor.

Jean Groß lud sie ein, in seiner Familie Christbotin zu sein, die den Gästen den lichtergeschmückten Baum übergebe. Am Festtag schwirrte und surrte ihr der Kopf noch vom stürmischen Dienst am Vorabend, aber nachdem sie am Morgen den Gottesdienst in irgendeiner der großen Kirchen besucht und sich am Nachmittag mit Hilfe des Brautschleiers ihrer Mutter ein Festkleid gerichtet hatte, machte sie sich, in ihren Kapuzenmantel eingeschlagen, durch den Winterabend auf den Weg nach dem Hause außerhalb der Stadt. Der Schnee lag hoch, weich und rein, und an den dunkeln Wassern der Limmat standen die alten, mächtigen Platanen wie verzaubert in Weiß. Die Glocken klangen feierlich durch den Abend, und die einherhuschenden Menschen blickten heiter und geheimnisvoll. Irgend etwas Schönes mußte wohl auch sie erleben, sie wußte nur nicht was. Sie schritt über einen Steg, hinauf zwischen alten, halbländlichen Gebäuden, Gärten, Rebbergen und erreichte das Haus des Kaufmanns.

»Ah, da ist ja unser Pfarrerstöchterlein!« begrüßte sie Jean Groß mit seiner unangenehmen Stimme, ließ sie lange in einem Warteraum sitzen und rief sie erst, als ihr die frohe Stimmung fast vergangen war, zu dem Lichterbaum in ein gut bürgerliches Gemach, in dem alte Möbel und steifleinene Ölporträts von fünfzig oder hundert Jahren her den überkommenen Wohlstand verkündeten. Was sollte sie? – Keine Kinder, denen sie die von ihr vorbereitete Ansprache hätte halten können;lauter jüngere und ältere Erwachsene, denen mehr die Gier nach Geschenken im Gesicht stand als eine feierliche Bewegung der Seelen, in der Mitte der dicke Kaufmann mit seiner kleinen, üppigen Frau – er mit schimmernden Edelsteinen auf der Hemdenbrust, sie mit vielen goldenen Ringen an der Hand. Irgendeine alte Tante stimmte im Nachbarzimmer am Klavier ein Weihnachtslied an, die Gesellschaft versuchte zu singen, fand aber nach der ersten Strophe schon die Worte nicht mehr, und das Lied drohte wie ein mißratener Kuchen auseinanderzugehen. Da erinnerte sich Nick, wie oft sie, wenn der Vorsänger heiser war, daheim den Kirchengesang gerettet hatte, erhob ihren hellen Alt, etwas voreilend gab sie den andern den Text in den Mund, und das Lied konnte zu Ende gesungen werden. Ermutigt wollte sie nun doch ihre Worte sprechen, aber der Hausherr unterbrach sie: »Das Nötige sage ich selber,« und begann fistelnd: »Dank meiner geschäftlichen Erfolge bin ich in der Lage, meiner Gattin und weitern Angehörigen auch dieses Jahr wieder eine schöne Weihnacht zu bereiten. Sie brauchen sich nicht mit Reimen und Gesang zu behelfen, sondern ich habe, wie die Geschenke beweisen werden, allen Beteiligten Sachen von Wert zu bieten.« Die Rede, die humoristisch sein sollte, wurde ein sterbenslangweiliges Selbstlob, verhaltene Ungeduld stieg auf die Gesichter. Und dann kam endlich die Bescherung.

Nick wußte kaum, was mit sich selber anfangen, sie erschien sich unsäglich töricht und überflüssig. Zuletzt wandte sich Jean Groß an sie: »Hier ist auch ein Geschenk für dich, Christkind und Pfarrerstöchterlein. Undhier der Lohn. Wenn du dich auf den nächsten Weihnachtsmarkt meldest, so stelle ich dich wieder als Gehilfin an. Sagen wir also auf Wiedersehen!«

Erst jetzt merkte sie, daß sie vom Feste entlassen war. Wozu hatte man sie gerufen? Und sie wäre den Abend so gern in Licht und Glanz fröhlich mit den Fröhlichen gewesen. Vielleicht aber hatte Groß an Lohn und Geschenk noch ein Besonderes für sie in das Päckchen gelegt, was er seinen Gästen nicht verraten wollte. Als sie wieder auf dem menschenleeren Wege unter den Platanen dahinschritt, nestelte sie das Röllchen, das ihren Lohn enthielt, im Schein einer Straßenlaterne auseinander. Es enthielt gerade so viel Einfrankenstücke, als sie Tage bei den Spielwaren beschäftigt gewesen, keines mehr, keines weniger, nichts dafür, daß sie beim Aufräumen oft bis Mitternacht an der Arbeit geblieben war. Den schönen Schleier der Mutter hatte sie umsonst zerschnitten. Aber das andere Päckchen? Es kam daraus eine Sammlung jener Wasserdirggel zum Vorschein, die mit ihren aufgedruckten Modellen von Männlein und Fräulein, Haustieren und Wild, Vögeln und Fischen anspruchslosen Kindern ein Bilderbuch ersetzen, aber kaum des Essens wert sind. »Der Geizhals, der elende!« entfuhr es ihr. »Ach Uli, Uli, wie war ich verblendet!« Da wurde sie von nahenden Schritten aufgeschreckt, lief zitternd vor Kälte in ihre Kammer, und vor dem Bild des Vaters begrub sie ihr Gesicht in beide Hände. »So mitleidslos also spielt die Welt! Und das ist Weihnachten, das Fest der Liebe!«


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