18
Durch Zürich läutete das Totenglöcklein der Cholera. Da und dort hing an einer Haustüre der gelbe Zettel, daß darin ein Kranker liege; es gab Gäßchen, da hingen sie Haus an Haus. Die meisten Läden waren geschlossen, auch jeder Raum, in dem sonst die Leute zusammenkamen, und das öffentliche Leben erlosch vollends, seit nicht nur die Armen, sondern auch angesehene und wohlhabende Einwohner der Stadt der Seuche zum Opfer fielen. Einige starben sogar aus bloßer Furcht vor ihr. Wer über die Straße ging, hielt sich ein Riechmittel unter die Nase, der Freund grüßte den Freund nur noch von fern, und vor Besuchern verriegelte man das Haus. Mutige Männer holten die Leichen ab, doch kein Geleite folgten den Särgen auf die Friedhöfe, auch solchen Gestorbenen nicht, die andern Krankheiten erlegen waren.
Nick war also der Frage überhoben, ob sie der inzwischen dahingeschiedenen Frau Wasmer das Geleit geben wolle oder nicht.
Langweilig schlichen auch für sie die Tage. Am liebsten hätte sie wieder einmal ihre Jugendheimat am Rhein besucht, aber sie wußte schon: jetzt würde selbst der ehemalige Liebling des Städtchens schlecht aufgenommen. Überall auf dem Lande war eine mißtrauische und feindseligeStimmung gegen alle Leute, die aus der Stadt kamen; an ein paar Orten waren solche sogar von den Weibern mit Steinwürfen zurückgetrieben worden.
Was nun? Sie stand am Fenster und schaute in die verödete Gasse hinab, in die der helle Nachmittagssonnenschein fiel, und auf den alten Garten zwischen den Giebeln. Die sich färbenden Früchte an ein paar Obstbäumen deuteten schon gegen den Herbst. Nicht einmal Glorian Rollenbuz holte sie mehr zu einem Spaziergang ab, der tat nun in Basel Buße für seine Liebesanwandlung. Und wo war John Wildholz geblieben? Auf einen Brief von ihr hatte er nicht mehr geantwortet. Warum nicht? –
Da ging der Klingelzug, und als sie sich über das Fenster vorbeugte, kam ein für den Ernst der Tage unzeitgemäß freudiger Ruf unter einem breitrandigen Sommerhut hervor. »Nick! Wenn du ein Stündchen Zeit hättest!« Sie erkannte die Stimme Maries. Es war das erste Mal, daß die Freundin nach ihr sah. Nick stülpte sich den Hut auf den Kopf, ging die Treppe hinab und rief der Wartenden zu: »Das ist aber eine liebe Überraschung!« »Wenn man nichts zu tun hat?« lächelte Marie. »Kein Gast läßt sich blicken. Mein Vorschlag ist, wir gehen an den See, mieten ein Boot und rudern uns so weit hinaus, wie die Cholera niemals fliegen kann, und dann erzähle ich dir – lauter Verliebtes und Verlobtes!« Schelmerei und Übermut sprühten aus ihrem frischen Gesicht.
Als sie durch mancherlei Gäßchen und Winkel das Wasser erreicht hatten und das Boot bestiegen, zogMarie die leichten, durchbrochenen Handschuhe aus und griff zu den Rudern. Da rief Nick: »Ei, du trägst einen Ring – du bist verlobt!«
Marie, die auf diesen Augenblick gespannt hatte, lächelte selig: »Ich – und mein Bruder Friedrich auch! Meine Eltern bekommen jetzt einen Schwiegersohn und eine Schwiegertochter auf einmal ins Haus. Denke dir!« Sie ruderte aus der Limmat in den See, den eine leichte Brise kräuselte. »Wir müssen die Richtung gegen den Kirchturm von Kilchberg nehmen. Dort am Ufer wartet der Liebste auf mich. Er weiß, daß ich mit dir komme, und freut sich auf deine Bekanntschaft. Ich habe ihm schon manches von dir erzählt.«
»Wer ist's denn?« forschte die auf dem Hinterbrett sitzende Nick ungeduldig.
»Du kennst ihn nicht,« erwiderte Marie, verträumtes Glück im Gesicht. »Es ist ein Lehrer an den städtischen Schulen, Heinrich Keller mit Namen. Wenn du ihn siehst, wird zwar dein erster Gedanke sein, daß ich nicht stark auf Schönheit geschaut habe. Was tut's? Er ist ein rechter, tüchtiger Mann, von allen, die ihn kennen, geachtet. Das hat mir auch mein alter Professor gesagt. Heinrich stammt aus einfachen Verhältnissen, seine Eltern, die mich besucht haben, sind schlichte Bauersleute im Unterland, die Mutter trägt noch die Tracht, das rote Mieder der Wehntalerin. Brüder und Schwestern arbeiten ebenfalls auf dem Feld, er allein hat studieren können. Nur unter Entbehrungen, aber er hat sich durchgerungen und ist von einer kleinen Stelle auf dem Land so jung wie noch selten einer in die Stadt berufen worden.Wir kennen uns nun schon ein Jahr, meine Liebe ist langsam gekommen, und mein Jawort habe ich ihm erst vor etlichen Tagen gegeben. In der anfänglichen Verwirrung wollte in den Häusern der Cholerakranken niemand die Ärzte unterstützen. Da tat er es, und dieser Mut hat mir so gefallen, daß ich ihm an jenem Abend das Ja gab, an dem er sich an die Spitze der Freiwilligen stellte. Du scheust dich hoffentlich nicht, mit ihm zusammenzutreffen: er ist sehr vorsichtig und hat, wenn wir ihm begegnen, einen weiten Verluftungslauf über die Berge hinter sich.«
Einen Augenblick gruselte es Nick doch, so nahe an die Seuche heranzutreten; aber sie wollte sich an Tapferkeit nicht von Marie übertreffen lassen, sie lachte nur: »Du fährst einen falschen Kurs, wir kommen nach Küsnacht statt nach Kilchberg. Darf ich einmal rudern?« Sie wechselten.
»Und dein Bruder Friedrich ist also auch verlobt?« regte Nick das Gespräch wieder an. »Er hält sich doch noch nicht lange in Mainz auf.« »Sechs Wochen,« erwiderte Marie, »es muß ihm wie Uli dort herrlich gut gehen.« Sie erzählte Nick, was sie von ihnen wußte, auch von den Schwestern Römer und der Absicht der Mädchen, mit Friedrich einen Besuch im Elternhaus zu machen.
Da bekam Nick rote Wangen. »Marie, ich habe Uli einen Brief geschrieben und ihn darin um Verzeihung gebeten, daß ich auf Weißwasserstelz so unartig gegen ihn gewesen bin. Lange habe ich mir das Schreiben sehr schwer vorgestellt, auf einmal aber ist es mir leicht gegangen.«
Marie gab ihr einen dankbar verwunderten Blick. »Gottlob, du stolzer Kopf! Hoffentlich weiß er jetzt, was er zu tun hat, und folgt nicht dem Drängen Friedrichs, die jüngere Schwester seiner Braut um ihre Hand zu bitten. Ich fände es nämlich so schön, wenn Ihr doch noch zusammenkämet! Was würden wir für gute Schwägerinnen, gelt Nick!« Die Freude dieses Gedankens ergoß sich über ihr Gesicht. Plötzlich aber rief sie: »Dort steht meiner!« und winkte nach dem Ufer.
Bald waren sie am Strand und saßen unter grünen Bäumen. Heinrich Keller sprach von seinem Waldgang und begegnete Nick mit großer Artigkeit. Nein, wegen seiner männlichen Schönheit hatte ihn Marie gewiß nicht genommen. Er hatte Borstenhaare, eine Stumpfnase, eine untersetzte Gestalt und einen Gang, als käme er eben vom Acker; doch gefiel Nick das Ländliche an ihm besser, als wenn man ihm auf hundert Schritte den Lehrer angesehen hätte. Überhaupt schien er ihr nicht so übel: seine verständige, ehrliche Art, seine breite Herzlichkeit, aus der zwar nie ein starker Funke, dafür aber eine biedere Rechtschaffenheit und ein lebenskluger Sinn sprach.
Während sich die Augen der Liebenden glücklich und immer aufs neue suchten, warf Nick den Fischen im See die Reste Brotes zu, die auf dem Tisch umherlagen. Sie wollte das sich küssende Paar nicht stören. Marie ging wohl mit dem Lehrer den sichersten Weg, den sich ein Weib in der Ehe wünschen mochte. Wenn dem jungen Mann Leben und Gesundheit blieb, war sie bei ihm für immer gut aufgehoben, in Bescheidenheit freundlicheVerhältnisse warteten ihrer, und seine Verständigkeit bürgte auch für ein schönes inneres Glück. Dennoch hätte Nick nicht an der Stelle der Freundin sein mögen! Sie seufzte leise auf! Sie hatte nun einmal keinen Geschmack für das Glück im Winkel. Auch die bloße Rechtschaffenheit und landläufige Klugheit genügte ihr nicht. Das Bild des Mannes, das ihr vor der Seele schwebte, war anders. Ecken und Kanten wollte sie an ihm dulden, aber irgend etwas Besonderes mußte er an sich haben, das ihn heraushob aus der Menge! Stunden mußte es geben, in denen seine Seele sprühte! Ja, an einem wirklich geistvollen Manne würde sie sogar eine Stumpfnase oder einen Buckel ertragen.
Sie spürte, daß sie einen schwereren Weg gehen würde als Marie, die das Glück da ergriffen hatte, wo es ihr einen Zipfel bot.
Das Paar trat Hand in Hand zu ihr an das Geländer des Gartens und sah selig in den schönen Abend, der das Hochgebirge über einer Burg von Wolken erscheinen ließ. Keller sprach aber bald von Heimkehr und der schweren Pflicht, die ihn am Abend erwartete. Nun ja, es war männliche Tapferkeit, die Leichen zu bergen!
Er ruderte die Mädchen in die Stadt zurück, und Nick verabschiedete sich mit den üblichen Glückwünschen von dem Paar. Maries Verlobung hatte doch einen starken Eindruck auf sie gemacht. Auf dem Stübchen ließ sie ihre Gedanken wieder zurückgleiten zu den Träumereien am See. Entsprach Ulrich Junghans dem Bilde des Mannes, wie sie es sich zurechtlegte? Besaß er das Besondere? Ja, ja! antwortete ihr Herz. Worin esbestand, wußte sie freilich nicht so genau; aber schon, daß er in jungen Jahren Obmann des Rheinfahrvereins gewesen war, sich die Achtung und den Gehorsam der andern erzwungen hatte, bezeugte seine starke Männlichkeit. Wenn der einmal herangereift war, so wurde er auch ein Obmann und Oberfahrer im Leben! Dessen trug sie eine freudige Gewißheit in sich. Sehnsüchtig gedachte sie seiner und spannte der Antwort auf ihren Brief mit einer bis zum Herzpochen gesteigerten Ungeduld entgegen. Die Post aber kam und brachte nur das wegen der Seuche auf den kleinsten Umfang zusammengeschrumpfte Tagblatt. Sie wurde zornig vor Enttäuschung, sie erinnerte sich plötzlich, daß Marie von einer jüngern Schwester der schönen und feinen Braut Friedrichs gesprochen hatte. Wenn nun Ulrich – Nein! Dieses Gift, das schlimmer war als die Cholera, wollte sie nicht in sich aufkommen lassen: sie hatte an der kranken Frau Wasmer gesehen, wie die Eifersucht häßlich und ungerecht machen kann.
Da kam nach wenigen Tagen schon wiederum Marie, um sie zu einem Spaziergang abzuholen. Nick merkte gleich, daß auf dem Gesichte der Freundin nicht mehr die verklärende Sonne des Ausfluges nach Kilchberg stand. Hatte sich wohl zwischen ihr und Keller schon eine Uneinigkeit ereignet? – Marie aber fragte hastig: »Hat dir Ulrich geschrieben?« Die Blässe stürzte ihr ins Gesicht, als sie von seinem unerklärlichen Schweigen vernahm. »Was einem die beiden Brüder für Sorge bereiten!« seufzte sie. »Friedrich meldet, daß seine Verlobung mit dem Fräulein, von dem sie beide so viel Aufhebensmachten, zurückgegangen sei und er jetzt in Basel arbeite. Schon nach vierzehn Tagen zurückgegangen! Warum? Über die Ursache kein Wort! Und warum sind die Brüder nicht beieinander geblieben? Wir wissen es nicht! Uli, der seine Briefe so leicht schreibt, regt sich mit keiner Zeile weder gegen mich noch gegen die Eltern. Die sind auch furchtbar beunruhigt – es ist unverantwortlich!«
Da also stak der Kummer Maries. Und ein Geheimnis schwebte um das Schweigen Ulrichs. –
Sechs oder sieben Wochen herrschte die Cholera in der Stadt, dann ging sie, wie sie gekommen war, – man wußte nicht, ob von selber oder vertrieben durch die Kunst der Menschen. Die Bewohner atmeten erleichtert auf, die Riechfläschchen verschwanden, die alten Freunde drückten sich wieder die Hand, die Landleute kamen wieder zu Kauf und Verkauf, die Städter durften sich wieder aufs Land hinaus wagen, und über dem neuerwachten Leben vergaßen sie eine Menge guter Vorsätze, die sie während der Seuche für ihr zeitliches und ewiges Heil gefaßt hatten.
Nick war leidlich über die schlechte Zeit hinweggekommen und fand, als die Läden wieder aufgingen, Unterkunft als Verkäuferin in einer Schreibwarenhandlung beim Rathaus.
In diesen Tagen erhielt sie den ersehnten Brief von Uli. Er kam aus Köln. Sie öffnete ihn mit zitternden Händen.
Das Schriftstück war ihr aber eine niederschmetternde Enttäuschung. Es lautete:
»Meine liebe Nick! Dein Brief hat mir eine unendliche Freude bereitet, wie ein Heiligtum trage ich ihn auf der Brust. Leider war aber, als ich ihn erhielt, das Unglück schon im Zug. Mit bebender Feder schreibe ich den Meinen. Ich bin tiefer in die Dornen gefallen als damals, da ich mit den schilfenen Flügeln über die Rheinhalde hinunterstürzte und Du tapfer mit Deinem Sackmesserlein kamst, um mich aus den Brombeeren zu befreien. Jetzt kann mir niemand mehr helfen, doch klage ich nicht, denn ich bin an allem selber schuld. Ich werde nie das Wort mit Dir reden, das wir in Aussicht genommen hatten. Ich bin Deiner nicht mehr wert und muß Dich, an der mein Herz so viele Jahre hing, freigeben. Aus ist das Lied vom Oberrhein, man sieht mich dort nie wieder. Dir wünsche ich alles Himmelsglück in Dein ferneres Leben, was Dir ja bei Deinem schönen und lieben Wesen nicht fehlen kann. Auf mich rechne also nimmermehr, und findest Du einen Mann, der Dir gefällt, so nimm ihn, von mir unbeschwert. Leb wohl, Du süße Nick! Herztraurig
Dein Uli Junghans.«
Ihre Tränen fielen auf den Brief. Um Gottes willen, was war denn Uli geschehen, dem gesunden, starken, blauäugigen Uli! –
Sobald sie die Zeit fand, lief sie mit dem Brief zu Marie. Merkwürdigerweise war die Freundin von dem traurigen Bekenntnis des Bruders kaum überrascht. Als sie es gelesen hatte, versetzte sie bitter: »Seit sich die Verlobung in Mainz gelöst hat, ist Uli ganz vernagelt. Der Vater hat an Appelius, den früheren Geschäftsherrnder Brüder, um Auskunft geschrieben. Und die Antwort? Nachdem Friedrich abgereist sei, habe Uli wohl noch eine Weile im Geschäft gestanden, sei aber langsam erkrankt und erst, nachdem er wochenlang gelegen, wieder erschienen, um Abschied zu nehmen. – Wie einen unartigen Schuljungen sollte man ihn strafen, daß er von Mainz fortgegangen ist, ohne uns Nachrichten zu geben!«
Heimlich wußte sie etwas mehr von Ulrich, als sie der armen, enttäuschten Nick gestand, und es war nicht nur Rücksicht auf die Freundin, daß sie den Rest verschwieg, sondern sie tat es, weil sie sich des Bruders schämte. In dem Briefe von Appelius war nämlich eine Stelle gewesen, die den Vater bewogen hatte, sofort Friedrich in Basel mit einem Besuch zu überraschen. Von dort hatte er die unerbauliche Neuigkeit zurückgebracht, daß schon seit längerer Zeit ein Komödiantenweib im Leben Ulrichs eine Rolle gespielt habe und auch schuld am Rückgang der schönen Verlobung Friedrichs in Mainz gewesen sei. Er schrieb also einfach aus schlechtem Gewissen nicht mehr und aus Furcht vor dem Züchtigungsbrief, der ihm vom Vater drohte, sobald sein Aufenthalt bekannt würde! Die erzürnte Familie war übereingekommen, mit niemand über die häßliche Wendung in Ulrichs Leben zu sprechen: wie eine Beleidigung der eigenen Ehre spürten es Eltern und Geschwister, daß der früher so brave Sohn und Bruder im Verkehr mit seinem Freunde, dem Ungarn, so tief gesunken war.
Wie sie, erlebte Nick um ihn schwere Tage und hatte oft die Augen voll heimlicher Tränen. Sie hatte so festan Uli geglaubt wie an Sonne, Mond und Sterne, und nun war durch seinen ebenso traurigen wie dunklen Brief etwas unendlich Schönes aus ihrer Seele gerissen, eine große Hoffnung, an die sie sich stets hatte klammern können, wenn ihr das Leben um sie her zu kalt und öde erschienen war. Sie merkte erst jetzt, wie viel er ihr in ihren Träumen und Seelengängen gewesen. Sie grübelte, was für eine Bewandtnis es wohl mit den Dornen haben könnte, in die er hineingefallen war. Sie mußte es aber aufgeben. Führt die Einbildungskraft nicht stets auf Vermutungen, die sich als falsch erweisen, wenn man die Wirklichkeit des Lebens erfährt? – Irgendein weites Mitleid mit ihm erfüllte ihre Seele, doch auch sie selber kam sich unsäglich arm vor. Wer liebte sie wahrhaft und tief? Einzig die Mutter, die sie selten sah. Nick fühlte es: sie stand jetzt allein in der Welt, sie war ein freier Vogel, der sich um niemand zu kümmern brauchte, den es aber manchmal in seiner Freiheit fror.