19
Lange war Ulrich in der Pflege der Werra Barensky an einer Gehirnentzündung darniedergelegen. Als er das Bewußtsein wieder erlangte, fiel ihm zuerst die Werkstatt des Vaters ein und der Altgeselle Thomas mit dem Wort von den Weibsleuten: »Wenn du der Simson wärst, du kimmst net dagegen an, die luderige Delila hat dir halt 's Haar abg'schnitten, d'Katz hat si an dei Buckel krallt, und du kannst kratzen und schreien, – es hilft dir nichts.« So war er nun in der Gewalt des gewissenlosen Weibes, und ehe er einen Plan zu überlegen vermochte, wie er sich daraus befreien könne, vergingen ihm die Sinne wieder. Als die Krankheit endlich wich, mußte er von neuem stehen und gehen lernen wie ein Kind, sogar essen und trinken. Auch seine Willenskraft blieb noch eine Weile gebrochen. Sonst wäre er gleich von ihr gegangen. Denn der Zorn, daß die Artistin seinen unschuldigen Bruder ins Unglück gestürzt hatte, blieb ihm.
Sie legte über ihre Tat eine Reue an den Tag, die so leidenschaftlich und ungezügelt war wie ihr gesamtes Wesen. Als er wieder etwas zu Kräften gelangte, warf sie sich verzweifelt über sein Lager. »Ulrich, wenn du willst, erschieße ich mich vor deinen Augen dafür, daß ich deinen Bruder geschlagen habe!« schrie sie, deren Deutsch sich im Umgange mit Ulrich überraschend schnell gebesserthatte. »Glaubst du mir, daß ich mir eine Kugel in die Schläfe jage, wenn du es wünschest?« »Ja,« versetzte er ehrlich, »aber wem hülfe das? Es würde meinen Bruder nicht wieder glücklich machen.«
Da trat eine wilde Traurigkeit in ihr Gesicht. »Was muß ich denn tun?« Sie schleppte eine alte, unansehnliche Tasche aus Juchten herbei, an der selbst sie mit ihrer großen Kraft ziemlich schwer zu tragen hatte, und öffnete das kunstreiche Schloß. »Es ist, was ich von den Eltern ererbt habe.« Die Tasche war angefüllt mit goldenen Ringen, Spangen, Ketten, Herzchen, Fläschchen und Früchten, viele mit leuchtenden Steinen besetzt. Er verstand sich nicht auf den Wert von Schmucksachen, vermutete auch, daß einiges davon unecht sei; es war aber doch sicherlich ein großer Reichtum, den sie mit sich führte. »Ich will das Erbe dem Fräulein schenken,« sagte sie, »das durch meine Schuld so viele Schmerzen leidet.« »Das ist auch wieder verrückt!« erwiderte er. »Das Fräulein besitzt alles, wessen es bedarf, und was sie verloren hat, ist unersetzlich.«
Sie verzog den Mund schmerzvoll und biß sich in die Fingerknöchel. »Du bist ein Böser!« schrie sie. »Du hilfst mir nicht aus meiner Not!« Nein, er wehrte ihr nur, daß sie Friedrichs und Lottens Herzenswunden durch eine törichte Handlung neu aufriß. Ihre bittere, tatbereite Reue machte aber doch einen starken Eindruck auf ihn. Sie war kein schlechtes, sondern ein nur ihrem Triebleben unterworfenes Weib.
Sie teilte ihm mit, daß der Zirkus nach Köln übersiedeln werde. »Und du?« Er gestand ihr, daß er amliebsten zu seinem Freund Szedesky nach Ungarn führe, da er nach dem Geschehenen doch nicht in Mainz bleiben könne. Sein Wort traf sie. Erst geriet sie in Wut, dann warf sie sich laut weinend zu seinen Füßen und raufte sich die Haare, die wie eine breite, dunkle Flut auseinanderfielen. »Erlebe ich denn nie etwas Gutes von dir!« stöhnte sie. »Du kommst nicht mit mir nach Köln? Kann ich dir denn gar nichts sein? Wie ein Bettelweib muß ich vor dir hinknien, während andere Männer für eine Stunde mit mir ihr Vermögen hinwürfen. Ich aber verlange nach keinem als nach dir! Selbst das Gräßliche habe ich nur aus Liebe zu dir getan.«
»Ich kann Ihnen nicht folgen, es wäre ein Verbrechen,« ächzte er. – »Ihnen?« rief sie mit zuckenden Lippen und zitternder Stimme. »Warum nicht ›du‹, Ulrich?« Wie sie seinen Namen sprach, darin lag alle Zärtlichkeit, alles Flehen und Weh einer Weibesseele. »Verachtest du mich so tief?« – »Ja,« erwiderte er düster und wandte den Blick von ihr. – »Ulrich, Ulrich!« stöhnte sie herzerschütternd. – »Meine Welt ist nicht Ihre Welt,« stieß er hervor. »Ich mag das Zirkusleben nicht, immer hätte ich darin das Heimweh. Wir können uns doch nicht heiraten.« Das sprach er rauh und feindselig. – »Heiraten!« nahm sie ihm leise und träumerisch das Wort ab, wie wenn für sie darin ein wunderbarer Zauber läge, und lächelte einen Herzschlag lang verträumt. Dann erlosch das Licht in ihren Zügen. »Nein, Ulrich,« erwiderte sie lind, »ich bin ja schon glücklich, wenn ich deine Magd sein darf, und willdir nichts in den Weg legen, wenn du es für notwendig hältst, mich wieder zu verlassen.«
Die wildesten Drohungen hätten ihn nicht eingeschüchtert, selbst ihr Revolver nicht. Aber ihre Demut und ihr wie Kinderweinen tönendes Flehen erschütterten ihn. »Ich muß jetzt zu meinem ehemaligen Geschäftsherrn gehen,« versetzte er unsicher und entzog sich ihr.
Nach Wochen schritt er zum erstenmal wieder durch die Straßen von Mainz, immer noch von der Krankheit geschwächt. Er dachte an Nick, von der er den hoffnungsvollen, schönen Brief auf der Brust trug. Wenn er nach dem Besuch bei Appelius einfach auf den Bahnhof ginge und fortführe, ohne Werra Barensky wieder zu sehen? – Das wäre die Rettung! Warum nicht? – Obgleich sie ihn mit Aufopferung gepflegt hatte, war keine Dankbarkeit gegen sie in seiner Seele.
Appelius empfing ihn förmlich und kalt. Als sich Junghans entschuldigen wollte, daß er ohne Anzeige ausgeblieben sei, und von seiner Krankheit zu sprechen versuchte, schnitt ihm der Herr, der für ihn so viel Wohlwollen besessen hatte, das Wort ab: »Ich weiß alles, – auch, von wem Sie sich haben pflegen lassen. Es ist eine Unbegreiflichkeit, über die wir nicht weiter sprechen. Hier ist Ihr Lohnguthaben. Wenn Sie nur noch unterschreiben – Guten Tag!« Ulrich stand noch und wollte sprechen. Appelius aber machte mit der Hand eine ungeduldige und verächtliche Bewegung.
Wie auf den Kopf geschlagen lief der Gekränkte umher. Ein wilder Schmerz, daß ihn Appelius so falsch beurteilte und für einen gemeinen Menschen hielt, wühlteihm in der Seele. Der Gedanke daran tötete ihn fast. Welche Schmach! Auch den Eltern und Geschwistern durfte er nicht mehr unter die Augen treten. Vielleicht hatte Nick durch Marie etwas über die Ursache der Verlobungslösung zwischen Friedrich und Lotte Römer gehört, vielleicht verachtete auch sie ihn! Er dachte nicht mehr an Abreise, nur noch an seine trostlose Verlassenheit. Immer schwärzer lief der Strom seiner Gedanken. Plötzlich fühlte er sich so ermattet, daß er an eine Hauswand lehnen mußte. Als er sich etwas erholt hatte, tappte er sich mit mühsamem Atem nach dem Hotel am Rhein. Wieder hielt er inne, ihm war, das Haus sei eine Hölle. Dann aber schritt er doch hinein.
»Meine Herrin ist Ihretwegen so traurig,« klagte ihm Mab, »daß sie heute abend nicht auftreten kann, wenn Sie ihr nicht noch ein liebes Wort schenken. Bitte, bitte Herr Junghans!« Ihre gelben Augen flehten. Da gab er sich einen Ruck, trat zu Werra Barensky hinein, küßte sie und sagte in dumpfer Willenslosigkeit: »Werra, ich komme mit dir nach Köln.«
Ihre Augen flammten licht empor, ihre Wangen röteten sich mädchenhaft, und mit einem wundersüßen Lächeln ergriff sie seine Hand: »Ich danke dir, Ulrich. Du weißt nicht, wie ich dich liebe. Was sind alle andern Männer gegen dich!« Wie verzückt hing ihr Blick an ihm. –
An einem goldigen Herbsttage reiste er mit Werra und Mab nach Köln. An den Ufern des Rheins jauchzte die Weinlese. Er hütete sich aber wohl, einen Blick aus dem Bahnwagen auf den Strom zu werfen: es hätte ihmdas Herz zerrissen, die Gegenden zu sehen, in denen er mit Friedrich und den Geschwistern Römer in so hoher Stimmung gegangen war. Ihm war, jeder Pfiff der Lokomotive führe ihn tiefer in einen Abgrund der Ehrlosigkeit hinein, aus dem es kein Auferstehen mehr gab. Handelte er an seinem Bruder Friedrich nicht wie Judas? Werra Barensky aber streichelte ihm in sprühend guter Laune die blassen Wangen und sagte ihm die süßesten Worte, die über Weibslippen gehen.
In Köln wohnten sie in einem Hotel nahe dem Dom. Die Wünsche Werras erfüllten sich. Was Ulrich selber nie gedacht hatte, – er lernte das wilde, schöne Weib lieben. Nicht aus der Gemeinsamkeit der Seelen, aber aus den heißen Sinnen der Jugend, deren drängende Kraft ihm doppelt wiedergekehrt zu sein schien. Es war doch etwas Herrliches um ihren geschmeidigen Raubtierleib, um ihre zitternde Hingabe. Nächte erlebte er voll düsterer Glut, Tage mit allen Schauern der Reue und der Selbstvorwürfe …
Wenn er am Morgen aus dem Gasthof auf den Platz trat, starrte er auf den Dom. Mit unbegreiflicher Macht zog ihn der reine, erhabene Bau an, der über das Gewimmel der Giebel und Häuser und Menschen wie heilig in das Blau der Lüfte stieg; er hatte aber auch stets das Gefühl, der Dom sei sein besonderer Feind, der ihm in stummer Beredtsamkeit seine Lebenssünde vorwerfe.
Was hatte das herrliche Bauwerk, das Felsengebirge aus Menschenhand, im Lauf der Jahrhunderte gesehen? Die Schwingen der Weltgeschichte hatten es umbraust, Geschlecht um Geschlecht war unter ihm zusammengebrochen.Aber in wie viel Straßen, Gassen und Gäßchen die Gipfel des steinernen Gebirges geheimnisvoll hinunterblickten, – an seinen Quadern war gewiß nie ein schlechterer und gemeinerer Mensch dahingewandert als er, Ulrich Junghans von Eglisau! Dennoch trat er eines Tages in die dämmerigen, zauberisch ergreifenden Hallen. Ein Sonnenstrom wallte durch die hohen Fenster herein, und die schöne Weise des Dreimal Heilig, von hellen Knabenstimmen gesungen, schwebte durch den Raum. Im tiefsten Herzen ergriffen lauschte er und geriet in eine so weiche Stimmung, daß sich ihm die Tränen in die Augen drängten. Plötzlich gedachte er Nicks, ihr reines Bild stand so klar wie eine Erscheinung vor ihm. Im Gefühl seiner Nichtswürdigkeit stürzte er ins Freie, ging in ein Gasthaus, in dem er sich vor Werra sicher fühlen konnte, und schrieb der Freundin seiner reinen Jugendtage in Wehmut und Zerknirschung den trostlosen Brief.
Auch den Eltern Nachricht von sich zu geben, empfand er wie eine klemmende Pflicht. Oft setzte er sich zum Schreiben hin, aber dann stand er wieder auf. »Nein bei Gott, so schlecht bin ich noch nicht, daß ich meinen ehrlichen Eltern eine Lüge vorsetzen könnte. Und die Wahrheit darf ich ja nicht melden!«
In seiner Seele schlugen sich beim Gedanken an Werra Barensky Liebe und Haß eine Schlacht. Wie kulturlos war das Weib bei allem äußern Schein und Glanz, wie unwissend und ungebildet! Jedem ihrer Einfälle ließ sie freien Lauf. Die entgegengesetztesten Eigenschaften kamen an ihr zum Vorschein. Sie warverträglich, treu, gütig, mitleidig, freigebig, aber auch roh, hochmütig, grausam; bei dem übrigen Zirkusvolk eher gefürchtet als beliebt, aber doch geachtet und von einzelnen, denen sie Wohltaten erwiesen hatte, sogar verehrt. Ihre Schülerin Mab, das seltsame Wesen, das im gleichen Augenblick sehr häßlich und sehr schön sein konnte, folgte ihr treu wie eine Hündin, obgleich ihr Werra zuweilen den Schuh oder die Peitsche über den Kopf schlug. Die Kleine sagte ihm oft, kein Weib sei so gütig wie ihre Herrin. Namentlich war es Werra gegen die Tiere, für die Pflege eines kranken opferte sie die Nächte, und es war ihr ein wilder Schmerz, wenn eines abgetan werden mußte. Auf ihrem Zimmer hatte sie stets irgendeine junge Wildkatze um sich, Löwchen oder Tigerchen, oft bis in ein Alter, wo es nicht mehr ungefährlich war. Ulrich selbst mochte die drolligen, immer zum Spiel aufgelegten Geschöpfe, aber daß er die Zärtlichkeiten und Liebkosungen Werras mit ihnen teilen mußte, stieß ihn manchmal ab. Sie schien keinen rechten Unterschied zwischen Mensch und Tier zu kennen.
Besaß sie ein Gefühl für das ungeheure Opfer an Ehre, das er ihr gebracht hatte? – Gewiß! Nie erlaubte sie sich eine Launenhaftigkeit gegen ihn, ihre Liebe demütigte sich bis zur Unterwürfigkeit, und umsonst wünschte er sich einen großen Streit mit ihr, damit er einen Vorwand hätte, sie für immer zu verlassen. Im Gegenteil, es schien, als ob das Schicksal ihn stets enger mit Werra zusammenschmieden wolle. Jubelnd teilte sie ihm mit, daß sie sich von ihm Mutter spüre. Die Wonne darüber verklärte ihre Augen, Gesicht, Seele,streifte jede Wildheit von ihr ab und erlosch auch nicht, wenn sie nun hie und da einer Vorstellung fernzubleiben genötigt war. Jedermann wunderte sich über die strahlende Laune des sonst leicht reizbaren Weibes, über ihre Güte gegen die Umgebung. In die einsamen Gedanken Ulrichs hinein aber ragte die Neuigkeit wie etwas Furchtbares. Tag und Nacht grübelte er darüber nach. Am liebsten wäre ihm gewesen, er hätte vermuten dürfen, ein anderer sei der Vater des werdenden Kindes; er hatte jedoch nicht das geringste Recht, die Treue Werras in Zweifel zu ziehen. Wie aber, wenn sie forderte, daß er wegen des Kindes mit ihr die Ehe eingehe? Die Sorge war überflüssig. Als er ihr einmal vorsichtig davon sprach, lachte sie ihn mit dem Übermut ihres Mutterglückes aus. »Junge oder Mädchen, – wenn du einmal von mir fortgehst, werde ich es doch erziehen wie ein Fürstenkind und ihm so viel Liebe schenken, daß es die deine nicht vermißt. Nur eines möchte ich an dir noch erleben, Ulrich, nämlich daß du wieder einmal so warm lachen magst, wie ich es in Frankfurt von dir gehört habe!«
Er schob sein schlechtes Aussehen und seine Bedrücktheit auf die schiefe Lage, in der er sich befand. »Ich war in meinem Leben nie Müßiggänger und bin nicht imstande, den ganzen Tag durch die Gassen zu laufen; wollte ich aber als Arbeiter in eine Messerschmiede, so müßte ich wegen der Wanderschaft des Zirkus unter irgendeinem windigen Vorwand schon wieder kündigen, ehe ich mich in der Werkstatt recht umgesehen hätte.« Werra begriff wohl nur halb, daß er nach seiner Herkunftund Erziehung eines geordneten Lebens bedurfte; um aber seinen Arbeitsdrang zu befriedigen, besprach sie sich mit Tempelmann. Ulrich kam als Mechaniker im Zirkus unter und fand in dem weitläufigen Unternehmen Tag um Tag Beschäftigung genug.
So wurde er selber Mitglied des merkwürdigen Wandervolkes, aus dem sich eine Kunstreiterei zusammensetzt, einer Welt, die nicht besser, nicht schlechter ist als die übrige: wie sie durchzuckt von den Leidenschaften der Liebe, der Eitelkeit, des Neides, wie sie bewegt vom Schrei der Freude, von den heimlichen Tränen des Leides, aber beglänzt von der Romantik der fahrenden Kunst. Er folgte dem Unternehmen wintersüber durch ein paar Städte des rheinischen Industriebezirkes, verkehrte aber mit den Artisten so wenig wie möglich und tat seine Pflicht in stiller Vornehmheit. Nie hatte ihn Werra aufgefordert, daß er den Vorstellungen beiwohne, doch mengte er sich dann und wann unter die Zuschauer; denn es bereitete ihr stets eine kindliche Freude, wenn sie ihn während des Spiels unerwartet im Hintergrund einer Galerie entdeckte.
Auch fand er in dem buntgemischten Völklein einen treuen Freund. Es war der Clown William, der die Zuschauer jeden Abend durch seine Purzelbäume und Luftsprünge, seine bodenlose Dummheit und seine glänzenden Witze zu dröhnendem Lachen hinriß. Im bürgerlichen Leben führte er den ehrsamen deutschen Namen Traugott Meister, und wie er zwei Namen besaß, lebte er eine Art Doppeldasein: Steckte er im Narrenkleid, das Gesicht häßlich übermalt, so brodelte er inÜbermut; hatte er aber die Maske abgestreift, so fiel ihm, wie er selber behauptete, nie ein Witz ein, er war dann ein stiller Mensch mit einem auffallend geistvoll geschnittenen Gesicht. Als der Sohn armer Bergmannsleute in Oberschlesien hatte er sich den Sprachwissenschaften widmen wollen und schon ein Jahr Universität hinter sich. Dann waren ihm die Mittel ausgegangen, er hatte sich aus Not zum Zirkus gewandt, trieb aber in den freien Stunden, die ihm der Beruf ließ, seine Studien eifrig weiter und lebte der schönen Überzeugung, daß er sich doch noch den Doktortitel erringen werde. Wegen seiner ruhigen Art, den Menschen zu begegnen, war er von Artisten und Artistinnen wohlgelitten, auch mit Werra Barensky und Mab befreundet. Mit dem Mechaniker verband ihn vor allem die Sehnsucht nach der Rückkehr in die bürgerliche Welt, und als ihm Junghans einmal das Herz öffnete, verstand er die Qual des abwegs Geratenen überraschend fein.
»Nein, Sie dürfen nicht bei der Barensky bleiben,« beredete er Junghans. »Das ist kein Leben für einen ehrbaren Schweizer. Sie gehen in dieser Luft langsam zugrunde. Sie müssen die Gelegenheit benützen, da sie durch ihre Mutterschaft so mild und nachgiebig geworden ist. Schnell den Schnitt ziehen und fort! Sonst werden Sie lebenslang nicht wieder aus ihren Netzen kommen.«
»Wie danke ich Ihnen,« erwiderte Junghans. »Ja, jetzt! Ich sehe das so klar wie Sie!« Auch ihm schien es ein Leichtes, sich von Werra Barensky zu befreien: sie freute sich ja ihres Zustandes so innig, daß sie auf jeden seiner Wünsche einging. Um des keimenden Wesenswillen versuchte sie sogar, freilich kunstlos genug, der Freude an ihrem Zustand durch Lieder Ausdruck zu geben. Über ihrem Glück war er ihr zur Nebensache herabgesunken, und in allem, was er ihr an Liebe erwies, erschien ihr nichts so wertvoll wie sein Unterricht im Lautenspiel. Jetzt von ihr und aus der ihm verhaßten Welt des Artistentums fliehen! Wie wollte er aufatmen, wenn er einmal das ehrlose Verhältnis, das ihn bis zum Lebensüberdruß niederstimmte, hinter sich hatte!
Es ging ihm aber merkwürdig. Bereit, die Mutter zu verlassen, vermochte er sich nicht von dem noch ungeborenen Kinde zu trennen. War ihm der Gedanke an das Geschöpfchen zuerst eine Widerwärtigkeit gewesen, so beschäftigte er sich jetzt häufig mit ihm. Vielleicht aus dem Beispiel Werras, vor allem aber aus einem Eindruck im Zirkus. Er ertrug den Anblick kaum mehr, wie sie mitten unter den zähnefletschenden, fauchenden Raubtieren stand oder das prächtige Haupt in den Rachen eines Löwen legte. Das Herz erzitterte ihm vor Angst um das Wesen unter ihrer Brust; die Gefahr, in der es bei den Dressuren schwebte, weckte seine Liebe zu dem Kinde. Durfte er einfach von Werra gehen und es ihr überlassen? Dann bekam es zu Gespielen junge Panther und Löwen, dann wuchs es in der Zirkusluft, vielleicht verwöhnt, aber so ungebildet, kulturlos und wild wie seine Mutter auf, hatte nichts um sich als das lärmende, glänzende, hohle Leben des Artistentums und trug wohl selber bald den bunten Flitter, frühreif und mit dem traurigen Blick der Kinder, die nicht in Natur und Ruhe haben aufwachsen können.
Der Gedanke bemächtigte sich seiner immer stärker. Wohl hatte er sich weit von dem ehrbaren Lebenswandel seiner Jugend entfernt, aber so tief wollte er nicht sinken, daß er auch noch ein unschuldiges künftiges Wesen ins Verderben riß, sein eigenes Blut. Da stände er ja vor sich selber und vor Gott doppelt als Verbrecher da. Die hohen Verantwortungsgefühle, die ihm Pfarrer Tappoli während der Konfirmationsstunden in die Brust gelegt hatte, wurden wieder in ihm lebendig, aus geheimnisvoller Tiefe spürte er: sein Kind durfte er nicht lassen. Wenn er es aber nicht ließ, was dann? – Dann gehörte er, so lange er lebte, der Barensky als wilder Gatte an, und die Erziehung des Kindes würde doch eine verfehlte.
Eine grenzenlose Traurigkeit über die Wendung, die sein Leben genommen hatte, überfiel ihn. Aus den Städten irrte er hinaus in die Felder, Wälder, Heide, dachte an die Menschen, die ihm lieb gewesen waren, an Vater, Mutter, Geschwister, und wenn er an das Bild Friedrichs kam, so war ihm, er verdiente es, daß ihn der Bruder niederschlüge wie einen Hund. Wenn er aber Nick im Geiste vor sich sah, die ihm so lieb geschrieben hatte und die nun für ihn doch unerreichbar geworden war, so wäre er am liebsten einsam auf der Heide gestorben. Wie ein Grauen lastete auf ihm das Schweigen gegen die eigenen Angehörigen.
Traugott Meister blickte tief in Ulrichs Kummer. »Sie müssen fort, sonst gehen Sie an sich selber zugrunde. So lange ich als Artist bei Tempelmann bleibe, werde ich ein scharfes Auge auf die Barensky und das Kind halten und Sie von jeder Veränderung unterrichten.Wie leicht ist es möglich, daß es Ihnen doch noch gelingt, ihr das Kind zu entziehen und es in einer Bürgersfamilie unterzubringen. Denken Sie, daß das Weib einige Zeit nach der Geburt doch wieder eine Liebschaft eingeht, daß der bevorzugte Mann an dem Kinde ein Mißfallen findet und sie selber seiner überdrüssig wird. Ein solcher Rückfall in ihre alte Lebensart ist bei der Barensky doch sehr leicht möglich! Dann schreibe ich Ihnen.«
Schon war es Frühjahr geworden, und der Zirkus stand in Bremen. Die junge Mutter jauchzte Ulrich mit strahlenden Augen zu: »Das Kind lebt in mir. Ich spüre seinen Herzschlag, ich merke seine Füßchen.« Sie traf Vorbereitungen, um sich für ein paar Monate vom Zirkus zurückzuziehen. Da sprach er vom Scheiden. Tränen traten ihr in die großen, dunkeln Augen, aber sie machte ihm keine Vorwürfe, das Muttergefühl hatte ihre Widerstandskraft völlig gebrochen. »Nur noch ein wenig bleibe, Ulrich!« Als er wieder zu ihr kam, lag sie in Weinkrämpfen auf dem Teppich. »Clown William war bei mir. Ich weiß, daß du gehen mußt. Du verdirbst neben mir. Das will ich aber nicht, – nie, nie, Ulrich!«
Ein paar Tage später fuhren sie gemeinsam von Bremen nach Hamburg. Sie wollte in dieser Stadt das Kind erwarten. Sie lachte und weinte im gleichen Atemzug, sie lachte dem Geschöpfchen entgegen, das sie unter dem Herzen trug, und weinte mit der gleichen Zärtlichkeit um den Geliebten. Sie wußte wohl, daß er nie mehr zu ihr zurückkehren würde.
Er reiste von Hamburg nach Berlin weiter. Als derZug abfuhr, stand sie auf dem Bahnhof, senkte das Haupt in schütterndem Schmerz und hob den Arm vor die Stirn. So entglitt ihm das Bild. Hatte er das Weib geliebt oder gehaßt? – Wohl beides miteinander!
Warum er nach Berlin fuhr, war ihm selber nicht klar. Vielleicht nur, um mit seinem verunreinigten Selbst unterzutauchen im Menschengewoge der großen Stadt. Lieber wäre er heimgefahren zu Nick, aber zwischen der Heimat und ihm lag es wie Feuerlohen, durch die sich nur ein Mann mit einem guten Gewissen wagen durfte.