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Nun waltete Nick in dem hübsch eingerichteten Studentenheim im Universitätsviertel. Die Anforderungen, welche die neue Pflicht an sie stellte, waren groß, das Sicheinleben nicht leicht, aber ihr rascher Blick für das Notwendige, ihr guter Wille fanden Anerkennung, und sie fühlte sich in der neuen Umgebung beglückt. Jaberg hatte kein Wort zu viel gesagt. Wie wesensverschieden die Männer waren, die hier aus und ein gingen, – die feine Mütterlichkeit der Frau Professor glich alle Gegensätze aus, und der Ton der jungen Leute unter sich war vortrefflich: höflich, lebhaft, froh, bisweilen von strahlender Fröhlichkeit. Nick stellte sich unparteiisch mit allen gut und freute sich, Zeugin der anregenden Tischgespräche sein zu dürfen, die sich über alle Gebiete menschlichen Wissens ausdehnten, über Kunst, Literatur und Naturkundliches wie über Fragen des akademischen und öffentlichen Lebens.

Gerold von Jaberg war einer der stillsten im Kreis. Dem Manne, der gern und herzlich unter vier Augen sprach, lag die gesellschaftliche Unterhaltung weniger gut, aber wenn sich die andern mit der Frage an ihn wandten: »Was sagen Sie als Mediziner zu der Sache?« gab er ihnen seinen runden Bescheid. Schweigend anerkannten sie sein gediegenes Wesen. Und Nick lauschtewissensbegierig auf alle; sie lebte in einer Welt, die ihrem innersten Wesen entsprach.

Die Art, wie Jaberg sich ihr gegenüber gab: ein bißchen als der Erfahrenere, der Überlegene, doch offen und wahrhaftig, gefiel ihr. Dadurch, daß er verlobt war, waren ihrer Freundschaft von vornherein Grenzen gezogen. So fand auch Frau Professor Bretscher um so weniger dabei, als sie den untadeligen Charakter Jabergs kannte, und gönnte ihm die unschuldige Freundschaft mit dem Hausfräulein schon deswegen, weil er sich, wie der feine Leidenszug in seinem Gesichte verriet, in vielen Lebensgenüssen Schonung auferlegen mußte.

Hie und da fragte er Nick: »Kommen Sie auch genügend an die frische Luft?« und wandte sich an Frau Professor Bretscher: »Leihen Sie mir Fräulein Tappoli zu einem Lauf, nur für eine Viertelstunde!« Auch zu größeren Unternehmungen zog er sie bei, fast immer in Gesellschaft der anderen Studierenden. Oft ging's nach dem Abendbrot noch mit Nachbarstöchtern zu einer Mondscheinfahrt auf den See, einmal durch die Nacht zum Sonnenaufgang auf den Ütliberg, und bald war es zur Regel geworden, daß die Pensionäre den Sonntag auswärts verbrachten. In Gruppen zogen sie oft schon am Samstagnachmittag in die Berge, manchmal gab's in den Gasthöfen vor dem Schlaf ein Tänzchen, hie und da übernachtete man im Heu einer Sennhütte, erreichte am andern Tag ein schönes Ziel, kam am Abend todmüde nach Hause, und die gesamte Woche war's einem leicht und wohl.

Überall stand Nick unter dem ritterlichen SchutzeJabergs, und das geschwisterliche Verhältnis mit ihm wurde ihr eine Quelle reiner Freuden. Sie mußte oft an sich halten, daß sie ihre Lebenslust nicht wie ein Singvogel durchs Haus jubelte; auf den Alpmatten und den Gipfeln aber ließ sie ihrer Liederfreude freien Lauf und war schon wegen ihrer glockenhellen Stimme, welche die andern sicher zu führen vermochte, ein geschätztes Mitglied der Gesellschaft.

Es war im Hochsommer. Da standen sie ihrer vier Paare auf dem schmalen Gipfel des Großen Mythen und schauten in den Morgenstern, der in strahlendem Glanze über dem fernen Säntis aufgegangen war. Der Himmel wölbte sich hoch und hell, ein paar Wölkchen spiegelten sich wie rosenrote schwimmende Inseln in den noch blaudunkeln Seen. Die Spitzen der Berner Oberländer Berge begannen im ersten Sonnenstrahl zu glühen, die übrigen Höhen aber ruhten noch wie weiße schlafende Seelen. In den Tälern regte sich nah und fern verlorenes Morgenläuten. Die wunderbare Stimmung überwältigte Nick. Unvermittelt ergriff sie die Hand Jabergs und flüsterte ihm zu: »Ich muß Ihnen doch noch einmal danken, daß Sie mich in Ihren Kreis gezogen haben. Wie könnte ich so Schönes erleben ohne Sie?« Und in hellem Jubel rief sie in den strahlenden Morgen hinaus: »Gott, wie hast du die Welt herrlich geschaffen – die Welt und das Leben!«

Er sah sie glücklich an. »Ich wußte, daß es Ihnen bei uns wohl sein würde, und den Vorteil haben auch wir. Der Aufenthalt in der Pension ist jetzt noch angenehmer als früher, für mich namentlich.« Wie ein Knabelächelte er in sich hinein, und es herrschte zwischen ihnen ein Einverständnis wie wunschlose Liebe.

Wenige Tage nach dem schönen Ausflug aber merkten Nick und die Frau Professor, daß er Sorgen habe. Der leidende Zug in seinem Gesicht vertiefte sich, und er war wortkarg. Mütterlich wandte sich Frau Bretscher an Nick: »Ich gebe Ihnen von vier Uhr an frei. Gehen Sie mit dem armen Jungen spazieren! Vielleicht schüttet er Ihnen seine Schmerzen aus, und es wird ihm besser!« Schon die Vorfreude des gemeinsamen Wanderns gab ihm neuen Glanz in die Augen.

Nick benutzte den Weg, um nach Marie und dem Neugeborenen zu blicken. Da sagte die junge Frau verwundert: »Du wirst ja von einem Tag zum andern schöner!« »Es geht mir auch gut,« lachte Nick, erzählte eine Weile, sprang dann aber auf: »Entschuldige die Kürze meines Besuchs, ich gehe mit Jaberg nach dem Forsthaus Adlisberg.«

Droben im Walde legte er ihr frei, was ihn bedrückte: »Ich habe einen Brief von meiner Braut erhalten. Konstanze will es erzwingen, daß ich meine Studien wieder nach München verlege. Folge ich ihrem Rufe nicht, droht sie, dauernd zu mir nach Zürich zu kommen. Das eine wie das andere aber wäre mir ein Leid.«

»Wie sonderbar!« stieß Nick hervor.

»Darf ich Ihnen jetzt unsere Geschichte erzählen,« fuhr er fort, »die Tragödie einer schlecht belohnten Rettung? – Da muß ich Sie wieder hinaufführen auf jenes Rittergut Mecklenhof, von dem ich Ihnen bereits gesprochen habe. Uralt liegt es da, Herrenhaus, Ställe, Scheunen, einerKlosteranlage ähnlich ins Viereck gebaut, über dem starken Tor eine rostige Wetterfahne, am Turm der efeuumrankten Kapelle eine alte Uhr, die meines Erinnerns nie gegangen ist. Über die ungleich hohen und schwer bemoosten Hohlziegeldächer ragt, ein neueres Werk, ein leichter eiserner Turm. An seiner hohen Spitze klappert ein Windrad wie ein zierliches Gebilde der Luft und pumpt das Wasser für das Gehöft hinauf in einen Behälter. In der Ferne drehen ein paar Windmühlen langsam ihre Flügel, und bei hellem Wetter sieht man die Türme von Lübeck. Das Reizendste aber: durch die hohen Kornfelder, die im Winde wogen, ziehen die weißen Segel auf Wasserläufen, die dem Auge verborgen bleiben, zumal wenn das Korn reif ist – ein entzückendes Bild. Nun noch die grünen Wälle, mit denen die Buchenforste in die Landschaft schneiden, und die weißstämmigen Birken, die vereinzelt oder in Gehölzen beisammen ihre Äste und Zweige in geheimnisvolle Moortümpel senken. Alles durchblüht von roter Heide. – Da habe ich mit Konstanze von Lipönen Jahr um Jahr die Ferien verlebt.

»Als Kind ein Wildfang, wuchs sie sich zu einem bildschönen Mädchen aus: biegsame Gestalt, weißes Gesicht, Auge und Mund wie das Märchen, dazu reiches aschblondes Haar, das sich, wenn es niederfiel, bis unter die Knie in Locken ringelte. Stets war auch etwas Rotes an ihr, entweder in Haar oder Kleid: Heide, Mohn, Rosen, je röter desto lieber. Bei dem herrlichen Geschöpf brachen auch eine glühende Phantasie, eine reine, kräftige Singstimme und ein unverkennbares dramatischesTalent durch. Das war die Wendung ins Unglück. Niemand in der großen Familie wollte sie verstehen, besonders nicht mein Onkel, ihr Vormund, ein straffer Gutsherr, dem es als das schönste Lied erscheint, wenn auf dem Hof recht viele Pferde wiehern, Kühe brüllen, Schweine grunzen und Gänse schnattern oder draußen in den Brüchen ein brünstiger Hirsch schreit. ›Ihr sollen die Mücken ausgetrieben werden!‹ sagte er. ›Arbeiten soll sie!‹ Sie wurde der festknochigen derben Wirtschafterin beigegeben und stand nun vom Morgen zum Abend bei den Milchtöpfen, bei Eiern und Kuchen, Gänserupfen und Wurstmachen. Stets aber wieder stach sie der Teufel, sie trat unter die Knechte und Mägde der Leutestube, spielte die wahrsagende Zigeunerin, daß sich die einen krumm lachten und die andern zusammenschauderten, oder verkroch sich in die Ställe und auf die Böden, sang und blieb der Arbeit fern. Nun wußte mein Onkel, daß die größte Strafe für sie der sonntägliche Kirchenbesuch und das Vorsprechen auf andern Gütern war. Die Tanten und Muhmen schleppten sie überallhin mit, wo es recht sittlich, fromm und langweilig zuging. Doch siehe da! Die junge Dame streckte eines Tages dem Pastor die Zunge heraus, und wenn die Damen mitten im Klatschen waren, rief sie: ›Ich kenne auch eine Geschichte!‹ Boshaft die Anwesenden mit den Abwesenden verwechselnd, erzählte sie aus den Liebschaften eines Rittmeisters, daß eine von ihnen ohnmächtig zusammensank. Nichts war ihr heilig. Als eine alte Superintendentin erbaulichen Zirkel hielt, brach sie plötzlich mit einem Volkslied aus der Lüneburger Heidelos, das sonst nur die Männer in den Mund nehmen, und auch die nicht vor Damen. ›Woher dieses gräßliche Lied?‹ fragte die Tante entsetzt. ›Vom Schweinemeister,‹ lachte Konstanze. So machte sie sich gesellschaftlich unmöglich.

»Im Zorn ließ sich der Onkel beigehn, das doch schon große Mädchen zu züchtigen. Von da an verübte sie Streich über Streich, lief heimlich vom Gut fort und kehrte manchmal auch nachts nicht heim. Einmal sogar drei Nächte lang. Nur den Jagdhunden war es zu danken, daß man sie überhaupt wiederfand, draußen in einem seit mehr als hundert Jahren angebauten Torfmoor, in einer Gegend mit tiefen Wasserstellen und trügerischen, schwankenden Brücken aus Binsen, auf die sich nicht einmal der Jäger hingetraut. Ein Leiternwerk mußte über den Sumpf gebaut werden, um die Halbverhungerte zu holen. Sie geriet nun in den Verdacht, nach Selbstmord zu trachten, und in der Tat hat sie noch oft mit dem Leben gespielt. Ich sah selber, wie sie bei einem rasenden Sturm die dünnen, außerhalb des Gerüstes angebrachten Sprossen des Wasserturms bis zum Windrad hinaufstieg, wie die lange, schmale Spitze sich unter dem Druck des Sturmes und der menschlichen Last weit seitwärts bog, als müsse sie brechen. Da sang sie in den Lüften Lied um Lied! Der Hof lief zusammen, es war aber eine Unmöglichkeit, sie herunterzuholen, man mußte warten, bis sie freiwillig wieder zur Erde stieg. Die Frauen fielen vor Schrecken in Krämpfe, der Onkel wurde vor Furcht, daß sie plötzlich zerschmettert zu seinen Füßen liege, krank. Als er sich wieder erhob,waren er und alle Angehörigen einig, daß Konstanze mit Irrsinnsanlagen behaftet sei, und man sprach davon, ihr eine Wärterin zu geben.

»Nur ich erhob dagegen Einwände. ›Woran Konstanze leidet, das ist einfach ihre ungesättigte und unterdrückte Einbildungskraft, der Hunger nach Welt. Laßt sie einmal ein Jahr reisen! Wenn ihr es nicht selber mit ihr tun wollt, sorgt ihr für einen passenden Anschluß. Hilft das nicht, so steckt sie in Gottesnamen in eine Musikschule, damit sie sich die Brust aussingen kann, und laßt sie zur Bühne gehn. Das Theater ist für die Familie so ehrenvoll wie das Irrenhaus!‹

»Der Mecklenhof bekreuzte sich vor meinem wohlgemeinten Rat. Konstanze aber merkte, daß ich sie mit andern Augen betrachtete als die übrigen. Sie lachte oft: ›Du bist der einzige gescheite Mensch auf dem Gut.‹ Sie wurde mir sehr zugetan, ohne daß eine Liebschaft zwischen uns entstand.

»Die Wärterin aber kam, ein kräftiges, willensstarkes Weib, mit dem Gesicht einer Schleiereule und der Neigung für Rheinwein, ein Geschöpf, das den entwickelten Schönheitssinn Konstanzes empfindlich verletzte.

»Was tat diese? – Sie legte sich ins Bett, das Gesicht gegen die Wand, stand Tage, Wochen nicht wieder auf, klagte, wenn man sie dazu zwingen wollte, über Schmerzen in den Gliedern, gab vor, daß sie nicht gehen und nicht stehen könne, und ihr Gesicht, namentlich auch ihre Hände wurden so blaß und kraftlos wie die einer wirklich Kranken. Ärzte kamen, ein Halbjahr verging, irgend etwas mußte geschehen. Der Onkel tat dasTörichteste, was er tun konnte, er steckte sie mit der Wärterin in eine Privatheilanstalt. Der Arzt des Unternehmens war für jeden Leidenden und jeden Tag mit einem Sonderbetrag bedacht, fand also seinen Vorteil dabei, wenn er die Kranken nicht gesund werden ließ, und dieses Schicksal drohte auch Konstanze. Sie merkte es, und als ich sie im letzten Sommer besuchte, bat sie mich auf den Knien, für ihre Befreiung zu sorgen. ›Oder dann laß mir wenigstens das Taschenmesser da, damit ich die Wärterin umbringe, die ich hasse wie den Tod!‹ Ich erkannte leicht, daß die Zeugnisse des Arztes, welche die geistigen Störungen Konstanzes beweisen sollten, haltlos waren. Als der Onkel gegen meine Vorstellungen taub blieb, beschloß ich ihre Entführung aus dem für sie unerträglichen Haus. Die Geschichte verlief sehr einfach und am hohen, hellen Nachmittag. Ich schmuggelte etliche Flaschen Rheinwein in ihr Zimmer, kneipte mit der Wärterin und warf ihr ein Pulver ins Glas. Eine halbe Stunde später duselte sie ein. Der Gärtner, den ich mit einer Banknote bestochen hatte, rückte eine Leiter, auf der er die Schlingrosen an der Hauswand säuberte, ans Fenster und ging mit seinen Gesellen wie sonst zu Bier und Rettich. Der Augenblick der Flucht war da. Nachdem Konstanze der schnarchenden Wärterin übermütig mit Kohle einen Schnurrbart ins Gesicht gezeichnet hatte, gewannen wir über die Leiter hinab das Freie, im Schutz überhängender Bäume das an einem Wasserlauf bereitgestellte Boot und überwanden das letzte Hindernis, den Staketenhag, der um das Gebiet der Anstalt lief. Kein Ruf, kein Hundegebell, nicht dieSpur einer Verfolgung! Wir erreichten ein Städtchen. Jeden Augenblick einer polizeilichen Einmischung gewärtig, erwarteten wir den Schnellzug, der uns nach München brachte.«

»Und Sie waren der Entführung fähig, Jaberg!« rief Nick in höchster Überraschung.

»Leider Gottes!« erwiderte er halb mit einem Lachen, halb mit einem Seufzer. »Die Strafe folgte der Tat auf dem Fuß. Ich fuhr aus Freude über die gelungene Flucht mit Konstanze in einer Wagenabteilung erster Klasse die lange Nacht mit ihr ungestört allein. Ich konnte vor Aufregung nicht schlafen. An meiner Schulter, an meiner Brust aber schlummerte, das aschblonde Haar halb gelöst, die Befreite, im Gesicht einen rührenden, seligen Ausdruck des Geborgenseins. Nach ein paar Stunden schlug sie die Augen auf. Eine verträumte, süße Zärtlichkeit lag darin, dann kam etwas Lechzendes in ihre Züge, ich spürte, wie ihre Lippen nach den meinen zuckten. Da geschah, was nicht hätte sein sollen. Wir verlobten uns – ein Unsinn! Die Wahrheit: sie trug die größere Schuld als ich! Und darum ist kein Mensch so gut imstande, zu verstehen, wie Ulrich Junghans gegen sein besseres Wissen und Wollen der ungarischen Tierbändigerin erlag.«

»Wie furchtbar!« flüsterte Nick vor sich hin.

»München!« fuhr Jaberg in seiner gelassenen Art fort. »Wir eilten von einem berühmten Arzt zum andern, um einer Wiedereinbringung der Geflüchteten in die Anstalt mit einer Menge prächtiger Gesundheitszeugnisse begegnen zu können. Wir blieben jedoch unbehelligt,wohl weil die Leitung den größern Vorteil darin sah, unliebsames Aufsehen zu vermeiden. Auch mit dem Mecklenhof glättete sich die Angelegenheit. Schadenfroh schrieb mir der Onkel: ›Jetzt siehe du zu, wie du mit dem Kobold fertig wirst.‹ Jedenfalls hatte ich Recht, daß meine Braut in kein Krankenhaus gehörte. Sie war in München so gesund wie das Wild im grünen Klee, nahm auch gleich am Konservatorium ihre Musikstudien auf, und als sollten alle Vergnügungen der Stadt in einem Atemzug genossen sein, schleppte sie mich von Kunstsammlung zu Kunstsammlung, von Theater zu Theater, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Schwabing bis nach Nymphenburg und Bogenhausen hinaus. Doch was sie an Musik und anderer Unterhaltung spielend ertrug, war für mich ein Übermaß.

»So kam's, daß mich ein Nervenstoß über den Haufen warf. Wie ein Fallsüchtiger lag ich in einer Art Starre Tage, Wochen unter unsäglichen Schmerzen. Den Morgen, den Abend, die Nacht bereute ich das Abenteuer der Verlobung. Konstanze sah selber halb ein, daß meine Kräfte nicht ausreichten, um mit ihr nach ihrem Stil zu leben, und erlaubte mir in einem Anfall von Großmut, mich von ihr zu trennen und meine Studien in Zürich weiterzuführen. – Aber jetzt?«

Verdüstert schwieg Jaberg. Nick sprach auch nicht. Jedes mit seinen Gedanken beschäftigt, schritten sie den schmalen Waldweg, über dem sich Tannen und Buchen wie eine Laube wölbten.

Da griff er wieder zum Wort: »Meine Lebenskraft und die meines künftigen Weibes stehen in keinem Verhältniszueinander. Wo fehlt es mir? Ich bin nicht krank, mein Leiden besteht einzig darin, daß ich der Sprosse eines alten, ausgeschöpften Geschlechts bin, dessen Haudegenzeit leider längst vergangen ist. Statt Ackerbau, Jagd, Krieg trieben die Jaberg der letzten Jahrhunderte Diplomatie, Kunst und Wissenschaft, heirateten statt kräftiger Bäuerinnen oder Zigeunerinnen verfeinerte Weiber, – und ich bin das bedauernswerte Endergebnis dieser Zucht.«

»Aber Jaberg,« unterbrach Nick seine Selbstverhöhnung mit tadelndem Ton. »Sie übertreiben!«

»Nicht im mindesten,« erwiderte er ruhig. »Ich kenne mich selbst. Ein Fehler war auch, daß ich mich dem ärztlichen Studium zugewendet habe. Um mir selber helfen zu können, tat ich es, habe aber damit nur das Gegenteil erreicht, eine quälerische Selbstbeobachtung. Und bei wie vielem kann ich nicht mittun, was sonst ein Studentenherz erfreut! Zeche ich einmal wie die andern, so leide ich darunter eine Woche. Überhaupt, ich bin nicht so jung, wie ich sein sollte. Meine Stimme raschelt wie der Herbstwind im Wald, mein Kopf ist ein Stoppelfeld: etliche Jahre noch, und ich kann mich mit meiner Tonsur als Mönch einkleiden lassen.«

»Aber denken Sie an unsere schönen Bergwanderungen,« mahnte Nick. »Wie waren Sie da stets frisch!«

»Ja, die Natur!« versetzte er aufatmend. »Bei ihr Lebenszuflucht zu suchen, war seit Jahren mein Traum. Den Doktor wollte ich mir erringen, aber dann auf einem kleinen Gute Landwirt werden. Nun hat mir aber die Verlobung mit Konstanze diesen einzig vernünftigenWeg abgeschnitten. Nie wird sie Bäuerin. Ihre Welt ist der Konzertsaal, das Theater, die Gesellschaft – Orte, vor denen mir graut. Und der Schrecken von Mecklenhof ist selbstverständlich immer noch kein Vorbild der Weibessanftmut, sondern der leibhaftige Eigensinn. Bis zu Tränen wird sie zornig, wenn ich bei ihren Zerstreuungen nicht mittun kann. Folge ich ihrem leidenschaftlichen Ruf nach Wiedervereinigung, – was geschieht? Bald wird man mich als kranken Mann in eine Heilanstalt bringen müssen.«

Auf allerlei Wegen waren sie durch die Jung- und Hochwälder des Zürichbergs gegangen und ruhten nun beim Forsthaus auf waldumschlossener Wiese. In breiten Wellen lagen Tal und Hügel der östlichen und nördlichen Landschaften vor ihnen bis hinaus zur altersgrauen Kyburg, stilles Bauernland mit stillen Dörfern. Im nahen Tann piepten die Meisen, aus dem Buchenwald herüber pochte der Specht.

Nick blieb still. Das Bekenntnis ihres Freundes hatte sie erschüttert, zugleich war in ihr etwas Unglückliches erwacht, ein heißer Verdruß. In Jaberg hatte sie stets den Mann gesehen, an dessen Charakter kein Stäubchen klebte. Nun war er nach seiner eigenen Beichte einem Weib erlegen, das für ihn nur ein Lebensunglück werden konnte. Irgendein Frauenmund winkte, – herein fielen die Männer und zerbrachen sich das künftige Leben. Und was waren das für Weiber draußen in der Welt, die den ersten günstigen Zufall benutzten, um die Männer an sich zu reißen?

Den Waldsteig herauf kam ein Wanderer, der sang:

»Und ist es nicht das Röselein,So ist es doch das Nägelein.Was sagst du, Herz, dazu? –«

»Und ist es nicht das Röselein,So ist es doch das Nägelein.Was sagst du, Herz, dazu? –«

Überall das Gleiche! Wenn es die eine nicht war, war es die andere, wenn nicht die Lilie so die Schattenblume. Wie abgründig hatte Gott die Menschen erschaffen, Mann wie Weib!

Ein artiges Wirtsmädchen kam, Jaberg bestellte sich Weißwein, Brot und Speck und für Nick Kaffee mit Kuchen. Nun war es doch ein freundliches Ruhen in der Abendsonne und unter den grünen Bäumen, die ihre Schatten schräg und lang über die Wiese warfen. Die Stimmung Nicks wurde auch wieder besser.

Da spürte sie, wie die Augen Jabergs in geheimer Zärtlichkeit auf ihr ruhten. Das Blut stieg ihr in die Wangen, und unruhig flüsterte sie: »Wir werden gehen müssen.« Sie kam nicht mehr auf seine Beichte zurück. Was hätte sie dazu sagen können? Und er selber hatte auch keine Lust, noch weiter von Konstanze zu sprechen.

Wie still war der Abend im Forst! Nur eine Wildtaube hörte man gurren. Auf dem schmalen Fußwege ging er hinter Nick. Er pflückte einen Halm und ließ ihr die Spitze an die Wange streichen. Wie wenn sie eine Fliege davonjagen wollte, fuhr sie mit der Hand über das Gesicht, erst beim dritten Male merkte sie den Scherz. Sie wandte sich um und lachte: »Mir scheint, Ihnen ist leichter geworden.«

»Wenn man mit Ihnen geht!« gab er ebenso lachend zurück. Dann wurde es wieder still zwischen ihnen. Als sie die Höhe erreichten, tanzten doch noch goldeneSonnenfunken im Wald. Nach einer Weile sagte er mit leiser Verdrießlichkeit: »Jetzt kommt schon wieder die Stadt.« Sie pflückte Blumen, um damit den Abendtisch zu schmücken.

Da legte er seine Hand in die ihre. Mit einem ängstlichen Blick ließ sie ihn gewähren, sie wußte nicht, was werden sollte. »Was haben Sie für eine kühle Hand!« flüsterte er. »Nick, den ganzen Weg habe ich geträumt, wie schön es wäre, wenn Sie meine Frau würden! Ich habe Sie ja schon als Junge geliebt, und jetzt, als ich Sie nach Jahren wiedersah –« Sie stand bis ins Herz verlegen vor ihm, fand sich aber sofort: »Geträumt – es ist gut, daß Sie selber so sprechen. Noch besser wäre es, Sie erzählten mir Ihre Träume nicht. Die müssen ja doch Träume bleiben, – deutlich genug haben Sie selbst mir das heute erklärt.« Leise entzog sie ihm die Hand.

Da nahm er sie wieder und drückte einen Kuß darauf. »Verzeihen Sie mir, Nick,« bat er zerknirscht, hatte aber im nächsten Augenblick schon wieder das liebe Jungengesicht, dem niemand zu zürnen vermochte. »Ich weiß wohl, daß es ein Märchen ist. Es geht mir nicht so gut wie dem armen Heinrich, dem Rittersmann, der am Aussatz gestorben wäre, hätte sich nicht eine reine Jungfrau bereit erklärt, ihr Blut für ihn dahinzugeben. Aber ich darf doch das Märchen träumen, ich sei der Aussätzige und Sie das Mädchen, das wie durch ein Wunder mein eigen wird und mir mit ihren linden Händen über die Stirne und Lider streicht, bis sich die erregten Nerven wie Hunde niederlegen müssen. Sie haben ein so schönes Talent, zu beruhigen!«

»Und Konstanze von Lipönen?« erwiderte sie bitter.

Nun stand er wieder auf dem Boden der Wirklichkeit. Mit düsterm Ernst entgegnete er: »Nick, Sie sind grausam.«

Unterdessen waren sie aus dem Walde getreten. In Goldrauch lagen zu ihren Füßen Stadt und See, die Wasser belebt von Booten und Segeln. Nick liebte sonst das Bild, aber jetzt beachtete sie es kaum. In ihrer Seele wogte nur das Empfinden, daß zwischen Jaberg und ihr etwas anders geworden sei, daß er in ihr das Weib sehe, sie in ihm den Mann, und daß ihr auf den Ton der Geschwisterlichkeit abgestimmter Verkehr in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Die Wendung tat ihr leid. Es war ja nicht denkbar, daß sich daraus etwas Ersprießliches gestalte, sondern wahrscheinlich, daß darüber die feine Freundschaft in die Brüche ging.

Nur einmal kam Jaberg auf das Gespräch ihres Spazierganges zurück. Er teilte ihr erleichtert mit, seine Braut habe sich beruhigen lassen und eine gleich ihr künstlerisch begabte Freundin verschönere ihr jetzt den Münchener Aufenthalt. Auch waren die großen Ferien da, die er im Norden verbringen wollte. Sein Abschied war ein herzliches: »Auf Wiedersehen, liebe Nick!« –

Nun spann sie ihrerseits das Märchen der Liebe. Der Gedanke, daß eine ererbte Schwäche an Jabergs Wesen hafte, beschwerte sie nicht, es kam sogar ihrer innersten Anlage entgegen, daß er der weiblichen Fürsorge bedurfte, und in ihrer Seele lag eine große Klarheit, daß keine wie sie es verstehen würde, ihm das Leben ruhigund wonnig zu machen. Plötzlich aber zerriß sie die Goldfäden der Träumerei. Was wollte sie neben Konstanze, die auf Jabergs Treue Anspruch erhob und zu diesem Anspruch berechtigt war?

Ohne daß er ihr ein Versprechen gegeben, schrieb Jaberg ihr ein paarmal von Mecklenhof, später von der Insel Borkum. An seinen Briefen durfte sie sich freuen, treues Gedenken atmete daraus, Naturlust und feiner Humor. Gegen Ende der Ferien blieb lange ein Brief von ihm aus, dann kam er selber mit dem leise aufjauchzenden Gruß: »Gottlob, da bin ich wieder bei Ihnen, Nick!« Als sie ihrer Freude Ausdruck gab, ihn so frisch und munter zu sehen. entgegnete er: »Vor vierzehn Tagen war es nicht so. Konstanze kam auf die Insel, und ihre Ansprüche an meine Gesellschaft warfen mich wieder auf den Schragen. Nur der glücklichen Vorempfindung, Sie wiederzusehen, verdanke ich es, daß ich so rasch hochgekommen bin!«

Lange war es wieder still zwischen ihnen, und es hätte scharfer Augen bedurft, um das besondere Einverständnis, das sie verband, aus dem täglichen Verkehr herauszumerken. Das Pensionsleben ging seinen Lauf. Nick erfüllte ihre Pflichten in Frohsinn. Es war so schön unter den vielen jungen Leuten, die sich ihre Ferienerlebnisse erzählten und, als sie damit zu Ende gekommen waren, Winterpläne entwarfen. Auch stand vom Herbst an eine vorzügliche Schauspieltruppe in der Stadt, die Theaterlust beherrschte die Pension, manche Eintrittskarte wurde Nick zuteil, und ein besonderer Genuß war ihr stets der Heimweg im sachteherabgleitenden Schnee. Die jungen Freunde besorgten und beschützten sie, und die Weihen einer Jungfrau von Orleans, einer Emilie Galotti oder einer Desdemona gingen ihr durch die Seele.

So kam der erste Hausball. Da schlug mitten in die fast ausgelassene Heiterkeit der Jugend ein jäher Blitz.

Schon war die Mitternacht vorüber, als Jaberg hinausgerufen wurde, da ein Herr ihn sofort zu sprechen wünsche, und nach einer Viertelstunde ängstlichen Harrens wurde auch Nick in das Zimmer gebeten, in dem sich Jaberg mit dem Fremden besprach. Da erfuhr sie, daß dieser, ein mit Jaberg befreundeter Arzt aus München, soeben eiligst von dort gekommen war, um ihn so schnell wie möglich zu seiner Braut zurückzuholen. Konstanze habe aus seinen Briefen herausgefühlt, daß er ihr mehr und mehr entgleite, gestern sei ihr das plötzlich zu einer unumstößlichen Gewißheit geworden, und in ihrer ungestümen Art sei sie auf den Bahnhof gelaufen, um sogleich zu ihm nach Zürich zu fahren; da aber in den nächsten Stunden kein Zug in die Schweiz fällig gewesen, sei sie nicht etwa im Warten zu ruhiger Besinnung gekommen, sondern immer aufgeregter geworden, bis sie sich auf einmal einer rasch hereinfahrenden Lokomotive entgegengestürzt habe – zweifellos in der Absicht, den Tod unter ihren Rädern zu suchen. Durch die Geistesgegenwart eines beherzten älteren Herrn an diesem schrecklichen Vorhaben gehindert, sei sie ohnmächtig zusammengebrochen und liege nun im Spital, wo sie in heftigen Fiebern jammernd nach ihrem Bräutigam verlange. Das einzige, was sieretten könne, so schloß der Arzt, sei Jabergs sofortiges Kommen.

Ernst und bleich sah dieser bald versunken vor sich hin, bald schmerzerfüllt und flehend in die Augen Nicks, als ob er von ihr Rat und Rettung erwarte.

Da erhob sich diese und ergriff mit festem Druck seine Hand. »Leben Sie wohl,« sagte sie leise, aber entschieden. »Es gibt keinen anderen Weg für Sie. Helfen Sie der Armen!«

Mit diesen Worten verließ sie ihn und begab sich auf ihr Zimmer. Noch klang die fröhliche Tanzmusik durch das Haus, doch fand Frau Bretscher den Augenblick, ihr zu folgen. In höchstem Erstaunen teilte sie ihr mit, daß Jaberg soeben mit dem Fremden aus dem Hause gegangen sei und ihr durch das Mädchen einen verschlossenen, hastig geschriebenen Zettel habe überreichen lassen. »Liebe Frau Professor!« stand darauf. »Ich muß fort, für immer. Nick wird Ihnen alles erklären. Der Festigkeit dieses herrlichen Mädchens verdanke ich, daß ich die meine wiedergefunden habe. Leben Sie wohl, verehrte Frau! Wegen meiner Sachen schreibe ich Ihnen aus München. Allezeit Ihr dankbarer Gerold von Jaberg.«

In wenigen Sätzen gab Nick der herzlich teilnehmenden Frau die nötigste Auskunft und bat sie, Näheres auf den kommenden Tag zu verschieben; jetzt aber möge sie zu den Gästen zurückkehren und Jabergs plötzliche Abreise mit einer Familienangelegenheit begründen, ihr eigenes Fernbleiben mit Kopfschmerz entschuldigen.

Allein geblieben, schritt Nick noch lange in ihremZimmer auf und ab, in das nur noch kurze Zeit das Geräusch des Balles heraufdrang: die Gäste mochten doch das Gefühl haben, daß der Zwischenfall ein für den allgemein beliebten Jaberg unerfreulicher gewesen sei, und beendigten das Fest früher, als Nick erwartet hatte.

Sie fragte sich immer wieder, ob es denn wahr sei, was in dem Briefchen Jabergs gestanden hatte: daß ihre Festigkeit ihm die seine wiedergegeben habe. Und in ihrem Nachsinnen darüber wurde ihr klar, was für eine Bedeutung ihre Freundschaft mit Jaberg für sie haben sollte. In aufdämmernder Selbsterkenntnis hatte sie einst in der Unsicherheit ihrer Gefühle einen verhängnisvollen Fehler ihres Charakters gesehen – jetzt war sie darüber hinausgewachsen in der strengen Schule des Lebens, jetzt hatte sie diese Unsicherheit überwunden und sah ihren Weg klar vor sich.

Und in einem heiteren Morgentraume ging sie Hand in Hand mit Ulrich Junghans durch die Gefilde ihrer Kindheit.


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