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Ulrich wohnte mit Gerold und dessen Vater in dem Schlößchen, das mit vier großen Pappeln vor dem Giebel auf der Höhe von Kreuzlingen steht und über Konstanz, den Bodensee und den Rhein hinausblickt. Jeden Morgen wanderten die Freunde mit ihren Büchern hinab in die Stadt. Gerold, der wohl wegen des Adelstitels, aber auch wegen seines liebenswürdigen Wesens von den Mitschülern viel umworben war, hielt mit niemand treuere Freundschaft als mit dem Gespielen von Eglisau, der, aus härterem Stoff geschaffen, die größere geistige Spannkraft besaß und in seinen Gedanken tiefer grub. Der junge, weichgeartete Edelmann, der nur durch eine rührende Pflichttreue und hingebenden Fleiß mit dem begabteren Freunde Schritt zu halten vermochte, sah ihn oft mit leistraurigem Lächeln an. »Gott, wär' ich so frisch und stark wie du! Mein Vater hat wohl Recht, wir leiden unter dem alten Blut.«
In der feinen Seele Gerolds wohnte aber noch ein Schmerz, über den er nicht sprach, den Uli jedoch ahnte: das Leid darüber, daß sich die Eltern geschieden hatten. Jedes Jahr zweimal verbrachte er die Ferien bei der Mutter, die auf einem Gute bei Lübeck in ihrer Heimat lebte. Dann kam er jedesmal etwas bedrückt an den Bodensee zurück. Was war es für ein herbes Knabenlos,die Mutter zu entbehren, wenn er beim Vater weilte, den Vater, wenn er bei der Mutter zu Besuch war! Er liebte beide zärtlich. An diesem Zwiespalt lag es wohl, daß aus seinem sonst rüstigen Wesen stets etwas wie ein stummes Leiden sprach.
Desto mehr fühlte Uli sich verpflichtet, Gerold ein herzlicher Kamerad zu sein, und durfte sich getrösten, daß er die Wohltaten, die ihm Doktor von Jaberg in väterlichem Wohlwollen erwies, an den Freund nach bestem Vermögen heimzahle. Er verlebte auf dem Schlößchen zwei schöne Jahre, und als die hellsten Lichter darin erschienen ihm die Wandertage, an denen sie mit Vater Jaberg die Gestade und Städtchen des Bodensees und des Oberrheins durchstreiften. Aus der Wärme seines Wesens und der Fülle seines Wissens plauderte der Gelehrte mit ihnen. »Mir ist der Bodensee ein Heiligtum, ein Urherd menschlicher Kultur, die Stätte, an der sich die frühesten Schicksale Mitteleuropas begeben haben.«
Für seine Studien hätte er sich keinen eifrigeren Schüler wünschen können als Ulrich. Und der Junge nährte nur den einen Wunsch, daß ihm das Leben stets so freundlich gesinnt bleiben möge wie in den Konstanzer Tagen.
Als er sich dabei überraschte, lag ihm aber vom letzten Besuch im Elternhause her schon ein tiefer Kummer in der Brust. Der Vater war an einem hartnäckigen Husten erkrankt, die Backenknochen stachen ihm unheildrohend hervor, er fiel aus den Kleidern, und sein schöner blonder Bart begann bereits zu ergrauen.
Bald besuchte Ulrich die Eltern wieder. Da fand erden Vater, der bis dahin aus lauter Liebe zu den Kindern in den Fragen der Erziehung fast zu streng gewesen war, plötzlich von einer Milde, die ihn erschreckte. In einem Zug tat ihm das veränderte Wesen, die herzliche Güte des Leidenden wohl und weh.
Als er den Eltern gute Nacht bot, hielt ihn die Mutter zurück. »Wir haben mit dir Ernstes zu sprechen, Uli. So sehr wir die Güte des Herrn von Jaberg gegen dich schätzen und uns deiner vortrefflichen Zeugnisse freuen, so kann von deinem Gymnasialbesuch doch nicht weiter die Rede sein. Du mußt in die Werkstatt treten und den Vater entlasten. Wir haben uns lange gegen den Gedanken gesperrt und Friedrich heimrufen wollen, aber sein Meister gibt es nicht zu. Also müssen wir uns an dich halten. Wie schmerzlich es dir sein mag, armer Bub, so kennst du nun deine Pflicht! In einer so großen Familie wie der unsern muß eins dem andern helfen und Opfer bringen. Und du hast ja nicht nur den hellen Kopf für die Studien, sondern auch die ebenso geschickten Hände für die Arbeit. In Gottes Namen füg dich drein.« Der blasse, hüstelnde Vater nickte. »Ja, so ist's leider, Uli. Ich hätt's dir besser gegönnt!«
Dem Knaben verschlug die elterliche Eröffnung die Sprache. Im Bett weinte er still und heiß. Es war ihm unendlich schwer, den Traum aufzugeben, daß er sich ähnlich wie Doktor von Jaberg den Wissenschaften widmen könne und sein Name einmal von den Erfolgen einer gelehrten Laufbahn umglänzt werde. Ihm war, diese Nacht lege seine Jugend in Trümmer, eine blühende Welt, deren Schönheit er erst jetzt begriff, da sie fürihn unterging. Am Morgen jedoch trat er gefaßt vor die Eltern: »Also werde ich Schmied und kehre bloß nach Konstanz zurück, um mich von Gerold und seinem Vater zu verabschieden.«
Die Aussprache mit diesen beiden ging leichter, als er sich gedacht hatte. »Auch bei uns liegen Pläne vor, die tiefer in mein Leben eingreifen,« erzählte ihm Gerold. »Die von meinem Vater kürzlich veröffentlichten ›Wanderstudien aus der Vorgeschichte des Bodensees‹ haben ihm mancherlei Anerkennung eingetragen. So die Einladung der mit reichen Mitteln ausgerüsteten Prähistorischen Gesellschaft in Kopenhagen, daß er zur Heranbildung junger dänischer Forscher in Jütland und auf den benachbarten Inseln ähnliche Untersuchungen alter Kulturreste und Denkmäler veranstalte wie am Bodensee. Der Antrag lockt ihn; es gibt dagegen nur das einzige Bedenken, daß ich mich wegen meines Bildungsganges von ihm trennen muß. Ich habe ihm aber gesagt, daß ich gern wieder eine Weile bei meiner Mutter leben würde. So wird es wohl kommen, vom stillen Gut Mecklenhof aus werde ich das Gymnasium in Lübeck besuchen und meinen Vater, der dem dänischen Ruf folgt, nur noch dann und wann sehen. Ich habe mir über diese Wendung deinetwegen Gedanken gemacht, Ulrich. Ich wollte dich einladen, mit mir in den Norden zu ziehen; doch ein Schweizer Junge würde es dort oben vor Heimweh kaum aushalten. So bitter für uns das Scheiden ist, – das Schicksal, das dich in die Werkstatt zwingt, erleichtert es mir, vom schönen Konstanz hinwegzugehen. Im übrigen werde ich gelegentlich wohlwieder in die Gegend kommen. Und wir bleiben Freunde.«
Herzlich waren auch die Abschiedsworte des Doktors: »Ulrich, wenn du je im Leben Anstoß findest und weißt nicht, wo aus und ein, so wende dich an mich.«
An kühlem, sonnigem Morgen gab Gerold dem Schulgenossen das Geleit über die Höhen am Untersee. Stahlblau lag das Gewässer im Frühlingsfrieden und der unendlichen Stille des weitgespannten Himmels. Zum erstenmal und wohl unter dem Eindruck der bevorstehenden Trennung sprach er ausführlich von seinen Eltern. »Beide sind so herrliche Menschen, daß ich nicht weiß, wen höher stellen, Vater oder Mutter. Sie sind aber zu weit auseinander geraten, als daß sie sich je wieder die Hände reichen könnten. Die Mutter, eine groß und lebhaft begabte Frau, mochte ohne das gesellschaftliche Leben der Städte nicht auskommen. Die schonungsbedürftigen Nerven des Vaters ertrugen es nicht. Darüber entstand unter den Gatten Streit. Die Mutter trotzte und verlebte einen Winter allein bei Freunden in Berlin. Dort lernte sie einen berühmten Sänger kennen; es ereignete sich, was den Vater zur Scheidungsklage bewog. Seither leben sie beide einsam. Und ich, das Kind ihres ersten Jahres, bin das zwischen ihnen hin- und hergeworfene Opfer.«
Gerold schwieg, erst nach einer Weile setzte er hinzu: »Warum ich davon sprach, Ulrich? – Ich meine, du solltest nicht so furchtbar traurig sein über die Wendung in deinem Leben. Du hast doch Eltern, die einig sind!«
Ulrich war es, das Herz Gerolds sei dem seinen nochnie so nahe gewesen wie in dieser Stunde. Sie versprachen sich, wie weit das Leben sie jetzt auch auseinander führe, miteinander einen Briefwechsel zu unterhalten, und unvermerkt waren sie auf ihrer Morgenwanderung über die Höhen nach dem Schlößchen Arenenberg gekommen. Sie plauderten nicht mehr, sondern hielten stille Ausschau über das liebliche Gelände, über die von blauen Wassern eingefaßte Insel Reichenau, die anmutigen Burgenhügel des Hegaus, und der letzte Blick Ulrichs hing an dem aus breiter Ebene ragenden Konstanzer Münster. Er wußte, die Tage, die er im Bannkreis des ehrwürdigen Bauwerks verbracht hatte, würden zu den schönsten seines Lebens zählen.
Von der Reichenau herüber kreuzte der Dampfer, der Augenblick des Abschieds war da. In stummer Erschütterung trennten sich die Freunde.
Die wunderschöne Fahrt rheinab bis nach Schaffhausen und die weite Straße von da nach Eglisau legte Ulrich in düsteren Träumen zurück. Als der Abend über die Giebel hereindämmerte, schlenderte er umschauhaltend die Hauptgasse des Städtchens hinab auf die Rheinbrücke. Die Betglocke läutete. Aus der Kirche traten zwei Mädchen und schauten auf den Strom, das Kind des Mesners, das er stets mit einer plattgedrückten Zwetschge verglich, und neben ihr Nick, die von jeher gern beim Läuten half. Bei ihrem Anblick ging ihm ein Stich durchs Herz, er hätte ihr Grüße von Gerold bestellen können, aber er dachte: »Bah, der Flattervogel!« und ging mit mürrisch-linkischem Gruß vorüber. Er brachte aber das Bild der Zwölfjährigen lange nichtmehr aus dem Sinn, die dunkeln Blitzaugen, die langen Wimpern, das weiche, krause Haar, das sich kaum bändigen ließ, die roten Wänglein und die noch viel rötern Lippen. Er suchte es zu vertreiben, indem er an die vielen hübschen Mädchen dachte, die er in Konstanz gesehen hatte, sein Herz aber schrie: »Schöner als Nick ist keine!«
Um sechs Uhr am andern Tag stand er in einem von Friedrich zurückgelassenen Lederschurz neben dem Altgesellen Thomas und dem jungen Sebastian, einem recht geschickten Arbeiter, doch lockern Vogel, in der Werkstatt.
Er konnte kaum mehr als Lehrjunge gelten. Die selbständige Herstellung eines dreiteiligen Taschenmessers mit Klinge, Säge und Ahle war ihm schon aus den Knabenjahren her ein geläufiges Spiel. Nur ein paar Schläge auf dem kleinen Amboß, und von dem im Kohlenfeuer rotglühend gemachten Stahlband fielen bereits Klinge um Klinge, ebenso Ahle um Ahle, Sägeblatt um Sägeblatt, Feder um Feder, Platine um Platine, die Bleche für die Fächer des Messers. Rasch formten sich ihm die Bäckchen, die versilberten Kleinstücke, die das Heft vorn und hinten einfassen, und dieses selbst, aus einem Kuhhorn geschnitten und zwischen Holzzangen geradegepreßt. Der Bohrer quirlte, der Niethammer schlug, – das Messer war zusammengestellt; und was daran noch roh, matt und unvollkommen erschien, das erhielt am surrenden Schleifstein und auf den Schmirgelscheiben jenen Glanz, die Glätte und Feinheit, mit der ein neues Stück in der Auslage lockt.
Nicht minder leicht liefen ihm Sensen und Scheren aller Art aus der Hand; er besaß die spitzen Finger desVaters, die von selber zweckmäßig und sicher tasteten, griffen, hantierten, und das Gefühl für die Genauigkeit des Schaffens. Die Arbeit aber verrichtete er mit einer solchen Trockenheit und Verbissenheit, daß den andern die Lust zu Gesprächen mit ihm verging. Indessen verstanden sie sein unliebenswürdiges Wesen und trugen es ihm nicht weiter nach. Der Vater freute sich aufrichtig seiner zähen, wenn auch mürrischen Tüchtigkeit und übersah das Gedrückte in seinem Wesen.
Die Mutter blickte tiefer in Ulrichs Seele. Als er an einem Regensonntag gelangweilt in der Stube saß, fragte sie: »Warum langst du denn nie mehr zu deinen Gymnasialbüchern? Du könntest doch für dich selber manches daraus lernen!« »Ich habe sie auf der Esse verbrannt,« erwiderte er finster. Da wußte sie, wie es um ihn stand. Sie lächelte ihm aber zu: »So furchtbar traurig solltest du nun doch nicht sein. Wie sind der Vater und ich deiner Hilfe froh! Wenn wir schon fast nicht wissen, woher das Geld nehmen, haben wir doch den Plan, daß er zur Heilung seines Hustens etliche Wochen in die Berge gehen soll. Das dürfen wir nur wagen, weil du dich so tapfer in die Stränge stellst!«
Und als der Vater dann verreiste, lief das Geschäft auch ohne ihn. –
Im Hochsommer überraschte Gerold von Jaberg den Schmied mit seinem Besuch. »Jung Siegfried war ein stolzer Knab'!« rief er dem Freunde zu, der vom Feuer der Esse umsprüht, von Qualm und Dampf umwirbelt vor einem Steinbecken stand, in dem er ein paar weißglühende Eisen kühlte. »Ich kann dir die Hand nichtreichen,« erwiderte Ulrich, »aber in einer Viertelstunde bin ich zu deiner Verfügung.« Er warf sich in den Sonntagsstaat und versäumte Gerold zu Ehren ein paar Stunden der Arbeit. Sie schwärmten hinaus nach den drei einsamen Föhren der Grenze und dem Heidenbühl und blickten von dort miteinander ins Hochgebirge, das Gipfel an Gipfel, Haupt an Haupt, ein geheimnisvoll leuchtender Silberkranz im fernen Süden stand.
Gerold erzählte ihm, daß sein Vater nun tatsächlich nach Dänemark und er selber in die Gegend von Lübeck übersiedeln werde und sie schon morgen abzureisen gedächten. In einem ländlichen Gasthaus hielten die Freunde Einkehr, und so lieb nun dieser letzte Besuch Gerolds gedacht war, merkte Ulrich doch, wie die Augen des jungen, schönheitssinnigen Edelmannes verlegen und mißbilligend auf seinen Werkhänden ruhten, auf den vom Feuer und kalten Wasser herrührenden Rissen, aus denen sich der Ruß auch mit Seife und Bürste nicht entfernen ließ. Er war zu stolz, sich zu entschuldigen, wurde aber über den Blicken Gerolds selber verlegen und fühlte, wie ihre Wege nicht nur nach den äußeren Schicksalen, sondern auch nach der seelischen Entwicklung auseinanderliefen: der seine hinein in die derbe Arbeit, derjenige Gerolds in die geistige Verfeinerung. Fast still legten sie den Weg ins Städtchen zurück.
So kam, von keinem gewollt, das Ende der schönen Knabenfreundschaft, und ein paar Briefe, die sie später noch wechselten, waren nur der Ausklang der gemeinsamen Jahre.