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Ulrich vergaß nie, daß er Gymnasiast gewesen war, und die Mitgesellen, gegen die er allmählich freundlicher wurde, achteten seine Bildung, Thomas namentlich. Der nun zu einem alten Männchen verschrumpfte Hagestolz hatte in jungen Jahren so viel von deutschen und österreichischen Landen gesehen, daß er eine Menge Mundarten durcheinander sprach. Sogar hinüber nach England in die Fabrikstädte Manchester und Birmingham war er gekommen und zwei Jahre in Paris in einer Werkstatt für chirurgische Instrumente tätig gewesen. Wie wenn er dem Meisterssohn Trost bringen sollte, erzählte er ihm oft von den Aufenthalten in der weiten Welt und ließ dabei den halbverlorenen Blick in wiedererwachtem jugendlichem Glanz aufleuchten. Ulrich merkte aus den Reden des Alten wohl, daß es etwas ganz besonders Schönes um die Wanderjahre eines Handwerksburschen sein müsse. Auf die Zeit, da er selber Länder und Völker sehen würde, freute er sich tiefinnerlich, und der Gedanke daran leuchtete über dem Beruf, den er hatte unfreiwillig ergreifen müssen, wie ein Stern, der einen nächtlichen Wanderer hinein ins Morgenrot führt.

Der Vater war aus den Bergen zurückgekehrt, braungesengt von der Sonne und in guter Gesundheit. AmAbend umjubelte ihn die Kinderschar, und am Morgen ging er kräftig ans Werk. In die Wiedersehensfreude aber mischten sich bald die sorgenvollen Gespräche der Eltern, wie das Geld, das der Genesungsaufenthalt gekostet hatte, ersetzt und auf Martini der Zins für eine Schuld bezahlt werden solle, die von altersher auf dem Haus lastete.

In großer Verlegenheit richtete der Vater einen Brief an Hans Bütschi, einen durch eine Fuhrhalterei reich gewordenen Verwandten in Zürich, und betraute den Sohn mit der Aufgabe, ihm das Darlehensgesuch zu überbringen.

Für Ulrich ein saurer Gang durch den trüben Vorwintermorgen! Doch nahm ihn der derbe Fuhrhalter freundlich auf, gab ihm, nachdem er den Brief durchgelesen hatte, ohne Zögern den gewünschten Betrag, sagte ihm einiges Artige über seinen Wuchs und seine Erscheinung, zeigte ihm den Stall voll starker Zugpferde und hielt ihn zum Mittagessen fest. Ulrich wurde um ihn heimisch und freute sich schon, seines heiklen Auftrages so leicht ledig geworden zu sein. Bei Tisch aber machte die sonst ansprechende Frau, die von dem Darlehen erfahren haben mochte, ein böses Gesicht. Vielleicht glaubte der Mann ihr ein Zugeständnis schuldig zu sein, denn er wandte nun das Blatt und führte anzügliche Redensarten über den Meister Martin. Im Grund sei es doch bedenklich, wenn ein Handwerker in den Vierzigen wegen eines Zinses noch das Entgegenkommen anderer bedürfe. Wiewohl er ihn als geschickten und fleißigen Mann gelten lasse, trage Vetter Martin doch Scheuleder neben denAugen. Wäre Ulrichs Vater wirklich klug, hätte er sein Geschäft schon vor zwanzig Jahren von Eglisau nach Zürich verlegt. Da gediehen jetzt in Martins Beruf Leute von jenseits der Grenze prächtig und schlügen ihn mit minderer, aber auf den Schein geschaffener Ware auf allen Märkten.

Ulrich saß wie auf glühenden Kohlen. Trotz seinem Hunger würgte er die guten Bissen hinunter, und am liebsten hätte er dem Verwandten das Geld zurückgegeben; aber er dachte an die Not der Eltern und schwieg in tiefer Beklemmung.

»Dein Vater hat halt auch schon bei seiner Heirat einen Fehler gemacht,« fuhr Bütschi fort. »Ein Geschäftsmann kann nicht einfach sagen: Die gefällt mir! Er muß auf ein Weib sehen, das einen Einsatz in den Betrieb bringt. Was hat aber deine Mutter beigestoßen? – Sei du einmal gescheiter, Uli!«

Da stürzten dem starken Jungen plötzlich die Tränen hervor. Das Eßgeschirr von sich abstoßend, erwiderte er mit leidenschaftlicher Glut: »Nein, auf meine Mutter lasse ich nichts kommen. Auch der Vater nicht. Wißt ihr, was er von der Mutter spricht? Wenn von Eglisau den Rhein hinunter bis nach Basel ein schönes Mädchen neben dem andern stände und er könnte sich aus ihnen sein Weib wählen, so würde er doch nicht rasten und nicht ruhen, bis er aus den Tausenden heraus wieder sein schwarzhaariges treues Bethli gefunden hätte. So hat mein Vater die Mutter lieb, und er hat Recht: er hätte auf Erden kein besseres Weib finden können!«

Die Frau des Fuhrhalters sah ihren Gast, der seineEltern so männiglich verteidigte, groß an. Er senkte aber den Kopf nicht. Während auf seinen Wangen zwei klare Tropfen perlten, hielten seine treuherzigen blauen Augen den ihrigen Stand, sie wandte den Blick ihrem Manne zu und sagte mit hochrotem Gesicht: »Der Uli gefällt mir!« Bütschi lenkte nun auch ein. Was er gesprochen habe, sei nicht bös gemeint, sondern nur eine Lebensbetrachtung, die ihm unglücklicherweise von selber gekommen sei, als er von der Not des ihm sonst lieben Vetters gehört habe.

Umsonst aber versuchte das Ehepaar, Ulrich wieder in eine gute Stimmung zu bringen; den weiten Weg vorschützend, drängte er zum Aufbruch. Die Fuhrhaltersfrau, die jetzt eine große Zuneigung für ihn bekundete, zwang ihm noch ein mit viel Fleisch besetztes Schinkenbein und einen gewaltigen Bissen Brot als Zehrung auf. Als ihn aber die Verwandten unter der Haustür mit vielen Grüßen an die Eltern verabschiedet hatten, warf er Bein und Brot dem großen Hofhunde hin, der vor dem Pferdestall im Stroh lag. So wütete die Empörung über die den Eltern zugefügte Schmach in seiner jungen Seele.

Er schlug nicht gleich den Heimweg ein, sondern besah sich die Stadt, in der er schon als ganz kleiner Bub einmal gewesen war und seither nicht wieder. Ihre lebensvollen Bilder beruhigten ihn, mit bereitem Herzen nahm er ihre Eindrücke in sich auf. Unter den Bögen beim Rathaus fand er sich vor einem schönen Messer- und Instrumentenladen. Da suchte er zu erfahren, ob die Waren besser seien als die seines Vaters. Auf Ehre,sie waren schlechter gearbeitet! Aber vielleicht hatte der Fuhrhalter doch Recht, es einen Fehler des Vaters zu nennen, daß er aus lauter Heimatliebe mit seinem Geschäft in dem kleinen Städtchen am Rhein geblieben sei. Der Gedanke kam ihm zwar wie eine Versündigung am Elternhaus vor, aber er verließ ihn nicht wieder.

Zürcher Kantonsschüler mit bunten Kappen gingen an ihm vorbei. Nein, nicht nach ihnen spähen! Wozu das Leid um die Schule neu erwachen lassen? Sie mußte ja ein begrabener Traum bleiben.

Die Stadt regte ihn so an, daß er an den Heimweg erst dachte, als ihn die einfallende Abendkälte und die rötlich aufflammenden Lichter dazu vermahnten.

Schon war er über den nächsten Hügel gelaufen. Da pustete aus dem Tunnel hervor ein Eisenbahnzug, die Lokomotive mit glühenden Augen, die Wagen mit hellerleuchteten Fenstern. Er begann sich den wunderbaren Bau einer Lokomotive zu überlegen. Was war Stephenson für ein Genie gewesen! Er kam sich selber lächerlich vor, daß er sich an die unendlich schwerere Erfinderaufgabe einer Flugmaschine herangewagt hatte, an die geheimnisvollen Flügel, nach denen sich die Menschheit seit Jahrtausenden umsonst sehnte. Mit Recht lag noch der stille Spott der Heimat auf ihm. Und doch! Nachdem sich ihm der Weg eines Altertumsforschers verschlossen hatte, winkten ihm, dem jungen Mechaniker, vielleicht in der Linie des Erfindertalentes Erfolg, Ehren und Geld.

Geld! – Unter dem Eindruck der Rede Bütschis, der über den Vater geringschätzig herfahren zu dürfen geglaubthatte, schrie sein Herz zum erstenmal nach dem harten, klingenden Metall. Das Geld besaß ja die unheimliche Macht, seinen Besitzer vor den Ungerechtigkeiten und Bosheiten der Welt zu schützen, ihm vor ihr Ansehen und Ehre zu geben, selbst wenn er sie wesenshalber nicht verdiente.

Je tiefer er in die Nebel und in die Stille der Winternacht hineinschritt, desto stärker erhitzte sich die Einbildungskraft des einsamen Wanderers. In der Überspannung seiner Seele sah er nicht einmal, wie in den ländlichen Wohnungen allmählich die Lichter erloschen. Im Schweiße des Angesichts lief er. Seine Gedanken waren bei dem Wort des Fuhrhalters: »Sei du einmal gescheiter, Uli!« Zum erstenmal in seinem Leben dachte er mit bewegter Seele über die Liebe, das Heiraten und die Ehe nach. Je mehr er darüber grübelte, desto geheimnisvoller, wunderbarer und heiliger erschien ihm die von der Natur gesetzte Bestimmung des Menschen, daß er in zarter Sehnsucht sich eine Gesellin suchen muß und nicht Ruhe und Frieden findet, bis er mit derjenigen herzeinig ist, nach der seine Sinne wund und selig trachten. Nein, das war gewiß nicht der Zweck der Liebe, daß der Mann durch das Weib ein Betriebskapital in das Geschäft erhalte; der Zweck lag unendlich tiefer, so tief verborgen, daß kein menschliches Denken hinabzudringen vermochte in den Willen der Natur. Sie hatte wohl die Liebe geschaffen, damit immer diejenigen Menschen zusammenkommen, die miteinander schöne, edle und begabte Kinder erschaffen können, und damit sich das Menschengeschlecht vervollkommne, bis aufErden nur noch herrliche Geschöpfe wandeln, jedes verschieden vom andern, jedes aber auch Gottes Ebenbild. Der Gedanke gefiel ihm, und wie eine lichte Wahrheit umstrahlte es seine Seele: Die Liebe steht höher als Geld und kann mit ihm nicht gemessen werden; und wer sie dennoch mit Geld messen will, wie der Fuhrhalter, der ist wie ein Gottesleugner und tritt das Heiligste des Lebens mit Füßen.

Nein, gescheiter als sein Vater wollte er in Liebesdingen nicht sein, sondern sich ein Weib wählen, daß auch er einmal freudig bekennen könne: »Und wenn die schönsten Jungfrauen von Eglisau bis Basel in einer Reihe ständen, so rastete und ruhte ich nicht, bis ich aus den Tausenden wieder mein Bethli fände.« Eine weite Sehnsucht erfüllte seine Brust, und prüfend dachte er an alle Mädchen, die er kannte. An der stets stolzer werdenden Monika Tappoli wollte er in seinen Gedanken vorübergehen. Sie stand aber wie lebendig vor seinen Augen: mit fast überschlankem Leib, erdbeerfrischen Lippen, zwei Nasenflügeln, denen man immer ansah, was sie dachte, und lachenden, dunklen Augen. In ihre krausen Locken brauchte sie nur eine Mohnblume zu stecken, dann war sie hold wie das Märchen aus dem Wald.

Als er sich einmal den Schweiß aus der Stirne wischte, fiel es ihm ein, daß er nach den Stunden, die er gegangen war, daheim sein mußte, und merkte, daß er vor lauter Lebensüberlegung durch den Nebel in die Irre gegangen war. Er lief bis in das nächste Dorf. So weit er die Umrisse zu erkennen vermochte, kam es ihm bekannt vor:vielleicht hatte er es einmal auf einem seiner Knabenstreifzüge gesehen; er wußte aber doch nicht, wo er war. Sich verschnaufend spähte er die Straße auf und nieder, aber niemand schritt daher. Schweren Herzens entschloß er sich, durch Rufe die Leute in einem der Häuser zu wecken.

»Was steht denn zu nachtschlafender Zeit noch für ein Maulaffe unten?« rief der Bauer, von dem er nur die weiße Zipfelmütze sah, ärgerlich aus dem obern Stockwerk hinab. »Ich bin verirrt und möchte bloß gerne wissen, wie das Dorf heißt,« gab Ulrich zurück. »Glattfelden, du Narr, schon mehr als tausend Jahre!« rief der Bauer hinab und schlug das Fenster zu.

Doch der verspätete Wanderer wußte jetzt Bescheid. Quer über den Berg, und in einer Stunde war er daheim. Als seine erschöpften Schritte durch die hohle Brücke hallten, schlug es auf der Kirche Mitternacht. Ihm aber war, er habe auf seinem einsamen Heimweg im Nebel ein Jahr durchlebt, sehe klarer in sein Schicksal und fasse mit seinen Füßen erst recht festen Grund in der Erde, über die er nun doch bald fünfzehn Jahre gewandelt war.

In der Stube der Eltern brannte noch Licht. Sehnsüchtig erwarteten sie ihn und hatten keine Ahnung, was für wunderschöne, hohe und tiefe Gedanken ihm Weggesellschaft geleistet hatten. Von den abschätzigen Äußerungen des Verwandten über sie beide verriet er ihnen kein Wort, sondern überließ sie der reinen Freude, daß sie für kurze Zeit einer drückenden Sorge freigeworden waren.

Im Winter konnten die Eltern Hans Bütschi das Geld zurückbezahlen. Der Vater brachte es ihm selber in die Stadt. In der Meinung, Ulrich habe daheim seine anzüglichen Redensarten verraten, entschuldigte sich der Fuhrhalter bei Meister Martin wegen seiner damaligen üblen Laune. So kam der Vater hinter das Geheimnis, das Ulrich für sich hatte behalten wollen. Als er zurückgekehrt war, sprach er mit ihm darüber. »Vor allem bin ich froh, daß du der Mutter nichts von der Beleidigung verraten hast.« Und von der Stunde an schenkte er dem Jungen sein volles Vertrauen, behandelte ihn wie einen Erwachsenen, und wenn er in Stube oder Werkstatt etwas zu beraten hatte, duldete er es, daß der Sohn sein bescheidenes Wort in das der Eltern hineinwarf.


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